Die deutsche Journalistin und Slawistin Christiane Hoffmann ist eine ausgewiesene Russlandexpertin. Sie arbeitete in unterschiedlichen Funktionen für die FAZ und den Spiegel, lebte mehrere Jahre lang als Korrespondentin in Moskau und war u.a. stellvertretene Sprecherin der rot-grünen Bundesregierung. Heute lebt sie als freie Aurorin in Berlin. Am 24. Februar 2022, an dem Tag, als Putin die Ukraine überfiel, erreichte sie die Nachricht vom Suizid einer ihrer engsten Freundinnen. Die zeitliche Koinzidenz dieser beiden Katastrophen, der privaten und der politischen, ist für Hoffmann kein Zufall. Sie empfindet einen engen Zusammenhang der beiden Ereignisse. Ihr hervorragend geschriebenes Buch „Die Träume, die wir hatten“ vereint die scharfsichtige Analyse der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Russlands in den letzten Jahrzehnten mit einem bewegenden persönlichen Zeugnis. Es erzählt vom Schmerz über den Tod ihrer Freundin und von der Entfremdung von einem Land, das ihr einst so viel bedeutete. Immer wieder stellt sich die Autorin die Fragen: Wie konnte es dazu kommen? Hätte ich den Suizid meiner Freundin abwenden können? Hätten wir, hätte der Westen mehr tun können, um den Ukrainekrieg zu verhindern?
Christiane Hoffmann lernt ihre Freundin, deren Name nie genannt wird und der sie in ihrem Buch ein Denkmal setzt, während des gemeinsamen Slawistik-Studiums kennen. Die beiden verbindet die Liebe zur russischen Literatur, vor allem zu Anna Achmatowa, und die Faszination für die russische Kultur, die während der Glasnost neue Impulse setzen und Freiräume erobern kann. Nach dem Ende der Perestrojka und dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 erleben die Freundinnen die Euphorie dieser Zeit. Sie feiern mit russischen Freunden, reisen in die nun unabhängige Ukraine und nach Russland, die Freundin heiratet einen russischen Künstler. Doch die Hoffnung auf mehr Freiheit, auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit währt nur kurz.
Die neunziger Jahre sind für die Autorin entscheidend, um den weiteren Weg Russlands bis zu Putin und sein Verhältnis zur Ukraine und zum Westen besser verstehen zu können. Sie schildert den Übergang zum zügellosen Kapitalismus unter Jelzin als „neoliberale Schocktherapie“, die zu katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnissen, Rechtlosigkeit, Gewalt, einer enormen sozialen Spaltung und dem Aufstieg der Oligarchen geführt hat.
Hoffmann lässt nie einen Zweifel daran, dass sie Putin für einen brutalen Aggressor hält, der in einer hermetischen, realitätsfernen Welt lebt und im Wahn versinkt. „Nichts kann Putins Vorgehen rechtfertigen.“ Doch sie gibt auch dem Westen eine Mitschuld an der Entwicklung und registriert etliche Versäumnisse. Vor allem kritisiert sie, dass der Westen an der Nato-Osterweiterung festgehalten und russische Interessen, wie berechtigt oder unberechtigt sie auch immer waren, nicht berücksichtigt hat. Sie schreibt, dass es zumindest politisch unklug war, Russlands Einwände zu ignorieren. Damit wurde die Idee eines gemeinsamen europäischen Sicherheitssystem unter Einbeziehung Russlands unmöglich gemacht. Unter Putin entladen sich nun die Gefühle von „Demütigung und Großmachthybris“ in einem brutalen Krieg.
Die Autorin hat auch eine Liste von persönlichen Versäumnissen ihrer Freundin gegenüber aufgestellt. Die schöne, vielgeliebte Freundin, die so stark und selbstbewusst wirkte, versank nach dem Tod ihres Mannes immer mehr in einer Depression. Hätte sie sich mehr um sie kümmern sollen? Die Anzeichen früher erkennen müssen? Doch andererseits: Ist es nicht Selbstüberschätzung, zu meinen, sie hätte ihre Freundin, die an einer bipolaren Störung litt, vom Suizid abhalten können? Und hatte der Westen wirklich einen so großen Einfluss auf Russland, dass er dessen Entwicklung zu einer menschenverachtenden, nationalistischen, militaristischen Diktatur hätte aufhalten können?
Christiane Hoffmann gibt in ihrem ebenso so klugen wie differenzierten Buch keine einfachen Antworten, sondern Denkanstöße. In ihrer Trauer können sich all die Menschen wiederfinden, die von einem friedlichen, geeinten, demokratischen Europa geträumt haben. Stattdessen müssen sie nun einen grausamen Krieg mit tausenden Toten und unendlichem Leid in einem Nachbarland und die schleichende Gefahr durch einen hybriden Krieg im eigenen Land erleben.
Lilly Munzinger, Gauting
Christiane Hoffmann
„Die Träume, die wir hatten - Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“
C.H. Beck Verlag
„Die Träume, die wir hatten - Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“
C.H. Beck Verlag

























