Da schon seit einiger Zeit keine Veranstaltungen stattfinden und dies mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Zeit der Fall sein wird, haben wir uns entschlossen, in dieser Rubrik Texte von zurückliegenden Konzerten noch einmal zu veröffentlichen.
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7. Landsberg 05. Dezember 2018: Bugge Wesseltoft
8. Olching 16. Februar 2020: Duo Elin - Sakas
9. Puchheim PUC 12. November 2015: Franca Masu
10. München Haus der Kunst 05. Mai 2017: Peter Brötzmann & Friends
11. Landsberg 15. März 2019: Nik Bärtschs Ronin
12. Landsberg: Walter Lang Trio – Zerkratzte Oberflächen
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Mittwoch 23.12.2020
Landsberg 05. Dezember 2018: Bugge Wesseltoft
Bugge Wesseltoft - Die Dramatik liegt im Detail

Landsberg. Am Mittwoch gastierte nach Tord Gustavsen am Wochenende der nächste Skandinavier in Landsberg: Bugge Wesseltoft, Jahrgang 74, von Beruf Pianist. Er spielt aber, wenn`s drauf ankommt, auch perfekt das Rhodes, den Prophet 5, Synthesizer, Live Electronics, Percussion. Seltener hingegen singt er. Selbst im gut sortierten Plattenladen ist er nicht immer leicht zu finden. Denn mal spielt er Jazz, mal spielt er Klassik, mal findet man ihn unter EDM (Electronic Dance Music), mal unter Worldmusic. Und einmal im Jahr liegt ein Album von ihm in jeder gut sortierten Weihnachtsdeko. Letzteres nun schon seit über zwei Jahrzehnten. Denn 1997 erschien sein Dauerbrenner „It`s Snowing On My Piano“ (Act) der jährlich neue Käufer und Fans des Pianisten findet.
Wenn er dieses jahreszeitlich klar umrissene Programm im Konzert präsentiert, dann reicht dem Norweger ein Flügel und ein aufmerksames Publikum. Das Repertoire hierfür hat Wesseltoft seit seiner Kindheit im Kopf: „In Dulce Jubilo“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Deilig Er Jordan“ und als Zugabe „Stille Nacht“. Nur klingen diese weihnachtlichen Evergreens bei ihm wie in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit gespielt. Er löst sozusagen fest eingebrannte Koordinaten auf, steckt mit Traditionen neue Areale ab.
Wie hingetupft kommen die Noten, weit verzögert die Melodie. Manchmal dauert es auch eine Weile, bis man den Song überhaupt erkennt. So sparsam sind die Harmonien gesetzt, so zaghaft kommen die Themen zum Vorschein. Wesseltoft zerlegt das weihnachtliche Miteinander, blickt unter die festlich glänzende Oberfläche dieser Songs und schneidert ihnen musikalisch ein neues, ein sehr persönlichen Gewand. Es ist eine Art klangliche Befreiungsaktion und macht deutlich, das Revolutionen nicht unbedingt mit Lautstärke und überbordendem Temperament einhergehen müssen. Die Dramatik liegt im Detail. Das Publikum jedenfalls ist wie narkotisiert von dieser Stille, von dieser spürbaren Intimität. Und selbst größte Weihnachtsmuffel bekommen in solchen Augenblicken feuchte Augen.
Um die Stimmung ein wenig aufzulockern spielte Wesseltoft noch drei Coversongs aus seinem Album „Ecerybody Loves Angels“. Und egal, ob er „Bridge Over Troubeld Water“, „Blowing In The Wind“ oder „Let It Be“ interpretiert: Er bleibt sich an diesem Abend treu, sucht die stille Variante der Kommunikation, macht das Klavier zu einem weihevollen Instrument, das an diesem Abend mehr für die klanglichen Mikrostrukturen zuständig ist. Zwischen höchster Konzentration und lyrischem Sichgehenlassen.
Vielleicht hilft an dieser Stelle der Geist von Karlheinz Stockhausen weiter, der einmal sagte: „Je mehr Menschen sich nach vorgegebenen Formen, Leitbildern, Klischees sehnen, um so einmaliger, unwiederbringlicher, esoterischer muss die Form werden.“ Und wenn eben das ganze Forum auf ganz eigenwillige Weise am Ende eines solchen Musikabends mitsingt, scheint das Ziel erreicht. Dann an dieser Stelle schon mal: Frohes Fest!
Jörg Konrad (www.kultkomplott.de; Augsburger Allgemeine Zeitung)
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Montag 14.12.2020
Olching 16. Februar 2020: Duo Elin - Sakas
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© Thomas Radlwimmer
Duo Christian Elin & Maruan Sakas – Glänzender Dialog

Olching. Es ist noch ein paar Tage hin, bis ihr neues, ihr zweites Album erscheint. „Mittsommernacht“ (Raccanto) enthält acht Kompositionen, die ebenso leicht durch den Raum schweben, wie sie den Hörer herausfordern. Es ist Musik, die anregt und dabei eine Spur beruhigend wirkt. Musik, die sich offen in unterschiedliche Richtungen entwickelt und die verschiedene Stilistiken in sich vereint.
Die Protagonisten dieser interaktiven Spielweise sind das Duo Christian Elin und Maruan Sakas. Seit fünf Jahren arbeiten sie gemeinsam und waren in diesem Zeitraum heute zum vierten Mal in Olching. Auf dem Programm im 180.(!!) Konzert der Reihe „Eleven-Eleven“ eben jenes neue Album.
Was die beiden in der Kulturwerkstatt am Olchinger Mühlbach (KOM) präsentierten, kam der kammermusikalischen Matinee sehr entgegen. Beide Instrumente, Klavier (Sakas) und Saxophon & Bass-Klarinette (Elin) waren in einem glänzenden Dialog, der tatsächlich wie ein intelligentes und unterhaltsames Gespräch daherkam. Die Einflüsse, die die Instrumentalisten in diesem Repertoire verarbeiteten, besaßen etwas weltläufiges. Es gab Bezüge zur arabischen Kultur, zu asiatischen Volksmusiken, das Duo verneigte sich tief vor der Arbeit Manfred Eichers und seinem Münchner ECM-Label (das im letzten Jahr sein 50. Gründungsjubiläum beging) und natürlich vor französischen impressionistischen Komponisten.
Das alles reicherten Christian Elin und Maruan Sakas mit jazzmusikalischen Querverbindungen an. Dabei wurde mit introvertierter Leidenschaft und in pastellfarbenen Tönen improvisiert. So entstanden Klangbilder, die einem Soundtrack nahe kommen. Die einzelnen Titel („Dancing With Dolphins“, „Mittsommernacht“ oder „Istanbul“) unterstützten diese Allegorien enorm.
Das gesamte Konzert war ein Destilat aus wunderbaren Melodien, den geschmeidige Harmonien zugrunde lagen und die auch ohne Schlagwerker in ihrer oft polyrhythmischen Stimulation faszinierten. Trotz aller solistischer Könnerschaft war es vor allem das musikalische Miteinander, das Ineinandergreifen von Inspiration und Empathie, das diesen späten Vormittag zu etwas ganz Besonderen hat werden lassen.
Jörg Konrad (KultKomplott)



Duo Christian Elin & Maruan Sakas - Innerer Austausch von Ideen und Überzeugungen

Beide trotzen sie der Musik Schönheit ab. Nicht puren Wohlklang und schon gar keine zuckersüße Melodienpracht. Das wäre zu banal. Denn Anmut und Eleganz bestimmen ihren Vortrag. Intensität trotz Introvertiertheit, Spontanität trotz notierter Grundlage, Balance trotz Vielfalt. Christian Elin und Maruan Sakas waren am Sonntag im Olchinger KOM zu Gast. Es war das mittlerweile 180.(!) Konzert im 15. Jahr der erfolgreichen Matinee „Eleven-Eleven“. Ein Termin, den sich auch das Bayrische Fernsehen und sein Musikmagazin „KlickKlack“ an diesem Vormittag nicht hat entgehen lassen.   
Und dass der Saal fast bis auf den letzten Platz gefüllt war, lag mit Sicherheit an dem Eindruck, den das Duo an gleicher Stelle bei seinen letzten Auftritten hinterlassen hat. Mittlerweile waren Elin und Sakas zum vierten Mal in Olching. Sie selbst sprachen in diesem Zusammenhang von einer Art Wohnzimmer, in das sie immer wieder gern kommen. Diesmal stand ihr neues Album „Mittsommernacht“ (Raccanto) auf dem Programm, das in der kommenden Woche erscheint.
Saxophon/Bassklarinette und Klavier, eine Konstellation, die klanglich wunderbar zueinander passt, jedoch außer im Jazz eher seltener zum Einsatz gelangt.
Beide Musiker kennen sich ausgezeichnet, ergänzen sich seit fünf Jahren in ihren musikalischen Neigungen, erkennen die Favoriten des jeweils anderen neidlos an und sind leidenschaftliche Instrumentalisten, die empathisch denken und solidarisch handeln. Ihr Repertoire kommt dem kammermusikalischen Anspruch der Olchinger Reihe absolut entgegen. Neben ihrer klassischen Grundrichtung irrlichtert immer wieder die Unvorhersehbarkeit des Jazz durch ihre Interpretationen, finden orientalische Wendungen und asiatische Kompositionsideen Eingang in ihre Stücke. Es sind meist pastellfarbene Töne und introspektive Haltungen, die bei ihnen in Klang gegossen werden. Keine glamourösen Standards und auch auch keine abgelegten klassischen Zitate. Stattdessen wunderbare instrumentale Dialoge, die wie ein intelligentes und unterhaltsames Gespräch daherkommen, die einem inneren Austausch von Ideen und Überzeugungen nahe sind und etwas weltläufiges verströmen.
Pianist Maruan Sakas, der Klassik und Jazz studierte, bevorzugt eine romantisch, impressionistische Herangehensweise an seinem Instrument. Das Emotionale steht in seinem musikalischen Verständnis weit vorn, was jedoch nicht bedeutet, dass er das Intellektuelle, das Lebhafte im Klavierspiel vernachlässigen würde. Denn er ist zugleich ein ausgezeichneter Techniker, ohne jedwede egozentrische Allüren. Trotz solistischer Könnerschaft ein Teamplayer, dessen Empathie und Hinwendung das Besondere darstellt.
Christian Elin liebt die Vielfalt. Neben dem Duo mit Maruan Sakas spielt er ebenfalls Kammermusik, musiziert sehr gern als Orchestermitglied, hat unter Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Kirill Petrenko oder Peter Eötvös gearbeitet und widmet sich mit Freuden (und an diesem Mittag mehrfach hörbar) Kompositionsarbeiten. Er wechselt entsprechend den benötigten Klangfarben in den einzelnen Stücken zwischen dem beschwörenden Sopransaxophon und der tiefgründigen, rauen Bassklarinette und wird dabei häufig, sozusagen als Ausgleich, getragen von Sakas perlenden Klavierfiguren, die jede Schwere inspirierend wieder aufheben.
Jörg Konrad (SZ)

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Freitag 11.12.2020
Puchheim PUC 12. November 2015: Franca Masu
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Franca Masu - Dringlichkeit und Strahlkraft

Puchheim. Die Geschichte Sardiniens ist die Geschichte der Nahtstelle zwischen Europa, Afrika und Asien, zwischen Nord und Süd, West und Ost. Mykener, Zyprer, Punier, Spanier, Römer, Byzantinier, Korsen, Schwaben, ja sogar Österreicher – sie alle suchten die Insel für kürzere oder längere Zeit auf, um sie zu erobern, als Etappe auf ihren Eroberungszügen, als Rückzugsgebiet, als Tauschpfand. Ein wechselvolles Auf und Ab, das die zweitgrößte Insel des Mittelmeeres durchlebte, ähnlich den unablässig anrollenden, mal mehr, mal weniger starken Wellen, denen sieseit Jahrtausenden trotzt.
Die Sarden erfuhren eine entsprechend wechselvolle Geschichte, die sich natürlich in ihrer Kultur niederschlug. Bis hinein in die Musik, die von all den Besetzern aus den verschiedenen Himmelsrichtungen, ob sie nun in friedlicher Absicht kamen oder nicht, einiges in sich trägt.
Als die Stimme Sardiniens wird schon seit einigen Jahren Franca Masu gefeiert. Die in Alghero geborene hat ihr stimmliches Handwerk in den kleinen Bars und Restaurants längs der westlichen Küste erlernt, hat sich hier entwickelt, hat unerschütterlich an ihrem Traum gearbeitet und verkörpert heute als eine Art singende Botschafterin ihre Heimat weltweit. Am Donnerstag war sie Gast der Reihe „Jazz Around The World“ in Puchheim. Und von Beginn an zog sie das Publikum in ihren Bann. Mit einer Stimme, die in ihrer Dringlichkeit und Strahlkraft beeindruckte, mit einem Ausdruck und einem Temperament, die schwindelnd machten und mit einer Musikalität, die schon als sensationell zu bezeichnen ist. Franca Masu hatte in ihrem Repertoire Tangos und Fados, sie sang, als eine der wenigen ihrer Heimatinsel, in katalanischer Sprache, sie interpretierte französische Chansons, leicht orientalisch angehauchte Songs und mit „Cinema Paradiso“ von Ennio Morricone auch Filmmusik. Egal was sie mit großer Geste stimmlich auch auslegte, sie machte jedes Stück zu ihrem Lied. Die Dramaturgie ihres Vortrags brachte mit spürbarer Leidenschaft all die Emotionen menschlichen Seins, der Hoffnung und auch Verzweiflung zum Ausdruck. Franca Masu phrasierte zum Glück nicht in der Art wie die großen Sängerinnen des Jazz. Und doch hat sie viel von deren Intensität und stimmlicher Gestaltungskraft aufgesogen und verarbeitet.  
Ihre musikalischen Partner Fausto Beccalossi (Akkordeon) und Oscar del Barba (Klavier) potenzierten in ihrer Begleitung den Grad der Eindringlichkeit des Abends. Besonders Beccalossi, der wunderbar die Balance zwischen virtuoser Vehemenz und melancholischer Intimität herzustellen verstand, ist ein Großer seines Fachs. Eine Art Naturgewalt, der mit Logik, Fantasie, Kalkül und Verletzlichkeit sein Instrument spielte und mit persönlichen Zwischentönen die Palette der Klangfarben noch erweiterte. Von den bisher über zwanzig Konzerten der Reihe „Jazz Around The World“ gehört der Auftritt von Franca Masu eindeutig mit zu den beeindruckendsten bisher.
Jörg Konrad 
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Samstag 05.12.2020
München Haus der Kunst 05. Mai 2017: Peter Brötzmann & Friends
Peter Brötzmann plus ….. - Volle Kraft voraus

München. Es gab Zeiten, in denen alles Neue aus den USA kam. Die Freizeit- und Fernsehkulturkultur, sagenhafte Essgewohnheiten, der Beginn der Raumfahrtentwicklung, die Sprache – in Form von Anglizismen. All dies hatte seinen Ursprung in der Neuen Welt. So auch der Jazz. Zwar spielte man ihn ebenfalls in Europa, doch alle blickten stets erwartungsvoll über den großen Teich, um zu hören, welche Veränderungen es in der Musik als nächstes gäbe. Eine Sichtweise, die auch den Beginn der Karrieren von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach vor über fünf Jahrzehnten deutlich geprägt hat. Doch sie und ihre Mitstreiter sollten diese scheinbare Abhängigkeit zugunsten einer europäischen Entwicklung im Jazz bald selber ändern.
Gestern Abend waren der in Remscheid gebürtige Saxophonist Brötzmann und der aus Berlin stammende Pianist Schlippenbach zu Gast im Münchner Haus der Kunst. Und an ihrer Seite eine illustre Schar von Gleichgesinnten. Musiker, die in der freien Improvisation zu Hause sind, Instrumentalisten, die sich von den Verlockungen des Musikmarktes nicht beeindrucken lassen, Solisten, die mit Energie und Zielstrebigkeit den eigenen Ideen folgen.
Zwar etwas in die Jahre gekommen haben sich die Alten, in ihren frühen Schaffensjahren oft von außen angefeindeten Kämpen, mit ihren Idealen gehalten und unter der Überschrift „Brötzmann plus …..“ mit der nächsten Generation zeitgenössischer Instrumentalisten zusammengetan. Auf der Bühne standen und saßen am Freitag Toshinori Kondo (Japan) Joe McPhee und Heather Leigh (USA) Marino Pliakas (Griechenland) Han Bennink (Niederlande) und präsentierten in unterschiedlichen Besetzungen ein berauschendes Fest der freien Improvisation. Es wurden Strukturen aufgelöst, neue Verbindungen unter den Gruppenmitgliedern geschaffen, Ideensplitter verdichtet, risikobewusst agiert. Es war ein ständiger Wechsel von Formen und Farben, von abrupter Spontanität und sich entwickelnder Ganzheitlichkeit.
Gleich im ersten Set standen mit Brötzmann, Schlippenbach, Kondo (Trompete) und Bennink (Schlagzeug) vier miteinander längst vertraute Freigeister auf der Bühne. Ungeschliffen und rauh, manchmal fast wuchtig und radikal trafen ihre instrumentalen Stimmen aufeinander und entwickelten immer wieder aus diesen aufschäumenden Gemeinschaftsimprovisationen Momente filigraner Poesie. Irgendwo am Horizont glaubte man eine ferne Blueskapelle zu vernehmen, die vom trommelnden Han Bennink ausging und in den Akkorden des Pianisten eine Entsprechung fand. Dann wieder der Bruch und die Hinwendung zur leidenschaftlichen Dramaturgie der Freiheit. Kreative Explosionen und wohltuende Subversivität als brillanter Spannungsbogen.
Brötzmann arbeitet schon eine Weile mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh im Duo. Und es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, zu welchen Klangerlebnissen selbst so unterschiedliche instrumentale Herangehensweisen führen. Nichts da, mit der heilen Country-Welt. Heather Leigh versteht es, mit sich überlagernden Klangkaskaden eine völlig neue Sichtweise auf ihrem Instrument zu entwerfen. Mit Brötzmann an der Seite wird aus der Pate stehenden Folklore ein pulsierendes Spiel von Distanz und Nähe, ein klangliches Umwerben, ein leidenschaftlicher Dialog zwei freier Radikale. Voller Kraft und Lust.
Den Rahmen für die beiden Konzerte am gestrigen Freitagabend und heutigen Samstag bildet die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“, die noch bis zum 20. August im Haus der Kunst zu sehen sein wird. In ihr widmen sich die Macher dem wichtigsten europäischen Plattenlabel (FMP), das von 1968 an unter der Leitung von Jost Gebers und der Beteiligung von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach europäischen Free Jazz veröffentlichte und damit eigenständig wie unabhängig den Musikern die Verantwortung für ihr Produkt übertrug.
Jörg Konrad
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Freitag 27.11.2020
Landsberg 15. März 2019: Nik Bärtschs Ronin
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©Jonas Holthaus
Nik Bärtschs Ronin -  Voll drängender Intensität

Landsberg. Es sind genau jene scheinbar nicht enden wollenden Wiederholungen, welche der Musik Nik Bärtschs etwas beinahe Rituelles geben. Diese rhythmischen Patterns und deren unablässigen, minimalen Verschiebungen, die letztendlich neue Klanghorizonte eröffnen. Diese sparsamen Variationen der Themen auf dem Fundament eines rastlos treibenden Grooves. Komponierte Askese, die von Bärtschs vital agierendem Quartett in den unterschiedlichsten Modulen zusammengesetzt werden. So entsteht ein sich ständig erneuerndes Verhältnis zwischen Aufwand und Wirkung, verschieben sich die kreativen Schnittmengen der Titel immer wieder neu, ohne dass es dem Ergebnis an Spannung oder Leidenschaft fehlt. Nik Bärtschs Formation Ronin im Landsberger Stadttheater - ein optimistischer Kraftakt voll drängender Intensität.
Jeder Ton scheint genau kalkuliert, ist präzis gesetzt, füllt zielgenau den Äther. Musik, wie ein frisch geschnittener Strauch, der erst durch die Redundanz die prachtvollsten Blüten treibt. Jazz in einer der eigenwilligsten Varianten. Weder Swing noch Avantgarde, kein Blues und schon gar nicht Bop. Und doch schwingt von all dem in dieser Musik ein wenig mit, wohlbedacht und intuitiv.
Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten verfolgt der Schweizer sein Konzept des Zen-Funk oder auch der Ritual Groove Music, wie er selbst seine Kreation nennt. Die Herangehensweise selbst erinnert an frühere Aussage von Miles Davis, der meinte, alles Neue im Jazz passiere über den Rhythmus. Und Bärtschs Zen-Funk ist etwas Neues, etwas Ungewöhnliches, bis dato nie Gehörtes. Musik voller Stärke und Sturheit.
Bärtsch hat eine eingeschworene Truppe an seiner Seite. Schlagzeuger Kaspar Rast, dessen knochentrockene Rimshots klingen, als wolle er die Zeit neu takten. Thomy Jordi, der dem Bass seine tiefen Töne, seinen „Bauch“ lässt und der zugleich die peitschende Slap-Technik überzeugend beherrscht. Sha, der an Bassklarinette und Altsaxophon sowohl für hymnische Klangfarben sorgt, als auch mit stotterndem Staccato die Musik komprimiert. Und natürlich der Meister selbst, inspirierend, virtuos, die Dramaturgie perfekt in Szenen setzend.
Und dann wäre da noch ein zweiter Bassist, Björn Meyer. Noch vor einigen Jahren selbst festes Mitglied von Ronin, bis er sich anderen musikalischen Herausforderungen stellte. Der „schwedische Schweizer“ bestritt den ersten Teil des Abends - unbegleitet. Grundlage für diesen selten zu erlebenden Solotrip eines Bassgitarristen ist sein vor eineinhalb Jahren erschienenes Album „Provenance“. Eine Sammlung von spieltechnischen Ideen und mentalen Befindlichkeiten, die er kontrastreich und differenziert umsetzt. Ein Monolog, der eine breite Palette an stilistischen Herausforderungen nutzt, der zwischen Jazz und Ambient charchiert, zwischen Affront und Beseelung und dabei eine wunderbar lyrisch pulsierende Musik schafft.
Dass Björn Meyer ganz zum Schluss noch gemeinsam mit Ronin auf der Bühne steht und in völliger Vertrautheit mit der Band ein gewaltiges finales Feuerwerk abbrennt, macht auch die offene und idealistische Dimension, die diese Musik ausstrahlt, überdeutlich.
Jörg Konrad
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Montag 28.09.2020
Landsberg: Walter Lang Trio – Zerkratzte Oberflächen
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© Magnus Bergstrom
Landsberg. Einzelkämpfer oder Teamplayer? Jazzmusiker sind aus innerer Überzeugung beides! Denn einerseits leben sie künstlerisch von ihrer Individualität, arbeiten ständig an ihrem Ausdruck und kehren das Besondere, das Einzigartige ihres Spiels heraus. Andererseits ist ihre Fähigkeit zur Kommunikation einfach existenziell. Denn ein Jazzmusiker, der nicht in der Lage ist, Gemeinsamkeiten während des Spiels mit anderen zu entdecken und letztendlich umzusetzen, der wird es in dieser Kunst nicht weit bringen. So besteht eine bestens aufeinander abgestimmte Formation immer aus einem Verbund von Solisten, die ihre Kunst gemeinsam in die Waagschale werfen, um spontan etwas Zeitloses zu kreieren.
Nichts anderes war am Sonntagabend im Landsberger Stadttheater zu erleben, als nämlich Pianist Walter Lang, Kontrabassist Thomas Markusson und Schlagzeuger Magnus Öström den ungemein fruchtbaren Geist des Jazz aus der Flasche ließen. Sie alle haben bisher in unterschiedlichen Bands gespielt, haben Erfahrungen gesammelt, waren auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Sound. Neue musikalische Ansprüche haben sie im letzten Jahr dann zusammengeführt. Es sind von der Presse hochgelobte Alben entstanden, die sie momentan auf einer kleinen Tour durch deutsche Konzertsäle präsentieren.
Das besondere an diesem Trio ist seine Dynamik. Lang, Markusson und Öström beherrschen sämtliche Schattierungen des Jazzspiels und sind zudem in der Lage, ihre instrumentalen Fähigkeiten in den Kontext des Miteinanders hörbar einzubringen. Egal, ob es sich um anrührende Balladen, oder um temperamentvolles Energiespiel handelt, ob um inspirierte Verbundenheit oder atemberaubende Improvisationen – diese Formation agiert ebenso differenziert wie ungestüm.
Intelligent und verspielt umkreist das Trio die einzelnen Stücke, die häufig wie kleine Juwelen aus dem Popbereich klingen. Man glaubt einige von Langs Kompositionen schon irgendwo einmal gehört zu haben. Sie wirken bekannt, vertraut, klingen manchmal nach einem hübschen Kinderlied.
In diesen Melodien suchen sie, nach gegenseitigem musikalischem Abtasten, Zugänge, um, ohne Berührungsängste, in das Zentrum des Grundmotivs vorzustoßen. Dabei loten sie die Möglichkeiten, die die Kompositionen hergeben, gänzlich aus. Rhythmisch als auch harmonisch. Und während dieses musikalischen Abenteuers geschehen faszinierende Dinge. Sie zerkratzen die simplen Oberflächen der Songs und dringen in deren Tiefe vor. Und sie werden fündig. Sie deklamieren Schwermut und Euphorie, Innigkeit und in „Full Blast“ sogar einen ausgelassenen Funk. Es sind fast durchweg spontane Inszenierungen, die von der ästhetischen Substanz leben.
Im Mittelpunkt steht Walter Lang, der unschwer als ein pianistischer Romantiker des Jazz ausgemacht werden kann. Er rast auf seiner Klaviatur nicht über die feinen Themen hinweg. Er zelebriert sie (natürlich ohne Pathos), er gibt sich ihnen hin (ohne aufgesetzt zu klingen), er schwelgt in jeder einzelnen Note (ohne die dramaturgische Spannung zu vernachlässigen).
Thomas Markusson tritt am Bass häufiger aus dem begleitenden Hintergrund hervor, soliert immer wieder in knappen wie klar herausgearbeiteten Beiträgen. Tänzerisch wirken diese Sequenzen und elegant. Und Magnus Öström? Der Schlagzeuger überbrückt die Distanz zwischen fiebrigem Swing und treibendem Groove. Jemand hat einmal sinngemäß gesagt, er sei eine Art Rockschlagzeuger, der ausschließlich mit den Besen spielt.
Was wünscht man sich noch, nach einem derart reizvollen Musikabend? Vielleicht, dass in absehbarer Zeit das Walter Lang Trio zu einem kompletten Konzert in Landsberg aufspielt – im vollbesetzten Stadttheater.
Jörg Konzert 
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