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7. Christo and Jeanne-Claude „Paris!“
8. Hörspiel: Arthur Schnitzler „Reigen“
9. Sigrid Nunez „Der Freund“
10. Juri Buida „Nulluhrzug“
11. Alexander Puschkin „Pique Dame“
12. Ernst Hofacker „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“
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Freitag 24.04.2020
Christo and Jeanne-Claude „Paris!“
Wir leben in unsicheren Zeiten. Wer hätte das in diesen (scheinbar) verlässlich-geordneten mitteleuropäischen Regionen noch vor Monaten gedacht? Geschweige vor einem Jahr?
Wenn alles so abgelaufen wäre, wie vor langer Zeit geplant, wäre der bulgarische Verpackungskünstler Christo, der mit bürgerlichem Namen Christo Wladimirow Jawaschew heißt, momentan mit dem Verhüllen des Arc de Triomphe de l’Étoile beschäftigt, diesem monumentalen Denkmal im Zentrum von Paris, das dem Ruhm der kaiserlichen Armeen gewidmet ist.
Doch aufgrund des Feuers in Notre-Dame im Herbst letzten Jahres wurde der Termin auf den Herbst 2020 (19. September bis 4. Oktober) verschoben. Zudem sollte im Centre Georges Pompidou derzeit eine große Ausstellung stattfinden, die die Arbeiten Christos und Jeanne-Claudes in den Jahren 1958 bis 1964, sowie das Pont-Neuf-Projekt in den Jahren 1975 bis 1985 in Paris zum Inhalt haben sollte. Diese Ausstellung wiederum ist der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Und ob der Arc de Triomphe wie geplant im Herbst auch tatsächlich verhüllt wird, ist fraglich.
Trotzdem ist im Sieveking Verlag ein Katalog erschienen – der die zurückliegenden Arbeiten des Künstlerpaares in Paris von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und dabei die Einzigartigkeit von Christo und Jeanne-Claude deutlich werden lässt.
Paris hat für die Kunst der beiden eine ganz entscheidende Bedeutung. Denn in der Seine-Metropole lernten sie sich 1958 kennen und planten von hier aus später viele ihrer großen Projekte. Das Buch beinhaltet Ideen, Skizzen, Skulpturen, Installationen, die teilweise in verschiedene andere Arbeiten mit einflossen. Anderes hingegen steht vollkommen für sich, wurde in Kunstausstellungen weltweit präsentiert.
Dabei mag es Christo überhaupt nicht, wenn er als Verpackungskünstler bezeichnet wird. Auf die Frage, warum er so dagegen sei, antwortete er im letzten Jahr dem Stern:
„Weil es meiner Kunst nicht gerecht wird. Es ist eine grobe Vereinfachung. Die Kunstwerke sind sehr verschieden. Die Umbrellas in Japan und Kalifornien waren keine Verpackung, die Gates im Central Park in New York und die Floating Piers auf dem Iseosee in Italien auch nicht. Verpackt habe ich schon lange nichts mehr seit Pont Neuf in Paris und dem Reichstag in Berlin. Gemeinsam haben die Projekte nur eines: Ich arbeite mit Geweben und Stoffen. Sie unterstreichen den zerbrechlichen, vergänglichen Charakter der Kunstwerke.“
Vieles von dem, was in dem Band „Paris!!“ zu sehen ist, ist weniger bekannt, wie zum Beispiel die Crater-Installationen aus dem Jahr 1959, oder die geschichteten/verpackten und bunt gemalten Ölfässer aus den Jahren 1961/62.
Und dann ist da natürlich das Verhüllen der Seine-Brücke Pont Neuf in Paris, mit 40.876 Quadratmetern champagnerfarbenem Polyamidgewebe, das in diesem Buch großen Raum einnimmt. Es macht deutlich, wie akribisch dieses Projekt von dem genialischen Künstler- und Lebenspaar geplant und umgesetzt wurde.
Jörg Konrad

Christo and Jeanne-Claude
„Paris!“
Sieveking Verlag

Abbildung:
 Photo © Jean-Dominique Lajoux.
Aus: Christo & Jeanne-Claude, Sieveking Verlag 2020

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Montag 13.04.2020
Hörspiel: Arthur Schnitzler „Reigen“
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„Schandstück“, „Jüdische Schweinerei“, „Geilste Pronographie“. 1903 veröffentlichte Arthur Schnitzler sein Drama „Reigen“. Nach dessen Uraufführung im Kleinen Schauspielhaus in Berlin im Dezember 1920 waren dies die anschließenden Kommentare in den konservativen deutschsprachigen Tageszeitungen. Selbst Hugo von Hofmannstal, damals bekannter und einflussreicher österreichischer Schriftsteller, äußerte sich gegenüber Schnitzler: „Ihr bestes Buch, sie Schmutzfink.“
Allein der große Theaterkritiker Alfred Kerr schrieb über das Stück, das zuvor vom Spielplan wieder abgesetzt werden sollte: „Darf man Stücke verbieten? - Nicht mal, wenn sie schlecht geschrieben sind und schlecht gespielt werden; (was ein Standpunkt sein könnte). Hier aber ist ein reizendes Werk – und es wird annehmbar gespielt.“
Worum ging es? Schnitzler hat ein aus zehn Akten bestehendes Drama geschrieben, dessen zentraler Dreh- und Angelpunkt die Liebe, genauer die heuchlerische Sexualmoral um die letzte Jahrhundertwende ist. „Reigen heißt hier Liebesreigen. Und Liebe heißt hier nicht platonisch, sondern … Also: angewandte Liebe“, beschreibt Kerr zusammenfassend den Inhalt.
Es geht um fünf Paare, wobei ausgehend vom ersten Kapitel, in dem eine Dirne und ein Soldaten den Dialog bestreiten, in den folgenden jeweils eine der handelnden Personen in einer neuen Beziehungssituation beschrieben wird. Dabei ging es Schnitzler, der als studierter Mediziner auch als Psychiater tätig war, um das Entlarven von doppelbödiger Moral der Wiener Gesellschaft und damit um eine sozialkritische Studie, kurz - um Aufklärung.
Nachdem das Stück nicht nur bei seiner Premiere von Tumulten begleitet wurde, die bis hin zu Schlägereien an den Aufführungsorten führten und Schnitzler als Folge zudem stark mit antisemitischen Ressentiments konfrontierte, setzte er selbst das Stück ein Jahr später ab.
Sein Sohn Heinrich verlängerte nach dem Tod des Vaters das Aufführungsverbot, welches erst 1982 offiziell aufgehoben wurde.
Die vorliegende, legendäre, ungekürzte Lesung, mit Helmut Qualtinger, Peter Weck, Christiane Hörbiger, Helmut Lohner u.a., entstand trotz des Verbots im Jahr 1966. Sie bringt Schnitzlers Anliegen beeindruckend auf den Punkt.  Diese indirekte Direktheit, die schon im Text so einzigartig nachzulesen ist, bekommt durch den akustischen Dialog der Figuren zusätzlich Leben eingehaucht. Hat man diese beiden CDs gehört, werden einem diese rezitatorischen Meisterleistungen aller Beteiligten nicht mehr aus dem Sinn gehen. Versprochen!
Jörg Konrad

Arthur Schnitzler
„Reigen“
DAV
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Montag 06.04.2020
Sigrid Nunez „Der Freund“
Was tut man, wenn der Mensch, den man am meisten liebt, sich das Leben genommen hat? Wie geht man mit dem Schock, der Leere, dem Schmerz um? In ihrem wunderbaren, eigenwilligen Buch über Liebe, Trauer und Literatur stellt sich die Autorin Sigrid Nunez diesen Fragen. „Der Freund“ wurde 2018 in den USA mit dem National Book Award ausgezeichnet und hat jetzt auch im deutschsprachigen Raum den Durchbruch geschafft.
Die Ich-Erzählerin des Romans ist, ebenso wie die Autorin, eine in New York lebende ältere Schriftstellerin, die an der Universität Kurse in creative writing hält. Auch der Freund, den sie im Buch anspricht, war Schriftsteller und Dozent und einst ihr Lehrer an der Uni, ein von Studentinnen umschwärmter Star der Szene. Nur einmal haben die beiden eine Nacht zusammen verbracht, danach nahm sie Anteil an seinen zahllosen Affären und seinen drei Ehen. Für sie, die keine eigene Familie hat, war er Seelenfreund, wichtigster Gesprächspartner, engster Vertrauter. Nach seinem unerwarteten Freitod hinterlässt er ihr ein Vermächtnis der besonderen Art: eine dänische Dogge namens Apollo, die auf den Hinterbeinen stehend mehr als zwei Meter misst. In der winzigen Wohnung der Ich-Erzählerin sind Haustiere verboten, aber da sich kein anderer Platz finden lässt, nimmt sie den sanftmütigen Riesen auf. Apollo ist ebenso verzweifelt und erschöpft vom Trauern  wie sie selbst. Tiere „begehen keinen Selbstmord. Sie weinen nicht. Aber sie können zerbrechen.“ Langsam fassen Frau und Hund jedoch Vertrauen zueinander. Der Titel des Buches erhält einen zweifach Sinn: Apollo nimmt zunehmend die Rolle des verstorbenen Freundes ein. Er wird für die Frau zu einem geliebten, tröstenden Gegenüber, zu ihrem Therapiehund. Das ist bewegend zu lesen. „Was sind wir, Apollo und ich, wenn nicht zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüßen?“ Nachts legt ihr Apollo seine massive Pfote auf die Brust. Sie liest ihm aus ihrer Lieblingslektüre vor, da er sich dadurch am besten beruhigen lässt.
Natürlich ist sich Sigrid Nunez, die eine äußerst reflektierte Autorin ist, der Gefahren bewusst, die die Schilderung einer so engen Bindung zwischen Mensch und Tier beinhalten kann. Eine einsame Frau, deren bester Freund eine Dogge ist? Die mit ihrem Hund spricht und ihm vorliest? Ist das nicht eine unnatürliche Beziehung? Dieser Verdacht wird im Buch diskutiert, hat aber gegenüber der einzigartigen Freundschaft mit Apollo kein wirkliches Gewicht.
Nie gleitet die Geschichte in Sentimentalität oder Kitsch ab. Davor bewahrt sie auch der Humor der Autorin, der immer wieder aufblitzt, zum Beispiel wenn die Ich-Erzählerin auf das „literarische Interesse“ ihres Hundes aufmerksam wird, als er eine Ausgabe von Karl Ove Knausgard zerkaut.
Der Hinweis auf die autobiographischen Romane von Knausgard ist natürlich kein Zufall. Man fragt sich unwillkürlich beim Lesen, ob das Buch die eigenen Erlebnisse der Autorin schildert, ob es ihr ganz persönliches Trauerbuch ist. Das lässt sie bewusst in der Schwebe. „Ich gehe nie davon aus,… dass ein literarisches Werk autobiographisch ist“, belehrt die Dozentin einen Studenten.
Der Roman ist als vielgestaltige Rede an den anonymen Freund komponiert, den sie nur mit „Du“ anspricht. Niemand außer Apollo trägt einen Namen; er heißt wie der antike Gott des Lichts, der Heilung und der Künste und erhält damit auch eine symbolische Qualität.
Sigrid Nunez hat einen ganz besonderen, suchenden Stil. In einem unangestrengten Ton mäandert sie zwischen den verschiedenen Erzählebenen, zwischen Erinnerungen, persönlichen Bekenntnissen, Reflexionen und Zitaten zahlreicher Autorinnen und Autoren. Sie macht sich Gedanken über Liebe und Selbstmord, über Hunde und ihr besonderes Verhältnis zu den Menschen.
Ein Hauptthema, das sie immer wieder umkreist und von unterschiedlichen Seiten beleuchtet, ist das Schreiben. Kann Schreiben helfen, Erlebnisse zu verstehen und zu verarbeiten? Ist das wirklich die Hauptaufgabe von Literatur? Was macht Literatur überhaupt aus?
Der Selbstmord des Freundes wird im Roman auch mit seiner Verzweiflung darüber begründet, dass Schriftsteller und ihre Bücher heute weitgehend ihre Bedeutung verloren haben. „Der Freund“ spiegelt das Leiden der Autorin an der Rolle von Literatur heute wider. „Es war einmal eine Zeit, als junge Schriftsteller – zunehmend die, die wir kannten – glaubten, Rilkes Welt würde ewig währen. Ich stimme meinen Studenten zu, dass diese Welt verschwunden ist.“ Heute sei kaum noch ein literarisches Werk vorstellbar, das einen bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft hat.
Diese Aussage sollte man wohl etwas relativieren. Jedenfalls könnte auch der kluge, anrührende Roman von Sigrid Nunez ein wenig dazu beitragen, die Welt  nachdenklicher und warmherziger zu machen.
Lilly Munzinger, Gauting

Sigrid Nunez
„Der Freund“
Aufbau Verlag
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Freitag 27.03.2020
Juri Buida „Nulluhrzug“
„Vier Lokomotiven, hundert Waggons. Die Schwellen biegen sich unter der Last, Stahl ächzt, Eisen dröhnt.“ Jede Nacht, punkt Null Uhr, passiert ein Güterzug in voller Geschwindigkeit den Kontrollpunkt 9, irgendwo im russischen Hinterland. Die Menschen, die hier leben, haben nur eine Aufgabe: Den Zug störungsfrei an der Ausweichstelle vorüber zu leiten. Niemand weiß, was sich in den „verplombten“ Waggons befindet. „Der Nuller ist ein Gespenst. Ein Spuk“ – mitten im totalitärem System der einstigen Sowjetunion.
Die Menschen, die an dieser kleinen Bahnstation leben, scheinen sich mit der Macht, den Bluthunden, der Rigorosität der militärischen Obrigkeit abgefunden zu haben. Sie leben ihr Leben, begehren, trinken, trauern und gehen ihren Verrücktheiten sowie Tagträumen nach. Doch unter dieser nur scheinbar angepassten Oberfläche sitzt die Angst, die Ungewissheit und letztendlich die Wut auf dieses gespenstige System, verkörpert durch ein monströses Stahlungeheuer, das bis in den äußersten Zipfel der „Republik“ durch die Landschaft pflügt.

Der russische Autor Juri Buida, 1954 in Snamensk geboren, hat in seinem Leben dreieinhalb Jahrzehnte sowjetische Diktatur der Nach-Stalin-Ära hautnah miterlebt. Den kleinen Roman „Nulluhrzug“ hat er kurz nach dem Zerfall des riesigen Landes geschrieben und obwohl es ihm hätte leicht fallen können, die Greuel des kommunistischen Systems beim Namen zu nennen, entschied er sich, Zeitgeschichte und deren Auswirkungen über eine Metapher darzustellen. Der Nulluhrzug, ein Koloss aus Stahl, ein aus dem Nichts auftauchendes Ungeheuer, das vorbeirauscht und am Horizont wieder im Nichts verschwindet, verkörpert die unangreifbare Macht, die unangreifbare Präsenz und die Dringlichkeit einer Diktatur, die plötzlich aufgetaucht scheint, um dann, nach Jahrzehnten, ebenso unterzugehen.
Buida schafft mit knappen, prägnanten Sätzen und skurrilen Schilderungen tragischer Schicksale in dieser Parabel eine berückende Atmosphäre. Sie vermittelt ebenso die harte Realität der Bevölkerung mit all ihren Überlebensstrategien, wie auch deren stille Hoffnung auf Veränderung. Doch letztendlich zeigt dieser Roman, wie sich ein Großteil der Menschen diesem totalitären System beugt, sich ihm ausliefert, ja es stützt und weiterführt. So löst sich alles Zivilisatorische auf, verroht jeder kulturelle Ansatz endgültig – solange man ihm nichts entgegensetzt.
Jörg Konrad

Juri Buida
„Nulluhrzug“
Aufbau Verlag
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Montag 16.03.2020
Alexander Puschkin „Pique Dame“
Puschkin, schreibt Alexander Nemetz in seinem Nachwort zur „Pique Dame“, sei innerhalb der Literatur das, was Mozart für die Musik war. Damit meint der Übersetzer, Lyriker, Essayist und Rezitator die Vielseitigkeit des russischen Autors, die scheinbare Leichtigkeit seiner Texte und zugleich dessen Volksverbundenheit. Puschkin, der mit nur siebenunddreißig Jahren nach einer möglichen Hofintrige im Duell den Tod fand, schrieb mit gleicher Hingabe und Perfektion Gedichte, Novellen, Romane und Tragödien. Dostojewski nannte ihn in seiner legendären Rede anlässlich der Enthüllung des Puschkin-Denkmals 1880: „Puschkin ist eine außergewöhnliche und die vielleicht einzige Manifestation des russischen Geistes. Und zwar eine prophetische.“
Wie der 1799 in Moskau geborene Autor in der Lage war, mit wenigen literarischen Skizzen raffinierte und komplexe Handlungen mit eindrücklichen Charakteren zu entwerfen, wird in seiner Erzählung „Pique Dame“ deutlich. Eine kurze Geschichte, die anrührt, die spannend ist, deren Dramaturgie sich intelligent aufbaut und steigert und die am Ende, trotz mancher Idealisierung, doch so profan, oder sagen wir besser tragisch endet.
Alles in dieser Erzählung dreht sich um ein Kartenspiel, das wiederum als zentrales Thema die Hoffnung auf Liebe, den Verrat, die Sucht und letztendlich Habgier miteinander verbindet. Puschkin gelingt es auf meisterliche Weise menschliche Fantasie und enttäuschende Realität zusammenzuführen, sie in ein Verhältnis zu setzen, das für den Leser leicht nachvollziehbar ist und zugleich aber auch treffend entlarvt werden kann.
Die einzelnen Figuren sind fein umschrieben, wirken oft ironisch überzeichnet und agieren mit einer Leidenschaft, die der Leser mitfühlend zwischen Ironie und Mitleid verortet. Egal, ob es die Trauer der 80jährigen Gräfin über ihre verflossene Jugend ist, so dass sie sich noch immer wie vor sechzig Jahren kleidet, oder den Wunsch Lisas, der Gräfin Pflegetochter, die meint, der deutsche Gardekavallerist Hermann würde einzig wegen ihr das Haus der Gräfin observieren.
All diese Themen, diese Wünsche und Enttäuschungen, diese seelischen Innenwelten und äußerlichen Handlungsweisen, diese menschlichen Tugenden und aberwitzigen Übergänge vermitteln nicht nur eine symbolische Zeitlosigkeit. Daran hat Alexander Nemetz einen großen Anteil, dessen Übersetzung sich modern liest, ohne dabei in irgendeiner Form einem Zeitgeist zu huldigen.
Zudem hat der Galiana Verlag für diese Erzählung Kat Menschik ins Boot holen können. Ihre farbigen Illustrationen geben dieser existenziellen Geschichte etwas überspitzt komikhaftes.
Als Grundlage nutzt die 1968 in Luckenwalde geborene Zeichnerin und Illustratorin Spielkarten, wobei es ihr gelingt, aus einer Mischung von kräftigen, ins Auge springenden Farben und deftigen Porträts der Hintergründigkeit der Erzählung auch eine visuelle Dimension zu geben. So bekommt „Pique Dame“ eine mehr schwarzhumorige Aussage und ist damit absolut auf der Höhe der Zeit.
Jörg Konrad

Alexander Puschkin
„Pique Dame“
Galiani Berlin
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Freitag 13.03.2020
Ernst Hofacker „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“
„Auf den Tag genau zehn Jahre vor seinem Tod gibt JOHN LENNON Jann Wenner vom Rolling Stone das ausführlichste Interview seines Lebens.“ (08.12.1970); „Sänger IAN GILLAN verlässt DEEP PURPLE.“ (30.06.1973); „Tödlicher Irrtum: TERRY KATH, Gitarrist von CHICAGO, schießt sich mit einem Revolver in den Kopf, von dem er glaubt, dass er nicht geladen ist.“ (23.01.1978)

Drei Meldungen aus einem der wildesten, spannendsten und anspruchsvollsten Musikjahrzehnte der Neuzeit. Nämlich jener Zeit, in der sich die Aufgewühltheit der Pop- und Rockrevolution der 1960er Jahre wieder etwas beruhigte und stattdessen nach einem künstlerischen Umgang mit den neuen, unerhörten Klängen von Elvis Presley bis zu den Beatles, von Bob Dylan bis Jimi Hendrix suchte. Die stilistisch grenzenlose Flower-Power-Ära brach wie ein Tsunami über die Jugend herein und schuf gänzlich neue musikalische Ausdrucksmöglichkeiten als Identifikationsmodell für eine ganze Generation – die bis heute nachwirken.
Ernst Hofacker, Musikjournalist, Radiomoderator und Redakteur, versucht in seinem Buch „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“ das Porträt einer Zeit anhand der Musikszene jener Jahre zu zeichnen. Grundlage für seine Studien und letztendlich für dieses Buch ist die Popkultur, auch als ein Spiegel der Gesellschaft und der politischen Entwicklungen. Chronologisch arbeitet Hofacker jedes Jahr ab, nimmt Bezug auf das Kent-State-Massaker, bei dem im Mai 1970 in Ohio vier Studenten von der Nationalgarde erschossen wurden und das als Grundlage dem Song „Ohio“ von Crosby, Stills, Nash & Young diente, als auch auf den Skandal, den Nina Hagen 1979 im ORF auslöste, als sie in einer Talk Runde sehr eindeutig und spontan für die sexuelle Selbstbestimmtheit der Frau plädierte
Hofacker schreibt über die Anfänge des sogenannten Prog-Rock, zu dem Bands wie Yes, King Crimson oder Jethro Tull gehörten. Udo Lindenberg findet mit seinen ersten eigenen musikalischen Schritten Eingang in dieses Buch, wie die Popbewegung in der DDR unter dem Titel „Blues und Rock im Arbeiter- und Bauernstaat“. Aber die 1970er Jahre waren auch das Jahrzehnt des Soul eines Marvin Gaye oder Norman Whitfields Band The Temptations, bis hin zu den Anfängen des Hip Hop wie ihn der aus heutiger Sicht noch sehr musikalische Africa Bambaata und Grandmaster Flash verstanden und die Zeit der ersten Schritte einer Bewegung, die sich New Wave nannte.
Die Menge an Stilen und Entwicklungen, wie sie in diesen zehn Jahren stattgefunden haben, sind einmalig im Zeitalter des Pop. Und das ist vielleicht das Manko dieses Buches: Jede einzelne dieser hier aufgeführten Strömungen hätte statt einem Abschnitt ein eigenes Buch verdient. Allein die Wege, die der Punk seitdem genommen hat, Heavy Metal oder Krautrock sind, aus heutiger Sicht, phänomenal. Hinzu kommt die Soziologie dieser einzelnen Stilistiken und ihrer Vertreter – die ganze Bibliotheken füllen könnten.
So ist „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“ mit seinen über 330 Seiten das, was man vielen Handbüchern nachsagt: Es fehlt eine gewisse Vollständigkeit. Allein über die Entwicklung des Jazz finden sich nur rudimentäre Versatzstücke. Dabei gab es besonders in den 1970er Jahren eine recht enge Beziehung zwischen Jazz und Pop und Rock'n Roll.
Wer jedoch einen Überblick sucht, der dieses Jahrzehnt allein popmusikalisch als Oberfläche beleuchtet und dabei die eine oder andere politische Entwicklung musikalisch einordnen möchte, für den ist dieses Buch genau richtig.
Jörg Konrad


Ernst Hofacker
„Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“
Reclam
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Autor: Siehe Artikel
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