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1. Sigrid Nunez „Der Freund“
2. Juri Buida „Nulluhrzug“
3. Alexander Puschkin „Pique Dame“
4. Ernst Hofacker „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“
5. Monika Helfer „Die Bagage“
6. KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Cesare Pavese
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Montag 06.04.2020
Sigrid Nunez „Der Freund“
Was tut man, wenn der Mensch, den man am meisten liebt, sich das Leben genommen hat? Wie geht man mit dem Schock, der Leere, dem Schmerz um? In ihrem wunderbaren, eigenwilligen Buch über Liebe, Trauer und Literatur stellt sich die Autorin Sigrid Nunez diesen Fragen. „Der Freund“ wurde 2018 in den USA mit dem National Book Award ausgezeichnet und hat jetzt auch im deutschsprachigen Raum den Durchbruch geschafft.
Die Ich-Erzählerin des Romans ist, ebenso wie die Autorin, eine in New York lebende ältere Schriftstellerin, die an der Universität Kurse in creative writing hält. Auch der Freund, den sie im Buch anspricht, war Schriftsteller und Dozent und einst ihr Lehrer an der Uni, ein von Studentinnen umschwärmter Star der Szene. Nur einmal haben die beiden eine Nacht zusammen verbracht, danach nahm sie Anteil an seinen zahllosen Affären und seinen drei Ehen. Für sie, die keine eigene Familie hat, war er Seelenfreund, wichtigster Gesprächspartner, engster Vertrauter. Nach seinem unerwarteten Freitod hinterlässt er ihr ein Vermächtnis der besonderen Art: eine dänische Dogge namens Apollo, die auf den Hinterbeinen stehend mehr als zwei Meter misst. In der winzigen Wohnung der Ich-Erzählerin sind Haustiere verboten, aber da sich kein anderer Platz finden lässt, nimmt sie den sanftmütigen Riesen auf. Apollo ist ebenso verzweifelt und erschöpft vom Trauern  wie sie selbst. Tiere „begehen keinen Selbstmord. Sie weinen nicht. Aber sie können zerbrechen.“ Langsam fassen Frau und Hund jedoch Vertrauen zueinander. Der Titel des Buches erhält einen zweifach Sinn: Apollo nimmt zunehmend die Rolle des verstorbenen Freundes ein. Er wird für die Frau zu einem geliebten, tröstenden Gegenüber, zu ihrem Therapiehund. Das ist bewegend zu lesen. „Was sind wir, Apollo und ich, wenn nicht zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüßen?“ Nachts legt ihr Apollo seine massive Pfote auf die Brust. Sie liest ihm aus ihrer Lieblingslektüre vor, da er sich dadurch am besten beruhigen lässt.
Natürlich ist sich Sigrid Nunez, die eine äußerst reflektierte Autorin ist, der Gefahren bewusst, die die Schilderung einer so engen Bindung zwischen Mensch und Tier beinhalten kann. Eine einsame Frau, deren bester Freund eine Dogge ist? Die mit ihrem Hund spricht und ihm vorliest? Ist das nicht eine unnatürliche Beziehung? Dieser Verdacht wird im Buch diskutiert, hat aber gegenüber der einzigartigen Freundschaft mit Apollo kein wirkliches Gewicht.
Nie gleitet die Geschichte in Sentimentalität oder Kitsch ab. Davor bewahrt sie auch der Humor der Autorin, der immer wieder aufblitzt, zum Beispiel wenn die Ich-Erzählerin auf das „literarische Interesse“ ihres Hundes aufmerksam wird, als er eine Ausgabe von Karl Ove Knausgard zerkaut.
Der Hinweis auf die autobiographischen Romane von Knausgard ist natürlich kein Zufall. Man fragt sich unwillkürlich beim Lesen, ob das Buch die eigenen Erlebnisse der Autorin schildert, ob es ihr ganz persönliches Trauerbuch ist. Das lässt sie bewusst in der Schwebe. „Ich gehe nie davon aus,… dass ein literarisches Werk autobiographisch ist“, belehrt die Dozentin einen Studenten.
Der Roman ist als vielgestaltige Rede an den anonymen Freund komponiert, den sie nur mit „Du“ anspricht. Niemand außer Apollo trägt einen Namen; er heißt wie der antike Gott des Lichts, der Heilung und der Künste und erhält damit auch eine symbolische Qualität.
Sigrid Nunez hat einen ganz besonderen, suchenden Stil. In einem unangestrengten Ton mäandert sie zwischen den verschiedenen Erzählebenen, zwischen Erinnerungen, persönlichen Bekenntnissen, Reflexionen und Zitaten zahlreicher Autorinnen und Autoren. Sie macht sich Gedanken über Liebe und Selbstmord, über Hunde und ihr besonderes Verhältnis zu den Menschen.
Ein Hauptthema, das sie immer wieder umkreist und von unterschiedlichen Seiten beleuchtet, ist das Schreiben. Kann Schreiben helfen, Erlebnisse zu verstehen und zu verarbeiten? Ist das wirklich die Hauptaufgabe von Literatur? Was macht Literatur überhaupt aus?
Der Selbstmord des Freundes wird im Roman auch mit seiner Verzweiflung darüber begründet, dass Schriftsteller und ihre Bücher heute weitgehend ihre Bedeutung verloren haben. „Der Freund“ spiegelt das Leiden der Autorin an der Rolle von Literatur heute wider. „Es war einmal eine Zeit, als junge Schriftsteller – zunehmend die, die wir kannten – glaubten, Rilkes Welt würde ewig währen. Ich stimme meinen Studenten zu, dass diese Welt verschwunden ist.“ Heute sei kaum noch ein literarisches Werk vorstellbar, das einen bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft hat.
Diese Aussage sollte man wohl etwas relativieren. Jedenfalls könnte auch der kluge, anrührende Roman von Sigrid Nunez ein wenig dazu beitragen, die Welt  nachdenklicher und warmherziger zu machen.
Lilly Munzinger, Gauting

Sigrid Nunez
„Der Freund“
Aufbau Verlag
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Freitag 27.03.2020
Juri Buida „Nulluhrzug“
„Vier Lokomotiven, hundert Waggons. Die Schwellen biegen sich unter der Last, Stahl ächzt, Eisen dröhnt.“ Jede Nacht, punkt Null Uhr, passiert ein Güterzug in voller Geschwindigkeit den Kontrollpunkt 9, irgendwo im russischen Hinterland. Die Menschen, die hier leben, haben nur eine Aufgabe: Den Zug störungsfrei an der Ausweichstelle vorüber zu leiten. Niemand weiß, was sich in den „verplombten“ Waggons befindet. „Der Nuller ist ein Gespenst. Ein Spuk“ – mitten im totalitärem System der einstigen Sowjetunion.
Die Menschen, die an dieser kleinen Bahnstation leben, scheinen sich mit der Macht, den Bluthunden, der Rigorosität der militärischen Obrigkeit abgefunden zu haben. Sie leben ihr Leben, begehren, trinken, trauern und gehen ihren Verrücktheiten sowie Tagträumen nach. Doch unter dieser nur scheinbar angepassten Oberfläche sitzt die Angst, die Ungewissheit und letztendlich die Wut auf dieses gespenstige System, verkörpert durch ein monströses Stahlungeheuer, das bis in den äußersten Zipfel der „Republik“ durch die Landschaft pflügt.

Der russische Autor Juri Buida, 1954 in Snamensk geboren, hat in seinem Leben dreieinhalb Jahrzehnte sowjetische Diktatur der Nach-Stalin-Ära hautnah miterlebt. Den kleinen Roman „Nulluhrzug“ hat er kurz nach dem Zerfall des riesigen Landes geschrieben und obwohl es ihm hätte leicht fallen können, die Greuel des kommunistischen Systems beim Namen zu nennen, entschied er sich, Zeitgeschichte und deren Auswirkungen über eine Metapher darzustellen. Der Nulluhrzug, ein Koloss aus Stahl, ein aus dem Nichts auftauchendes Ungeheuer, das vorbeirauscht und am Horizont wieder im Nichts verschwindet, verkörpert die unangreifbare Macht, die unangreifbare Präsenz und die Dringlichkeit einer Diktatur, die plötzlich aufgetaucht scheint, um dann, nach Jahrzehnten, ebenso unterzugehen.
Buida schafft mit knappen, prägnanten Sätzen und skurrilen Schilderungen tragischer Schicksale in dieser Parabel eine berückende Atmosphäre. Sie vermittelt ebenso die harte Realität der Bevölkerung mit all ihren Überlebensstrategien, wie auch deren stille Hoffnung auf Veränderung. Doch letztendlich zeigt dieser Roman, wie sich ein Großteil der Menschen diesem totalitären System beugt, sich ihm ausliefert, ja es stützt und weiterführt. So löst sich alles Zivilisatorische auf, verroht jeder kulturelle Ansatz endgültig – solange man ihm nichts entgegensetzt.
Jörg Konrad

Juri Buida
„Nulluhrzug“
Aufbau Verlag
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Montag 16.03.2020
Alexander Puschkin „Pique Dame“
Puschkin, schreibt Alexander Nemetz in seinem Nachwort zur „Pique Dame“, sei innerhalb der Literatur das, was Mozart für die Musik war. Damit meint der Übersetzer, Lyriker, Essayist und Rezitator die Vielseitigkeit des russischen Autors, die scheinbare Leichtigkeit seiner Texte und zugleich dessen Volksverbundenheit. Puschkin, der mit nur siebenunddreißig Jahren nach einer möglichen Hofintrige im Duell den Tod fand, schrieb mit gleicher Hingabe und Perfektion Gedichte, Novellen, Romane und Tragödien. Dostojewski nannte ihn in seiner legendären Rede anlässlich der Enthüllung des Puschkin-Denkmals 1880: „Puschkin ist eine außergewöhnliche und die vielleicht einzige Manifestation des russischen Geistes. Und zwar eine prophetische.“
Wie der 1799 in Moskau geborene Autor in der Lage war, mit wenigen literarischen Skizzen raffinierte und komplexe Handlungen mit eindrücklichen Charakteren zu entwerfen, wird in seiner Erzählung „Pique Dame“ deutlich. Eine kurze Geschichte, die anrührt, die spannend ist, deren Dramaturgie sich intelligent aufbaut und steigert und die am Ende, trotz mancher Idealisierung, doch so profan, oder sagen wir besser tragisch endet.
Alles in dieser Erzählung dreht sich um ein Kartenspiel, das wiederum als zentrales Thema die Hoffnung auf Liebe, den Verrat, die Sucht und letztendlich Habgier miteinander verbindet. Puschkin gelingt es auf meisterliche Weise menschliche Fantasie und enttäuschende Realität zusammenzuführen, sie in ein Verhältnis zu setzen, das für den Leser leicht nachvollziehbar ist und zugleich aber auch treffend entlarvt werden kann.
Die einzelnen Figuren sind fein umschrieben, wirken oft ironisch überzeichnet und agieren mit einer Leidenschaft, die der Leser mitfühlend zwischen Ironie und Mitleid verortet. Egal, ob es die Trauer der 80jährigen Gräfin über ihre verflossene Jugend ist, so dass sie sich noch immer wie vor sechzig Jahren kleidet, oder den Wunsch Lisas, der Gräfin Pflegetochter, die meint, der deutsche Gardekavallerist Hermann würde einzig wegen ihr das Haus der Gräfin observieren.
All diese Themen, diese Wünsche und Enttäuschungen, diese seelischen Innenwelten und äußerlichen Handlungsweisen, diese menschlichen Tugenden und aberwitzigen Übergänge vermitteln nicht nur eine symbolische Zeitlosigkeit. Daran hat Alexander Nemetz einen großen Anteil, dessen Übersetzung sich modern liest, ohne dabei in irgendeiner Form einem Zeitgeist zu huldigen.
Zudem hat der Galiana Verlag für diese Erzählung Kat Menschik ins Boot holen können. Ihre farbigen Illustrationen geben dieser existenziellen Geschichte etwas überspitzt komikhaftes.
Als Grundlage nutzt die 1968 in Luckenwalde geborene Zeichnerin und Illustratorin Spielkarten, wobei es ihr gelingt, aus einer Mischung von kräftigen, ins Auge springenden Farben und deftigen Porträts der Hintergründigkeit der Erzählung auch eine visuelle Dimension zu geben. So bekommt „Pique Dame“ eine mehr schwarzhumorige Aussage und ist damit absolut auf der Höhe der Zeit.
Jörg Konrad

Alexander Puschkin
„Pique Dame“
Galiani Berlin
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Freitag 13.03.2020
Ernst Hofacker „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“
„Auf den Tag genau zehn Jahre vor seinem Tod gibt JOHN LENNON Jann Wenner vom Rolling Stone das ausführlichste Interview seines Lebens.“ (08.12.1970); „Sänger IAN GILLAN verlässt DEEP PURPLE.“ (30.06.1973); „Tödlicher Irrtum: TERRY KATH, Gitarrist von CHICAGO, schießt sich mit einem Revolver in den Kopf, von dem er glaubt, dass er nicht geladen ist.“ (23.01.1978)

Drei Meldungen aus einem der wildesten, spannendsten und anspruchsvollsten Musikjahrzehnte der Neuzeit. Nämlich jener Zeit, in der sich die Aufgewühltheit der Pop- und Rockrevolution der 1960er Jahre wieder etwas beruhigte und stattdessen nach einem künstlerischen Umgang mit den neuen, unerhörten Klängen von Elvis Presley bis zu den Beatles, von Bob Dylan bis Jimi Hendrix suchte. Die stilistisch grenzenlose Flower-Power-Ära brach wie ein Tsunami über die Jugend herein und schuf gänzlich neue musikalische Ausdrucksmöglichkeiten als Identifikationsmodell für eine ganze Generation – die bis heute nachwirken.
Ernst Hofacker, Musikjournalist, Radiomoderator und Redakteur, versucht in seinem Buch „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“ das Porträt einer Zeit anhand der Musikszene jener Jahre zu zeichnen. Grundlage für seine Studien und letztendlich für dieses Buch ist die Popkultur, auch als ein Spiegel der Gesellschaft und der politischen Entwicklungen. Chronologisch arbeitet Hofacker jedes Jahr ab, nimmt Bezug auf das Kent-State-Massaker, bei dem im Mai 1970 in Ohio vier Studenten von der Nationalgarde erschossen wurden und das als Grundlage dem Song „Ohio“ von Crosby, Stills, Nash & Young diente, als auch auf den Skandal, den Nina Hagen 1979 im ORF auslöste, als sie in einer Talk Runde sehr eindeutig und spontan für die sexuelle Selbstbestimmtheit der Frau plädierte
Hofacker schreibt über die Anfänge des sogenannten Prog-Rock, zu dem Bands wie Yes, King Crimson oder Jethro Tull gehörten. Udo Lindenberg findet mit seinen ersten eigenen musikalischen Schritten Eingang in dieses Buch, wie die Popbewegung in der DDR unter dem Titel „Blues und Rock im Arbeiter- und Bauernstaat“. Aber die 1970er Jahre waren auch das Jahrzehnt des Soul eines Marvin Gaye oder Norman Whitfields Band The Temptations, bis hin zu den Anfängen des Hip Hop wie ihn der aus heutiger Sicht noch sehr musikalische Africa Bambaata und Grandmaster Flash verstanden und die Zeit der ersten Schritte einer Bewegung, die sich New Wave nannte.
Die Menge an Stilen und Entwicklungen, wie sie in diesen zehn Jahren stattgefunden haben, sind einmalig im Zeitalter des Pop. Und das ist vielleicht das Manko dieses Buches: Jede einzelne dieser hier aufgeführten Strömungen hätte statt einem Abschnitt ein eigenes Buch verdient. Allein die Wege, die der Punk seitdem genommen hat, Heavy Metal oder Krautrock sind, aus heutiger Sicht, phänomenal. Hinzu kommt die Soziologie dieser einzelnen Stilistiken und ihrer Vertreter – die ganze Bibliotheken füllen könnten.
So ist „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“ mit seinen über 330 Seiten das, was man vielen Handbüchern nachsagt: Es fehlt eine gewisse Vollständigkeit. Allein über die Entwicklung des Jazz finden sich nur rudimentäre Versatzstücke. Dabei gab es besonders in den 1970er Jahren eine recht enge Beziehung zwischen Jazz und Pop und Rock'n Roll.
Wer jedoch einen Überblick sucht, der dieses Jahrzehnt allein popmusikalisch als Oberfläche beleuchtet und dabei die eine oder andere politische Entwicklung musikalisch einordnen möchte, für den ist dieses Buch genau richtig.
Jörg Konrad


Ernst Hofacker
„Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“
Reclam
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Dienstag 03.03.2020
Monika Helfer „Die Bagage“
In der Anfangsszene ihres Romans „Die Bagage“ malt Monika Helfer ein berückend schönes Bild: vor einem Berg ein kleines Haus, ein Bach, ein Brunnen und eine wunderschöne schwarzhaarige Frau, die eine weiße Bluse aufhängt. Aber es weht die Wirklichkeit hinein in dieses Bild, „kalt und ohne Erbarmen, sogar die Seife wird knapp“. Hier klingen schon die Gegensätze an, die Monika Helfers Geschichte bestimmen: Schönheit und bittere Not.
Die 1947 geborene Österreicherin Monika Helfer hat zahlreiche Bücher verfasst, in denen sie von schwierigen Familiensituationen erzählt. In ihrem anrührenden autobiographischen Roman „Die Bagage“ ist sie nun ihrer eigenen Familiengeschichte auf der Spur. Im Zentrum steht ihre schöne Großmutter Maria, die Anfang des vorigen Jahrhunderts zusammen mit ihrem Mann Josef und zahlreichen Kindern am äußersten Rand eines kleinen Bergdorfs in Vorarlberg lebte.
Die Familie wird im Dorf „die Bagage“ genannt. Sie sind die Armen, Verachteten, die in ihrem Haus nicht einmal elektrischen Strom haben. Außenseiter sind sie aber auch deshalb, weil sie etwas Besonderes sind. Josef, ein stolzer, schweigsamer Mann, nimmt am Dorfleben kaum teil. Er trinkt keinen Alkohol, ist ein Meister im Kopfrechnen und macht undurchsichtige Geschäfte mit dem Bürgermeister. Marias ungewöhnliche Schönheit erregt den Neid der Frauen und die Begehrlichkeit der Männer. In starken Bildern und schlichten, meist kurzen Sätzen, die an die Sprechweise der Dorfbewohner angelehnt sind, berichtet Monika Helfer von der dramatischen Geschichte ihrer Großeltern. Sie erzählt von einer engen, von gesellschaftlichen Zwängen geprägten Welt, von männlicher Begierde und Brutalität, aber auch von Liebe und familiärem Zusammenhalt. So bewusst einfach seine Sprache, so kunstvoll ist der schmale Roman komponiert. Tastend, fragend, auf der Suche nach der Wahrheit, wechselt Monika Helfer häufig die Zeitebenen. Immer wieder greift sie vor, erzählt von der Tante und den Onkeln, von ihrer Mutter und sich selbst, und springt wieder zurück zu ihren Großeltern. So entsteht ein dicht verwobenes Netz von Geschichten ihrer Familie. Im Mittelpunkt ihrer Suche steht die Frage, wie die Erlebnisse der Großeltern den Lebensweg ihrer Kinder und Enkel beeinflusst haben.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs wird Josef Moosbrugger eingezogen. Dem Bürgermeister vertraut er seine Frau und seine Kinder an. Er soll die Familie versorgen und vor allem aufpassen, dass die schöne Maria sich nicht mit anderen Männern einlässt. Doch sie verliebt sich auf einem Dorffest in einen Fremden. Dreimal besucht dieser sie in dem einsamen Haus. Auch Josef verbringt seinen kurzen Heimaturlaub bei seiner Familie. Einige Zeit später ist es nicht mehr zu übersehen: „Maria war schwanger, und in ihrem Bauch war meine Mutter.“
Die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass Josef der Vater ist, doch das ganze Dorf ist davon überzeugt, dass Maria das Kind von dem Fremden erwartet. Ein Hexentreiben beginnt. Marias Kinder werden in der Schule gemobbt. Die beiden Autoritäten des Dorfes, Pfarrer und Bürgermeister, behandeln sie wie eine Hure. Beide werfen ein Auge auf sie: der Pfarrer ein böses und der Bürgermeister ein begehrliches. Der Pfarrer lässt das Kruzifix von ihrem Haus abhängen, und der Bürgermeister, der „Wohltäter der Familie“, versucht, ihr Gewalt anzutun. Aber er hat nicht mit ihren Kindern gerechnet.
Als der Vater nach dem Krieg nach Hause kommt, lässt er sich von den Gerüchten beeindrucken und glaubt seiner Frau nicht, dass die jüngste Tochter, die Mutter der Autorin, seine eigene ist. Er ekelt sich vor ihr, sieht sie kaum an und spricht nie mit ihr.
Monika Helfer hat, als sie klein war, nie eine wirkliche Familie erlebt. Seit fast 40 Jahren ist sie nun mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet und hat mit ihm  vier Kinder großgezogen. Eines ihrer Bücher trägt den Titel: „Die wilden Kinder“. Wild sind auch die Geschwister der „Bagage“, denen die Autorin in ihrem Roman ein Denkmal setzt. Die bedingungslose Bereitschaft dieser Kinder, alles für die Familie und ihre Mutter zu tun, der Mut, mit dem sie sich gegen die Zumutungen ihrer Umwelt wehren, ihr Kampf ums Überleben sind beeindruckend und herzzerreißend geschildert.
Monika Helfers wunderbares, sensibles und melancholisches Buch endet, wie es beginnt: mit einem Bild. Trotz allem ist es ein versöhnliches Bild, das sie auf den letzten Seiten vor unserem inneren Auge entstehen lässt: „Im Kunsthistorischen Museum in Wien sah ich mir die ‘Kinderspiele‘ von Pieter Breughel dem Älteren an, und da waren sie alle, die ganze Bagage, sie tollten über das Bild hinweg, lachten und greinten und johlten sich zu und tuschelten, und ich stand davor und musste lachen...“

Lilly Munzinger, Gauting


Monika Helfer
„Die Bagage“
Hanser
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Montag 17.02.2020
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Cesare Pavese
Die Hügel der Stadt, das sind die sanften Höhenzüge der Langhe, ein ländliches, von Wäldern und Feldern durchzogenes Gebiet im Nordwesten von Turin. Für Corrado, den Gymnasiallehrer aus der Industriemetropole Turin, ein Sehnsuchts- und Zufluchtsort. Es ist das Jahr 1943. Die Alliierten bombardieren das Land, das von den Faschisten unter Mussolini regiert wird. Jeder Luftalarm traumatisiert die Bevölkerung neu. Die Menschen flüchten in diesen schrecklichen Momenten in die schützende Hügellandschaft – auch des nachts. Es ist ein unruhiges, von Angst und Anspannung gekennzeichnetes Leben. Als die Italiener sich von Mussolini und seiner Regierung befreien und die Alliierten, die zwischenzeitlich auf Sizilien gelandet waren, als Befreier begrüßen, übernimmt die deutsche Wehrmacht, als einstige Verbündete Mussolinis, das Terrorregime.
Corrado lebt bei zwei älteren Damen in einem abgelegenen Haus, streift mit deren Hund durch die Wälder der Gegend und betreibt Naturstudien. In dem nahe gelegenen ehemaligen Gasthof Le Fontane trifft er durch Zufall Cate, eine Liebe aus vergangenen Zeiten, die hier mit ihrem Sohn und einigen anderen jungen Menschen vor den Bombenangriffen Zuflucht sucht. Corrado ist sich nicht sicher, ob Cates Sohn Dino nicht sein eigenes Kind ist.
Wie sich herausstellt gehören einige der Männer und Frauen auf Le Fontane der Resistenza-Bewegung an. Es sind Partisanen, die sich statt endloser theoretischer Diskurse für handfeste Aktionen, für den Kampf gegen die Faschisten entschieden haben.
Corrado stellt diese, auch das eigene Leben in Gefahr bringende Aktionen, in Streitgesprächen immer wieder in Zweifel, intellektualisiert die Themen, kommt aber letztendlich zu keiner eigenen eindeutigen Haltung. Er überspielt seine politische Unentschlossenheit durch Zynismus und Arroganz. Er gibt sich dabei nach außen stark, wissend und nicht manipulierbar. Spürt dahinter aber die Isolation, in die er sich durch sein angreifbares, ja im Grunde angstvolles Verhalten begibt.
Erst als die Deutschen Turin erobern und Cate und ihre Freunde in Gefahr geraten, kommt Bewegung in Corrados Denken und Auftreten.
In dieser Figur eines melancholischen Zweiflers, die Cesare Pavese in dem 1948 erschienen Roman „Das Haus auf dem Hügel“ eindrücklich skizziert, stecken viele autobiographische Züge des Autors. Sowohl was die Handlung des Romans selbst betrifft (Pavese hat sich entgegen einiger seiner engsten Freunde nie zum aktiven Widerstand entschließen können), als auch die Beschreibung des Gemütszustandes des Antihelden Corrado. Paveses Schriften widerspiegeln immer wieder die grüblerische Einsamkeit eines Intellektuellen, dem es schwer fällt, zu einer Meinung zu gelangen, mit der er inhaltlich sein Leben ausfüllen könnte. Er war Zeit seines Lebens zerrissen, lebte einerseits mit Freuden in der Provinz. Andererseits zog es ihn in die Stadt, in das turbulente, vitale urbane Leben. Dabei war er stets auf der Suche nach der eigenen Identität, verliebte sich in Frauen, die seine Liebe nicht erwiderten, fand letztendlich nie wirklich die Erfüllung seines Lebens. Der Philologe und Übersetzer Pavese („Moby Dick“, „Moll Flanders“, "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ u.a.) war ein Wanderer in seelisch unausgefüllten Welten. In dieser Gemütslage entstand literarisch diese regelrecht greifbare Aura von Melancholie und Einsamkeit, von seelischem Schmerz und innerer Unentschlossenheit, von peinigendem Selbstzweifel und unbekannter Erfüllung.
Es ist, als hätte Pavese mit „Das Haus auf dem Hügel“ eine ganz persönliche Beichte abgelegt, seine Art der Auseinandersetzung mit seiner Schuld, wie er es selbst einmal bezeichnete, mit der eigenen Zögerlichkeit und der dazugehörigen inneren Haltung. Die Thematik, vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Auseinandersetzung eine eigene Haltung zu erkämpfen und diese überzeugend auch nach außen zu vertreten, ist hochaktuell.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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