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1. The Golden Record
2. Vor 50 Jahren: Chick Corea „Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Imp...
3. Franco Ambrosetti „Lost Within You“
4. Ragnhild Hemsing „RØTA – Violin and Hardanger Fiddle“
5. Enrico Pieranunzi & Thomas Fonnesbaek „The Real You“; Enrico Pi...
6. ASC „Trans-Neptunian Objects“ & „Trans-Neptunian Objects ...
Sonntag 28.02.2021
The Golden Record
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Was haben das Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach, die Initiationsgesänge von Pygmäenmädchen aus Zaire, der „Melancholy Blues“ von Louis Armstrong und seinen Hot Seven und der von Surshri Kesa Bai Kerkar gesungene indische Raga „Jaat Kahan Ho“ gemeinsam? Abgesehen davon, dass es sich bei all den vier genannten um Musikstücke handelt, befinden sich diese Titel gemeinsam auf den sogenannten Golden Records und sind seit fast viereinhalb Jahrzehnten auf großer Reise. Nämlich an Bord der Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2, momentan zwischen 152 und 126 AE (ca. 20 Milliarden Kilometer) von der Erde entfernt, mit Kurs auf die Außengrenzen unseres Sonnensystems.
Die Voyager Sonden sollten der Erforschung des äußeren Planetensystems und des interstellaren Raums dienen (Kosmos 89.: Familienporträt unseres Sonnensystems). Seit ihrem Start 1977 erkunden sie nun bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa 61.000 km/h verlässlich das Weltall. Mit an Bord jene Golden Records, auf der Bild- und Audio-Informationen über die Menschheit gespeichert sind, um eventuell "auftauchende" Außerirdische über das Leben auf unserem Heimatplaneten zu informieren.
Die Idee für diese friedliche Botschaft der Menschheit hatte der amerikanische Astronom und Astrophysiker Carl Sagan. „Uns ging es darum, jenen Wesen etwas über uns selbst mitzuteilen, etwas, das vielleicht nur uns auszeichnet“, schrieb Sagan in seinem Buch „Unser Kosmos – eine Reise durch das Weltall“. Und Musik gehört nun einmal zu jenen Dingen, die sowohl menschliche Intelligenz, als auch emotionales Empfinden zum Ausdruck bringt. Zudem befinden sich auf den Golden Records, die auch als „Goldene Schallplatte für Aliens“ genannt wurde, Grußbotschaften in verschiedenen Sprachen, Naturgeräusche, die Stellung unserer Sonne und unseres Planeten in der Milchstraße und unserem Sonnensystem, einige mathematische Definitionen und physikalische Größen, Bilder zur Anatomie des Menschen und zur Biologie allgemein sowie viele andere naturwissenschaftliche Darstellungen.
Bei den "Golden Records" selbst handelt es sich um vergoldete Kupferscheiben, die den Durchmesser einer LP (Langspielplatte) haben. Ein Teil dieser Platten ist mit Uranium-238 beschichtet, das eine Halbwertszeit von 4.468 Milliarden Jahren besitzt. Mit entsprechendem Wissen kann daran deren Alter bestimmt werden.
Neben den vier oben genannten Musikstücken befindet sich auf den Platten zudem Musik von Ludwig van Beethoven (1. Satz der 5. Sinfonie), von Wolfgang Amadeus Mozart („Arie der Königin der Nacht“ aus "Die Zauberflöte“), Volksmusik der Aborigines, aus Neuguinea und aus Japan. Es sind aserbaidschanische Sackpfeiffer zu hören, senegalesische Trommelgruppen, peruanische Hochzeitsgesänge und auch der Jahrhunderthit „Johnny B. Good“ von Chuck Berry ist enthalten. Der Klangkünstler Frieder Butzmann hält die „Golden Record“ der Voyager-Sonden für „eine schöne Zusammenstellung“: „Das ist wirklich ein Weltengemälde, auch ein Zeitengemälde, eine der abwechslungsreichsten Langspielplatten der Menschheitsgeschichte, und sie stellt durchaus etwas dar. Das Spannende ist aber nicht die Musik an sich (…), sondern es ist mehr die Idee, was damit gemacht wird, wo das hingeht, wofür das da ist, wo das vielleicht endet und ob es vielleicht nie endet.“
Timothy Ferris, Wissenschafts-Autor, Journalist und Professor an der Universität von Kalifornien, Berkeley hat über Jahre auch für das amerikanische Musikmagazin ROLLING STONE geschrieben und war für die Musikauswahl der "Golden Record" mit verantwortlich. In einem Interview wurde er vor einigen Jahren gefragt, warum er sich zum Beispiel für Chuck Berry entschied: „Wir wollten nichts auswählen, das nur „typisch Rock’n’Roll“ war, mir ging es um Exzellenz und Vielfalt, und das innerhalb nur eines Lieds. „Johnny B. Good“ erfüllt dieses Kriterium. Berry war im Gegensatz zu Hit-Musikern seiner Zeit nicht nur Interpret, sondern auch Songwriter. Fast alles, was wir heute als Rock bezeichnen, wurde von ihm erfunden.“
Ob Außerirdische auf die Voyager-Botschaften antworten werden? Ferris meint, das wir dass wohl nicht erleben werden. Eines der Raumschiffe fliegt in Richtung des Sterns Gliese (benannt nach dem deutschen Astronomen Wilhelm Gliese), der 17 Lichtjahre von der Sonne entfernmt ist und diesen in 40 000 Jahren erreichen wird.
Jörg Konrad
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Montag 22.02.2021
Vor 50 Jahren: Chick Corea „Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Improvisations Volume 2“
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Sie alle versammelten sich im Zeitraum des Übergangs von den 1960er Jahren zu den 1970er Jahren in den Bands um Miles Davis. Der charismatische Trompeter produzierte mit ihnen die ersten homogenen Synthesen aus Jazz und Rock und Psychedelic. Noch teilweise während dieser Zeit gründeten die damals blutjungen Instrumentalisten folgerichtig auch eigene Formationen, mit denen sie den Puls der zeitgenössischen Musik völlig neu definierten: John McLaughlin, Joe Zawinul, Larry Young, Tony Williams, Herbie Hancock – und auch Chick Corea. Dieser organisierte mit Gleichgesinnten Ende 1971 das Quintett Return To Forever und fusionierte hier neben Jazz und Rock vor allem latainamerikanische Musik brasilianischer Provenienz. Aus dem Quintett wurde kurze Zeit später ein Quartett, das elektronischer, rockiger und vor allem virtuoser aufspielte. Musik auf der Überholspur sozusagen, drangvoll, couragiert, explosiv. Manches klang wie Led Zeppelin auf Jazz, anderes wie Debussy als Improvisator. Genau die richtige Mischung zur richtigen Zeit, die man aber nicht nur im montäglichen, von Henning Venske moderierten „Fünf-Uhr-Club“ auf NDR 2, oder als Live-Mitschnitt aus dem Funkhaus Hamburg im Radio hören wollte. Dieses aus damaliger Zeit betrachtet Revolutionäre sollte in jedem musikalisch interessierten Haushalt auch auf Vinyl jederzeit abrufbar sein. Davon war man überzeugt.
Also wurden auch bei uns, weil abseits der Jazz-Peripherie lebend, Kontakte aufgefrischt, um das Objekt klanglicher Begierde über den Angehörigen-Versand einer Großstadt zu ordern, in der Überzeugung, allein der Name Chick Corea würde genügen, um das Idealisierte zu finden.
Doch welch eine Enttäuschung. Statt Alben wie „Hymn of the Seventh Galaxy“, „Where Have I Known You Before“ oder „No Mystery“ brachte die Post irgendwann ein Piano-Album. Genauer „Piano Improvisations Volume 2“. Klavier-Solo statt virtuoser Instrumentalgefechte, improvisierte Kammermusik statt temperamentvoller Gruppendynamik, „After Noon Song“ statt „Vulcan Worlds“.
Etwas später dann die Erkenntnis, dass diese knapp vierzig Minuten Klavier-Exkursionen in ihrer klanglichen Substanz, in ihrer interpretatorischen Abstraktion (eine Aufnahme stammt von Thelonious Monk, eine von Wayne Shorter) und in ihrer instrumental-technischen Umsetzung einem musikalischen Meilenstein sehr sehr nahe kommen. Kurz darauf drehte sich auch „Piano Improvisations Vol. 1“ (unablässig) auf dem eigenen Plattenteller. Und jetzt, im Februar 2021, kurz nach der Meldung, dass Chick Corea wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag gestorben ist, die absolute Gewissheit: „Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Improvisations Volume 2“ gehören mit zum Besten, was der Tastenkünstler der Nachwelt hinterlassen hat. Dabei ist seine Discography riesig, steht seine Spielfreude und scheinbare Mühelosigkeit in unterschiedlichsten musikalischen Genres einzigartig im Raum. Und doch sind es diese ersten frühen Aufnahmen, die so leichtfüßig und doch zwingend daherkommen, die noch etwas kindhaft Eigenwilliges und unbedarft Naives vermitteln. Es ist Musik, die sich durch ihre Natürlichkeit erschließt, die den direkten Zugang bietet, klar und kultiviert klingt. Keine grüblerische Kauzigkeit (die wir im Jazz natürlich auch zu schätzen wissen), sondern Offenheit und Hingabe und Genialität - vom ersten bis zum letzten Ton.
Jörg Konrad

Chick Corea
„Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Improvisations Volume 2“
ECM
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Dienstag 09.02.2021
Franco Ambrosetti „Lost Within You“
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Anfang der 1980er Jahre hat der Schweizer Industrielle und Musiker Franco Ambrosetti mit die besten Hartbop-Alben eines gebürtigen Europäers eingespielt. „Heartbop“ (1981), „Wings“ (1983), „Gin & Pentatonic“ (1985) und „Tentets“ (1985) zeugen von einem virtuos und großartig aufspielenden Trompeter, wie man es zu damaliger Zeit fast ausschließlich aus dem Mutterland des Jazz, den USA kannte. Franco hatte das zeitgenössische Jazzspiel von seinem Vater Flavio erlernt. Dieser war schon in jungen Jahren sein Lehrer, sowohl was das kaufmännische seines Berufs, als auch was Improvisation, Tongebung und Teamfähigkeit seiner zweiten Leidenschaft, der Musik, betraf.
Schon damals arbeitete Franco mit einem halben Dutzend handverlesener amerikanischer Instrumentalisten zusammen, die seine Ausnahmestellung im Reigen großer Trompeter unterstrichen und mit Freude in seinen Bands spielten. In diesem Jahr begeht der aus Lugano stammende Ambrosetti nun seinen 80. Geburtstag. Und wie er selbst einmal sagte, ohne die Leidenschaft des Jazz, diesem inneren Glühen für die Musik, wäre sein Leben um vieles ärmer gewesen. Im Grunde unvorstellbar. Also ist es nur logisch, dass er seine gelebten Erfahrungen bündelt und auch fast achtzigjährig ein neues Album einspielt.
Und so traf er sich im Januar letzten Jahres im New Yorker Sear Sound Studio mit alten Freunden und Weggefährten und nahm eine wunderbare Balladen-Sammlung auf. Begleitet haben ihn auf „Lost Within You“ vertraute wie John Scofield, Uri Caine, Scott Colley, Jack DeJohnette und Renee Rosnes. Neun Titel sind auf dem neuen Album zu hören. Zwei Kompositionen stammen von Franco selbst, die anderen sind Standards, Stücke, die den Trompeter und alle, die eine Jazzseele haben, ein Leben lang begleiten: „Peace“ von Horace Silver, „Body And Soul“ von John W. Green oder „Flamenco Sketches“ von Miles Davis/Bill Evans.
Dass Ambrosettis Band auch bei dieser Session überragend aufeinander abgestimmt ist, selbst im Bereich von Hochrisiko-Sequenzen perfekt, vor allem hochkonzentriert agiert, versteht sich fast von selbst. Den Raum, den sie dem Solisten Ambrosetti, hier überwiegend am Flügelhorn, lassen, nutzt dieser mit berührender Einfachheit. Hier bestimmt nicht das schillernde, in obere Stratosphären zielende Blech, mit der die Trompete wichtige Kapitel des Jazz schrieb. Verhalten, sparsam, fantasiereich formt Ambrosetti Eingängiges, umspielt die Melodien substanziell, verdichtet mit wärmendem Ton, gestaltet unaufgeregt und erkundet filigran neue Klanglandschaften. Unvergleichlich dieser weiche Ansatz und die herzergreifenden Inspirationen. Zusammenfassend kann man nur sagen: Ambrosetti's best!
Jörg Konrad

Franco Ambrosetti
„Lost Within You“
Unit
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Samstag 06.02.2021
Ragnhild Hemsing „RØTA – Violin and Hardanger Fiddle“
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Ragnhild Hemsing versucht schon seit Jahren die gemeinsamen Schnittstellen zweier musikalischer Phänomene, die nur selten gemeinschaftlich wahrgenommen werden, herauszuarbeiten, zu vereinen und letztendlich öffentlich zu präsentieren. Da ist auf der einen Seite die Volksmusik, die Folklore, die bestimmten geographischen Provinzen zugeordnet wird und oft, trotz nachbarschaftlicher Nähe, völlig unterschiedlich klingen kann. Und dann wäre auf der anderen Seite die Klassik, unterteilt und stilistisch zugeordnet ihrer jeweiligen Entstehungszeit, häufig mit einem leicht elitärem Anspruch rezipiert.
„Ich bin mit Volksmusik und klassischer Musik aufgewachsen – mit beiden,“, erzählt Ragnhild Hemsing in einem Interview, „und sie waren immer integraler Bestandteil meines Lebens“. Eigentlich nur logisch, sollte man meinen, wichtige Teile des eigenen Lebens zusammenzubringen und auf diesem Fundament eine individuelle künstlerische Sprache zu entwickeln. Doch dieses Vorgehen wird leider auch im Kunstbetrieb nicht immer und überall praktiziert.
Rangnhild Hemsing geht diesen Schritt auf ihrem Debüt-Album für Berlin Classic jedenfalls überzeugend. Nicht nur bei der Auswahl ihres Repertoires schafft sie wunderbar diesen Spagat zwischen zwei musikalischen Ausdrucksformen, sondern auch durch ihren instrumentalen Gebrauch. Denn Ragnhild Hemsig spielt sowohl Violine als auch die altehrwürdige Hardanger Fiddle.
Dabei gibt es nur wenige traditionelle Instrumente, die den Sprung in die Neuzeit unbeschadet überstanden haben. Die norwegische Hardanger Fiddle gehört zu diesen Auserwählten. Erstmals gefertigt in der Mitte des 17. Jahrhunderts und überwiegend in der Volksmusik angewandt, findet man die Kastenhalslaute heute auch in der Pop- und internationalen Folkmusik, im Jazz und, dank Rangnhild Hemsing, auch in der Klassik. Ihre musikalische Karriere begann im heimischen Elternhaus schon mit fünf Jahren. Sie spielte Geige, studierte später in Oslo und Wien und hatte dabei schon immer einen starken Bezug zur Volksmusik ihrer Heimat. Und so ist es eigentlich nur ein kleiner Schritt, sich intensiver auch mit der eigenen Kultur zu beschäftigen und die Herausforderung der Hardanger Fiddle anzunehmen.
Jeder Titel auf „Røta“ atmet norwegisches Flair. Entweder handelt es sich, wie bei einigen Titeln, um traditionelle Volksmelodien, oder die Originale stammen von klassischen norwegischen Komponisten wie Edvard Grieg oder Johan Halvorson. Andere Kompositionen hingegen sind von Tormod Tvete Vik für die Hardanger Fiddle umarrangiert worden, wie zum Beispiel Händels „Passacaglia“ in der Bearbietung von Johan Halvorsen. Hemsing spielt all diese Stücke mit spürbarer Hingabe und deutlicher Freude. Faszinieren in den Violin-Interpretationen die Eleganz, Transparenz und tänzerischer Leichtigkeit,bilden die Arrangements für die Hardanger Fiddle einen spürbaren, wie inspirierenden Kontrast und zeugen von der Wandlungsfähigkeit der Solistin. Hier die mit Lebendigkeit und Esprit aufgefüllten strengeren Klassiker – dort die etwas freieren, rhythmisch herausfordernden und melodischen Qualitäten der nordischen Folklore.
Ragnhild Hemsing hat mit „Røta“ ein stimmiges, anregendes, kurz ein außergewöhnlich berührendes Album eingespielt.
Jörg Konrad

Ragnhild Hemsing
„RØTA – Violin and Hardanger Fiddle“
Berlin Classic
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Dienstag 02.02.2021
Enrico Pieranunzi & Thomas Fonnesbaek „The Real You“; Enrico Pieranunzi & Bert Joris „Afterglow“
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Enrico Pieranunzi ist eine Art musikalischer Weltbürger. Nicht nur, dass ihn seine Tourneen in der Vergangenheit quer über vier Kontinente unserer Erde geführt haben; Auch in dem was der Pianist auf den Bühnen und in den Studios präsentiert, ist eine unglaubliche Vielseitigkeit zu spüren. Er beherrscht das klassische Fach perfekt, hat mit Chet Baker über Jahre hinweg wunderbare Bluesballaden interpretiert, mit Schlagzeuger Kenny Clarke Bebopnummern reaktiviert und immer wieder für solistische Sternstunden gesorgt. Nebenher gab es Preise und Auszeichnungen,in Frankreich mehrmals den „Django d’Or“, in Deutschland den „Echo Award“ und den Preis für den „Best International Piano Player“, in England den „Jazz in Europe Award Guinness“ und einige mehr.
Nachdem der Römer bisher schon weit über 70 Alben einspielte, kommen nun zwei Duo-Aufnahmen hinzu, deren Schlichtheit und Lyrik beeindrucken. Zum einen eine Gemeinschaftsarbeit mit dem dänischen  Bassisten Thomas Fonnesbaek unter dem Titel „The Real You“ und dann mit „Afterglow“ eine Arbeit mit seinem altvertrauten Musikerkollegen und Freund, dem holländischen Trompeter Bert Joris. Vieles von dem, was Pieranunzi hier pianistisch entwirft, klingt im ersten Moment nach schlichter Romantik und wohliger Harmonie.
Doch darunter befindet sich ein ganzes Labyrinth von theoretischen Ansätzen, musikalischen Ideen und dramaturgischen Spannungsbögen. Bei ihm geht es nicht um magisch blinkende, letztendlich sich verflüchtigende Sentimentalitäten. Ihn zieht es in die Tiefe, weit unter die Oberfläche des Schönklangs.
Pieranunzi ist ein Individualist mit der überzeugenden Gabe sensibler Empathie. Er biedert sich seinem jeweiligen Partner nicht an, sondern nimmt deren Ansätze und spontanen Gedanken auf und entwickelt daraus eigene Ideen, die wiederum das Duospiel inspirieren. Das ist jazzmusikalische Dynamik, oder Dialektik innerhalb der Tonkunst. Ganz wie man will.
„Afterglow“ strahlt aufgrund Bert Joris Trompetenspiel genreübergreifend und entwickelt seine Eleganz auf der Grundlage vertiefender zwischenmenschlicher Improvisationen. „The Real beeindruckt hingegen mehr durch seine intime Grundstimmung, der immer etwas schwereloses anhaftet.
Neben zum großen Teil eigenen, im Zuge der Aufnahme geschriebenen Kompositionen auf „Afterglow“ ist „The Real You“ Pieranunzis großem Idol, Bill Evans gewidmet. Man spürt die hingetupften, vergoldeten Akkorde, die Evans so einzigartig macht und von denen sich Pieranunzi zu recht angezogen fühlt. Und wenn er dann auch noch am Ende der Komposition „Bill And Bach“ den Thomaskantor als ganz persönlichen Favoriten zitiert, schließt sich der Kreativ-Kreis des großartigen europäischen Pianisten und musikalischen Weltbürgers Pieranunzi.
Jörg Konrad

Enrico Pieranunzi & Thomas Fonnesbaek
„The Real You“
Stunt

Enrico Pieranunzi & Bert Joris
„Afterglow“
Challenge
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Samstag 30.01.2021
ASC „Trans-Neptunian Objects“ & „Trans-Neptunian Objects II“
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Der Engländer James Clements lebt heute im sonnigen Kalifornien und ist das, was man auch in Musikerkreisen einen Workaholic nennt. Allein seit 2002 hat Clements, der unter dem Pseudonym ASC arbeitet, über einhundert Alben produziert. Man kommt auf einen Durchschnittswert von über fünf Alben pro Jahr. Eine außergewöhnliche Produktivität.
Als elektronischer Komponist versteht sich ASC als eine Art Sound-Ästhet, der auf ganz individuelle Weise mit Feldaufnahmen, elektronischem Equipment, radikalen 170BPM und eleganten Melodien spielt. Die Energie, die ASC bei seinen musikalischen Exkursionen freisetzt, könnte einem Kraftwerk gleich eine ganze Großstadt mit Strom versorgen und diese zugleich mit reichlich Emotionen speisen. James Clements gehört zu den emsigsten und nachhaltigsten Vertretern einer Musik, die zwischen Ambient und Techno, Drum & Bass und Minimal angelegt ist. Seine elektronischen Symphonien klingen ebenso zart wie unerbittlich, ebenso rhythmisch entfesselt wie auch melancholisch erfahrbar. Bei ihm geht es um Dynamik anstelle von Lautstärke (obwohl einige seiner Projekte sehr wohl eine durchdringende Komponente vertragen), um atmosphärische Feinheiten statt gewöhnlicher Aufdringlichkeit und um geometrische Präzision, die in ihrer Dekonstruktion der Songfragmente besticht.
2018 erschienen mit „Trans-Neptunian Objects“ & „Trans-Neptunian Objects II“ zwei thematische Alben, die sich inhaltlich mit Clements zweiter großer Leidenschaft beschäftigten – dem Weltraum.
Der Begriff "transneptunische Objekte" bezieht sich auf Zwergplaneten und Asteroiden, die jenseits von Neptun in unserem Sonnensystem liegen und normalerweise im Kuipergürtel zu finden sind. Sie sind, wie Klaus Huch in seinem Artikel „Der Zwergplanet Pluto“ „ … die fernsten und zugleich kältesten Himmelskörper unseres Sonnensystems ….“. Clements gießt diese Himmelskörper sozusagen in Musik, gibt ihnen einen sehr individuellen und fantasiereichen Klang. Mit seinen subtilen Sound-Scapes entwirft er dabei Bilder kosmischer Welten. Mysteriös nachhallend und in schwerelose Unendlichkeit sich verlierend. Dabei ist der Mastermind unglaublich ökonomisch, reduziert seine elektronischen Möglichkeiten auf ein Minimum und gibt den Aufnahmen damit einen stark asketischen Grundton. Ähnlich, wie er selbst sehr zurückgezogen fast bescheiden lebt und sich hauptsächlich in Studios und weniger im exaltierten Clubgeschehen bewegt.
Bemerkenswert ist in den vorliegenden Aufnahmen die sinnliche Gefühlstiefe. Hier spielt niemand unbedarft mit Emotionen, sondern lebt diese über seine Musik intelligent und wenig vorausschaubar aus. Nichts wirkt pathetisch, schon gar nicht hausbacken. Eher geheimnisvoll, unergründlich, spannungsgeladen. ASC gelingt mit diesen „Trans-Neptunian Objects“ ein fabelhafter Wurf. Klangliche Schönheit aus nächster Ferne.
Jörg Konrad

ASC
„Trans-Neptunian Objects“ &
„Trans-Neptunian Objects II“
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Autor: Siehe Artikel
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