Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Thomas Pynchon „Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“...
2. Roberto Bolano „Cowboygräber“
3. Anna Katharina Hahn „Aus und davon“
4. „Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“...
5. Abbas Khider „Palast der Miserablen“
6. Ottessa Moshfegh „Heimweh nach einer anderen Welt“
Freitag 23.10.2020
Thomas Pynchon „Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“
Bilder
Sie überlegen noch, wie sie unter den gegebenen Umständen die letzten Monate dieses Jahres verbringen? Oder wohin Sie in den Herbstferien reisen? Oder, ob Sie den Hinweis, die nächste Zeit in den häuslichen vier Wänden zu verbringen ernst nehmen? Wir empfehlen eindeutig zu Letzterem. Und beschaffen Sie sich am besten für diese Zeit das Mammuthörspiel „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon. Wir versprechen Ihnen: Sie werden es nicht bereuen!
Pynchon hat den 1200 Seiten umfassenden Roman „Gravity's Rainbow“ zu Beginn der 1970er Jahre geschrieben. Es ist eine Abhandlung über Verschwörungstheorien und Faschismus, Arroganz und Armut, Pornografie, Jazz, wilde Verfolgungsjagden, Fortschrittsglauben, Geschichte, Hochkultur, Literatur, Untergang und Auferstehung und vieles vieles mehr. Kurz: Über das Leben an sich im Allgemeinen und die Verantwortung und die Stellung des Einzelnen im Besonderen. Viel aktueller geht es kaum.
Klaus Buhlert hat sich diesem Jahrhundertroman in der Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz aus dem Jahr 1980 angenommen und daraus ein über 800 Minuten andauerndes Hörspiel geschaffen, dem im Grunde nur Superlative gerecht werden.
Ein Heer von großartigen Sprechern macht aus diesem zugegebenen manchmal etwas sperrigen Klassiker der Postmoderne ein unterhaltsames (manchmal auch recht derbes und drastisches) Melodram. Dieses Hörspiel überbrückt nicht nur die eigene Lebenszeit. Es ist ein lustvolles, auf jeden Fall anregendes Vergnügen, wie die Biographien der über vierhundert handelnden Personen, manchmal nur für kurze aber entscheidende Momente ineinandergreifen, sich die Atmosphäre von Dynamik und Analyse leiten lässt, die Handlung immer wieder Hacken schlägt und letztendlich uns die Menschheit präsentiert.
Selten haben wir etwas nachdrücklicher empfohlen. Vielleicht das Erweckungserlebnis schlechthin – um mehr von Pynchon zu lesen.
Jörg Konrad

Thomas Pynchon
„Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“
Hörbuch Hamburg
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 07.10.2020
Roberto Bolano „Cowboygräber“
Ein Großteil der Bücher Roberto Bolanos sind, zumindest als deutsche Übersetzung, posthum erschienen. Das bedeutet einerseits, dass viele seiner Werke für sich stehen. Das hat, trotz vielleicht manch fehlender Interpretation aus erster Hand, den Vorteil einer direkten, allein literarischen Wirkung. Andererseits bedeutet der späte Erfolg des chilenischen Autors, der 2003 gerade einmal fünfzig jährig in Barcelona an Leberversagen starb, dass keine aktuellen Arbeiten mehr folgen. Also konzentrieren sich die Herausgeber, Biographen und auch Teile seiner Familie auf den Fundus des Nachlasses. Und so erscheinen mittlerweile in schöner Regelmäßigkeit unveröffentlichte Werke und Texte des Autors.
„Cowboygräber“ ist eine Sammlung von drei Erzählungen, die aus dem Archiv Bolanos stammen, welches sich in seiner Privatwohnung befindet. Es handelt sich hierbei um stark autobiographisch eingefärbte Texte, die teilweise als handschriftliche Skizzen geordert wurden und, aus verschiedenen Mappen bzw. Computerdateien stammend, erst einander zugeordnet werden mussten.
Bolano hat sich zeitlebens in die Literatur fallen lassen, sie war für ihn Obsession und zugleich existenziell, sowohl als Lesender als auch als Schreibender. Gleichzeitig war er ein Spieler, was besonders in seinen Texten deutlich wird. Er spielte mit sich, mit seiner Biographie, besaß etwas kindlich Naives, wenn es darum ging, fiktives und realistisches miteinander zu verzahnen und in ein literarisches Verhältnis zu bringen.
All dies wird besonders in den vorliegenden drei Prosaarbeiten deutlich. Hier werden autobiographische Skizzen in unterschiedlichen Variationen verarbeitet. Es geht um Kindheits- und Jugenderinnerungen. Sie spielen in Chile, wo Bolano geboren wurde und in Mexiko, wohin er mit 13 Lebensjahren samt Familie übersiedelte. Er erzählt fantasiereich von Begegnungen und Eindrücken, die fast immer einen Bezug zur Literatur haben. Es werden Autoren wie Nicanor Parra oder Rainer Maria Rilke genannt, seine Erzähler kaufen in Buchhandlungen Bücher, oder, wenn das Geld aus ist, werden sie gestohlen. Bolano lässt Schauspielerinnen auftreten, die für Visionen einer fernen Traumwelt stehen und lässt einiges an sozialer Empathie aufblitzen.
Ein anderes Thema, dass in den vorliegenden Texten immer wieder, aber oft mit nur einzelnen Sätzen gestreift wird, hängt mit Bolanos wohl stärkstem persönlichen Trauma zusammen. Zwanzigjährig kehrte er aus Mexiko kommend wieder nach Chile zurück, um hier am Aufbau des Landes unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, der gerade die Wahl gewonnen hatte, mitzuwirken. Der Autor kam jedoch nach dem Staatsstreich des General Pinochet in Haft, wurde gefoltert und konnte Schlimmerem nur durch Flucht nach El Salvador entgehen.
In allen drei Erzählungen ist Bolanos große Emotionalität und auch sein starker Hang zur Ironie spürbar, die er fast immer in ein magisches, um nicht zu sagen rätselhaftes Labyrinth an Querverweisen verpackt. Seine Sprache ist jedoch einfach und verständlich, die Sätze klar konzipiert, so dass das Lesen trotz mancher surrealistischer Metapher ein Vergnügen ist.
Jörg Konrad  

Roberto Bolano
„Cowboygräber“
Hanser
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 15.09.2020
Anna Katharina Hahn „Aus und davon“
Schon mit den ersten Sätzen ihres neuen Romans „Aus und davon“ springt Anna Katharina Hahn mitten hinein ins Familienchaos. „Der Pfannkuchen klebt an der Decke, gleich neben der Hängelampe, die einen gelben Lichtkreis auf den Küchentisch wirft. Elisabeth ist viel zu verblüfft, um sich aufzuregen.“ Elisabeth, eine Stuttgarter Reisekauffrau im Ruhestand, kümmert sich um ihre beiden Enkelkinder, die pubertierende Stella und den dicken Bruno, während sich ihre Tochter Cornelia eine kurze Auszeit in den USA gönnt. Bruno hat den Pfannkuchen aus Verzweiflung und Trotz an die Decke geworfen. Ohne seine Mutter will er nicht essen.
In Anna Katharina Hahns fabelhaftem, vielschichtigen Familienroman geht es um gestörte Beziehungen und um die Bande, die eine Familie trotz allem zusammen  halten. Mit geschickten Perspektivwechseln und auf unterschiedlichen Zeitebenen lässt Hahn die Großmutter, die Tochter, den Enkel und eine Stoffpuppe sprechen.
Anna Katharina Hahn ist eine Meisterin der Milieuschilderung. Sie beobachtet so genau und erzählt so lebendig und mit Humor, dass man beim Lesen ganz nah dran ist am Alltag einer Stuttgarter Mittelstandsfamilie, in der die Väter fehlen und die Frauen das Leben allein bewältigen müssen. Es gibt in diesem Roman etliche Personen, vor allem Männer, die aus ihren gewohnten Bindungen ausgebrochen und davon gegangen sind. Im Mittelpunkt stehen die Frauen der Familie; Frauen, die bei aller Überforderung Stärke entfalten.
Die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, die in unserer westlichen Welt als ein so hohes Gut gilt, entwickelt Fliehkräfte, die Familien auseinander treiben. Cornelias Mann hat Frau und Kinder verlassen. Sie selbst erholt sich in Amerika von ihrem anstrengenden Leben als berufstätige, alleinerziehende Mutter. Und ihr Vater, Elisabeths charmanter Mann Hinz, ist aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und erlebt nach einem Schlaganfall eine Verjüngungskur durch eine neue Liebe. Die spröde Elisabeth bleibt fassungslos zurück und bemüht sich, mit dem unordentlichen Ökohaushalt ihrer Tochter und mit ihren schwierigen Enkelkindern fertig zu werden.
Elisabeths erste Reaktion ist, Gott um Hilfe zu bitten. In ihrer Figur lässt Hahn den schwäbischen Pietismus lebendig werden, ein zwiespältiges Erbe. Die Autorin betont die Freudlosigkeit und Enge des Pietismus, durch den Elisabeth trotz all ihrer Befreiungsversuche geprägt ist, aber auch den Halt, den er ihr geben kann.Ihre Tochter Cornelia spürt auf andere Weise den Wurzeln der Familie nach. In den USA forscht sie nach der Geschichte ihrer Großmutter Gertrud.
In „Aus und davon“ spannt Anna Katharina Hahn einen weiten zeitlichen Bogen, von der Gegenwart zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert, bis zur schwäbischen Auswanderungsbewegung während der Inflation. Sie variiert das Thema „Aus und davon“ immer wieder neu. Auch Gertrud hat in den 20er-.Jahren ihre Familie verlassen. Doch es war pure Not, die sie vertrieben hat. Sie musste als Dienstmädchen bei reichen Verwandten in Amerika ihren Lebensunterhalt verdienen.
Anna Katharina Hahn arbeitet in ihrem Buch gekonnt mit Symbolen und Leitmotiven. Ein Hauptthema ist das Essen, ein Motiv, das sich in vielfältigen Variationen durch das Buch zieht. Das Spektrum reicht vom Hunger der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg über die Mahlzeit, mit der Cornelia und ihr amerikanischer Freund ihre gemeinsame Nacht feiern, bis zur Fettleibigkeit Brunos, für den Essen eine Kompensation seines Hungers nach Liebe ist.
Die Autorin versteht es, mit großer Symbolkraft und psychologischer Tiefenschärfe ihre Protagonisten zu charakterisieren und Situationen lebensnah zu gestalten. Gleichzeitig existiert unterhalb der Alltagswelt eine andere Ebene, eine geheimnisvolle, magische Welt, in der Stoffpuppen Gefühle haben und Tiere den Menschen helfen.
Dabei schöpft Hahn aus einem reichen literarischen Fundus. Es gibt im Buch zahlreiche Zitate aus der Bibel und aus Gebeten, Anspielungen auf Lieblingsbücher und vor allem auf Märchen von den Gebrüdern Grimm, von Mörike, von Wilhelm Hauff... Wie im Märchen spielen Tiere im Roman eine ganz zentrale Rolle; Vögel, Hunde, Katzen und ein Pfau. Großvater Hinz hat in seinem Haus Tauben gezüchtet,  Tauben sind Symbole für Frieden und Liebe, und die liebevolle Hinwendung zu Tieren ist eine Konstante, die in Hahns Geschichte Schutz und Rettung vor dem Chaos menschlicher Beziehungen bedeuten kann. So gibt es tröstliche Momente im Roman. Als Bruno vor den Quälereien seiner Klassenkameraden flieht, begegnet er einer verwahrlosten Katze. Er gewinnt ihr Vertrauen, indem er ihr seinen Schatz, eine heimlich entwendete Wurst schenkt. Die Katze folgt ihm nach Hause. Plötzlich ist er nicht mehr der unglückliche fette Junge, der nur sich selbst füttert.
Wie heißt es in dem alten Spruch, der Elisabeth mal wieder ganz automatisch über die Lippen kommt: „Kein Tierlein ist auf Erden, dir, lieber Gott zu klein. Du ließest alle werden, und alle sind sie dein.“
Lilly Munzinger, Gauting

Anna Katharina Hahn
„Aus und davon“
Suhrkamp
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 18.08.2020
„Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“ Nacherzählt von Gottfried August Bürger
Es handelt sich bei der „artifiziellen Störung“ „ … um eine schwere psychische Störung, bei der die Patienten körperliche Erkrankungen vortäuschen oder absichtlich hervorrufen. Dazu gehören zwanghaft selbstschädigendes Verhalten, das Erfinden spektakulärer Krankengeschichten und ständige Ärztewechsel.“ Zu deutsch: Das Münchhausen Syndrom. Es gibt wohl kaum ein anderes (offizielles) Leiden, welches nach der titelgebenden Figur eines literarischen Werkes benannt wurde. Bezeichnet nach Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, umgangssprachlich auch der „Lügenbaron“ genannt.
Viele haben beim Nennen dieser Person auch Hans Albers vor Augen, der, auf einer Kanonenkugel sitzend und freundlich grüßend, (unfreiwillig) in den Palast des türkischen Sultans fliegt. Oder den unvergessenen Wolfgang Neuss aus der Kabarettsatire „Genosse Münchhausen“, beim beackern der deutsch-deutschen Demarkationslinie. Der Name hat aber auch Einzug gehalten in die Philosophie (Münchhausen-Trilemma), oder in die Mathematik (Münchhausener Zahl).
Grundlage für all diese Verweise sind jedoch die von Gottfried August Bürger nacherzählten Chroniken: „Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“.
Vor einigen Wochen ist nun in der Büchergilde Gutenberg eine neue Ausgabe dieses Klassikers erschienen. Illustriert mit den wunderbaren Holzstichen von Gustave Doré und einem Nachwort von Rainald Grebe.
Die reale Figur des Baron Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 im niedersächsischen Bodenwerder geboren. Ein Landadliger, der aufgrund seiner familiären Verbindungen bis hin zum russischen Zarenhof nach St. Petersburg und nach Lettland, dem damaligen Livland, weite Reisen unternahm. Die Erlebnisse dieser oft beschwerlichen Kutschfahrten oder zu Pferde erzählte er „leicht flunkernd“ weiter. Abenteuer, die von Mund zu Mund gingen, dabei immer ein wenig verändert wurden und die letztendlich Gottfried August Bürger, ein namhaften Dichter jener Jahre, niederschrieb.
Eine Besonderheit der hier vorliegenden, sehr edlen Leinenedition sind die Illustrationen des französischen Malers und Grafikers Doré. Er, der schon Werke von Miguel de Cervantes, Edgar Allan Poes und vor allem natürlich Dante Alighieri „Göttliche Komödie“ mit seinen Stichen einzigartig bebilderte, findet auch in dem vorliegende  Reiseabenteuer genau jene Ausgangsobjekte, die seine Fantasie beflügelten und inspirierend anregten. Doré war Autodidakt, lebte in London und unterhielt ein Atelier mit vierzig Mitarbeitern. Diese setzten seine Ideen um und waren in der Lage, bei aller gebotenen Qualität ein gewaltiges Arbeitspensum vorzulegen. Da Dorés Werke als Aquarellist, Zeichner, Maler und Bildhauer bei der Bevölkerung großen Anklang fanden, verkaufte seine Werke nicht nur in Europa, sondern auch nach Nord- und Südmarika und galt schon damals als „ … einer der großen Vermittler der europäischen Kultur ...“. Seine Arbeiten hängen in den großen Museen dieser Welt – begeistern aber in besonderen Maße im Zusammenhang mit literarischen Werken.
Der vorliegenden Buch-Ausgabe ist ein zweiseitig bedruckter Bilderbogen mit Arbeiten Gustave Dorés im Schuber beigelegt, der diese Edition aus dem Reigen von Münchhausen-Veröffentlichungen der letzuten Jahrzehnte zusätzlich heraushebt.
Jörg Konrad

„Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“
Nacherzählt von Gottfried August Bürger
Mit Holzstichen von Gustav Doré
Büchergilde Gutenberg
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 29.07.2020
Abbas Khider „Palast der Miserablen“
Bagdad im Jahr 2003. Ein junger Mann sitzt in einer Gefängniszelle, krank, halb verhungert, ohne Hoffnung. Sein Wärter ist eingeschlafen. Soll er versuchen, zu fliehen? Doch, falls es ihm gelänge, wer würde ihn verstecken? Keiner. „Alle haben Angst in diesem Land der unterirdischen Kerker.“
Mit dieser Szene beginnt das Buch „Palast der Miserablen“ von Abbas Khider, in dem er das Leben des jungen Shams im Irak der 1990er Jahre aus der Ich-Perspektive schildert, einem Land, das von Kriegen und der brutalen Diktatur Saddam Husseins schwer gezeichnet ist. Von Anfang an wird klar, wo alle Versuche von Shams, ein normales Leben zu führen, enden werden: im Kerker. Khider springt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, der Gegenwart in der Zelle und dem Rückblick auf Shams' Leben. Wie durch eine Klammer wird seine Geschichte erbarmungslos durch das erste und das letzte Kapitel des Buches, eine Kerker- und eine Verhörszene, eingerahmt. Und auch in die laufende Erzählung sind immer wieder kurze Berichte aus seinem Gefängnisalltag eingeschoben. Es gibt kein Entrinnen.
Shams wird im Süden des Landes geboren. Nach dem ersten Irakkrieg brechen dort Aufstände aus. Aus Angst vor Saddams Rachefeldzug beschließt der Vater, mit Frau und Kindern nach Bagdad zu fliehen in der Hoffnung auf ein besseres, friedlicheres Leben. Doch sie landen im Blechviertel, einem Slum am Rande eines Müllberges. Ihr Haus bauen sie sich – wie alle hier – aus dem Material, das sie im Müll finden.
In einer schnörkellosen Sprache erzählt Khider detailgenau vom Alltag des jungen Shams und seiner Familie in der Zeit zwischen den Golfkriegen, der Zeit des Embargos durch den Westen. Es sind einfache Menschen, die mit all ihrer Vitalität ums Überleben kämpfen. Mit großem Erfindungsreichtum erproben sie immer wieder neue Möglichkeiten, um zu ein wenig Geld zu kommen. Der Vater handelt mit reparierten Gegenständen vom Schrottplatz, die Mutter entdeckt ihre Fähigkeiten als Wahrsagerin, und die Kinder verkaufen Plastiktüten, Wasser und Nüsse. Allmählich scheint die Familie Fuß zu fassen. Doch immer wieder gibt es Rückschläge. Das Leben bleibt von Armut, Angst und Gewalt geprägt. Kriege, Hunger und politische Säuberungen haben das Land ins Elend gestürzt. Saddam hat ein Schreckensregime errichtet. Überall lauern Spitzel. Saddams Soldaten prügeln, foltern und töten ihre eigenen Landsleute.
Abbas Khider hat in seinen Büchern seine Vergangenheit verarbeitet. 1973 wurde er in Bagdad geboren und schloss sich als junger Mann dem Widerstand gegen Saddam Hussein an. Er wurde verhaftet und misshandelt. Nach seiner Freilassung konnte er aus dem Irak fliehen. Seit dem Jahr 2000 lebt er in Deutschland. Er schreibt in deutscher Sprache und gilt heute als eine der bedeutendsten Stimmen der irakischen Exilliteratur. Das Hauptthema seiner Bücher ist die Zerstörung der Menschen durch Diktatur und Krieg. Khiders Kunst ist es, persönliche Schicksale hinter den nüchternen Zahlen und anonymen Berichten aus Unruheherden im Nahen Osten nachvollziehbar zu machen. Seine Schilderungen gelten exemplarisch für alle Länder, in denen Menschen durch die politischen Verhältnisse zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen werden.
Auch in dem Roman „Palast der Miserablen“ findet sich viel Autobiographisches. Ebenso wie Khider selbst, der in Bagdad Mitglied einiger literarischer Zirkel war, findet sein Protagonist Shams Anschluss an eine Gruppe von Intellektuellen. Jeden Freitag treffen sie sich. „Das also waren wir. Acht Literaturbegeisterte in der Wohnung eines Blinden. Der Palast der Miserablen.“ Khider beschreibt, welches Glück und welche Befreiung Literatur für den Einzelnen bedeuten kann. Shams eröffnet sich eine Welt jenseits aller Härten seines Alltags. „Es war, als wären wir mit Hilfe irgendeiner Zauberformel in eine Traumwelt getreten, die nichts mit Bagdad zu tun hatte. Wir entfernten uns aus unserer Gegenwart und wurden zu neuen Menschen...“  Die Beschäftigung mit Büchern bedeutet aber nicht nur Flucht aus der bedrückenden Gegenwart. Sie fördert Sensibilität und selbständiges Denken und kann in einer Diktatur ein Akt des Widerstands sein. Shams' Freunde sind freie Geister, die sich im Palast der Miserablen kritisch über Saddams Terrorregime austauschen. Daher sind sie verdächtig, werden überwacht und bespitzelt.
Als Shams aus purer Not Schriften einer verbotenen islamistischen Gruppierung verkauft, wird er verraten und verhaftet. Sein Verhör durch einen hohen irakischen Militär, in dem sich geheuchelte Freundlichkeit, Drohungen und Gewalt abwechseln, gehören zu den beeindruckendsten und beklemmendsten Kapiteln des Romans. Man spürt, dass der Autor diese Szene aus eigenem Erleben heraus so hautnah schildern kann. Abbas Khider hat ein hartes, beeindruckendes Buch geschrieben.
Lilly Munzinger, Gauting
 
Abbas Khider
„Palast der Miserablen“
Hanser
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 23.06.2020
Ottessa Moshfegh „Heimweh nach einer anderen Welt“
Was tun, wenn die eigene Frau nach dreißig Ehejahren neben ihrem Mann auf dem Sofa sitzend verstirbt – und er merkt es nicht? Was soll man von einer Englischlehrerin halten, die es an einen runtergekommenen, düsteren Ort zieht, um dort ihre Drogen-Sehnsucht auszuleben? Oder von einem Mann, der das letzte Wochenende, bevor sein erstes Kind geboren wird („ … und mein Leben, so wie ich es bisher kannte, auf immer ruinieren würde ….“), sich allein auf eine Hütte zurückzieht, um seiner (hochschwangeren) Frau etwas heimzuzahlen? Die jeweiligen Handlungsorte in dem Erzählungsband „Heimweh nach einer anderen Welt“ scheinen jedes Mal die von der Sonne abgewandte Seite des Lebens zu sein.
Ottessa Moshfegh schreibt auch in ihrem vierten ins deutsche übersetzte Buch schonungslos direkt. Ihre  Sprache ist hart, ökonomisch, ihre Gedanken kompromisslos intelligent, voll schockierender Überraschungen. Sie erzählt über ihre Figuren, trotz aller Ambivalenz, mit einer gewissen Empathie. Alltagshelden im herkömmlichen Sinn sind sie aber alle nicht.
Mal schreibt Ottessa Moshfegh dabei aus dem Blickwinkel eines Mittvierziger, der in die Frau der Videospielhalle verliebt ist, dann aus dem einer achtundzwanzigjährigen Ersatzgeschäftsführerin, die sich gern vor Männern auszieht. Die Ich-Erzählerin ist in „Ein besserer Ort“ eine Zwillingsschwester, die unbedingt Jarek Jaskolkas umbringen will und in „Hier passiert nie was“ ein „Pierce Brosnan-Typ“, der in Hollywood um jeden Preis Karriere machen möchte. Perspektivwechsel auf allen Ebenen und am laufenden Band.
Zugegeben, die Figuren, die „Heimweh nach einer anderen Welt“ bevölkern, sind durchweg gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen verstörend. Vom Leben geschundene Kreaturen, die nach außen mit aller erdenklichen Mühe versuchen, wenig aufzufallen. Doch hinter der Fassade - Zerrüttung und Verfall. Destruktion und Schmerz. Es sind die Opfer von Entsozialisierungen, Menschen, die vielleicht nie eine wirkliche Chance auf die sehnsüchtige Balance in ihrem Leben hatten.
Wobei die Autorin selten versucht, die Hintergründe des „Andersseins“ ihrer „Helden“ in Erfahrung zu bringen und das Ergebnis dieser Analyse mit dem Leser zu teilen. All diese kurzen biographischen Einblicke sind Momentaufnahmen in eine aus dem Lot geratene Gesellschaft, literarisch faszinierende Blitzlichtgewitter in schwarz-weiß.
Und oft lesen sich die Short Stories so, als seien all diese Miss Mooneys, Terris, Jebs und Johns über das Stadium hinaus, in dem sie für sich und ihr Leben noch auf irgend etwas hoffen würden. Sie alle nehmen ihr Schicksal mehr oder weniger emotionsarm an, wundern sich nur selten über die abstrusen Geschehnisse in ihrem jeweiligen Alltag, scheinen nicht einmal mehr in der Lage, auf ihr Schicksal traumatisch zu reagieren. Weil ihr Leben selbst ein Trauma ist. Wir Leser können es nur vermuten.
Die 1981 in Boston, Massachusetts geborene Autorin macht es ihren Lesern selten leicht. Aber das kennen wir schon aus ihren Romanen „Eileen“, „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ und vor allem aus „McGlue“, dieser düsteren wie wuchtigen Seemannsklamotte. Auch hier sind ihre Illusionen keine Traumbilder, deren Erfüllung man sich wünscht.
Jörg Konrad


Ottessa Moshfegh
„Heimweh nach einer anderen Welt“
Liebeskind
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2020 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.