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Donnerstag 12.02.2026
Cees Nooteboom (geb. 31. Juli 1933 in Den Haag, gest. 11. Februar 2026 auf Menorca
Cees Noteboom
„Reisen zu Hieronymus Bosch – Eine düstere Vorahnung“
Schirmer/Mosel
Dies ist ein Buch der Reflexion. Es erinnert an einen der visionärsten und rätselhaftesten Maler der Menschheit – an Hieronymus Bosch, der vor 500 Jahren starb. Es erinnert aber auch an den großen Schriftsteller Cees Nooteboom, der einst „als Verfasser tiefgründiger Reiseliteratur“ (FAZ) bekannt wurde und später mit seinen Romanen die Rolle des intellektuell kommentierenden Gewissens nicht nur in den Niederlanden einnahm. Im Text selbst erinnert sich wiederum der Holländer Nooteboom an den Holländer Bosch und er nennt dieses Besinnen „Eine düstere Vorahnung“.
Nooteboom reist 60 Jahre nach seiner ersten Begegnung mit den Werken Boschs im Auftrag des Prado nach Lissabon, Gent, Rotterdam, Madrid und s´-Hertogenbosch, um in den jeweiligen Museen seine Erinnerungen aufzufrischen, sie abzustimmen, sie einer Art Vergleich zu unterziehen. Der Autor wäre zu Unrecht ein kritischer Geist, wenn er sich nicht zu Beginn seines Unternehmens mit der Erinnerung im allgemeinen und, wie im vorliegenden Fall, im speziellen auseinandergesetzt hätte. Deshalb bezieht er sich auf den französischen Philosophen, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes, der, zusammengefasst, einmal sagte, dass sich eine Erinnerung nie getreu wiedergeben lasse. Zuviel an persönlichen Veränderungen und Entwicklungen, an gesellschaftlichen Extravaganzen, an Moden und anderen Zeitgeistphänomenen sorgen für eine stete Modifizierung des Erinnerns.
Trotzdem kommt Nooteboom aber bei der Betrachtung der heute noch zugänglichen Arbeiten des Malers, es sind nur etwa 45 seiner Werke erhalten, zu einem ähnlichen Schluss, wie vor Jahrzehnten. Es ist ein faszinierendes Schaudern, das Noteboom beim Betrachten ergreift, das in der Feststellung gipfelt: „Boschs Werk gibt mir mehr Rätsel mit, als ich nachts in meinen Träumen bewältigen kann“. Dabei rückt die anfängliche Frage, was ein Schriftsteller aus dem 21. Jahrhundert mit einem Maler aus der Zeit um 1500 gemein habe, in den Hintergrund.
Dieses Buch ist ein Bosch-Reiseführer, der viele Rätsel des Malers detailliert benennt (und abbildet!), sie aber nicht löst. Ja, nicht lösen will. Denn das eigentlich Aufregende im Leben sind doch im Grunde die ungelüfteten Geheimnisse.
Jörg Konrad
(KultKomplott April 2016)
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Donnerstag 12.02.2026
Christoph Stiefel (geb. 29. Juli 1961 Zürich, gest. 21. Januar 2026 Zürich)
Christoph Stiefel Inner Language Trio in Germering
Die Art von Jazz, die Christoph Stiefel mit seinem Inner Language Trio schon seit Jahren spielt, ist für ihn ein künstlerisches Bekenntnis zwischen „Präzision und Entfesselung“. Seine Musik sei, sagt er, auf diese Weise sowohl abstrakt als auch sinnlich. Und einen Großteil dieser Sinnlichkeit wiederum vermittelt seine Formation über eine rhythmisch komplexe Spielweise, die wie ein Geysir pulsiert und wie ein Organismus atmet. Doch erst die Ganzheitlichkeit dessen, was Pianist Stiefel, Bassist Arne Huber und Schlagzeuger Kevin Chesham miteinander treiben, zeigt die wahre künstlerische Größe und Faszination.
Am letzten Freitag eröffnete das Schweizer Trio im Amadeussaal der Germeringer Stadthalle die 9. Saison der Reihe Jazz It. Zwei Stunden energiegeladener Jazz in einer Besetzung, von der immer wieder behauptet wird, ihr Potenzial sei ausgereizt. Von wegen. Zwei Stunden packendes, mitreißendes Kommunizieren, spannendes Improvisieren, lustvolles Musizieren. Grundlage dieser flüssigen Expeditionen zwischen allen stilistischen Grenzen sind Stiefels Kompositionen. Sie klingen wie erfrischende, von vielschichtigen Rhythmen unterlegte positive Befindlichkeiten. Ein wenig Bop, ein wenig Minimal, ein wenig Rock. In der theoretischen Zusammensetzung sicher nicht ganz einfach zu erfassen, wenn der Pianist dann auch noch erklärt, dass Tonmuster aus der Renaissance auch noch Einzug halten. Aber in der Praxis klingt diese Musik frisch und unverbraucht, modern und auch sympathisch. Sie lebt auf der Bühne von einer großartigen Virtuosität und einer ständig sich erneuernden und sich in Bewegung befindlichen Dynamik. Stiefel selbst fast einen Großteil dieser kompositorischen Herangehensweise unter dem Begriff Isorhythm zusammen. Es geht dabei um die Wiederholung verschiedener rhythmischer Sequenzen, die parallele rhythmische Ebenen entstehen lassen, auf denen musiziert wird.
Ein nicht leicht umzusetzender Prozess, bei dem von den Instrumentalisten ein Höchstmaß an Konzentration und spieltechnischer Fähigkeit verlangt wird. Mit dem aus Biel stammenden Kevin Chesham hatte Stiefel einen hochgradig agilen, mit schier unerschöpflicher Energie trommelnden Schlagzeuger an der Seite. Chesham wurde nicht müde, die vertrackten Muster und ungeraden Metren zu bearbeiten, aufzulösen und sie letztendlich in einer flüssigen Struktur zu präsentieren. Unerschrocken, ja äußerlich fast unbeeindruckt von dieser schweißtreibenden Fleißarbeit grundierte Arne Huber am Bass den gesamten Set. Ein Fels in der Brandung überbordener Rhythmusschnipsel, dessen klare wie sparsame Bassthesen der Musik etwas Raum und Luft gaben. Und zwischen allen rhythmischen, harmonischen, melodischen Strukturen ließ Christoph Stiefel einen Kosmos an pianistischen Fertigkeiten aufblitzen. Manchmal roh abstrakt, manchmal wunderschön harmonisch. Diese Musik bedeutete auch für den Hörer ein Höchstmaß an assoziativer Freiheit. Sich entweder mit innerer Freude auf die Musik zu konzentrieren, oder sich gedanklich ganz individuell in ferne Welten zu begeben. Auch dafür gab es Zugaben.
Jörg Konrad
(SZ/FFB Januar 2013)
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Montag 09.02.2026
Neue Bühne Bruck: Stolz und Vorurteil*(*oder so) - Klassik und Karaoke
Fotos: Klaus Schraeder
Neue Bühne Bruck: Stolz und Vorurteil*(*oder so) - Klassik und Karaoke
Das Publikum feiert in der Neuen Bühne Bruck die Neuinszenierung von „Stolz und Vorurteil*(*oder so)
Party-Stimmung an der Neuen Bühne Bruck: Aus dem altehrwürdigen Klassiker „Stolz und Vorurteil“ zaubern fünf Frauen eine schmissige Persiflage auf den Jane-Austen-Roman. Rasante Szenenwechsel im Sekundentakt, beliebte Songs aus den Charts der vergangenen Jahre und turbulente Liebesdramoletten sorgen für begeisterte Stimmung bei der Premiere. Nach gut zweieinhalb Stunden verstummt die Karaoke-Box, die Liebe siegt, und der Neuen Bühne Bruch glückt ein Publikumserfolg.
Ein gutes Mittel gegen möglicherweise grassierende Winterdepressionen bietet seit Freitag die Neue Bühne Bruck. Erzählt wird die Geschichte „Stolz und Vorurteil*(*oder so)“ von Isobel McArthur, eine schmissige Bearbeitung des Romans von Jane-Austen, die in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag feiert. Im Mittelpunkt stehen freilich nicht die Schwestern Bennet, die auf einen Freier warten, um ihr Erbe zu sichern, sondern die fünf Dienstmädchen, die den Haushalt der Bennets schmeißen. Fünf Ladies, fünf Zimmermädchen, einige Freier und etliche Freunde des Hauses Bennet – das ergibt 17 Rollen, in die die brillante Frauen-Crew der Neuen Bühne Bruck schlüpft.
Dieser Rollenwechsel geschieht im Sekundentakt – das Tempo ist beeindruckend, macht Spaß, sorgt durch eingestreute Karaoke-Songs für Begeisterung. Das Ensemble singt, spielt, tanzt unter der Regie von Barbara Lackermeier mit großer Hinhabe, Witz und Elan. Für die Musik sorgt Andreas Harwath, dessen Karaoke-Auswahl vielleicht zu üppig ausfällt - weniger (vor allem nach der Pause) wäre mehr gewesen. Zu feiern gibt es bei dieser Neuinszenierung aber vor allem die fünf herumwirbelnden Frauen. Es sind Sabine Ostermeier, Anne Distler, Kerstin Henning, Christina Schmiedel und Silvie Stollenwerk.
Sie alle haben ihre Kabinettstückchen, etwa Sabine Ostermeier als nervige Mutter der Bennet-Schwestern und als herrischer Fitzwilliam Darcy, der – endlich ohne Vorurteile – zur stolzen Elisabeth Bennet (Silvie Stollenwerk) findet. Anne Distler mimt unter anderem den reichen Mister Bingley, Kerstin Henning persifliert den gnomhaften Geistlichen Mister Collins. Ein Höhepunkt an perfekter Albernheit: der Ritt bei Sturm und Regen von Clara alias Christina Schmiedel auf einem zusammengebastelten Gaul – saukomisch.
Die Neue Bühne Bruck reiht sich mit dieser Produktion in einen regelrechten Hipe ein – in ganz Deutschland wird an kleinen Theaterhäusern „Stolz und Vorurteilt“ in der McArthur-Fassung aufgeführt. Dabei hatte die Persiflage auf den Austen-Roman schon im September 2020 am Wiener Burgtheater Premiere. Gut fünf Jahre hat es also gedauert, bis das Stück auch in Bruck zu sehen ist. Das Warten hat sich gelohnt.
Ina Kuegler
PS. Die nächsten Aufführungen sind am 21., 22. und 28. Februar sowie am 1.und 6. März zu sehen. Das Stück steht bis Ende April auf dem Spielplan.
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Freitag 06.02.2026
Germering: Guadagnini Klaviertrio - Hohe Eindringlichkeit des romantischen Klangs
Foto: Ulrike Lukasczyk
Germering. Ein spannendes Programm und ein wunderbarer Abend – so könnte man das Konzert der Klassik-Konzertreihe mit dem Guadagnini Klaviertrio im Orlandosaal der Stadthalle zusammenfassen. Das Ensemble besteht aus Alina Armonas-Tambrea (Violine), Edvardas Armonas (Violoncello) und Yannick Van de Velde (Klavier). Die Zeit um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, das künstlerisch hoch attraktive Fin de Siècle, wurde mit eher selten zu hörenden Werken von Gabriel Fauré, Claude Debussy und Camille Saint-Saens ins Blickfeld dieses gut besuchten Konzerts gerückt.
Mit dem einzigen und zugleich spät entstandenen Klaviertrio in d-Moll op. 120 von Gabriel Fauré wurde der Abend eröffnet. In sehr organischem Tempo lebte der Eingangssatz (Allegro ma non troppo) von den ganz weichen, abwechselnd vorgetragenen Kantilenen, die gleichzeitig aber ungeheure Intensität hatten. Hell und licht erreichte der Klang die Zuhörer, der aus einer Art träumerischem Fundament und zeitweise hervortretenden solistischen Partien bestand. Die erweiterte Tonalität im Mittelsatz (Andantino) hatte große Spannkraft, wobei die schlichte Melodieführung mit der zurückhaltenden Begleitung dynamisch eher im unteren Berich angesiedelt war. Spukhaft beschloss ein Allegro vivo das Werk, das von expressiven Kantilenen angeführt wurde. Butterweich in der Ansprache, aber doch mit Biss, etablierte sich hier ein vom Ambitus eher in der Mitte angesiedelter klanglicher Verlauf.
Das Klaviertrio in G-Dur von Claude Debussy erklang als nächstes. Im Erzählgestus begann der Kopfsatz (Andantino con moto allegro), indem sich die drei Instrumente nacheinander mit Melodiepassagen vorstellten. Diese vereinten sich sodann zu einem fast hymnisch anmutenden Klangbild, das quasi auf einem Luftbett zu schweben schien und so paradiesisch anmutete. Raffinesse hatte das Intermezzo durch die Kombination aus gebundenen und gezupften Tönen. Pulsierend und mit größerer dynamischer Öffnung, aber nicht überschäumend, beendete der Finalsatz (Appassionato) das Trio.
Nach der Pause stand das 1892 entstandene Klaviertrio Nr. 2 in e-Moll op. 92 von Camille Saint-Saens auf dem Programm. Das einleitende Allegro versetzte die Zuhörer in eine Art Klangrausch aus elegischen Melodiebögen der Streicher und reich arpeggierter, virtuoser Harmonisierung durch das Klavier. Die große Noblesse der Wiedergabe hatte einen wesentlichen Grund in der perfekt abgestimmten Balance der drei Partner, die zu einer klanglichen Einheit verschweißten. Volksliedhaft schlicht und mit einer Prise tänzerischem Charakter überraschte das Gracioso, während das Final-Allegro auf imitatorische Techniken aus der Barockzeit zurückgriff. Eine ausgedehnte Schlussstretta beschloss im Unisono das Programm des Abends.
Wollte man die Maximen der Interpretation des Guadagnini Trio beschreiben, dann wären Spannung statt Kraft, Intensität statt Lautstärke und Sensibilität statt oberflächlicher Effekte zu nennen. Das Publikum genoss den Abend hochkonzentriert und erklatschte sich am Ende zwei Zugaben von George Enescu und Felix Mendelssohn Bartholdy, die die Linien des Programms stimmig fortsetzten.
Klaus Mohr
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Mittwoch 04.02.2026
Fürstenfeld: Xiexin Dance Theatre – Schwerelose Sensibilität
Fürstenfeld. Es sind magischer Assoziationen, die die Mitglieder des Xiexin Dance Theatre vermitteln, Bilder von schwärmerischer Schönheit, von harmonischer Eleganz und rhythmischer Anmut. Verschlungene Tänze, die eine Hoffnung des dauernden Miteinanders evozieren und letztendlich doch immer wieder auseinanderdriften. Entrückte Figuren, berückende Motive voller Grazie und kontrollierter Disziplin.
So begann der gestrige Abend des Xiexin Dance Theatre aus Shanghai im Fürstenfelder Stadtsaal. Star-Choreographin Xie Xins war mit ihrer Kompanie vor Ort und hat sich in ihrem Stück „From IN“ auf das Wesentliche und auch das scheinbar Unwesentliche des menschlichen Miteinanders konzentriert und tänzerisch ausgedrückt. Ein leises wie auch sinnliches Spektakel, das aus den Meriten östlicher und westlicher Kultur schöpft und dabei ganz eigene Wege und Stilistiken entwirft.
„From IN“ hat einen engen Bezug zum chinesischen Schriftzeichen für „Mensch“, das aus zwei Strichen besteht. Zwei Linien, zwei Pole, die sich ebenso diametral gegenüber stehen, wie sie auch miteinander in Kontakt treten. Xie Xin versucht auf diese Weise zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln, die Wichtigkeit des Individuums als Einzelwesen tänzerisch zu formulieren, wie auch den Menschen als ein soziales Gruppenwesen darzustellen. Zudem wird das Verhältnis von Raum und Zeit und von Licht und Schatten in Beziehung gesetzt und auf sinnliche Art ausgelotet.
Xie Xins gründete das Xiexin Dance Theatre 2014, im gleichen Jahr, wie sie auch ihre Arbeit als unabhängige Choreografin annahm. Schnell machte sie sich mit ihrer Arbeit einen Namen und wurde zu etlichen Festivals europa- und asienweit eingeladen. Unter anderen zum Colours Dance Festival in Stuttgart, dem Festival Paris Lete in Frankreich, dem STEPS Dance Festival in der Schweiz, dem kroatische Sprite and Hibernik Dance Festival, zur Chinese Dance Biennale und zum Hong Kong Arts Festival.
Der finnische Tänzer, Choreograph und Schauspieler Jorma Uotinen, einstiger künstlerischer Leiter des Kuopio Dance Festivals, schätzt Xie Xins künstlerische Leistung wie folgt ein: „In Xie Xins Arbeit habe ich die Zukunft gefunden, die ich in der Entwicklung des europäischen modernen Tanzes nicht gefunden habe. Ihre Werke sind von einer äußerst sensiblen Einzigartigkeit und Besonderheit“.
Besonders die Sensibilität, mit der ihre Tänzer sich federleicht über die Bühne bewegen, die scheinbare Schwerelosigkeit ihrer Körper, das Vertrauen gegenüber ihren Partnern vermittelt eine Einheit zwischen hohem Anspruch und dessen Umsetzung. Es sind beruhigende Bewegungen, die von schlafwandlerischer Sicherheit zeugen und zu den Wogen elektronischer Sounds und Rhythmen eine breite Schnittstelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem füllen.
Zum Tragen kommt dieser harmonische Flow auch aufgrund der Einfachheit des Bühnenbildes. Eine rechteckige, in abgestuften trüben Weiß gehaltene Unterlage, die von dunklen Stores gerahmt wird. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen weit geschnittene, steingraue, Leinengewänder. Eine beinahe archaische Kulisse, die wie geschaffen scheint, für die zurückhaltenden aber wirkungsvollen Einsätze von warmen Lichtkegeln in matten Farben. Es ist wie ein zeitloser Blick unter die Oberfläche einer beeindruckenden zeitgenössischen Ästhetik.
Jörg Konrad
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Dienstag 03.02.2026
Fürstenfeld: Duo Forteza - Stimmige Mischung aus Bekannt und Neu
Fürstenfeld. Es gibt Konzerte, die verbinden Bekanntes mit Neuem und sind genau deshalb interessant. Der Abend der Fürstenfelder Konzertreihe im Stadtsaal versammelte höchst bekannte Werke in einer Besetzung, die wahrscheinlich einmalig ist und nur durch künstlerische Neugier zwischen Musikern zustande kommt. Saxophon als Melodie- und Akkordeon als Akkordinstrument lauteten die Rahmenbedingungen, die individuelle Beziehung war aber deutlich vielfältiger und äußerst spannend. Koryun Asatryan (Saxophon) und Enrique Ugarte (Akkodeon) bilden seit 2005 gemeinsam das „Duo Fortezza“. Unter dem Motto „Fiesta“ präsentierten die Künstler eine Reise durch die Welt.
Das Programm begann mit einem Ende: Der Satz Braziliera, ein veritabler Samba aus der Feder von Darius Milhaud, bildet den krönenden Abschluss der Suite Scaramouche, zündete aber auch hier als Eröffnungsstück. Die angeschliffenen Töne des Saxophons trafen sich mit den pointierten Rhythmen im Akkordeon zu einer einzigartigen Melange. Die Nähe zu Südamerika suchten und fanden Musiker und Publikum auch in den Stücken von Astor Piazzolla, hier zunächst in „Contrabajeando“. Der Part des „Kontrabasses“ (Akkordeon) war dialogisch zu dem des Saxophons angelegt. Die Musik lebte hier nicht nur von den wunderbar präzisen Tönen im Zusammenspiel, sondern mehr noch von den Pausen dazwischen, die klangliche Raffinesse und Witz vermittelten.
Klezmer-Musik tauchte mehrfach im Programm auf, Enrique Ugarte verwies dabei auf das Vorbild, den Klarinettisten Giora Feidman. „Die goldene Hochzeit“ hieß das zu hörende Stück, und Koryun Asatryan wechselte hier zum Sopran-Saxophon. Die mitunter leuchtend grellen Töne seines Instruments waren nicht nur eine spezielle Farbe, sie vermittelten auch einen extrem ausgelassen fröhlichen Charakter und offenbarten in ihrer ganzen Intensität pure Ausdruckskraft. Die Variabilität des Akkordeons sekundierte das Saxophon auf rhythmischer Ebene, trat aber auch melodisch in wunderbare Konkurrenz. Bayern war ebenso im Programm vertreten, und zwar mit Carl Orffs kraftvollem Tanz „Uf dem Anger“ aus dessen „Carmina Burana“. Auch wenn der berühmte „Czardas“ von Vittorio Monti richtig ungarisch klingt, wurde er doch von einem Italiener komponiert. Das schönste an diesem Stück waren die melancholischen Spannungsbögen, die beide Instrumente wie auf dem Silbertablett servierte Seelen klingen ließen.
Maurice Ravels Meisterwerk „Bolero“ durfte im Programm nicht fehlen. Die stetige Wiederholung ist hier Kompositionsprinzip, sekundiert von der Erweiterung der Instrumentation und der dynamischen Entwicklung. Äußerst tempostabil setzten die Musiker auf Veränderungen im Miniaturformat und die Hinzunahme von Klopfgeräuschen. Lustig war es in jedem Fall, und das nicht nur am überraschenden Ende. Mit Chick Corea und seinem Stück „La Fiesta“ statteten die Musiker dem Jazz einen Besuch ab, brachten virtuose Spielfiguren und stark rhythmisch geprägte Passagen ein. Dabei überformten sie den Klang und setzten auf gut gelaunte und knallige Farben.
Die Frage, warum eine detaillierte Auflistung der Programmfolge nur Makulatur blieb und durch kurzweilige Ankündigungen ersetzt wurde, blieb unbeantwortet. Nicht erst mit dem berühmten „Säbeltanz“ von Aram Chatschaturjan als Zugabe wurden die Musiker vom Publikum am Ende gefeiert. Sie hatten musikalisch alles richtig gemacht.
Klaus Mohr
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