Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Pierre Lemaitre „Die Farben des Feuers“

1

Siri Hustvedt „Damals“

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Steffen Mensching „Schermanns Augen“

3

The NASA Archives

4

T.C. Boyle „Das Licht“

5

Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“

6

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Mittwoch 15.05.2019
Pierre Lemaitre „Die Farben des Feuers“
Pierre Lemaitre liebt den Plot. Oder besser formuliert: Der französische Autor hat mit „Wir sehen uns dort oben“ schon einmal eine mitreißende Geschichte erzählt, in der (eiskalte) Berechnung und (konsequente) Rache die Handlung (erbarmungslos) vorantreiben. Vor sechs Jahren ein Megarfolg. Auf den Film, der in Frankreich schon 2017 anlief, warten die Leser hier in Deutschland bisher leider vergebens.
Nun also „Die Farben des Feuers“, der neue Roman des 1951 geborenen Lemaitre. Zählt man die Dinge auf, um die es in diesem Buch geht, könnte man schnell zu dem Schluss gelangen, die fast fünfhundert Seiten seien zu vollgepackt mit zu vielen Themen: Die unheilvolle Insolvenz eines Bankhauses, die damit im Zusammenhang stehenden sozialen Abstürze, menschliche Enttäuschungen, käufliche Politiker, betrügerische Karrieren, Kindesmissbrauch, Suicidversuche, verlässliche Freundschaften. Ein Panoptikum tragischer Helden und arglistiger Schurken in Zeiten des aufkeimenden Faschismus am Vorabend des 2. Weltkrieges.
Zusammengehalten werden die äußeren Eckpunkte dieser mitreißenden Geschichte durch einen geschickt eingefädelten Rachefeldzug, der fast kaltblütig durchgezogen wird und zumindest eine kleine, aus den Fugen geratene Welt wieder auf die Füße stellt.
Lemaitre gelingt es wunderbar, die einzelnen sehr unterschiedlichen Charaktere, die das Buch bevölkern, zu beschreiben, sie zu entwickeln, mit ihnen die Ereignisse voranzutreiben. Die einst sehr wohlhabende und dann verarmte Inhaberin der Pericourt Bank Madeleine und ihr querschnittsgelähmter Sohn Paul, samt dessen Freundin, der Operndiva Solange. Gustav Jourbet, einstiger Prokurist der Pericourt Bank und betrügerischer Unternehmer, der Privatdetektiv Monsieur Dupre, der Schriftsteller und Journalist Andre, das polnische Kindermädchen Vladi, das niemand (auch der Leser nicht) versteht und viele andere. Wie ein Spinne häckelt Lemaitre langsam aber entschlossen das Netz der Handlung, verknotet alle Schicksale geschickt miteinander, webt den Zeitgeist spürbar mit ein und macht aus dem Roman zugleich ein Sittengemälde. Ja, er schreckt nicht einmal davor zurück, einen Faden aus seinem besagten vorletzten Buch „Wir sehen uns dort oben“ mit ein wenig Ironie aufzunehmen und auszubauen. Das verwundert auch nicht. Denn beide Bücher sind die ersten zwei Teile eine Trilogie, die Lemaitre über die Zeit zwischen den Weltkriegen plant.
Dabei glänzt Lemaitre mit einer beeindruckenden, heute nicht selbstverständlichen Haltung und die gipfelt, trotz aller menschlichen Verwerfungen, letztendlich in seinem Bekenntniss zum Sieg der (Mit-) Menschlichkeit.
Zugleich schafft es der Autor, dass sich Unterhaltung, Spannung und Anspruch auch in diesem Buch auf Augenhöhe begegnen. Er schreibt flüssig, detailliert und individuell. Ein wenig erinnert Pierre Lemaitre in der Art des Aufbaus, der Dramaturgie seiner Geschichten und der Zeit, in der diese spielen, an den großen, heute, wie es scheint zu Unrecht, fast vergessenen Erich Maria Remarque.
Jörg Konrad

Pierre Lemaitre
„Die Farben des Feuers“
Klett-Cotta
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 23.04.2019
Siri Hustvedt „Damals“
Autobiographisches Erzählen liegt schon lange und immer noch im Trend. Die Selbsterforschung einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers trifft auf den Wirklichkeitshunger des lesenden Publikums. In den letzten Monaten sind in deutscher Übersetzung zwei Romane zweier bedeutender Autorinnen erschienen, die von ihrer Thematik her sehr vergleichbar sind: „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux und „Damals“ von Siri Hustvedt. In beiden Büchern blickt eine ältere Schriftstellerin zurück auf ihre Vergangenheit, auf die Zeit, als sie sich als junge Frau aus der Provinz ins Leben stürzte und erste sexuelle Erfahrungen machte. Erfahrungen, die demütigend und traumatisierend waren.
Doch während Annie Ernaux mit unerbittlicher Stringenz und unbestechlichem Blick der Wahrheit ihrer eigenen Geschichte auf der Spur bleibt, geht Siri Hustvedt sehr viel spielerischer mit ihrem Stoff um: „Ich habe schon immer geglaubt, dass Erinnern und Phantasieren ineinander übergehen“. Nicht alle Details entsprechen Realitäten in Siri Hustvedts Leben – so ist die „S. H.“ im Buch zum Beispiel mit Walter, einem rothaarigen Physiker verheiratet, und nicht mit dem berühmten Schriftsteller Paul Auster. Und doch ist „Damals“ wohl einer ihrer persönlichsten Romane.
Die junge Autorin, die einen Bachelor in Philosophie und Englisch hat und eine besessene Leserin ist, zieht als 23-Jährige in das dreckige, gefährliche, aufregende New York der späten 70er Jahre „um zu leben, zu leiden und ihren Kriminalroman zu schreiben“. Minnesota, wie sie ihrer Herkunft wegen genannt wird, taucht ein ins Partyleben, in die Schriftsteller- und Intellektuellenszene New Yorks, sie hungert und sie schließt Freundschaften. In ihrem billigen Apartment hört sie durch die dünnen Wände die Lebensäußerungen ihrer unsichtbaren Nachbarin Lucy Brite. Zunehmend fasziniert und verstört belauscht sie, mit dem alten Stethoskop ihres Vaters an der Wand liegend, die Gesänge und Selbstgespräche, in denen es um ein totes Kind, um Gewalt und Mord geht. Sie spürt, dass die Angst und der Schmerz dieser fremden Frau irgendwie auch ihre eigenen sind. Gemeinsam mit ihren Freunden versucht sie, Lucy Brites Geheimnis zu lüften.
Minnesotas New York-Erlebnisse kulminieren in einer Beinahe-Vergewaltigung. Ein Zufallsbekannter bringt sie nach einer Party nach Hause und folgt ihr in ihre Wohnung. Ihre Schreie alarmieren ihre Nachbarin. Zusammen mit zwei Freundinnen schlägt diese Minnesotas Peiniger in die Flucht. Ein Besen und drei unbekannte Frauen haben Minnesota gerettet. Doch Angst und Scham über ihre Hilflosigkeit und Feigheit lassen sie ihr Leben lang nicht los. „Es waren die Verachtung und Herablassung des Mannes, die ich nicht abschütteln konnte, seine lächelnde Selbstgewissheit, dass meine Worte bedeutungslos waren, dass ich keine Antwort verdiente, dass ich ein Niemand war.“ Das Erlebnis ist der Beginn ihrer Freundschaft mit den drei „Ladies vom Besen“, die sie gerettet haben, und die einem skurrilen feministisch-esoterischen Hexenkult frönen. Minnesota alias Siri Hustvedt sucht einen anderen Weg, sich als Frau zu behaupten: sie benutzt ihr Wissen, die Sprache, das Schreiben.
Siri Hustvedt ist eine phantasievolle, hochbelesene, kluge Autorin. Auf unterschiedlichen Erzählebenen entführt sie den Leser und vor allem die Leserin, die sie als ihre „imaginäre Freundin“ anspricht, in einen faszinierenden Kosmos aus Erinnerungen, Tagebuchaufzeichnungen, Reflexionen und Geschichten. Da ist zum Beispiel ihr unvollendeter Kriminalroman, der im Buch in Einschüben abgedruckt ist. Da ist die Geschichte der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, einer femme fatale und Künstlerin des Dadaismus, die als Frau und Künstlerin nie anerkannt wurde, oder die amüsante Erinnerung, als die junge Minnesota auf einer Einladung einen selbstherrlichen Philosophieprofessor in einem Disput in die Enge treibt und anschließend in Ohnmacht fällt. „Eine Geschichte wird zu einer anderen und viele Geschichten sind irgendwie dieselben.“ Denn alle haben das eine große Thema: die Rolle der Frau und der Künstlerin in einer von Männern dominierten Welt. In all diesen Geschichten und Erinnerungen geht es um den Männlichkeitsmythos, um männliche Überheblichkeit und Missachtung und um das Aufbegehren der Frauen. Schon für ihren bewunderten Vater war die Autorin „nur ein Mädchen“, und heute lebt sie im Zeitalter eines starken Mannes, „der den Massen seiner weißen Anhänger Obszönitäten über Muslime, Schwarze, Immigranten und Frauen in die Ohren jault“.
Und doch endet Siri Hustvedts Buch, ihre wütende, witzige, melancholische Selbstbetrachtung, versöhnlich. „…Jetzt kann ich mein früheres Selbst anlächeln, etwas traurig vielleicht, aber ich kann lächeln“. Auf der letzten Seite des Romans sieht man eine Zeichnung der Autorin: Eine nackte junge Frau mit einem Messer in der Hand schwebt über New York und steigt nach oben.
Lilly Munzinger, Gauting

Siri Hustvedt
„Damals“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 14.04.2019
Steffen Mensching „Schermanns Augen“
Im Ausnahmefall ist es erlaubt, auch einmal mit der Tür ins Haus zu fallen. Und ein solcher Ausnahmefall ist Steffen Menschings Roman „Schermanns Augen“. Ein außergewöhnlich beeindruckendes Buch, ein Buch, das Spuren hinterlässt, ein virtuoses Buch, das konfrontiert und einem den Atem raubt. Konsequent (bis an die Schmerzgrenze), aufwühlend (aufgrund der Extreme), historisch korrekt (und auf verschiedenen Zeitebenen spielend), dramaturgisch brillant aufgebaut (außergewöhnliches Ineinandergreifen unterschiedlicher Charaktere), politisch provokant (kein wirkliches Kriterium), sehr gut lesbar (!). Mensching, Jahrgang 1958, fordert mit diesem 800 Seiten starken Text heraus, in dem er kompromisslos gegen das Vergessen anschreibt - auch gegen die Gefahr, den Menschen als die Krone der Schöpfung zu enttarnen.
Handlungsort des Romans: Artek II, ein Gulag im Norden der damaligen Sowjetunion. Handlungszeit: 1940, mit einigen Rückblenden in die 1920er und 1930er Jahre. Die äußeren Umstände: Kälte, Hunger, Tod und Gewalt. Handelnde Personen: Ein jüdischer Graphologe und Hellseher aus Polen, ein deutscher Kommunist, Lagerkommandanten, politische und kriminelle Inhaftierte, Karl Kraus, Herwart Walden, Sergej Eisenstein, Alfred Döblin, Else Lasker Schüler, Stalin, Hitler, Trotzki.
Ein gewaltiges Tableau an handelnden Personen, die Mensching mit- und zueinander in Beziehung setzt, Geschichte und Geschichten aufrollt, sie interpretiert, Anekdoten einfach nur erzählt und letztendlich damit die größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Form individueller Schicksale aufarbeitet (wunderbar dabei die Idee, ein Großteil der Personen auf dem schmalen Lesezeichen abzudrucken).
Man könnte meinen, Mensching würde mit diesem Buch versuchen, das Trauma seines Lebens zu bewältigen. Aber „Schermanns Augen“ enthält nicht die Erlebnisse des Autors. Dafür ist der in Ostberlin geborene und aufgewachsene Autor zu jung. Aber er hat sie mit Sicherheit gelesen, die Bücher Solschenizyns und Schalamows, Alfred Koestlers „Sonnerfinsternis oder Mannes Sperbers „Wie eine Träne im Ozean“. Es sind jene Bücher, die die Realität hinter dem Versuch, eine klassenlose Gesellschaft allein zum Wohle der Menschheit aufzubauen, grell beleuchten.
Mensching hat an diesem seinem Meisterwerk über zwölf Jahre lang gearbeitet – um letztendlich das im Dunklen liegende Ende der historisch verbürgten Person des Rafael Schermann zu erzählen. Das gesamte Spannungsverhältnis des Romans leitet sich jedoch ab aus der Beziehung eben jenes Schermann zu dem deutschen Jungkommunisten Otto Haferkorn. Beide stoßen im mitleidlosen Millieu des Gulag aufeinander. Der Pole kann kein Russisch. Doch die sowjetische Staatsmacht (oder der Kommandant des Lagers?) ist an ihm und seinen hellseherischen Fähigkeiten interessiert. Haferkorn hingegen hat im Moskauer Exil beim Aufbau der Kommunistischen Internationale gearbeitet und ist der sowjetischen Säuberungspolitik zum Opfer gefallen. Er überlebt, weil der gerade geschlossene Hitler-Stalin-Pakt für Unsicherheit sorgt. Wie ist mit deutschen Häftlingen umzugehen?
In spontanen Perspektivwechseln, dramatischen Rückblenden und bewegenden Darstellungen rollt Mensching diese Zeit neu auf, macht deutlich, wie nah Himmel und Hölle beieinander sind. Mensching, Kulturwissenschaftler, Schauspieler, Regisseur und eben Autor, beherrscht die Umgangssprache der feinen Wiener Gesellschaft ebenso, wie den rüden Lagerjargon der Unterwelt.
Es bleibt die Frage, ob über dieses kolossale Buch noch viel mehr zu schreiben ist. Nein, muss man nicht. Man sollte die Zeit nutzen, „Schermanns Augen“ zu lesen.
Jörg Konrad

Steffen Mensching
„Schermanns Augen“
Wallstein Verlag
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 31.03.2019
The NASA Archives
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Eigentlich ist die Gründung der NASA (die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde der USA) dem einstigen Klassenfeind, der Sowjetunion geschuldet. Denn als am 4. Oktober 1957 in den frühen Abendstunden der erste künstliche Erdsatellit vom kasachischen Baikanur aus ins All geschossen wurde, waren die Amerikaner vollkommen überrascht, ja regelrecht hysterisiert. Sie hatten weltraumtechnisch nichts entgegenzusetzen und mussten zusätzlich noch russische Flugkörper über ihrem Territorium hilflos tolerieren. Und da die beiden politischen Blöcke schon damals in einem stark rivalisierendem Verhältnis zueinander standen, reagierten die USA zwangsläufig schnell darauf. Schon ein Jahr später wurde als Antwort und unter Zeitdruck die NASA ins Leben gerufen. Aus einer Anfangs recht kleinen, überschaubaren Firma mit nur wenigen Mitarbeitern wurde innerhalb weniger Jahre ein riesiges Technologieunternehmen. Über eine halbe Millionen Mitarbeiter realisierten zehn Jahre später den ersten bemannten Flug zum Mond. Noch einmal zehn Jahre später landeten Robotersonden sogar auf dem Mars.
2018 feierte die NASA nun ihr 60. Jubiläum. Grund genug, den Entwicklungsweg von damals bis in unsere heutige Gegenwart nachzuzeichnen und zu dokumentieren. Mit THE NASA ARCHIVES – 60 JAHRE IM ALL liegt nun im TASCHEN Verlag ein opulenter Prachtband vor, der diesem Anliegen vollauf gerecht wird. Entstanden ist das Buch in enger Zusammenarbeit mit der NASA selbst und einigen außenstehenden hochrangigen Wissenschaftlern.
Herausgeber und Autor ist der Wissenschaftshistoriker Piers Bizony, der schon in den zurückliegenden Jahren außergewöhnliche Werke über anspruchsvolle Forschungsthemen geschrieben hat.
Auf über vierhundert Seiten wird die Geschichte der NASA beeindruckend (und zweisprachig in englisch und deutsch) dargestellt. Hinzu kommen über fünfhundert zum Großteil erstmals veröffentlichte Fotos aus den Archiven des Weltraumunternehmens. In die einzelnen Abhandlungen finden die frühen Mercury-Projekte ebenso Eingang, wie die folgenden Gemini- und Apollo-Unternehmungen. Es wird die Entwicklung hin zum Hubble-Weltraumteleskop beschrieben, das der Menschheit einen völlig neuen Blick in den Kosmos ermöglicht. Hinzu kommt die Fertigung des ferngesteuerten Marsrover Spirit und die Planungen hin zu den wiederverwendbaren Raumfähren Columbia, Challanger und Atlantis
Dieses Buch zeigt aber auch, dass die US-amerikanische Raumfahrt nicht allein eine Erfolgsgeschichte war, sondern dass sie auch immer wieder von herben Rückschlägen eingeholt wurde, wie sie aber auch jede Entwicklung, die im wahrsten Sinne des Wortes Neuland betritt, bereithält.
Natürlich werden auch die vielen Mitarbeiter hinter den Projekten gewürdigt, die Wissenschaftler und Techniker, die Designer und die Helden des Universums, Astronauten selbst.
THE NASA ARCHIVES – 60 JAHRE IM ALL, das sind fünfeinhalb Kilo realisierte Menschheitsträume und Visionen für die nahe und für die ferne Zukunft in nur einem Band.
Jörg Konrad


The NASA Archives
"60 Jahre im All"
TASCHEN Verlag

 
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 19.03.2019
T.C. Boyle „Das Licht“
T.C. Boyle hinterfragt stets. Dafür ist er bekannt und in den Zeiten der Trump-Era immer mehr gefürchtet. Nie nimmt er ein Blatt vor den Mund.
Dabei verkörpert der mittlerweile 70jährige Wahl-Kalifornier wie kaum ein anderer Autor den „American Dream“. Denn dem Sohn einer Sekretärin und eines Busfahrers war die Karriere als Bestseller-Autor mit Doktortitel nicht von vorn herein beschieden. Zunächst schien es ihn, ebenso wie seine Eltern, in den Abgrund der hochprozentigen Versuchungen zu treiben. Doch er fand einen Weg aus diesem Teufelskreis und zog sich durch eiserne Disziplin selbst aus dem Abhängigkeitsumpf. Diese Selbstbeherrschung gibt ihm Inspiration und Schaffenskraft: Jeden Morgen beginnt er mit einem ausgiebigen Spaziergang in die Natur, es folgt ein einfaches Frühstück und sein „Fifteen Minute Nap“, eine kurze Meditationsübung. Nach dieser viertelstündigen Auszeit beginnt Boyle zu schreiben und er hat seine Leser mit dem Ergebnis bisher nicht enttäuscht. Seit dem Erscheinen seines fulminanten Erstlingswerkes „Wassermusik“ im Jahre 1982 veröffentlichte er 16 Romane und 11 Kurzgeschichtensammlungen. 
Seine beständigste ausländische Leserschaft  besitzt T.C. Boyle in Deutschland und erst jetzt war er hier auf Lesereise, um in meist ausverkauften Häusern seinem treuen Publikum sein neuestes Werk „Das Licht“ näher zu bringen.
In diesem bei HANSER erschienen Band (Orig.-Titel „Outside looking in“) widmet sich Boyle erneut einer realen Kult-Gestalt aus dem vergangenen Jahrhundert. Waren dies in „Willkommen in Wellville“ (2003) der Frühstücks-Flocken-Magnat John Harvey Kellogg und in „Die Frauen“ (2009) der charismatische Architekt Frank Lloyd Wright, deren verworrenes Leben der Autor unter die literarische Lupe nahm, so ist es diesmal der von Mythen und Anekdoten umwobene Psychologe Timothy Leary, der Ende der 1960er Jahre als Dozent an der renommierten Havard-University mit der Droge LSD experimentierte.
Im Vorspiel führt der Autor den Leser zunächst in das vom 2.Weltkrieg nur leicht berührte Basel. In der Schweiz geht das Leben seinen zwar eingeschränkten, aber doch recht normalen Gang. So wird in der Pharmafirma Sandoz fleißig experimentiert und der Laborleiter Dr. Albert Hofmann synthetisiert eine Substanz mit dem Namen  LSD-25. Um diese zu testen, macht Hofmann einen Selbstversuch, der ihm sofort zeigt, wie gefährlich die halluzinogene Wirkung ist, vor der er eindringlich bis an sein Lebensende mit 102 Jahren warnen wird.
Filigran zeichnet dann Boyle das Bild des „Drogen-Gurus“ Leary und all seiner „Jünger“, die er in den sogenannten „Inner Circle“ beruft. Leary ist eine ebenso suspekte wie vielschichtige Gestalt, die aus der Sicht des Ehepaares Fitz und Joanie Loney geschildert wird.
Der junge Doktorand Fitz und seine höchst attraktive Frau Joanie verfallen recht schnell den Versuchungen der „Sessions“, zu der Leary regelmäßig in sein Haus einlädt. Wer diese Offerte ablehnt, wird ausgegrenzt. Allwöchentlich machen sich die Auserwählten mit einigen Hundert Mikrogramm LSD auf die Reise in die innere Erleuchtung: Sie suchen das Licht. Was vielen der freiwilligen Probanden erst im Nachhinein auffällt, ist die Tatsache, dass sie während dieser Ekstase schnell und hingebungsvoll in den Armen eines Liebhabers oder einer Liebhaberin landen. Leary steht dabei an der Spitze, was die Häufigkeit dieser Erfahrungen angeht. Keine der Frauen, nicht einmal die gerade 18jährige Lori, kann den Verlockungen des Gurus widerstehen. Tim, wie alle Leary liebevoll nennen, bekommt was immer er will.
Selbst nach der Entlassung aus dem Hochschuldienst propagiert er mit Nachdruck das Recht auf freien und selbstbestimmten Drogenkonsum. Letztendlich gelingt es ihm, die ganze Kommune zunächst in Mexico und später dann in einem riesigen Haus in Millbrook nördlich von New York zu versammeln. Unter der Prämisse der Selbstfindung und dem Ablegen aller bürgerlichen Zwänge sollen Neid, Missgunst oder gar Eifersucht den Mitbewohnern fremd sein: So ist die Idylle des Gruppenbewusstseins fast zu schön, um wahr zu sein.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Leary setzt durch, dass auch die anwesenden Kinder seiner Testpersonen die „Erleuchtung“ spüren sollen. Unter Begleitung der Erwachsenen bekommen sie die knappe die halbe Dosis. Später wird deutlich, dass die Jugendlichen unbemerkt mehr als die doppelte Dosis nehmen, um eigene, letztendlich unkontrollierte Erfahrungen zu machen. Das Resultat ist das Gleiche wie bei den Erwachsenen: Abhängigkeit.
Als Leary dann glaubt, ausgeloste Paare in einer einwöchigen LSD-Session im abgeschirmten Terrain des Meditationshauses von allen Zwängen befreien zu können, ist das Ende der Gemeinschaft der Offenbarung vorprogrammiert. Für das Ehepaar Loney wird diese Erfahrung besonders schmerzlich. Joanie zieht die Reißleine und flieht mit ihrem Sohn in die Obhut ihrer Eltern. Der angehende Harvard-Doktorand Fitz verliert mehr und mehr den Halt: Wird auch ihm der Absprung gelingen?
Thomas Coraghessan Boyle gelingt es erneut meisterhaft, die Charaktere seiner Protagonisten mitreißend darzustellen. Von Anfang an wirken sie in ihrer Freude und in ihrem Leid vertraut. Große Literatur, die federleicht zurück in eine ferne Zeit großer Visionen führt.
Klaus Huch


T.C. Boyle
„Das Licht“
Hanser
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Sonntag 10.03.2019
Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“
Einige Bücher von Stewart O`Nan besitzen einen realen Hintergrund. Der amerikanische Autor baut die Inhalte und die Schicksale seiner Charaktere in die Kulissen historischen Geschehens. Am deutlichsten wird dies in „Der Zirkusbrand“ aus dem Jahr 2003. Hier hat O`Nan den verheerenden Brand eines Zirkus in seiner Heimatstadt Hartford im Jahr 1944 als präzise aufgearbeitete Reportage literarisch verarbeitet.
Stadt der Geheimnisse“, O`Nans neuster, 15. Roman, spielt im Jahr 1946 in Jerusalem, kurz bevor das King David Hotel von der radikal-zionistische Terrororganisation Irgun in die Luft gesprengt wird. Palästina stand damals, die Gründung Israels erfolgte erst im Mai 1948, unter britischem Mandat.
O`Nan erzählt eine Geschichte aus dem Widerstand. Im Zentrum des Geschehens steht Brand, ein aus Lettland stammender Taxifahrer, dessen Familie in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurde. Ihm selbst gelang die abenteuerliche Flucht ins gelobte Land, was in ihm, als einzig Überlebenden der Familie, starke Schuldgefühle auslöst. Aus dieser Gewissensqual heraus schließt er sich der Untergrundorganisation Irgun an und erledigt für sie immer wieder kleinere Auftragsarbeiten. Dabei lernt er die Prostituierte Eva kennen, die ebenfalls wie durch Wunder deutsche Konzentrationslager und den Naziterror überlebt hat.
O`Nan entwirft ein stimmungsvolles Bild Jerusalems. Einer Stadt, in der die Folgen des Krieges, die ungeklärten auch individuellen Existenzfragen, Besatzerwillkür und die Massen an illegalen jüdischen Einwanderern den Alltag bestimmen. Der Kampf um Unabhängigkeit wird von allen Seiten rücksichtslos geführt. Menschenleben zählen nur als Faustpfand.
Brand bewegt sich in diesem Labyrinth des persönlichen Misstrauens und der individuellen Gegensätze schwankend. Er, der in den zurückliegenden Jahren seines Lebens weder Sicherheit noch so etwas wie Fürsorge empfunden hat, wirkt hilflos und überfordert. Ihm wird im Laufe der Ereignisse klar, wie schwierig es ist, Recht auf der Grundlage von Ungesetzlichkeit und Verbrechen neu aufzubauen. Unter diesen Vorzeichen wird er kein Überzeugungstäter, sondern ein zeitlich begrenzter Mitläufer.
O`Nan stellt dem Roman einen Gedanken Menachem Begins, dem späteren Ministerpräsidenten und Außenminister Israels, voran: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen“. Ein Motto, das das bewusste Verdrängen als einen Weg zum Erfolg und zur rechtmäßigen Bestimmung weißt.
Hier werden Menschen beschrieben, die der Hölle noch immer nicht ganz entronnen sind. Entwurzelte auf der gewaltbereiten Suche nach ihrer schon in der Bibel bestimmten Heimat.
O`Nan hat diese Episode aus dem jüdischen Freiheitskampf dramaturgisch klar und übersichtlich aufgebaut. Er erzählt dieses Zwischenspiel aus Brands Leben in einem teilnahmslosen, leidenschaftsarmen, manchmal regelrecht lethargischen Ton, der den Traumata seiner bisherigen Vita geschuldet zu sein scheint. Ihm fehlt, nach all den Schrecknissen der Vergangenheit, die überzeugende Hoffnung, der überzeugte Blick in eine ungetrübte Zukunft. Auch wenn ihm die Liebe zu Eva immer wieder Flügel verleiht, bleibt er ein seelisch gebrochener Mensch.
Jörg Konrad

Stewart O`Nan
„Stadt der Geheimnisse“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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