Haben Sie Anregungen, Fragen,
kritische Anmerkungen?
Wollen Sie Über Veranstaltungen berichten?
Werbebanner schalten?
Oder einfach ein Loblied singen?
Dann einfach KONTAKT anklicken -
und los geht's!
Museen heute

Franz Marc Museum: Tierschicksale - Franz Marc, Paul Klee und Gustave Flaubert

Tierschicksale
Franz Marc, Paul Klee und Gustave Flaubert
Ausstellung vom 13. März bis 17. Juli 2022Franz Marc Museum, Kochel am See
In einem der Skizzenbücher Franz Marcs, das der Maler in den Jahren 1912 und 1913 benutzte, finden sich Skizzen, Aquarelle und Tuschezeichnungen, die sich auf die Novelle Gustave Flauberts Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien (1877) beziehen. Nach der Auflösung des Skizzenbuchs durch Maria Marc gelangten einige dieser Skizzen ins Franz Marc Museum, andere über die Schenkung Sofie und Emanuel Fohn zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Marc schrieb handschriftlich kurze Sätze, Auszüge aus dem französischen Text unter seine Darstellungen, so dass sich einzelne Szenen der Erzählung Flauberts sehr konkret auf die Zeichnungen beziehen lassen. Offensichtlich wollte Marc die Novelle Flauberts illustrieren. Was interessierte ihn an dieser Erzählung?
Marc las Flauberts Text mehrmals – zum ersten Mal wahrscheinlich 1907, dann wieder 1912/13 - und er war nicht der Einzige, der sich mit ihm befasste. Auch Zeitgenossen wie Rainer Maria Rilke und Freunde wie Heinrich Campendonck waren von ihm fasziniert, denn mit einer mythischen Jagdszene zeichnete Flaubert ein Bild von Apokalypse und Katharsis, das viele Intellektuelle und Künstler vor dem Ersten Weltkrieg mit dieser erahnten, zum Teil ersehnten Katastrophe verbanden.
Für Marc führte die Auseinandersetzung mit dem literarischen Text zu einem seiner bedeutendsten Gemälde, Tierschicksale. Die Figur des Heiligen Julian, in der Novelle ein grausamer Jäger, der nach der Jagd und dem unbewussten Mord an seinen Eltern nach langer Buße zum Heiligen wird, überblendete Marc mit der des Kriegers. Dessen Mission war die Vernichtung einer unmoralischen, falschen Werten folgenden Welt, die nach dem Krieg neu und besser auferstehen sollte. Der Entwurf zu dem Gemälde Tierschicksale schließt auf einer Doppelseite des Skizzenbuches die Studien Marcs zu der Legende des heiligen Julian ab.
Nicht nur bei der Titelgebung des Gemäldes war Paul Klee ein wichtiger Gesprächspartner und Berater Marcs. Der Austausch zwischen den Freunden, durch Ihre briefliche Korrespondenz und durch die berühmten, illustrierten Postkarten der beiden Maler erhalten, zeigt die Entwicklung ihrer Freundschaft. Im Hinblick auf den Krieg hatten sie sehr unterschiedliche Einstellungen, was fast zum Bruch führte.
Dementsprechend stellte Franz Marc Paul Klee auf einem großen Aquarell, das er ihm schenkte, als Noah, der die Tiere in die rettende Arche führt, dar, während er sich selbst auf einem Aquarell gleicher Größe als Heiligen Julian kriegerisch zu Pferd zeigte.
In der Ausstellung werden die Zeichnungen, die Aquarelle und Gemälde präsentiert, die die Lektüre Flauberts durch Marc spiegeln. Daneben umfasst sie Werke aus der Sammlung des Franz Marc Museums, die in diesem Zusammenhang zu sehen sind. Dazu gehören nicht nur die illustrierten Postkarten Marcs und Klees, sondern auch die abstrakten Werke Franz Marcs, die das eigentlich von ihm erstrebte spirituelle Sein
spiegeln. Dies sind die „neuen Bilder“, die Franz Marc Paul Klee nach dem Krieg, den er nicht überlebte, versprochen hatte.

Franz Marc Museum – Kunst im 20. Jahrhundert
Franz Marc Park 8-10
82431 Kochel a. See


Abbildung:
Franz Marc, Rote Rehe II, 1912
Dauerleihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München
Museen heute

Zürich: "The Future is Blinking"

"The Future is Blinking"
Frühe Studiofotografie aus West- und Zentralafrika
Ausstellung vom 18. März bis 03. Juli 2022Museum Rietberg

Nirgendwo im Globalen Süden wurde die Fotografie so enthusiastisch aufgenommen wie an der Küste West- und Zentralafrikas. Nur zwanzig Jahre nachdem das neue Medium 1839 in Paris vorgestellt wurde, verbreitete es sich schlagartig weltweit. So entwickelte sich auch zwischen Dakar und Luanda eine blühende Fotokultur.
Die Ausstellung «The Future is Blinking» zeigt erstmals in der Schweiz Fotografien von Berufsfotografen aus West- und Zentralafrika, die ab dem späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert entstanden. Die Fotografien stammen überwiegend aus der Sammlung des Museums Rietberg und werden punktuell durch Leihgaben internationaler und nationaler Sammlungen sowie um eine Skulptur des zeitgenössischen Künstlers Yinka Shonibare ergänzt.Anhand von hundert Originalabzügen denkt die Ausstellung die Fotografiegeschichte West- und Zentralafrikas nicht vom Globalen Norden her, sondern rückt ihre Eigenheiten, künstlerische Praxis und Darstellungskonventionen ins Zentrum. Die gezeigten Portraits erscheinen uns dennoch seltsam vertraut. Wie bei Fotografien, die heute auf Social Media verbreitet werden, stellten die Fotografien individuelle Wunschbilder dar und erzeugten neue Wirklichkeiten. Die Ausstellung im Museum Rietberg zieht zudem überraschende Bezüge zur traditionellen Schnitzkunst aus der Region, zur Wanderfotografie in der Schweiz und zur neuesten Modefotografie aus den USA.
Die frühesten Fotografien von der Küste West- und Zentralafrikas sind das Ergebnis einer selbstbestimmten Fotokultur und unterscheiden sich damit stark von der kolonialen Fotografie mit ihren von Vorurteilen geprägten Darstellungen von afrikanischen Personen. In einer Zeit, in der das Leben von kolonialer Unterdrückung dominiert war, wurde das Freiluftstudio zum Ort der Selbstbestimmung, Selbstdarstellung und Identitätsbildung. Dabei nutzte man das Potential der Fotografie, neue Wirklichkeiten zu erschaffen. Insbesondere Frauen standen dem neuen Medium aufgeschlossen gegenüber. Ihre Schönheit setzten sie zusammen mit prächtigen Textilien als Ressource vor der Kamera ein, um ihre Position in der Gesellschaft zu artikulieren. Die starke Präsenz der Frauen in der Studiofotografie West- und Zentralafrikas steht im Gegensatz zu ihrer Abwesenheit in Archiven und zur Stummheit der afrikanischen Frauen in der westlichen Geschichtsschreibung.
Die meisten frühen Bilder westafrikanischer Fotografen befinden sich heute auf Postkarten gedruckt oder in Alben geklebt in Archiven im Globalen Norden. Lange Zeit vermutete man, dass es sich bei den auf die Rückseite solcher Fotografien gedruckten Namen um europäische Fotografen handelte. Erst in den letzten zwanzig Jahren haben Recherchen ergeben, dass die meisten Studiofotografien eine lokale Urheberschaft haben. Bei den Pionieren handelte es sich um junge Männer der städtischen Elite mit ähnlichen Biografien. Viele von ihnen stammten aus Sierra Leone oder Gambia und wurden in Missionsschulen ausgebildet. Sie führten ein rastloses Leben und reisten mit ihren mobilen Freiluftstudios auf dem Dampfschiff entlang der Küste von Dakar bis Luanda; sie verstanden sich als Künstler und beherrschten die neuesten Techniken ihrer Zeit.

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15,
8002 Zürich, Schweiz
Museen heute

München Kunsthalle: STILLE REBELLEN - POLNISCHER SYMBOLISMUS UM 1900

STILLE REBELLEN
POLNISCHER SYMBOLISMUS UM 1900
Ausstellung vom 25. März bis 27. August 2022
Kunsthalle München
Die Kunsthalle München zeigt die bisher umfassendste Ausstellung in Deutschland zur Hochblüte der polnischen Kunst zwischen 1890 und 1918 mit rund 130 bedeutenden Werken aus den Nationalmuseen in Warschau, Krakau und Posen sowie weiteren öffentlichen und privaten Sammlungen. Die polnische Malerei der Jahrhundertwende entführt in eine Welt der Mythen und Legenden, in träumerische Landschaften, in alte Traditionen und Bräuche, in die Tiefen der menschlichen Seele. In einer Nation ohne eigenen Staat – Polen war bis zu seiner Unabhängigkeit 1918 zwischen Russland, Preußen und Österreich-Ungarn aufgeteilt – trat eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern an, die Malerei zu erneuern. Mit ihren Gemälden stifteten sie, was auf politischer Ebene fehlte: eine gemeinsame Identität. Inspiration fanden sie ebenso in der eigenen polnischen Geschichte, Kultur und Natur wie im Austausch mit Künstlerkreisen in München, Paris, Sankt Petersburg oder Wien.
Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war eine Blütezeit der polnischen Kultur. Die Bewegung »Junges Polen« (1890–1918), die die Bereiche Literatur, Bildende Kunst und Musik umfasste, ging zunächst vor allem von Krakau aus. Unter der liberaleren Politik Österreich-Ungarns bot die ehemalige Hauptstadt Polens bessere Voraussetzungen zur Entfaltung des polnischen Kulturlebens als die preußisch und russisch besetzten Gebiete, die stärkeren Restriktionen unterlagen.
Dennoch bildete Warschau trotz aller Einschränkungen das wichtigste künstlerische Zentrum neben Krakau. Der Begriff des »Jungen Polen« wurde von dem Schriftsteller und Literaturkritiker Artur Górski (1870–1959) geprägt, der in seiner gleichnamigen Essayreihe (1898) einen Wertewandel in der gegenwärtigen Literatur und Kunst konstatierte: »An die Stelle der Masse trat das Individuum als oberster Wert und Ausdruck höchster Würde auf Erden, an die Stelle der gesellschaftlichen Ethik die Ethik der Seele […].« Die neue Generation wandte sich von der rationalistischen Philosophie des Positivismus ab und besann sich stattdessen auf die Tradition der Romantik. Mit dieser verband sie unter anderem der rebellische Geist, die Stilisierung des Künstlers zum visionären Schöpfer sowie das Interesse an der Veranschaulichung emotionaler Zustände. Die Neuformulierung der Aufgabe von Literatur und Kunst war dabei von einem Widerspruch geprägt: Man beschwor den romantischen Nationalkult und die Notwendigkeit einer volksverbundenen, »durch und durch polnisch[en]« Kunst, lehnte eine patriotische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft jedoch ab.

In zehn thematischen Kapiteln präsentiert die Ausstellung den beeindruckenden Facettenreichtum der polnischen Kunst dieser Zeit, die in Deutschland bislang zu Unrecht kaum bekannt ist. Die Schau zeichnet ihre Entwicklung nach und verortet sie im kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontext Polens wie auch Europas.
Mit Gemälden von Jan Matejko (1838–1893) und Leon Wyczó?kowski (1852–1936) wird im Prolog der weise, um die Zukunft Polens besorgte Hofnarr Stan´ czyk vorgestellt – eine historische Figur aus dem 16. Jahrhundert, die später zu einer bedeutsamen polnischen Symbolgestalt und wichtigen Identifikationsfigur für die Künstler avancierte. Das erste Kapitel widmet sich den künstlerischen Zentren Warschau und Krakau sowie der besonderen, durch die politische Lage bedingten Rolle der Künstlerinnen und Künstler in Polen, die Stanis?aw Wyspian´ ski (1869–1907) in folgende Worte fasste: »Was unsere Umgebung uns nicht geben kann, das sollte die Kunst uns gewähren.« Gezeigt werden unter anderem Werke von Jan Matejko und Wojciech Gerson (1831–1901), den renommiertesten Lehrerpersönlichkeiten in Krakau und Warschau. Beide vertraten die Auffassung, dass die Kunstschaffenden dem Heimatland und der Gesellschaft verpflichtet seien. Unter den Malerinnen und Malern der nachfolgenden Generation manifestierte sich zunehmend ein Konflikt zwischen patriotischen Pflichten und dem Wunsch nach künstlerischer Freiheit. Sie griffen weiterhin nationale Themen auf, verließen jedoch die Pfade der klassischen Historienmalerei und etablierten eine neue symbolistische Bildsprache. Vor allem Jacek Malczewski (1854–1929), einer der herausragendsten Künstler seiner Generation, thematisierte die Ambivalenz der künstlerischen Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Vergangenheit, die den Schaffensprozess inspirieren, aber ebenso die Entwicklung neuer Themen und Ausdrucksweisen hemmen konnte.
Im zweiten Kapitel werden die internationalen Beziehungen der polnischen Künstlerinnen und Künstler beleuchtet, die vielfach im Ausland studierten, ausstellten, oder Reisen dorthin unternahmen und in engem Austausch mit Künstlerkreisen in Paris, München, Wien und St. Petersburg standen. In der französischen Hauptstadt kamen sie beispielsweise mit modernen Strömungen wie dem Impressionismus und dem Japonismus in Kontakt, während die Beschäftigung mit der Münchener Kunstszene vor allem in einer verstärkten Rezeption des Realismus, der sogenannten Stimmungslandschaft und der symbolistischen Malerei eines Arnold Böcklin (1827–1901) oder Franz von Stuck (1863–1928) ihren Niederschlag fand. Als äußerst fruchtbar erwiesen sich die neuen Impulse für die in Kapitel 3 präsentierte Landschaftsmalerei, die schon vorher eine besondere Stellung in Polen eingenommen hatte, da der Darstellung des polnischen Landes eine kompensatorische Funktion für den Verlust des Staates zukam. Dabei zeigt sich eine besondere Vorliebe für melancholische Herbst- und Winterszenen sowie für den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. In der absterbenden oder »schlafenden« Natur, die ein Wiedererwachen im Frühling verspricht, klingt der Zustand der Besatzung, aber auch die Hoffnung auf Erneuerung, auf eine zukünftige Unabhängigkeit Polens an. Gleichzeitig dient die Landschaft – wie in den symbolistischen Strömungen anderer europäischer Länder, in denen eine Aufwertung des Individuums und dessen emotionaler Verfassung zu beobachten ist – auch häufig als Spiegel der Seele. Sie ist gleichsam als innere Landschaft des Künstlers zu verstehen, der in den verschiedenen Stadien der Natur seine emotionalen Stimmungen zum Ausdruck bringt.

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstraße 8
80333 München
Abbildungen:
- Jan Matejko
Sta?czyk
1862
Öl auf Leinwand, 88 x 120 cm
Nationalmuseum in Warschau
- Witold Wojtkiewicz
Pflügen
1905
Öl auf Leinwand, 57,7 x 96 cm
Nationalmuseum in Warschau
Museen heute

München Haus der Kunst: Fujiko Nakayas Nebelskulpturen - Erste umfassende Werkschau außerhalb Japans

Fujiko Nakayas Nebelskulpturen:
Erste umfassende Werkschau außerhalb Japans
Ausstellung Haus der Kunst München
Vom 08. April bis 31. Juli 2022
„Nebel lässt sichtbare Dinge unsichtbar werden, während unsichtbare – wie der Wind – sichtbar werden.“ Fujiko Nakaya

Die Künstlerin und Bildhauerin Fujiko Nakaya (*1933 in Sapporo, Japan) wird im Haus der Kunst in München mit der ersten umfassenden Retrospektive außerhalb Japans gewürdigt. Die Ausstellung wird kuratiert vom Künstlerischen Leiter Andrea Lissoni und der Kuratorin Sarah Johanna Theurer und läuft vom 8. April – 31. Juli 2022.

Nakayas Nebelskulpturen sind zu einem Synonym für die Künstlerin geworden. Sie bestehen vollständig aus reinem Wasser und fordern damit traditionelle Vorstellungen von Skulpturen heraus. Je nach Temperatur, Wind und Atmosphäre verändern sie sich in jedem Augenblick, es entstehen temporäre, grenzenlose Skulpturen, die sich physisch mit dem Publikum verbinden. Die ephemeren Nebelskulpturen umhüllen die Betrachter*innen und versetzen sie in eine desorientierende, transzendente Verbindung mit der Umgebung. Früh inspiriert vom aufkeimenden ökologischen Bewusstsein, arbeitet Nakaya seit jeher mit Wasser und Luft – Elementen, die im Zusammenhang mit der Klimakrise mittlerweile besondere Bedeutung erlangt haben.

Bekannt wurde Fujiko Nakaya als Mitglied des von Robert Rauschenberg und Billy Klüver gegründeten Kollektivs Experiments in Arts and Technology (E.A.T.) in den 1970er-Jahren und erlangte mit über 90 Installationen und Performances internationale Bekanntheit für ihre Nebelkunstwerke. Sie hat mit Künstler*innen aus verschiedenen Genres zusammengearbeitet, aus Architektur, Musik, Tanz und Licht, um die vielseitige Natur von Nebel zu verdeutlichen. Von ihren selten gezeigten frühen Gemälden bis hin zu ihren Nebelskulpturen, darunter zwei eigens für das Haus der Kunst geschaffene ortsspezifische Werke, über ihre Einkanalvideos, Installationen und Dokumentationen bietet diese anschaulich erlebbare Ausstellung einen umfassenden Überblick über das Werk einer der führenden Künstlerinnen Japans.
Als eine zentrale Ausstellung der neuen Ausrichtung im Haus der Kunst wird Fujiko Nakayas Arbeit in direkten Bezug zu ihrem sozialen und kulturellen Netzwerk gesetzt. Nakayas besonderer Zugang zu Themen wie Natur, Wissenschaft und Zufall hat das radikale japanische Künstler*innenkollektiv Dumb Type und den deutschen Musiker und Künstler Carsten Nicolai, dessen Arbeit von japanischen Zen-Gärten inspiriert ist, auf unterschiedlichste Weise entscheidend geprägt. Die zeitgleichen Ausstellungen im Haus der Kunst schaffen neue Dialoge, die die drängenden Fragen unserer heutigen Gesellschaft, wie Nachhaltigkeit, Inklusion, Wissenschaft und Natur, in den Vordergrund stellen.

Andrea Lissoni, Künstlerischer Leiter des Haus der Kunst und Kurator der Ausstellung: „In 2022 wird sich unser Programm in Form von Dialogen entfalten. Indem wir bildende Kunst, Performance, Tanz, bewegte Bilder, Musik und diskursive Praktiken zusammenbringen, hoffen wir, die Beziehung des Publikums zur Kunst als immersive, partizipative Erfahrung neu zu definieren.“
Haus der Kunst,
Prinzregentenstraße 1,
80538 München
Abbildungen:

- Fujiko Nakaya, Fog x Flo, Franklin Park, Boston, 2018
Credit: Courtesy of the Emerald Necklace Conservancy, Photo: Melissa Ostrow
- Fujiko Nakaya, Fogscape #03238
Fujiko Nakaya in collaboration with Simon Corder, Durham, 2015
Photo: Simon Corder
Copyright - Simon Corder
Museen heute

München Theatermuseum: DIE LUST AM ANDEREN THEATER – FREIE DARSTELLENDE KÜNSTE IN MÜNCHEN

DIE LUST AM ANDEREN THEATER – FREIE DARSTELLENDE KÜNSTE IN MÜNCHEN

Eine Sonderausstellung des Deutschen Theatermuseums
4. Mai 2022 bis 31. Juli 2022
Frei wollen und wollten sie sein – frei in der Wahl ihrer Themen, ihrer künstlerischen Mittel, ihrer Spielorte und ihrer Lebensweise: freie Kleintheater, Theatergruppen und Solokünstler. In ihren künstlerischen Zielrichtungen teils völlig unterschiedlich, folgen Künstlerinnen und Künstler seit den 1960er Jahren der Lust am anderen Theater, jenseits der hierarchischen Strukturen und Inhalte der etablierten Stadt- und Staatstheater, in Keller- und Kleintheatern oder Wirtshaussälen, ab den 70er Jahren auch in ausgedienten Fabrikhallen und auf Außenschauplätzen.

Neue performative Künste mit Tanz und Musik bilden sich heraus. Wichtige Impulse liefen im Rahmen der Olympiade 1972 eingeladene internationale Künstler und Gruppen, die die sogenannte „Spielstraße“ im Olympiapark gestalten. Mit dem ersten Internationalen Theaterfestival 1977, das vor allem unbekannte internationale Theaterkünstler auch mittelfristig nach München lockt, entwickelt sich die Stadt zunehmend zum Schauplatz künstlerischer Offenheit und Experimentierfreude. Doch bleibt freies Künstlertum aufgrund fehlender finanzieller Absicherung immer auch eine Frage des Überlebens. Umso mehr beeindruckt die schier grenzenlose Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen, die sich im Spannungsfeld von künstlerischer Selbstbehauptung und Existenzkampf bis heute entwickelt haben.

Deutsches Theatermuseum,
Galeriestr. 4a (Hofgartenarkaden),
80539 München

Abbildung:
- pathos transport 199
Fälschung wie sie ist, unverfälscht, Sylvia Panter
Foto (c) Volker Derlath
Museen heute

München Haus der Kunst: Dumb Type

Dumb Type:
Ortsspezifische Ausstellung des japanischen Kunstkollektivs
Am 5. Mai 22 eröffnet im Haus der Kunst eine neue ortsspezifische Ausstellung des japanischen Künstler*innen-Kollektivs Dumb Type. Das 1984 in Kyoto gegründete Kollektiv kritisiert in den vielfältigen Performances mit Hilfe von Cyberpunk-Bildern eine hochgradig „informatisierte“ Konsumgesellschaft, die gleichzeitig durch die unaufhörliche Datenflut und technologische Entwicklung passiv oder stumm gemacht wird. Das „dumb“ in Dumb Type spielt daher auf die doppelte Bedeutung des Wortes im Englischen an: sowohl dumm als auch sprachlos.

Drei eigens konzipierte Installationen stehen im Mittelpunkt der Ausstellung in der Südgalerie des Haus der Kunst, die sich kritisch damit auseinandersetzt, wie digitale Medien und Technologien heute einen prägenden und unwiderruflichen Teil der Lebenserfahrung darstellen. Die Ausstellung umfasst eine monumentale multimediale Neuinterpretation mehrerer vergangener Performances, zusammen mit einer opernhaften Klangskulptur, die Ryuichi Sakamoto eigens für das Haus der Kunst geschaffen hat, und zwingt die Betrachter*innen zu sich abwechselnden Handlungen des aufmerksamen Zuhörens, Lesens und Schauens. Auf diese Weise erinnert die Präsentation an den Zustand der Liminalität ("ma" auf Japanisch). Er ist für viele Kunstpraxen, die die Auswirkungen der digitalen Technologie und des menschlichen Bewusstseins befragen, von zentraler Bedeutung. Ein Zustand der Trägheit oder des Nichts, der sich hauptsächlich aus einem Übermaß an Bedeutung ergibt.

Im Vordergrund der weitreichenden Praxis des japanischen Kunstkollektivs steht die ständige Auseinandersetzung mit der Schnittstelle von technischem Fortschritt und menschlichem Körper. Dumb Type setzt sich aus Künstler*innen zusammen, die in verschiedenen Bereichen wie bildende Kunst, Video, Computerprogrammierung, Musik und Tanz arbeiten. Ihre kreative Praxis basiert auf einer flachen, fließenden, nicht-hierarchischen Zusammenarbeit und setzt sich mit Themen wie Geschlecht, ethnischer Herkunft, Leben und Tod, Erinnerung und Informationsgesellschaft kritisch auseinander.

Dumb Types Zugang zu Themen wie Performativität, Zufall und den starken Einfluss von Technologie auf unser menschliches Dasein wurde entscheidend von der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya geprägt, was im Laufe der Jahre zu etlichen Zusammenarbeiten geführt hat. Die visionären Performances und Installationen von Dumb Type, die sich auf die Tradition von Kollektiven wie Jikken K?b? (1951–57), Gutai (1955–72) und Hi-Red Center (1963–64) sowie auf die sozial konfrontative Politik der Angura-„Little Theatre“-Bewegung und Publikationen wie Provoke (1967–68) stützen, standen an vorderster Front der Debatten über Identitäts- und Sexualpolitik in Japan sowie der damit einhergehenden HIV/AIDS-Krise, die 1995 auf tragische Weise das Leben eines ihrer Gründer, Teiji Furuhashi, forderte.

Dumb Type
6. Mai – 11. September 2022
Kuratiert von Damian Lentini mit Luisa Seipp
Mit großzügiger Unterstützung der Ulli und Uwe Kai-Stiftung
Haus der Kunst,
Prinzregentenstrasse 1,
80538 Munich, Germany
Abbildungen:

- Dumb Type
S/N
Photo: Kazuo Fukunaga
- Dumb Type
memorandum
Photo: Kazuo Fukunaga

Museen heute

München Literaturhaus: NIKOLAUS HEIDELBACH: ORIGINALE

NIKOLAUS HEIDELBACH: ORIGINALE
Ausstellung vom 19. Mai bis 31. Juli 2022Literaturhaus München

    "Nikolaus Heidelbach ist ein großer Manipulator […] ein ausgefuchster Menschenkenner."
    Michael Köhlmeier


Augen, Münder und Frisuren, haarige Tatzen und zarte Schleier, Meeresgetier und Fabelwesen, weite grüne Horizonte und biedermeierliche Interieurs: In der Welt des Künstlers Nikolaus Heidelbach lauern beunruhigende Details allüberall, hinter Sofas, Kommoden und Tapeten, in Urwäldern und auf dem Grund der Ozeane.

Mit rund 100 Buchpublikationen seit vier Jahrzehnten gehört Nikolaus Heidelbach zu den prägenden Illustratoren der Gegenwart. Erstmals zeigt er in München seine Anfänge als Bücherfetischist und eine Auswahl von Originalblättern seiner Werke von 2002 bis 2022: darunter preisgekrönte Bilder-Bücher und Illustrationen zu Märchen von Hans Christian Andersen und von Michael Köhlmeier – voller Sinnlichkeit, Detailfreude und markantem Humor. Seine farbsatten Aquarelle von altmeisterlicher Präzision entfalten im Original ihre besondere Leuchtkraft.

Nikolaus Heidelbach ist einer der großen Buchkünstler der Gegenwart, Schöpfer preisgekrönter Bilderbücher und ikonischer Buchcover und Illustrator u.a. von Michael Köhlmeiers »Märchen« (Hanser Verlag). Nun stellt Heidelbach Originale aus den letzten 20 Jahren seines künstlerischen Schaffens aus – erstmals in München. Zu sehen sind prachtvoll-hintergründige Märchenbilder, eigentümliche Fabelwesen und Stillleben, die so still nicht sind – Vexierbilder aus menschlichen Wünschen, Ängsten und Gelüsten. Eine Ausstellung für alle, die den Blick hinter den Spiegel wagen, für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.
"Die Freiheit, sich ohne Vorbehalte faszinieren zu lassen, verunsichert Erwachsene, während sie Kindern ganz selbstverständlich ist."
NIKOLAUS HEIDELBACH
LITERATURHAUS
Salvatorplatz 1,
80333 München

Abbildung:
"Die Schöne und das Tier", in „Märchen aus aller Welt“ (Beltz & Gelberg 2010)
Aus: »Märchen aus aller Welt«
© Beltz & Gelberg 2010
Museen heute

Franz Marc Museum Kochel: KARIN KNEFFEL. IM BILD

KARIN KNEFFEL. IM BILD
Franz Marc Museum KochelAusstellung vom 29. Mai bis 10. Oktober 2022


Karin Kneffel (*1957), Meisterschülern Gerhard Richters an der Kunstakademie Düsseldorf, beschäftigt sich seit über zehn Jahren in einer Serie von Gemälden und Aquarellen mit den Krefelder Villen Haus Lange und Haus Esters, die von Ludwig Mies van der Rohe Ende der zwanziger Jahre gebaut wurden. Karin Kneffel verfolgte den Weg der Gemälde und Skulpturen er bedeutenden Kunstsammlung von Hermann Lange bis in die Museen, in denen sich diese Werke heute meist befinden. Dabei werden die Situationen auf ihren Bildern verunklart: Heute oder früher? Realität oder Fiktion?  – wird der irritierte Betrachter sich fragen, dessen Blick in unbekannte Räume durch beschlagene oder mit Regentropfen überzogene Scheiben gebrochen wird.Der durch die illusionistische Malerei Kneffels hervorgerufene Trompe l´Oeil -Effekt zieht eine Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er macht bewusst, dass die Werke der Sammlung Lange neben ihrer heutigen strahlenden Präsenz im Museum eine Geschichte haben, die auf den Gemälden abzulesen ist. Zum Bespiel gelangten August Mackes Große Promenade oder Wassily Kandinskys Improvisation 21 aus der privaten Villa Herrmann Langes in verschiedene museale Räume bis sie im Franz Marc Museum vorläufig „ankamen.
Neben über dreißig Gemälden von Karin Kneffel zeigt die Ausstellung Werke der klassischen Moderne, Bilder von Kokoschka, Kandinsky, Macke und Kirchner, die man in den Gemälden Kneffels wiederentdeckt.

Neben über dreißig Gemälden Karin Kneffels zeigt die Ausstellung Werke der klassischen Moderne, Bilder von Kokoschka, Kandinsky, Macke und Kirchner, die man in den Gemälden Kneffels wiederentdeckt. So entsteht ein Dialog zwischen ihren Bildern und den vor mehr als 100 Jahren entstandenen Werken der deutschen Avantgarde, ein Wechselspiel, das vom Betrachter nachvollzogen wird.
Karin Kneffel (*1957), Meisterschülern Gerhard Richters an der Kunstakademie Düsseldorf, beschäftigt sich seit über zehn Jahren in einer Serie von Gemälden und Aquarellen mit den Krefelder Villen Haus Lange und Haus Esters, die von Ludwig Mies van der Rohe Ende der zwanziger Jahre gebaut wurden. Die Künstlerin ging von zeitgenössischen Fotografien der Innenräume aus, auf denen Werke der bedeutenden Kunstsammlung von Hermann Lange zu sehen sind. Karin Kneffel verfolgte den Weg seiner Gemälde und Skulpturen bis in die Museen, in denen sich diese Werke heute meist befinden. Dabei werden die Situationen auf ihren Bildern verunklart: Heute oder früher? Realität oder Fiktion?  - wird der irritierte Betrachter sich fragen, dessen Blick in unbekannte Räume durch beschlagene oder mit Regentropfen überzogene Scheiben gebrochen wird.

Dieser durch die illusionistische Malerei Kneffels hervorgerufene Trompe l´Oeil -Effekt zieht eine Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er macht bewusst, dass die Werke der Sammlung Lange neben ihrer heutigen strahlenden Präsenz im Museum eine Geschichte haben, die auf den Gemälden Karin Kneffels abzulesen ist. August Mackes Große Promenade oder Wassily Kandinskys Improvisation 21 gelangten aus der privaten Villa Herrmann Langes in verschiedene museale Räume bis sie im Franz Marc Museum vorläufig „ankamen“. Neben den Gemälden Karin Kneffels, die ihre Vergangenheit spiegeln, verändert sich unser Blick auf diese Bilder.
Franz Marc Museum
Mittenwalder Str. 50,
82431 Kochel am See

Abbildung:Karin Kneffel, Ohne Titel, 2016/06 Sammlung Timm Moll,
Foto: Karin Kneffel, © VG Bildkunst 2022
Museen heute

Haus der Kunst München: Carsten Nicolai: transmitter / receiver ? the machine and the gardener

Carsten Nicolai:
transmitter / receiver ? the machine and the gardener

Ausstelung im Haus der Kunst Münchenvom 03. Juni bis 17. Juli 2022
Der in Berlin lebende Künstler Carsten Nicolai (*1965 in Karl-Marx-Stadt) möchte in seinen Medieninstallationen unsichtbare Phänomene erfahrbar machen und vereint dazu die Disziplinen Musik, Kunst und Wissenschaft. Er beschäftigt sich mit mathematischen Modellen wie Raster und Codes, Fehlfunktionen und autonomen Strukturen und nutzt mit seiner Hingabe zum Reduktionismus elektronische Musik, um eigene Zeichensysteme, Klanglehren und visuelle Symbole zu entwickeln.

Die ortsspezifische Installation transmitter / receiver – the machine and the gardener (2022) am Haus der Kunst ist eine multi-sensorische Arbeit, die von Zen Gärten inspiriert wurde. Diese stellen das Universum in Miniaturform dar und laden Gärtner*innen ein, abstrakte Ausdrucksformen in der Natur zu beobachten. In der Arbeit wird zusammen mit einem sich ständig verändernden Lichthorizont der Klang kosmischen Rauschens erfahrbar gemacht. Ein skulpturales Instrument („machine“) wird von Geigerzählern gesteuert und stößt einen elektrischen Impuls aus, sobald ein kosmisches radioaktives Teilchen festgestellt wird. Dieser Impuls reguliert das hörbare kosmische Rauschen, das separat auf dem Dach des Haus der Kunst von einer Antenne empfangen wird. Ein Lichthorizont wird wiederum sowohl durch die zufällige Begegnung radioaktiver Partikel verändert, als auch durch die Zeit innerhalb der aktuellen Mondphase. Dadurch entsteht eine Komposition, die gänzlich von der Zufälligkeit kosmischer Teilchen gesteuert wird. Die hypnotisierende Arbeit lädt Besucher*innen ein zur Kontemplation in einem Raum voller willkürlicher Frequenzen und Intensitäten. Als Referenz des lateinischen Worts „curare“ – sich kümmern – wird ein Mitglied des kuratorischen Teams als „Gärtner*in“ in der Installation ritualisierte Handlungen der Pflege durchführen und die physischen Elemente der Installation subtil neu arrangieren.

Im Dialog mit Fujiko Nakayas Nebelskulpturen, in denen zerstäubtes Wasser die Atmosphäre sichtbar macht, zoomt Nicolais Installation an die kleinsten Teilchen heran, um das Universum darzustellen und seine willkürliche Anordnung kosmischer Ereignisse zu präsentieren. Nicolai und Nakaya trafen sich in den späten 1990iger Jahren durch Shiro Takatani, einem der Gründer des japanischen Künstler*innenkollektivs Dumb Type. Zu Nicolais vielseitigen musikalischen Projekten zählen zudem Kollaborationen mit Ryuichi Sakamoto und Ryoji Ikeda, die ebenfalls dem Kollektiv angehören.

Carsten Nicolai.
transmitter / receiver ? the machine and the gardener, 2022
3. Juni ? 17. Juli 2022
Multimediale Rauminstallation
Kuratiert von Sarah Johanna Theurer mit Hanns Lennart Wiesner
Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, 80538 München
Haus der Kunst München,
Prinzregentenstraße 1,
80538 München


Abbildung:Carsten Nicolai
unidisplay, 2012
real-time projection, large-scale screen, mirror walls, bench with loudspeakers
dimensions variable
Exhibition Views, Museum für Modern Kunst Frankfurt am Main (MMK)
Photos: Axel Schneider
courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin and Pace Gallery
VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Museen heute

Haus der Kunst München: Tony Cokes. Fragments, or just Moments

Tony Cokes.
Fragments, or just Moments

Museum Haus der Kunst München
Ausstellung vom 10. Juni bis 23. Oktober 2022
„Fragments, or just Moments“ ist die erste institutionelle Einzelausstellung des US-amerikanischen Künstlers Tony Cokes (*1956 Richmond, Virginia, USA) in Deutschland und bildet zugleich die erste umfassende Zusammenarbeit des Haus der Kunst mit dem Kunstverein München.

„In diesem Jahr entfaltet sich das Programm im Haus der Kunst in Form von Dialogen. Dieser Austausch kann auch zwischen Institutionen stattfinden, und die Ausstellung mit Tony Cokes markiert die erste umfassende Zusammenarbeit zwischen dem Haus der Kunst und dem Kunstverein München“, so Andrea Lissoni, künstlerischer Direktor des Haus der Kunst. „Ausgehend von beiden Häusern und Archiven setzt Cokes‘ Auftragsarbeit „Some Munich Moments, 1937–1972“ das Engagement des Haus der Kunst fort, unsere Geschichte neu zu bewerten und die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Geschichte die Gegenwart definiert und gestaltet.“

Ausgehend von der historischen Verbindung zwischen den beiden in unmittelbarer Nähe gelegenen Ausstellungsorten präsentiert Tony Cokes die neue Werkreihe „Some Munich Moments 1937–1972“, die sowohl die Institutionen als auch den dazwischen liegenden öffentlichen Raum umfasst. Das audio-visuelle Werk untersucht auf Grundlage von Archivmaterial die eng miteinander verwobene Geschichte der beiden Orte während der NS-Zeit und darüber hinaus. „Some Munich Moments 1937–1972“ setzt die kulturellen Propagandastrategien des NS-Regimes in Beziehung zur visuellen Identität der Olympischen Spiele 1972 in München, die in direkter Opposition als „antifaschistisch“ und „weltoffen“ kodiert wurden.

Seit den frühen 1990er Jahren untersucht Tony Cokes in seinem Werk den Einfluss von Medien und Popkultur auf Gesellschaften. Ausgehend von einer grundsätzlichen Kritik an der Darstellung und visuellen Ausbeutung afroamerikanischer Gemeinschaften in Film, Fernsehen, Werbung und Musikvideos hat Cokes eine einzigartige Form des Videoessays entwickelt, die repräsentative Bilder ablehnt. Seine schnell geschnittenen Videos kombinieren gefundene Textfragmente mit Popmusik, die aus diversen kulturellen Quellen und Zeiten stammt. Durch die Kombination von Wort und Gesang verändert Cokes konventionelle Wahrnehmungsformen und ermöglicht ein verändertes Nachdenken über strukturellen Rassismus, Kapitalismus, Kriegsführung und Gentrifizierung. Er verwandelt so den Akt des Lesens und Hörens in eine körperliche und gemeinschaftliche Erfahrung.

„I’m interested in the resonances, the re-habitualizations, and the echoes of that historical moment in the contemporary.“ Tony Cokes

Mit „Fragments, or just Moments“ präsentiert das Haus der Kunst eine Überblicksausstellung, die ausgewählte audiovisuelle Werke aus Tony Cokes' drei Jahrzehnte umspannendem Œuvre zusammenführt. Situiert in der historisch verdichteten LSK-Galerie, dem ehemaligen Luftschutzkeller des Museums, skizziert die Ausstellung eine fragmentierte Chronologie des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich von der Mitte der 1930er Jahre bis in die Gegenwart erstreckt. Die episodische Struktur entlang historischer Ereignisse entfaltet sich weniger als lineare Abfolge, sondern zeigt vielmehr die Verflechtungen und Verschiebungen der soziopolitischen Realitäten aus verschiedenen Zeiten auf, die unser kollektives Gedächtnis formen. Cokes thematisiert dabei die Rolle von Bild und Klang für ideologische Manipulation, Ausbeutung und Kriegsführung innerhalb eines kapitalistischen Systems, das grundlegend auf rassistischem Denken beruht. Die Ausstellung zeigt Cokes' Interesse an den Verbindungen historischer Momente sowohl untereinander als auch mit der Vergangenheit und ihrer Resonanz in unserer Gegenwart, und legt die Kontinuitäten struktureller Unterdrückung und sozialer Ungleichheit über Zeiten und Orte hinweg frei.

Die neue Werkreihe „Some Munich Moments 1937–1972“ wird sowohl im Haus der Kunst, im Kunstverein München als auch im öffentlichen Raum zu erleben sein. In der Fußgängerunterführung am Südende des Englischen Gartens und am Zaun der amerikanischen Botschaft werden Text und Tonauszüge der audiovisuellen Werke präsentiert.

Anlässlich der Ausstellung erscheint eine umfassende Publikation bei DISTANZ, die die neu produzierten Textcollagen von Tony Cokes in deutscher sowie englischer Sprache zugänglich macht und die Videoessays in Form von Stills in das Format des Buches überträgt. Durch Essays der Theoretiker*innen Tina Campt und Tom Holert, Autor und Leiter des Harun Farocki Instituts, wird „Some Munich Moments 1937–1972“ aus transnational-historischen als auch medientheoretischen Perspektiven beleuchtet. Diesen Beiträgen vorangestellt ist eine Einführung in das kollaborative Ausstellungsprojekt von Emma Enderby und Elena Setzer (Haus der Kunst) sowie Maurin Dietrich, Gloria Hasnay und Gina Merz (Kunstverein München).

Als Teil des öffentlichen Programms der Ausstellung werden in Zusammenarbeit mit dem NS-Dokumentationszentrum und dem Kurator Wolfgang Brauneis Stadtführungen angeboten, die die Kontinuitäten zwischen der Kunst des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit untersuchen. Ausgehend von Skulpturen im Münchner Stadtraum werden die Nachkriegskarrieren renommierter Künstler der NS-Zeit – die innerhalb des Regimes als „gottesbegnadet“ ausgezeichnet wurden – in den Blick genommen. Darüber hinaus wird Noah Barker Anfang September einen Vortrag im Rahmen der Ausstellung im Kunstverein München halten, der sich insbesondere mit den Designvorstellungen des Gestalters Otl Aicher für die Olympischen Spiele 1972 beschäftigen wird.

Haus der Kunst,
Prinzregentenstr. 1,
80538 München
Abbildung:
Tony Cokes
4 Voices / 4 Weeks
Circa, London 2021
Courtesy the artist, Greene Naftali, New York, Hannah Hoffman, Los Angeles, and Electronic Arts Intermix, New York
Photo: Melanie Issaka
Echo
Mittwoch, 29.06.2022

Fürstenfeld: tanzmainz „Promise“ - Rauschhaft

Fürstenfeld. Ein Erkennungsmerkmal in den Choreographien von Sharon Eyal ist, dass sie weniger mit weiten, raumgreifenden Figuren, ausholenden Gesten und pathetischer Dynamik arbeitet. Sie beschränkt sich derzeit mehr auf reduzierte Bewegungsmuster, auf kleine, sich ständig wiederholende und nur ganz leicht variierende Abläufe. Der Reiz ihrer Darstellungen liegt im Detail, in...
Echo
Sonntag, 26.06.2022

Landsberg: Eckart Runge & Jacques Ammon – Revolutionäre im Konzert

Landsberg. Mittlerweile stellt sich die Frage, ob es denn musikalische Herausforderungen gibt, denen die beiden nicht gewachsen sind? Wahrscheinlich ja, aber letztendlich schwer vorstellbar. Eckart Runge und Jacques Ammon waren, nach fast fünf Jahren, wiederholt zu Gast im altehrwürdigen Rathaussaal zu Landsberg. Im Grunde war dieses Konzert anlässlich...
Abzug
Sonntag, 26.06.2022

Ein- und Ausblicke 2

Martin Gebhardt, München
Ein- und Ausblicke 2
2020...
Musik
Freitag, 24.06.2022

Florian Hoefner Trio „Desert Bloom“

St. John liegt zwar nicht am Ende der Welt. Aber es scheint, sieht man sich die Karte genauer an, dass die Provinzhauptstadt der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador eben nicht unbedingt im Zentrum der Zivilisation liegt. Immerhin noch ausreichend, um während der Pandemiezeit in dieser idyllischen, 110.000 Einwohner zählenden Hafenstadt fast zwei Jahre festzustecken, wie Florian Hoefner....
Echo
Mittwoch, 22.06.2022

Fürstenfeld: Hessisches Staatsballett - Unterschiedliche choreographische Handschriften

Fürstenfeld. Dass das Tanzen eine Welt für sich ist, in der wiederum ganz eigene, individuell abgesteckte Ausdrucksformen existieren, Kenner sprechen hier von unterschiedlichen choreographischen Handschriften, wurde am Dienstag in Fürstenfeld besonders deutlich. Im Rahmen des DanceFirst-Festivals präsentierte das Hessische Staatsballett die Stücke „Timeless“...
Film
Mittwoch, 22.06.2022

TICS – MIT TOURETTE NACH LAPPLAND

Daniel, Marika und Leo wollen ihr Tourette erforschen. Regisseur Thomas Oswald begleitet die Drei in seinem Dokumentarfilm „Tics – Mit Tourette nach Lappland“ auf ihrer Suche nach neuen Behandlungsformen und einem Ort, an dem sie einfach sie selbst sein dürfen. Auf Anraten des Neurologen Prof. Dr. Alexander Mu?nchau reisen Daniel, Marika und Leo zunächst zu verschiedenen Forschungszentren...
Interview
Montag, 20.06.2022

Hannes Ringelstetter - „Alles was keinen Dreck macht, ohne dabei clean zu sein.“

Hannes Ringelstetter ist mittlerweile so etwas wie eine Institution – nicht nur in Bayern. An dem Straubinger Kabarettisten, Komiker, Musiker, Schauspieler, TV-Moderator und Buchautor kommt man nicht vorbei, wenn es um Kultur geht. Was er tut, macht er mit spürbarer Leidenschaft und Freude. Ob es sich um Auftritte in Fernsehserien handelt („Hubert ohne Staller“, „Rosenheim-Cops“)...
© 2022 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.