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7. Fürstenfeld: Vertigo Dance Company – getanztes Schauspiel
8. Landsberg: Mulo Francel & Chris Gall – Fesselnde Intimität
9. Landsberg: Gardi Hutter – Viel Text braucht sie nicht
10. Fürstenfeld: BartolomeyBittmann – In akademisch ausgefeilter Technik
11. Fürstenfeld: Gilla Cremer – So oder so
12. Olching: Duo Paseo – Improvisationen auf Zuruf
Donnerstag 21.04.2022
Fürstenfeld: Vertigo Dance Company – getanztes Schauspiel
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Fotos: Rune Abro
Fürstenfeld. Tänzerinnen und Tänzer durchpflügen ekstatisch die Luft, wirbeln wie Schneeflocken im Sturm über die Bühne, umkurven halsbrecherisch aber kontrolliert ihre Partner, explodieren wie Dynamit und Erstarren in Sekundenbruchteilen, sie beugen und strecken sich virtuos und finden in kontemplativer Ruhe zu sich selbst. Die Vertigo Dance Compnay war in der Stadt - und sie hat, wie so häufig bei ihren Auftritten, massiv Spuren hinterlassen: Im Gedächtnis des Publikums.
Einige Dinge beeindrucken bei ihrem Auftritt am Mittwochabend in Fürstenfeld besonders: Das tänzerische Können, der vor dreißig Jahren von Noa Wertheim und Adi Sha'al in Jerusalem gegründeten Truppe ganz allgemein. Die faszinierende Choreographie von Noa Wertheim, die um ein federleichtes Gravitationszentrum herum aufgebaut scheint. Und dann wäre da noch der Inhalt der Aufführung „One. One & One“, den man zusammenfassen kann: Wie schaffe ich es, meine Individualität auszuleben, ohne als ein Teil des Ganzen ausgegrenzt zu werden? Wie kann ich wahre Beziehungen eingehen, ohne mich zu verlieren und dabei trotzdem in meiner Persönlichkeit unangreifbar bleiben?
Es sind dies temporär relevante und aktuelle Themen, vor allem in einer überwiegend durch Selbstspiegelung gekennzeichneten Gesellschaft. Und es sind Themen, mit denen sich, im kleinen, nun einmal auch eine Gruppe von Künstlern tagtäglich auseinanderzusetzen hat, will sie erfolgreich wahrgenommen werden.
Noa Wertheim und ihr Tanzensemble haben hier etliche Gleichnisse und Lösungsmodelle in ihr Programm eingebaut, um diese scheinbaren Paradoxien sichtbar werden zu lassen. Manches kommt dabei einer freien (tänzerischen) Suggestion recht nahe. Emotionen dem Unbewussten anheim geben und einfach in Bewegungen umsetzen. Der Vertigo Dance Company gelingt dieser immense Spagat zwischen anspruchsvoller Materie und sinnlichem Vollzug beeindruckend.
Die mit Wüstenstaub bedeckte Bühne deutet eine flüchtige Archaik an, der durch die Tanzenden auf dem Bühnenboden ständig ändernde Strukturen entstehen lässt. Es sind dies auch die temporären Spuren individueller Kausalität, auch als Sinnbild einer getriebene Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Und so bewegt sich die Gruppe zeitweise in sich geschlossen wie ein wogendes Schiff auf dem stürmischen Ozean, bis sich die einzelnen Tänzer wieder in individuellen Figuren offenbaren und verlieren und damit ihren autarken Charakter unterstreichen. Es ist das Leben als eine Kontroverse zwischen Herausforderung und Erfüllung, zwischen Haltung bewahren und sich Gehen lassen, zwischen Anspruch und Realität.
Die Musik zu diesem tanzenden Schauspiel stammt von Avi Belleli, einem israelischen Sänger, Bassisten und Komponisten. Sie ist als intuitiv/rhythmische Grundlage eine Mischung aus Soundsacpes in Form von Feldaufnahmen, elektronischen Samples, Jazz, Rock Riffs, Folklore und berührender Kammermusik. Sie unterstützt und evoziert die Bewegungen und Befindlichkeiten, schafft Räume und verstärkt Emotionen. Und begleitet die Tänzer auf den Schwingen individueller Herausforderung und Kreativität.
Jörg Konrad

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Foto: Mike Meyer
Donnerstag 31.03.2022
Landsberg: Mulo Francel & Chris Gall – Fesselnde Intimität
Landsberg. Bekannt geworden ist dieses Prinzip durch Benny Goodman und sein Orchester in den 1930er/40er Jahren. Denn außer in Goodmans Großformationen spielten einige seiner Musiker in verschiedenen Besetzungen untereinander. Davon leitete sich dann die Bezeichnung „The Band In The Band“ ab.
Auch Mulo Francel und Chris Gall sind so etwas wie eine Band in der Band. Denn beide sind Mitglieder der Weltformation Quadro Nuevo und spielen als Duo außerhalb dieses Quintetts ein ganz eigenes, auf sie ausgerichtetes Repertoire. Dies bringt der Stammformation einen gewaltigen Erfahrungs- und Ideenschub. Und im Musizieren Miteinander, in diesem Fall fernab von Quadro Nuevo, lässt sich von vornherein auf eine gewisse Nähe und Vertrautheit untereinander zurückgreifen, wobei das kreative Geschehen einen zusätzlichen Impuls erhält.
Im Landsberger Stadttheater loteten am Mittwochabend nun Saxophonist und Klarinettist Francel und Pianist Gall ihre Gemeinsamkeiten im Duo aus, nachdem der Auftritt pandemiebedingt seit beinahe zwei Jahren immer wieder verschoben wurde. Ein musikalisches Gespräch, das sowohl akribisch strukturiert aufgebaut war, als auch von seinen ungeplanten, improvisatorischen Momenten lebte. Auffällig war während des gesamten Konzertes die anspruchsvolle Herangehensweise beider Instrumentalisten, wobei sie ausgezeichnet in der Lage waren, hohe Standards auch praktisch umzusetzen.
Stilistisches spielt bei ihnen nicht unbedingt die herausragende Rolle. Beide sind Persönlichkeiten genug, um große Teile der Jazzgeschichte in ihrer Zusammenarbeit musikalisch zu betrachten, zu nutzen, hakenschlagend ins nächste Genre zu wechseln und dann letztendlich als Duo eine ganz eigene Identität zu entwickeln. Und die ist gekennzeichnet durch eine fesselnde Intimität, die beide mit ihrer Musik verströmen. Da ist besonders Mulo Francels rauchiger, erdiger Tenorsound, der unter die Haut geht und seine wunderbaren melodischen Erfindungen, die eine gewisse entrückte Schönheit vermitteln. Mehr flirrende Klangbilder entwickelt er auf dem Sopran, den verschiedenen Klarinetten, die eher für ein gewisses rhythmisches Temperament in der Musik stehen. Mir fällt bei seinem Sound eigentlich nur eine Aussage ein, die über den großen Stan Getz einmal getätigt wurde: Ein Ton wie Sandpapier auf Seide.
Chris Gall hält am Klavier die Ränder der Musik zusammen, ist Spezialist für harmonische Wechsel und traumsichere Akkorde. Er schafft brodelnde rhythmische Herausforderungen, kreiert Spannungen und schafft Meisterleistungen in der Selbstzurücknahme. Doch bekommt er genügend Raum (oder nimmt sich diesen dann doch einmal), sind seine perlenden Läufe, seine raffinierten und differenzierten Sololäufe ein akustischer Genuss.
Ein Großteil des Repertoires stammte aus dem gemeinsamen Album „Mythos“, das sich inhaltlich mit den Begegnungen von Menschen, Kulturen und Mythen beschäftigt. Hinzu kamen ein paar zusätzliche Standards, wie „East of the Sun (and West of the Moon)“, einem Song von Brooks Bowman aus dem Jahr 1934 und natürlich der qualitative Gradmesser für jedes Duo, John W. Greens „Body And Soul“. Höhepunkt war aber vielleicht der Song „Old Folks“, gleich nach der Pause interpretiert. Es war ein kleines, aber feines Balladenspektakel, das Mulo Francel und Chris Gall hier musikalisch veranstalteten. Ein ruhiges verzahnen von Verstand und Emotionalität, komprimierte Poesie, eine zutiefst sinnliche instrumentale Konversation und eine pointierte Eleganz. Viel schöner, ja schöner, konnte die neue Konzertsaison in Landsberg kaum eröffnet werden.
Jörg Konrad

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Freitag 25.03.2022
Landsberg: Gardi Hutter – Viel Text braucht sie nicht
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Photo: Adriano Heitmann
Landsberg. Ein guter Clown ist zu aller erst einmal Anarchist – nennen wir ihn auch Provokateur des sogenannten Guten Geschmacks. Nichts ist ihm heilig, alles hingegen erlaubt. Er arbeitet sich mit Hilfe der eigenen Person an der Gesellschaft ab. Leidlich auch an sich selbst. Er strebt nach dem, was sonst kaum jemand will – nämlich dass man über ihn lacht. Weniger mit ihm, nein, in diesem Fall über ihn.
Und wenn er ein sehr guter Clown ist, dann stolpert er nicht nur über Stühle und hingehaltene Beine, dann reißen ihm nicht jedes Mal die Saiten seiner Geige, kaum dass er diese ansetzt und schon gar nicht reitet er verkehrt herum auf verängstigten Tieren. Ihm geht es ums Leben an sich, um das Mit- und das Zueinander, um die kleinen und die großen und natürlich auch die eigenen Schwächen, die wir zwar zu kennen glauben, aber diese mit anderen ungern teilen.
Gardi Hutter aus Altstätten im Kanton St. Gallen ist ein sehr guter Clown (sie hat in einem Interview im Südkurier vor Jahren diesbezüglich schon einmal über das Gendern gesprochen: „Eigentlich bin ich Clown. Dieser Begriff ist Englisch und im Englischen wird nicht geschlechterspezifisch unterschieden“) und sie scheint schon eine Ewigkeit im (Kultur-)Geschäft. Ohne zu altern, versteht sich!
Doch so alt wie die Jeanne d'Arc wiederum (sie wirkte zu Beginn des 15. Jahrhunderts) ist ihr Bühnenstück „Jeanne D’ArPpo – Die tapfere Hanna“ natürlich nicht. Seit über vier Jahrzehnten hat die Gardi dieses Stück schon im Gepäck, und tourt, und tourt, und tourt - mit ihm durch die weite Welt. Am Donnerstagabend stand Landsberg auf dem Plan. Und mit der unkonventionellen Form ihrer Performance („30 Jahre früher hätten sie mich in eine Klinik gesteckt“), nahm sie das Publikum im Stadttheater locker im Sturm.
Viel Text braucht die gespielte Geschichte nicht, braucht Gardi Hutter prinzipiell nicht. Nur soviel: Als Wäscherin träumt die Hanna von außergewöhnlichen Heldentaten und liest in einem großen gelben Buch während ihrer Arbeit von den Abenteuern der Jeanne d'Arc. Die Fantasie, von der sie (über-)reichlich hat, geht mit ihr durch. Sie wird zur Hauptfigur dieser Abenteuer und ihr Arbeitsplatz stellt die nötigen Requisiten zur Verfügung. Und so kämpft sie mit Eimern und Schüsseln als Rüstzeug gegen vermeintliche Feinde, nutzt die Badewanne als Schlachtschiff, den Wäscheberg entweder als ihr Pferd oder auch als zu besiegendes Heer.
Zwischendurch versucht sie mehr schlecht als recht ihre Arbeit zu erledigen. Aber es schnipsen die Socken unkontrolliert über die Bühne, aus den schmutzigen Kleidern schneidet sie kurzerhand die Flecken raus, sie kämpft gegen übergroße Hosen (in die sie letztendlich einsteigt) und verstrickt die verqueren Wäscheleinen konfus in ihre Geschichten – bis sich zum Ende Realität und Fantasie ganz tragisch vereinen.
Das besondere an Gardi Hutters Auftritten ist ihr unablässiges Spiel, das Spiel mit Figuren und Situationen, letztendlich mit Träumen, Hoffnungen und anstehenden Realitäten. Sie vermengt poetisch alles miteinander, treibt dieses Spiel immer weiter, erzählt, so ganz nebenher, ihre eigenen Geschichten, natürlich aber mit etlichen Umwegen und Unterbrechungen. Nicht immer ist klar, was von dem, das auf der Bühne passiert, im Drehbuch steht, oder was improvisiert ist. Sie lacht still in sich hinein, lacht lauthals aus sich heraus, rivalisiert freundlich mit einem kichernden Publikum, weint, bebt vor Zorn, ist enttäuscht. Es ist diese ganze Palette von menschlichen Emotionen, die an diesem Abend das Publikum erreicht und auch ein wenig verzaubert.
Jörg Konrad

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Fotos: TJ Krebs
Donnerstag 24.03.2022
Fürstenfeld: BartolomeyBittmann – In akademisch ausgefeilter Technik
Fürstenfeld. Nun, es gibt im Jazz ganz ausgezeichnete Streicher, Improvisatoren von Rang sozusagen. Auch Streichquartette, ja sogar ganze Streichorchester! Und es gibt im Jazz eindrucksvolle Cellisten, beim jüngeren Bruder Rock'n Roll gar reine Cello-Besetzungen. Ein Duo Violine/Violoncello ist in der zeitgenössischen Szene hingegen eher selten auszumachen. Hier klafft eine kleine Lücke - die von BartolomeyBittmann gekonnt geschlossen wird. Zwei Musiker, die, wie kann es bei dieser Instrumentierung anders sein, aus der Klassik kommen und irgendwann den Wunsch verspürten, ihr Interpretationsrepertoire zu erweitern.
Am gestrigen Mittwoch waren Matthias Bartolomey und Klemens Bittmann Gast der Reihe Jazz First in Fürstenfeld. Und was beide musikalisch präsentierten, war erst einmal ganz große Kunst. Man spürte vom ersten Augenblick an ihr Verwurzeltsein in der Klassik, doch zugleich auch ihre Lust und ihre Neugier, diese Enklave zu erweitern und sich sinnlich wie mutig neuen Ausdrucksformen zu stellen. Statt dem altehrwürdigen (und natürlich immer noch zeitlosen) Bach, statt Mozart und Dvo?ák gab es ausschließlich Eigenkompositionen, deren Expressivität beeindruckte, aber auch in ihren lyrischen Momenten absolut überzeugte.
Selten, das darf man nach diesem Abend wohl behaupten, wurde an diesem Ort Jazz akademischer und in ausgefeilterer Technik gespielt. Das bedeutet nun nicht, dass bei den Wiener Temperamentbündeln kein leidenschaftliches, vollmundiges und bodenständiges Statement aus den Saiten drang. Nein, ihre Handhabung der Instrumente ist ihrer Ausbildung geschuldet.
Doch ihre ungestüme, risikofreudige Herangehensweise an die Musik, ihre Einbeziehung von manchmal halsbrecherischen Improvisationen war dem Jazzgedanken doch sehr sehr nahe.
Von großem Vorteil erwies sich der Gebrauch einer Mandola von Klemens Bittmann, ein der Familie der Mandolinen zugehöriges Zupfinstrument, die dem Auftritt eine zusätzliche Klangfarbe und erweiterte harmonische Möglichkeiten gab. Bittmann war dann auch derjenige, der deutlich vokalistisch in Erscheinung trat und damit der Musik noch eine zusätzliche Note gab, die zeitweise den Bereich von Independentpop zu streifen schien.
Und so wurde von BartolomeyBittmann auf ihren Instrumenten gestrichen, gezupft, geklopft, geschabt und gerieben, es griffen Melodien und Rhythmen dramaturgisch geschickt ineinander, die Spieler ergänzten sich passioniert auf ihren Instrumenten und entwickelten letztendlich ein begeisterndes Konzert, das allen Vorurteilen und Klischees entgegen lief.
Jörg Konrad
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Donnerstag 17.03.2022
Fürstenfeld: Gilla Cremer – So oder so
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Fürstenfeld. Till Brönner, der deutsche Startrompeter, war es, der Hildegrad Knef 1999 wieder ins Rampenlicht brachte, mit einem Album, das nach vielen Jahren wieder zu einem großen Wurf der deutschen Schauspielerin, Sängerin und Autorin werden sollte: „17 Millimeter“. Wenig neue Songs – aber unglaublich packende und spannende Arrangements von Brönner selbst. Und die Knef traf, wie schon immer auch zuvor, mit ihren Interpretationen, mit ihrer Stimme, die laut Ella Fitzgerald gar keine war, genau das Zentrum, das Herz eines jeden Songs.
Es war ein später Erfolg, den sie wirklich genoss - nach all den Jahren der inszenierten Dramen, der Häme, ja der regelrechten Hetzjagden, die hauptsächlich deutsche Medien auf sie veranstalteten.
So beginnt auch das kleine Theaterstück „So oder so“, in dem die Herren des Boulevards sich auf sie stürzen und jedes noch so kleine Apostroph der Knef durchleuchten, ob denn nicht auch hier ein Skandal zu entdecken wäre. Gilla Cremer, selbst deutsche Schauspielerin und Produzentin, hat das Leben der vielleicht bedeutendsten Künstlerin von internationalem Format nach dem Krieg durchforstet und es als Ein-Personen-Stück auf die Bühne gebracht. Gestern gestierten sie und ihr wunderbarer Pianist Gerd Bellmann mit „So oder so“ unter der Regie von Hartmut Uhlemann in Fürstenfeld.
Erzählt jemand die Geschichte der Knef, dann ist dies auch immer die Geschichte der Medien, die Dank dem unruhigen, dem ungeschminkten, dem herausfordernden Leben der Diva Anstand und Moral abgelegt haben und regelrechte Hetzjagten auf sie veranstalteten. So wurde Hildegard Knef als exaltierte, als unbedarfte, anfangs von Idealismus geleitete Künstlerin, im verspießten Deutschland jener Jahre zum Opfer. Sie ist eine starke emanzipierte Frau, die an fehlendem Verständnis und fehlender ernster Zuwendung immer wieder zerbricht.
Aber sie hatte auch großartige Jahre, spielte die Hauptrolle im ersten Film, der nach 1945 in Deutschland gedreht wurde, sie ging in die USA, spielte mit Gregory Peck und Ava Gardner, Cole Porter holte sie an den Broadway und schrieb für sie ein Musical, sie kannte Tennessee Williams, William Faulkner, Henry Miller. Die Türen zur Welt standen ihr offen und doch kommt sie nur kurze Zeit später zu dem Fazit: „Das Glück ist eine Seifenblase.“
Gilla Cremer erzählt die Lebensgeschichte der Hildegard Knef mit Temperament und Einfühlsamkeit, mit all dem Größenwahn und innerer Verzweiflung, mit ihren Träumen und kleinen Momenten des Glücklichseins. Sie bringt den Menschen Hildegard Knef auf die Bühne, zeigt dem Publikum verständlich die Widersprüche in ihrer Person, ihr enormes Talent, ihre Traumatas, ihr Selbstbewusstsein. All diese Fähigkeiten und Defizite, diese infantile Freude, bei gleichzeitigen Verlustängsten, die Schnoddrigkeit und Sensibilität haben in nur einer Seele selten ausreichend Platz.
Gehören aber letztendlich zu ein und derselben Person, die von Gilla Kremer beeindruckend verkörpert wurde.
Jörg Konrad

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Montag 14.03.2022
Olching: Duo Paseo – Improvisationen auf Zuruf
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Olching: Das aus Europäern bestehende Quartett Pago Libre veröffentlichte 2020 ein Album unter dem Titel „Cinémagique 2.0“. Der Untertitel lautet: fifteen soundtracks for an imaginary cinema. Das besondere jedoch ist, dass es sich bei den Aufnahmen nicht um Adaptionen von Soundtracks handelt, sondern um Musik zu bis dato ungesehenen und auch zukünftig nie zu sehenden Filmen. Mit anderen Worten: Filmmusik, die zu keinem Film gehört. Und es funktioniert! Denn beim Hören des Albums entstehen wie von selbst Bilder, Sequenzen, ja cineastische Erzählungen aus Sounds und Harmonien, Melodien und Rhythmen – auf der Grundlage suggestiven Anbietens und kreativen Rezipierens. Braucht man also keine hinreißenden Ohrwürmer aus Filmhits, um die optische Fantasie in Schwung zu bringen? Nun, man kann eben auch, ohne Synästhetiker zu sein, in Bildern komponieren und interpretieren.
Das Duo Paseo ist ein anderes Beispiel hierfür. Rainer Gruber (Akkordeon/ Kontragitarre) und Jan Eschke (Klavier) bestritten am Sonntagvormittag in der Kulturwerkstatt am Olchinger Mühlbach in der 196.(!!!) Folge der Reihe Eleven-Eleven ein wunderbares Konzert, dessen Repertoire zwar keine Filmgeschichte schrieb, aber mit Sicherheit bei manch einem eine regelrechte Bilderflut auslöste.
Beide Musiker harmonierten in ansprechenden Kompositionen mit stark emotionaler Einfärbung. Zugleich aber beeindruckte ihre spieltechnische Versiertheit, ihr instrumentaler Umgang und vor allem der Austausch untereinander während des Vortrags. Tango, Walzer, mediterrane Leichtigkeit und melancholische Themen aus dem hohen Norden durchzogen das Programm. Am auffallendsten vielleicht der Versuch, spontane zumindest klangliche Landschaften zu entwerfen, in dem das Publikum aufgefordert wurde, verschiedene Begriffe aus dem Bereich wie Farben, Elemente oder auch Abläufe/Ereignisse zu benennen. Aus diesen „Zutaten“ entstanden dann improvisierte Stimmungsbilder, eine melodische Fabulierlust, denen das Publikum mit großer Freude und Begeisterung folgte.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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