Da schon seit einiger Zeit keine Veranstaltungen stattfinden und dies mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Zeit der Fall sein wird, haben wir uns entschlossen, in dieser Rubrik Texte von zurückliegenden Konzerten noch einmal zu veröffentlichen.
Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Landsberg 21. Oktober 2018: Stefano Bollani
2. Germering 27. April 2002: Chris Barber
3. Puchheim 17. Oktober 2013: Taal Tantra Experience
4. Germering 31. Januar 2020: Bransch
5. Fürstenfeld 14. Oktober 2015: Marialy Pacheco & Joo Kraus
6. Fürstenfeld 26. Februar 2019: Aterballetto
Freitag 05.03.2021
Landsberg 21. Oktober 2018: Stefano Bollani
Bilder
Foto: Valentina Cenni
Stefano Bollani - Er spielt eben alles

Landsberg. Gibt es etwas, das Stefano Bollani nicht spielen kann? Lässt sich tatsächlich eine Klangsprache finden, die er nicht beherrscht? Schwer vorstellbar. Und wenn doch, dann wäre der italienische Pianist aufgrund seines musikalischen Denkens und spieltechnischen Könnens in der komfortablen Lage, diese scheinbare Lücke in kürzester Zeit zu schließen. Wetten das?
Am Sonntagabend hat der aus Mailand stammende Pianist im Landsberger Stadttheater etwaige Zweifler seines Könnens, sollte es diese überhaupt geben, eines besseren belehrt. Bollani als Virtuose, Bollani im solistischen Stegreifspiel, Bollani als Traditionalist, Bollani als avantgardistischer Entertainer, Bollani im intimen Balladenmodus – und so könnte man die Form der Beschreibung seines Auftritts noch ewig fortführen. Denn all diese, manchmal launenhaft wirkenden Interaktionen, wurden von ihm an diesem Abend in überzeugender Manier geboten. Auch Bollani als Sänger.
Mit an seiner Seite hatte das pianistische Tastengenie, Bollani lernte das Klavierspielen übrigens allein weil er Schlagersänger(!) werden wollte und er sich so entsprechend selbst begleiten konnte, Daniele Sepe (Saxophon, Flöte), Nico Gori (Klarinette) und Bernardo Guerra (Schlagzeug). Eine exzellente Besetzung, die Bollani während aller klanglichen Extravaganzen sicher zur Seite stand, die ihm folgte, ihn inspirierte, ihn auf Augenhöhe begleitete, die selbst solistische Ausrufezeichen setzte und mit der er letztendlich eins wurde.
Das Quartett wirbelte mit Verve durch das „Napoli Trip“-Programm, verströmte ungezügelte Lebenslust und berührende Melancholie im ständigen Wechselspiel. Mal schunkelte die Musik im Walzertakt träge dahin, mal entlud sie sich im fiebrigen Neobop, mal beeindruckte sie mit einer folkloristischen Charmoffensive. Der musikalische Strom an Ideen versiegte jedenfalls nie.
Bollani hatte während des Abends die Fäden des Geschehens fest in seinen Händen. Jedoch nicht, dass er dabei seinen Mitspielern zu wenig Raum gab. Nico Gori erinnerte an der Klarinette allein klanglich immer wieder einmal an die weit zurückliegenden Anfangsjahre des Jazz in New Orleans und Chicago. Bollani fiel es in solchen Momenten nicht schwer, in einen gestenreichen Ragtime-Rhythmus zu verfallen und launenhafte Stride-Zitate zu streuen. Solistisch brillierte Gori mit oft schneidendem Ton in virtuoser Hochenergie. Oder er spielte schwierige, aber federleicht klingende Motive unisono mit seinem Partner am Saxophon Daniele Sepe. Das erinnerte häufig an Straßenmusik oder jene Drehwurmmelodien, die im Süden Italiens an Feiertagen auf den Volksplätzen gespielt wurden. Bernardo Guerra hielt an den Drums die verschiedenen stilistischen Abzweigungen geschickt zusammen. Das war nicht immer ganz leicht, weil immer wieder neue Möglichkeiten im musikalischen Ausdruck spontan genutzt wurden, die zuvor nicht unbedingt abgesprochen wirkten. Einen Sack Flöhe zu hüten, könnte einfacher sein.
Und Bollani? Der wechselte vom Klavier zum E-Piano, sprang auf, klatschte in die Hände, ließ nicht den Hauch eines routinierten Auftritts entstehen. Er spielte das Publikum (und vielleicht auch manchen seiner Musikerkollegen) schwindlig, nutzte mit seinem Können die Möglichkeiten des Musikkabaretts und hatte bei all dem einfach seinen Spaß. Er spielt eben alles. Obwohl – außer vielleicht Ambient- oder Minimal-Music. Da käme er mit seinem Temperament auf jeden Fall in Konflikt.
Jörg Konrad (KultKomplott, Augsburger Allgemeine)
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 03.03.2021
Germering 27. April 2002: Chris Barber
Bilder
Geschmeidiger Vermittler

Germering. AIs Chris Barber vor fast genau zwei Jahren seinen 70. Geburtstag beging, nannte ihn Werner Burckhardt einen ,,aufgek1ärten Traditionalisten". Denn wie kaum ein anderer Musiker der alten Schule verknüpfte der einstige Jurastudent in den Fünfziger Jahren einen eher konventionellen Improvisationsstil, den New Orleans Jazz, mit einer aufkeimenden Protesthaltung, die in den folgenden Jahren das Popmusikgeschehen mächtig beeinflussen sollte. Barber nutzte einfach seine Popularität als Jazztraditionalist, um Historie zu vermitteln, indem er die Wurzeln seiner Musik hingebungsvoll in die Welt posaunte. So beeinflusste er damals noch ganz unbekannte junge Leute wie Alexis Corner, Mick Jagger oder Pete Townshend.
Dass Barber noch heute ein Herz für die nachwachsende Musikergenerationen besitzt, verdeutlichte sein kurzer Auftritt als Solist in der Bigband des Carl-Spitzweg-Gymnasiums Germering. Diese junge Großformation, unter der Leitung des unermüdlichen Ludwig Hartmann, bestritt wacker den ersten Teil eines Jazz-Konzertes arm vergangenen Freitag in der Stadthalle. Die Schülerinnen und Schüler interpretierten mit Engagement und spürbarer Freude einen Teil dessen, was heute als die moderne Klassik des Popjazz bezeichnet werden kann.
Nach der Umbaupause gab sich dann die seit November 2001 bestehende, elfköpfige Big Chris Barber Band die Ehre. Eine geschliffen agierende, die Freiheiten der Improvisation genau und sicher auslotende (Alt-)Herrenband, deren musikalischer Horizont aus einer Symbiose bewusster Reflexion und leidenschaftlicher Musikalität zu bestehen scheint.
Organisch gereiftes Satzspiel, das vom ersten Ton an in seinen Bann zieht, und wunderbar ausbalancierte solistische Präsenz auf dem Boden einer überzeugenden Rhythmuscrew gaben dem Abend eine fast perfektionistische Wendung. Bei Chris Barber wird der Jazz eben gesellschaftsfähig.
Ob ihm, dem Jazz, dieses professionelle Entertainment auch wirklich gut tut, ist eine vollkommen andere Frage. Barber will unterhalten, geschmeidig vermitteln, am Musizieren Spaß haben. Und diesen Spaß vermittelt er noch heute - mit Stil und Akkuratesse. Seine Band, gespickt mit Stars der englischen Trad- und Swingszene, besitzt eine deftige Portion Blues - ein unverzichtbares Korrektiv bei der Bewältigung historischen Jazzmaterials. Ob in rhythmisch sprunghaften Ragtime-Nummern, altehrwürdigem New Orleans- oder Chicago Jazz, der linearen Schönheit des Swing bis hin zu den Anfängen des derben Rock'n Roll. Immer ist die Band auf der Höhe des Geschehens, lässt sich von nichts in der Welt aus der Fasson bringen. Eine musikalische Institution, dieser Chris Barber, und das seit mehr als fünf Jahrzehnten!
Jörg Konrad (Süddeutsche Zeitung)

Chris Barber ist am 02. März 2021 mit neunzig Jahren gestorben.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 26.02.2021
Puchheim 17. Oktober 2013: Taal Tantra Experience
Bilder
Taal Tantra Experinece - Fernöstlicher Geist

Taal Tantra Experience erinnern ganz entfernt an Zeiten, als sich in den Wohngemeinschaften der urbanen Metropolen junge Instrumentalisten entschieden, sich von Zwängen und Erwartungshaltungen zu lösen und ihre eigene Musik zu spielen. Sie überwanden in dem was sie Taten auch ganz bewusst stilistische wie auch geographische Grenzen. Es waren die Anfänge der sogenannten Weltmusik. Die Individualität des Musikers war weit wichtiger als seine Herkunft.
Ähnliches gilt für Taal Tantra Experience. Was dieses Quintett am letzten Donnerstag in der Reihe „Jazz Around The World“ in Puchheim spielte, war ein großes Potpourie der Stile und Befindlichkeiten. An vorderster Stelle standen natürlich die Aspekte der klassischen indischen Musik. Doch wurden diese nicht all zu streng gehandhabt. Die Offenheit gegenüber einer jazzmusikalischen Geisteshaltung überwog deutlich. Bedenkt man nun, dass auch der Jazz sich aus den unterschiedlichsten Ethnien und Spielweisen zusammensetzt, wird die Vielfalt der Musik, die an diesem Abend präsentiert wurde, deutlich. Sie schien aus einer Art Zwischenreich zu kommen, das nach allen Seiten offen war und wie ein trockener Schwamm jede individuelle Musizierhaltung aufsaugte und verinnerlichte.
Es ist ein halbes Jahrhundert her, da gab es die ersten ernst zu nehmenden Verbindungen zwischen Jazz und indischer Musik. Verantwortlich zeichnete sich damals Yusef Lateef, bekanntgeworden in den Bands um Cannonball Adderley. Es war zudem die Zeit der ersten Interkontinentalflüge, die ein persönliches Treffen zwischen Bud Shank und dem damals noch völlig unbekannten Ravi Shankar zum gemeinsamen musikalischen Gedankenaustausch ermöglichten. Buddhismus und Hinduismus fassten, auch über den Umweg der Literatur, in der westlichen Kultur Fuß. Später waren es John Coltrane, dessen verzehrendes Spiel soviel fernöstlichen Geist atmete, Don Cherry oder John McLaughlin, die für eine Synthese fernöstlicher und westlicher Musik standen. Aber auch in Deutschland gab es Instrumentalisten, die die Herausforderung annahmen und Indo-Jazz-Aufnahmen einspielten, wie der Stuttgarter Pianist Wolfgang Dauner oder der Vibraphon-Spieler Karl Berger, der später in die USA auswanderte und dort eine eigene Jazzschule gründete. Sie alle leisteten Pionierarbeit – auf die die Musik von Taal Tantra Experience letztendlich aufbaut.
In deren Mittelpunkt steht natürlich der Tabla-Meister Tanmoy Bose. Er beherrscht die Kunst rhythmischer Begleitung gnadenlos und er ist der deutlichste wie hörbarste Bezug zur klassischen indischen Musik. Doch zugleich ist die Rolle von Andreas Weiser, dem zweiten Perkussionisten der Band, nicht zu unterschätzen. Er war bei diesem Auftritt der eigentliche Mittler zwischen fernöstlicher und westlicher Welt, ein Scharnier der Kulturen. Ihm folgte Tanmoy Bose außerhalb seiner solistischen Attacken ebenso selbstlos, wie er gemeinsam mit dem Bassisten Max Hughes eine wunderbar treibende Grundlage für den Gitarristen Kai Brückner und den Saxophonisten Bernard Ullrich schuf. In den besten Momenten spielte das Quintett eine Musik, deren lebendiger Charakter faszinierte.
Als Vorband trat diesmal der junge Geiger Nicolas Stegmann mit seiner Band Kimbap auf. Ein gelungener Auftritt, dessen wohltuende musikalische Offenheit ganz im Sinne der folgenden Band lag.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 03.02.2021
Germering 31. Januar 2020: Bransch
Bransch - Mit Witz und Tiefgang

Germering. Beide waren sie Mitglieder einer unorthodox besetzten Big Band, die aus Österreich kam und von einem Schweizer geleitet wurde. Das Vienna Art Orchestra machte aus allem, was Mathias Rüegg irgendwie unter die Finger kam, Musik. Musik die begeisterte und mitriss, in Amerika, in Asien, in Afrika, in Europa sowieso. Egal ob es sich um Mozart oder Ellington handelte, um den Walzerkönig Johann Strauss(!!), um Johannes Brahms oder das Enfant Terrible unter den Jazzern, um Charles Mingus. Wer bei Rüegg spielte, musste Außergewöhnliches können und stets in Topform sein. Und er musste Humor haben und geistreich sein.
Georg Breinschmid als auch Thomas Gansch gehörten fast eine Dekade zu dieser Allerweltsband. Der Bassist und der Trompeter. „Kontrabassist Georg Breinschmid wandelt, tänzelt, rast und schwebt ausgehend von dieser fruchtbaren Ausgangssituation mit seiner Musik und seinen unterschiedlichen Formationen längst über alle stilistischen Grenzen. Sehr virtuos, ziemlich schräg“, schrieb die Kronenzeitung über den einen. Die Presse sagt über den anderen: „Trompeter Thomas Gansch hat sich immer schon instinktiv gegen alles Seriöse und Ehrfurchtgebietende gewandt. Lachen ist für ihn die beste Waffe gegen den Druck der Norm.“
Nun sind sie wieder als Duo unterwegs und verhielten sich am Freitagabend in der Germeringer Stadthalle ebenso musikgeschichtlich räuberisch, was ihr Repertoire anbelangte, wie sie grandios aufspielten.
Grundlage ihres Auftritts ist ihr grandioser Einfallsreichtum und ihre absolute Beherrschung des Instrumentariums. Hinzu kommt der besagte ordentliche Schuss Humor. Kein Klamauk bitteschön, auch wenn es sich im ersten Moment oft so anfühlt. Ihr Witz hat Tiefgang.
Ähnlich wie bei ihrem einstigen Arbeitgeber Rüegg verarbeiten sie im Duo so einiges, was die Musikgeschichte hergibt. Für sie ist es kein Widerspruch, bekannte Dixielandmelodien mit der Zwölftonmusik zu verbinden, Populäres aus der Klassik mit einem ordentlichen Blues zu würzen, zu improvisieren und sich gleichfalls vor der Tradition des Dadaismus zu verbeugen. Und immer wieder blitzt etwas von den Beatles auf, so als seien sie für das Duo ein Bindeglied zwischen Tradition und Moderne.
Wie ein perfekt geöltes Räderwerk greifen ihre Instrumente ineinander. Wer noch immer glaubte, der Bassist sei ein Rhythmusknecht, sollte sich einfach einmal Georg Breinschmid anhören. Der soliert zupfend, klopfend, streiche(l)nd, schlagend - einfach brillant. Hin und wieder begleitet er auch, natürlich, aber nur, um im nächsten Moment aus einer korsettartigen Figur wieder auszusteigen und neue Klang- und Spielmöglichkeiten auszuprobieren. Jahrelang war er Mitglied der Wiener Staatsoper sowie der Wiener Philharmoniker und hat hier streng nach Partituren gespielt, lang genug.
Und Thomas Gansch? Der stammt aus einer alten Salzburger Blasmusikerdynastie, bekam die Trompete sozusagen schon in die Wiege gelegt. Das spürt man deutlich. Nichts scheint es zu geben, was dieser Solist nicht kann. Er begeistert das Publikum mit irrwitzig schnell intonierten Balkanmelodien, er hat ein klaren Ansatz, bläst mit und ohne Vibrato und ist in der Lage, herzergreifende Balladen zu präsentieren.
Sollte man eine Formel für dieses großartige Konzert im restlos ausverkauften Amadeussaal erstellen, so könnte diese lauten: Anarchie plus Können plus Humor gleich Bransch.
Jörg Konrad (KultKomplott, SZ)
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 18.01.2021
Fürstenfeld 14. Oktober 2015: Marialy Pacheco & Joo Kraus
Marialy Pacheco & Joo Kraus – Musikalische Querverbindungen

Fürstenfeld. Sie spielt trotz ihrer unglaublichen Virtuosität mit einem eleganten Anschlag. Marialy Pacheco nennt als ihre Favoriten Oscar Peterson, Thelonious Monk und vor allen Keith Jarrett, trotzdem fühlt sich die Pianistin ihrer Heimat Kuba besonders verbunden. Ihr feinnerviges Spiel ist eine tiefe Verbeugung vor der musikalischen Tradition der Karibikinsel. Ihr gegenüber steht Joo Kraus, der besonnene Trompeter aus Ulm, mit deutlichem Hang zum Populären. Egal ob Tab Two, Tina Turner, oder im Bossa Nova-Stil - Kraus bringt eine eigene Note in jedes Projekt. Fesselnd und individuell, auf der Basis handwerklichen Könnens und einer erfrischender Kreativität.
Eine interessante Kombination also, die sich im ersten Konzert der Fürstenfelder Jazz First dem erfahrenen Publikum stellte. Ein Duo, das sich dem Exotischen des Jazz ebenso überzeugend widmete, wie der zeitgenössischen Improvisation. Beide, die Pianistin und der Trompeter, suchten nicht nur nach neuen Wegen in der Gestaltung von Klangmöglichkeiten, sie wurden mit ihren melodischen Entfaltungen und ihrer individueller Präsenz auch fündig.
Gleich mit dem ersten Song, Mario Bauzas „Mambo Inn“, setzte Marialy Pacheco solistische Glanzpunkte. Kaum am Instrument, war sie schon mittendrin in der Kompositionen, verzögerte das Tempo nach Belieben, verlustierte sich in den ungeraden rhythmischen Metren und improvisierte voll überschäumender Lebenslust.
Joo Kraus spielte die ersten gemeinsamen Stücke mit der gestopften Trompete und faszinierte mit sinnlichen Sparsamkeit. Mit stark reduziertem Vibrato spielte er sich durch Stings „Englishman in New York“ und auch dem „Earth Song“ von Michael Jackson trotzte er Momente beiläufiger Schönheit ab. Aber Michael Jackson im Jazzkontext? Ja, diese Diskussion gab es schon 1985, als Miles Davis „Time After Time“ interpretierte, oder im letzten Jahr, als der große Enrico Rava ein ganzes Album mit Jackson Songs veröffentlichte. Und beide haben schon bewiesen, die Verbindung Jackson und Jazz funktioniert ausgezeichnet. Den Song „Black Or White“ aus der Feder des King Of Pop zerlegten Pacheco und Kraus zu einem stillen, aus seinem Zentrum heraus glühenden Blues. Sie beide zeigten sich immer wieder als Verwandlungskünstler, die ständig musikalische Querverbindungen herstellten, die aufgrund ihrer konstruktiven Interaktion und ihrer Hingabe absolut überzeugten. Auch in den Momenten, in denen Kraus sein Steckenpferd, die Elektronik, mit ins Spiel brachte und den zweiten Set mit einer atmosphärischtraumhaften Improvisation eröffnete. Für zwei Instrumentalisten dieses Kalibers gibt es einfach keine Grenzen. Sie übersteigen alles, was sich ihnen musikalisch in den Weg stellt und zeigen, wie großartig der Begriff Freiheit gelebt werden kann.
Jörg Konrad (ww.kultkomplott.de, SZ/FFB)
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Montag 11.01.2021
Fürstenfeld 26. Februar 2019: Aterballetto
Bilder
Foto: Nadir-Bonazzi / Aterballetto
Aterballetto GOLDEN DAYS - Sich dem Moment hingeben

Nicht wenige bezeichnen Keith Jarretts „Köln Concert“ aus dem Jahr 1975 als die Jahrhundertaufnahme zeitgenössischer Improvisation schlechthin. Dabei waren die Umstände der Produktion alles andere als das, was man eine Erfolgsgeschichte nennen könnte. Es begann an diesem Januartag schon damit, dass Jarrett erst spät in der Nacht vor dem Konzert am Spielort ankam und vor dem Auftritt sehr schlecht schlief. Dann wurde das Instrument nicht rechtzeitig geliefert. Jarrett musste letztendlich auf dem Klavier des Korrepetitors spielen, bei dem die Pedalen hackten und die Klaviatur teilweise klemmte. Die Mikrofone mussten mehrmals ausgetauscht werden und zu guter Letzt kam das Essen für den Meister erst eine Viertelstunde vor dem Konzert. Jarrett packte und wollte fahren. Manfred Eicher, sein Produzent, und die Veranstalterin konnten ihn, die Oper in Köln war mit 1.400 Hörern ausverkauft, jedoch überreden aufzutreten. Und so entstand das Meisterwerk, das bis heute zu den meistverkauften Jazzalben überhaupt gehört. Viereinhalb Jahrzehnte darauf tanzt das in Italien beheimatete Aterballetto in Fürstenfeld zu dieser fließenden, energiegeladenen und von wunderbaren Themen durchdrungenen Improvisation.
Dem Choreographen Johan Inger geht es um die Offenheit, um die Freiheit, um den Augenblick der in einer Improvisation zum Ausdruck kommt. Die Tänzer bringen in einem Reigen von verspielten Szenen Lebensenergie und Glück ins Publikum. Auch Melancholie, Sensibilität, statt Tragik Zuversicht. Sich dem Moment hingeben, ihn genießen, ihn mit Vertrauen auszuleben ist das Ziel.
„Köln Concert“ ist eines von insgesamt drei Stücken, die am Dienstagabend von Aterballetto im Rahmen der Theaterreihe in Fürstenfeld aufgeführt wurden. Den anderen beiden Choreographien lagen Arbeiten der Ausnahmemusiker Tom Waits und Patti Smith zugrunde. Musik, die Johan Inger geprägt hat, deren Kraft und Mut ihn privat und beruflich begleitet haben und die er in dem Titel GOLDEN DAYS zusammenfasst.
Denn wenn es um Tanz geht, geht es auch immer um Musik. Sie ist die Grundlage für rhythmische Bewegungen, für schlingernde, für routierende Emotionalität, für explosionsartige Sprünge und auch für die Botschaft an sich, die über die Choreographie zum Ausdruck kommt. Im Fall von GOLDEN DAYS ist die Musik zugleich alleinige Inspirationsquelle. Joahn Inger verknüpft mit dieser Musik seine eigenen „Golden Tage“.
Im ersten Stück des Abends, „Rain Dogs“, beziehen sich die Tänzer auf eine Geschichte von Tom Waits, die von den Kümmernissen eines Hundes handelt, der nach einer Wanderung durch die Stadt und nach dem großen Regen den Weg zurück in seine Lebensheimat nicht findet. Es ist, wie viele der Stücke von Waits, eine tragische Geschichte und die Tänzer bringen die Härte des Lebens, die Hoffnung und Verzweiflung und die Sehnsucht in einer orientierungslosen Welt berührend zum Ausdruck.
Die Umbaupause ist „doppelbödig“. Denn während die Bühnenarbeiter den dunklen Tanzboden Stück für Stück entfernen, so dass ein weißer Untergrund hervortritt, verkleinert sich die Fläche für die ebenfalls in schwarz gekleidete Solotänzerin. In dem Song „Birdland“ von Patti Smith muss sie sich emanzipiert behaupten, sich und ihr Areal mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Sie provoziert dabei, verführt, zeigt sich verletzlich, aggressiv, ignoriert den Eindringling, setzt sich durch – zumindest für eine bestimmte Zeit. Sie nutzt als Einzelindividuum ihre wenigen Möglichkeiten mit voller Intensität und Hingabe. Sie berührt, überzeugt und inspiriert.
Jörg Konrad
(SZ)
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2021 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.