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Inhaltsverzeichnis
ES GILT DAS GESPROCHENE WORT

1

ALPGEISTER

2

MESSER IM HERZ

3

TEL AVIV ON FIRE

4

WENN FLIEGEN TRÄUMEN

5

A BEAUTIFUL NIGHT

6

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Donnerstag 18.07.2019
ES GILT DAS GESPROCHENE WORT
Ab 01. August 2019 im Kino
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Gegensätzlicher könnten die Lebenswelten von Marion (Anne Ratte-Polle) und Baran (Oğulcan Arman Uslu) kaum sein, als sie sich am Strand von Marmaris zum ersten Mal begegnen: Marion, die selbstbewusste, unabhängige Pilotin aus Deutschland, trifft auf Baran, den charmanten Aufreißer wider Willen, der von einem besseren Leben jenseits des Bosporus träumt. Zielstrebig bittet er Marion, ihn mit nach Deutschland zu nehmen. Und sie lässt sich auf dieses Wagnis ein, ganz gegen ihre sonst so überlegte, reservierte Art, und schließt einen Deal mit ihm. Vielleicht, weil sie gerade selbst dazu gezwungen ist, ihr bisheriges Leben zu überdenken? Marions Dauer-Affäre Raphael (Godehard Giese) wird von der neuen Situation vollkommen überrascht. Baran gibt alles, um die ihm gebotene Chance auf ein neues Leben zu nutzen. Das beeindruckt Marion – ihre Zurückhaltung beginnt zu bröckeln, und beide kommen sich näher als geplant …


Ein Film von ILKER ÇATAK
Mit ANNE RATTE-POLLE, OĞULCAN ARMAN USLU, GODEHARD GIESE u.a.


ES GILT DAS GESPROCHENE WORT ist ein Versprechen. Es ist ein Film über zwei Menschen, die über jegliche innere und äußere Widerstände hinweg, die Liebe und zu sich selbst finden. Mit ES GILT DAS GESPROCHENE WORT gelingt dem Studenten-Oscar®-Preisträger Ilker Çatak (ES WAR EINMAL INDIANERLAND) eine bewegende Liebesgeschichte mit pointiertem Witz jenseits kultureller und gesellschaftlicher Konventionen. Ein berührender Film über den Mut, sich dem Fremden zu stellen, Wagnisse einzugehen und Herausforderungen anzunehmen. Gleichzeitig spielt ES GILT DAS GESPROCHENE WORT mit gängigen gesellschaftlichen Klischees und Vorurteilen, um diese umgehend klug und subtil zu entkräften.
 
Der junge deutsche Regisseur Ilker Çatak erhielt 2014 für seinen Kurzfilm WO WIR SIND eine Nominierung für den Studenten-Oscar® und gewann den Kurzfilmwettbewerb des Filmfestivals Max-Ophüls-Preis. Ein Jahr später konnte er für seinen Film SADAKAT sowohl den begehrten Studenten-Oscar® als auch erneut den Max-Ophüls-Preis und den renommierten First Steps Award mit nach Hause nehmen. 
 
In den Hauptrollen sind die brillante Anne Ratte-Polle (DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER) und Çataks Entdeckung Oğulcan Arman Uslu zu sehen. Mit ihnen spielen Godehard Giese (TRANSIT), Özgür Karadeniz („Dogs of Berlin“), Jörg Schüttauf (DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER), Sebastian Urzendowsky („Babylon Berlin“) und Johanna Polley („Bad Banks“) vor der Kamera von Florian Mag. 
 
ES GILT DAS GESPROCHENE WORT, eine Produktion von if…Productions, dem ZDF und ARTE, wird von X Verleih am 01. August 2019 in die deutschen Kinos gebracht. Gefördert wurde das Projekt von: Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Deutscher Filmförderfonds, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, FilmFernsehFonds Bayern und Minitraité der FFA. 


I L K E R   Ç A T A K   Ü B E R    E S   G I L T   D A S   G E S P R O C H E N E   W O R T
 
Die Geschichte von ES GILT DAS GESPROCHENE WORT begann im Grunde noch bevor ich wusste, dass ich einmal Filme machen würde. Meine Großeltern waren in den 1980ern mit dem Ersparten aus zwei Dekaden Gastarbeit in die Türkei zurückgekehrt, um eine kleine Pension am Mittelmeer zu führen. Marmaris entwickelte sich in den 1990ern zu einem pittoresken, von Touristen aus aller Welt frequentierten Ferienort. Bis zu meinem 18. Lebensjahr verbrachte ich meine Sommerferien dort. In gewisser Weise war das meine erste Schule, um Filmemacher zu werden. Meine Großmutter sagte immer, dass ein Hotelier ein Menschenkenner sein müsse. Man solle wissen, wen man ins Hotel lässt – zu häufig wurde sie von Schlitzohren über den Tisch gezogen. Es muss in dieser Zeit gewesen sein, in der ich meinen Blick für Leute und ihre Eigenarten schärfte. Nicht selten hatten wir Angestellte und Gäste, die sich in ähnlichen Konstellationen einfanden wie Baran und Marion : Einerseits junge Männer aus Anatolien, die im Streben nach Wohlstand und Reichtum keine Moral kennen und alles in Kauf nehmen, um ihren Traum von Europa wahr werden zu lassen. Andererseits Frauen auf der Suche nach einer anderen Wirklichkeit – nach Sinnlichkeit und Liebe. 
Das Schicksal solcher Paare fasziniert mich seit jeher. Denn angekommen in Deutschland, setzt oftmals Ernüchterung ein. Die Rollenverhältnisse kehren sich radikal um: War der Mann eben noch ein galanter Kenner der exotischen Kultur, so ist er plötzlich abhängig von der Frau. In so ziemlich jeder Lebenslage. Genau dieses Spannungsfeld bot sich an. Als ich vor einigen Jahren begann, einen Plot zu einem solchen Paar zu skizzieren, war recht schnell klar, dass es wichtig ist, dem klischeehaften Bild dieser Konstellationen entgegenzusteuern. Bedeutet: keine naive Frau, die alle Warnungen ausblendet und blindlings an die selbstlose Liebe ihres Partners glaubt. Kein gefühlskalter Mann, der nur darauf aus ist, seine drei Jahre auszusitzen, um dann den Pass einzustecken und sich scheiden zu lassen – auch wenn das oftmals die trostlose Realität ist. Stattdessen wollte ich aus Marion und Baran Figuren machen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen. Menschen, die sich nicht klein kriegen lassen – sondern über sich hinauswachsen. Menschen, die sowohl innere als auch äußere Widerstände überkommen, um sich am Ende gegenseitig als Liebende zu erkennen. 
Das Wagnis also, einen Liebesfilm zu machen. Jenes Genre, das so großartige Geschichten bespielen kann, wenn es gut gemacht ist. Die Herausforderung anzunehmen, Kulturen aufeinander prallen zu lassen und in vier Sprachen zu drehen. Existenzielle Fragen zu stellen. Von Sehnsüchten und Träumen und Leidenschaften zu erzählen. Vor der Vielfalt des Lebens nicht zurückzuschrecken, sondern genau jene Winkel auszuleuchten, die es interessant machen – Milieus und soziale Geflechte, die wir sonst nicht vor Augen geführt bekommen. Menschliche Beziehungen, die rau und ruppig sind, zuweilen gar tragisch, um am Ende groß zu werden. Das alles soll dieser Film sein! Ein Wagnis. Eine Herausforderung. Eine Chance. So wie das Schicksal unserer Protagonisten selbst.


I N T E R V I E W   M I T   R E G I S S E U R   I L K E R   Ç A T A K
 
Warum haben Sie sich für das Genre Liebesfilm entschieden?
Es war keine bewusste Entscheidung für den Liebesfilm, sondern zunächst mal ein Interesse an der Dynamik einer solchen Figurenkonstellation.
 
Wie kamen Sie auf diese ungewöhnliche Konstellation der beiden?
Was war Ihnen bei der Ausarbeitung der Figuren besonders wichtig? Die Konstellation ergab sich aus den Beobachtungen, die ich in Marmaris gemacht habe. Oft waren dies aber traurige Beziehungen, in denen die Frau sehr naiv an die bedingungslose Liebe des jungen Lovers glaubte, wohingegen dem Mann andere Interessen wichtig waren, etwa der wirtschaftliche Aufstieg. Mir war wichtig, dieses Klischee umzudrehen – besonders die Frau nicht derart gutgläubig zu erzählen. 
 
Marion ist eine unabhängige, selbstbewusste Frau, die sich beruflich verwirklichen konnte und auch privat scheinbar ein erfülltes Leben führt. Was treibt sie dazu, dieses große Wagnis einzugehen? Warum hilft sie Baran und stellt dabei auch ihr eigenes Leben komplett auf den Kopf?
Da spielen viele Faktoren mit. In den ersten Buchfassungen gab es einige Bestrebungen, ihrem Entschluss mehr externe Motivation zu geben. Beispielsweise gab es eine Fassung, in der Baran einem Bombenanschlag nur knapp entkommt und ihn Marion daraufhin heiratet, weil sie Mitleid mit ihm hat. Irgendwann haben wir aber festgestellt, dass diese Entscheidung nicht durch äußere Einflüsse herbeigeführt werden darf. Und dass es stark sein kann, wenn die Figur ein Geheimnis hat, das auch Baran über weite Strecken ratlos lässt.
 
Baran landet als Loverboy am türkischen Strand von Marmaris. Er hat nichts zu verlieren. Auf der Suche nach einem besseren Leben ergreift er jede Chance, seinen Traum wahr werden zu lassen. Dabei gerät er zunächst unentwegt in Abhängigkeiten. Was macht das mit ihm?
Es macht ihn zu einem Menschen, der einen Ausweg sucht.
 
Ihre Protagonisten verhalten sich komplett entgegen der allgemeinen stereotypen Erwartungen. Inwieweit wollten Sie mit Ihrem Film auch Klischees beiseite räumen?
Beim Schreibprozess ist das Klischee zunächst mal dein Freund. Es hilft, um ein Gerüst für die Geschichte zu bauen. Aber die Gefahr dabei ist, dass man erwartbar wird. In unserem Fall war das Klischee der Lover, der seine Liebe vorgaukelt und die ältere Frau, die unsterblich in ihn verliebt ist. Dieses Klischee wollten wir brechen: er liebt sie wirklich. Und sie ist diejenige, die ein Geheimnis hat.  
 
Ist eine Liebesgeschichte, die viele kritische Aspekte unseres heutigen Gesellschaftsbildes offenbart und sich den Klischees entgegenstellt, ein Wagnis? 
Wagnis ist ein großes Wort und vermutlich auch Definitionssache. Es war aber schon eine Überwindung, eine ehrliche Liebesgeschichte jenseits von Ironie zu erzählen. Einfach, weil man immerzu am Reflektieren ist: Kann man das machen? Ist das nicht zu kitschig? Werden wir gerade sentimental? usw.  
 
Beim Drehbuch arbeiteten Sie erneut mit dem Schriftsteller Nils Mohl zusammen, der auch das Drehbuch und die Romanvorlage für Ihren letzten Film ES WAR EINMAL INDIANERLAND lieferte. Erzählen Sie uns bitte ein wenig über die Drehbuchentwicklung von ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!
Nils und ich haben schon an Marion und Baran geschrieben, als INDIANERLAND noch nicht gedreht war, also seit 2016. Mit Nils macht es immer großen Spaß, weil er a) ein wahnsinnig guter Geschichtenbauer ist und b) tolle Dialoge schreibt. Trotzdem war es eine recht lange Buchentwicklung, weil wir immer wieder in Klischeefallen getappt sind und umschreiben mussten. Wir haben viel gegrübelt, viele Spaziergänge gemacht, viel Wein getrunken. Letzteres geht mit Nils auch sehr gut.
 
Wie lange dauerte es ES GILT DAS GESPROCHENE WORT filmisch zum Leben zu erwecken?
Von der ersten Idee bis zum fertigen Film wohl etwa zehn Jahre.
 
Welchen Herausforderungen mussten Sie sich bei der Umsetzung des Films stellen? Gab es Hindernisse zu überwinden?
Wie auch im Film war Sprache ein großes Hindernis. OĞULCAN ARMAN USLU, also unser Baran , konnte weder Deutsch noch Englisch, als wir ihn gecastet haben. Dies führte dazu, dass ich viel übersetzen musste, um zwischen ihm und ANNE RATTE-POLLE, unserer M arion , eine Arbeitsgrundlage zu schaffen.  
 
Ihr Film umspannt drei Zeiteinteilungen: „Ich war“, „Ich bin“ und „Ich werde sein“. Warum haben Sie sich für diese Erzählform entschieden?
Der Film erzählt eine Zeitspanne von etwa drei Jahren. Wir wollten Einblendungen wie „Zwei Jahre zuvor“ oder „Sechs Monate später“ vermeiden. Unser Editor Sascha Gerlach hatte daraufhin die Idee, den Film in Kapitel einzuteilen, wie man sie auch in Sprachkursen hat: Präteritum, Präsens, Futur I.  
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 11.07.2019
ALPGEISTER
Ab 18. Juli 2019 im Kino
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ALPGEISTER beschäftigt sich mit den Mythen, den Sagen und der spirituellen Welt unserer Vorfahren in den bayerischen Alpen. Mit authentischen Aussagen von Alpenschamanen, Eingeweihten und Wissenden, mit spannenden alten Sagen und Geschichten sowie mit großen Kinobildern der alpinen Bergwelt lässt ALPGEISTER fast schon vergessene Welten wieder auferstehen. Gleichzeitig zeigt dieser Film, wie stark die Menschen einst mit der lebendigen, für sie beseelten Natur und ihren Geistern verbunden waren. Damit wird dieser Film auch zu einem sinnlichen Appell für eine nachhaltige Neuorientierung und Hinwendung zu unserem Planeten, zur Mutter Erde.

Ein Film von Walter Steffen

Der Film ALPGEISTER sucht und folgt den überlieferten Geheimnissen, den Sagen und Mythen in einzelnen Orten der Bayerischen Alpen - am Untersberg, in Berchtesgaden und Großgmain, Ruhpolding, Aschau im Chiemgau, Lenggries im oberen Isartal, im Karwendelgebirge, auf dem Herzogstand oberhalb des Kochel- und Walchensees, in Oberau, in Garmisch-Partenkirchen und dem Zugspitzdorf Grainau, in Füssen im Ostallgäu, in Bad Hindelang, Oberstdorf und in den Voralpen bei Oberstaufen.
Einheimische, geschichtskundige Frauen und Männer, Alpenschamanen und Hirten, Eingeweihte und Geschichtenerzähler lassen den Zuschauer an ihrem Wissen teilhaben und führen uns zu teils geheimen Plätzen und Kraftorten. Dabei berichten sie von mythologischen und spirituellen Überlieferungen und von Phänomenen, von denen einige bis heute wirken.
Bereits im 16. Jahrhundert erforschte der Arzt, Apotheker und Wissenschaftler Georgius Agricola (eigentlich Georg Bauer) die Dämonen und Geisterwesen. Er brachte Überlieferungen von Bergleuten mit Ansichten mittelalterlicher Dämonologen in Übereinstimmung und kategorisierte die Berggeister in zwei Arten - die „Bösartigen“ und die „Harmlosen, Gutmütigen“. Im Gegensatz zu den meisten Theologen seiner Zeit zählte er diese Geister auch zu den Lebewesen und nicht zu den rein geistigen Wesen.

Der Film ALPGEISTER stellt sich der Herausforderung, die Mythen und die objektive Wirklichkeit, das Sichtbare und das Unsichtbare, inhaltlich und optisch zu verbinden. Damit löst die filmische Erzählung die heute fast undurchdringbaren Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits auf und verbindet gleichzeitig die vergangenen Welten frühzeitlicher Kulturen mit unseren heutigen, stark materiell ausgerichteten Realitäten.
Visuell arbeitet der Film mit großen cineastischen Bildern der Bergwelten - mit Drohnen- und Flugaufnahmen und beeindruckenden Bildern der alpinen Natur. Die genaue und im Detail beobachtende Kamera zeigt die sichtbaren Wunderwelten in geheimnisvollen Bergwäldern, in Felsformationen, in Schluchten und anderen Plätzen. Es sind außergewöhnliche Bilder und Impressionen, die eine diesseitige Wirklichkeit spiegeln, die so schön und so verzaubert ist, dass die hinter ihr verborgenen Geheimnisse des Jenseitigen zu spüren sind.
Mit inszenierten Spielfilmszenen werden einige geheimnisvolle und spannende Sagen der Alpenwelt neu erlebbar. Dabei kommen auch aufwändige 3D-Animationen zum Einsatz, in denen Dämonen, arme Seelen und andere Geister längst vergangener Zeiten wieder auferstehen.
ALPGEISTER verbindet die geheimnisvollen Welten vergangener Mythen und Sagen mit der heutigen Welt. Der Alltag in unserer Zeit des funktionalen Materialismus schafft ein spirituelles Vakuum, das die Sehnsucht nach neuer Spiritualität, nach ursprünglichem Wissen, nach uralten Riten und geheimnisvollen und unerklärlichen Welten weckt. Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es für die Menschen zwischen Himmel und Erde mehr, als sie sehen und anfassen konnten. Es war eine Zeit, in der Geister, weise Frauen, Hexen, Zauberer, Feen, Kobolde und geheimnisvolle Kräfte nicht nur in den Märchen lebendig waren.

Die Existenz dieser Zwischenwelten, in denen große Kräfte wirkten, die weit über das menschlich Begreifbare hinaus gingen und die Naturgesetze des Alltags außer Kraft setzten, war selbstverständliche Wirklichkeit. Das Wissen um diese mystischen und spirituellen Kräfte und Wesen half den Menschen, warnte sie vor Gefahren oder machte ihnen unerträgliche Tragödien des Lebens begreiflich.
Bis heute sind besonders die Berge, mit ihren Tälern und Schluchten, mit ihren Höhlen und Wäldern, Schauplatz unerklärlicher Phänomene. Alte Sagen und Legenden sind in fast jedem Ort der Alpenregion lebendig und in ihnen – so sagen die Einheimischen – steckt viel Wahrheit. Diese überlieferten Mythen und für manche
noch erlebbaren Phänomene der Bayerischen Alpen spürt der Kinofilm ALPGEISTER auf, er folgt ihnen und dokumentiert sie. ALPGEISTER ist ein moderner Heimatfilm, der entlang der bayerischen Alpenkette vom Berchtesgadener Land im Osten bis ins Allgäu im Westen Altes neu entdeckt, der erinnert und transparent macht, was einst dienlicher Volksglaube und wichtiges Volkswissen und damit Basis regionaler Identität war.
Bevor alle Geheimnisse und Mythen, alle Geistwesen, Götter, Göttinnen und Dämonen aus unseren Köpfen verschwunden sind und die letzte Sage erzählt wurde, begibt sich ALPGEISTER auf eine filmische Entdeckungsreise zu den letzten Mysterien der Bayerischen Alpen.


Bärbel Bentele aus Stiefenhofen bei Oberstaufen
Bärbel Benetele war bereits als Kind mit ihrem Vater, einem Alphirten, im Sommer immer „im Berg“. Das ist in der Familie lange Tradition. Der Vater unterwies sie im Umgang mit den Tieren, lehrte sie die Wirkung der Alpkräuter und den Respekt vor der Natur. Die Hirten, die in der Abgeschiedenheit auf ihren Hochalpen leben, sehen und erfahren vieles, was andere Menschen niemals erleben, sagt Bärbel Bentele. Sie erfahren in dieser Bergzeit auch so viel von der anderen Seite der Wirklichkeit, dass sie darüber oft nicht sprechen können. Deswegen sind die meisten Alphirten eher still. Bärbel Bentele ist einer dieser weisen und starken Frauen, die tief verbunden sind mit der elementaren weiblichen Schöpfungskraft. Früher wurden diese Frauen verehrt, später von den Männern patriarchalischer Gesellschaften gefürchtet, im Mittelalter als Hexen verbrannt. Heute können sie uns hoffentlich wieder bestärken, uns inspirieren und wieder unterstützen. So wie es Bärbel als Geschichtenerzählerin bei ihren Kräuterwanderungen und in unserem Film macht. Bärbel führt uns durch diese filmische Reise, denn sie hat auch die Gabe, ihr Wissen teilen zu können - über den alten Jahreskreiskreislauf, über materielle und immaterielle Grenzen, über eine archaische und animalistische Spiritualität.

Anna Glossner aus Berchtesgaden
Anna Glossner ist die Nachtwächterin von Berchtesgaden und lebt in einem der ältesten Häuser im Ort, von dem sie selbst sagt, dass viele die Atmosphäre dort kaum aushalten. Tatsächlich scheint dieses Gebäude erfüllt zu sein von alten Geschichten, vielleicht auch von den Seelen seiner früheren Bewohner. Als gläubige Katholikin hat Anna selbst intensive Erfahrungen mit jenseitigen Wesen und Kräften gemacht und weiß um die Schicksale der „Armen Seelen“, die noch in einer Welt zwischen Diesseits und Jenseits gefangen sind. Wenn sie abends über den alten Berchtesgadener Friedhof geht, wünscht sie diesen Seelen nicht den ewigen Frieden (dies könnte ja langweilig werden...) sondern vielmehr „Ewige Freude“ und dass sie aus ihrem Bann erlöst werden.

Rainer Limpöck  aus Ainring bei Bad Reichenhall
Rainer Limpöck interessiert sich seit seiner Kindheit für den geheimnisvollen Untersberg im Berchtesgadener Land. Damals bekam er ein kleines Sagenbüchlein geschenkt, das den Grundstock für seine heutigen Aktivitäten legte. Als Sozialpädagoge ist Rainer Limpöck seit 30 Jahren in der Erwachsenenbildung tätig. Der Titel seiner Diplomarbeit lautete „Die gesellschaftliche Transformation und das Übersinnliche“. Im Laufe seiner intensiven Beschäftigung mit der Mythen- und Sagenwelt begann Limpöck sich auch für Schamanismus zu interessieren. Damit erschloss sich für ihn die Mythenwelt seiner Heimat als Zugang zu einer „Anderswelt“, die zuvor mit „normalen“ Sinnen nicht erfahrbar war. Er entdeckte Kraftorte und Kultplätze der Frühgeschichte. In unserem Film feiert Rainer Limpöck mit schamanischen Freunden in einer Höhle im Untersberg ein spirituelles Ritual zur Sommersonnwende und erzählt uns die sagenhafte Geschichte des Lazarus Gitschner aus Bad Reichenhall, der im 15. Jahrhundert von einem Mönch in den Wunderberg geführt wurde und dort Zeuge einer fantastischen, mythologischen Unterwelt wurde.

Pfarrer Herbert Josef Schmatzberger aus Großgmain (Salzburger Land)
Von den Menschen seiner Region wird der heute 80-jährige Geistliche der „Untersberg-Pfarrer“ genannt. Tatsächlich beschäftigt sich Herbert Schmatzberger seit vielen Jahrzehnten mit den Phänomenen und den Mythen des Untersbergs. Für ihn ist es ein besonderer Ort der Kraft. In seinem Pfarrgarten am Fuß des Untersbergs, auf der Grenze zwischen Bayern und Salzburg, sind die Energiefelder besonders stark. Deshalb stellte Josef Schmatzberger eine Mariensäule im Pfarrgarten auf, pflanzte Blumenbeete mit den Tierkreiszeichen darum,stellte eine Miniatur-Nachbildung des Untersbergs dazu und gestaltete so seinen „Marienheilgarten“, zu dem heute Menschen aus Nah und fern pilgern. Die ganze Region lebt von Energiefeldern und Wundern. Nirgendwo in Oberbayern sind so viele Esoteriker unterwegs wie am Untersberg. Und kaum einer weiß darüber so viel zu erzählen wir der Untersberg-Pfarrer. Dabei analysiert der Theologe die Verbindung heidnischer und archaischer Mysterien mit denen der mittelalterlichen katholischen Kirche und ist wie Albert Einstein davon überzeugt, dass wir Menschen nur ein Prozent der Wirklichkeit wahrnehmen können. Die restlichen 99 Prozent können wir nur mit unserer Spiritualität, mit dem Glauben und mit dem Herzen erkennen.

Dr. Hildegard Ringsgwandl  aus Ruhpolding
Als praktische Ärztin mit Schwerpunkt westliche und östliche Naturheilverfahren und spirituelles Heilwissen beschäftigte sich Hildegard Ringsgwandl schon während ihres Studiums mit der ganzheitlichen Sicht auf den Menschen und seiner inneren und äußeren Natur. Aufgrund ihrer „Spürigkeit“ von energetischen Qualitäten konnte sie alten, überlieferten Kraftorten in der Region spezielle Wirkungen auf den Menschen in seiner Ganzheit, also körperlich, geistig und seelisch zuordnen. Hildegard Ringswandl führt im Raum Ruhpolding die Menschen zu Plätzen in den Bergen, wo die energetische Qualität dieser Orte auf jeden wirkt. Jeder fühlt etwas an solchen Orten, sei es körperlich, geistig oder spirituell, davon ist die Ärztin überzeugt. In unserem Film entführt Hildegard den Zuschauer in den verzauberten Märchenwald in der Nähe von Ruhpolding. Dort erzählt sie uns vom dem Zauber, der alten Kraft und der Beseeltheit dieses magischen Platzes und die Verbindung mit Mutter Erde, die uns trägt, ernährt, harmonisiert und Halt gibt.

Hermann Paetzmann aus dem oberen Isartal
Hermann Paetzmann engagiert er sich bereits als Jugendlicher bei Theatergruppen als Laienschauspieler. Neben Literatur und Theater interessiert sich der junge Hermann für die Geschichten seiner Region. Als er sich in Wolfratshausen als Drucker selbstständig macht und die Historie  seiner neuen Heimatstadt erkundet, stößt er auf die Geschichte der Flößer und ist fasziniert von diesem uralten Berufsstand. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Gabriele Rüth gründet er den Verein „Flößerstraße e.V.“, der sich der Erforschung und Bewahrung der Flößerei verschreibt - regional und international. Doch bei Hermann Paetzmann geht die Beschäftigung mit der Geschichte des bayerischen Oberlands weit über die der Flößer hinaus. Fast könnte man ihn als Privathistoriker bezeichnen, der Geschichten aus den Tiefen an die Oberfläche holt und der dazu in der Lage ist - auch Dank seines Talents - sie so zu erzählen, dass man glaubt, er hätte sie selbst erlebt. Wie in unserem Film ALPGEISTER die Geschichte vom „Totenheer in Lenggries“.

Karl Buchwieser aus Grainau unterhalb der Zugspitze
Karl Buchwieser ist wie sein Vater vor ihm Holzschnitzer. Schon als Kind war Karl für vieles empfänglich, was andere Kinder gar nicht wahrnehmen konnten. Er liebt Wanderungen und das Bergsteigen. In der Natur rund um den höchsten Berg Deutschlands, die Zugspitze, fühlt er sich zu Hause und geborgen. Mitte der 1970er Jahre erfüllt sich Karl seinen Lebenstraum und wird Hirte auf einer hochgelegen Alm im Wettersteingebirge. Die Alm wird für die nächsten 30 Jahre Karls sommerliche Enklave, wo er in der Einsamkeit der Berge die Natur für sich  und mit den Tieren entdeckt. Er zeichnet die Berge, die Bäume, die Flora und Fauna und schreibt Gedichte dazu. Darin ist es, als würden die alten und morschen Wettertannen, die nebelverhüllten Täler und Wälder, als würde alles zu ihm sprechen. Auch wenn Karl Buchwieser sich viel mehr als Handwerker sieht, so ist er doch ein Künstler von großer Sensibilität, die es ihm ermöglicht, durch den unsichtbaren Vorhang in Realitäten zu blicken, die anderen verborgen bleiben.

Luis Höger aus Garmisch-Partenkirchen
Luis Höger aus Garmisch-Partenkirchen besucht im Ort die Fachschule für Holzbildhauer und absolviert dort die Gesellenprüfung. In München wird er Meisterschüler an der Akademie der bildenden Künste. Seit 1970 ist er in seinem Heimatort als freischaffender Bildhauer tätig und heute ein angesehener Künstler der Region. Luis Högers Großmutter war Jahrgang 1887 und gehörte noch zu einer Generation, in der die Sagen und Mythen des Ortes von den Alten an die Jungen in mündlichen Überlieferungen weitergegeben wurden. So erfuhr der Bildhauer von den geheimnisvollen Geschichten des Ortes. Vor allem die „Wilde Fahrt“, bei der Menschen im Ort von Dämonen und armen Seelen in den Rauhnächten hinfort gerissen wurden. Da gab es Geschichten von Nachbarn, die von Geistern verflucht oder von der „Wilden Fahrt“ verschleppt wurden und nicht wieder kehrten. Die Großmutter erzählte eine dieser Geschichten an ihrem 80sten Geburtstag, noch im alten Werdenfelser Dialekt, und Luis‘ Vater nahm sie mit einem Tonbandgerät auf. Bis heute hat der Bildhauer diese Aufnahme bewahrt...

Henriette Schübel  aus Ainring bei Bad Reichenhall
Henriette Schübel wächst als Kind in Oberau auf. Sie besucht das Lyceum in Polling und erlangt dort ihre Hochschulreife. Nach einer Lehre zur Drogistin studiert sie Betriebswirtschaft mit Zusatzstudium Forstwirtschaft. In dieser Zeit wird ihr Interesse für die frühzeitliche Geschichte ihrer Heimat geweckt. Regelmäßig besucht Henriette Schübel Vorlesungen für Bayerische Geschichte bei Professor Bosl an der LMU München. Seit diesen Tagen beschäftigt sich Henriette Schübel intensiv mit der Frühgeschichte und den aus ihr hervorgegangenen Sagen und Mythen des Werdenfelser Landes. Im Laufe der Jahrzehnte findet sie in der Region rituelle Versammlungsorte und Energieplätze längst vergangener Kulturen. Sie geht auch den Sagen und Überlieferungen ihrer Heimat nach wie z.B. den Venediger-Mandln, den Perchten oder den Dämonen, der Quellnymphe „Mundl“ und den drei Fräulein von Oberau, von denen gesagt wird, dass sie heute noch bei der Georgs-Kirche einen alten Schatz bewahren.

Wolfgang Ramadan aus Schlederloh
Wolfgang Ramadan wuchs in mehreren Pflegefamilien auf. Als er sechs Jahre alt war, heiratete seine Mutter den Palästinenser Abdel Karim Ramadan, der ihn adoptierte und ihm seinen Familiennamen gab. In seiner Jugend war Wolfgang Ramadan musikalisch bereits sehr aktiv. In den 1980er Jahren begann er mit dem Schreiben und verfasste erfolgreich Mundart-Gedichte. Er etablierte sich mit eigenen Konzepten als selbstständiger Veranstalter mit der Agentur artmoves. Zur 850-Jahr-Feier der Stadt München war er 2008 und 2009 als Kurator des Altstadtringfests und des Stadtgründungsfests tätig. Darüber hinaus engagiert er sich als Impresario für Theater und Schauspielprojekte. Neben seiner Bedeutung als Kunstimpresario und Kulturmanager ist Wolfgang Ramadan ein wunderbarer Dichter, Poet und Musiker. Ramadans Rückzugsorte sind die Berge - vor allem die Benediktenwand und der Herzogstand sind seine Hausberge. Bei seinen Wanderungen machte er bereits mehrere Male intensive, spirituelle Bergerfahrungen - sogar mit engelhaften Erscheinungen, die er filmen konnte.

Elisabeth Wintergerst  aus Füssen
Wenn es um Heimatgeschichte und die Spiritualität in den Ostallgäuer Alpen rund um den Säuling geht, dann ist Elisabeth in ihrem Element. In ihrem „bürgerlichen Leben“ ist Elisabeth Wintergerst Rechtsanwältin, ihre Leidenschaft gehört jedoch den Bräuchen und Sagen ihrer Heimat. Ihr geht es darum, die Mythologie und die Spiritualität der Überlieferungen, in denen oft Jahrtausende alte Erzähltraditionen stecken, aus der verstaubten Ecke heraus zu holen und in einen großen kulturhistorischen Zusammenhang zu stellen. Bereits drei Bücher zu heimatgeschichtlichen Themen gibt es von Elisabeth Wintergerst: „Orte der Göttin und Magnuslegende“, „Säuling - Berg zwischen den Welten“ und „Mutterland um Säuling und Aggenstein - eine Heimkehr“. Höhlen, Berge, Flüsse sind für Elisabeth Wintergerst beseelte Orte voller Zauber. Früher, so erzählt sie, waren diese Orte Plätze der Götter und vor allem der Göttinnen, der Percht und der Frau Holle, die in alten Zeiten die Urgöttin der Region war, bevor die Christianisierung die Naturgeister verbannte, wie in Füssen der „Heilige Magnus“.

Magnus Peresson aus Füssen
Der Architekt beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit der spannenden Geschichte seiner Heimatstadt Füssen, deren Lage an einer der wichtigsten Straßen Europas - der Verbindung von Venedig mit den niederländischen Hafenstädten - seit der Römerzeit für ein reges geschäftliches Leben in der Stadt sorgte. Magnus Peresson zählt zu einem der profundesten Historikern in der Region. Auch mit der Legende des Heiligen Magnus, der als frühchristlicher Missionar Füssen und das Ostallgäu mit Beginn der Christianisierung stark prägte, hat sich Magnus Peresson intensiv auseinander gesetzt. In unserem Film erzählt er von den wichtigsten Erlebnissen und Taten des Heiligen Magnus, wie der Tötung des Drachens bei Roßhaupten oder die Vertreibung der Berg- und Flussgeister am Lechfall - Sinnbilder für den Kampf der ersten Christen gegen die spirituellen und animistischen Überzeugungen der ursprünglichen Kulturen im Alpenraum.
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Donnerstag 04.07.2019
MESSER IM HERZ
Ab 11. Juli 2019 im Kino
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Paris, Sommer 1979. Filmemacherin Anne (Vanessa Paradis) verdient ihr Geld als Regisseurin und Produzentin drittklassiger Schwulenpornos. Als sie von ihrer Freundin Loïs (Kate Moran) verlassen wird, beschließt Anne die Geliebte, die zugleich die Cutterin ihrer Filme ist, mit einem ambitionierten Filmprojekt  zurückzugewinnen.  Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert, bewaffnet mit einem Dildo mit Schnappklinge, Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Doch ihr Plan bringt das verbleibende Team in größte Gefahr ….
Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm „Begegnungen nach Mitternacht“ (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen  wilden und höchstreferentiellen Genre-Mix aus blutigem Giallo-Schlitzer, düsterem Psycho-Thriller und frivo-lem Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Schwu-lenporno- und Undergroundkino der 70er Jahre ist. In sein cinephiles Labyrinth der Lüste und Traumata schickt er zur betörenden Musik der Elektronikband M83 neben Superstar Vanessa Paradis einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, darunter Nicolas Maury und Félix Maritaud („Sauvage“). Bei seiner Uraufführung im Wettbewerb von Cannes wurde Gonzalez‘ bildgewaltiger Filmrausch als radikales Meisterwerk  gefeiert. Es folgten zahlreiche Preise, u.a. der renommierte Prix Jean Vigo, Frankreichs wichtigste Auszeichnung für junge visionäre Filmkunst.

Ein Film von Yann Gonzalez



INTERVIEW mit YANN GONZALEZ

Woher bekamen Sie die ersten Ideen zu MESSERIMHERZ?
In erster Linie von einer Figur. Aus der von Christophe Bier zusammengestellten „Dictionnaire de la pornographie“ erfuhr ich von einer französischen Pornoregisseurin aus den 1970er Jahren, einer leidenschaftlichen Frau, sie war Alkoholikerin, lesbisch und verliebt in ihre Cutterin. Sie stand in dem Ruf, grob und unberechenbar zu sein und ihre Schauspieler*innen bei den Castings zu demütigen. Kurz gesagt, sie war eine sehr farbenfrohe Gestalt. Ich wollte weg von der Zucker-wattensüße meines ersten Films, „Begegnungen nach Mitternacht“,  und mich mit urbaneren Stoffen beschäftigen. Ich glaubte, für diesen Zweck sei jene Figur ein starker Vektor.

Haben Sie über sie recherchiert?
Ja. Und durch die Unterstützung von Hervé Joseph Lebrun, dem französischen Porno-Spezialisten, konnte ich auch mit Leuten reden, die sie gekannt haben (sie ist schon lange tot, ihre Cutterin eben-falls): ehemaligen Konkurrent*innen, Kolleg*innen etc. Das half mir, eine umfangreiche Dokumentation zusammenzustellen.
Das Material machte jedoch einen etwas zwielichtigen Eindruck, und in diese Richtung wollte ich  nicht gehen. Im Gegenteil, ich suchte das Extravagante, Romantische. Also beschloss ich, sie neu zu erfinden und sie in eine fiktive Figur zu verwandeln. Ich behielt die Liebe zu ihrer Cutterin und die Hälfte ihres Vornamens als eine Art Referenz an diese Heldin des Undergrounds.

Haben Sie das Projekt allein entwickelt?
Ich habe Probleme damit, allein voranzukommen. Ich befand mich im Stillstand. Ich sprach mit  Cristiano Mangione über das Thema, denn er hat mich bei den meisten meiner Filme beraten. Er ist  ein äußerst begabter Autor und Regisseur, dessen Projekte seine große Liebe zu allem, was mit Gender und Trans zu tun hat, zeigen. Wir fingen an zu reden, einfach so, und es kamen so verrückte,  schräge Dinge dabei heraus, dass wir schnell beschlossen, das Drehbuch gemeinsam zu schreiben. Wir setzten uns keinerlei Grenzen, nichts war verboten, es war das reine Vergnügen. Wir folgten der Figur durch ein frivoles und manchmal grausames Labyrinth. Doch zugleich sollte es zu jedem Zeitpunkt lustig sein. Und auch verrückt.

Der Film ist auf sehr erfrischende Weise verrückt: Er ist frei, radikal, exzessiv.
Ich beschreibe MESSERIMHERZ gern als das Porträt einer verliebten Frau, die auf einen Geisterzug aufspringt. Das gefällt mir am Konzept des Rummelplatz-Films: Man beginnt eine Reise, ohne zu wissen, wohin sie führt.

Das  Rummelplatz-Element findet sich auch in der Familie wieder, die Sie beschreiben: lauter Figuren, die in der Pornowelt zusammenarbeiten  –  Schauspieler*innen, Kameraleute, Regisseur*innen und Assistent*innen. Eine echte Crew.
Ja, dieser Crew-Aspekt war mir sehr wichtig, wie schon in meinen ersten Filmen. Er ist wichtig für die Handlung, zum Beispiel für die Freundschaften, die manche der Figuren miteinander verbinden,   besonders die Regisseurin Anne (Vanessa  Paradis) und ihre rechte Hand Archibald (Nicolas  Maury); wir sehen hier eine Freundschaft, die wichtiger und beständiger ist als Liebe. Aber er ist auch im wirklichen Leben wichtig. Mit manchen dieser Schauspieler arbeite ich seit meinen ersten Kurzfilmen zusammen. Mir gefällt es sehr, dass wir gemeinsam diese Filme und den Alltag erleben.  Ich denke besonders an Kate Moran, die vor zwölf Jahren in meinem ersten Kurzfilm gespielt hat und jetzt die Cutterin Loïs spielt, die ehemalige Liebhaberin der Heldin. Das Band, das Kate und mich verbindet, ist kostbar, es ist wie eine Geschwisterbeziehung. Und sie hat mich noch nie so in Erstaunen versetzt wie bei den Dreharbeiten für diesen Film. Ich bringe in jedem Film aber auch frisches Blut in diesen Kreis der festen Mitarbeiter. Das erzeugt viel Energie und elektrifizierende Momente. Für mich ist das Casting der aufregendste Teil der Filmarbeit; hier wird der Fiktion echtes Leben eingehaucht.

Die Kunst, im Casting einen explosiven Cocktail zu mixen, hat sich schon in „Begegnungen nach Mitternacht“ gezeigt, aber hier ist das Resultat noch erstaunlicher, weil sehr viel mehr Schauspieler*innen mitwirken.
Ja, es sind ungefähr 40! Ich liebe die großartige Kettenreaktion, die dadurch ausgelöst wird, sowohl  aus der Perspektive des Filmliebhabers als auch aus der Perspektive des Filmregisseurs. Bertrand Mondico zum Beispiel, der Regisseur von „The Wild Boys“ (2017), war eine neue und entscheidende Bekanntschaft für mich, er spielt in diesem Film die  Rolle des Kameramanns François Tabou, dessen Name an Franςçois About denken lässt, den Kameramann der meisten schwulen Pornofilme der 70er Jahre. Doch jede Figur hat seine oder ihre eigene Geschichte: Bei  Romane Bohringer hat sie mit meiner grenzenlosen Verehrung für „Wilde Nächte“ (1992) zu tun, einen Film, den wahrscheinlich jeder schwule Junge aus der Provinz verehrt. Ich nahm zu Romane schon sehr frühzeitig Kontakt auf, mindestens zwei Jahre vor Beginn der Dreharbeiten. Es war sehr aufregend, sie zu treffen, als wäre ich in meine Zeit als Teenager zurückversetzt. Ingrid  Bourgoin, die die Barkeeperin im lesbischen Cabaret spielt, war die Heldin in einem meiner Lieblingsfilme aus der Vecchiali-Galaxis der Siebziger, „Simone Barbès oder die Tugend“ (1980) von Marie-Claude Treilhou. Dort spielt sie eine junge Lesbe, die in einem Pornokino arbeitet und eine ganze Nacht der hoffnungslosen Liebe und Melancholie durchlebt. Es ist ein absolut großartiger Film. Das alles entstammt ganz verschiedenen Orten meines Lebens und verschmilzt in meiner großen Liebe zu allen Filmgenres.
Manchmal trifft man beim Casting auch inkongruente Entscheidungen: In einem bestimmten Stadium der Finanzierung bekamen wir Unterstützung aus Mexiko, deshalb musste ich einen mexikanischen Schauspieler aufnehmen. So kam es dazu, dass Noé Hernandez, den ich in Emiliano Rocha Minters Film „Wa Are the Flesh“ (2016) bewundert  habe,  sich  Vanessa  Paradis‘  Trupp  von  Pornodarstellern  anschließt. Er sprach kein Wort Französisch und lernte seine Dialoge phonetisch. Er brachte enorme Energie, Euphorie und Farbigkeit in den Film. Diese Synergien sind faszinierend, beinahe magisch, weil sie so viele Zufallstreffer hervorbringen, Wünsche, die kollidieren oder auch nicht.

Und dann ist da natürlich noch Vanessa Paradis, der Sie ihre bisher wohl größte Rolle in einem Kinofilm angeboten haben  –  als willensstarke Frau, die ihre kleine Männerwelt mit starker Hand zusammenhält, während sie insgeheim an gebrochenem Herzen zu Grunde geht.
Anne ist eine sehr starke Frau, aber angeschlagen, unfair und überbordend. Der Film ist eine Ode an alles Weibliche, selbst in seinen negativsten Aspekten. Er ist eine Art liebevolles Porträt der Figur, ebenso wie von Vanessa Paradis selbst. Die unglaubliche Faszination, die wir in professioneller Hinsicht füreinander gespürt haben, als wir uns das erste Mal trafen, war von entscheidender Bedeutung für die Entstehung des Films. Vanessa war für uns alle eine treibende Kraft, und das von Anfang an. Drei Tage, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, sagte sie zu. Sie ist verliebt in die Liebe, und das gilt auch für die Liebe zum Kino. Sie hat eine immer lebendige, liebevolle Ausstrahlung, und eine sehr enge Beziehung zum Kino. Sie ist jederzeit äußerst empfindsam. Sie  versteckt sich nicht hinter einer Maske, und das ist eine Seltenheit bei bekannten Schauspielerinnen, vor allem in Frankreich. Man merkt, dass sie äußerst großzügig und freundlich ist, ihr Gesicht erinnert mich an die großen Schauspielerinnen der Stummfilmzeit wie zum Beispiel Janet Gaynor, die Lieblingsschauspielerin von Frank Borzage. Sie hat diese besondere Art von Präsenz auch dann,  wenn nicht gedreht wird, und die ungekünstelte, überwältigende Unschuld einer Person, die zum allerersten Mal in einem Film mitwirkt.
(Quelle: Verleih)
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Donnerstag 27.06.2019
TEL AVIV ON FIRE
Ab 04. Juli 2019 im Kino
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In Tel Aviv geht es heiß her. Zumindest laut der schnulzigen Soap Opera „Tel Aviv on Fire“, die jeden Abend über die TV-Bildschirme flimmert und Israelis wie Palästinenser vor der Glotze vereint. Der junge Palästinenser Salam ist Drehbuchautor des Straßenfegers und muss für die Dreharbeiten jeden Tag die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland überqueren. Bei einer Checkpoint-Kontrolle gerät das  Skript der nächsten Folge in die Hände des israelischen Kommandeurs Assi. Das kommt dem gelangweilten Grenzwächter gerade recht. Um seine Frau zu beeindrucken, zwingt er Salam das Drehbuch umzuschreiben. Ein Bombenerfolg! Von nun an denken sich Salam und Assi immer neue schnulzige Dialoge und absurde Plotentwicklungen aus. Der Einfluss des israelischen Militärs auf die populäre, eigentlich anti-zionistische Seifenoper wird immer größer. Aber dann soll die Serie abgesetzt werden, und Salam steht plötzlich vor einem Riesenproblem.
 
Der Nahostkonflikt als große Soap Opera. Vor dem Hintergrund des Nahostkonfliktes gelingt Regisseur Sameh Zoabi (UNDER THE SAME SUN) das Kunststück einer absurden und unglaublich witzigen Komödie. Zoabi verpackt das politisch brisante Thema auf humorvolle und subtile Art. TEL AVIV ON FIRE lief im Wettbewerb des Toronto International Film Festivals 2018 und auf der Biennale in Venedig 2018 in der Sektion „Orrizonti“. Am 11. Juli 2019 startet TEL AVIV ON FIRE bundesweit im Kino. 

Ein Film von Sameh Zoabi
Mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Nadim Sawalha



„TEL AVIV ON FIRE“ – DIE SOAP OPERA IM FILM
Die Studioproduktion „Tel Aviv on Fire“ spielt in Tel Aviv, 1967 – ein schicksalhaftes Jahr. Überall gibt es Gerüchte, es würde Krieg geben. Manal, eine glamouröse, arabische Frau kommt als Spionin in die Stadt. Unter dem Namen Rachel gibt sie sich als jüdische Immigrantin aus Frankreich aus. Ihre Mission: Yehuda Edelman, den mächtigsten General Israels zu verführen und so an die Kriegspläne zu kommen.  Manals Tarnung: Sie betreibt das beste französische Restaurant in ganz Tel Aviv, das sich natürlich gegenüber dem Hauptquartier des Militärs befindet. So liegt es auf der Hand, dass sie Yehuda dort häufig antrifft. Mit französischem Gebäck bezirzt Rachel Yehuda, und die beiden werden rasch ein Liebespaar. Doch hat sich Manal wirklich in den hochrangigen, israelischen General verliebt? Hat sie, Tochter einer Flüchtlingsfamilie aus Jaffa, tatsächlich ihre palästinensischen Wurzeln vergessen? Was ist mit ihrem wahren Geliebten, dem Widerstandskämpfer Marwan, der sie auf diese gefährliche Reise geschickt hat? Bleiben Sie dran!


SAMEH ZOABI (REGISSEUR)
Sameh Zoabi ist in Iksal, einem palästinensischem Dorf in der Nähe von Nazareth, geboren und aufgewachsen. Zoabi studierte Filmwissenschaften und englische Literatur an der Universität Tel Aviv und erhielt ein Stipendium für ein RegieStudium an der School of Arts der Colombia Universität, das er ebenfalls absolvierte.
 
Zoabis besondere filmische Handschrift wurde vom Filmmaker Magazine gewürdigt, das ihm als einen der „Top 25 New Faces of Independent Cinema“ benannte. Seine Filme wurden auf vielen Festivals gezeigt und ausgezeichnet, darunter Cannes, Toronto, Locarno, Sundance, Karlovy Vary, New Directors/New Films und dem New York Film Festival.


IM GESPRÄCH MIT SAMEH ZOABI TEL AVIV

ON FIRE ist eine Komödie. Was bedeutet es, als Palästinenser in Israel eine Komödie zu drehen?
Es ist eine große Herausforderung, eine Komödie zu drehen, die sich mit der palästinensischen und israelischen Wirklichkeit beschäftigt. Die Menschen nehmen die Region und den Konflikt sehr ernst. Jeder Versuch, eine Komödie daraus zu machen, kann leicht missverstanden werden und muss sich dem Vorwurf stellen, nicht stark oder ernst genug zu sein. Aber ich glaube, dass eine Komödie einem die Freiheit gibt, sehr ernste Themen auf eine subtilere Art zu diskutieren. In meinen Filmen versuche ich zu unterhalten, aber auch vom Zustand, in dem meine Figuren leben, auf eine wahrhaftige Art und Weise zu erzählen.
Mein erster Spielfilm MAN WITHOUT A CELLPHONE ist von meiner Kindheit und Jugend inspiriert.  Mein vorrangiges Ziel war es dabei nicht, eine Komödie zu drehen, sondern ganz real zu zeigen, wie ich als Palästinenser aufgewachsen bin.  Ein konstantes Gefühl der Verzweiflung liegt im Film immer in der Luft. Dennoch gibt es auch diese gewisse Stimmung und diesen Sinn für Humor, der im Film spürbar ist.  Auch in TEL AVIV ON FIRE ist der Grundton komödiantisch. Aber ich will damit die derzeitige angespannte Situation nicht ins Lächerliche ziehen, sondern mich mit der inneren Wahrheit befassen, und die kommt manchmal durch komödiantische Übertreibungen besser ans Licht. Wie es schon Charlie Chaplin sagte: „Um wirklich lachen zu können, muss man sich seinem Schmerz stellen und damit spielen können.“
 
Salam, Ihre Hauptfigur, arbeitet für eine arabische Soap Opera, die in Ramallah produziert wird. Warum eine Seifenoper?
Soap Operas sind eine Riesensache im Nahen Osten. Die Leute schauen sie alle und sind vollkommen von ihnen eingenommen. Was ich daran interessant finde, ist, dass Menschen, die diese Soap Operas ansehen, das teilweise etwas eindimensionale Schauspiel und die geradlinigen Dialoge glaubwürdiger finden als das subtile Schauspiel und die raffinierten Dialoge eines Spielfilms. Durch das Medium der Seifenoper wurde es mir erlaubt, Dinge darzustellen, die ich ansonsten wohl nicht im Kino hätte zeigen können.
Zum Beispiel die Anfangsszene in meinem Film, die ich ziemlich politisch finde: Hier zeigen die palästinensischen Figuren in der Soap ihre Gefühle hinsichtlich des nahenden Sechstagekrieges im Jahr 1967. Sie reden über ihre Hoffnungen und Geschichte im Allgemeinen sowie von ihrer Angst vor der israelischen Okkupation Jerusalems. Sie sprechen darüber emotional, ungefiltert. Aber weil diese Szene innerhalb der Soap Opera spielt, kann sie einen andersartigen Twist bringen.
 
Schauen Sie selbst Soaps?
Als ich abgeschnitten von der arabischen Welt in Israel aufwuchs, gab es nur zwei TV-Kanäle. Die Serien in arabischer Sprache kamen größtenteils aus Ägypten. Sie hatten die besten Seifenopern, vor allem während des Monats des Ramadan. Sogar Israelis haben sich diese Serien angesehen.
Die TV-Soap, die ich für meinen Film erfunden habe, ist eine Hommage an eine der großen Seifenopern mit der ich aufgewachsen bin. Heute sieht das schon ganz anders aus. Es gibt hunderte von arabischen Fernsehkanälen und eine Menge Serien aus Syrien, dem Libanon, Ägypten und sogar einige synchronisierte aus der Türkei und Indien. Soap Operas werden überall geschaut. Sie sind ein universelles Medium.
Kürzlich habe ich eine TV-Soap mit meiner Mutter angesehen. An einem emotionalen Moment musste ich lachen, weil das Schauspiel und die Kamera so überdramatisch daher kamen. Aber meine Mutter hatte ein Taschentuch in der Hand und weinte. Dieses Erlebnis hat mich inspiriert, als ich den Film schrieb und inszenierte.
 
Wie sind Sie visuell an den Film herangegangen?
Visuell arbeitet der Film mit dem Kontrast, der durch die zwei Realitätsebenen entsteht: Die magische, bunte Welt der TV-Soap und die alltägliche, etwas graue Realität außerhalb des TVStudios. Wir haben die Soap-Szenen größtenteils im Studio gedreht und verwendeten dabei übertrieben dramatische Bildausschnitte, Licht, das die Mise en Scène steigert, knallige Farben und natürlich dramatische Kamerabewegungen. 
Bei den Szenen außerhalb des TV-Studios waren wir filmisch näher am Cinéma vérité. Die Kameraarbeit gestalteten wir fließender und drehten an realen Locations mit dem dort vorhandenen Licht. Mit Ausnahme des Checkpoints, den wir für den Film extra bauen mussten.

Wie gingen Sie beim Casting zu TEL AVIV ON FIRE vor?
In der Vergangenheit habe ich mit einer Mischung aus professionellen Schauspielern und Amateuren  gearbeitet. Bei diesem Film, bei dem die Geschichte komplexer ist, die Szenen vollständig angelegt und geschrieben, habe ich mich für die Arbeit mit ausschließlich professionellen Darstellern entschieden. Bereits im Schreibprozess hatte ich einige der Schauspieler im Kopf, z.B. Lubna Azabal, Nadim Sawalha, Salim Daw und Maïsa Abd Elhadi. Entweder, weil ich schon mit ihnen gearbeitet hatte oder ihre Arbeit kannte.  Die größte Herausforderung beim Casting für diesen Film war es, zwei Schauspieler zu finden, die im Zusammenspiel die Energie und Chemie zwischen der Hauptfigur Salam und seinem Antagonisten Assi darstellen konnten. Ihre dynamische Beziehung steht im Zentrum des Films. Ich finde, dass das nuancierte, minimalistische Spiel von Kais Nashif als Salam im Gegensatz zum sehr energiegeladenen Yaniv Biton als Assi den besten komödiantischen Effekt hervorgebracht hat. Yanivs schauspielerische Wurzeln liegen in der Komödie, wohingegen Kais bisher mehr in dramatischen Rollen zu sehen war, z.B. in PARADISE NOW. Es war ein kleines Risiko, ihn für eine Komödie zu besetzen. Aber Kais hat Salam eine komplexere, melancholische Seite, als ursprünglich im Drehbuch vorgesehen, hinzugefügt und damit eine interessantere Figur geschaffen.
 
Können Sie etwas mehr zu den verschiedenen Ebenen in TEL AVIV ON FIRE erzählen?
Als ich meine vorherigen Filme gezeigt hatte, ist mir aufgefallen, dass im Kino schnell klar wird, wie unterschiedlich die palästinensische und israelische Perspektive beim Erzählen einer Geschichte ist. Es gab Zuschauer, die fanden, dass meine Filme zu palästinensisch und dafür nur ungenügend israelisch seien und genau umgekehrt. Diese in Konflikt stehenden Perspektiven lieferten das zugrundeliegende Thema bei TEL AVIV ON FIRE.  Auf persönlicher Ebene geht es um einen Künstler, einen aufstrebenden Drehbuchautor, der damit kämpft, seine eigene Stimme inmitten bestehender politischer Konflikte zu finden. Ich finde Figuren wie Salam faszinierend. Sie haben noch keine vollständige Vorstellung davon, wer sie sind oder sein wollen. Sie versuchen zurechtzukommen und ihren Platz in der Welt zu finden, während sie sich ständigen Herausforderungen und Ablenkungen gegenübersehen. Sie möchte ihr Leben verbessern, wissen aber nicht, wie sie es anstellen sollen. In TEL AVIV ON FIRE findet Salam seine eigene Stimme im Verlauf des Films. 
In einem größeren Zusammenhang hat der Film zwei politische Themen: Auf der einen Seite sind es die Erinnerungen an den Sechstagekrieg, die in der Soap Opera über die Figur von Bassam erzählt werden. Bassam, Produzent und Erfinder der Serie sowie Salams Onkel, gehört zu einer älteren Generation von Palästinensern, die 1967 im Sechstagekrieg gekämpft, aber auch das OsloAbkommen unterzeichnet haben. Das zweite große Thema im Film sind die Geschehnisse am Checkpoint, die im Grunde geschichtlich mit Basams Erinnerungen in Zusammenhang stehen. Und schließlich beginnen sich Soap und Realität miteinander zu vermischen. Die Dynamik in der Beziehung zwischen dem jungen Palästinenser Salam und dem israelischen General Assi beginnt, sich auf die Seifenoper zu übertragen und ihr damit eine andere Bedeutung zu geben. Um es so zu sagen: Assi, der „Besatzer”, diktiert Salam, dem „Besetzten“,  seine Sicht der Dinge. Je stärker Salams Selbstbewusstsein wächst, desto mehr beginnt er sich dagegen zu wehren. Nichts kann sich in Palästina und Israel verändern, solange Salam und Assi nicht gleichberechtigt sind. Das ist der einzige Weg nach vorn.
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Mittwoch 19.06.2019
WENN FLIEGEN TRÄUMEN
Ab 27. Juni 2019 im Kino
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Eine einsame Psychotherapeutin und ihre suizidgefährdete  Halbschwester auf dem Weg nach Norwegen, in einem roten Feuerwehr auto. Begleitet von einem Spanier, der nach Finnland will. Verfolgt von einem Haufen gestrandeter Persönlichkeiten. Umnebelt von Wodka und Tablett en. Und irgendwo dazwischen ein paar Fliegen, die plötzlich anfangen zu träumen ... „Wenn Fliegen träumen“ ist ein skurril-melancholischer Roadtrip nach Norwegen, über Einsamkeit und das pralle Leben.

Ein Film von Katharina Wackernagel und Jonas Grosch
Mit THELMA BUABENG, NINA WENIGER, JOHANNES KLAUSSNER, NIELS BORMANN u.a.


DIE KÖPFE DAHINTER

Jonas Grosch und Katharina Wackernagel sind das Geschwister paar, das hinter dem deutsch-skandinavischen Roadtrip „Wenn Fliegen träumen“ steckt. Bereits zum vierten Mal haben sie gemeinsam mit einander fürs Kino gearbeitet. Nach der Revolution („Résiste!  Aufstand der Praktikanten“), der Liebe („Die letzte Lüge“), der Freundschaft  („bestefreunde“) ist nun Einsamkeit ihr Thema. Doch wieder ist es ihr Gespür und ihre Vorliebe für skurrilen Humor, der die Bearbeitung dieses Themas anders ausfallen lässt, als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten könnte.
Der Film ist Sender- und Förderunabhängig fi nanziert und produziert. Er ist also im besten Sinne „Independent“ und unterwirft  sich bewusst keinen Genres oder Zielgruppenkonventionen. Ihrer  Meinung nach muss ein Film nicht perfekt sein, aber Mut zur Kreativität haben. Mut zum Spielerischen. Er muss etwas Neues versuchen und sollte keine Angst davor haben uneindeutig zu sein. Skandi navien, als Ursprungsland eben solcher Filme, ist daher nicht ganz zufällig das Ziel der beiden Protagonistinnen. Unterstützung dafür bekamen sie von der „Ekte Drømmer Film“ aus Norwegen.


INTERVIEW KATHARINA WACKERNAGEL

KATHARINA, DEIN REGIE DEBÜT – WARUM DIESER SKURRILE FILM?
Ich begeistere mich schon immer sehr für skurrile Komödien oder auch Tragikomödien. Ein Genre, dass es hier in Deutschland nur sehr selten gibt. Für mich war klar, wenn ich den Schritt  hinter die Kamera mache, dann möchte ich einen Film erzählen, der ganz anders ist, als dass was ich als Schauspielerin beim Fernsehen oder auch in meinen Kinorollen spiele.  Das Drehbuch von Jonas lieferte da schon die ideale Vorlage und ich hatt e große Freude daran mit den Schauspielern aber auch den Kostümen und der Kamera einiges zu überzeichnen und auf die Spitze zu treiben. Mit Raum und Zeit, Logik und den üblichen Sehgewohnheiten zu spielen und sie bewusst auf die Probe zu stellen

WIE WAR ES FÜR DICH ZUM ERSTEN MAL REGIE ZU FÜHREN?
Mir hat es großen Spaß gemacht! Die Schauspieler zu inszenieren fi el mir nicht schwer. Was ich tatsächlich unterschätzt habe, sind die vielen Entscheidungen, die ein Regisseur den ganzen Tag über treff en muss. Bei einer freien Produktion wie unserer natürlich nochmal mehr. Das gibt einem zwar große Freiheiten, hat mich aber auch manchmal sehr unter Druck gesetzt. Das würde ich versuchen beim nächsten Film anders zu machen. Aber ich habe aus meiner Arbeit als Regisseurin auch sehr viel für meinen Beruf als Schauspielerin gelernt. Welche Tragweite der Schnitt  beispielsweise in der Fertigstellung eines Films hat, ist mir erst jetzt richtig klar geworden. Einerseits ist es faszinierend, wie viel man durch den Schnitt  noch aus einer Szene herausholen kann, wie viel man „erklären“ kann oder auch ins Absurde treiben. Andererseits hat es mich als Schauspielerin auch schockiert, wie stark eine Szene noch „gelenkt“ werden kann, ob sie traurig oder lustig ausgeht, ob du die Szene führst oder dein Partner. Und ich habe großen Respekt vor Regisseuren die schon beim Drehen wissen, wie sie etwas schneiden wollen... dazu muss ich wahrscheinlich noch sehr viele Filme drehen.


WARUM SKANDINAVIEN BZW. NORWEGEN?
Mit unserer Familie sind Jonas und ich schon als Kinder in Skandinavien gewesen, wir haben in Dänemark, Schweden und am häufi gsten in Norwegen Urlaub gemacht. Unser Ferienhaus in Vevang (ein kleiner Ort südlich von Trondheim) ist ein altes Fischerhaus direkt am Meer, mit Blick in den Fjord und aufs off ene Meer. Ein Sehnsuchtsort meiner Kindheit und auch heute noch. Die Reise dorthin (von der Fähre in Oslo, sind es noch zehn  Stunden mit dem Auto Richtung Norden) ist zwar immer etwas beschwerlich, aber durch die malerische Landschaft  auch die perfekte Kulisse für einen Roadmovie. Ich denke, dass diese Reise auch Jonas inspiriert hat Hannah und Naja nach Møre og Romsdal fahren zu lassen. Denn sie spiegelt auch unser Thema Einsamkeit wieder: So ist man dort zwar schnell allein auf weiter Flur, aber wenn man mit ein paar engen Verwandten oder Freunden diese Einsamkeit genießen kann, ist es umso schöner. Bei den Dreharbeiten zu „Wenn Fliegen träumen“ sind wir zwar nicht ganz so weit nördlich gekommen, da wir im Februar gedreht haben und ein Schneesturm uns die Sicht verweht hätte, aber wir haben etwas südlicher vergleichbare Motive gefunden, die der rauen und vielseitigen Landschaft rund um unser Ferienhaus ähneln.
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Donnerstag 13.06.2019
A BEAUTIFUL NIGHT
Ab 20. Juni 2019 im Kino
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Obwohl Juri jung ist, wird sein Leben von der Angst zu sterben beherrscht. Nächtliche Panikattacken sind ihm vertraut. Nur begegnet ihm diesmal ein düsterer Geselle, der behauptet, der leibhaftige Tod zu sein. Es beginnt ein faustisch-bizarrer Trip durch die Nacht, bei dem sich Juri in Nina verliebt, und am Ende jemand sterben muss.

Ein Film von XAVER BÖHM
Mit NOAH SAAVEDRA, MARKO MANDIC, VANESSA LOIBL u.a.



IM GESPRÄCH MIT XAVER BÖHM

Vor O BEAUTIFUL NIGHT hast Du Animationsfilm gemacht. Worin bestehen die unterschiedlichen Herausforderungen und Reize zwischen Animationsfilme und Real Fiction für dich?
Ich wollte immer zum Film. Doch an die Filmhochschule habe ich mich damals nicht getraut und bin statt dessen den weniger „riskanten“ Weg eines Design Studiums gegangen. Am Ende aber nur ein Umweg zum Bewegtbild, denn an der Kunsthochschule habe ich schnell erkannt, dass man ja auch mit Stift und Papier Filme machen kann. Zeichentrick war in diesem Studiengang eine wenig beachtete Nische, wurde aber geduldet.
Mit dem Stift in der Hand war ich alleine verantwortlich für die Motive, das Szenenbild, das Licht, die Bildkomposition, die Bildfolgen, die Kostüme und sogar das Wetter. Diese Berührung mit beinahe allen Bereichen des filmischen Erzählens war eine gute Schule. Während die Zeichnung vor allem im Abstrahieren unschlagbar ist, lassen sich gewisse Konflikte und Beziehungen mit echten Menschen eindringlicher erzählen. So habe ich Aufgrund der Entwicklung meiner Themen irgendwann beschlossen, das Medium zu wechseln.
Die Arbeit mit den Schauspielern war dann auch definitiv die größte Herausforderung für mich. Und das größte Abenteuer. Generell fand ich nach Jahren im stillen Kämmerchen vorm Zeichentablett die Interaktion mit so vielen Menschen in allen Entstehungsschritten des Filmes einfach großartig. Der Kollaborationsgedanke ist eine der größten Stärken des Mediums überhaupt.

Ein Debüt über das Thema Tod. Ist es eine befreiende Vorstellung, sich seinen Vortodesmoment selbst auszusuchen?
Ich bin ein Mensch, der nicht gerne alleine ist. Daher kommt auch die Angst vorm Tod. Es gibt keine krassere Erfahrung von „Alleine“ als den Moment des Sterbens. Ich sehne mich also nach einem starken Gefühl von Gemeinsamkeit, das diese Angst überbieten kann. Ich denke, jeder sucht das auf eine gewisse Art.
Ein Witz ist vielleicht ein gutes, einfaches Beispiel für so ein Erleben. Man bringt jemanden zum Lachen, man hat also den gleichen Humor. Wenn man eine gewisse Transferleistung vollbringen muss, um einen Gag zu verstehen, ist das schon eine große Bestätigung für ähnliche Erfahrungen und einheitliche Sicht auf die Welt. Film ist dabei in meinen Augen ein Medium, das ein besonders tiefgreifendes gemeinsames Erlebnis bieten kann und dabei trotzdem sehr zugänglich ist.
Da aber niemand gerne über den Tod nachdenkt, noch nicht mal ich selbst, ist der Film ein Märchen geworden. Das Absolute am Tod, also auch das Ende von Kontrolle und Selbstbestimmung, macht ihn so unpopulär. Man muss nur mal versuchen, den Tod als Smalltalk-Thema auf einer Party auszupacken. So darf Juri im Film eben ein bisschen mitreden und dagegen halten, um das Thema erlebbar zu machen.

Ein unterschiedliches Trio melancholischer Drifter und Träumer schlittert mit seinen jeweiligen Ängsten und Sehnsüchten durch die Nacht. Welche Erfahrung wolltest Du mit den Filmseher*innen teilen?
Als Kind ist noch alles magisch. Man gruselt sich vor Gespenstern und glaubt an Wunder, alles erscheint möglich. Und jetzt? Wo ist sie hin, diese Magie? Ich will mich an die Märchen meiner Kindheit erinnern, und an das, was sie ausgelöst haben. Das ist gar nicht so leicht. Man hat das Meiste irgendwie schon mal erlebt und es gibt für alles eine plausible Erklärung. War es das mit dem Erleben und Entdecken neuer Dinge? So sehr man sich auch anstrengt, die Gewohnheiten sind in der Überzahl. Man geht an immer die selben Orte, wandelt auf den gleichen Pfaden. Dabei gibt es gleich bei mir in der Straße ein paar seltsame Läden, Automatencasinos, verdrogte Clubs oder eine dubiose russische Bar mit mafiösen Leuten. Manchmal denke ich, das Abenteuer liegt so nahe.
Und danach sehnt man sich ja meistens: Nach Abenteuern, ungewohnten Situationen, verrückten Begegnungen. Vielleicht ist in Wirklichkeit aber auch die reine Vorstellung von dem, was da drinnen so passiert, viel spannender als die Realität? Mein Film ist eine Fortführung dessen und eine fast schon verzweifelte Suche nach der Magie im Leben der Erwachsenen.

Wie haben du und die Kamerafrau Jieun Yi das Bild- und Lichtkonzept erarbeitet?
Ich wollte eine Nacht, die vom Schwarz dominiert wird, abgefuckt, atmosphärisch und dennoch farbenfroh. Aufgrund dieser Recherche hat Max, der Junior Producer, Jieun vorgeschlagen. Ihre Arbeiten hatten an vielen Stellen bereits diesen Vibe. Uns war eigentlich sehr schnell klar, dass wir auf das Gleiche Lust haben und mussten da gar nicht viel sprechen.
Wir haben lediglich einen Plan gemacht, wie wir die Farbstimmungen über den Film verteilen. Die Grundlage für ein stimmungsvolles Bild, ist ein gutes Motiv. So sind Jieun und ich erstmal wochenlang nachts durch Berlin gefahren, um Orte zu finden. Wir wollten Patina, Schlichtheit, Einsamkeit (in Berlin gar nicht so einfach) und auf keinen Fall weiße Wände! Viel Budget zum Verändern der Orte hatten wir nicht. Jieun kannte bereits ein paar tolle Ecken, wir haben ein paar neue gefunden, den Rest hat dann Iris, die Location-Scoutin, ergänzt. Als nächstes haben wir sehr intensiv mit Olivier, unserem Szenenbildner, geplant. Seine Arbeit bringt schließlich auch die Lichtquellen hervor, die dann im Bild zu sehen sind.  Ich habe wirklich großen Respekt vor Jieuns Lichtsetzung und ihrem Zugang zu Atmosphäre. Im Grading ist dann auch nochmal viel passiert und gemeinsam mit Phillip, unserem Coloristen, haben wir das Gefühl von Lichtinseln noch etwas auf die Spitze getrieben.

Ebenfalls ein optischer Genuss und Besonderheit sind die Gemälde zwischen einzelnen Szenen – stammen diese Werke von Dir?
Bei diesen Werken handelt es sich um Remixe sehr alter Öl-Gemälde, vor allem aus dem 16. und 17. Jahrhundert Die Originale der alten Meisterwerke kann man im Amsterdamer Rijksmuseum, dem MET in New York und dem Getty Museum in L.A besuchen.
Florian, der Editor, und ich, waren auf der Suche nach Bildmaterial zwischen den Szenen, um hier und da Tempo aus dem Film zu nehmen und haben nach anderen, abstrakteren Lösungen dafür gesucht. Da der Film sehr archaisch, romantisch und märchenhaft ist, bin ich bei dieser Recherche erst mal weit in die Vergangenheit gewandert. Da habe ich diese alten Stillleben entdeckt. Sie sind sehr episch und traumhaft schön, handeln aber letztlich auch von der
Vergänglichkeit und der Unabwendbarkeit des Todes. Die Blumen haben den Höhepunkt ihrer Blüte bereits erreicht, alles was ihnen noch bleibt, ist das Vergehen. Zudem verbergen sich oft tote Tiere, Schlangen und Insekten im augenscheinlich idyllischen Dickicht. Thematisch hat uns das gut gefallen.
Ästhetisch habe ich die Bilder dann etwas in die heutige Zeit geholt, in dem ich sie farblich stark bearbeitet und Bildausschnitte collagenartig neu kombiniert habe. Welche Motive an welcher Stelle im Film gut funktionieren und wie wir das zu einem dramaturgischen Bogen verweben, war allerdings eine große Herausforderung. Ohne Florians genialen Input wäre es nie geglückt, aus den ca. 200 Gemälden, die ich gesammelt und neu zusammen gesetzt habe, die finalen elf zu erarbeiten.

Noah Saavedra als Juri, Marko Mandic als der Tod und Vanessa Loibl als Nina: Nach welchen Vorstellungen hast Du Deine Schauspieler*innen ausgewählt? Was mussten sie für ihre Rollen mitbringen?
Zunächst ist das in meinen Augen wirklich tolle Ensemble der wunderbaren Casterin Nina Haun zu verdanken! Sie hat mit viel Liebe und Feingefühl sehr besondere und ausgesprochen talentierte Leute vorgeschlagen. Die endgültige Besetzung ist in Deutschland kaum bekannt. Da dies mein erster Film ist, fand ich die Idee schön, diesen neuen Weg gemeinsam mit Newcomern einzuschlagen.
Für Juri war uns besonders wichtig, dass er in seinem Leid sympathisch bleibt. Es gibt ja Typen, die spielen Angst und Verzweiflung und es wird gleich unangenehm. Wir wollten aber, dass man in der Lage ist, mit Juri mitzufühlen und vielleicht sogar zu schmunzeln. Noah Saavedra hat mich in seiner Darstellung von Unsicherheit und Angst sehr überzeugt – und das, obwohl er in Wirklichkeit ein recht gelassener Draufgänger ist. Der slowenische Theaterprofi Marko Mandic trägt als der Tod den Film fast alleine auf seinen Schultern. Sein besonderes Charisma, sein tolles Gesicht und seine ungewöhnliche Sprache machen den Tod als Figur und damit den Film überhaupt erst möglich. Außerdem hat er diese gewissen Gangster-Attribute: Gerissenheit, Selbstsicherheit, Skrupellosigkeit und eine unheimliche Aura. Darüber hinaus musste der Tod aber eine unendlich sympathische Figur sein, mit einem weichen und sensiblen Kern. Marko ist einer der liebsten Menschen, die ich kenne. Er hat diesen fast schon kindlichen Spieltrieb, der ihm scheinbar mühelos Zugang zu jeder menschlichen Facette verschafft, den schönen wie den abgründigen.
Vanessa Loibl habe ich in ihren Studententagen mal in einer UdKTheaterinszenierung  gesehen. Ihre Performance hat mich so sehr beeindruckt, dass sie mir vier Jahre später wieder eingefallen ist. Sie hat diese tolle, rauchige und abgeklärte Stimme, die einen Kontrast zu ihrem jugendlichen Aussehen bildet. Sie kann sehr cool sein und wunderbar eine gewisse Distanz herstellen, um im nächsten Moment wieder ganz nahe und voller Wärme zu sein. Das war für ihre Figur sehr wichtig. Vor allem war aber entscheidend, dass die drei zusammen ein starkes Trio bilden. Noah, Vanessa und Marko hatten auch privat eine gute Chemie, was unersetzbar war, um sie am Ende des Filmes trotz aller Widrigkeiten glaubhaft zusammen finden zu lassen.

Du hast nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch - mit Ariana Berndl – geschrieben und außerdem die Musik komponiert. Kannst Du uns deinen kreativen Prozess beschreiben?
Ich sehne mich nach Spaß und Freude beim Arbeiten. Das ist mir nur möglich, wenn ich mich nicht zu sehr unter Druck setze. So wollte ich eigentlich nur einen Kurzfilm machen, ein kleines Projekt. So etwas beginnt dann häufig von alleine zu wachsen. Bei der Musik war es ähnlich. Ich habe eigentlich nur Tracks gemacht, die uns beim Schneiden helfen, ohne die Ambition, dass das dann am Ende im Film sein wird. Irgendwann kommt dann aber doch der Druck ins Spiel und die Leichtigkeit verfliegt. Deshalb bin ich beim Drehbuch, genau wie bei der Musik, irgendwann nur noch schwer voran gekommen. Dann finde ich es schön und wichtig, sich helfen zu lassen. Und irgendwie gibt es immer tolle Leute, die Lust auf gemeinsames Schaffen haben! So habe ich in Ariana für das Buch und in Paul für die Musik wunderbare Mitstreiter*innen gefunden. Bei der Arbeit an diesem Film habe ich gemerkt, dass Kollaboration sowieso das Schönste ist! Auch mit Florian im Schnitt oder Jieun Yi beim Bild, man muss beim Film immer an einem Strang ziehen. Ich bin oft erstaunt, dass zwei gekoppelte Gehirne nicht doppelt soviel Output haben, sondern eben unendlich viel mehr.

Wie ist die Zusammenarbeit für Dein Debüt mit Komplizen Film, der Produktionsfirma von Filmen wie Maren Ades TONI ERDMANN oder WESTERN von Valeska Grisebach entstanden?
Die Zusammenarbeit ist einem glücklichen Zufall und dem großen Mut der Komplizen zu verdanken. Ich kannte zwar die meisten ihrer Filme, aber auf die Idee, mein Drehbuch da hinzuschicken, wäre ich sicher nie gekommen. Nur durch einen Umweg ist es dann aber doch auf dem Schreibtisch von Janine Jackowski gelandet. Sie und die anderen Komplizen Jonas Dornach und Maren Ade haben sich dann tatsächlich getraut, einem völlig unerfahrenen Regisseur ein 2-MillionenEuro-Budget anzuvertrauen. Das war natürlich überaus aufregend und erst nach dem ersten Drehtag habe ich es dann tatsächlich selbst geglaubt.
Die Komplizen zeichnen sich durch zwei Dinge aus: Ihre große Liebe zu Filmen und dem damit verbundenen Glauben an die künstlerische Freiheit einer Regisseurin oder eines Regisseurs. Und zum anderen durch die magische Anziehung, die der Firmenname auf andere Filmschaffende ausübt. Ich bin begeistert, wie viel Geduld und Freiheit aufgebracht wurden, damit ich den Film genauso machen konnte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wenn es Kritik gab, dann war sie immer sehr schlau, gerechtfertigt und hilfreich.
Der andere tolle Faktor ist eben, dass man die Chance hat, mit tollen Leuten zusammenzuarbeiten, an die man ohne das Komplizen-Netzwerk nie herangekommen wäre. Zu Nina Haun, unserer Casterin, Robert Spika, dem ersten Regieassistenten, oder Florian Miosge, dem Editor, und vielen anderen hätte ich ohne Komplizen Film niemals Zugang bekommen. Ich selbst habe ja keinen Vergleich, aber die anderen, sehr viel erfahreneren Leute im Team haben mir immer wieder gesagt, dass diese liebevolle Art Filme zu machen in der Branche sehr einzigartig ist. Ich schätze mich sehr glücklich nun ein Teil der Komplizen Familie zu sein.

Siehst Du Dich als Teil einer bestimmten Schule innerhalb des deutschen oder europäischen Kinos?
Ich bin als Quereinsteiger und Autodidakt zum Film gekommen und hatte daher vor diesem Projekt sehr wenig Austausch mit anderen Filmschaffenden. Auch wenn letztlich viele Leute gemeinsam an diesem Film gearbeitet und sich dabei enorm eingebracht haben, entstanden das Fundament für die Story und der Stil des Films aus einer persönlichen Sehnsucht heraus: Beim Durchsuchen des Kinoprogramms oder der Online-Mediatheken hatte ich immer Lust auf eine bestimmte Art von Geschichte, die ich nicht finden konnte – ein romantisches, üppiges Märchen, das trotzdem ein Bein auf dem Boden behält und relevante, schwere Themen behandelt.
Diese Art von Film kenne ich vor allem aus dem amerikanischen Independentkino und aus der Vergangenheit. Aber im zeitgenössischen deutschen Kino habe ich so was vermisst. So habe ich dann gedacht, okay, da gibt es diese Lücke, bevor ich ewig erfolglos die Mediatheken durchsuche, mach ich so einen Film einfach selbst. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, einem gewissen Trend anzuhängen: Und zwar einer nostalgischen Zuwendung zur prä-digitalen Zeit. Viele zeitgenössische Filme wenden sich beispielsweise den Achtziger Jahren zu und sind gefüllt von altmodischen Schauplätzen, Patina, alten Songs, warmem Licht und Objekten, die nicht aus Plastik gemacht sind. In unserer gegenwärtigen Welt mit Sichtbeton, LEDGlühbirnen, Wärmedämmeffizienz anstatt handgeschnitzter Holzfenster und Glasoberflächen anstelle von Papier müssen eben Filme dieses Bedürfnis nach Unperfektheit und Wärme übernehmen. Stilistisch bin ich also tatsächlich Teil einer großen Bewegung, die nicht nur im Film, sondern medienübergreifend stattfindet.

Welche Künstler*innen inspirieren Dich in Deiner Arbeit?
Es gibt viele Filmemacher und Filmemacherinnen, die mich geprägt haben und die ich bewundere. Die Bandbreite ist groß: Ich kann mich genauso an dem technisch perfekten Überfluss eines Spielberg-Films erfreuen wie an der grandiosen Nüchternheit und den meisterhaft inszenierten Figuren in Maren Ades Storytelling. Für diesen Film waren die direktesten Einflüsse die Arbeiten von sentimentalen und humorvollen Romantiker*innen wie Jim Jarmusch, dem jungen Wim Wenders, Miranda July oder P.T. Anderson. Von Jarmusch oder Anderson habe ich mir das Prinzip des modernen Märchens abgeschaut, von Wenders die Jukebox und die Peepshow-Kabine, von July die tragisch-überhöhten Figuren mit ihren sehr menschlichen Problemen.
Viel größer noch als der Einfluss von außen war jedoch die Inspiration durch das Team. Ich habe so viel gelernt von meiner Co-Autorin, den Produzent*innen, den Schauspieler*innen, meinem Regie-Coach, dem Regieassistenten, dem Editor, meinem Sounddesigner, die Liste ist lang. All diesen Leuten ist der Film wirklich zu verdanken.
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