Da schon seit einiger Zeit keine Veranstaltungen stattfinden und dies mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Zeit der Fall sein wird, haben wir uns entschlossen, in dieser Rubrik Texte von zurückliegenden Konzerten noch einmal zu veröffentlichen.
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1. Landsberg 04. März 2015: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – V...
2. Germering 15. Juni 2012: Jörg Schippas UnbedingT
3. Landsberg 03. Mai 2018: Theater an der Ruhr - Clowns im Sturm
4. Iffeldorf 21. März 2015: Sarband
5. Fürstenfeldbruck 05. Oktober 2016: Julia Biel
6. Landsberg 21. Oktober 2018: Stefano Bollani
Freitag 23.04.2021
Landsberg 04. März 2015: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – Voller Sehn- und Rachsucht
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v.l.: Rahel Jankowski, Cynthia Micas, Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler © Thomas Aurin
Landsberg. Um mit Inhalten zu punkten, ist tüchtig Radau die beste Strategie. Das war schon bei Botho Strauß so, bei Elfriede Jelinek nicht anders und erst recht bei Claire Goll. Aber geht es nun um Inhalte oder um obszönes Skandalisieren? Ist das Stück ernstzunehmende Gesellschaftskritik, einfach eine fröhliche Spaßrunde, oder schonungslos entlarvende Satire? Was tatsächlich dran ist an „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ wird vielleicht erst später deutlich, wenn sich all die Wogen der ersten Entrüstung und euphorischen Begeisterung gelegt haben. Entweder ist Sibylle Bergs Vorlage ein mächtiges Wetterleuchten am Horizont, das sich letztendlich nur als laues Lüftchen entpuppt. Oder es läutet, nach dem Ordnen all der verwirrten Gefühle, einen Paradigmenwechsel im Denken ein. Wir werden sehen.
Worum geht es aber in der von Sebastian Nübling an der Berliner Maxim Gorki Bühne inszenierten Theater-Provokation, die gestern als Gastspiel am Landsberger Stadttheater zu sehen war? Eine eigentliche Handlung, im klassischen Sinn, bietet das Stück erst einmal nicht. Vier Mädchen im Schlabberlook als ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das Pendant zu unserer Erwachsenenwelt. Sie monologisieren im Quartett, als Hyperactive Kids. Voller Energie und ohne Ziel. Zwischen Gruppenzwang und Identitätskrise.
Ob sie es sich zu leicht machen? Natürlich nicht. Sie haben es weitaus schwerer als manch andere Generationen. Da konnte man mit den einfachsten Dingen noch provozieren. Einen Friseurtermin ausgelassen und schon gab es das schönste Spektakel mit der Erwachsenenwelt. Aber heute? Überall Wohlstand, Toleranz, aber verkümmerte Emotionen. Ritzt man sich oder schlägt man zu?
Der Baseballschläger wird zur Waffe, Yoga ist Therapie, Shoppen wie Drogenrausch, saufen bis der Nabel glänzt und immer wieder kotzen. Alles nur Klischees? Natürlich, die Welt ist voller Klischees – und bipolar! Auch diese (nur scheinbare) Coolness ist ein Teil von ihr. Es ist, als hätten die unglücklichen Vier ihre Gefühle nicht im Griff, als sei Provokation das einzige Kampfgerät das ihnen bleibt. Desillusioniert und zornig, rivalisierend und voll stiller Traurigkeit. Die Verlockungen und Ablenkungen ihrer Welt sind Fluch und Segen gleichermaßen. Sich zwischen Liebesentzug und Handy einzurichten endet zwangsläufig im Chaos.
Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas spielen diese vier Mädchen voller Sehn- und Rachsucht. Der Text, der gespickt ist mit psychologischen Fallstricken und rotzgörenhaften Szenen, wird zu ihrem ureigenen Manifest. Ihre Glaubwürdigkeit erschreckt, ihre körperliche Fitness beeindruckt, ihre Virtuosität im Abruf von Affekten ist gewaltig. Prompt gab`s die Ehrung als Bestes Theaterstück des Jahres 2014. Zu recht – und gestern schon in Landsberg. TILL (Freunde des Stadttheaters Landsberg e.V.) machts möglich.
Jörg Konrad (www.kultkomplott.de)

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.
Text: Sibylle Berg.
Regie: Sebastian Nübling,
Choreographie: Tabea Martin
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Mittwoch 14.04.2021
Germering 15. Juni 2012: Jörg Schippas UnbedingT
Germering. Wieviel Zeit Jörg Schippa benötigte, um für sein von Klarinetten dominiertes Jazz-Quartett den passenden wie griffigen Bandnamen zu finden, ist nicht bekannt. Mit UnbedingT hat der Berliner Gitarrist, Komponist und Klangabenteurer jedenfalls den Kern seiner künstlerischen Ambitionen sprachlich konkret auf den Punkt gebracht. Und tatsächlich lag am letzten Freitag im Amadeussaal der Germeringer Stadthalle etwas Unbeugsames, etwas Unbedingtes in der Luft, das die Musik des Quartetts vom ersten bis zum letzten Ton bestimmte.
Natürlich ist das, was Jürgen Kupke (Klarinette), Florian Bergmann (Bassklarinette), Christian Marien (Schlagzeug) und Jörg Schippa auf der Bühne musikalisch realisieren Jazz. Doch zugleich wird das an sich schon weitreichende Stil-Segment um einige Facetten erweitert. So treffen bei UnbedingT , manchmal so ganz nebenbei, freie Improvisationen auf urbane Grooves, verzahnen sich westlicher Blues und arabische Ornamentik, jubilieren jüdische Melodien in besinnungslos erscheinendem Frohsinn, um anschließend in melancholisch besinnliche Folklore-Splitter Südeuropas überzugehen. Mal glaubt man einer Komposition von Kurt Weill zu folgen, dann wieder einem hysterisch überdrehten Benny Goodman. Vielleicht ist diese multiple tour de force etwas typisches für Berlin, etwas multikulturelles, oder gar etwas kosmostilistisches? Sie ist auf jeden Fall der Ausdruck einer gelebten künstlerischen Freiheit im Hier und Jetzt, versehen mit der unzweifelhaften Banderole: Jazz.
Im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens stehen die beiden großartig aufspielenden Klarinettisten Jürgen Kupke und Florian Bergmann. Sie beherrschen ihre Instrumente meisterhaft, vermeiden aber wohltuend jede Form des Perfektionismus. Dafür steckt ein Übermaß an ungezügelter Lebenskraft in ihnen, die sie präzis und expressiv formulieren. Sie lassen die sonore, tieftönende Bassklarinette und die wie manisch frohlockende Klarinette im Luftkampf gegeneinander antreten; sie erobern auf gleichen Schwingen und unisono neues melodisches Terrain; sie spotten ätzend gegen den Zeitgeist und seine maßlosen Versprechungen; sie duellieren sich im Dialog und verbrüdern sich mit Haltung und Geist. Es ist ein ständiges Gegen-, Um- und Miteinander. Verbunden durch eine Art spirituelle Disziplin und unterstützt von einem gnadenlos antreibenden Rhythmusduo.
Die Vier als Quartett nehmen ihre Musik spürbar ernst und doch haben sie beim Spielen hör- und sichtbaren Spaß. Und mehr noch: Jede Menge Humor. Eine Art Mutterwitz – den sie vermitteln und den das Publikum durchweg mit Begeisterung aufnimmt.
So entstand am Freitagabend eines der schönsten Konzerte dieser Saison, so, wie sich die schönsten Konzerte immer erst im Verlauf des Abends entwickeln. Konzerte, in die man arglos, aber mit Neugier hineingeht und aus denen man zwei Stunden später völlig beglückt wieder herauskommt. Dem Auftritt von Jörg Schippa und seiner Band gebührt deshalb das Prädikat: UnbedingT - empfehlenswert.
Jörg Konrad
(Süddeutsche Zeitung)
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Dienstag 06.04.2021
Landsberg 03. Mai 2018: Theater an der Ruhr - Clowns im Sturm
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Foto: Schmitz
Mit Humor und Naivität die Welt spiegeln

Landsberg. Clowns schaffen Distanz – bei aller Nähe. Wir können uns mit ihnen identifizieren, haben aber zugleich genügend Möglichkeiten, den Sicherheitsabstand bei Gefahr zu vergrößern. Insofern werden sie zu idealen Trägern menschlicher Absonderlichkeiten und persönlicher Wesensmerkmale. Wir können ihrem Tun mit Vorurteilen begegnen, Hoffnungen in sie pflanzen oder ihnen Klischees andichten – und im schlimmste Fall sehen, wie sie scheitern. Dabei jedoch von ihnen lernen. Denn Clowns besitzen die Gabe, mit Humor und Naivität die Welt zu spiegeln. Besonders eine Welt, die aus den Fugen geraten scheint.
Das hat sich wohl auch Roberto Ciulli gesagt, als er schon vor einigen Jahren das Stück „Clowns 21/2“ entwarf und auf die Bühne des Theater an der Ruhr brachte. Es ging um das Altern, das an der Tür klopft und unnachgiebig um Einlass verlangt, bis man drin ist, in der Seniorenresidenz. Nun die Fortsetzung „Clowns im Sturm“. Nein, das biologisch Unaufhaltsame ist nicht mehr Thema. Jetzt geht es um gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der Gegenwart, die uns tagtäglich und fast überall begegnen. Wie gehen die Clowns mit Ängsten und deren Überwindung um? Gibt es auch hier Möglichkeiten, einige Dinge zu lernen? Ja, die gibt es, wie am Donnerstag im Landsberger Stadttheater dank Roberto Ciullis Ensemble mitzuerleben war. Egal, ob man das Geschehen als eine Fortsetzung von „Clowns 21/2“ erkennt oder auch nicht.
Die Geschehnissen und die daraus ableitenden Gedanken sind genau jene, die uns heute tagtäglich begegnen und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. So oder so. Das Fremdaussehen und -verhalten von neuen Nachbarn, der vergessene Rucksack und seine auslösende Verunsicherung, ein Steinkonzert, das inhaltlich kaum jemand versteht, aber eine Mordsgaudi ist, der Suicid, dem die Konsequenz abhanden gekommen ist – bis genügend Ablenkung zum Weiterleben auffordert, verspielte Zaubernummern, die schreckliche Exekution von Menschen und die sturmgepeitschte Flucht übers weite Meer.
Ciullis erspart seinen Clowns (und dem Publikum) auf ihrer Odyssee durch die Welt nur wenig. Für ihn ist diese liebenswerte Truppe Gradmesser des Ertragbaren und Stimmungsbarometer in einem. Er gibt ihnen dabei die ganze Palette des Reagierens an die Hand, so, wie auch wir sie kennen: Vorurteile, Hoffnungen, Lebenslügen, Enttäuschungen, diebische Freude, tiefe Traurigkeit – alles ist mit an Bord des Flüchtlingsbootes, bis es sinkt. Ob das freundlich begrüßende Wesen am Ufer, das am Ende zum gemeinsamen kochen einlädt, nur Fantasie ist? Vielleicht.
Mit vielen kleinen Details bekommen die „Clowns im Sturm“ poetischen Tiefgang. Bühnenaccessoires als Metaphern, Musik (Matthias Flake) als sinnliche Abstraktion, Ciullis und Helmut Schäfers Weltsicht wird auch ohne Text deutlich und erlebbar. Dank eines beeindruckend spielenden Ensembles.
Jörg Konrad (Augsburger Allgemeine Zeitung, KultKomplott)


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Freitag 26.03.2021
Iffeldorf 21. März 2015: Sarband
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Foto: Sarband
Arabische Passion – Emotionale Botschaften

Iffeldorf. Musik ist die Kunst Menschen zu emotionalisieren. Weit über kulturelle und politische Grenzen hinaus. Das, was interreligiöse Gesprächskreise und zwischenstaatliche Verhandlungen so oft nicht in der Lage sind umzusetzen, das kann Musik realisieren. Vielleicht nicht unbedingt auf Dauer, aber in ihren intensivsten Momenten Bewusstsein erweiternd. Tief empfundene Töne sind wie emotionale Botschaften, können aufgenommen und verstanden werden, brauchen, bei entsprechender Offenheit, keine Übersetzung, keine Gebrauchsanweisung. Sie berühren von selbst.
Gestern Abend trafen sich im Rahemen der Iffeldorfer Meisterkonzerte Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen, mit den unterschiedlichsten Ansätzen. Was sie einte, war eben jene Offenheit, mit der sie innerhalb ihrer Kunst nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen. Vladimir Ivanoff, Musiker und Wissenschaftler aus Bulgarien, ist Gründungsmitglied und Leiter des Projektes Sarband, das sich zur Aufgabe gemacht hat, im Schnittpunkt der Kulturen der Obsession Musik zu folgen.
Grundlage der musikalisch lebendigen, von Toleranz, innerem und äußerem Frieden gekennzeichneten „Arabischen Passion“ waren die Johannes- und Matthäus-Oratorien von Johann Sebastian Bachs. Sie dienten einst der (christlichen) Versinnbildlichung des menschlichen Leids durch den Menschen und der Hoffnung auf Läuterung. Ivanoff hat Teile dieser großen Kompositionen in die Gegenwart übertragen, sie verbunden mit Kulturen, die uns eigentlich näher sein sollten, als sie es tatsächlich sind. In einem Interview sagte Ivanoff die Arabische Passion betreffend: "Ich sag immer verkürzt, Jesus war ein Palästinenser und wuchs eben im Nahen Osten auf, wurde dort geboren und starb dort auch, und Bach beschreibt ja sein Leben, Leiden und Sterben, und in der heutigen arabischen Welt wird eben gelebt und auch sehr, sehr viel gelitten ... und auch viel gestorben und das ist der aktuelle Zusammenhang, das heißt, wir versuchen Bach zu verbinden mit der aktuellen Situation im nahen Osten."
Das Ensemble Sarband überbrückte die Nahtstellen zwischen Orient und Okzident, zwischen Tradition und Moderne, zwischen streng notierter Komposition und der Suggestionskraft des Jazz auf nachhaltige und beeindruckende Weise. Christliche, jüdische, arabische Kulturen klangen auf dem Bachschen Fundament mit Streichquartett und Rahmentrommel friedlich miteinander als eine in sich geschlossene Weltkultur. Es waren sich gegenseitig bedingende und inspirierende Klangspuren, die sich nicht aus einzelnen Trümmern zusammensetzen und damit dem mehr oberflächlichen Diktat des Crossover folgten. Ivanoff beherrscht als Freigeist die Kunst des organischen Umbaus der Vorgaben, zeigte dabei die Vielfalt und die Ähnlichkeit musikalischer Ursprünge und hatte in der aus dem Libanon stammenden Fadia el-Hage zudem eine Sängerin, die mit ihrer berückenden Altstimme die verschiedenen stilistischen Facetten und menschlichen Stimmungen in sich vereint zum Ausdruck brachte!
Diese Form der kulturenübergreifenden Offenheit wurde vom Publikum begeistert gefeiert.
Jörg Konrad (KultKomplott)
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Montag 22.03.2021
Fürstenfeldbruck 05. Oktober 2016: Julia Biel
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Ein magisches Labyrinth aus Stolz und Verletzlichkeit

Fürstenfeldbruck. Julia Biel schlägt als Sängerin (mindestens) zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen passen ihre melancholisch zerbrechlichen Songs genau in unsere Zeit. Sie gibt ihr stimmlich Ausdruck und macht die Frakturen und Verrenkungen der Gegenwart durch kleine Verschiebungen und herzergreifende Verlagerungen der Tonhöhen hörbar. Was sie singt, ist im weitesten Sinne Mainstream, ohne den anrüchigen Beigeschmack dieser breitenwirksamen Pauschalisierung zu strapazieren. Andererseits vermittelt ihre Musik eine Atmosphäre von individueller Kühle, die einem eigenwilligen, aber doch ins Ohr gehenden intellektuellem Anspruch gerecht wird. Wie am Mittwoch im Fürstenfelder Kleinen Saal zu erleben, gelingt es der Engländerin mit südafrikanischen Wurzeln, musikalisch Vertrautheit und Anspruch zu vermitteln, ohne in Routine zu verfallen.
Julia Biel hat eine Stimme, die sich unter die Haut schiebt, die die glattpolierten Oberflächen des schnöden Entertainments verlässt und in tiefere Schichten vordringt. Sie nutzt ihr Organ wie ein Instrument, kann damit Trauer und Glück modulieren, Verzweiflung artikulieren oder intimes flüstern. Ihrer hohen, berührenden Stimme verbietet sie regelrecht dynamische Ausschläge oder virtuose Akrobatik. Um an diesen Punkt zu gelangen, brauchte sie viel Erfahrung, prägende Erlebnisse und natürlich auch Favoriten, an denen man sich in Momenten künstlerischer Rückschläge wieder aufrichten kann. Eine dieser wiederbelebenen Persönlichkeiten – nicht nur in trostlosen Lebensmomenten – ist für sie die große Billie Holiday. Julia Biel sagt selbst, dass sie sich stark von ihr beeinflusst fühlt.
Und wer Lady Day erwähnt, der landet fast zwangsläufig auch bei Sarah Vaughan oder Nina Simon. Eben jenen Vokalistinnen, die nicht allein die geschliffenen Jazzinterpretinnen waren, sondern vor allem durch ihre Persönlichkeit beeindruckten. Musikalisch geht es hier eher in Richtung Blues und Soul und ein ganz klein wenig Pop. Insofern wäre natürlich auch noch Amy Winehouse zu nennen, die trotz ihrer tragisch kurzen Lebensspanne Beeindruckendes hinterlassen hat und an der jede sich ernsthaft mit Gesang beschäftigende Künstlerin einfach nicht vorbeikommt, nicht vorbei kommen kann.
Vom ersten Ton an zog die Engländerin den vollbesetzten Kleinen Saal des Fürstenfelder Veranstaltungsforum in ein magisches Labyrinth aus Stolz und Verletzlichkeit. Ihr grandiose Stimmführung und ihre melancholische Wachsamkeit nahmen das Publikum sofort gefangen und ließen es über die eineinhalb Stunden ihres beeindruckend sinnlichen Vortrags nicht mehr los. Manchmal knisterte förmlich die Spannung ihrer Songs, manchmal bekam bekanntes, wie der Jazz-Gassenhauer „Summertime“, einen völlig neuen, originären Anstrich. Man könnte sich ein ganzes Album mit (unbekannteren) Standards von ihr vorstellen, als Erweiterung ihrer an sich schon schwer fassbaren, wie breitgefächerten Stilistik.
Begleitet wurde Julia Biel von Idris Rahman (Bass) und Saleem Raman (Schlagzeug), zurückhaltend, fast schlicht, immer diese grandiose Stimme diszipliniert unterstützend. Insgesamt ein begeisterndes Konzert von einer Sängerin, der die Zukunft gehören könnte.
Jörg Konrad
Oktober 2016 (Süddeutsche Zeitung, KultKomplott)


Neues Album 2020:
Julia Biel
„Black And White, Volume 1“
Brilljant
Die Liste an Neuveröffentlichungen in den Bereichen Jazz, Soul, Rhythm & Blues sind Monat für Monat randvoll mit weiblichen Sängerinnen – von denen man zuvor selten gehört hat und von denen man nicht selten nie wieder etwas vernimmt. Das hat viele Gründe, die an dieser Stelle nicht untersucht werden sollen.
Herausragenden positives Beispiel was Stimme, Ausdruckskraft, Phrasierung und Intonation betrifft ist Julia Biel. Die Londoner Sängerin hat in den zurückliegenden Jahren nur einige wenige Alben veröffentlicht, die, wenn man genau hinhört, aber von Beginn an auf ein großes Talent, mit außergewöhnlicher Persönlichkeit verweisen. Wer das Glück hatte, Julia Biel zudem auch Live zu erleben, weiß spätestens jetzt, wovon hier die Rede ist.
Die Sängerin vereint auf sehr individuelle Weise vieles von dem, was wir von Ella Fitzgerald bis Sarah Vaughan, von Nico bis Amy Winehouse, von Billy Holiday bis Feist kennen. Bitte nicht falsch verstehen: Julia Biel klingt nicht wie einer diese vokalen Diven. Aber in der Art Texte stimmlich zu gestalten, Inhalte singend zu interpretieren steckt bei ihr schon eine ordentliche Portion Geschichte des weiblichen Gesanges.
Und dann kommt noch die eigene, ganz unprätentiöse, aber absolut berührende Art ihrer stimmlichen Präsenz hinzu. Ihr neuesAlbum „Black And White“ ein absoluter Hochgenuss an verbindlicher Musikalität. Dabei ist diese Album so sparsam instrumentiert und arrangiert, wie keines von ihr zuvor. Julia genügt Klavier und Stimme um Atmosphären von melancholischer Brillanz hervorzuzaubern, um ihren Songs Lichtquellen und Schattierungen zu geben. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um todtraurig machende Balladen. Julia stimmt hingegen nachdenklich, schafft Songs, die unter der Oberfläche intensiv brodeln, die von einem inneren Feuer gespeist werden und sich doch durch Zurückhaltung auszeichnen.
Sollte man Vergleiche anstellen, was ja im Grunde immer nicht ganz fair ist, dann fällt im Moment nur Prince posthum erschienenes Album „Piano & A Microphone 1983“ ein. Es ist beseelt, intim und verletzlich, zugleich aber stolz und kämpferisch. Es ist Musik, wie für unsere Zeit gemacht. Keine groovenden Untergangsszenarien, keine ausgelassene Party-Stimmung, kein akrobatischer Scat-Gesang. Auf „Black And White“ gehen Intelligenz und Emotionen Hand in Hand, findet Unverständnis, Zorn und Hoffnung nicht nur musikalisch Raum. Und das diesem Album noch ein zweiter Streich folgen könnte, macht schon heute neugierig.
Jörg Konrad
März 2020 (KultKomplott)
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Freitag 05.03.2021
Landsberg 21. Oktober 2018: Stefano Bollani
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Foto: Valentina Cenni
Stefano Bollani - Er spielt eben alles

Landsberg. Gibt es etwas, das Stefano Bollani nicht spielen kann? Lässt sich tatsächlich eine Klangsprache finden, die er nicht beherrscht? Schwer vorstellbar. Und wenn doch, dann wäre der italienische Pianist aufgrund seines musikalischen Denkens und spieltechnischen Könnens in der komfortablen Lage, diese scheinbare Lücke in kürzester Zeit zu schließen. Wetten das?
Am Sonntagabend hat der aus Mailand stammende Pianist im Landsberger Stadttheater etwaige Zweifler seines Könnens, sollte es diese überhaupt geben, eines besseren belehrt. Bollani als Virtuose, Bollani im solistischen Stegreifspiel, Bollani als Traditionalist, Bollani als avantgardistischer Entertainer, Bollani im intimen Balladenmodus – und so könnte man die Form der Beschreibung seines Auftritts noch ewig fortführen. Denn all diese, manchmal launenhaft wirkenden Interaktionen, wurden von ihm an diesem Abend in überzeugender Manier geboten. Auch Bollani als Sänger.
Mit an seiner Seite hatte das pianistische Tastengenie, Bollani lernte das Klavierspielen übrigens allein weil er Schlagersänger(!) werden wollte und er sich so entsprechend selbst begleiten konnte, Daniele Sepe (Saxophon, Flöte), Nico Gori (Klarinette) und Bernardo Guerra (Schlagzeug). Eine exzellente Besetzung, die Bollani während aller klanglichen Extravaganzen sicher zur Seite stand, die ihm folgte, ihn inspirierte, ihn auf Augenhöhe begleitete, die selbst solistische Ausrufezeichen setzte und mit der er letztendlich eins wurde.
Das Quartett wirbelte mit Verve durch das „Napoli Trip“-Programm, verströmte ungezügelte Lebenslust und berührende Melancholie im ständigen Wechselspiel. Mal schunkelte die Musik im Walzertakt träge dahin, mal entlud sie sich im fiebrigen Neobop, mal beeindruckte sie mit einer folkloristischen Charmoffensive. Der musikalische Strom an Ideen versiegte jedenfalls nie.
Bollani hatte während des Abends die Fäden des Geschehens fest in seinen Händen. Jedoch nicht, dass er dabei seinen Mitspielern zu wenig Raum gab. Nico Gori erinnerte an der Klarinette allein klanglich immer wieder einmal an die weit zurückliegenden Anfangsjahre des Jazz in New Orleans und Chicago. Bollani fiel es in solchen Momenten nicht schwer, in einen gestenreichen Ragtime-Rhythmus zu verfallen und launenhafte Stride-Zitate zu streuen. Solistisch brillierte Gori mit oft schneidendem Ton in virtuoser Hochenergie. Oder er spielte schwierige, aber federleicht klingende Motive unisono mit seinem Partner am Saxophon Daniele Sepe. Das erinnerte häufig an Straßenmusik oder jene Drehwurmmelodien, die im Süden Italiens an Feiertagen auf den Volksplätzen gespielt wurden. Bernardo Guerra hielt an den Drums die verschiedenen stilistischen Abzweigungen geschickt zusammen. Das war nicht immer ganz leicht, weil immer wieder neue Möglichkeiten im musikalischen Ausdruck spontan genutzt wurden, die zuvor nicht unbedingt abgesprochen wirkten. Einen Sack Flöhe zu hüten, könnte einfacher sein.
Und Bollani? Der wechselte vom Klavier zum E-Piano, sprang auf, klatschte in die Hände, ließ nicht den Hauch eines routinierten Auftritts entstehen. Er spielte das Publikum (und vielleicht auch manchen seiner Musikerkollegen) schwindlig, nutzte mit seinem Können die Möglichkeiten des Musikkabaretts und hatte bei all dem einfach seinen Spaß. Er spielt eben alles. Obwohl – außer vielleicht Ambient- oder Minimal-Music. Da käme er mit seinem Temperament auf jeden Fall in Konflikt.
Jörg Konrad (KultKomplott, Augsburger Allgemeine)
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Autor: Siehe Artikel
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