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13. Nerija „Blume“
14. Jeff Williams „Bloom“
15. Brian Eno „Apollo - Atmospheres & Soundtracks“
16. Jan Vogler & Ismo Eskelinen „Songbook“
17. Wynton Marsalis „Bolden“
18. Watermelon Slim „Church of the Blues“
Freitag 16.08.2019
Nerija „Blume“
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Selten klang Jazz unkomplizierter. Selten fanden in der Musik unterschiedlichste Stilelemente gleichberechtigter zueinander: Swing, Rock`n Roll, Soul, Afro-Beat, Hip Hop, freie Improvisation. Selten war der Anteil an Frauen in einem Orchester größer. Nerija heißt die Londoner Band, denen all diese Kunststücke spielend gelingen. „Blume“, ihr Album-Debüt, ist randvoll mit großen musikalischen Momenten. Es ist Musik für Kopf und Bauch. Die zehn in Wohnzimmer-Atmosphäre live eingespielten Songs sind mit Sicherheit ein Stimmungsgarant auf jeder Party und zugleich wird man dem Septett in einem bestuhlten Konzertsaal atemlos folgen.
Hier sind junge Instrumentalisten am Werk, die die Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte aufgesaugt haben. Zugleich reihen sich auf „Blume“ individuelle Ideen wie auf einer Perlenkette diskret aneinander. Wunderbar berührende Melodien, kompromisslose Solis, perfektes Satzspiel, zwingende Arrangements, gebrochene Rhythmen und intime Balladen voller Melancholie – alles in einem ständigen wie lässigen Wechsel und im musikalischen Fluss.
Kopf des Septetts ist die Saxophonistin Nubya Garcia. Sie hat einen Großteil der Kompositionen geschrieben und steht als Solistin mehrfach im Rampenlicht. Sie ist, wie fast alle anderen Musiker/-innen fest verzahnt in der lebendigen Londoner Szene. Diese ist schon seit Jahren in Europa tonangebend. So sehr die einzelnen Mitglieder auch dem Bebop verfallen sind, ist der Modern Jazz für sie nicht das einzige Allheilmittel. Sie denken durchweg als Instrumentalisten und haben ihren jeweils ganz spezifischen kulturellen Background, der Teil ihres musikalischen Selbstverständnisses ist. Und sie sind Teamplayer, stellen ihr persönliches Ego zugunsten des Miteinanders und der gemeinsamen Spielfreude zurück. Nerija: Die Entdeckung der Saison!
Jörg Konrad

Nerija
„Blume“
Domino
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Dienstag 06.08.2019
Jeff Williams „Bloom“
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Vitale Schlagzeuger als herausragende Bandleader – hat es schon immer gegeben. Zwar ist ihre Anzahl überschaubar. Aber denkt man beispielsweise an Jack DeJohnette, Art Blakey, Elvin Jones oder Peter Erskine, um nur einige wenige zu  nennen, wird zugleich deren Qualität und jazzmusikalische Bedeutung, die weit über die Beherrschung ihres Instrumentes hinausgeht, deutlich.
Jeff Williams aus Mount Vernon in Ohio gehört zu den eher unspektakulären Vertretern seines Fachs. Er glänzt nicht mit einem Rimshout-Trommelfeuer wie Philly Joe Jones, ist kein Meister der High-Hat-Kunst wie Max Roach und kein Geschwindigkeitsapostel, wenn es um sechzehntel Triolen geht wie Billy Cobham. Williams ist ein zuhörender und inspirierender Begleiter. Er komponiert und arrangiert vom Quintett bis zum Trio. Und seine feinen rhythmischen Impressionen bewegen sich weitab jeder physischen Trommelkunst. 
Bloom“ ist Williams insgesamt neunte Veröffentlichung unter eigenem Namen. Er hat sich für diese im Sommer des letzten Jahres in New York entstandene Aufnahme zwei Mitmusiker gesucht, die als gruppendienliche Teamplayer in der Szene bekannt sind. Carmen Staaf am Klavier gehört trotz ihrer solistischen Möglichkeiten zu jenen Instrumentalistinnen, die um die Wirkung der leisen, verhaltenen Töne wissen – und diese auch spielen! Michael Formanek gilt hingegen unter den Bassisten als ein musikalisches Schwergewicht. Ein vielbeschäftigter Fels in jeder Jazz-Brandung – zwischen Avantgarde und Hardbop.
Alle drei finden zu einem wunderbaren Austausch ihrer sehr unterschiedlichen Temperamente. Die Musik atmet Freiheit und lebt doch von der klaren Struktur. Es fasziniert ihre schlichte Poesie, selbst in den explosiven Momenten. Ihre Form klingt modern und doch spürt man die historischen Verkettungen. Die lebendige Lockerheit der Musik steckt an, geht auf den Hörer über und verinnerlicht das multikulturelle Prinzip des Jazz. Hier sind Kulturen in Bewegung, werden Standpunkte mit Toleranz unterfüttert und im Miteinander ausgelebt. Anspieltipp: Northwest.
Jörg Konrad

Jeff Williams
„Bloom“
Whirlwind Recordings
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Dienstag 30.07.2019
Brian Eno „Apollo - Atmospheres & Soundtracks“
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Gerade erst hat die Internationale Astronomische Union (IAU) in Paris nach ihm einen Asteroiden benannt: „Brian Peter George St John le Baptiste de la Salle Eno“. Der aus dem englischen Woodbridge, Suffolk stammende Musiker und Produzent, wurde zudem mit der „Stephen Hawking Medal for Science Communication“, einer Medaille für besondere Leistungen in der Wissenschaftskommunikation, ausgezeichnet. Und das alles kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Albums, das, so paradox es klingen mag, über dreieinhalb Jahrzehnte alt ist. 1983 erschien „Apollo – Atmospheres & Soundtracks“, eingespielt mit Brian Enos Bruder Roger Eno und dem Kanadier Daniel Lanois. Die Musik ist als Auftragswerk für Al Reinerts Film „Apollo“ entstanden, einer Dokumentation, die aus originalen 35mm-Mitschnitten der Mondlandung besteht.
Nun, zum 50. Jubiläum der Mondlandung, sind die drei Klangtüftler nochmals ins Studio gegangen, um die Aufnahmen technisch aufzufrischen und zugleich elf neue Kompositionen zum gleichen Thema einzuspielen. Herausgekommen sind 90 Minuten voll sphärischer Inspiration. Die flächigen, langsamen und mäandernden Sounds, die hier erklingen, scheinen das Ergebnis einer sinnlichen Erfahrung. Die Emotionalität imaginärer Bilder ist spürbar und hat in der Vergangenheit immer wieder Menschen unterschiedlichster künstlerischer Ausrichtung berührt. Und obwohl diese Musik sich nicht im althergebrachten Sinn aus Harmonien, Melodien und Rhythmen zusammensetzen, ist sie auf diese Weise in Filmen wie „Trainspotting“, „Traffic“, „28 Days Later“ oder „Drive“ bekannt geworden. Und das Stück „An Ending (Ascent)“ wurde tatsächlich während der Eröffnungszeremonie der Sommerolympiade 2012 in London vor Millionen Menschen weltweit gespielt.
„Als ich anfing, mich für Musik zu interessieren, musste ich wirklich Abenteuer bestehen, um das gesuchte zu finden. Zum Beispiel diese mühsame Suche nach einem Radiosender, der gute Musik spielte. Oder winzige Plattenläden aufspüren, die ausgefallene Platten führten. Heute scheint dagegen die Hauptarbeit darin zu bestehen, sich die eigenen Sinne nicht zu verstopfen.“
Dies sind Sätze aus einem Interview, das Brian Eno im Jahr 1983 dem Journalisten und Autor Karl Lippegaus gab, kurz nachdem „Apollo – Atmospheres & Soundtracks“ veröffentlicht wurde. Vielleicht ist ja diese ständige Suche nach spezieller Musik bei Eno der Grund dafür, eigene, außergewöhnliche Klänge zu entwickeln und musikalisch ein- bzw. umzusetzen. Und wenn jemand die Suche nach guter Musik als ein zu bestehendes Abenteuer begreift, für das er zu leiden auch bereit ist, dann wundert es nicht, dass seine eigene Musik ebenfalls wie ein Abenteuer klingt.
Insofern kann man die Realisation von Ambient-Musik, die ganz eng mit dem Namen Brian Eno verknüpft ist, als ein künstlerisches Ergebnis dieses Prozesses begreifen. Zwar wird Eno immer wieder für die Gründung der Band Roxy Music zu Beginn der 1970er Jahre gerühmt, wie auch für seine Produzententätigkeit bei U2, den Talking Heads oder Depeche Mode. Doch hat sein eigentliches Verdienst für die Musik mit dieser Arbeit nur wenig zu tun. „Apollo - Atmospheres & Soundtracks“ gehört mit Klassikern wie „Ambient 1: Music for Airports“, „The Shutov Assembly“ oder „Small Craft on a Milk Sea“ zu den ganz großen und vor allem zeitlosen Ambient-Werken.
Jörg Konrad
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Dienstag 16.07.2019
Jan Vogler & Ismo Eskelinen „Songbook“
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Jan Vogler ist der Cellist für das Besondere, für das künstlerisch Herausfordernde, für das musikalisch Überraschende. Es ist noch gar nicht solange her, da hat der Berliner mit dem Schauspieler Bill Murray ein Album veröffentlicht, bei dem es Musik von Bach, Beethoven und Schostakowitsch gab und zugleich Texte von Hemingway, Miller und Whitman gelesen wurden. Die FAZ schwärmte in Bezug auf diese Einspielung damals von einem „transatlantischen Glühen“, im Spiegel war anlässlich eines Konzertes der beiden in der Elbphilharmonie von einem „denkwürdigen Abend“ zu lesen.
Nun hat sich Jan Vogler in New York mit dem finnischen Gitarristen Ismo Eskelinen zusammengetan, um in dieser nicht unbedingt alltäglichen Besetzung innerhalb der Klassik ein musikalisch wunderbar flüssiges, wie auch sinnliches Album einzuspielen.
Allein das Repertoire auf „Songbook“ ist außergewöhnlich. Neben Maurice Ravel und Erik Satie, Henry Mancini und Astor Piazzolla befinden sich mit Paganinis „Cantabile, MS 109/Op. 17“ und Friedrich Burgmüllers „Three Nocturnes“, sowie Radames Gnattalis „Sonate for Guitar and Cello“ selten interpretierte Kompositionen für Cello und Gitarre im Programm.
Vogler und Eskelinen finden musikalisch vom ersten Ton an zueinander. Ihre Instrumentalstimmen greifen auf das vertrauteste ineinander, schaffen eine Stimmung von Eleganz und Leidenschaft. Egal ob es sich um das wunderbar einschmeichelnde „Moon River“ handelt, das staccatohafte „Bordel 1900“, oder das minimalistische „Gymnoprdie No. 1“. Hier sind zwei hinreißende Solisten am Werk, die genauso im Miteinander überzeugen, die intelligent wie sentimental zu spielen verstehen und mit ihrer Musik immer einen Hauch Leichtigkeit vermitteln. Sie illustrieren die Partitur mit individueller Empathie, formulieren gelassen und souverän. Ein offener, ein intensiver Dialog, den die beiden führen. Intime Kunst – an der wir alle teilhaben dürfen.
Jörg Konrad

Jan Vogler & Ismo Eskelinen
„Songbook“
Sony
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Freitag 12.07.2019
Wynton Marsalis „Bolden“
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Charles Joseph „Buddy“ Bolden hat den Jazz erfunden! In New Orleans, am 13. Mai 1896 um 13.05 Uhr Ortszeit - als er nämlich dem Geiger seiner bis dato Band kündigte und in seinem neuen Orchester ab diesem Moment in die Walzer und Mazurken Blue Notes einbaute. Von diesem rätselhaften Kornettisten, dessen Instrument, wenn er es spielte, laut Musikerkollegen so klang „wie die Flosse eines Hais, die das Wasser durchschneidet“, gibt es unzählige Anekdoten, nur ein verschwommenes Foto, kein einziges Tondokument. Er erlernte das Handwerk des Friseurs, war musikalischer Autodidakt, Frauenschwarm und landete mit gerade einmal dreißig Jahren für den Rest seines Lebens im Irrenhaus. Ob die diagnostizierte Schizophrenie mit seiner Trunksucht zusammenhing? Man weiß es nicht. Sein Grab ist unbekannt.
Im Frühjahr ist in den USA der Film „Bolden“ angelaufen. Regisseur Dan Pritzker hat das Leben dieses Ausnahmekünstlers in Szene gesetzt. Die Musik zu diesem Biopic hat kein geringerer als Wynton Marsalis eingespielt.
Der ebenfalls aus New Orleans stammende Trompeter gehört zu den großen Bewahrern des Jazz, den das TIME MAGAZIN vor einigen Jahren sogar zu den 25 einflussreichsten Amerikanern zählte. Er hat Kompositionen für große Orchester, für Big Band, Quartett, Quintett, aber auch für Streichquartett und Kammerensemble geschrieben und ist für seine Arbeit bisher neun Mal mit dem Grammy und sogar als erster Jazzmusiker mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. Nun also Filmusik. Und natürlich stürzt sich Marsalis mit seiner Band (Wycliffe Gordon, Vincent Gardner, Michael White, Ted Nash u.v.a.) kopfüber und mit jeder Menge Leidenschaft in jene Zeit, als der Jazz zu Beginn des letzten Jahrhunderts das Laufen lernte.
Ob Marsalis auf diesen Aufnahmen dabei so klingt, wie eben jener Buddy Bolden, ist zu Recht fraglich. Aber wie er die großen Klassiker des Jazz, „Basin Street Blues“, „Muskrat Ramble“ oder der bis heute, was die Urheberschaft betrifft, umstrittene, aber nicht wegzudenkende „Tiger Rag“ interpretiert, das hat Stil, das hat Klasse. Fast alle Kompositionen sind von Marsalis neu arrangiert. Dabei hat er ihnen ihre Authentizität belassen, vielleicht für etwas mehr Transparenz gesorgt, sie leicht veredelt und dadurch für ein neues Publikum zugänglicher gemacht. Seine Trompetenparts sind geschliffen, sein Ansatz ist, wie immer, perfekt. Bleibt nur noch zu klären, wann der Film auch in deutschen Kinos anläuft.
Jörg Konrad

Wynton Marsalis
„Bolden“
Blue Engine
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Freitag 28.06.2019
Watermelon Slim „Church of the Blues“
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Seine Stimme hat die Klarheit eines Bergsees und die Intensität eines startenden Düsenjets. Sein Slidespiel kommt einem schneidenden Blizzard gleich und wenn seine Band so richtig in Schwung ist, könnte sie es locker mit einem Triceratops aufnehmen – wenn es diesen heute noch gäbe.
Bill Homans, besser bekannt als Watermelon Slim, beglückt mit dem neuen Album „Church Of The Blues“ sicher nicht nur seine Fangemeinde. Sondern mit großer Sicherheit auch all jene, die den Bluesman aus Boston hier zum ersten Mal hören. Denn er schafft auf ganz wunderbare Weise eine Stimmung, die die Authentizität des traditionellen Blues in unsere schnelllebige, wie manchmal auch substanzarme Zeit mit Entschiedenheit hinüberrettet.
Seine einstigen Heroen waren Muddy Waters, Buddy Guy und B.B. King. Doch von ihnen hat sich Slim freigespielt, hat seinen eigenen kantigen, von Leidenschaft und Musikalität gekennzeichneten urbanen Stil gefunden. Über 20 Mal wurde Watermelon Slim bisher für den Blues Music Award nominiert. Auch auf „Church Of The Blues“ zelebriert er überzeugend mit aller Hingabe das Hochamt des Blues – als wäre dies das letzte Album seines Lebens.
Erfahrungen und Verrücktheiten hat er in seinem Leben genug gesammelt. Sich einst als GI für den Vietnam-Krieg freiwillig meldend, zählt er heute zu den entschiedensten (organisierten) Kriegsgegnern in den USA. Er war Trucker und Sozialaktivist, hat auf einer Farm für Wassermelonen gearbeitet (daher sein Künstlername), später Journalistik und Geschichte studiert und gehört heute aufgrund seines außergewöhnlich hohen IQs der Mensa International, einem Verein für hochbegabte Leute, an.
Das alles hält ihn aber nicht davon ab „patzig“ und „provokant“ zu klingen, den Alltag der Straße in schnoddriger Poesie zu besingen und und das definierte 12-taktige-Schema aufzubrechen. Bei Watermelon Slim ist der Blues nun einmal Lebensphilosophie, aber auch ein Ritual einer außen stehenden Seele, der die individuelle Freiheit und der Glaube an die Erlösung durch Musik weit wichtiger sind, als jeder kommerzielle Erfolg.
Jörg Konrad
 
Watermelon Slim
„Church of the Blues“
Northern Blues
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Autor: Siehe Artikel
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