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49. VOR 55 JAHREN: John Coltrane „A Love Supreme“
50. Vor 40 Jahren: Music Revelation Ensemble „No Wave“
51. Mathias Rüegg „Solitude Diaries“
52. Elina Duni „Lost Ships“
53. J. Peter Schwalm & Arve Henriksen „Neuzeit“
54. Sinfonieorchester Basel „Live From Stadtcasino Basel – Beethove...
Donnerstag 31.12.2020
VOR 55 JAHREN: John Coltrane „A Love Supreme“
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Mit den nur vier Titeln dieses Albums, in einer Gesamtlänge von knapp 32 Minuten, war John Coltrane 38jährig endlich am Ziel einer langen wie intensiven musikalischen Reise. Mit vollem Risiko und doch auf eine wunderbar kontrollierte Weise schuf er mit „A Love Supreme“ einen musikalischen Meilenstein, der bis heute deutliche Spuren in der universellen Jazzlandschaft hinterlassen hat. Ein expressives Meisterwerk, das die Geschichte des Jazz hörbar zum Ausdruck bringt und doch völlig neue Wege weist.
Der Saxophonist Coltrane spannte in diesem suitengleichen Jazz-Gebet auf einzigartige Weise einen spirituellen Bogen zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Universum und der Realität. Er katapultierte sich mit seinen Sheet Of Sounds in unerreichte Höhen, verharrte dort und setzte anschließend zur geläuterten Landung an. Gestützt von einem vor Intensität glühendem Trio Gleichgesinnter, die sich untereinander blind verstanden und deren Hingabe zu spielen legendär war. McCoy Tyner (Klavier), Jimmy Garrison (Bass) und Elvin Jones (Schlagzeug) zeichneten sich für ein Gerüst verantwortlich, dessen Statik bis dahin Ungehörtes möglich machte, dessen Verstrebungen kreative Freiräume ließ und selbst damalige Kritiker in der Analyse letztendlich überforderte.
Coltrane sprengte dank dieser Basis die Grenzen der modalen Grundlagen des Jazz in beeindruckender Entschlossenheit. Das „kraftvoll-hymnische“ seines Sounds bestach sowohl in seiner zugleich lyrischen Freiheit wie auch eindringlichen Schärfe. Die ständigen Steigerungen, das variierende und differenzierte Wiederholen von Themen und Motiven erinnerte an das „Call and Response“-Prinzip, wie es als Gestaltungsmittel in der afro-amerikanischen Musik traditionell genutzt wurde. Auf diese Weise bekam die Aufnahme, neben der Religiosität, eine zweite wichtige außermusikalische Dimension. Und diese beiden Botschaften, die der Spiritualität und die der kulturellen Aufarbeitung, haben ihre Gültigkeit über die Jahrzehnte bis heute nicht verloren.
Grund dafür ist aber auch die Klarheit, der durchdringende vibratolose Ton Coltranes, mit dem er unablässig neue Ideen zum Ausdruck brachte. Seine Phrasierungskunst ging unter die Haut, sie war ebenso radikal wie voller Liebe.
„A Love Supreme“, an einem einzigen Nachmittag im Dezember 1964 eingespielt, beinhaltete Ideen und Inspirationen, die Coltrane laut seiner Frau Alice schon 1947 während seiner Zeit bei der US Navy hatte und die in den folgenden Jahren in ihm reiften. Insofern war das Ergebnis dieser Aufnahme ein sehr persönliches, bewusst initiiertes musikalisches Statement, das zugleich einen Wendepunkt in der künstlerischen Orientierung Coltranes bedeutete.
„Mit Trane zu spielen, das war ein schöner Alptraum“, äußerte sich einmal der Schlagzeuger Roy Haynes über gemeinsame Auftritte mit dem Saxophonisten. Sein Pianist McCoy Tyner beschrieb Coltranes Herangehensweise einmal so: „John fand, dass Musik wie das Universum ist …. Du schaust auf und siehst die Sterne, aber jenseits von ihnen sind viele andere Sterne. Er suchte nach den Sternen, die du nicht sehen kannst.“
Es ging bei Coltrane immer um die Suche nach einem sehr individuell ausgeprägten Weg, der trotzdem etwas Allgemeingültiges vermittelte. Er arbeitete stets sehr konzentriert. Egal ob er als Sideman im berühmten Quintett des Trompeters Miles Davis zwischen 1955 bis 1960 spielte, oder gegen seine Heroinabhängigkeit ankämpfte. Die Ernsthaftigkeit seines Tuns hat viele Menschen in seinem direkten Umfeld stark beeindruckt.
Er war aber auch schon vor den Aufnahmen zu „A Love Supreme“ ein virtuoser Schwerarbeiter, der sich am Instrument aufbäumte, seine kühnen Themen predigte, als gäbe es kein morgen. Stand er nicht auf der Bühne oder im Studio übte er – oft stundenlang.
Doch erst als Coltrane den aus Philadelphia stammenden Tyner überreden konnte, bei ihm als Pianist einzusteigen, bekam seine Musik eine völlig neue Form. Tyner fand erst bei ihm zu diesen ungemein kraftvoll rhythmisierten Akkordfolgen, die zu seinem Markenzeichen werden sollten. Joachim-Ernst Berendt, der Jazzkritiker, Autor und Produzent nannte ihn einmal den „brüllenden Löwen am Steinway“.
Jimmy Garrison gehörte zu jenen Bassisten, die es verstanden, gegen anbrandende solistische  Wellen nicht nur zu bestehen, sondern zugleich mit eigenen Ideen gegen diese anzuspielen. Er war kein stoischer Rhythmusknecht, sondern ein sehr sensibler, wie komplexer Bassspieler, der selbst ein lyrisches Vokabular auch für eigene solistische Ausflüge zu nutzen verstand.
Und dann Elvin Jones, dieser mächtige, melancholische Trommler. Bei ihm pulsierten die Rhythmen, sein Spiel hatte Feuer, er war flexibel, baute unablässig Ideen in seine Begleitung, die der Gesamtmusik eine irdische Grundlage gaben. Er brachte mit seinen intensiven Spannungsbögen eine instrumentale Freiheit in die Aufnahmen, wie man sie von Schlagzeugern bis dahin nicht kannte.
Alle harmonierten in diesem Quartett großartig. Sie fühlten sich miteinander wohl und wussten relativ genau, dass sie mit „A Love Supreme“ großes vollbrachten. Doch gleichzeitig brachte diese intensive Erfahrung, diese ruhelose Suche nach dem ganz individuellen Jazz-Graal den 38jährigen Saxophonisten an seine körperlichen und mentalen Grenzen. Das Ergebnis dieser und auch folgender Einspielungen waren es ihm jedoch wert. Nur zweieinhalb Jahre später starb John Coltrane.
Jörg Konrad
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Montag 21.12.2020
Vor 40 Jahren: Music Revelation Ensemble „No Wave“
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Corona entschleunigt. Zumindest ein positiver Effekt neben den ansonsten ausnahmslos negativen Konsequenzen, die dieses Virus mit sich bringt. Aber dieses Abbremsen der alles verschlingenden Hektik schafft die Möglichkeit, nicht immer Unbekanntes entdecken „zu müssen“, sondern Vergangenes, alt Bewährtes zu genießen – oder nach Jahren neu zu erfahren. Zum Beispiel das Music Relavation Ensemble.
Dieses Quartett schlug 1980 wie ein gewaltiger Meteorit mitten in die Jazzszene ein. Vier Instrumentalisten, voll von Energie und Tatendrang. Wie sie spielten war neu, ungehört - unerhört. Ihre Musik brannte - lichterloh.
Kopf der Band war James Blood Ulmer. Ein 1942 in South Carolina geborener Gitarren-Hühne, dem es weniger um den Feinschliff im Jazz ging. Präzise Single Notes waren nicht sein Ding. Er galt als musikalischer Rohdiamant, der sein Handwerk in den 1960er Jahre in Detroit erlernte und sich als Begleiter verschiedener Soulinterpreten verdingte. Und er liebte Jimi Hendrix. Vor allem dessen urwüchsige Improvisationen auf der Basis von Rock und Blues.
In den 1970er Jahren nahm Ulmer mit der Free-Jazz-Ikone Ornette Coleman Alben auf, als dieser begann, sein sogenanntes harmolodisches System zu festigen. Aus dieser Zusammenarbeit wiederum entwickelte sich der Free-Funk, oder Punk Jazz oder eben No Wave, mit dem jenes Music Revelation Ensemble, zumindest kurzzeitig, so große Erfolge feierte. Hierbei handelt es sich um eine hochexplosive Mischung aus aufgebrochenen Rock- und Funkrhythmen, afrikanischen Einflüssen und freier Improvisation. Avantgarde zum Tanzen? Vielleicht.
Schlüsselfigur dieser Aufnahme war aber eigentlich Ronald Shannon Jackson. Ein Schlagzeuger, dessen Energielevel unerschöpflich schien. Er schuf ständig wechselnde Brücken zwischen Free-Jazz und Rock'n Roll, er zerlegte die ungeraden Rhythmen des Funk und sezierte mit physischer Direktheit die Tradition. Seinem intensiven Trommelfeuer konnte niemand entgehen. Im Gegenteil. Es wirkte ansteckend, erzeugte bei seinen Mitmusikern eine Art Motivationsschub, so dass sie spielend über die eigenen Grenzen hinausgingen.
Saxophonist war der damals 25jährige David Murray. Ein kalifornischer Heißsporn, der zwischen Tradition und Avantgarde pendelte, dessen Musikalität und Virtuosität es ihm erlaubte, sich mit blitzschnellen Ideen in Sekunden von den tiefsten Registern seines Instrumentes in die schon schmerzhaften Höhen zu schrauben. Selbst in den gewaltigen Solo-Exkursionen verlor er nie die Kontrolle. Sein Spiel vermittelte Intellektualität und Leidenschaft zu gleichen Teilen und dem Blues hatte er sowieso nie abgeschworen.
Bleibt noch Amin Ali am Bass, der für den unkonventionellen Groove des Quartetts sorgte. Auch so ein Hendrix-Jünger, dessen Aufgabe in dieser Band allein lautete: Alle drei Solisten möglichst zusammenhalten! Das gelang ihm derart beeindruckend, dass Ulmer ihn die nächsten zwei Jahrzehnte für fast all seine musikalischen Unternehmungen engagierte.
Nun, die Jazzpuristen damals sprachen in Bezug auf diese neuen musikalischen Töne von „Etikettenschwindel“ und von „Fake Jazz“. Durchgesetzt hat sich diese Spielweise letztendlich nicht. Aber Ulmer & Co waren auf jeden Fall eine Bereicherung der Szene, eine unbekümmerte Erweiterung des jazz-musikalischen Horizonts.
Jörg Konrad

Music Revelation Ensemble
„No Wave“
Moers Music
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Dienstag 08.12.2020
Mathias Rüegg „Solitude Diaries“
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Jammern hilft nicht. Das hat sich Mathias Rüegg im März dieses Jahres gesagt, als die Corona-Pandemie an Fahrt aufnahm und das öffentliche Leben nicht nur in Mitteleuropa fast zum Stillstand kam. „Ab dem Moment des Lockdowns am 16. März 2020 legte sich eine von Angst durchsetzte, unheimliche und paranoide Stimmung über die Stadt Wien, die sich selbst in den kleinsten hintersten Winkeln nicht verflüchtigte“, schreibt der einstige Chef des wohl bekanntesten österreichischen Jazz Exports, dem Vienna Art Orchestra, im Booklet seines neuen Albums „Solitude Diaries“. Rüegg setzte dieser beklemmenden Atmosphäre praktisches Tun entgegen und begann intensiv zu komponieren. Jeden Tag, exakt zwischen 18.00 und 22.00 Uhr, entstand so zwar immens pünktlich, letztendlich aber doch spontan ein kleines Klavierstück. 40 Takes - in acht Wochen.
Rüegg hat sich dabei größtenteils auf ältere Programme und damit Stücke des Vienna Art Orchestra bezogen, hat alte Gassenhauer neu vertont (Oh Du lieber Augustin), sich an Ellington, Satie und Mahler treuhänderisch verlustiert.
Eingespielt haben diese von Intensität und Flüchtigkeit gleichzeitig gekennzeichneten Skizzen ganze elf Pianisten aus dem Umfeld von Jazz und Klassik. Damit bekommen die einzelnen Kompositionen noch einmal eine völlig neue (interpretatorische) Richtung. Es sind packende Momentaufnahmen, emotionale Blitzlichtgewitter, deren Charakter auf Transparenz und Klarheit aufbaut. Egal, ob es sich dabei um klassische Motive handelt, sich mit kernigem Anschlag aus dem Fundament eines Boogie Woogie herausschält, oder ganz schlicht und fein Sentimentalitäten des Blues verarbeitet. Ein schönes, ein abwechslungsreiches Klavieralbum, so abwechslungsreich wie die Tage, die wir verleben. Samt allen Stimmungsumschwüngen, wechselnden Befindlichkeiten und Hoffnungen für die Zukunft.
Jörg Konrad

Mathias Rüegg
„Solitude Diaries“
Lotus Records
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Montag 30.11.2020
Elina Duni „Lost Ships“
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Charles Aznavour ist, neben seinen schauspielerischen Talenten, für die meisten der Inbegriff des französischen Chansonniers. Als ewiger Botschafter Frankreichs stand „der kleine Grandseigneur“ mit der großen Stimme auch in über siebzig Filmen vor der Kamera. Erst als er vor zwei Jahren starb, wurde vielen wieder bewusst, das Schahnur Waghinak Asnawurjan, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, im Grunde armenischer Abstammung war.
Für Elina Duni, die in der Schweiz lebende Sängerin mit albanischen Wurzeln, Grund genug, auf ihrem neuen Album „Lost Ship“ einen Song Aznavours in ihr Repertoire aufzunehmen. „Hier Encore“ ist der melancholisch angehauchte Blick eines alternden Menschen zurück in seine Jugend, als er die schier endlos erscheinende Kraft und den grenzenlosen Tatendrang eines Halbwüchsigen wie nebenher noch verschwendete. Elina Duni bringt in dieser Ballade in der sparsamen Begleitung von Gitarrist Rob Luft ihre ganze empathische Leidenschaft zum Ausdruck. Stolz und Trauer, Natürlichkeit und Hingabe, Geschmeidigkeit und Fragilität halten sich die Waage. Es ist eine Interpretation, die ihren Reiz aus der Einfachheit bezieht. Hier zeigt sich Elina Duni nicht als eine stimmlich virtuose Künstlerin, oder von den einschlägigen Jazz-Diven beeinflusste Sängerin. Ganz leise und unscheinbar kommt dieser Song daher, fast intim.
Das heißt aber nicht, dass sie während des gesamten Vortrags nicht auch der einen oder anderen kräftiger interpretierten Note den Vorzug gäbe. Aber in derartigen Fällen handelt es sich nur um kurze Momente, die sie sofort mit entgegengesetzten Gestaltungsmitteln wieder ausgleicht. Im Changieren unterschiedlicher Resonanzen bekommen ihre Songs diesen lebendigen, mitfühlenden Charakter. Weitab jeder Sentimentalität.
Nein, ein Paradiesvogel ist Elina Duni ganz sicher nicht. Ihre künstlerische Präsenz unterfüttert sie mit einer schlichten, reduzierten, einprägsamen Sangeskunst. Etliche Titel auf „Lost Ship“ hat sie gemeinsam mit ihrem Gitarristen Rob Luft geschrieben. Es sind Titel, in denen sie gesellschaftliche Konflikte und manch eigene schmerzliche Erfahrung verarbeitet hat und sie hier deutlich artikuliert. Und dabei ist es wichtig, bei sich zu bleiben, das eigene Wesen in das Zentrum zu stellen. Von dieser Glaubwürdigkeit zehrt ihre Kunst.
Hinzu kommen Bearbeitungen italienischer und nordamerikanischer Folklore und natürlich wunderbar stimmige Traditionals ihrer Heimat Amenien.
Dass sie tatsächlich auch eine Nummer von Frank Sinatra im Programm hat, verwundert zumindest in der Theorie. Hört man dann „I'm A Fool To Want You“, natürlich ohne dieses überarrangierte, zum dahinschmelzen strapazierte Streichorchester, klingt der Song aus dem Mund von Elina Duni völlig logisch. Man würde denken, er sei ihr wie auf die Seele geschrieben. Und damit kann man ihr eigentlich nur das schönste Kompliment überhaupt machen: Egal was sie singt, immer bleibt sie bei sich, ist ihre Persönlichkeit zu spüren, bekommt der Song eine ganz individuelle Note.
Jörg Konrad

Elina Duni
„Lost Ships“
ECM
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Mittwoch 25.11.2020
J. Peter Schwalm & Arve Henriksen „Neuzeit“
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„Neuzeit“ - der Titel  ist Programm. J. Peter Schwalm schrieb im Februar dieses Jahres, als das Leben in den urbanen Metropolen weltweit zum erliegen kam, als die ersten Menschen an Covid19 erkrankten und starben, als die vergleichenden Statistiken begannen die Nachrichtensendungen zu dominieren, die ersten Stücke für dieses Album. Ihm war es klar, dass ein neues Zeitalter anbrechen würde. Die sich rasend schnell ausbreitende Pandemie, die Wahrscheinlichkeit des Klimawandels, die populistischen Verschrobenheiten von Führungspolitikern bestimmen bis heute den Zeitgeist. In welche Richtung entwickelt sich die Menschheit? „Es gibt Möglichkeiten, die Dinge in Ordnung zu bringen“, meint der elektroakustische Komponist, der durch seine jahrelange Zusammenarbeit mit Brian Eno bekannt wurde. „Natürlich hat immer alles eine dunkle Seite.“
Für sein Projekt „Neuzeit“ nahm Schwalm Kontakt mit dem Trompeter, Perkussionisten und Sänger Arve Henriksen auf. Der Norweger hat schon in der Vergangenheit bemerkenswerte Aufnahmen eingespielt. Neben etlichen Produktionen unter eigenem Namen, die überwiegend im Grenzbereich von Elektronik, Jazz, Klassik und Folklore angesiedelt sind, ist er auch Gründungsmitglied des seit über 20 Jahren bestehenden Free-Space-Ambient-Projekts Supersilent.
Beide, Schwalm und Henriksen, finden auf „Neuzeit“ geistesverwandt zueinander. Sie verbinden ihre Lebenseinstellungen und musikalischen Horizonte und schaffen weit mehr als einen Sound-Kommentar in diesen instabilen Zeiten. Ausgehend davon, dass es für diese Aufnahmen keine persönlichen Kontakte gab, lebt das Album trotzdem von einer sehr persönlichen, lebendigen Wärme. Auch wenn das Mahnende, das Nachdenkliche, wie auch das Zweifelnde in allen acht Stücken deutlich zu spüren ist, vermittelt ein Großteil der Musik Zuversicht, einer vom Humanismus und Klangideal gespeisten Zuversicht.  
Denn aus den dunkel gefärbten Soundcollagen wachsen immer wieder kleine, zarte, gebrechliche Leitmotive, die sich an den wenigen rhythmischen Verstrebungen originell emporranken. Es sind lyrisch sangbare Linien, reduzierte poetische Perspektiven, die den Raum unvergleichlich ausfüllen. Zum Steine erweichen.  
Jörg Konrad

J. Peter Schwalm & Arve Henriksen
„Neuzeit“
Rare Noise
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Montag 16.11.2020
Sinfonieorchester Basel „Live From Stadtcasino Basel – Beethoven, Satie, Strauss, Dvorak“
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Das Stadtcasino Basel ist ein Musentemplel par excellenc. Der 1876 errichtete Konzertsaal in der  drittgrößten Stadt der Schweiz wurde nach vier Jahren Umbauzeit im Sommer dieses Jahres wieder eröffnet. Zum Auftakt spielte das hier beheimatete Sinfonieorchester Basel. Auf dem Programm: Eine Zusammenstellung hochangesehener Komponisten unterschiedlichster Epochen.
Herzstück des Eröffnungsabend war Antonin Dvoraks Symphony Nr. 9 „From The New World“. Ein Stück, das das inspirierende Ergebnis des dreijährigen Aufenthaltes von Dvorak in den USA zum Ausdruck bringt und sicher zu den bekanntesten (und am häufigsten aufgenommen) Kompositionen des im böhmischen Nelahozeves geborenen Tonsetzers gehört. Das Baseler Sinfonieorchester interpretiert die rhythmischen und harmonischen Eigenheiten, die auf Einflüsse indianischer und afroamerikanischer Kulturen beruhen, mit erfrischender Weitläufigkeit. Die zum Tail schroff ausgearbeiteten Kontraste der Musik leben von einer mitreißenden Dynamik, der es weder an Klarheit, noch an Emotion mangelt. Das Stück selbst atmet tatsächlich einen Hauch „exotische Welt“ und erinnert insgesamt an die Herangehensweise Dvoraks, der sich vielen seiner kompositorischen Arbeiten über die Folklore näherte.
Eröffnet wird das vorliegende Album mit einem Stück von, wie kann es anders sein, Ludwig van Beethoven. Hier handelt es sich um die Overtüre aus „Die Weihe des Hauses“, mit der schon einmal ein Musiksaal eröffnet wurde: 1822 das Theater in der Josefstadt in Wien. Dabei handelt es sich um eine Adaption des Beethoven Werkes Die Ruinen von Athen. Ein Stück von der Besetzung wie konzipiert für einen der akustisch weltweit besten Konzertsäle. Denn hier, in diesem Instrumentalwerk mit Holz- und Blechbläsern, Streichern und Pauken kommt das Potenzial des Raumklanges voll zur Geltung.
Dass das Sinfonieorchester Basel auch die leiseren, stilleren, differenzierteren Werke der Klassik beherrscht, kommt in Claude Debussy Orchesterbearbeitung der 3. Gymnopedies von Erik Satie zur Geltung. Hier ist das Schwebende, das Verweilende des Augenblicks der Klaviervorlage in eine schwärmerische Orchesterfassung übertragen. Ivor Bolton gibt den tragenden Momenten der Komposition Raum, ohne jemals oberflächlich zu wirken.
Mit Richard Strauss „Morgen!“, aus „Vier Lieder“ stellt das Orchester sein Feingefühl und seine Subtilität unter Beweis. Es unterstützt und trägt die Sopranistin Christina Landshamer, gibt ihr Halt und inspiriert die Sängerin, die bewegend und zauberhaft zugleich diese aufblühende Melodie stimmlich umspielt.
Jörg Konrad

Sinfonieorchester Basel
„Live From Stadtcasino Basel – Beethoven, Satie, Strauss, Dvorak“
Berlin Classics
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Autor: Siehe Artikel
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