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Inhaltsverzeichnis
HIGH LIFE

1

BLOWN AWAY - MUSIC, MILES AND MAGIC

2

ONCE AGAIN - EINE LIEBE IN MUMBAI

3

DAS ENDE DER WAHRHEIT

4

DER FLOHMARKT VON MADAME CLAIRE

5

34. Internationales Dokumentarfilmfestival München

6

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Mittwoch 22.05.2019
HIGH LIFE
Ab 30. Mai 2019 im Kino
In den Tiefen des Weltalls. Jenseits unseres Sonnensystems. Monte (Robert Pattinson) und seine Tochter Willow (Jessie Ross) leben zusammen an Bord eines Raumschiffs, Raumschiff Nummer 7. Steuerungslos und gänzlich isoliert schweben sie durchs All, der Tag nur gegliedert durch Reparaturarbeiten und tägliche Statusreports an die Erde. Sie sind Teil einer experimentellen Mission, die außer Monte und Willow niemand überlebt hat. Eine Gruppe zum Tod verurteilter Straftäter hat ein Angebot des Staates angenommen: Lebenswichtige Energieressourcen im All zu finden und im Gegenzug dafür die Strafe erlassen zu bekommen. Ein trügerischer Deal. Und für die Crew eine Reise ohne Wiederkehr. So nähern sich auch Vater und Tochter ihrem letzten und unausweichlichen Ziel – dem Schwarzen Loch, dem Ende von Zeit und Raum.
HIGH LIFE erzählt in poetischen Bildern eine existentielle Geschichte von Verlangen und Begierde, von Leidenschaft und menschlicher Grausamkeit – und eine Geschichte von allumfassender Liebe.


Ein Film von CLAIRE DENIS
Mit ROBERT PATTINSON, JULIETTE BINOCHE, ANDRÉ BENJAMIN, MIA GOTH, AGATA BUZEK, LARS EIDINGER, CLAIRE TRAN, EWAN MITCHELL, GLORIA OBIANYO, JESSIE ROSS

HIGH LIFE ist Claire Denis‘ erstes englischsprachiges Projekt. Für ihr futuristisches Drama arbeitete sie mit einem herausragenden SchauspielerEnsemble zusammen: neben Robert Pattinson und Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche in den Hauptrollen u.a. auch mit OutKast-Sänger André Benjamin, Mia Goth, Lars Eidinger, Claire Tran und Agata Buzek.
Für HIGH LIFE holte sich Claire Denis die Expertise des renommierten Konzeptkünstlers Olafur Eliasson für das visuelle Design des Schwarzen Lochs. Den Soundtrack komponierte Stuart A. Staples von den Tindersticks. Für die Kamera zeichnete Yorick Le Saux verantwortlich. Das Szenenbild stammt von Francois Renaud Labarthe und Bertram Strauss.


INTERVIEW MIT CLAIRE DENIS

Wie kam HIGH LIFE zustande?
Vor einiger Zeit fragte mich ein englischer Produzent, ob ich ein Projekt innerhalb einer Reihe von Filmen zum Thema „Femmes Fatales“ übernehmen wolle. Anfangs war ich nicht so interessiert, aber nachdem ich darüber nachgedacht hatte, stimmte ich zu. Die Realisierung des Projektes dauerte ewig. Es gab kein Geld und es brauchte fast sieben Jahre, um eine Koproduktion zwischen Frankreich, Deutschland, Polen und letztlich den USA zustande zu bringen. Während dieser Zeit bin ich nach England und in die USA gereist, um Schauspieler zu treffen. Der Schauspieler, den ich mir für die Hauptrolle des Monte erträumte, war Philip Seymour Hoffman. Wegen seines Alters, seiner Müdigkeit - aber er verstarb. Ich war sehr traurig. Der schottische Casting-Direktor meinte dann, es gäbe einen anderen Schauspieler, den ich unbedingt treffen müsste: Robert Pattinson. Zuerst dachte ich, Robert sei zu jung, und ich muss gestehen, seine Schönheit war einschüchternd. In der Zwischenzeit traf ich Patricia Arquette in Los Angeles für die weibliche Hauptrolle der Dr. Dibs.
Robert Pattinson zeigte sich bei jedem der folgenden Treffen diskret und charmant, geheimnisvoll. Natürlich kannte ich ihn. Wie Millionen von Kinobesuchern hatte ich die fünf Folgen von Twilight gesehen, in denen er einen Vampir spielt. In dieser Serie faszinierte mich vor allem die Paarkonstellation, die er mit Kirsten Stewart bildete. Ich erinnere mich an eine Szene, als Kirsten Stewart ihm offenbart, dass sie akzeptiert, dass er ein Vampir ist. Er antwortet: „Nein, ich kann nicht... ich will dich nicht verletzen.“ Ich hatte ihn auch in den beiden Filmen gesehen, die er mit David Cronenberg gedreht hatte, Cosmopolis (2012) und Maps to the Stars (2014). Ich wusste, er konnte verschiedene Typen darstellen. Eines Abends im Hotel wurde mir klar, wie dumm es war, nach einem Double von Philip Seymour Hoffman zu suchen. Plötzlich war es wie selbstverständlich, Robert als Monte zu besetzen. Mit meinem Co-Autor Jean-Pol Fargeau haben wir einen ersten Entwurf des Films geschrieben und ihn für Robert übersetzen lassen.
Danach wurde alles viel einfacher. Robert kam nach Paris, wir aßen zu Abend, unterhielten uns... Es war alles sehr lustig. Manchmal sagte er, dass er das Drehbuch nicht so gut versteht, dass er nicht wusste, was ich wollte. Ich hatte das Gefühl, dass er Angst vor der Keuschheit seines Charakters hatte. Dennoch war Robert immer präsent. Mehr als „präsent“: Er war ein aktiver Partner, der immer zur Verfügung stand. Sein „Ja“ zum Film, war ein 1.000-prozentiges „Ja“. Das hat er während des Drehs in Köln bewiesen. Einige Leute dachten, dass ein Star wie er einen Privatjet für Wochenenden in London verlangt. Überhaupt nicht! Er blieb während des gesamten Drehs in Köln. Er aß mit der Crew zu Abend, nicht, weil ihm langweilig war, sondern weil er zu 100 Prozent dabei sein wollte. Bei der Europäischen Weltraumorganisation in Köln absolvierte er wie alle anderen Schauspieler ein Astronautentraining. Er lief sogar auf einer Maschine, die für kurze Zeit Schwerelosigkeit erzeugte. Er ist eine wunderbare Person, mit der es sich ausgezeichnet zusammenarbeiten lässt!

Und Juliette Binoche?
Sie kam später zum Projekt. Wir hatten zusammen an meinem Film Meine schöne innere Sonne (2017) gearbeitet. Während der Weltpremiere im Mai 2017 in Cannes sagte Juliette zu mir: Stimmt es, dass du deine Hauptdarstellerin verloren hast?“ Es stimmte. Die Dreharbeiten zu HIGH LIFE sollten im September beginnen. Patricia Arquette hatte sich für die Serie Medium verpflichtet, in der sie die Hauptrolle spielt. Juliette sagte: „Nun, wenn du möchtest, dass ich das mache, dann mache ich das.“ Ich bestehe darauf, dass ich Juliette in keinster Weise als Ersatz ansehe. Wir haben uns bei Meine schöne innere Sonne unglaublich gut verstanden. Sie ist eine wahre Naturgewalt, geerdet und solide. Aber ich hatte immer noch Patricia Arquette im Kopf. Ich musste die Figur in meinem Kopf neu erfinden. Für Dr. Dibs - eine Art Dr. Seltsam im Weltraum, ein bisschen verrückt und gefährlich – schlug ich vor, dass Juliette sehr lange, tiefschwarze Haare hat. Es wäre während ihrer interstellaren Reise gewachsen. Juliette gefiel die Idee. So konnte ich mir eine andere Juliette als die in Meine schöne innere Sonne  vorstellen. Aber genauso kreativ und einfallsreich. Fast eine neue Eva...

Wie haben Sie sich die Interaktion der anderen Schauspieler vorgestellt?
Was sie vereint, ist, dass sie einer Gruppe von Straftätern angehören, einer Gemeinschaft von Männern und Frauen aus dem Todestrakt. Als Gegenleistung für die sogenannte Freiheit erklären sie sich damit einverstanden, in den Weltraum geschickt zu werden, um als Versuchskaninchen für mehr oder weniger wissenschaftliche Experimente zu Fortpflanzung, Schwangerschaft und Geburt eingesetzt zu werden - unter strenger Aufsicht einer Ärztin, die ebenfalls ein langes Strafregister hat. Es ist ein Gefängnis im All, eine Strafkolonie, in der die Insassen einigermaßen gleichberechtigt sind. Eine Art Phalansterium, eine Art Produktions- und Wohngenossenschaft, in der niemand wirklich Befehle erteilt, selbst die Ärztin nicht, deren Aufgabe darin besteht, Sperma wie eine Bienenkönigin zu sammeln. Die Bienenkönigin ist zuständig, aber der wirkliche Anführer, der einzige absolute und unmerkliche Kommandant, ist das Raumschiff selbst, das dafür programmiert ist, sie alle in die Unendlichkeit, in ein Schwarzes Loch und damit in den Tod zu führen.

Sie haben nur Schauspieler eingesetzt, keine Komparsen oder Kleindarsteller?
Ganz genau! Ich hatte André Benjamin (Tcherny) in einer Biografie über Jimi Hendrix gesehen, von der ich nicht erwartet hatte, dass sie wirklich funktioniert. Ich dachte mir, dass kein Schauspieler der Legende nahe kommen könnte. Aber André Benjamin war wunderbar. Seine Darstellung ist ein großartiges Riff auf Jimi Hendrix. Ich traf ihn in Atlanta und er sagte zu. Agatha Buzek (Nansen) hatte ich in mehreren Theaterstücken unter der Regie ihres polnischen Landsmannes Krzysztof Warlikowski gesehen. Ihre Meisterhaftigkeit hat mich umgehauen. Ich habe auch Lars Eidinger (Chandra) im Theater gesehen. Er hat viel mit Thomas Ostermeier zusammengearbeitet. Er ist ein Star des deutschen Theaters. Ich brauchte jemanden wie ihn: roh, brutal, massiv und doch sehr zerbrechlich. Mia Goth (Boyse) war das junge Mädchen in Nymphomaniac: Vol.II (2013) von Lars von Trier. Ich mochte ihre Jugend, ihre Schönheit, und ich wollte, dass sie etwas anderes probierte: eine Art hartnäckige Entschlossenheit. Dann sind da noch Claire Tran (Mink), Ewan Mitchell (Ettore), Gloria Obianyo (Elektra) und Jessie Ross (Willow). Alle sind wunderbar, einzeln und im Kollektiv. In der Tat könnte ich allen das gleiche Prädikat geben: rebellische, gebrochene Jugend.

Und das Baby?
Das Baby ist sehr wichtig! Ihr Name ist Scarlett. Sie ist Britin. Sie ist die Tochter von Robert Pattinsons bestem Freund Sam. Die beiden wuchsen zusammen auf und gingen gemeinsam zur Schule. Die Dreharbeiten sollten damals beginnen und wir hatten immer noch nicht das richtige Baby gefunden. Eines Tages sagte Robert: „Warum casten wir ein Baby nach dem anderen, wenn ich doch eigentlich schon das perfekte kenne?” Diese süße und charmante Miss Scarlett hat uns dann im Sturm erobert.
Es ist gar nicht so schwer, mit einem Baby zu drehen. Wir richteten uns einfach nach ihrem Rhythmus – nach ihren Nickerchen- und Fütterungszeiten und nach ihren Weinanfällen. Dank der Finesse und Flexibilität des
Kameramanns Yorick Le Saux konnten wir mehr oder weniger lautlos, fast unsichtbar drehen.
Und es war heftig zu sehen, wie Willow im Flur des Raumschiffes laufen lernt. Das waren wirklich Scarletts erste Schritte, vor einer Kamera. Am Ende des Tages gurrte sie glücklich und lief. Das ist eine meiner Lieblingsszenen. An ihr sehen wir in Robert Pattinsons Gesicht, dass seine Schönheit seiner Güte nicht im Weg steht. Oder besser gesagt, dass seine Güte schön anzusehen ist. Robert hatte noch nie zuvor Windeln gewechselt oder ein Baby mit einem Löffel gefüttert, aber bei Miss Scarlett bekam er das alles hin!

Alle Figuren werden als Männer und Frauen ohne Vergangenheit dargestellt. Warum?
Es gab eine frühere Version des Drehbuches, die auf ihr früheres Leben Bezug nahm. Aber ich fand, dass zu viel Wissen sehr langweilig ist. Deshalb haben wir uns bewusst entschieden, die Figuren nicht zu “überfiktionalisieren”. Sie haben wahrscheinlich alle schreckliche Verbrechen begangen, aber wir gehen dem nicht nach. Ihre kollektive oder individuelle Geschichte findet in der Gegenwart statt und – wer weiß? – in der Zukunft. Auch wenn die Zukunft für die meisten von ihnen die Form eines Friedhofs unter den Sternen haben wird. Für mich sind sie alle Teil einer zeitgenössischen Gemeinschaft, Utopisten, Hippies der besonderen Art, die aus Jugendhaftanstalten in Gefängnisse gingen und die in keiner anderen Gesellschaft als in ihrer eigenen leben wollen.

Welche Anforderungen hatten Sie an die Ausstattung?
Meine Anweisungen waren sehr einfach. Das Raumschiff
ist ein Gefängnis, eine Art gedrungenes Haus, düster, schmutzig, schlecht beleuchtet. Es gibt einen Hauptkorridor und Zellen auf beiden Seiten. Im Erdgeschoss befinden sich ein medizinisches Labor, ein Leichenschauhaus und ein Gewächshausgarten. Ich wollte diesen Garten unbedingt haben. Wie kann man die Hoffnung auf Rückkehr aufrechterhalten, wenn die Erde nicht Teil der Reise ist? Die Gartenerde ist ihre Erde, das einzige, was sie daran erinnert, dass sie Erdlinge sind, Männer und Frauen der Erde.
Für das Arztlabor wollte ich die gleiche Einfachheit, ein striktes Minimum: Reagenzgläser, einige Instrumente, einen Stuhl für gynäkologische Untersuchungen. Keine der typischen Science-Fiction-Requisiten – Laserpistolen, Desintegratoren, Teleportationsgeräte usw.
Eigentlich wollte ich Spezialeffekte unbedingt vermeiden. Gleiches gilt für die Schwerelosigkeit. Es ist keine Schwerelosigkeit erforderlich, da das Raumschiff nahe an Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Die terrestrische Schwerkraft – die Schwerkraft im wahrsten Sinne des Wortes – baut sich wieder auf, weil die Schwerkraft die Wirkung der Beschleunigung ist. Wenn ich Schauspieler, die an Kabeln hängen, vor einem grünen Bildschirm hätte filmen müssen, hätte ich den Film nie gemacht. Und da es so gut wie keine Spezialeffekte gibt, hoffe ich, dass der Film immer noch einen besonderen Effekt auf die Zuschauer hat.
Die Form des Raumschiffes 7 entspricht nicht den typischen Science-Fiction-Kriterien. Mir wurde gesagt, dass unser Raumschiff wie eine Schachtel Streichhölzer aussehen würde. Das hat mich wirklich zum Lachen gebracht. Aber diese Entscheidung war keine Laune oder eine Fantasie. Ich will nicht die Astrophysiker-Karte ausspielen, aber ich habe gelernt, wenn man
das Sonnensystem verlässt, gibt es keinen Widerstand mehr. Das Raumschiff kann also jede Form haben, solange es mit einer Energiequelle ausgestattet ist, die es in Bewegung hält. Die flugkörperähnliche, aerodynamische Form ist nicht notwendig, sondern absurd. Also war ein paralleles, flaches Rechteck völlig in Ordnung für mich.

Auch die Filmmusik ist nicht gerade typisch intergalaktisch...
Das stimmt nicht ganz. Stuart A. Staples von den „Tindersticks” hat sie komponiert. Er war auch der Sounddesigner. Ich habe mehrere Filme mit ihm gemacht, also wusste ich, dass ich keinen Kavallerieangriff oder eine Möchtegern-Wagnerianische Pyrotechnik bekomme. Die von Stuart kreierte Musik ist sanft und voller niederfrequenter Feinheiten. Und am Ende des Films dann ein besonderer Bonus: das Lied „Willow”, von Robert Pattinson selbst gesungen!
Sie haben in Deutschland, in Köln gedreht. Hat Sie das beeinflusst? Ja, das hat mich beeinflusst. In vielerlei Hinsicht. Zunächst brachte es Erinnerungen zurück. An Berlin und Der Himmel über Berlin (1986) von Wim Wenders. Ich war Wims erste Assistentin für den Film. Dann, ein Dutzend Jahre später, filmte ich 35 Rum in Lübeck, der Stadt von Thomas Mann, wo das Haus seines Großvaters stand, in dem „Buddenbrooks” spielt. Lübeck ist auch die Stadt von Günter Grass. Sie ist also geschichtsträchtig.
Köln unterscheidet sich von Berlin und Lübeck. Es ist das Rheinland, es gibt den Rhein. Unser Hotel war an einem Platz unweit des Bahnhofs und des Doms. Wir fühlten uns dort zu Hause. Das stetige Kommen und Gehen der Züge war beruhigend. In Köln gibt es zwei Arten von Studios: ein riesiges, in dem Jarmusch gedreht hat und einige kleinere, in denen Lars von Trier mehrere Filme drehte.
Es ist besser, in einem kleinen Studio zu sein, wenn man einen intimen Film drehen möchte. Unser Studio befand sich in einem Gewerbegebiet außerhalb Kölns. In der Anlage befanden sich ein altes Haus und Bäume. Es war eine merkwürdige Mischung mit einem komischen Charme. Fassbinder drehte seine fünfteilige Fernsehserie Acht Stunden sind kein Tag (1972) in Köln. Das muss ich alles im Kopf gehabt haben, und das alles sprach für Köln als Drehort. Außerdem habe ich in Köln Co-Produzenten gefunden, Pandora Film, die mir vertraut haben.

Sexualität ist in HIGH LIFE sehr präsent, wird aber eher düster dargestellt...
Sexualität, kein Sex. Sinnlichkeit, keine Pornografie. Im Gefängnis steht normale Sexualität nicht wirklich auf der Tagesordnung. Wenn das Gefängnis aber auch ein Laboratorium ist, um die menschliche Spezies zu verewigen, dann wird die Sexualität noch abstrakter, da sie nur der Reproduktion dienen soll. Wenn Männer ihr Sperma für den Arzt beiseitelegen müssen... ja, sie kommen zum Abspritzen, aber für die Wissenschaft.
Während des Drehs begann ich, das vierte Buch von Michel Foucaults „Sexualität und Wahrheit” („Confessions of the Flesh”) zu lesen, das sich unter anderem mit der Ehe und Jungfräulichkeit auseinandersetzt. Vor dem Christentum diente die Ehe einem einzigen Zweck: der Fortpflanzung. Bei Sexualität geht es um Flüssigkeiten. Sobald sich die Sexualität in uns rührt, begreifen wir, dass es nur um Flüssigkeiten geht: Blut, Sperma usw. Ich dachte, wenn ich diesen Subtext der Flüssigkeiten haben wollte, müssten wir den Sexualakt auf die Selbstbefriedigung reduzieren – mehr oder weniger technisch unterstützt durch die Fuckbox mit einem Dildo für Dr. Dibs, die alles gibt, aber in völliger Einsamkeit. Diese Szene ist zum Teil dunkel und nutzlos. Aber was ist am Ende nützlich?
Der Versuch des Abspritzens ist nicht nutzlos, oder? Der Versuch der Ärztin, allein und mit ihrem verstümmelten Körper einen Höhepunkt zu erreichen, wird wunderbar durch Juliette Binoches Schauspiel dargestellt. Ihre ganze Kraft liegt in ihrem Rücken, den ich wie eine Odaliske gefilmt habe, mit den schönen Linien der Hüften und des Rückens. Später, in der Nacht macht sich Juliette auf, um das Sperma von Robert Pattinson zu stehlen, der durch Schlaftabletten ausgeknockt ist. Es ist ein Raubüberfall. Und definitiv eine Vergewaltigung.
Für mich ist die erotischste Szene im Film, wenn ein junger Insasse masturbiert, während er Juliette anstarrt, als sie ihr Haar vor einem Lüftungsschacht trocknet. HIGH LIFE erzählt von mehr als nur von Verlangen und von Flüssigkeiten.

Lust und Einsamkeit, sind das die Hauptthemen des Films?
Mehr oder weniger. Vor allem aber, und darauf muss ich bestehen, ist HIGH LIFE kein Science-Fiction-Film, auch wenn es eine gesunde Dosis Fiktion gibt – und Wissenschaft, dank der wertvollen Zusammenarbeit mit dem Astrophysiker Aurélien Barrau, Spezialist für Astroteilchenphysik und Schwarze Löcher. Der Film spielt im Weltraum, ist aber sehr geerdet.
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Donnerstag 16.05.2019
BLOWN AWAY - MUSIC, MILES AND MAGIC
Ab 23. Mai 2019 im Kino
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Blown Away ist ein authentischer und inspirierender Film über die abenteuerliche Reise zweier Freunde mit Boot und Bus rund um die Welt und das fast ohne Geld. In vier Jahren nehmen Ben und Hannes 130 Songs mit über 200 Musikern aus 31 Ländern auf, die sie meist zufällig auf ihrer Reise kennenlernen. Daraus entsteht ein mitreißender Soundtrack für diesen Film über Freundschaft, Musik und Freiheit.

Ein Film von Micha Schulze

"Blown Away" erzählt die abenteuerliche Geschichte einer 4-jährigen Reise der beiden Freunde Ben und Hannes rund um die Welt. Ohne überhaupt segeln zu können, reisen sie mit einem kleinen 40 Jahre alten Segelboot von Australien über Südostasien, Indien, Afrika und Südamerika bis nach Nordamerika. Mit einem alten Schulbus fahren sie durch die USA bis nach Kanada und schließlich mit dem Boot zurück über den Atlantik nach Europa. Wie in einem Tagebuch halten sie ihre Erlebnisse auf Video fest. Ihr Antrieb als gelernte Tontechniker und Musiker ist: möglichst viele Musiker aus verschiedenen Ländern aufzunehmen und dann eine Platte zu machen. Sie treffen, meist zufällig, viele außergewöhnliche Künstler und kreieren das neue Genre der „Expedition Music“.
Dabei wirken an jedem Stück MusikerInnen aus unterschiedlichen Ländern mit und ergänzen oder erweitern die Kompositionen durch eigene Parts und Interpretationen. Für den Film ensteht so ein mitreißender Soundtrack. Insgesamt nehmen die beiden mit über 200 MusikerInnen 130 Stücke auf und bringen zwei Platten als „Sailing Conductors“ heraus.
Die Musik öffnet Hannes und Ben, während ihrer Reise, die Türen zu den Herzen der Menschen und viele Vorurteile und Verständigungsschwierigkeiten verfliegen einfach, wenn sie gemeinsam Musik machen. Egal, ob in Kaschmir oder Chicago. Es geht in diesem Film um Freiheit, Mut und Freundschaft und darum, wie Musik auf magische Weise alles miteinander verbindet.


Hannes Koch
Hannes Koch wird im Frühjahr 1988 in Rostock geboren. Mit 14 Jahren bringt er sich selbst das Gitarrenspielen bei und ist seitdem Mitglied in verschiedenen Bands. Nach Abitur und Zivildienst tritt er 2008 das Studium zum Toningenieur an der SAE Berlin an. Hier lernt er Ben kennen und die beiden werden Freunde. Schon während seines Studiums ist Hannes bereits LiveTontechniker auf Konzerten und Festivals. 2011 schließt er sein Studium als Bachelor/Audio Productions ab. Hannes arbeitet als Tontechniker, bis er einen Anruf von seinem Freund Ben aus Australien bekommt. Es geht darin um die Idee für eine ganz besondere Reise...

Ben Schaschek
Ben Schaschek wird im Herbst 1986 in Siegburg geboren. Schon in frühester Jugend erwacht sein Interesse an der Musik. Im Alter von sieben Jahren beginnt seine klassische Cello-Ausbildung. Nach Abitur und Zivildienst tritt er 2008 das Studium zum Toningenieur an der SAE Berlin an. Hier lernt er Hannes kennen und die beiden werden Freunde. 2010 wechselt Ben an die SAE Sydney in Australien und schließt hier 2011 sein Studium als Bachelor/Audio Productions ab. Ben will nach dem Studium noch nicht direkt ins Berufsleben einsteigen und beginnt mit der Planung einer außergewöhnlichen Reise, zusammen mit seinem Freund Hannes...


WÄHREND IHRER REISE LERNTEN BEN UND HANNES 213 MUSIKER KENNEN. OHNE SIE WÄRE DER FILM NICHT DAS, WAS ER IST. DESHALB STELLEN WIR HIER STELLVERTRETEND FÜR ALLE ANDEREN 7 KÜNSTLER VOR, DIE BESONDERS WICHTIG FÜR DAS PROJEKT WAREN:


Der Südafrikaner Jack Mantis steht gerade im Hafen von Trinidad und Tobago, als Ben und Hannes mit Motorschaden hereingeschleppt werden. Mit einem Kanu ist er in den Monaten zuvor alleine den Amazonas entlang gepaddelt und hat während einer Atlantiküberquerung den Song "Radiate" geschrieben, den die drei in Trinidad aufnehmen. Jack begleitet die beiden später auf der Reise durch die USA.

Die brasilianische Sängerin Vicky Lucato trifft Ben und Hannes in Rio de Janeiro. In nur einer Nacht schreibt sie den Song “Travelling Man”, der durch die Geschichte der beiden Jungs inspiriert ist. Als Grundlage des Songs dient eine Gitarrenaufnahme von Andrew James aus Südafrika. Das Orchester Neojiba aus Salvador ergänzt Vickys Gesang später noch mit wunderbaren Streicher-Arrangements.

Der begnadete Singer-Songwriter Lincoln Davis kommt aus Australien und trifft Ben und Hannes in Thailand. Hier nehmen sie auf einem Hotelbalkon seinen außergewöhnlichen Song “All that I’m leaving” auf, der am Anfang des Films zu hören ist. Lincoln steuerte noch weitere Songs und Material bei, das im Film verwendet worden ist.

In Chicago lernen Ben und Hannes die SingerSongwriterin Leah Cowen kennen. Leah lädt die Jungs zu sich nach Hause ein und nimmt mit ihnen “Sky Hunter” und “Across the Sea” auf. Zwei wunderbare und inspirierende Songs, die durch die Beiträge von anderen Musikern während der Reise zu kleinen Meisterwerken veredelt werden.

Der Reggaemusiker Chokey Taylor ist in seiner Heimat Jamaika kein Unbekannter. Als er Ben und Hannes trifft, ist er von ihrem Projekt begeistert und steuert seinen Song “Live up” bei, den sie gemeinsam in seinem Haus in Montego Bay aufnehmen. Auch dieser Song wurde im Verlauf der Reise durch die Kreativität vieler anderer Musiker bereichert.

In Kapstadt treffen Ben und Hannes die Musikerin Lindiwe Suttle. Andrew James, der mal ein Plattencover für Lindiwe gemacht hat, gibt ihnen die Telefonnummer. Lindiwe lädt die Jungs ein und zeigt ihnen die Stadt. Sie liebt das Projekt der beiden und singt ihren emotionalen Song “Twilight” an einem bizarr schönen Strand bei steigender Flut ein.

Die Sängerin Ujjayne Roy aus Chennai in Indien beherbergt Hannes und Ben in ihrem Haus, als die beiden erschöpft aus Kaschmir zurückkehren. Am Strand von Chennai nehmen sie ihren Song “Kalighata” auf. Ein Stück, das im Lauf der Reise zu einer wuchtigen Melange aus indischen Harmonien und westlichen Beats wird.
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Donnerstag 09.05.2019
ONCE AGAIN - EINE LIEBE IN MUMBAI
Ab 16. Mai 2019 im Kino
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Tara, die verwitwete Mutter zweier erwachsener Kinder, führt ein kleines Restaurant. Der berühmte Filmstar Amar ist einer ihrer Kunden, dem sie täglich Mahlzeiten ausliefert. Tara hat ihn bisher nur auf der großen Leinwand gesehen – persönlich haben sie sich noch nicht getroffen. Ein zufälliges Telefongespräch wird zum Ritual zwischen den beiden, und sie verbringen Stunden am Telefon, ohne den Mut für ein Treffen zu finden. Beide sind sich der Unmöglichkeit einer realen Beziehung bewusst und haben Angst davor, die um sich gezogenen Schutzwälle zu erweitern. So leben sie in ihren jeweiligen sicheren Sphären. Bis sich Amar eines Tages aufmacht, Tara zu treffen …

Was folgt, ist die poetische Reise zweier einsamer Herzen durch die 15 Millionen-Seelen-Stadt Mumbai.

Ein Film von Kanwal Sethi

Mit Shefali Shah, Neeraj Kabi u.a.




Kanwal Sethi
Geboren in Amritsar, Indien. Nach der Schule gründete er eine Theatergruppe und begann auf mehreren Bühnen unabhängiger Theater zu spielen. Er zog nach Deutschland und studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Dresden. Nach seinen eigenen Bühnenproduktionen und parallel dazu begann er, an Filmprojekten zu arbeiten. Seine Kurzfilme und Dokumentationen wurden bei verschiedenen Filmfestivals sowie am Museum für Moderne Kunst in New York gezeigt. „ Junction Point“ war sein Debütfilm, der beim Max Ophüls Preis Premiere feierte.


Anmerkungen des Regisseurs Kanwal Sethi zum Film
Heute sind wir stärker denn je miteinander verbunden und mit einer phänomenalen Technologie ausgestattet, die diese Verbindungen sichert und dennoch gibt es schockierenderweise ein epidemisches Ausmaß an Einsamkeit in allen Gesellschaftsschichten und Teilen der Welt. Mumbai unterscheidet sich da nicht von New York oder Berlin.
ONCE AGAIN – EINE LIEBE IN MUMBAI ist der Versuch, dieses Gefühl der Einsamkeit in all ihren verschiedenen Facetten im modernen Indien einzufangen. Der Film erzählt die Geschichte einer unabhängigen Frau aus der Mittelschicht, die nach dem Tod ihrer Mannes versucht, eine starke und liebevolle Stütze für sich und ihre Kinder zu sein, ganz allein. Er handelt von einem Mann, der sich alle materiellen Wünsche erfüllt und ein unglaubliches Karrierehoch erreicht hat und dennoch unfähig ist, Liebe oder Glück in seinem Leben zu erhalten.
Meine ersten Gedanken galten der Atmosphäre des Films; es sind der Alltag dieser beiden einsamen Seelen und die banalen Details, die uns unser eigenes Alleinsein und unsere Sehnsucht nach menschlichem Kontakt vor Augen führen. Einsamkeit ist ein Gefühl, ein Gemütszustand, eine Situation, eine Stimmung. Einerseits kann sie eine persönliche Hölle sein, die Millionen von innen heraus verschlingt, anderseits können soziale und wirtschaftliche Faktoren Menschen in Situationen bringen, in denen Einsamkeit die einzige Option ist.
ONCE AGAIN – EINE LIEBE IN MUMBAI ist mein Versuch, die Spannung zwischen diesen beiden Aspekten auszuloten.


Shefali Shah (Tara)
Shefali Shah ist eine indische Film- und Fernsehschauspielerin, die sich selbst eine Nische mit Rollen in von Kritikern hochgelobten Filmen und im Mainstream- Kino geschaffen hat.
Ihre bekanntesten Auftritte sind „Rangeela“, „Satya“, „Waqt: Race Against Time“, „Monsoon Wedding“ und erst kürzlich im Blockbuster-Erfolg „Dil Dhadkne Do“.
Für ihre brillante Darstellung in „Satya“ bekam sie den „Filmfare Critics Choice Award“ und den „Star Screen Award“ als beste Nebendarstellerin. Sie bekam ebenso den nationalen Preis für „The Last Lear“, 2007.
Für ihren großartigen Auftritt in „Gandhi, My Father“ wurde sie von Filmemachern weltweit beachtet.
Shefali Shah bleibt Bollywoods „Sweetheart“ für ihre verblüffende Arbeit in Kinofilmen und im Fernsehen.
Sie gewann den „Filmfare Preis“ als beste Darstellerin für den Kurzfilm „Juice“ 2017.


Neeraj Kabi (Amar)
Neeraaj Kabi ist ein Film-, Theater- und Fernsehschauspieler, der besonders für seine Rolle in Anand Gandhis preisgekröntem Film „Ship of Theseus“ bekannt ist.
Kabi ist ein gelernter Tänzer und Martial-Arts- Könner und hat für sich über viele Jahre hinweg eine eigene Grammatik des Schauspielens und für das Theater entwickelt. Einige der wichtigen Filme, die seine Entwicklung als herausragender Schauspieler beförderten, sind u.a. der preisgekrönte „The Last Vision“, „Monsoon Shootout“, „Detective Byomkesh Bakshy“ (2015), „ Talwaar“ von Meghna Gulzaar, „Viceroy‘s House“, „ Hichki“ und „Gully Guliyaan: In The Shadows“.
Seine letzte Arbeit auf Netflix „Sacred Games“ wird von den Kritikern hochgelobt.
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Donnerstag 02.05.2019
DAS ENDE DER WAHRHEIT
Ab 09. Mai 2019 im Kino
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Martin Behrens (Ronald Zehrfeld), Zentralasien-Experte beim Bundesnachrichtendienst, ist sich sicher, durch seine Arbeit einen großen Beitrag zur Wahrung der nationalen Sicherheit zu leisten. Doch nach einem brutalen Anschlag auf ein Münchner Restaurant wachsen seine Zweifel an der Mission des BND. Als Behrens in einen immer tieferen Strudel aus Intrigen, Machtmissbrauch und Korruption gerät, begreift er, dass der Feind vor allem im Innern lauert…


Ein Film von Philipp Leinemann

Mit Ronald Zehrfeld, Alexander Fehling, Claudia Michelsen,  Antje Traue, Axel Prahl, August Zirner u.v.m.


In seinem vielbeachteten Debütfilm „Wir waren Könige“ warf der Regisseur Philipp Leinemann 2014 bereits einen Blick hinter die hochkomplexen Organisations- und Arbeitsweisen einer staatlichen Institution. Für seinen aufwendig produzierten Polit-Thriller DAS ENDE DER WAHRHEIT konnte er ein namhaftes Ensemble gewinnen, zu dem neben Ronald Zehrfeld („Das schweigende Klassenzimmer“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“) unter anderem Alexander Fehling („Inglourious Basterds“, „Sturm“, „Der Hauptmann“),  Claudia Michelsen („Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“), Axel Prahl („Gundermann“, „Der ganz große Traum“), August Zirner („Wackersdorf“, „Colonia Dignidad“) und Antje Traue („Ballon“, „Der Fall Barschel“) zählen. 
 
60 Jahre nach der Gründung des Bundesnachrichtendienstes ist die hochbrisante Frage nach den internationalen Verstrickungen der Geheimdienste in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt. Philipp Leinemann entwirft in DAS ENDE DER WAHRHEIT ein realistisches Szenario, in dem eine westliche Regierung Gefahr läuft, sich durch Millionensummen indirekt oder direkt am Terroraufbau zu beteiligen. In einer Zeit, in der seit den Enthüllungen von Edward Snowden im Jahre 2013 weltweit immer mehr Skandale rund um die Arbeit der Geheimdienste bekannt werden, stellt Leinemann in DAS ENDE DER WAHRHEIT die Frage nach dem politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnis eines demokratischen Staates. 
 
DAS ENDE DER WAHRHEIT ist eine Produktion von Walker + Worm Film in Co-Produktion mit dem ZDF/Das kleine Fernsehspiel in Zusammenarbeit mit ARTE, Hellinger/Doll Filmproduktion, Philipp Leinemann und in Zusammenarbeit mit Rotor Film. Der in München, Leipzig und auf Gran Canaria gedrehte Polit-Thriller wurde gefördert vom FilmFernsehFonds Bayern, der Mitteldeutschen Medienförderung, der FFA und dem DFFF. Seine Weltpremiere feierte DAS ENDE DER WAHRHEIT als Eröffnungsfilm des 40. Filmfestivals Max Ophüls Preis in Saarbrücken. 
 

HANDLUNG

Wenn es darum geht, Deutschland und die Welt sicherer zu machen, sind dem engagierten BND-Agenten Martin Behrens viele Mittel recht. So schmuggelt er sich als Dolmetscher in die Anhörung von Mansoud Behzad, ein Asylbewerber aus der zentralasiatischen Autonomieregion Zahiristan. Der dortige Geheimdienst hatte dem BND zuvor den Tipp gegeben, dass Behzad ihnen eine wertvolle Information liefern könne: Sein Schwager ist der Fahrer des Milizenführers Al-Bahiri, den die CIA als Terrorist einstuft und ihn töten will. Martin Behrens setzt Mansoud Behzad unter Druck und verspricht ihm Asyl, damit dieser ihm die Handynummer seines Schwagers verrät. Behzad ahnt nicht, dass Behrens blufft, ihn wenig später Beamte im Flüchtlingsheim erwarten und er umgehend nach Zahiristan abgeschoben wird.
 
Kurz nach der Befragung informiert Behrens seine Vorgesetzten beim BND – den Stableiter Joachim Rauhweiler, seine Förderin Aline Schilling und Patrick Lemke, den ehrgeizigen neuen Sachgebietsleiter für Zentralasien – über die neuen Erkenntnisse. Lehmke und Rauhweiler bezweifeln, dass Behrens‘ Informationen valide genug sind. Aber auf Drängen des US-Geheimdienstes hin folgt BND-Chef Stefan Grünhagen Behrens‘ Einschätzung und empfiehlt Berlin, die Daten weiterzugeben. 
 
Schon wenige Stunden später koordiniert das US-Militär von verschiedenen Orten in der Welt aus einen Drohnenschlag: Zum einen von einer geheimen CIA-Basis in Afghanistan, zum anderen von einem Luftwaffenstützpunkt in den USA und einer US-Airbase im rheinland-pfälzischen Ramstein aus. AlBahiri stirbt ohne Anklage, ohne Prozess, geortet durch die Daten des BND und von einer Airbase in Deutschland aus getötet.
 
Kommt das staatlicher Beihilfe zum Mord gleich? Diese Frage stellt die investigative Journalistin Aurice Köhler bei einer Pressekonferenz im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz. Dass sie die neue Freundin von Martin Behrens und eine Frau, die ihm aus einer langen Lebenskrise geholfen hat, ist, muss in diesen Kreisen unter allen Umständen geheim bleiben. Aurice Köhler ist auch noch einer anderen Geschichte auf der Spur: Sie betreibt Recherchen in Bezug auf ein illegales Waffengeschäft, über das ein Insider sie informieren möchte. Angeblich ist auch der BND in dieses Waffengeschäft verwickelt. Wenig später ist Aurice Köhler tot. Sie wird das Opfer eines Attentats in einem Münchner Café. 
 
Als Martin Behrens am Tatort davon erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Offensichtlich handelt es sich bei dem Anschlag um einen Vergeltungsschlag islamistischer Terroristen für die Tötung Al-Bahiris. Dessen Milizen bekennen sich wenig später zu der Tat in einem Video, in dem sie denjenigen Mann köpfen, der die Geheimdienste zu Al-Bahiri geführt hat: Mansoud Behzad. Als die Polizei das Lager der Münchner Attentäter stürmt, finden sie dort weitere Hinweise auf islamistischen Terror.
 
Doch ist Aurice Köhler wirklich ein zufälliges Opfer von religiösen Fanatikern geworden? Gerade jetzt, als sie der Geschichte um die illegalen Waffengeschäfte auf die Spur kam? Martin Behrens hat seine Zweifel daran und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Doch seine Beziehungen zum BND nutzen ihm dabei wenig. Denn Patrick Lemke drängt erfolgreich darauf, ihn zu beurlauben. Dem BND droht nach der Enthauptung des Informanten ein Skandal, deshalb wird Behrens vorsorglich kaltgestellt. 
 
Die beiden Gegenspieler könnten unterschiedlicher nicht sein: Martin Behrens ist ein integrer, überzeugter Kämpfer für eine bessere Welt, Patrick Lemke ein arroganter, soziophober Bürokrat mit Aufstiegsambitionen. Doch eines hat er mit Behrens gemein: Auch bei ihm wächst die Skepsis an der Arbeitsweise des BND. Die Nähe seines Förderers Joachim Rauhweiler zu dem Unternehmen „Global Logistics“, das Waffen nach Zahiristan verkaufen will, irritiert ihn. Damit verfolgt der BND genau ein Ziel: Die westlichen Staaten sollen das Waffenembargo gegen den zahirischen Diktator aufheben. 
 
Auch Martin Behrens stößt auf das ominöse Unternehmen: In Aurice Köhlers Haus am See findet er einen toten Mann, der für „Global Logistics“ gearbeitet hat und offensichtlich Köhlers Kontaktmann war - nach dem Attentat im Café konnte er schwer verwundet fliehen. Mit Hilfe befreundeter GeheimdienstMitarbeiter ermittelt Behrens im Stillen weiter und findet heraus, dass das Münchner Attentat nicht von Terroristen begangen worden sein kann, sondern eine Geheimdienstoperation und damit ein inszenierter Anschlag war. Bei seinen Ermittlungen bekommt er unerwartet Hilfe von Patrick Lemke - wenig später schweben beide in Lebensgefahr...



INTERVIEW MIT PHILIPP LEINEMANN 
 
Wie kamen Sie auf die Idee zu DAS ENDE DER WAHRHEIT?
Ich hatte schon früh die Idee, einen Geheimdienst-Thriller zu machen. Wie bei „Wir waren Könige“ stand dahinter die Lust, Filme zu machen wie diejenigen, mit denen ich aufgewachsen bin. DAS ENDE DER WAHRHEIT orientiert sich an den alten „Jack Ryan“-Filmen mit Harrison Ford und an Filmen wie „Syriana“. Ich habe schon 2007, als ich noch an der Filmhochschule war, mit der Recherche begonnen und war fasziniert von der Komplexität, die hinter dem System BND steht - und davon, wie alles miteinander vernetzt ist. Ich habe unzählige Bücher verschlungen, um mir überhaupt erst mal einen Überblick über das Thema zu verschaffen. Und gleichzeitig galt es, eine deutsche Perspektive für meinen Film zu finden.
 
Was war Ihr Ziel bei dieser Geschichte?
„Wir waren Könige“ war ein großer Ensemblefilm und der Schreibprozess war sehr langwierig, da all diese Figuren mit Leben gefüllt werden mussten. Ich hatte danach das Verlangen, dass mein nächster Film von einer Person handelt, die ein Ziel hat und eine Aufgabe löst. DAS ENDE DER WAHRHEIT ist dieser Film geworden – auch wenn das Rätsel, das der BND-Agent Martin Behrens zu lösen hat, ein großes und komplexes ist. 
 
Dieses von Ihnen angesprochene Rätsel beinhaltet viele Themen: Es geht um den Geheimdienst, um inszenierte Anschläge, um Lobbyismus und Terrorbekämpfung. Wo haben Sie die Inspirationen für all diese Aspekte des Films gefunden?   
Erst mal bedurfte es einer ausgiebigen Recherche. Ich las Unmengen über den Nahen Osten, über Politik und Lobbyismus, über geheime Netzwerke, über die Biographien von Agenten sowie Terroristen. Darin ging es zum Beispiel um „False Flags“, also um inszenierte Anschläge, für die man Terroristen verantwortlich macht oder politische Gruppen, um die Stimmung bei Wahlen zu beeinflussen. Das ist ein klassisches Aufgabenfeld der Geheimdienstarbeit. Im Zuge meiner Vorbereitungen wurde ich zum Nachrichtenjunkie und es war interessant, die Nachrichten im Kontext der eigenen Recherchen zu betrachten und zu erkennen, wie viel Wahrheit in kurzen Beiträgen zwangsläufig fehlt. Nichts ist schwarz und weiß in Zentralasien, wo der Film spielt. Es gibt so viele Interessengruppen. Ich wollte einen Film machen, der dem Zuschauer einen größeren Überblick über all die Themen, die mit dem BND und seinem Engagement in Zentralasien zusammenhängen, verschafft. 
 
Der Zentralasien-Experte Martin Behrens kommt im Film einem solchen inszenierten Terroranschlag auf die Spur. Können Sie Beispiele für reale Ereignisse nennen, die sie als Vorlagen im Kopf hatten?
Da gab es zum Beispiel die Sauerlandgruppe, die wegen Vorbereitungen eines Sprengstoffanschlags verurteilt wurde. Trotz monatelanger Beobachtung fand die medienwirksame Festnahme kurz vor der Entscheidung des Bundestags statt, den Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr zu verlängern. Ich hinterfrage nicht, ob es sich um wahre Attentäter handelte, deren Absicht es war, einen Anschlag zu verüben. Die interessantere Frage ist: Wer waren die Hintermänner? Angeblich hatte die Gruppe Verbindungen zu einer usbekischen Terrorgruppe namens Islamische Jihad Union. Die wiederum steht in Verdacht, ein Geheimdienstkonstrukt zu sein. Der ehemalige britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, sagte der ARD 2007, dass es keinen wirklichen Beweis für die Existenz dieser Gruppe gibt. In seiner Zeit als Botschafter hat die Islamische Jihad Union angeblich Anschläge begangen. Er hat die Orte kurz nach den vermeintlichen Explosionen aufgesucht, doch keinerlei Beweise dafür gefunden. Er sagte wortwörtlich: „Da waren keine Bomben“. Er glaubt, dass die Gruppe vom usbekischen Geheimdienst erschaffen wurde. Sowas hat mich für meine eigene Geschichte inspiriert.
 
Wie haben Sie das fiktiv weiterentwickelt?
Die Idee für den Film war: Es sollte um inszenierte Anschläge gehen, mit denen politische Gegner beseitigt werden. Der angebliche Terrorist Al-Bahiri, der im Film von der CIA umgebracht wird, ist ja in Wirklichkeit ein politischer Gegner, der bei den nächsten Wahlen große Chancen gehabt hätte, zu gewinnen. Aber er wäre gegen die Waffendeals mit dem Westen und somit eine Gefahr für das Geschäft gewesen. Auch in der Realität werden politische Gegner, die nicht mit den marktwirtschaftlichen Prinzipien des Westens übereinstimmen, zu Terroristen erklärt. 
 
Der Film thematisiert auch die Beteiligung Deutschlands an tödlichen Drohnen-Einsätzen des US-Militärs. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Ich fand es absurd, dass es Drohnenangriffe gibt, die von der anderen Seite der Welt aus gesteuert werden. Als ich angefangen habe, das Drehbuch zu schreiben, wusste noch kaum jemand, was eine Drohne ist. Unter Obama ist dieser Drohnenkrieg dann eskaliert. Da werden Menschen ohne Anklage und ohne Prozess getötet. Und diese Einsätze werden auch von Deutschland aus geführt. Die Soldaten sitzen in Nevada, aber die Kontrollstationen für die Angriffe in Asien sind in Ramstein, für Afrika in Stuttgart. Außerdem haben BND-Mitarbeiter in Flüchtlingsheimen Asylbewerber über Bekannte ausgefragt, die als Terrorverdächtige in ihren Herkunftsländern gesucht werden. Sie wollten so an deren Handydaten kommen, die sie an ihre Partner bei der CIA weitergeleitet haben. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Positionen der betreffenden Personen aufspüren. Investigative Reporter der Süddeutschen Zeitung und der Sendung „Panorama“ haben dazu vieles aufgedeckt. Weitere Artikel wurden von Datenjournalisten 2013 in dem Projekt „Geheimer Krieg“ veröffentlicht. Macht man sich der Beihilfe des Mordes schuldig, wenn man diese Daten an die CIA weitergibt? Und wohin führt das? Es heißt, jeder Drohnenschlag kreiert weitere Terroristen. Deswegen ist bei diesem Krieg kein Ende in Sicht.
 
Sie haben mit der Arbeit zu diesem Film 2007 begonnen. Wurden Teile des fiktiven Drehbuchs von der Realität überholt? 
Als ich die ersten Fassungen geschrieben habe, war das Thema Glaubwürdigkeit immer mit am wichtigsten: Könnte so etwas auch in Deutschland passieren? Mittlerweile hat es mehrere Anschläge in Deutschland gegeben und vor kurzem erst ist in Malta eine Journalistin durch eine Autobombe ums Leben bekommen. Mitten in Europa. Weil sie unbequem wurde und zu tief gegraben hat – eine Parallele zu der Figur von Antje Traue. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit hat sich dann bei den letzten Drehbuchbesprechungen nicht mehr gestellt.
 
Im Film spielen auch Konzerne eine Rolle, die am Waffenhandel ebenso verdienen wie am Wiederaufbau ziviler Infrastrukturen in Krisenregionen. Worauf wollten Sie bei diesem Aspekt hinaus?
Der Film weist auf die Gefahr hin, was passiert, wenn wir Hoheitsaufgaben immer weiter privatisieren. Wir haben ja im Irak gesehen, wo das hinführt. Man schätzt, dass etwa 40 Prozent des  Wiederaufbau-Etats in die Taschen von Private Military Companies geflossen sind, an Firmen wie Kellog Brown oder Black Water - und die haben so gar nichts Positives bewirkt. Außerdem liefern private Firmen schon seit den Zeiten von Bill Clinton einen Großteil der Informationen für das „Daily Briefing“, in dem der US-Präsident mit Geheimdienstinformationen über die aktuelle Lage informiert wird. Das ist gefährlich. Für wen arbeiten sie? Sind sie objektiv und ist Frieden in ihrem Interesse? Wahrscheinlich nicht. Und hat der Krieg gegen den Terror irgendetwas zur Verbesserung der Lebenssituation der Menschen in diesen Ländern beigetragen? Im Gegenteil, es ist schlimmer denn je.
 
Wie schwer war es, einen Film, der sich mit diesen schwierigen Themen beschäftigt, zu finanzieren?
Sehr schwer. Beteiligt waren der FFF, ZDF, Arte und der MDM – dieselben Leute, die auch schon an „Wir waren Könige“ geglaubt haben. Wir hatten 27 Drehtage und wenig Geld. Man kann dann seinen hochkarätigen Schauspielern nur wenige Takes geben, das ist frustrierend für alle. Umso dankbarer bin ich ihnen und dem ganzen Team, dass sie zu diesem Ergebnis beigetragen haben. In Deutschland lernt man, ökonomisch zu arbeiten. Ich war die letzten Wochen in Los Angeles und hatte bei all den Treffen sehr stark den Eindruck, dass sich amerikanische Produzenten, vielleicht auch deshalb, vermehrt für europäische Regisseure interessieren.
 
Haben Sie zur Vorbereitung des Films auch Geheimdienst-Mitarbeiter getroffen?
Es gab ein Treffen mit einem BND-Mitarbeiter, der mir Ratschläge gegeben hat. Ich wusste nicht mal, wie er heißt - er war übervorsichtig. Als ich die Rechnung zahlen wollte und um einen Bewirtungsbeleg bat, hat er mich nur mit großen, ungläubigen Augen angeschaut und die Quittung daraufhin vernichtet. Seine detaillierten Erzählungen haben mir dabei geholfen, meinen Film mit Leben zu füllen. Ich zeige ja auch, wie frustrierend die Arbeit für viele BND-Mitarbeiter ist. Sie haben kaum noch Kontakte vor Ort, verfügen nur über wenige Leute, die in den entsprechenden Sprachen geschult sind, um in diesen Ländern Informationen abschöpfen zu können. Selbst die CIA war trotz ihres gewaltigen Etats von Großereignissen wie dem Arabischen Frühling oder dem Erstarken von ISIS völlig überrumpelt. Sie haben aus Angst vor Maulwürfen ihre Quellen schon in den 90ern aufgegeben. Einer sagte mal: „Der Nahe Osten ist für uns wie ein weißer Fleck auf der Landkarte“.
 
Die Bundeswehr hat sie ganz offiziell unterstützt. Hat Sie das verblüfft?
Es dauerte zuerst ein wenig, dann war plötzlich sehr viel möglich. Wir waren auch sehr dankbar, dass uns die spanische Armee auf ihrer Air Base in Gran Canaria drehen ließ. Man misst sich ja in diesem Genre mit amerikanischen Vorbildern, und daher war es auch sehr wichtig, mit Originalequipment zu drehen, um die eigene Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Wir wollten auch in der Einfahrt des BND filmen, aber der BND war nicht an einer Zusammenarbeit interessiert. Wir haben die Einfahrt dann bei einer Bundeswehrkaserne nachgebaut. 
 
Sie haben nach „Wir waren Könige“ wieder mit Ronald Zehrfeld in der Hauptrolle gedreht. Wieso?
Ronald schafft es, dem Zuschauer einen emotionalen Zugang zu seinem Seelenleben von Martin Behrens zu geben, ohne seine Seele dabei im Gesicht zu tragen. Er spielt keinen klassische Agenten-Figur, sondern einen Analysten, der Informationen sammelt und auswertet, viele Jahre vor Ort verbracht hat, die Kultur kennt und die Sprachen beherrscht. Daher wurde er auch bei Geiselverhandlungen eingesetzt. Es gab da eine reale Vorlage, unter dem Pseudonym Conrad C. Selbst die USA oder Israel baten die Bundesregierung immer wieder, ihn für entsprechende Verhandlungen zu entsenden. In dieser Hinsicht ist der BND in der Region zum Beispiel sehr geschätzt, da er von allen Seiten als neutral angesehen wird. 
Der Gegenentwurf zu ihm ist die Figur des Patrick Lemke, gespielt von Alexander Fehling. Alexander Fehling war ein fantastischer Gegenpart. Er ist im Gegensatz zu Ronalds Figur weniger konfliktscheu, aber unfähig, einen emotional an seinen Handlungen teilhaben zu lassen. Statt auf „Human Intelligence“ zu setzen, verkörpert Fehlings Charakter die neue Generation des BND, die mehr auf digitale Technik baut und sich akkurat ans Protokoll hält. Und so entsteht eine seltsame Art von Buddy-Movie, weil beide nicht aus ihrer Haut hinaus können und irgendwann merken, dass der andere nicht ganz Unrecht hat. Schließlich merken sie, dass sie nur benutzt wurden, wie Bauern bei einem Schachspiel.
 
Wie war es für Sie, eine Enthauptung zu drehen?
Nicht schön. So etwas hat sofort Auswirkungen auf die Stimmung am Set. Wir haben uns reale Enthauptungen angesehen. Es ist einfach eine ganz andere Art der Brutalität. Wie der Körper erschlafft. Die Schmerzensschreie haben einen fast gurgelnden Sound, furchtbar. Das hat Überwindung gekostet. Es reicht schon, das zu hören. Wir haben es komplett gedreht, aber arbeiten im Film hauptsächlich mit dem Original-Ton. Dadurch wird die Gewalt sogar noch eindringlicher spürbar, da sie sofort Bilder im Kopf erzeugt.
 
Es gibt in dem Film auch Actionszenen. Wie lernt man, das zu drehen?
Ich habe es mir teilweise selbst beigebracht, als ich zwei, drei Jahre vor der Filmhochschule „Wir waren Könige“ schon mal gedreht habe. Ich habe alles selbst gemacht, von der Kamera bis zum Schnitt. Freunde und Familie mussten als Darsteller herhalten. Ich finde Actionszenen zu drehen weitaus leichter, als Dialogszenen. Das ist die wahre Kunst und erfordert unglaublich viel Fingerspitzengefühl. Wie schaffe ich es, ein Gespräch zwischen zwei Menschen lebendig zu halten, so dass der Ball ständig in der Luft bleibt? Ich muss beim Dreh von Dialogszenen sehr viel konzentrierter sein. Bei Actionszenen bin ich wieder der kleine Junge am Set, das macht mir großen Spaß. 
 
Ursprünglich wollten Sie einen CIA-Film drehen. Ist das eines Ihrer Projekte für die Zukunft?  
Ich finde es immer interessant, wie andere Menschen beschreiben, was für eine Art von Filmemacher ich sei. Ich weiß es gar nicht. Ich habe viele Fragen im Kopf und mich interessiert so vieles. Natürlich möchte ich Filme machen und Geschichten erzählen, die mich als Kind schon fasziniert haben und die dazu führten, dass ich diesen Beruf mache. Ich möchte, dass diese Motivation nie in den Hintergrund gerät. Als ich in L.A. war, wurde mir oft diese Frage gestellt: Ob ich mir diesen Film auch international vorstellen könnte, mit einem CIA-Agenten in der Hauptrolle? Da habe ich gesagt: Ja, das war die Ursprungsidee. 
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Donnerstag 25.04.2019
DER FLOHMARKT VON MADAME CLAIRE
Ab 02. Mai 2019 im Kino
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An einem wunderschönen Sommertag wacht in einem kleinen französischen Dorf Madame Claire (Catherine Deneuve) auf – überzeugt davon, dass heute ihr letzter Tag auf Erden sei. Claire beschließt, ihr gesamtes Hab und Gut im Garten ihres großzügigen Landhauses zu verkaufen, von wertvollen Uhren, lieb gewonnenen Antiquitäten bis hin zu handgefertigten Unikaten. Wenn sich schon ihre Erinnerungen mehr und mehr verfl üchtigen, benötigt Claire auch ihre ans Herz gewachsenen Möbel und Sammlerstücke nicht mehr – das ganze Dorf kommt bei dem außergewöhnlichen Flohmarkt auf seine Kosten. Von einer alten Freundin alarmiert, kehrt Claires Tochter Marie (Chiara Mastroianni) zum ersten Mal nach 20 Jahren in ihr Zuhause zurück. Doch sie scheint nicht das einzige Gespenst aus der Vergangenheit zu sein, das die exzentrische Dame erneut aufspürt. Mit jeder Erinnerung begegnet Claire nicht nur einem Echo ihrer Jugend und ihrer Liebhaber, sondern tragischen Geheimnissen, unausgesprochenen Differenzen und alten Familiendramen, die erneut zum Leben erweckt werden – auf einer aufregenden Reise ins Herz der vergangenen Zeit.
Mit betörender Eleganz und anmutiger Sinnlichkeit erobert die legendäre Grande Dame des französischen Kinos, Catherine Deneuve, an der Seite ihrer Tochter Chiara Mastroianni in DER FLOHMARKT VON MADAME CLAIRE die Kinoleinwand sensationell zurück. Der Regisseurin Julie Bertuccelli gelingt eine einfühlsame Momentaufnahme überraschend lebendiger Erinnerungen, die nicht nur die Vergangenheit würdigen, sondern auch eine versöhnliche Zukunft versprechen.

Ein Film von Julie Bertuccelli
Mit Catherine Deneuve, Alice Taglioni Chiara Mastroianni, Colomba Giovanni, Mona Goinard u.a.


DIE REGISSEURIN

Julie Bertuccelli wurde 1968 in Boulogne-Billancourt geboren. Sie ist die Tochter des Regisseurs JeanLouis Bertuccelli. Julie Bertuccelli begann ihre Karriere als Regieassistentin und arbeitete unter anderem mit Regisseuren wie zum Beispiel Otar Iosseliani, Bertrand Tavernier, Emmanuel Finkiel und Krzysztof Kieslowski (3 FARBEN: BLAU). Im Anschluss drehte sie mehrere Dokumentarfi lme und begann, bei Spielfi lmen Regie zu führen. 2003 wurde sie für ihren Kinofi lm SEIT OTAR FORT IST mit dem Großen Preis der Semaine de la Critique in Cannes ausgezeichnet und erhielt 2004 den César für das Beste Debüt. 2010 feierte ihr Film THE TREE mit Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle Premiere als Abschlussfi lm der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. 2013 folgte ihr Dokumentarfi lm DER SCHULHOF VON BABEL und 2016 DERNIÈRES NOUVELLES DU COSMOS, die beide eine César-Nominierung als Bester Dokumentarfi lm erhielten. DER FLOHMARKT VON MADAME CLAIRE ist ihr dritter Spielfilm.


INTERVIEW MIT DER REGISSEURIN JULIE BERTUCCELLI

Der Flohmarkt von Madame Claire ist die Verfi lmung eines Romans von Lynda Rutledge. Was hat Ihnen an dem Film gefallen?
Ich sammle unglaublich gerne Dinge, ich fühle mich in leeren Wohnungen nicht wohl, und ich bin ein Fan von Flohmärkten und Antiquitätenmärkten. Die Leute, die dort ihre Sachen verkaufen, stellen sich aus, ohne es zu wissen. Diese Objekte sind wie eine offene Tür zu ihren Familiengeschichten. Sie haben etwas erlebt, sie haben eine Seele, Fleisch. Eine enge Freundin hat mir das Buch geschenkt, da sie beim Lesen an mich denken musste. Sie hat ganz richtig gedacht, ich bin sofort in die Geschichte eingetaucht, da der Roman etwas erzählt, das mich bewegt: die komplexen Beziehungen zwischen Mutter und Tochter; die Toten, die uns verfolgen; die Dinge und Möbel, die uns überfl uten und uns als Ersatzerinnerung dienen; die Geheimnisse, und das Nichtgesagte in Familien, die uns schwer zusetzen; das Ende des Lebens, das uns aufl auert; die Erinnerung, die uns ausmacht, uns gefangen hält und uns gleichzeitig
erstickt, und das Vergessen, das uns traurig macht, aber uns auch befreit und erleichtert. Meine Verbundenheit zu den Dingen kommt hat sich über mehrere Generationen übertragen. Die Häuser meiner Kindheit waren voller Erinnerungen aus Reisen, Familienerb- und Fundstücken und Sammlungen. So viele Bedeutungen, zarte Verbindungen, Erinnerungen, Symbole von Zeiten und Orten, denen man nachtrauert, und Brennpunkte aus unserem Leben, von denen man sich so schwer lösen kann. Trotz aller Kritik, die ich als Kind dieser pathologischen Verrücktheit und der unverhältnismäßigen Begeisterung für Staubfänger entgegenbrachte, habe ich mir den Virus trotzdem eingefangen. Es war für mich der Moment, eine Inventur dieser Dämonen zu unternehmen und mich dem zu nähern, was auch mich konstruiert hat. Und meine Produzentin Yaël Fogiel hat mich in meinem Vorhaben ermutigt.

Die letzte Verrücktheit Ihrer Heldin besteht darin, einen Flohmarkt zu organisieren, um alle Dinge ihres Hausstands zu verkaufen.
Ich weiß, bis zu welchem Grad das Anhäufen und das Sammeln einen starken Sinn ergeben: in der Psychoanalyse sagt man, das Sammeln bedeutet, den Tod abzuwenden, ihn wegzustoßen, denn man fi ndet ohne Ende neue Stücke für ein Puzzle ohne Grenzen. Und dieses unendliche Gebäude, durch seine Vermassung und seine Komposition, wird selbst ein Werk, ein Blick und ein Lächeln auf diese Welt von menschlichen Dingen. Dementsprechend ist der Verkauf ihrer Sachen für Claire Darling ein noch verrückterer Akt, denn wie sie zum Pfarrer so schön sagt, die Dinge haben es ihr erlaubt, die Proben, auf die uns das Leben stellt, durchzustehen. Zu akzeptieren, dass all die Objekte, die sie gekauft hat, sie überleben werden und ein neues Leben haben können und das bedeutet nichts weniger als den Tod zu akzeptieren.

Ihre Geste ist auch voller Ungezwungenheit und Freiheit...
Die Idee des Loslassens hat mir an dem Roman besonders gefallen. Claire Darling befreit sich, in dem sie ihre Gegenstände quasi verschenkt, sie will niemandem ein Erbe hinterlassen. Auch wenn sie den Einkäufern zu jedem Gegenstand seine Geschichte erzählt. Es geht für sie nicht darum, die Dinge zu verscherbeln, sondern sie zu übergeben. Für mich ist dieser letzte Akt der Freiheit
eine Reaktion auf die Frustrationen ihres Lebens. Ein Ventil. Claire Darling hatte ein Leben, etwas außerhalb der Zeit, der Welt, sie war nicht immer lieveoll und achtsam ihrem Umfeld gegenüber, vor allem was ihre Tochter angeht. Aber es war für sie ein Schutz, eine Art Panzer. Ohne diesen hätte sie nicht durchgehalten. Mit dieser letzten Verrücktheit akzeptiert sie ihre Schwächen, ihre Exzesse, ihre Fehler und versöhnt sich mit ihrer Tochter.

Die Dinge bilden das Zentrum der Geschichte, aber sie sind nicht festgelegt auf ihre antiquarische Eigenschaft.
Ich wollte, dass man ihre Schönheit spürt, ihre Zugehörigkeit zu einer Geschichte, wie die Dinge, die einen AufziehMechanismus haben, die affektiv noch mehr beladen sind, da einige davon meiner Großmutter gehörten. Aber bereits beim Drehbuchschreiben habe ich sehr darauf geachtet, nicht in Ästhetizismus zu verfallen und habe dafür gesorgt, dass die Gegenstände mit der Geschichte verwoben sind, und immer durch den Blick einer Person gesehen werden. Jedes bot die Möglichkeit, ein Stück des Puzzles des Lebens dieser Familie zu erzählen.

Genauso wie die Dinge so ist auch die Vergangenheit im Film nie reine Rekonstruktion, sondern in die Gegenwart integriert.
Meine Ko-Autorin Sophie Fillières und ich haben mit den verschiedenen Zeitebenen gespielt, mit der ungeordneten Ebene der Erinnerung und der des einheitlichen Zeitrahmens eines 24-Stunden- Tages. Wir haben versucht, Erinnerungsmomente zu verlebendigen, die einen geisterhafen Effekt haben und einen Eindruck von Gleichzeitigkeit, An- und Abwesenheit, hervorbringen. Das Wichtige war nicht die Vergangenheit an sich, sondern die Erinnerungen an die Vergangenheit, die bei Claire, ihrer Tochter oder der Kindheitsfreundin Martine bruchstückhaft an die Oberfl äche steigen. Die Dinge sind wohl nicht genauso geschehen, aber das ist zweitrangig. In ihren Erinnerungen sind sie sehr komprimierte Momente der Vergangenheit. Diese parallele Erzählung erschien uns eine gute Art, die lineare Erzählung eines Tages, des letzten Tages dieser Frau, die ihr Leben an sich vorbeiziehen sieht, zu erhellen, zu bereichern und komplexer zu machen. Der Versuch, die Zeitlichkeit fl ach darzustellen, war eines der Grundprinzipien, das ich auch bei der Inszenierung weitergeführt habe. Ich wollte totale Subjektivität, aber keine unscharfen Bilder, keine Objektivwechsel oder Farbwechsel. Und so sind wir dann auch mit meiner DOP Irina Lubtchansky
vorgegangen. Ich wollte, dass die Zeitsprünge sehr nüchtern passieren und dass man Zweifel haben kann: hat das wirklich stattgefunden? Als Claire Darling wieder in den Garten kommt und der Flohmarkt plötzlich weg ist, kann man sich fragen, was wahr ist und was nicht. Und ich habe auch traumartige Visionen hinzugefügt, die nicht im Buch waren: die Farandole der Kinder, die Fahrräder in den Bäumen, das Box-Auto…Ich wollte, dass das Publikum sich in verschiedene Niveaus der Wirklichkeit projizieren kann, zwischen dem Wundersamen, dem Märchen und der Realität schwanken kann. Als Claire die Vision von den Neuvermählten hat und man sie plötzlich in ihrer Mitte sieht, denkt man, dass es sich um eine Erinnerung handelt. Aber wer sind diese anderen Frauen? Vielleicht all die Generationen von Frauen, die über die Liebe fantasieren, die von der Liebe so viel erwartet haben. Und von denen einige vielleicht Leben wie Claire Darling geführt haben, voller Tragödien, Kompromissen und Enttäuschungen.

Dann ist da noch das kleine Mädchen, dass aus dem Nichts auftaucht und das ganze Geschehen um das Haus herum beobachtet.
Diese kleine Mädchen ist im Buch mehr erklärt. Es war eine kleine Waise aus dem Dorf. Im Film sind die Momente, in denen sie erscheint, magischer und mysteriöser. Ist es ein kleines Mädchen aus dem Dorf, das herumschnüffelt? Handelt es sich um Claire oder ihre Tochter als sie klein waren? Das Gleiche gilt für die Farandole im Garten. Sind es tatsächlich Kinder aus dem Dorf, oder Kinder, die durch die Jahrhunderte hindurch das Haus betreten haben?

Ihre Lust an der Vermischung von Realität und Fiktion ist dem Film deutlich anzumerken. Kommt sie auch daher, dass sie viele Dokumentarfi lme machen?
Die Realität ist schon eine unglaubliche Filmkunst. Man muss nichts erfi nden, so reichhaltig ist sie. Wenn ich also Spielfi lme mache, welchen Sinn würde es ergeben, etwas „falsches“ zu dokumentieren? Realismus ist für mich sehr wichtig in Filmen, ich möchte, dass man daran glaubt, dass die Schauspieler glaubwürdig sind, dass es nicht zu viele Effekte gibt. Aber ich fände es auch uninteressant einen Spielfi lm zu machen, der eine reine Reproduktion der Realität wäre. Auch wenn man sich an gelebten Geschichten orientiert, geht es doch darum, sie zu überschreiten, etwas zu ihnen beizutragen. Der Filter der Fiktion muss die Grenzen der Realität überschreiten. Ansonsten könnte man besser die wahre Geschichte filmen, mit den wahren ProtagonistInnen. In dieser Geschichte wollte ich mit der fi ktionalen und dramatischen Seite der Geschichte spielen und sie mit der Realen mischen: zum einen Claire und Marie von Catherine Deneuve und ihrer wirklichen Tochter Chiara Mastroianni spielen zu lassen, zum anderen mit den Erinnerungen meiner Kindheit spielen, die das Reelle immer wieder hervorbringen.
Die Geschichte zwischen Mutter und Tochter ist auch in der Gegenwart dieses Tages angesiedelt. Dadurch, dass sie diesen Flohmarkt organisiert, holt Claire Darling bewusst oder unbewusst ihre Tochter zurück, die sie seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Dinge, die die Spannungen kristallisieren, die die Beziehung der beiden kennzeichnet, sind die Gelegenheit, über die Vergangenheit zu sprechen, die Erinnerungen wiederzubeleben, sie zu hinterfragen und sie zu bewegen und sich wieder anzueignen… Solange der Tod nicht gekommen ist und man noch miteinandersprechen kann, ist alles möglich. Aber nicht nur miteinander sprechen, somdern auch sich anzuschauen, sich zu berühren oder durch die Vermittlung der Dinge, wie Kinder, die sich durch Spiele oder Puppen amüsieren, streiten.

Haben Sie sofort an Catherine Deneuve gedacht für die Rolle von Claire Darling?
Ich habe beim Schreiben an keine Schauspielerin gedacht, ich wollte eine Figur erschaffen, die vom Buch inspiriert und mit meinem persönlichen Vorstellungen verwachsen ist. Als das Drehbuch fertig war und ich über die SchauspielerInnen nachdachte, kam mir Catherine Deneuve in den Sinn. Sie hat Statur, eine unglaubliche Fantasie und eine immense Freiheit. Und ich wusste, dass sie Gegenstände liebt, sie selbst eine große Sammlerin ist. Es lag auf der Hand, ihr diese Rolle anzubieten. Sie ist eine außergewöhnliche Schauspielerin; es war wunderbar, mit ihr zu arbeiten. Sie ist sehr engagiert, macht Vorschläge, ohne zu dominant zu sein, interessiert sich für den Film als Ganzes, und nicht nur für ihre Rolle. Eine Schauspielerin mit ihrer Intelligenz und Erfahrung ist ein wahres Geschenk, sie ist die ideale Inkarnation von Claire Darling. Zu wissen, dass sie ihren letzten Tag lebt, lässt diese Frau wieder Energie und eine fröhliche Schalkhaftigkeit gewinnen. Man weiß nicht so genau, ob sie tatsächlich verrückt wird, oder ob sie es nur spielt. Catherine kann diese Komplexität, diese Zwischenwelt wunderbar spielen.

Wir sehen Catherine Deneuve zum ersten Mal mit weißen Haaren.
Ich wollte ihr übliches Image verändern. Sie hat ein so jugendliches Aussehen, strotzt vor Leben, man musste sie älter machen. Claire Darling lebt ein wenig abgeschieden,
sie hat einen Teil ihres Verlangens, zu verführen aufgegeben. Sie hält sich immer noch aufrecht und zieht ein schönes Kleid an für ihren letzten Tag, doch sie ist am Ende ihres Lebens und das schöne blonde Haar von Deneuve hätte nicht gepasst. Ich hatte Angst, dass sie nein sagt, aber sie hat verstanden, um was es ging und es akzeptiert. Sie bleibt wunderschön, strahlend, aber es war wichtig für mich, dass sie das Alter ihrer Figur akzeptiert.


Und die Wahl von Chiara Mastroianni?
Das war auch irgendwie selbstverständlich. Aber es war so selbstverständlich, dass ich zuerst gezögert habe. Ich hatte Angst, dass die Realität des Lebens so präsent sein könnte und die des Films dadurch überlagert wird, und man vor allem Deneuve und ihre Tochter sehen wird, und nicht Claire und Marie. Letztendlich habe ich ihr die Rolle vorgeschlagen, was sich als unglaublicher Vorteil ausgewiesen hat. Chiara und Catherine haben schon einmal Mutter und Tochter gespielt, aber noch nie in so einer ausgefeilten Art. Ich glaube, beiden hatten darauf viel Lust, und es war für uns alle eine packende Erfahrung auf diesem doppelten Niveau einen Film über eine komplexe Beziehung zu machen, die anders als ihre reale Beziehung zueinander ist. Es hat mich sehr interessiert, die Traurigkeit und die Wut zu suchen, die sie nicht in ihrem Leben erfahren haben, sie dazu zu bringen, ihre Realität neu zu erarbeiten.

Und Alice Taglioni um die junge Catherine Deneuve zu spielen?
Eine junge Catherine Deneuve zu finden ist quasi unmöglich. Sie ist eine Ikone, mit der wir aufgewachsen sind… Wir wissen, wie sie mit 20 war, mit 40 oder mit 50, wir haben sie gesehen und wir sehen sie nach wie vor in Filmen aus dieser Zeit. Mit dem Casting-Direktor hatten wir zuerst überlegt, jemanden zu suchen, der ihr mehr in ihrer Präsenz, in ihrer Klasse, ähnelt als in ihrem Ausshen. Aber ich brauchte etwas Konkreteres, was mit Alice gelungen ist, die eine durchschlagende Schönheit hat, ähnlich wie die von Deneuve. Ich denke, dass es für sie eine sehr große Herausforderung war, Catherine Deneuve zu spielen, und sie war sehr aufgeregt.

Haben Sie sich am Casting der Dinge beteiligt?
Es stimmt, es war fast ein Casting! Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit dem Chef-Dekorateur Emmanuel de Chauvigny, einem langjährigen Freund und Mitarbeiter, zu arbeiten. Er hat es wunderbar geschafft, die Atmosphäre und Details ebenso wie die großen Linien, die dieser Geschichte Leben und Körper geben sollten, zu gestalten.
Die Elefantenuhr oder die Tiffany-Lampen kamen schon im Roman vor, aber ich habe auch viel von meinen eigenen Sammlungen beigetragen, wie die ausgestopften Tiere und die Automaten. Ich habe mich auch von Familienfotos und Erinnerungen an Familienstücke inspirieren lassen. Und dann haben wir in dem Haus meiner Großmutter gedreht. Ich konnte mir nicht vorstellen woanders zu drehen. So als ob ich diese Nähe brauchen würde, um mich noch tiefer in der Geschichte zu verankern.

Und die Anwesenheit des Zirkus im Dorf?
Der Zirkus, die Tiere, die Clowns waren alle nicht im Roman, ich habe davon profitiert, dass es dieses Dorffest gab, um diese Welt, die ich liebe hinzuzufügen. Es gefiel mir, dass es im Dorf diesen anderen Zirkus gab, als Parallele zu dem der im Haus stattfand. Das sind meine augenzwinkernden Verneigungen vor Iosseliani, Etaix und Fellini.

War die Szene mit dem Exorzismus im Roman?
Ja, und es war übrigens eines der Dinge, das mich am meisten angezogen hat. Ich bin nicht gläubig, von der Kultur leicht katholisch angehaucht, aber ich liebe diese unglaublichen Worte, die der Pfarrer ausspricht, um die bösen Geister im Haus zu verjagen. Diese Worte sind wie ein Echo auf das so verschiedenen Suchen der Figuren im Film, die alle zusammenführen und sich in der Szene des Jahrmarkts treffen: die Antiquitätenhändlerin zögert, die Gegenstände zurückzubringen, der Gendarm ist in seinem Flugzeug, das Feuerwerk geht los, das Haus beginnt zu brennen… Ich wollte ein chorales Ende, mit einem Countdown, der die Zeit konzentriert, während der Rest des Films sich über mehrere Epochen verteilt.
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Dienstag 23.04.2019
34. Internationales Dokumentarfilmfestival München
34. Internationales Dokumentarfilmfestival München
08. bis 19. Mai 2019

Das DOK.fest München erzählt von der Welt, in der wir leben: mit 159 der besten internationalen Dokumentarfilme des Jahres aus 51 Ländern an 20 Kulturspielorten in der Stadt.

Im Fokus der Retrospektive steht 2019 die peruanisch-niederländische Filmemacherin Heddy Honigmann. Die Gastlandreihe DOK.guest Russland nimmt die russische Gesellschaft abseits der außenpolitischen Schlagzeilen in den Blick, während die Themenreihe DOK.focus humaNature sich der Beziehung von Natur und Mensch widmet. Der Student Award zeigt aktuelle Arbeiten von Studierenden internationaler Filmhochschulen und die Highlight-Sektion Ganz großes Kino präsentiert Premieren auf der großen Leinwand im Deutschen Theater.

Der Branchenbereich DOK.forum bietet Case Studies, Workshops, Panels und einen Marktplatz, der Filmemacher.innen und Entscheidungsträger.innen aus dem deutschsprachigen Raum zusammenbringt.

Im Gasteig stellt das Festival eine vielfältige Filmauswahl sowie das Kinder- und Jugendprogramm DOK.education vor.

Das Festivalprogramm und den VVK finden Sie unter www.dokfest-muenchen.de.
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