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1. Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literat...
2. Clarice Lispector „Aber es wird regnen“
3. KLASSIKER WIEDERENTDECK: Lew Tolstoi „Auferstehung“
4. Ronya Othmann „Die Sommer“
5. Guido Zingerl „Das Narrenschiff“ & „Das Geheimnis der Gri...
6. William Boyd „Eine große Zeit“
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Montag 25.01.2021
Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur“
Wortwahl, Metapher, Rhythmus, – was macht eigentlich einen guten Stil aus? In seinem opus magnum „Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur“ stellt sich der Germanist und Literaturkritiker Michael Maar dieser Frage, und er macht gleich zu Anfang seines Buches deutlich, dass man sie nicht eindeutig beantworten kann. „Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber: man muss es können.“
Michael Maars 650 Seiten umfassende Stilanalyse ist die Frucht jahrzehntelangen intensiven Lesens, und sein Buch ist selbst eine immer wieder überraschende und beglückende Lektüre, eine schier unerschöpfliche Fundgrube für alle Literaturbegeisterten. Es zeigt, wie man ein großes, anspruchsvolles Thema in bestem Sinne unterhaltsam, mit Humor und Witz behandeln kann, ohne je oberflächlich oder trivial zu werden.
Schlechten Stil zu beschreiben ist relativ leicht, sagt Michael Maar. Unfreiwillige Wiederholungen, Klischees, schiefe Bilder sind oft unschwer auszumachen. Doch der gute Stil braucht ein Gefühl für etwas nicht Messbares, aber doch Reales. Und diese Sensibilität, dieses feine Gespür hat der Autor in höchstem Maße.
Grundsätzlich gilt, dass Form und Inhalt in der Literatur nicht zu trennen sind. Der Stil muss dem Inhalt angemessen sein. Die richtige Balance zwischen beidem nennt Maar nach antikem Vorbild das „Aptum“. Im ersten Teil des Buches befasst er sich in einer Art „Stufenhierarchie“ mit den Bausteinen eines Textes, mit Satzzeichen, Wortarten, der Syntax, mit Metaphern und Rhythmus, und er versucht, stilistische Grundregeln zu erläutern. Das klingt trocken, ist aber höchst amüsant zu lesen und wird an einer Fülle von Einzelbeispielen veranschaulicht. Dabei gilt jedoch immer: keine Regel ohne Ausnahme! Eine gute Schriftstellerin oder ein guter Autor kann jede Regel durchbrechen. Da ist z.B. das Adjektiv oder Beiwort. Eine alte Schulweisheit, die auch schreibenden Debütanten eingebläut wird, lautet: Meide das Adjektiv! Wenn Verb und Substantiv stimmen, ist es oft überflüssig. Hier war vor allem der Adjektivasket Ernest Hemingway stilbildend. Aber: Was wäre z.B. ein Text von Thomas Mann ohne Beiworte? Wenn es in „Joseph und seine Brüder“ heißt: “Die Brüder lächelten ängstlich“, entsteht gerade durch das „ängstlich“ die Komik des Satzes, weil es in ironischer Reibung zum Verb steht. In Herta Müllers Roman „Die Atemschaukel“, der ihr den Nobelpreis eingebracht hat, sind es besonders die ausgefallenen Adjektive, die den durch Kriegsgefangenschaft seelisch beschädigten Oskar Pastior treffend charakterisieren: „Meine stolze Unterlegenheit. Meine zugemaulten Angstwünsche…“Auch Joseph Roth ist für Maar ein Meister des Adjektivs und der genauen, oft kühnen Metapher, ganz im Gegensatz zu Stefan Zweig, dessen Beiwörter und Sprachbilder meist erwartbar und blass wirken.
Überhaupt hat Michael Maar keine Scheu, auch anerkannte Autoren zu kritisieren und ein wenig an ihrem Denkmal zu kratzen. Irmgard Keuns frischen, naiven Ton, der ihren Roman „Das kunstseidene Mädchen“ in den 1930-er Jahren über Nacht berühmt gemacht hat, nennt er eine „ Kindchenschema-Manieriertheit“, und Fontanes  „dahinplätschernde Dialoge“ empfindet er als ermüdend. Man muss ihm nicht in allem folgen, aber seine Urteile sind immer begründet und durch Beispiele belegt.
Das gilt auch für den zweiten Teil des Buches, in dem Michael Maar die Leserin und den Leser durch seine Privatbibliothek führt, seine Sammlung deutschsprachiger Prosa von der Weimarer Klassik bis zu dem 1982 in Graz geborenen Clemens J. Setz. Die Auswahl ist, wie Maar betont, subjektiv und durch seine persönlichen Vorlieben bestimmt. Wichtige Schriftsteller wie Böll oder Grass fehlen ganz. Auf der anderen Seite entdeckt er so manchen verborgenen Schatz, und so ist eine Literaturgeschichte entstanden, die nicht ganz dem Mainstream entspricht. An jeder einzelnen Autorin und jedem Autor analysiert Maar die Eigenheit ihres Stils und versucht, dessen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Dabei gilt sein Augenmerk auch in starkem Maße weiblichen Schriftstellerinnen, darunter auch solchen, die vergessen oder bisher kaum bekannt sind. In dem Kapitel „Löwinnen um Goethe“ z.B. hebt er Rahel Varnhagen als stilistisch glänzende Briefeschreiberin hervor.
Ganz besonders schätzt Maar die österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine Helden sind Joseph Roth, Franz Werfel, (Stefan Zweig weniger), Heimito von Doderer, Franz Kafka; fast alle sind Juden. Die überragende Rolle, die jüdische Autoren für die deutschsprachige Literatur gespielt haben, begründet er mit der  jüdischen Tradition, mit der Liebe zum Wort.
Diese Liebe zum Wort zeichnet auch Michael Maar selbst aus, und sie ist die Grundlage seines wunderbar reichen Buches „Die Schlange im Wolfspelz“.
Lilly Munzinger, Gauting

Michael Maar
„Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur“
Rowohlt
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Dienstag 19.01.2021
Clarice Lispector „Aber es wird regnen“
Alles an Clarice Lispector war besonders. Die Lebensumstände machten aus der in der Ukraine Geborenen eine Person, die mit ihrem Wesen, mit ihren Büchern und mit ihren Aussagen stetig auffiel. Mehr noch: Sie sorgte für manche Provokation und Rebellion, die im Grunde, wir kennen dies von einem Großteil anderer Kreativer, letztendlich als Ergebnis vernarbter Seelen und dem maßgeblichen Schutz vor Verletzungen der Außenwelt zu verstehen waren. Sie brach liebend gern die Konventionen, spielte unerschrocken mit Gegensätzen, genoss als Ehefrau eines Diplomaten den luxuriösen Wohlstand und fand dabei nie die innere Ruhe, das eigene Leben zu genießen.
Früh floh die Familie aufgrund antisemitischer Progrome nach Brasilien, wo Claire Lispector Jura studierte und ihre ersten literarischen Arbeiten veröffentlichte. Mit dem Roman „Nahe dem wilden Herzen“ sorgte sie schon 1944 für immenses Aufsehen. Man verglich sie früh mit ihrem persönlichen Vorbild, der Amerikanerin Virginia Woolf und wenn sie auch in Brasilien schon zeitig als literarischer Stern aufging, wurden ihre Romane, Erzählungen, Reportagen und Essays nur mehr zögerlich ins Deutsche übersetzt.
Jetzt liegt mit „Aber es wird regnen“ ein zweiter Band mit Erzählungen vor, der die Autorin, deren Texte lange Zeit als unübersetzbar galten, in ihrer ganzen schillernden als auch gespaltenen Persönlichkeit vorstellt. 44 Short Stories auf knapp dreihundert Seiten. Auch hier schon zeigt sich, dass Clarice Lispector nicht unbedingt der literarischen Mehrheitsmeinung entspricht. Ihre Vorgaben, Ansprüchen, Ideen und Analysen entspringen einer völlig individuellen Denkweise. Faszinierend ihre Blickwinkel, unkoventionell ihre ausformulierten Sehnsüchte, motivierend ihre Schreibtechnik.
Manche der Texte sind entsprechend nur wenige Seiten lang und scheinen oft nur flüchtige Studien zu sein, die gesammelte Dramen in einen Kontext bringen. Es handelt sich dabei weniger um in sich geschlossene Geschichten. Bizarre Realitäten werden emotional beschrieben, Charaktere schonungslos nachgezeichnet, raffinierte Pointen entwickelt. Selten hat jemand die weibliche Psyche so verstörend und doch voller Poesie thematisiert. Sie hat geschrieben und veröffentlicht, weil sie sonst an ihren Wörtern und Gedanken erstickt wäre. Es wird endlich Zeit Clarice Lispector zu entdecken. Auch wenn der Zugang zu den Inhalten ihrer Texte nicht immer ganz einfach erscheint. Aber ist der Kontakt geglückt, wird der Leser reicht belohnt.
Jörg Konrad

Clarice Lispector
„Aber es wird regnen“
Penguin Verlag
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Samstag 26.12.2020
KLASSIKER WIEDERENTDECK: Lew Tolstoi „Auferstehung“
Ein Merkmal von Klassikern der Literatur ist deren Zeitlosigkeit. Im Vordergrund steht die Unabhängig von modischen Strömungen, wobei sie gleichzeitig wegweisend für zukünftiges sind. In Lew Tolstois „Auferstehung“ findet sich eines dieser Merkmale gleich zu Beginn des Romans:
Wie sehr die Menschen, die sich zu Hunderttausenden auf einem kleinen Erdenfleck angesammelt hatten, diese Erde, auf der sie sich drängten, zu verunstalten suchten, wie sehr sie sie mit Steinen zupflasterten, damit nichts mehr auf ihr gedeihen konnte, wie sehr sie noch jedes Kräutchen, das da keimte, wegrupften, wie sehr sie alles mit Steinkohle und Petroleum verqualmten, wie sehr sie die Bäume stutzten und Tiere und Vögel samt und sonders verjagten – der Frühling war Frühling, selbst in der Stadt.“
Wohlgemerkt, das Buch erschien erstmals 1899! Im Folgenden geht Tolstoi noch auf andere Themen ein, die ihn sein Leben lang beschäftigten und die auch heute noch hochaktuell sind: Das Privateigentum von Grund und Boden und dessen Nutzung als Spekulationsobjekt („Besitz verlockt zur Sünde, und Anhäufung von Reichtümern entsittlicht den Menschen. Nur die einfache Arbeit gibt Glück und Zufriedenheit.“). Zudem ist dieser Roman eine leidenschaftlich gehaltene Klageschrift gegen die unmenschlichen Verhältnisse in (damals russischen) Gefängnissen, gegen die Straf- und Arbeitslager in den sibirischen Weiten und gegen jede Form von Korruption.
Doch der eigentliche Dreh- und Angelpunkt dieses bewegenden Buches ist die Liebes- und Leidensgeschichte der beiden Hauptfiguren, dem Fürsten Dmitri Iwanowitsch Nechljudow und der Prostituierten Jekatarina Maslowa.
Nechljudow lernte Jekatarina vor Jahren während eines Osterfestes auf dem Gut seiner Tanten kennen. Als Folge eines späteren kurzen Besuches, der Fürst leistete seinen Militärdienst, und einer weiteren flüchtigen Liaison, wurde Jekatarina schwanger. Sie musste daraufhin das Gut verlassen – ihr Kind stirbt in einem Findelhaus. Anschließend wurde sie, in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz weit unten angelangt, Opfer von sexuellen Übergriffen, lebte in Armut und wurde aus existenzieller Not heraus Prostituierte.
Dimitri und Jekatarina trafen während eines Gerichtsverfahrens zufällig erneut aufeinander. Der Fürst hatte die Aufgabe, als Geschworener über Jekatarinas Schuld zu richten. Die Anklage lautete: Raubmord. Das Urteil letztendlich: Vier Jahre Zwangsarbeit.
Während des Verfahrens wurde Dimitri bewusst, dass er und sein arrogantes wie auch anmaßendes Handeln Jekaterina erst in diese Situation brachte. Er bittet nach der Urteilsverkündung Jekatarina um Verzeihung, will sie aus eigener Scham und Gewissensnot heiraten, begleitet sie in die Verbannung nach Sibirien, um Abbitte zu leisten.
Tolstoi entwirft ein eindrucksvolles Panorama, das sich zwischen den Eckpunkten Leid, Armut, Glückseligkeit, Liebe und tiefer Trauer entwickelt. Seine menschliche Beobachtungsgabe und sein feinnerviges Gespür für psychologische Zusammenhänge ermöglicht ihm eine sehr reale Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse jener Jahre in Russland. Zugleich verpackt er in diese Geschichte sein ganzes politisches Wirken, das weit über seine literarischen Ambitionen hinausgeht. Denn im Grunde wollte Tolstoi, nach den beiden monumentalen Romanen „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“, keine literarischen Texte mehr schreiben. Er hatte sich die Jahre zuvor überwiegend mit politisch/gesellschaftlichen Themen beschäftigt und galt als eine mythische moralische Autorität, von der Thomas Mann sogar behauptete, dass der 1. Weltkrieg nicht ausgebrochen wäre, hätte Tolstoi noch gelebt.
Der Autor hatte, als einfacher Bauern arbeitend und lebend, zudem ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Religion und Kirche und wurde, als Folge seines Romans „Auferstehung“, von der griechisch-orthodoxen Kirche im März 1901 exkommuniziert.
Mit der 2016 im Hanser Verlag verlegten, von der renommierten und mit etlichen Preisen ausgezeichneten Slawistin Barbara Conrad übersetzten Ausgabe, liegt dieser fesselnde und ungemein berührende Roman in einer wunderbar editierten Veröffentlichung vor. Conrad gelingt es, tolstoischen Feinheiten in die Gesamthandlung stimmig einzubauen und macht die ganze Wucht, die dieser Roman entfaltet - er wurde in den ersten Jahren nach Erscheinen allein in die deutsche Sprache ein Dutzend Mal übersetzt - spürbar.
Jörg Konrad

Lew Tolstoi
„Auferstehung“
Hanser
Neu übersetzt von Barbara Conrad
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Dienstag 22.12.2020
Ronya Othmann „Die Sommer“
„Bist du mehr deutsch oder kurdisch, fragte die Mutter der Schulfreundin. Deutsch, sagte Leyla, und die Mutter der Schulfreundin wirkte zufrieden.
Fühlst du dich mehr deutsch oder kurdisch, fragte Tante Felek. Kurdisch, sagte Leyla, und Tante Felek klatschte vor Freude in die Hände.“
Leyla ist die Tochter einer deutschen Krankenschwester und eines staatenlosen kurdischen Eziden, der aus politischen Gründen fliehen musste und in Deutschland auf dem Bau arbeitet. Sie lebt mit ihren Eltern in der Nähe von München. Doch jeden Sommer verbringt sie bei den Großeltern im Norden Syriens.
Die 27-jährige Ronya Othmann erzählt in ihrem bewegenden Debütroman „Die Sommer“ Leylas Geschichte und die ihrer ezidischen Familie. Dabei verarbeitet sie ihre eigenen Erlebnisse. Sie hat selbst kurdisch-ezidische Wurzeln, ist in Bayern aufgewachsen und hat in den Sommerferien regelmäßig die Familie ihres Vaters in einem kleinen syrischen Dorf besucht. Heute lebt sie als Journalistin und Schriftstellerin in der Nähe von Leipzig.
„Die Geschichte dieses ezidischen Dorfes ist zu Ende. Nicht nur dieses Dorfes, sondern der gesamten Region... Genau die wollte ich noch einmal aufgeschrieben haben“ sagt die Autorin in einem Interview. Ältere Eziden waren in der Regel  Analphabeten, und deshalb gibt es kaum schriftliche Aufzeichnungen. Ronya Othmann sieht es als ihre Aufgabe, Überlieferungen ihres Volkes zu bewahren.
„Die Sommer“ ist ein Buch der Sehnsucht und der Erinnerung. In ruhigen, poetischen Bildern, mit zahlreichen anschaulichen Details, wird eine untergegangene Welt geschildert. Da gibt es das strohgedeckte Lehmhaus der Großeltern, das aus nur zwei Zimmern besteht. Leyla schläft neben ihren Cousinen und Cousins in einem Hochbett auf dem Hof. Da ist die geliebte Großmutter, eine unbeirrbar arbeitsame und gütige Frau, die kaum lesen und schreiben kann. Sie ist Mittelpunkt der weitverzweigten Familie, in der man nie alleine ist. Tanten, Onkel und Nachbarn kommen nachmittags zum Tee. Es wird geredet, gestritten und erzählt: Geschichten, in denen es meist um Unterdrückung und Flucht geht. Die Eziden, eine ethnische Minderheit auf türkisch-syrisch-irakischem Gebiet, haben eine eigene Kultur, eine eigene Sprache und eine eigenständige monotheistische Religion, die weder christlich noch muslimisch ist. Seit Jahrhunderten wurden sie als Ungläubige und Teufelsanbeter diffamiert und verfolgt. Das Gefühl, von allen Seiten bedroht zu sein, führte zu einem besonders engen Zusammenhalt und zu strengen Regeln. Eziden, die nicht Eziden heirateten, wurden verstoßen.
 Die Tatsache, dass ihre Mutter eine Deutsche ist, macht Leyla bei einigen ihrer Verwandten im Dorf zur Außenseiterin. Eindrücklich schildert Ronya Othmann das Lebensgefühl einer jungen Frau, die, zerrissen zwischen zwei Kulturen, sich nirgends wirklich zugehörig fühlen kann. Das Hauptinteresse ihrer Cousinen gilt der Ehe. „Nun sag schon, Leyla, welcher gefällt dir?...Keiner ist dir schön genug, oder wie? Unsere Leyla ist wählerisch! Willst du lieber deine Bücher heiraten, oder was?“ In Deutschland lebt Leyla ein ganz anderes, freieres Leben. Sie geht mit Gleichaltrigen aus, probiert Alkohol und Haschisch, und verliebt sich in eine Studentin. Aber auch hier bleibt sie eine Fremde. “Es ist so kalt hier“ sagt ihr Vater.
Den zweiten Teil des Romans bestimmt der Bürgerkrieg in Syrien. Assad führt Krieg gegen sein eigenes Volk. Leyla und ihre Eltern können nicht mehr zu ihren Verwandten reisen. Den ganzen Tag über läuft der Fernseher im Wohnzimmer. Auf allen arabischen und kurdischen Kanälen verfolgt Leylas Vater hilflos und verzweifelt die Ereignisse. 2014 fallen die Kämpfer des Islamischen Staates in Shingal ein, der inoffiziellen ezidischen Hauptstadt im Irak. Es ist der Beginn des Genozids an den Eziden. Männer und alte Frauen werden erschossen, Mädchen und Frauen als Sklavinnen für den IS geraubt und vergewaltigt, Jungen als Kindersoldaten missbraucht. „Es ist seltsam, aber zum ersten Mal wissen die Deutschen, wer wir sind“ sagt der Vater zu Leyla.
Leyla entfremdet sich zunehmend ihren Freundinnen, die ihre Angst nicht teilen können und ihr häufig mit Unverständnis und Desinteresse begegnen. Niemals stellen sie Fragen nach dem Krieg oder nach ihrer Familie in Syrien. Leylas Mutter richtet immer dringlichere Anfragen um Aufnahme ihrer ezidischen Angehörigen an deutsche Ministerien, die zunächst alle abgelehnt werden, bis die Großmutter und einige Verwandte schließlich doch eine Einreisegenehmigung bekommen. So ist Othmanns Buch auch eine große Anklage gegen die kriegführenden Parteien in Syrien und die fanatischen Islamisten des IS, aber auch gegen die Gleichgültigkeit vieler Menschen bei uns.
Ronya Othmann hat den Büchern, die in den letzten Jahren zum Thema Krieg, Flucht und Vertreibung erschienen sind, eine sehr persönliche Stimme hinzugefügt
und mit ihrem melancholischen und zugleich zornigen Roman dem ezidischen Volk ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.
Lilly Munzinger, Gauting

Ronya Othmann
„Die Sommer“
Hanser 2020
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Mittwoch 16.12.2020
Guido Zingerl „Das Narrenschiff“ & „Das Geheimnis der Griechischen Eule“
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Altersmilde? Aber nicht Guido Zingerl. Schließlich ist die Welt zu sehr aus den Fugen, gibt es zu viel Ungerechtigkeit als auch Aufklärungsbedarf. Solange der 1933 in Regensburg Geborene als Maler, Zeichner, Karikaturist tätig ist, hat er gegen jede Form der sozialen Benachteiligung und politischen Willkür öffentlich angekämpft. Und, das versteht sich von selbst, dabei Haltung bewahrt. Selbst auf die Gefahr hin, mit seiner Arbeit eher zu provozieren als Probleme solidarisch weichzuzeichnen.
Dafür hat er die Finger zu tief in den offenen Wunden der Gesellschaft und sind die Schwachstellen in Politik und Gesellschaft für ihn zu spürbar. Sein Gerechtigkeitssinn macht's möglich.
Erst im letzten Jahr hat der seit über vier Jahrzehnten in Fürstenfeldbruck lebende Künstler einen umfangreichen Bilderzyklus unter dem Titel „Das Narrenschiff“ vorgelegt. Dabei handelt es sich um „40 gemalte und gezeichnete Parabeln auf die Unbelehrbarkeit des Menschen“. Wer sich nur ein wenig in der Geschichte der Menschheit auskennt, wird wissen: Ein unendliches Thema.
Zingerl, der mit bürgerlichem Namen Heinrich Scholz heißt, bezieht sich in dieser umfangreichen Arbeit auf die moralische Klageschrift gleichen Namens von Sebastian Brandt aus dem Jahr 1494, dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch vor der Reformation, mit Holzschnitten von Albrecht Dürer.
Der Mensch hat bis heute nichts von seinen dunklen amoralischen Eigenschaften, die man unter den Begriffen Macht, Habgier und Egoismus zusammenfassen kann, verloren. Vielleicht sind manche dieser Eigenschaften glatt geschliffen, sind heutzutage verfeinert, sind eine postmoderne wie auch demokratisch motivierte Frischenzellenkur durchlaufen. Doch die Kritik daran ist bis heute gleich geblieben. Dank Menschen wie Guido Zingerl, der Kunst auch immer als Waffe der Aufklärung versteht.
Zingerl hat keine Berührungsängste, beschäftigt sich in seinen neuen Arbeiten kritisch mit Kirche und Klimawandel, mit der Nazizeit und deren Erben, die besonders in den heutigen Tagen wieder aktiv sind, mit der Flüchtlingskrise, den Weltverschwörungsmythen der Gegenwart, als auch mit den furchtbaren Auswirkungen des Kapitalismus in den sogenannten Entwicklungsländern. Er zeigt die Welt ungeschönt und real und klagt mit seinen Bildern konsequent jene an, die für diesen Zustand verantwortlich sind: Uns Menschen.
Egal ob Zingerl mit Acryl malt, ob er zeichnet oder Karikaturen entwirft – er arbeitet mit scharfen Schnitten, nutzt grelle Farben, fordert mit Inhalten massiv heraus. Er ist schonungslos in seiner Analyse und trotzdem kommt der Humor nicht zu kurz. Auch wenn manches Lachen bei genauerer Betrachtung im Halse stecken bleibt. Er kreuzigt Marx, verballhornt die Bürokratie, zeigt Narren als Narren (US-Präsident D.Trump). Immer wieder lassen sich auf seinen Bildern neue Details entdecken, erkennt man Hintergründiges, wird Widersprüchliches deutlich.
In einem anderen jetzt erschienenen Band spannt Guido Zingerl unter dem Titel „Das Geheimnis der Griechischen Eule – Asam, Apollon, Amper“ einen Bogen von der antiken Mythologie bis in unsere Gegenwart. Grund für seinen überwältigenden Historienblick  ist das zehnjährige Jubiläum der Wiedereröffnung des Churfürstensaales im Kloster Fürstenfeld. Zingerl hat keine Mühe, vom Maler  und Bildhauer Hans Georg Asam über seine Figur des griechischen Helden Herakles, den weiblichen Gottheiten des Olymp und dem Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung Appolon einen gewaltigen Bogen bis in die Neuzeit zu spannen. Da wird Sisyphos als Zwangsarbeiter beim Bau der Klosterkirche Fürstenfeld ins Spiel gebracht, ebenso wie die Vergangenheitsbewältigung der Polizeischule im Kloster. Da kreisen Kampf-Drohnen neben dem geflügelten Pegasus am Himmel über dem Fliegerhorst und Kassandra mahnt zeitig vor dem Trojanischen Pferd, Nationalismus und Krieg. Zingerl entwirft mit spitzem Stift die Szenen, erläutert in kurzen Texten die verdichtete Historie, mit all ihren Paradoxen und Entsetzen. Im Grunde ist alles ganz einfach und fix auf einen Nenner gebracht: Ohne Auseinandersetzung keinen Frieden. Und genau aus diesem Grund sind beide Bücher zu empfehlen. Gerade zum Weihnachtsfest!!!
Jörg Konrad

Guido Zingerl
„Das Narrenschiff“ &
„Das Geheimnis der Griechischen Eule“

Zu beziehen sind beide Bücher für 20 bzw. 15 Euro unter der E-mail: scholz-zingerl@t-online.de.     
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Mittwoch 09.12.2020
William Boyd „Eine große Zeit“
Es ist ein Roman wie aus einer anderen Zeit. Aus welcher? Nun, als Agenten und Spione noch stark die Feuilletons beschäftigten. Als Graham Greene seine großen Romane schrieb, Besatzungsmächte Deutschland aufteilten, die ersten Bond-Filme erfolgreich die Kinoleinwände stürmten und der „Eiserne Vorhang“ eben nur bedingt durchlässig war. Es war jene Zeit des aus heutiger Sicht noch relativ überschaubaren Ost-West-Konflikts.
William Boyds Roman „Eine große Zeit“ spielt noch etwas früher, kurz vor dem 1. Weltkrieg in Österreich, England und der Schweiz. Die packende wie unterhaltsame Geschichte liest sich wie ein Vorläufer eben jenes Kalten Krieges, der einige Jahre später nicht nur das mitteleuropäische Miteinander bestimmen sollte.
Alles beginnt in Wien, wo die Hauptfigur des Romans, der Brite Lysander Rief, sein gestörtes Sexualleben mit Hilfe der Psychoanalyse richten will. Hilfe erhofft sich Schauspieler Rief von einem gewissen Dr. Bensimon (Siegmund Freud praktiziert selbstredend gleich ein paar Querstraßen weiter), in dessen Wartezimmer es zu einer folgenschweren Begegnung mit der Bildhauerin und Muse Hettie Bull kommt, die dem restlichen Roman die Richtung gibt.
William Boyd begleitet von nun an seine Hauptfigur Rief durch alle erdenklichen, meist schicksalhaften Herausforderungen und die daraus entstehenden Abgründe. Gefängnis in Wien, Flucht mit Hilfe des britischen Geheimdienstes nach England, Spion im 1. Weltkrieg, neue Identitäten, geheime Codes, die es aufzulösen gilt, Mord. Alles drin, in diesen 370 dramatischen Seiten.
Boyd hat die Fäden seiner Protagonisten dabei sicher in der Hand. Er entwirft glaubwürdige Charaktere, die er miteinander in Beziehung setzt und mit ihnen gekonnt die Dramaturgie der Handlung entwickelt. So entwirft er, auch mit Hilfe seiner prägnant eingesetzten Sprache ein Panoptikum der Zeit. Es geht um Existenzen und um Ideologien, um menschliche Schwächen und deren schonungsloses ausnutzen, um Obsessionen und Täuschungen.
Erschienen ist „Eine große Zeit“ auf deutsch erstmals 2012. Nun hat der Zürcher Kampa Verlag den Roman erneut veröffentlicht. Und wer das Buch bisher nicht kennt, kann sich mit Freude darauf einlassen.
Jörg Konrad

William Boyd
„Eine große Zeit“
Kampa
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