Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Palle Danielsson (geb. 15. Oktober 1946, gest. 18. Mai 2024)
2. Landsberg: FEH – Gutes Songwriting geht immer
3. Landsberg: Angela Aux – Pfeifen statt klatschen
4. München Aubing: Startschuss: Bergson’s Rise - mit einem immersiven Party...
5. Landsberg: Der Herr Karl - Nicht nur ein österreichisches Phänomen
6. Fürstenfeld: Hessisches Staatsballett - Boléro / I'm afraid to forget you...
Mittwoch 22.05.2024
Palle Danielsson (geb. 15. Oktober 1946, gest. 18. Mai 2024)
Bilder
Miniaturen und magische Melodien

Puchheim. Sollte Dino Saluzzi jemals gesucht haben, so ist er längst fündig geworden. Seine musikalische Sprache auf dem Bandoneon ist seit Jahrzehnten einzigartig. Sie hat sich emanzipiert von sämtlichen Vorbildern und einen Ton gefunden, der mit keinem anderen weltweit zu vergleichen ist. Der Argentinier spielt virtuos den Tango und betörend schön die Folklore seiner indianischen Heimat; er improvisiert mit Jazzinstrumentalisten, die seine Freunde geworden sind und hält sich streng an die Partitur, wenn es die Komposition verlangt. Ein Vollblutmusiker, der für sein Instrument lebt und wimmer wieder ein mit ihm wird.

Am Sonntag verzauberte der Bandoneon-Virtuose mit Palle Danielsson am Bass und José Maria Saluzzi an der Gitarre den Bartok-Saal im PUC. Er ließ den Raum und die etwas formell wirkende Atmosphäre vergessen, nahm das Publikum mit auf eine sinnliche Reise an die bunten Strände seiner musikalischen Fantasie.
Entdeckt hat den gebürtigen Argentinier der Schweizer George Gruntz. Auf einer seiner „Scouting Touren“ um musikalische Attraktionen für die Berliner Jazztage zu suchen, die er immerhin 23 Jahre als Künstlerischer Leiter begleitete, traf er 1982 eher zufällig in Buenos Aires auf Dino Saluzzi. Der Bandoneon-Spiler übte in einer zerfallenen Garage, und Gruntz wusste schon bei den ersten Tönen, die er von weitem hörte, dass dieser Mann genau der Musiker ist, der ihm fehlte. So kam Saluzzi nach Europa und seine außergewöhnliche Karriere begann.
In den vergangenen Jahren arbeitete er wiederholt mit einem Trio zusammen, zu dem momentan der schwedische Bassist Palle Danielsson und Saluzzis Sohn, José Maria an der Gitarre gehört. Beide stammen aus völlig verschiedenen Kulturen, verkörpern aber in ihrer Individualität die Eckpfeiler Saluzzis Tonkunst. Da ist das südamerikanische, von Folklore und gespannter Intensität gekennzeichnete Element auf der einen und der von nordamerikanischer und emanzipierter europäischer Improvisationskunst umgesetzte Moment auf der anderen Seite. Beide umspielen sich werbend und tasten sich vorsichtig an den von wärmender Melancholie gekennzeichneten Sound des Bandoeons heran, das gleichzeitig zwischen diesen beiden Polen vermittelt. Hier zeigt Dino Saluzzi seine absolute Meisterschaft.

Dabei gibt es nur sehr wenige Instrumentalisten, die in der Lage sind, Gedanken derart zwingend in Poesie zu übersetzen. Saluzzi erzählt auf seinen flüchtigen Soundreisen Geschichten am laufenden Band. Miniaturen, die von unstillbarer Sehnsucht und erfüllter Hoffnung, von völlig Banalem und scheinbar Außergewöhnlichem handeln. Der strömende Atem seines Instruments vermittelt Nähe und flüstert, in einem der faszinierendsten Konzerte der vergangenen Jahre, magische Melodien in den Raum.
Jörg Konrad

(Aus Süddeutsche Zeitung/FFB 28. April 2004)

Ausgewählte Discography:

Mit Jan Garbarek:
- Witchi-Tai-To (ECM, 1974)
- Dansere (ECM, 1975)

Mit Keith Jarrett:
- Belonging (ECM, 1974)
- My Song (ECM, 1978)
- Personal Mountains (ECM, 1979)
- Nude Ants (ECM, 1979)
- Sleeper (ECM, 2012)

Mit Charles Lloyd
- Montreux 82 (Elektra/Musician, 1983)
- A Night in Copenhagen (Blue Note, 1985)
- Fish Out of Water (ECM, 1989)

Mit Michel Petrucciani
- Live at the Village Vanguard (Blue Note, 1984)
- Pianism (Blue Note, 1985)

Mit Enrico Rava
- The Pilgrim and the Stars (ECM, 1975)
- The Plot (ECM, 1976)
- L' Opera Va (1993)

Mit John Taylor
- Angel of the Presence (2005)
- Whirlpool (2008)
- Giulia's Thursdays (2012)

Mit Peter Erskine
- You Never Know (ECM, 1992)
- Time Being (ECM, 1993)
- As It Is (ECM, 1995)
- Juni (ECM, 1997)

Mit Geri Allen
- Some Aspects of Water (Storyville, 1996)

Mit Anouar Brahem
- Togetherness (Dominique, 2012)

Mit Albert Mangelsdorff
- The Wide Point (MPS 1975)
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Foto: Jan Scheffner
Sonntag 05.05.2024
Landsberg: FEH – Gutes Songwriting geht immer
Landsberg. Sie sind wieder da, wobei etliche mit Sicherheit der Meinung sind, sie waren nie ganz weg. Portishead, dieser elegante Hybrid aus Jazz, Soul, Dub und Electronic, auch Trip Hop genannt, meldet sich zurück. Passender ist natürlich, deren einstige grandiose Sängerin Beth Gibbons hat ein Album angekündigt und damit auch Portishead wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen. Wer nicht bis auf das Erscheinen von Gibbons „Lives Outgrown“ warten wollte, konnte am letzten Samstag im Landsberger Stadttheater mit FEH sich die Zeit bis dahin verkürzen. FEH, eine Band aus dem weiten Münchner Umland, hat den Trip Hop-Faden von einst vor knapp drei Jahren wieder aufgenommen und in ihrem Sinne weitergesponnen.
Im Mittelpunkt bewegt sich hör- und sichtbar Julia Fehenberger, eine Sängerin mit Charisma, deren Stimme, egal ob mit weichem Timbre oder flagrante Schneisen schlagend, unter die Haut geht und die Szenerie bestimmt. Neben und hinter ihr die Band, die das Mysterium, das der Trip Hop auch immer gewesen ist, mit melancholischen Sounds und sparsamen Rhythmuswechseln füttert und am musikalischen Leben erhält.
Mitte der 1990er Jahre war diese Art des Musizierens Kult, hat den damaligen Zeitgeist bestimmt, war eine Art Soundtrack, der von der verregneten Hafenstadt Bristol aus die Popwelt eroberte.
Ob es sich bei diesem Phänomen tatsächlich allein um ein zeitlich klar eingegrenztes Lebensgefühl handelt, wird oft erst Jahre später deutlich. Erlebt man FEH auf der Bühne, kommt man zu dem Schluss: Im Grunde wohl eher eine zeitlose Musik, die, gutes Songwriting geht schließlich immer, auch heute noch „funktioniert“, ohne Staub angesetzt zu haben. Zurückhaltend, hochsensibel, psychedelisch – manchmal eine therapeutische Dimension hautnah streifend. Synästhesie als gelebte Musik.
Und die Tourband stimmt einfach, setzt unter- und miteinander Zeichen, vor allem aber: Sie ergänzt sich. Manuel da Coll, Gründungsmitglied der Blaskapelle „LaBrassBanda“, lässt sich am Schlagzeug nicht beirren, spielt beinahe stoisch seine rhythmischen Motive und Muster. Schwager Oliver da Coll Wrage hat als Bassist und Elektroniker ebenfalls einst das bayrische Blaskollektiv „LaBrassBanda“ mit aus der Taufe gehoben, ist der zweite rhythmische Gerüstbauer, der sich zudem mit seinen verspielten Ideen am PC für das Soundlabor von FEH verantwortlich zeichnet. André Schwager, an Orgel und Keyboards, ist der gelebte Jazzgedanke im Formationsgefüge. Mal in knappen Harmonien aufblühend, mal in extrovertierten Soloparts begeisternd. Und dann ist da noch Mitsuyoshi Miyajima, der Gitarrist. Er formt den feinen Soul als eine Art zerbrechliche Kammermusik auf elektrischen sechs Saiten. Das wirkt bei ihm anstrengungsarm, aber wirkungsreich.
Julia Fehenberger, in Burghausen geboren und entsprechend zeitig mit allem was Jazz ist konfrontiert, hält diese Band nicht nur stimmlich zusammen, gibt der Musik die nötige Dynamik, bringt sie mit ihren vocalen Interpretationen zum Pulsieren – und trifft, auch 2024, den Nerv der Zeit.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Samstag 27.04.2024
Landsberg: Angela Aux – Pfeifen statt klatschen
Landsberg. Wer oder was ist Angela Aux? Musiker, Musikerin, Autor, Kunstfigur? Am Freitag stand Angela Aux, mit bürgerlichem Namen Florian Kreier, auf der Bühne des Landsberger Stadttheaters. Samt Band! Diesmal nicht maskiert und ohne Kleid und Maske. Trotzdem spielte hier jemand im schwachen Rampenlicht mit Identitäten und ganz persönlichen Befindlichkeiten, füllte Songs und Lücken mit Tagesthemen und Geisteswissenschaften - provozierte eher verhalten, wie nebenbei und half auf diese Weise dem Publikum auf die Sprünge.
Oder versteckte hier jemand sein persönliches Zentrum? Überspielte alles Private ostentativ? Lassen wir vielleicht die Frage offen und konzentrieren uns auf das Wesentliche: Im Mittelpunkt stand die Kunst. Alles andere war Nebensache. „Angela Aux ist ein Medium,“, erzählte Florian Kreier einmal in einem Interview, „das sich zwischen Musik und Literatur immer neue relevante Themen sucht, um in Performances und Songs und Texten anderen Menschen einige interessante Dinge dazu mitzugeben.
Auf jeden Fall machte Angela Aux Musik. Zumindest in Landsberg. Spielte, sang, performte (neudeutsch), Songs, die angelegt waren zwischen Pop und Underground, die ebenso melancholisch verkitscht daherkamen, wie sie in ihrer scheinbaren Einfachheit herausforderten und berührten. Songs die von Quantenmechanik handelten und von (Werner) Heisenberg, die sich mit (Friedrich) Nitzsche, Aliens und dem Alter Ego beschäftigten (immerhin ist AA studierter Politologe).
Irgendwo war einmal zu lesen, Angela Aux Musik klingt wie eine Art popmusikalisches Surfen zwischen Nick Drake und Velvet Underground. Vielleicht ja auch zwischen einem Donovan und David Sylvian? Ein Streetworker jedenfalls, wie es zum Beispiel Kevin Coyne musikalisch sein Leben lang war, ist Angela Aux mit Sicherheit nicht. Das was er spielte war nicht Rock'n Roll als Volksmusik. Er gab sich eher als der Lyriker, ein Walter von der Vogelweide des Pop. Verträumt und romantisch – dabei nicht unkritisch.
Die Provokation fand en detail statt, im kleinen, wenn das Publikum zum Beispiel aufgefordert wurde, nach den Songs eben nicht zu klatschen – sondern zu pfeifen. Konventionen in Frage stellen, sie im besten Fall ignorieren. Ist das authentisch? Auf jeden Fall hat es eine individuelle Note, diese Popmetamorphose, die am Ende das ästhetische Niveau auf ein neues, auf ein anderes Level hob.
Wie weit Florian Kreier in der Charakterisierung und im Umgang mit seinem eigenen Tun geht zeigt sich, dass er als Autor schon einmal eigene Alben gnadenlos verreißt. Ein Mensch mit Humor also? Auf jeden Fall mit Ironie, der sein eigenes Werk nicht allzu ernst zu nehmen scheint. Und trotzdem beschäftigt er sich mit existenziellen Fragen. Zum Beispiel: Wie mag es weitergehen mit der Menschheit? Nach eigenem Bekunden ist es leicht, Dystopien zu entwerfen. Gute Utopien gibt’s nur wenige – sie sind eine Herausforderung und weitaus lohnenswerter, als in Angst und Schock zu erstarren. Wie schön.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Montag 22.04.2024
München Aubing: Startschuss: Bergson’s Rise - mit einem immersiven Party-Konzert
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Lang erwartet, endlich da! Das Bergson Kunstkaftwerk im Münchner Westen öffnet offiziell seine Pforten. Eigentlich war dort in Aubing bereits zu Silvester eine große Sause mit der Jazzrausch Bigband geplant. Baulich bedingt wurde die Party dann aber kurzerhand in den Bergson Pop-Up Store am Münchner Marienplatz verlegt und dort gefeiert was das Zeug hielt. Unvergessen an dem Abend die Musiker in den Schaufenstern des ehemaligen Sport Münziger. Nun ist es soweit! Nach ein paar Housewarming Parties sowie einer Sneak-Preview gab es am Abend des 20. April endlich: Bergson’s Rise - das immersive Party-Konzert mit der Jazzrausch Bigband!

Das Warten hat sich gelohnt! Der Abend begann locker mit Drinks und Kleinigkeiten zum Essen, die sich im Übrigen auch preislich im zivilen Rahmen bewegten. DJ Lazy Kid besorgte das Warmup des Abends, bis Maximilian Maier, Programmdirektor des Bergson, eine kurze informative Einführung zu dieser einzigartigen Location gab. Das, was das Publikum an diesem Abend sehen und erleben wird ist erst der Anfang. Außer einer wunderbaren Bar und einem exklusiven Restaurant, wird im Bergson ab Mai in Kooperation die KÖNIG GALERIE drei unterschiedliche Ausstellungsflächen bespielen. Es folgt ein Live-Club, die „Barbastelle“ im Kellergeschoss und im Herbst, den Ankündigungen zufolge, ein für Deutschland einzigartiger, akustisch konzipierter Konzertsaal für 500 Besucher. Die künstlerische Leitung des Bergson liegt in den Händen von Posaunist Roman Sladek. Für weitere Sensationen ist also gesorgt..

Die Jazzrausch Bigband legte im Anschluss an die Begrüßung los mit einer sensationellen Performance im Herzstück des Bergson, dem 25m hohen Atrium. Dort in der Kesselhalle, wo in der Vergangenheit Kohle verbrannt wurde um Wärme zu erzeugen, heizten nun die Musiker mit einer vom Chefkomponisten Leonhard Kuhn für den Abend komponierten „Bergson-Suite“ ein. Das Licht wurde abgedunkelt, während taktische Taschenlampen mit Spots Fenster und Decken abtasteten. Die Rhythmusgruppe der Jazzrausch Big Band mit Leonhard Kuhn, Heinrich Wulff, Sam Hylton, Patricia Römer, Marco Dufner und Georg Stirnweiß, agierten auf einer Querbühne im Erdgeschoss, die Bläser der Band verteilten sich zu Beginn im Raum und bespielten das Bergson über die gesamte Halle verteilt. Eindrucksvoll inszeniert und soundtechnisch eine echte Herausforderung, die Josy Friebel, seit Beginn verantwortlich für den Sound der Big Band, locker im Griff hatte. Ein der Tat schwebendes Sounderlebnis, unglaublich direkt und sauber ausgepegelt. Die Jazzrausch Bläsersektion versammelte sich dann auf der 6m hohen umlaufenden Empore des Atriums mit Blickkontakt zum Rest der Band auf der Bühne. Die Solisten wurden von den Kollegen jeweils mit Spots beleuchtet, das Ganze ein großartiges Miteinander. Sichtlich beeindruckt von der Szenerie forderte das ausgelassen tanzende Publikum noch drei (!) Zugaben ein. Klassiker der Jazzrausch Big Band, ohne die kein Konzertabend zu Ende gehen darf: „Make Craft Perform“, „I Want To Be A Banana“ und „Moebius Strip“. Alles in allem ein gelungener Startschuss des Bergson. Im weiteren Verlauf des Abends legte DJ Lazy Kid weiter auf und sorgte in der Aftershow Party für gute Stimmung und einen immersiven, entspannten Abend. Auf viele weitere spannende Abende und Events im Bergson!
Text & Fotos Thomas J. Krebs
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 19.04.2024
Landsberg: Der Herr Karl - Nicht nur ein österreichisches Phänomen
Bilder
Foto: Barbara Pálffy
Landsberg. Über das Ein-Personen-Stück „Der Herr Karl“, das im Grunde ein Monolog ist, zu schreiben oder zu reden und Helmut Qualtinger nicht zu erwähnen, wäre so, als würde man über ein Festmahl referieren und dabei dessen Zutaten unterschlagen. Nicht nur, weil Qualtiger neben Carl Merz einer der Autoren dieser bitterbösen Real-Satire ist, sondern, weil die österreichische TV-Aufzeichnung „Der Herr Karl“ aus dem Jahr 1961 vielleicht bis heute das Maß aller Dinge ist. Letzteres hat sich wohl auch das Schubert Theater Wien und Nikolaus Habjan bei der Inszenierung (Simon Meusburger) des Stückes um 2010 gedacht aber manches, wie am Donnerstagabend im Landsberger Stadttheater zu erleben war, ein wenig modifiziert. Das Ergebnis hat jedoch nichts von seiner entlarvenden Aktualität und individuellen und verderbten Boshaftigkeit eingebüßt.
Die Handlung wurde kurzerhand aus dem Feinkostkeller der „Frau Chefin“ in ein Restaurant verlegt und der Monolog auf drei Personen verteilt: Eine gealterte Bardame, ein im Laufe des Abends sturzbetrunken werdender Gast und natürlich der Ober. Nikolaus Habjan schlüpft abwechselnd mit der Hand in diese lebensgroßen Puppentorsi und bringt sie zum Sprechen. Zwischendurch leiert das Grammophon bekannte Wiener Lieder, es wird getrunken und geraucht, gemault und genörgelt, gegrantelt und gemotzt – alles in typisch österreichischer Manier. Wehleidigkeit geht bei der Betrachtung des eigenen Lebens, gemeint ist die Zeit zwischen den 1920er Jahren und dem Ende des 2. Weltkriegs, Hand in Hand mit Opportunismus und Selbstmitleid. Man war immer mitten drin und ist doch stets Opfer gewesen. Der Trinker übernimmt den Part des sensationsheischenden Voyeurs und politischen Tausendsassas, die Diva spricht über ihre Habgier und Gleichgültigkeit und der Kellner schwelgt von „alten Zeiten“, als er noch fesch und begehrenswert war.
Der genial agierende und formulierende Habjan bringt die Puppen in Beziehung, liefert zwischen ihnen einen demaskierenden Schlagabtausch, baut das Publikum spontan und zur großen Freude desselben, mit seinem Hüsteln, klingelnden Handys und Lachen in das Stück mit ein und schafft so eine Atmosphäre von eifriger Bissigkeit und manchmal auch Schadenfreude.
Diese moralische Flexibilität in der Darstellung der bürgerlichen Seele, ist mit Sicherheit nicht nur ein österreichisches Phänomen. Trotzdem ist „Der Herr Karl“ ein mutiges Stück österreichischen Kulturguts, hat doch diese Form der Aufarbeitung der dunkelsten Geschichtskapitel durch Nestroy, Kraus oder von Horvath hier besonders Tradition. Ein Stück wie ein Spiegel. Aber mit welcher Erkenntnis?
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 17.04.2024
Fürstenfeld: Hessisches Staatsballett - Boléro / I'm afraid to forget your smile
Bilder
Foto: Andreas Etter
Fürstenfeld. RavelsBolero“ ist eines der meist gespielten Stücke des Konzertrepertoires weltweit, war aber im Vorfeld als Ballettmusik gedacht und wurde entsprechend im November 1928 in Paris uraufgeführt. Ein Jahr später gab es dann in den USA die erste Konzertaufführung. Über sein populärstes Werk soll Maurice Ravel einmal zu Arthur Honegger gesagt haben: „Ich habe nur ein Meisterwerk geschrieben, das ist der „Boléro“, leider enthält er keine Musik.“ Die Komposition ist ein einsätziges Stück, gleichbleibend in Melodie, Harmonik und Rhythmik. Was sich ändert ist das Crescendo, das wirkungsvoll an Lautstärke gewinnt, bis es den ganzen Raum ausfüllt und tief berührt. Das Hessische Staatsballett hat diesen orchestralen Ohrwurm wieder zu dem gemacht, was er einst war: Zu einer Ballettmusik. Am Mittwoch gastierte das Ensemble mit diesem Stück, das eigentlich ein doppelter Boléro ist und bei dem die Choreographie von Eyal Dadon stammt, wiederholt in Fürstenfeld.
Der erste Teil des „Boléro“ gehört Solist Tatsuki Takada, der sich zu einer wie aus den Fugen geratenen Musik tänzerisch bewegt. Es ist klanglich eine Art Bolero-Torso, bruchstückhaft erweitert, minimiert, neu instrumentiert, was bei einem derart bekannten Stück sofort aufmerksam und unruhig macht. Es ist, als würde der Solist sich an diesem neuen „Boléro“ versuchen, ihn mit aufwühlenden, manchmal hyperaktiv wirkenden Bewegungen wieder in die „richtige“ Bahn zu lenken. Anschließend übernahm dann das große Ensemble und Ravels Bestseller beginnt von neuem, diesmal original gespielt (Tonaufnahme vom Staatsorchester Darmstadt). Das Solo wird zum Gruppentanz, der Egotripp zum Gruppenerlebnis.
Doch der zweifache Boléro kam nach der Pause. Begonnen hatte der Abend mit „I'm afraid to forget your smile“ („Ich habe Angst, dass ich Dein Lächeln vergesse“), einem tänzerischen Ausloten von Nähe und Distanz, von Liebe und Trauer, von Zuwendung und Abkehr. Unterlegt wurde dieses Tanzstück von choralartiger, sakral anmutender Musik, die von Ola Gjeilo, Jóhann Jóhannsson, David Lang, Arvo Pärt, Howard Skempton, Eric Whitacre und Charles Anthony Silvestri stammt und unter der Leitung von Ines Kaun zusammengebracht wurde. Sechs Tänzer des Ensembles bewegen sich im Solo, im Duo und als Gruppe, oft nur in minimalen Posen, zeitweise auch im Laufschritt den Raum durchmessend. Es entstehen berührende Szenen, atemberaubende Bilder, emotionale Kommunikationsversuche. Die hellen, durchscheinende Kostüme geben den Tänzern eine majestätische Aura, als wären sie aus Carrara-Marmor geschlagen, Puppen, die an Fäden Befindlichkeiten ausdrücken. Ein Blick ins Jenseits – oder in die Zukunft? Faszinierende Nachlässigkeiten im Umgang mit dem Körper, neben maniriertem Verhalten, Lustgewinn neben steifen Fresken. Hier wird die Spezies Mensch bildlich seziert und dekonstruiert. Und am Ende schaut man sinnbildlich auf die Kreise und die Pirouetten, auf den Irrgarten und die Abwegigkeit des Lebens. Begeisternd.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2024 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.