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1. Christiane Hoffmann „Die Träume, die wir hatten - Meine Freundin, Russla...
2. Yves Klein „Ein Sprung in die Leere, 1960“
3. Peter Kemper „John Coltrane – Biographie einer Jazz-Ikone“
4. Christoph Wagner „Freak Sounds – Musik abseits der Norm“
5. Siri Hustvedt „Ghost Stories“
6. Steffen Kopetzky „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“
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Donnerstag 27.08.2026
Christiane Hoffmann „Die Träume, die wir hatten - Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“
Christiane Hoffmann nennt ihr neuestes Buch ein Buch der Trauer. „Der Trauer um die Ukraine, um Russland, um meine Freundin, um uns alle. Über das, was wir versäumten, was wir nicht vermochten, wofür die Kraft nicht reichte, wofür der Mut fehlte.“
Die deutsche Journalistin und Slawistin Christiane Hoffmann ist eine ausgewiesene Russlandexpertin. Sie arbeitete in unterschiedlichen Funktionen für die FAZ und den Spiegel, lebte mehrere Jahre lang als Korrespondentin in Moskau und war u.a. stellvertretene Sprecherin der rot-grünen Bundesregierung. Heute lebt sie als freie Aurorin in Berlin. Am 24. Februar 2022, an dem Tag, als Putin die Ukraine überfiel, erreichte sie die Nachricht vom Suizid einer ihrer engsten Freundinnen. Die zeitliche Koinzidenz dieser beiden Katastrophen, der privaten und der politischen, ist für Hoffmann kein Zufall. Sie empfindet einen engen Zusammenhang der beiden Ereignisse. Ihr hervorragend geschriebenes Buch „Die Träume, die wir hatten“ vereint die scharfsichtige Analyse der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Russlands in den letzten Jahrzehnten mit einem bewegenden persönlichen Zeugnis. Es erzählt vom Schmerz über den Tod ihrer Freundin und von der Entfremdung von einem Land, das ihr einst so viel bedeutete. Immer wieder stellt sich die Autorin die Fragen: Wie konnte es dazu kommen? Hätte ich den Suizid meiner Freundin abwenden können? Hätten wir, hätte der Westen mehr tun können, um den Ukrainekrieg zu verhindern?
Christiane Hoffmann lernt ihre Freundin, deren Name nie genannt wird und der sie in ihrem Buch ein Denkmal setzt, während des gemeinsamen Slawistik-Studiums kennen. Die beiden verbindet die Liebe zur russischen Literatur, vor allem zu Anna Achmatowa, und die Faszination für die russische Kultur, die während der Glasnost neue Impulse setzen und Freiräume erobern kann. Nach dem Ende der Perestrojka und dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 erleben die Freundinnen die Euphorie dieser Zeit. Sie feiern mit russischen Freunden, reisen in die nun unabhängige Ukraine und nach Russland, die Freundin heiratet einen russischen Künstler. Doch die Hoffnung auf mehr Freiheit, auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit währt nur kurz.
Die neunziger Jahre sind für die Autorin entscheidend, um den weiteren Weg Russlands bis zu Putin und sein Verhältnis zur Ukraine und zum Westen besser verstehen zu können. Sie schildert den Übergang zum zügellosen Kapitalismus unter Jelzin als „neoliberale Schocktherapie“, die zu katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnissen, Rechtlosigkeit, Gewalt, einer enormen sozialen Spaltung und dem Aufstieg der Oligarchen geführt hat.
Hoffmann lässt nie einen Zweifel daran, dass sie Putin für einen brutalen Aggressor hält, der in einer hermetischen, realitätsfernen Welt lebt und im Wahn versinkt. „Nichts kann Putins Vorgehen rechtfertigen.“ Doch sie gibt auch dem Westen eine Mitschuld an der Entwicklung und registriert etliche Versäumnisse. Vor allem kritisiert sie, dass der Westen an der Nato-Osterweiterung festgehalten und russische Interessen, wie berechtigt oder unberechtigt sie auch immer waren, nicht berücksichtigt hat. Sie schreibt, dass es zumindest politisch unklug war, Russlands Einwände zu ignorieren. Damit wurde die Idee eines gemeinsamen europäischen Sicherheitssystem unter Einbeziehung Russlands unmöglich gemacht. Unter Putin entladen sich nun die Gefühle von „Demütigung und Großmachthybris“ in einem brutalen Krieg.
Die Autorin hat auch eine Liste von persönlichen Versäumnissen ihrer Freundin gegenüber aufgestellt. Die schöne, vielgeliebte Freundin, die so stark und selbstbewusst wirkte, versank nach dem Tod ihres Mannes immer mehr in einer Depression. Hätte sie sich mehr um sie kümmern sollen? Die Anzeichen früher erkennen müssen? Doch andererseits: Ist es nicht Selbstüberschätzung, zu meinen, sie hätte ihre Freundin, die an einer bipolaren Störung litt, vom Suizid abhalten können? Und hatte der Westen wirklich einen so großen Einfluss auf Russland, dass er dessen Entwicklung zu einer menschenverachtenden, nationalistischen, militaristischen Diktatur hätte aufhalten können?
Christiane Hoffmann gibt in ihrem ebenso so klugen wie differenzierten Buch keine einfachen Antworten, sondern Denkanstöße. In ihrer Trauer können sich all die Menschen wiederfinden, die von einem friedlichen, geeinten, demokratischen Europa geträumt haben. Stattdessen müssen sie nun einen grausamen Krieg mit tausenden Toten und unendlichem Leid in einem Nachbarland und die schleichende Gefahr durch einen hybriden Krieg im eigenen Land erleben.
Lilly Munzinger, Gauting

Christiane Hoffmann
„Die Träume, die wir hatten - Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“
C.H. Beck Verlag
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Mittwoch 19.08.2026
Yves Klein „Ein Sprung in die Leere, 1960“
Yves Klein beschäftigte sich während seines leider nur sehr kurzen Lebens ausschließlich mit Farben und mit Judo. Als Sohn eines Künstlerehepaares 1928 in Nizza geboren, der Vater war Maler und Kunsthändler, die Mutter eine erfolgreiche abstrakte Malerin, wuchs er bei seiner Tante Rose Marie Raymond auf. Klein beschäftigte sich früh sehr intensiv mit Farben und pflegte engen Kontakt zu den Malern Hans Hartung und Nicolas de Staël. Als Künstler war Yves Klein Autodidakt. Ihm war die psychologische Wirkung und die Bedeutung einzelner Farben wichtig und er führte diese charismatische Auseinandersetzung soweit, dass er Farbe nicht als Bildmittel einsetzte, sondern Farbe als eigenständiges Bild empfand. Nach einer Italienreise 1949 begann Klein erste monochrome Bilder zu malen, die er sich etwas später als sogenanntes monochromes Ultramarinblau vom französischen Patentamt INPI patentieren lies.
Nach dem 2. Weltkrieg begann sich Yves Klein zudem intensiv mit dem Kampfsport Judo zu beschäftigen. Hier schätzte er speziell die Gleichwertigkeit von Körper und Geist, nicht zuletzt durch seine Zen-buddhistischen Studien. Die persönliche (auch künstlerische) Auseinandersetzung mit der Schwerkraft spielte hierbei eine immense Rolle, die letztendlich in der Kunst des Fallens gipfelte. Yves Klein war zudem der Erste Nicht-Japaner, der 1954 am renommierten Kodokan Judo Institute in Tokio den vierten Schwarzgurt erhielt.
In diesem Zusammenhang ist das Bild „Der Sprung in die Leere“, inszeniert vom Photographenduo Harry Shunk und János Kender, entstanden. Es zeigt Yves Klein beim Absprung vom Dach eines Vororthauses von Paris. Entgegen der Schwerkraft vermittelt es den Eindruck, der Künstler könne fliegen, bewege sich in einem schwerelosen Raum.
Dieses Bild steht im Mittelpunkt der mittlerweile 8. Buchveröffentlichung aus der Reihe „Ein Bild und seine Geschichte“ des Schirmer/Mosel-Verlages.
Der in New York lebende deutsche Kunsthistoriker Klaus Ottmann erzählt in dem Band die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte dieses faszinierenden Bildes, das mit zu den bedeutendsten Fotografien des 20. Jahrhunderts gehört.
Jörg Konrad

Ein Bild und seine Geschichte
Yves Klein
„Ein Sprung in die Leere, 1960“
Schirmer/Mosel

Abbildungen:

- Yves Klein / Shunk-Kender: Der Sprung
in die Leere, 3 rue Gentil Bernard,
Fontenay-aux-Roses, 19. Oktober 1960

- Yves Klein mit einem Judo-Partner,
Paris, ca. 1955. Foto: Miltos Toscas
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Montag 10.08.2026
Peter Kemper „John Coltrane – Biographie einer Jazz-Ikone“
Nicht nur Miles Davis, über den das deutschsprachige Feuilletton momentan so ausführlich berichtet, wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Auch John Coltrane, der ikonische Saxophonist, ist 1926 in Richmond County geboren, rund vier Monate später, als der im knapp 1000 Meilen entfernte, spätere Arbeitgeber Coltranes, der Trompeter Davis.
Coltrane war nicht dieser unangepasste Stilist, der inhaltlich ständig Haken schlagende, für Schlagzeilen sorgende und als Prinz der Dunkelheit bekannte Miles Davis.
Coltrane war hingegen ein leidenschaftlicher Arbeiter, ein besessener Musikant, einer, der selbst vom Üben nicht genug bekommen konnte. Als er in der Band von eben jenen Miles Davis angestellt war, fragte er den Paradiesvogel und Leader einmal, wie er es anstellen könnte, ein Solo nach einer halben Stunde zum passenden Abschluss zu bringen. Davis soll nur trocken geantwortet haben: Nimm ganz einfach das Instrument aus dem Mund.
Anlässlich des 100. Jubiläums Coltranes, hat der studierte Philosoph, Germanist und Sozialwissenschaftler, Autor und Radio-Redakteur Peter Kempe seine schon 2017 erschienene Biographie in Gänze neu überarbeitet und mit „John Coltrane – Biographie einer Jazz-Ikone“ jetzt dem Saxophonisten die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen.
Es ist ein eigenes musikalisches Universum, in das Kemper den Leser eintauchen lässt. Der Autor zeichnet ein Bild des Saxophonisten, das die Irrwege und künstlerischen Brüche des Musikers nicht aussparrt, aber natürlich von den „... Inspirationsquellen und Triebkräften … den Soundexplosionen Coltranes ...“ ausführlich berichtet. „Seine Musik in den Sechzigern klingt wie ein dahindonnernder Hochgeschwindigkeitszug, der zwar noch einen Lokführer besitzt, aber einmal in Fahrt gebracht, auch von diesem nicht mehr zu stoppen ist.“ Er war ein Grenzüberschreitender in jeder Hinsicht. Nachdem er 1959 das epochale „Kind Of Blue“-Album mit Miles Davis (und Cannonball Adderley) eingespielt hatte, nahm seine Karriere so richtig an Fahrt auf. Auf „My Favorite Things“ bewegte Coltrane sich „... durch einen Irrgarten modalen Skalenspiels ...“, er erzeugte in „Africa“ „ … die Dschungelatmosphäre eines brodelnden Bigband-Sounds ...“, er „... entdeckte in der Komposition „Olé“ die Verheißungen arabischer Tonalität ...“. Es gab herzzerreißende Kollektivimprovisationen („Ascension“), wunderbar schmachtende Balladenalben („Ballads“, „John Coltrane & Johnny Hartmann“) und natürlich „ … das Schlüsselwerk in Coltranes Leben ...“: „A Love Supreme“.
Franzo King, Bischof der „afrikanisch-orthodoxen Kirche“ war der Überzeugung, Coltrane sei „ … ein Fenster zum Himmel ...“.
Kermper beschreibt in einer wunderbaren Prosa-Sprache einen der wichtigsten Musiker des Jazz. Seine Entwicklung, seine Einflüsse, seine Verzweiflung, seine Sucht, seine Spiritualität und seine Sternstunden. Natürlich war Coltrane, wie alle großen Künstler, ein Mensch mit Widersprüchen – aus denen sich jedoch ein kreatives Spannungsverhältnis zu seiner Kunst ablesen lässt. Und dieses (klangliche) Bewegen zwischen den Extremen macht Peter Kemper in seinem Buch deutlich. Bis hin zu Coltranes zu frühem Tod. Der Saxophonist starb 1967 gerade einmal 40jährig. Mit ihm ging ein goldenes Zeitalter des Jazz unter. Bis heute gibt es niemanden, der auch nur annähernd die Spuren, die Coltrane hinterlassen hat, auszufüllen in der Lage wäre.
Jörg Konrad

Peter Kemper
„John Coltrane – Biographie einer Jazz-Ikone“
Reclam
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Freitag 10.07.2026
Christoph Wagner „Freak Sounds – Musik abseits der Norm“
Was haben Musikinstrumente wie das Sphärophon, das Terpodion, die Singende Säge, die Melodica, die Glasharmonika oder das Clavinet gemeinsam? Christoph Wagner, Musikjournalist, fasst sie alle (und noch weit mehr) in seinem neuen Buch unter dem Titel „Freak-Sounds, Musik abseits der Norm“ zusammen. Auf über 280 Seiten und aufgeteilt in neun Überkapiteln, durchkämmt der 1956 in Balingen geborene Wagner die Klassik, die Avantgarde, Rock und Jazz, Blues und Neue E-Musik, Soundtracks und Reggea nach neuen ungewöhnlichen Instrumenten und deren manchmal doch recht verblüffenden Klängen. Er nennt, zitiert und lässt Musiker, die diese Instrumente spielen, zu Wort kommen. Er stellt Instrumentenbauer vor und nennt weiterführende Hörbeispiele – weil es letztendlich absurd erscheint, über originelle Sounds zu schreiben, ohne diese auch nachhören zu können.
Wagner interviewt die Interpretin Margaret Leng Tan bezüglich John Cage und seinem präparierten Piano, er befragt Don Preston über seine „ultrakomplizierte Musik“ und seine Zusammenarbeit mit Frank Zappa und Meredith Monk, es kommt Comic-Zeichner Robert Crumb und dessen Obsession des Schellackplatten-Sammelns zu Wort und auch Zakir Hussain (über indische Trommeltraditionen) oder Kudsi Erguner (über die Töne der Frömmigkeit) finden in diesem Buch ihren Platz.
Wagner gibt auch den bizarrsten und skurrilsten Klängen Raum, befreit sie aus ihrer Außenseiterrolle und macht zugleich deutlich, in welchen Mainstreamproduktionen diese manchmal zweckentfremdeten, exotischen Instrumente wie selbstverständlich genutzt werden.
Wagner durchleuchtet musikalische Visionen, Mikrotonalität und Polymetrik, blickt hinter akustische Rätselwelten und gibt, bei aller Aufklärung, neue Denkanstöße.
Dieses Buch ist spannend, macht Lust auf eigenwillige Musik und öffnet zugleich Türen zu neuen Klanghorizonten. Und das ist weit mehr, als man einem Buch über Musik vordergründig zutraut.
Jörg Konrad

Christoph Wagner
„Freak Sounds – Musik abseits der Norm“
Edition Neue Zeitschrift für Musik
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Freitag 05.06.2026
Siri Hustvedt „Ghost Stories“
Seine Jeans, T-Shirts, Pullover und seinen einzigen Anzug hat sie verschenkt, doch die lammfellgefütterte Lederjacke, die er so lange getragen hat, will sie behalten. „Ich möchte mich in dieses Überbleibsel des Geliebten einhüllen, solange es zusammenhält.“
Das New-Yorker Schriftstellerpaar Siri Hustvedt und Paul Auster war über Jahrzehnte das intellektuelle Zentrum der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Paul Auster ist im April 2024 in dem gemeinsamen Haus in Brooklyn an Lungenkrebs gestorben. 43 Jahre lang waren sie verheiratet. Nach seinem Tod fühlt Siri Hustvedt ein „reißendes Loch“ in ihrem Inneren, als wären Teile von ihr amputiert worden. Ihr Alltag ist kaum noch zu bewältigen, sie findet sich in vertrauten Straßen nicht mehr zurecht und wird von heftigen körperlichen Beschwerden gepeinigt. Schreiben ist ihr Weg, wieder Halt zu finden und der Versuch, „etwas von dem Mann zurückzubringen, etwas davon, was er für mich war.“ Aus Schilderungen ihrer Trauer, aus Krankheitsberichten an Freundinnen und Freunde, Tagebucheinträgen, Liebesbriefen, Reflexionen und Austers Briefen an seinen Enkel Miles ist mit „Ghost Stories“ ein sehr persönliches Erinnerungs- und Trauerbuch entstanden.
Kurz vor seinem Tod hat Paul Auster zu seiner Frau gesagt, er sehne sich danach, als Geist zu ihr zurückzukehren. Und tatsächlich hat sie am Tag seiner Beerdigung eine seltsame Erscheinung: Als sie allein im Schlafzimmer ist, meint sie mit untrüglicher Sicherheit, ihren Mann neben sich zu spüren. Und in den folgenden Monaten riecht sie immer wieder den tröstlichen Duft seiner Zigarillos, obwohl niemand in ihrer Nähe raucht.
Siri Hustvedt hat sich viel mit Neurowissenschaften beschäftigt. So wie sie in ihrem Buch „Die zitternde Frau“ ihr eigenes Nervenleiden analysiert hat, versucht sie nun auch durch die Lektüre zahlreicher Studien über Trauerverhalten und paranormale Erscheinungen ihre Wahrnehmungen einzuordnen. Sind sie auf eine tatsächliche magische Anwesenheit zurückzuführen oder ein Trick ihres Nervensystems, ihr die Trauer erträglicher zu machen? Auf jeden Fall ist „Ghost Stories“ der Versuch, den Geist ihres geliebten Mannes auf Papier zu bannen.
Auch mit seiner Krebserkrankung setzt sie sich auf wissenschaftlicher Basis auseinander. Wenn es auch nicht die einzige Ursache für seine Krankheit war, so ist sie sich doch sicher, dass sein Immunsystem durch ein furchtbares Ereignis in seiner Familie massiv geschwächt war. Zwei Jahre vor Paul Austers Tod wurde sein Sohn Daniel aus erster Ehe wegen fahrlässiger Tötung seiner einjährigen Tochter verhaftet, die unter seiner Obhut an Drogen starb. Daniel selbst wurde kurz danach mit einer Überdosis tot aufgefunden. Das war ein Skandal, der weltweit durch die Medien ging und Austers letzte Jahre überschattete.
Doch trotz der schrecklichen Dinge in beider Leben ist „Ghost Stories“ nicht nur ein bewegendes Buch der Trauer, sondern auch die hinreißende Geschichte einer großen Liebe. Siri Hustvedt erzählt von ihrer innigen Beziehung, die durch fortwährenden Gedankenaustausch und Unterstützung geprägt war. Beide bewunderten die Arbeit des anderen, lasen gegenseitig ihre Texte, kommentierten und korrigierten sie und lebten überhaupt „in den Seiten von Büchern“.
Bartleby, der Schreiber aus der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville war für Paul Auster eine besonders wichtige literarische Figur. In Bartlebys berühmtem Satz „Ich möchte lieber nicht“ erkannte Auster seinen eigenen Widerstand gegen jeden Druck von außen. Hustvedt betont seine innere Freiheit, mit der er mehr als dreißig Bücher verfasste, unbeirrt von Lob, Gleichgültigkeit oder Ablehnung der Menge. Sie schildert ihn als warmherzigen, humorvollen Familienmenschen, dessen Unbestechlichkeit auch seinen Umgang mit dem Ruhm als Autor bestimmte, zu dem nicht zuletzt sein gutes Aussehen beitrug. Zeitweise wurde er wie ein Popstar verehrt. Das war Auster vor allem peinlich, und allen Versuchen, ihn für gut bezahlte Werbezwecke einzuspannen, widerstand er. Dass seine ebenfalls schreibende Frau lange in seinem Schatten stand, bis sie als eigenständige literarische Stimme international bekannt wurde, verstärkte nicht nur ihre, sondern auch seine feministische Einstellung.
Beide Autoren waren seit ihrer Jugend politisch aktiv. Die Wahl von Trump zum amerikanischen Präsidenten, den Siri Hustvedt wie Paul Auster nur die Nummer 45 bzw. 47 nennt, erfüllte beide mit Grauen. Gegenüber dem Erstarken des Faschismus, dem „Spektakel der Grausamkeit“ in den USA fühlt sie sich nach dem Tod ihres Mannes besonders machtlos und voller Angst um die Zukunft ihres Landes und ihrer Familie. Und doch hat das Schreiben ihres beglückend liebevollen und klugen Erinnerungsbuches ihr auch neue Kraft gegeben. Auf den letzten Seiten heißt es: „Wir alle sterben, aber ich hatte ihn in meinem Leben, und weil ich ihn hatte, bin ich nicht, die ich war, als ich ihn kennenlernte, sondern jemand anderes – besser, wärmer, robuster, klüger.“
Lilly Munzinger, Gauting

Siri Hustvedt
„Ghost Stories“
Rowohlt
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Donnerstag 28.05.2026
Steffen Kopetzky „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“
In der Literatur ist er der meist beschriebene Berg Deutschlands: Der Brocken. Trotz seiner nur 1.141 Meter Höhe ist er ein Mythos, der Hort von Sagen und Schreckensgestalten, das neben Berlin vielleicht einprägsamste Sinnbild der deutschen Teilung, eine urige Gebirgslandschaft mit tiefen Schluchten, Mooren und dunklen Wäldern. Zweihundert Jahre, nachdem Heinrich Heine seine „Harzreise“ unternommen und literarisch fixiert hat, begab sich Autor Steffen Kopetzky auf dessen Spuren. Er durchwanderte den Harz von Northeim im Süden Niedersachsens nach Rübeland und seinen Tropfsteinhöhlen in Sachsen-Anhalt. Zu Fuß von West nach Ost, 160 Kilometer geradewegs über den Bocksberg, wie der Brocken im Volksmund auch genannt wird. Und so wie in Heines „Harzreise“ ist auch Kopetzkys Text weit mehr als eine reine Landschaftsbeschreibung.
Kopetzky erzählt in „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“ von seinen Begegnungen mit Menschen jeden Alters, umschreibt ihre Befindlichkeiten, ihre Nöte und Befürchtungen, deren Verarbeitung des politischen Wandels, der in den zurückliegenden Jahrzehnten hier stattgefunden hat. Er schildert die Auswirkungen der oft geleugneten, aber im Harz deutlich sichtbaren Klimakrise, verflüchtigt sich in romantische und poetische Träumereien, erwähnt die einstigen Bergleute der Region und die (nur vordergründige) Magie einer Eisenbahnlinie mit historischen, jedoch die Umwelt enorm belastenden Dampflokomotiven quer durch den Wald. Clausthaler Alkoholfrei findet er nicht (auch nicht in Clausthal-Zellerfeld im Landkreis Goslar) – dafür Schierker Feuerstein (ein hochprozentiger Kräuter) im Ostharz.
Kopetzky spricht mit Förstern, Kneipenwirten und Hotelmanagern, mit Museumsführern und Neonazis. Was er mitteilt ist eine Momentaufnahme deutscher Befindlichkeiten der Gegenwart, eine Art Psychogramm über Land und Leute, wie man es nie im Urlaub mit dem Auto, geschweige mit dem Flugzeug erlebt. Diese Erlebnisse kann man sich nur erwandern - am besten ohne Begleitung.
Jörg Konrad

Steffen Kopetzky
„Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“
Rowohlt
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