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7. Isang Enders „Vox Humana“
8. Donauwellenreiter „Delta“
9. Wolfgang Muthspiel „Angular Blues“
10. Dr. Will „I Want My Money Back“
11. Jazz at Lincoln Center Orchestra with Wynton Marsalis „The Music Of W...
12. Celer „Future Predictions“
Montag 27.04.2020
Isang Enders „Vox Humana“
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Das Cello im Laufe der Jahrhunderte könnte man dieses Album auch überschreiben. Aber damit würde man dem Eigentlichen, dem ganz Speziellen der Produktion „Vox Humana“ einfach Unrecht tun. Denn wenn auch die Kompositionen fast vierhundert Jahre umspannen, ist es Isang Enders, der diese Vielfalt zusammenhält. Sein farbenreiches Spiel, seine beeindruckende Technik, seine inspirierende Individualität sind in seiner Persönlichkeit gebündelt, die zudem der eigentliche rote Faden dieser Aufnahme ist. Beginnend mit Marin Marais, diesem heute nicht übermäßig häufig interpretierten französischen Komponisten, über Claude Debussy, den Schwestern Lili und Nadia Boulanger, Igor Starvinsky bis zu Olivier Messiaen reicht das musikalische Spektrum, das Isang Enders für „Vox Humana“ teilweise neu arrangierte.
Dabei stand für ihn immer die Frage im Zentrum der Herangehensweise, wie sich die Klangvorstellungen der einzelnen Komponisten unterscheiden bzw. wie man diese Unterschiede mit dem Cello überwindet. Wahrscheinlich ist der einleitende Satz seines Vorworts im Booklet der Aufnahme der eigentlich wichtige Gedanke seiner Arbeit: „Ich glaube an die Magie des Klanges und die Faszination des Hörens …. Mein Instrument setzt mir Grenzen, mein Wille nicht.“ Eine Grundeinstellung, die ihm künstlerisch völlig neue Wege offenbart.
Sie gibt ihm auch die Freiheit, einzelne Kompositionen zu verändern und nach seiner Vorstellung zu interpretieren, so, dass die hier vereinten Komponisten zueinander in Beziehung stehen.
Enders gelingt es in fast allen Stücken eine Hochspannung zu erzeugen. Natürlich zum Beispiel in dem temperamentvoll angelegten und furios umgesetzten dritten Satz in den Drei Stücken für Violoncello und Klavier von Nadia Boulanger. Hier stieben fast die Funken. Aber auch in dem folgenden, sehr ruhigen, mit kontrolliertem Vibrato umgesetzten Nocturne Nr. 1 von Lili Boulanger findet sich eine intelligente und emotional stark berührende Emotionalität, die der schlüssigen Interpretation des Stückes geschuldet ist. Überhaupt findet Isang Enders immer den richtigen Ton. Er gestaltet mit seinem Bogen Atmosphären, die mal an karge Landschaften erinnern und dann wieder in einer inspirierenden Üppigkeit begeistern. Und trotz dieser Unterschiede, was die Stimmung der Gesamtaufnahme betrifft, ist nie ein Bruch zu spüren.
Das hat nicht zuletzt mit den ausgezeichneten musikalischen Partnern Isang Enders zu tun, wie  Sunwook Kim (Klavier), Sean Shibe (Gitarre), Mischa Meyer (Cello) und Isangs Vater Joachim Enders (Harmonium). Sie alle tragen bei, zu dieser von Schönheit und Intensität geprägten Aufnahme.
Jörg Konrad

Isang Enders
„Vox Humana“
Berlin Classics

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Montag 20.04.2020
Donauwellenreiter „Delta“
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An dieser Stelle haben wir schon häufiger über die DONAUWELLENREITER geschrieben. Einfach weil das, was dieses Quartett musikalisch umsetzt von außerordentlicher Qualität und Originalität ist. Dieser Tage ist nun „Delta“ erschienen und da sich dieses (vierte) Album der Wiener Band in ihre bisherige künstlerische Biographie nahtlos einpasst, verweisen und empfehlen wir mit Freuden auch auf diese Produktion (selbst wenn die Release-Tour aus bekannten Gründen verschoben werden musste).
Den vier Wienern gelingt auf „Delta“ einmal mehr, Vielfalt im Denken und im Leben über gemeinsames musizieren auszudrücken. Bei ihnen greifen verschiedene stilistische Formen ineinander, treiben sich die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten gegenseitig an, finden Toleranz und Disziplin eine ausgereifte Einheit. Denn Kammermusik, Jazz, Folk und Pop sind bei Thomas Castañeda (Piano, Keyboard), Maria Craffonara (Stimme, Violine, Perkussion), Lukas Lauermann (Cello) und Jörg Mikula (Schlagzeug) keine Gegensätze. Das Virtuose ist bei ihnen Teil des eigenen Understatements, zu verstehen als eine Meisterleitung in der persönlichen Zurückhaltung. Der Gruppengedanke befindet sich hörbar an vorderster Stelle – trotz aller solistischen Glanzleistungen jedes Einzelnen.
Auch auf „Delta“ sind Divergenzen wichtiger Teil des endgültigen Resultats, ist die bewusst gelebte Auseinandersetzung letztendlich das Programm der Donauwellenreiter schlechthin. Denn nur wenn die Instrumentalisten in der Lage sind, Differenzen zu zulassen, sie auszudrücken, können diese auf der Basis von ausgeklügelter Arrangements überwunden werden und sind neue musikalische Resultate möglich. Dann geht, wie auf „Delta“, von der Musik eine magische, ja manchmal sogar leuchtende Harmonie aus. Und nicht zuletzt aus diesem Grund kann man sich schon heute auf eines der Konzerte freuen, die die Donauwellenreiter hoffentlich bald wieder geben werden. Die Zeit bis dahin überbrücken wir aber gern mit „Delta“.
Jörg Konrad

Donauwellenreiter
„Delta“
Hoanzl
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Dienstag 14.04.2020
Wolfgang Muthspiel „Angular Blues“
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Was haben Musiker wie John Abercrombie, Pat Metheny, Ralph Towner, Egberto Gismonti oder Bill Frisell gemeinsam? Alle fünf sind Gitarristen. Zugleich haben sie den Grundstein für ihre künstlerische Karriere durchweg beim Münchner ECM Label gelegt. Produzent Manfred Eicher scheint ein besonderes Gespür für Saitenmagier zu besitzen. Ihre Individualität zu erkennen, sie entsprechend zu fördern, ihnen Möglichkeiten zu geben, ihr persönliches künstlerisches Universum auszuschöpfen und zu erweitern und es dann einer interessierten wie dankbaren Öffentlichkeit zu vermitteln, ist eine seiner Stärken.
Auch der Österreicher Wolfgang Muthspiel gehört in diesen Kreis von Instrumentalisten. Er hat zwar sein Debüt für ECM einige Jahre später als die oben genannten eingespielt, aber letztendlich diese Tradition aufs Trefflichste fortgesetzt. „Angular Blues“ ist Muthspiels vierte Veröffentlichung für ECM als Leader.
Ein Album, das den wunderbaren Spagat zwischen melancholisch Bittersüßem und konzentriert bodenständiger Verspieltheit beherrscht. Egal ob er sich dabei der subtilen Stimmungslage seiner akustischen Gitarre widmet, oder, wie im zweiten Teil des Albums, auf seinem elektrischen Instrument brilliert. Muthspiel verbindet auf seinem Instrument Kraft und Freiheit, Poesie und Ästhetik, Wachheit und Innigkeit. Er gestaltet auf „Angular Blues“ erstmals als Leader Standards des Jazz nach ganz individuellen Mustern, macht aus Cole Porters „Everything I Love“ und dem Dauerbrenner „I'll Remember April“ eigene Stücke, lässt diese in einem vorurteilsfreien, selbstbewussten und respektvollem Glanz erstrahlen. Dabei immer klar in der Aussage und spannend in der Dramaturgie.
Mit Schlagzeuger Brian Blade hat Wolfgang Muthspiel schon mehrmals gearbeitet. Dieser einfühlsame, zugewandte Trommler ist ein idealer Partner. Ein Begleiter und Unterstützer in allen Spiellagen, ein erfindungsreicher, stiller aber präsenter Mitspieler, der Sicherheit gibt und zugleich inspirierend wirkt.
Scott Colley komplettiert am Bass das Trio. Er gehört zu den virtuosen und intensiven rhythmischen Gestaltern. Mit seinen unkonventionellen melodischen Grundierungen ist er zudem eine begleitende Gegenstimme, ein herausfordernder Kontrast zu Muthspiels erfrischenden Gitarrenexkursionen. Und seine Solos beeindrucken, trotz atemberaubender Technik, durch eine Gelassenheit und durch verdichtende Originalität.
Dieses Trio spielt wie aus einem Guss und ist eine beeindruckende Fortsetzung im „Saiten-Katalog“ des Labels.
Jörg Konrad

Wolfgang Muthspiel
„Angular Blues“
ECM
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Samstag 11.04.2020
Dr. Will „I Want My Money Back“
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I WANT MY MONEY BACK, dieser 1984 in die Politgeschichte eingegangene Ruf der einstigen englischen Premierministerin Margaret Thatcher in Richtung Brüssel, ist auch Titel des neuen Albums von Dr. Will. Und dieser ist, versprochen, in absoluter Topform. Seine Songs, wie immer eine musikalische Brücke zwischen Screamin’ Jay Hawkins und Captain Beefhaert bauend, sind so zornig wie auch melodisch. Der Blues ist nach wie vor die Tages- und Nachtmedizin des „Voodoo“-Doktors aus München, den man anhand seiner Geradlinigkeit und Hingabe auch problemlos transatlantisch verorten könnte. Aber wir wissen ja: Mittlerweile wird weltweit ganz ausgezeichnet individuelle Musik zu produzieren, die ihre Geburtsstunde einst in den Staaten hatte. Und so ist Dr. Will stilsicher in der Lage, mit ein wenig Dixieland, viel Rhythm & Blues, ordentlich Soul, jeder Menge Rock`n Roll, einer Prise Jazz eine vorzügliche Melange anzurichten. Er schafft eine respektable Mixtour, die oberflächlich mitreißt und dabei tief berührt. Es ist Musik, die ebenso nachdenklich stimmt, wie sie zugleich Euphorie auslöst.
Mit beeindruckender Musikalität nutzt er Slidegitarre und Klarinette, Tuba und Moog-Synthesizer, Saxophon und Gospelchor. Daran sieht man: Dr. Will hat keine Angst vor Niemand. Sein Ego macht's möglich. Er selbst spielt neben einigen Tasteninstrumenten hauptamtlich Schlagzeug und singt mit hinreißender Stimme. Er demonstriert die hohe Schule der Einfachheit, mit all den Disonanzen, oder sagen wir besser Reibungspunkten, die den Blues zum Blues erst werden lassen.
Gibt es eine Steigerung all dessen, was hier beschrieben wurde? Ja, die gibt es! Den Wunderdoktor Live im Konzert erleben. Die Termine momentan sind rar. Aber bald ist er wieder unterwegs, der Zeremonienmeister mit Zylinder und Federboa, mit rotem Frack und schwarz lackierten Fingernägeln. Dann kann es nur heißen: Nichts wie hin!
Viktor Brauer

Dr. Will
„I Want My Money Back“
Solid Back
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Montag 30.03.2020
Jazz at Lincoln Center Orchestra with Wynton Marsalis „The Music Of Wayne Shorter“
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Explodierende Bläsersätze, perfekt diszipliniertes Satzspiel, wunderbar atmosphärische Solis, mitreißende Rhythmen, unberechenbare wie begeisternde Arrangements. Hier musiziert ein Großverband der Spitzenklasse, der in seinen Reihen etliche Individualitäten zu einem pulsierenden Gesamtorganismus vereint. Notiertes und Improvisiertes gehen Hand in Hand, finden zu einem konzentrierten und spannenden musikalischen Ereignis.
In der vorliegenden Aufnahme treffen zwei Giganten aufeinander, zwei Superstars, die den Jazz zu unterschiedlichen Zeiten prägten und deren künstlerisches Handeln bis heute deutliche Spuren nicht nur im Bereich der zeitgenössischen Improvisationsmusik hinterlassen haben. Wayne Shorter, der mittlerweile 86jährige Saxophonist aus Newark und Wynton Marsalis, 1961 in New Orleans geboren.
Wayne Shorter bestimmte mit seinem Spiel und seiner Persönlichkeit die Geschichte des Jazz der letzten sechs Jahrzehnte. Miles Davis, zu dessen bahnbrechenden Quintett er zwischen 1964 bis 1968 gehörte, schrieb in seiner Autobiographie über ihn: „Wayne war neugierig, er experimentierte gern mit musikalischen Regeln. Wenn sie nicht passten, setzte er sich darüber hinweg, aber mit musikalischem Gefühl; er wusste, dass Freiheit in der Musik das Wissen um ihre Regeln voraussetzt,um sie sich dann nach eigenem Geschmack und Bedürfnis zurechtzubiegen.“
Da war Wayne Shorter dreißig Jahre jung und hatte zuvor schon bei Art Blakey Jazz Messengers und Gil Evens gespielt.
Er brachte großartige eigene Alben für Blue Note heraus, war an der Seite von Joe Zawinul Gründungsmitglied von Weather Report, tourte mit Carlos Santana, den Rolling Stones und Joni Mitchell und schrieb wunderbare Kompositionen, von denen einige zu den Standards des Jazz gezählt werden müssen.
Ein paar von diesen Stücken, genau zehn an der Zahl, hat der Trompeter Wynton Marsalis mit seinem Jazz at Lincoln Center Orchestra einstudiert und im Mai 2015 Live mit Wayne Shorter als Gast präsentiert. Marsalis, aus einer Musikerdynastie stammend, verdiente sich seine ersten musikalischen Sporen ebenfalls bei Art Blaky und dessen Jazz Messengers. Zwanzig Jahre später als Shorter und bei seinem Debut selbst sogar erst 19jährig. Er gilt in Jazzkreisen als ein bewusst konservativer Musiker, der Neuerungen, speziell einer freien Spielweise im Jazz skeptisch gegenüber steht.
Er ist jedoch ein ausgezeichneter, ein perfekter Trompeter, der neben ungezählten Jazzalben auch Kompositionen von Händel, Mozart, Vivaldi, sowie eigene Opern mit großem Erfolg eingespielt hat. Seit Jahren nun leitet er die Initiative Jazz At Lincoln Center, die Veranstaltungen und Bildungsangebote zum Jazz und seiner Geschichte anbietet. Einer der Stützen dieser Vereinigung ist ein eigenes Orchester in Big-Band-Stärke. Ein beeindruckender Klangkörper, der immer wieder Musik-Projekte von Wynton Marsalis umsetzt. „The Music Of Wayne Shorter“ ehrt nicht nur einen der letzten ganz Großen des Jazz, über den Marsalis selbst sagt „Er hat das höchste Level in unserer Musik erreicht – man kann nicht höher kommen als er“, sondern präsentiert wirklich außergewöhnliche Musik, voller Intelligenz und Leidenschaft. Kurz: Eine Meisterleitung.
Jörg Konrad

Jazz at Lincoln Center Orchestra with Wynton Marsalis
„The Music Of Wayne Shorter“
Blue Engine

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Dienstag 24.03.2020
Celer „Future Predictions“
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Es erklingen gestreckte, orchestrale Sounds, die Atmosphären von Zartheit und Tiefe vermitteln. Ihre magische Unaufgeregtheit durchweht jeden Raum. Sich stets wiederholende Schleifen, deren Konturen die Harmonien nur andeuten, aber in ihrer Gesamtheit dann doch so etwas verspielt Melancholisches entstehen lassen. Dabei sind es erst die Wiederholungen, die diesen Samplings eine untröstliche Existenz einräumen. Eigenwillige Klangfarbenmischungen, Traumsequenzen, blühende Metamorphosen, subtile Soundtexturen, die behutsam vereinnahmen.
Seit vielen Jahren entwirft Celer, mit bürgerlichem Namen William Thomas Long, diese Sounds von bezwingender Schönheit. Schon in ganz jungen Jahren war er auf der Suche nach kultureller Identifikation. Er wuchs in einer, nach eigenen Angaben, „konservativen evangelischen Familie“ in Mississippi auf und konnte seine kreativen Ansprüche nur außerhalb dieser Enge befriedigen. Long studierte Literatur und Geschichte, fotografierte in seiner freien Zeit und beschäftigte sich spielerisch mit musikalischen Sounds und den Möglichkeiten der technischen Realisation. „Wie beim Schreiben oder Fotografieren war es nur eine andere Möglichkeit, etwas aus mir herauszuholen, das Bedürfnis nach einer Art Ausdruck. Ich erinnere mich, dass ich mich wirklich für alternative Techniken zum Musizieren interessierte, wie Geschwindigkeitsänderungen, Bandmanipulation und die Möglichkeiten des Samplings. Es war eine Möglichkeit, ein Gefühl zu erschaffen oder neu zu erschaffen.“
Bewusste Vorbilder hatte Will Long nie. Dass jedoch vieles von dem unbewusst aufgenommenen dazu beigetragen hat, seine eigene musikalische Stimme zu finden, ist ihm hingegen klar.
Er konzentrierte sich in seinem Leben immer stärker auf Musik, als auf alles andere und produzierte mit einfachen Mitteln, und anfangs gemeinsam mit seiner Freundin Danielle als Duo unter dem Namen Celer, etliche Aufnahmen. Die erste Identitätskrise hatte Long als seine Freundin tragisch ums Leben kam und er nicht wusste, ob er überhaupt noch Musik produzieren wollte.
2011 ging er nach Japan. Von Tokio aus wirkt er seit fast einem Jahrzehnt, produziert immer neue Musik, deren Wärme und Dringlichkeit beeindruckt. Wie denn der Alltag von jemandem aussehe, der bisher über einhundert Alben veröffentlicht habe, wurde er vor einiger Zeit gefragt: „Ich bin freiberuflich tätig, daher ändert sich das auch immer wieder. Aber typische Tage beinhalten das Verpacken von Bestellungen, das Gehen zur Post, das Spielen mit meiner Tochter, wenn sie Zeit hat, Geschirr spülen, Wäsche waschen, Teilzeit in Ost-Tokio arbeiten, pendeln, Freunde nach der Arbeit treffen, Plattenläden besuchen, um Platten und CDs zu verkaufen, mit der Familie zu Abend essen, lange aufbleiben, an Musik arbeiten und nachts im Park spazieren gehen.“
Völlig unspektakulär also. Zu solch einem Tagesablauf passt aber die Musik Celers wunderbar. Diese Mischung aus Ambient und Drone (La Monte Young erklärte Drone einmal als einen anhaltenden Ton innerhalb der Minimal Music) ist eine stark emotionalisierte Herangehensweise an die Musik. „Manchmal muss man nur den richtigen Wiederholungspunkt für die Schleifen finden, der einem das richtige Gefühl gibt. Wenn ich das Band bewege und den Punkt finde, an dem ich es nicht ausschalten möchte, trifft es genau diesen Punkt. Es geht fast nie darum, etwas mit der Idee zu kreieren, sondern herauszufinden, wo genau die Musik mit Ihnen verbunden ist“. Ästhetik auf der Höhe der Zeit.
Jörg Konrad
 
Celer
„Future Predictions“
Two Acorns
4CD-Box
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Autor: Siehe Artikel
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