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7. Vasko Atanasovskis ADRABESA Quartet „Phoenix“
8. Nick Cave „Idiot Prayer - Alone at Alexandra Palace“
9. Douglas Dare „Milkteeth“
10. VOR 55 JAHREN: John Coltrane „A Love Supreme“
11. Vor 40 Jahren: Music Revelation Ensemble „No Wave“
12. Mathias Rüegg „Solitude Diaries“
Samstag 23.01.2021
Vasko Atanasovskis ADRABESA Quartet „Phoenix“
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Dieses Album besteht aus einer Vielzahl von ethnischen als auch individuellen Komponenten, die mit der Klammer der Musikalität und dem Feuer innerer Leidenschaft zusammengehalten werden. Es ist dabei nicht allein die grenzenlose Virtuosität, die auf „Phönix“ besticht, sondern zugleich die Herzlichkeit der Melodien, das Ungestüme ungerader Rhythmen, das Rumorende hintersinniger Freigeister und die wehmutsvolle Melancholie stiller Balladen.
Vasko Atanasovski, von Haus aus Saxophonspieler und Flötist, hat dieses europäische Quartett schon vor Jahren zusammengestellt und tourt seitdem mit riesigem Erfolg quer durch die Festivallandschaft des Jazz, der Kunstmusik, der Folklore, ja auch des Anarchopop. Der Slowene hat mit dem Italiener Simone Zanchini (Akkordeon), dem Franzosen Michel Godard (Tuba),  und dem Polen Bodek Janke (Schlagwerk) auf eine internationale Formation gesetzt, deren jeweiliger kultureller Background in dieser Besetzung neue Blüten treibt. Hier wird deutlich, welch wunderbares, inspirierendes und zugleich schützendes Dach die Musik bietet. Nationalismen dienen einzig der gegenseitigen Bereicherung. Vorausgesetzt sind Neugierde, Transparenz und Überwindung von Widerständen. Dann entsteht aus Vorhandenem, Vertrautem, ja Limitiertem vollkommen Neues. Und dieses Neue ist nicht allein flüchtiges Parfum. Nein, dieses Musizieren besitzt Substanz, Klarheit und Struktur. Egal, ob es sich nun um Traditionelles, im vorliegenden Fall um Folklore vom Balkan und aus Indien handelt, um trickreiche Improvisationen oder um gewissenhaft verwaltete Harmonien der Moderne. In Atanasovski Musik ändert sich ständig der Aggregatzustand, ohne dass der Charakter der Musik Schaden nehmen würde. Im Gegenteil: Vasko Atanasovskis und seine Viererbande sind kühne Klang-Architekten, denen man den Spaß an dem was sie tun, in jedem Stück anhört. Und, was fast noch wichtiger ist, diese Freude überträgt sich auch auf den Hörer. So wird „Phönix“ zum heilenden Trostpflaster in ungewissen Zeiten.
Jörg Konrad

Vasko Atanasovskis ADRABESA Quartet
„Phoenix“
Moonjune
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Freitag 15.01.2021
Nick Cave „Idiot Prayer - Alone at Alexandra Palace“
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Nick Cave, der Outlaw, das Enfant terrible der Popmanege, der Eigenbrötler schlechthin, hat mit seinem Album „Idiot Prayer – Alone at Alexandre Palace“ im letzten Jahr neue Maßstäbe gesetzt, die jedoch nicht überraschen konnten. Wer sich nur ein ganz klein wenig mit dem Australier beschäftigt, weiß, dass seine Aufnahmen immer mit dem Schick des Besonderen kokettieren.
Jetzt also über 80 Minuten Cave pur, fast eineinhalb Stunden dunkle, postromantische Stimmung, ein Festakt des Morbiden und der Provokation. Der 63-jährige allein am Flügel - ähnliches hätte man von ihm zu Beginn seiner Karriere, als er noch mit seiner Band Birthday Party die schaurige Synthie-Pop-Welt der 1980er Jahre umpflügte, und Blixa Bargeld bei ihm Gitarre(!) spielte, ganz bestimmt nicht erwartet. Dafür war der Australier, selbst in der Zeit, als er in Berlin lebte, zu unangepasst, randvoll mit Wut und Unnachgibigkeit.
Seit einigen Jahren pflegt der Sänger, Pianist, Maler und Autor aber eben jene emotional pathetische  Seite. Für seine Fangemeinde ist sowieso fast alles was er veröffentlicht heilig. Für sie sind seine Songs Gebete, er selbst so etwas wie ein Prophet. Bei dem vorliegenden Auftritt im Londoner Alexandra Palace, der auch als Konzertfilm vorliegt, hat er sich für Titel aus seiner vier Jahrzehnte andauernden Karriere entschieden. Und in dieser abgespeckten, reduzierten Form klingen die 22 Kompositionen trotz aller Dekadenz und Degeneriertheit frisch und unverbraucht. Hier erfindet sich der Moritatensänger der Moderne neu und besinnt sich auf der Wesentliche seiner Kunst. Schlicht, unprätentiös, aber auch ein wenig angepasst, oder sagen wir versöhnt mit dieser Welt, klingt dieser Auftritt schon. Ein tiefgründiges Zwischenspiel, bevor in absehbarer Zeit ein neues Bad Seeds-Album veröffentlicht werden soll.
Jörg Konrad

Nick Cave
„Idiot Prayer - Alone at Alexandra Palace“
Bad Seed Records
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Freitag 08.01.2021
Douglas Dare „Milkteeth“
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Spätestens jetzt ist die Zeit, in der fast jeder Radiosender, etliche Portale und ein Großteil von Musikbesessenen weltweit ihre Favoriten für das auslaufende Jahr küren. In diesen individuellen Charts haben logischerweise jene Künstler die größten Chancen auf vordere Plätze, die zum Jahresende neue Aufnahmen veröffentlichen. Denn die Popkultur ist kurzlebig. Was heute noch als außergewöhnlich gefeiert wird, geht oft morgen schon in der Masse an Vorankündigungen unter. Egal wie zeitlos der Schaffensprozess auch ausfallen mag.
KultKomplott veranstaltet kein Ranking, weder jetzt, noch in Zukunft. An dieser Stelle werden keine Sterne verteilt. Künstlerische Ergebnisse werden wir nicht in Form von Benotungen beurteilen, denn sie sind auf diese Weise nur bedingt vergleichbar. Oder haben Sie für einen van Gogh schon einmal Sternchen verteilt? Oder einen Amedeo Modigliani bzw. William Turner mit Zensuren benotet?
Wir möchten heute auf einen Titel verweisen, der, als er im Februar 2020 erschien, von der breiten Öffentlichkeit wahrscheinlich nur bedingt wahrgenommen wurde. Auch heute, ein knappes Jahr später, scheint „Milkteeth“ von Douglas Dare mehr ein Album für Insider zu sein. Schade! Denn diese elf Songs des Briten haben das Potenzial für einen zeitlosen Pop-Klassiker. Da sind wir uns hier alle einig!!
Douglas Dare verleitet mit seinen stark reduzierten, magisch unter die Haut gehenden, brillanten Songs zum Träumen. Im Vordergrund steht eine sinnliche Präsenz, die ein Großteil der Schrecknisse dieser Welt in den Hintergrund verbannen. Auch dann, wenn Douglas Dare über die gnadenlosen Erlebnisse seiner Kinder- und Jugendzeit singt. Er zerfließt nicht in Selbstmitleid, sondern berichtet in herzergreifenden Melodien über das Geschehene. Hier ist bei aller offensichtlichen Verzweiflung, die einen Teil Douglas Lebensweges bestimmte, auch Stolz und Unbeirrbarkeit zu spüren. Es gibt Songs, die sind unendlich melancholisch und geben letztendlich doch eine universelle Kraft, die helfen kann, komplizierte Lebenssituationen durchzustehen.
Dare ist mit „Milkteeth“ dem Wunderkindstatus, welcher ihm durch seine ersten beiden Alben zu Teil wurde, endgültig entwachsen. Seine Musik klingt heute, bei aller Verletzlichkeit, reif; bei aller Fragilität, entschieden, trotz einer Schlichtheit, organisch. Aus diesen Kontrasten zieht das Album als Ganzes seine Spannung. Wer also das diffuse 2020 popmusikalisch Revue passieren lassen möchte - „Milkteeth“ bringt strahlendes Licht in diese Zeit. Bis in die Gegenwart hinein.
Jörg Konrad

Douglas Dare
„Milkteeth“
Erased Tapes
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Donnerstag 31.12.2020
VOR 55 JAHREN: John Coltrane „A Love Supreme“
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Mit den nur vier Titeln dieses Albums, in einer Gesamtlänge von knapp 32 Minuten, war John Coltrane 38jährig endlich am Ziel einer langen wie intensiven musikalischen Reise. Mit vollem Risiko und doch auf eine wunderbar kontrollierte Weise schuf er mit „A Love Supreme“ einen musikalischen Meilenstein, der bis heute deutliche Spuren in der universellen Jazzlandschaft hinterlassen hat. Ein expressives Meisterwerk, das die Geschichte des Jazz hörbar zum Ausdruck bringt und doch völlig neue Wege weist.
Der Saxophonist Coltrane spannte in diesem suitengleichen Jazz-Gebet auf einzigartige Weise einen spirituellen Bogen zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Universum und der Realität. Er katapultierte sich mit seinen Sheet Of Sounds in unerreichte Höhen, verharrte dort und setzte anschließend zur geläuterten Landung an. Gestützt von einem vor Intensität glühendem Trio Gleichgesinnter, die sich untereinander blind verstanden und deren Hingabe zu spielen legendär war. McCoy Tyner (Klavier), Jimmy Garrison (Bass) und Elvin Jones (Schlagzeug) zeichneten sich für ein Gerüst verantwortlich, dessen Statik bis dahin Ungehörtes möglich machte, dessen Verstrebungen kreative Freiräume ließ und selbst damalige Kritiker in der Analyse letztendlich überforderte.
Coltrane sprengte dank dieser Basis die Grenzen der modalen Grundlagen des Jazz in beeindruckender Entschlossenheit. Das „kraftvoll-hymnische“ seines Sounds bestach sowohl in seiner zugleich lyrischen Freiheit wie auch eindringlichen Schärfe. Die ständigen Steigerungen, das variierende und differenzierte Wiederholen von Themen und Motiven erinnerte an das „Call and Response“-Prinzip, wie es als Gestaltungsmittel in der afro-amerikanischen Musik traditionell genutzt wurde. Auf diese Weise bekam die Aufnahme, neben der Religiosität, eine zweite wichtige außermusikalische Dimension. Und diese beiden Botschaften, die der Spiritualität und die der kulturellen Aufarbeitung, haben ihre Gültigkeit über die Jahrzehnte bis heute nicht verloren.
Grund dafür ist aber auch die Klarheit, der durchdringende vibratolose Ton Coltranes, mit dem er unablässig neue Ideen zum Ausdruck brachte. Seine Phrasierungskunst ging unter die Haut, sie war ebenso radikal wie voller Liebe.
„A Love Supreme“, an einem einzigen Nachmittag im Dezember 1964 eingespielt, beinhaltete Ideen und Inspirationen, die Coltrane laut seiner Frau Alice schon 1947 während seiner Zeit bei der US Navy hatte und die in den folgenden Jahren in ihm reiften. Insofern war das Ergebnis dieser Aufnahme ein sehr persönliches, bewusst initiiertes musikalisches Statement, das zugleich einen Wendepunkt in der künstlerischen Orientierung Coltranes bedeutete.
„Mit Trane zu spielen, das war ein schöner Alptraum“, äußerte sich einmal der Schlagzeuger Roy Haynes über gemeinsame Auftritte mit dem Saxophonisten. Sein Pianist McCoy Tyner beschrieb Coltranes Herangehensweise einmal so: „John fand, dass Musik wie das Universum ist …. Du schaust auf und siehst die Sterne, aber jenseits von ihnen sind viele andere Sterne. Er suchte nach den Sternen, die du nicht sehen kannst.“
Es ging bei Coltrane immer um die Suche nach einem sehr individuell ausgeprägten Weg, der trotzdem etwas Allgemeingültiges vermittelte. Er arbeitete stets sehr konzentriert. Egal ob er als Sideman im berühmten Quintett des Trompeters Miles Davis zwischen 1955 bis 1960 spielte, oder gegen seine Heroinabhängigkeit ankämpfte. Die Ernsthaftigkeit seines Tuns hat viele Menschen in seinem direkten Umfeld stark beeindruckt.
Er war aber auch schon vor den Aufnahmen zu „A Love Supreme“ ein virtuoser Schwerarbeiter, der sich am Instrument aufbäumte, seine kühnen Themen predigte, als gäbe es kein morgen. Stand er nicht auf der Bühne oder im Studio übte er – oft stundenlang.
Doch erst als Coltrane den aus Philadelphia stammenden Tyner überreden konnte, bei ihm als Pianist einzusteigen, bekam seine Musik eine völlig neue Form. Tyner fand erst bei ihm zu diesen ungemein kraftvoll rhythmisierten Akkordfolgen, die zu seinem Markenzeichen werden sollten. Joachim-Ernst Berendt, der Jazzkritiker, Autor und Produzent nannte ihn einmal den „brüllenden Löwen am Steinway“.
Jimmy Garrison gehörte zu jenen Bassisten, die es verstanden, gegen anbrandende solistische  Wellen nicht nur zu bestehen, sondern zugleich mit eigenen Ideen gegen diese anzuspielen. Er war kein stoischer Rhythmusknecht, sondern ein sehr sensibler, wie komplexer Bassspieler, der selbst ein lyrisches Vokabular auch für eigene solistische Ausflüge zu nutzen verstand.
Und dann Elvin Jones, dieser mächtige, melancholische Trommler. Bei ihm pulsierten die Rhythmen, sein Spiel hatte Feuer, er war flexibel, baute unablässig Ideen in seine Begleitung, die der Gesamtmusik eine irdische Grundlage gaben. Er brachte mit seinen intensiven Spannungsbögen eine instrumentale Freiheit in die Aufnahmen, wie man sie von Schlagzeugern bis dahin nicht kannte.
Alle harmonierten in diesem Quartett großartig. Sie fühlten sich miteinander wohl und wussten relativ genau, dass sie mit „A Love Supreme“ großes vollbrachten. Doch gleichzeitig brachte diese intensive Erfahrung, diese ruhelose Suche nach dem ganz individuellen Jazz-Graal den 38jährigen Saxophonisten an seine körperlichen und mentalen Grenzen. Das Ergebnis dieser und auch folgender Einspielungen waren es ihm jedoch wert. Nur zweieinhalb Jahre später starb John Coltrane.
Jörg Konrad
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Montag 21.12.2020
Vor 40 Jahren: Music Revelation Ensemble „No Wave“
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Corona entschleunigt. Zumindest ein positiver Effekt neben den ansonsten ausnahmslos negativen Konsequenzen, die dieses Virus mit sich bringt. Aber dieses Abbremsen der alles verschlingenden Hektik schafft die Möglichkeit, nicht immer Unbekanntes entdecken „zu müssen“, sondern Vergangenes, alt Bewährtes zu genießen – oder nach Jahren neu zu erfahren. Zum Beispiel das Music Relavation Ensemble.
Dieses Quartett schlug 1980 wie ein gewaltiger Meteorit mitten in die Jazzszene ein. Vier Instrumentalisten, voll von Energie und Tatendrang. Wie sie spielten war neu, ungehört - unerhört. Ihre Musik brannte - lichterloh.
Kopf der Band war James Blood Ulmer. Ein 1942 in South Carolina geborener Gitarren-Hühne, dem es weniger um den Feinschliff im Jazz ging. Präzise Single Notes waren nicht sein Ding. Er galt als musikalischer Rohdiamant, der sein Handwerk in den 1960er Jahre in Detroit erlernte und sich als Begleiter verschiedener Soulinterpreten verdingte. Und er liebte Jimi Hendrix. Vor allem dessen urwüchsige Improvisationen auf der Basis von Rock und Blues.
In den 1970er Jahren nahm Ulmer mit der Free-Jazz-Ikone Ornette Coleman Alben auf, als dieser begann, sein sogenanntes harmolodisches System zu festigen. Aus dieser Zusammenarbeit wiederum entwickelte sich der Free-Funk, oder Punk Jazz oder eben No Wave, mit dem jenes Music Revelation Ensemble, zumindest kurzzeitig, so große Erfolge feierte. Hierbei handelt es sich um eine hochexplosive Mischung aus aufgebrochenen Rock- und Funkrhythmen, afrikanischen Einflüssen und freier Improvisation. Avantgarde zum Tanzen? Vielleicht.
Schlüsselfigur dieser Aufnahme war aber eigentlich Ronald Shannon Jackson. Ein Schlagzeuger, dessen Energielevel unerschöpflich schien. Er schuf ständig wechselnde Brücken zwischen Free-Jazz und Rock'n Roll, er zerlegte die ungeraden Rhythmen des Funk und sezierte mit physischer Direktheit die Tradition. Seinem intensiven Trommelfeuer konnte niemand entgehen. Im Gegenteil. Es wirkte ansteckend, erzeugte bei seinen Mitmusikern eine Art Motivationsschub, so dass sie spielend über die eigenen Grenzen hinausgingen.
Saxophonist war der damals 25jährige David Murray. Ein kalifornischer Heißsporn, der zwischen Tradition und Avantgarde pendelte, dessen Musikalität und Virtuosität es ihm erlaubte, sich mit blitzschnellen Ideen in Sekunden von den tiefsten Registern seines Instrumentes in die schon schmerzhaften Höhen zu schrauben. Selbst in den gewaltigen Solo-Exkursionen verlor er nie die Kontrolle. Sein Spiel vermittelte Intellektualität und Leidenschaft zu gleichen Teilen und dem Blues hatte er sowieso nie abgeschworen.
Bleibt noch Amin Ali am Bass, der für den unkonventionellen Groove des Quartetts sorgte. Auch so ein Hendrix-Jünger, dessen Aufgabe in dieser Band allein lautete: Alle drei Solisten möglichst zusammenhalten! Das gelang ihm derart beeindruckend, dass Ulmer ihn die nächsten zwei Jahrzehnte für fast all seine musikalischen Unternehmungen engagierte.
Nun, die Jazzpuristen damals sprachen in Bezug auf diese neuen musikalischen Töne von „Etikettenschwindel“ und von „Fake Jazz“. Durchgesetzt hat sich diese Spielweise letztendlich nicht. Aber Ulmer & Co waren auf jeden Fall eine Bereicherung der Szene, eine unbekümmerte Erweiterung des jazz-musikalischen Horizonts.
Jörg Konrad

Music Revelation Ensemble
„No Wave“
Moers Music
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Dienstag 08.12.2020
Mathias Rüegg „Solitude Diaries“
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Jammern hilft nicht. Das hat sich Mathias Rüegg im März dieses Jahres gesagt, als die Corona-Pandemie an Fahrt aufnahm und das öffentliche Leben nicht nur in Mitteleuropa fast zum Stillstand kam. „Ab dem Moment des Lockdowns am 16. März 2020 legte sich eine von Angst durchsetzte, unheimliche und paranoide Stimmung über die Stadt Wien, die sich selbst in den kleinsten hintersten Winkeln nicht verflüchtigte“, schreibt der einstige Chef des wohl bekanntesten österreichischen Jazz Exports, dem Vienna Art Orchestra, im Booklet seines neuen Albums „Solitude Diaries“. Rüegg setzte dieser beklemmenden Atmosphäre praktisches Tun entgegen und begann intensiv zu komponieren. Jeden Tag, exakt zwischen 18.00 und 22.00 Uhr, entstand so zwar immens pünktlich, letztendlich aber doch spontan ein kleines Klavierstück. 40 Takes - in acht Wochen.
Rüegg hat sich dabei größtenteils auf ältere Programme und damit Stücke des Vienna Art Orchestra bezogen, hat alte Gassenhauer neu vertont (Oh Du lieber Augustin), sich an Ellington, Satie und Mahler treuhänderisch verlustiert.
Eingespielt haben diese von Intensität und Flüchtigkeit gleichzeitig gekennzeichneten Skizzen ganze elf Pianisten aus dem Umfeld von Jazz und Klassik. Damit bekommen die einzelnen Kompositionen noch einmal eine völlig neue (interpretatorische) Richtung. Es sind packende Momentaufnahmen, emotionale Blitzlichtgewitter, deren Charakter auf Transparenz und Klarheit aufbaut. Egal, ob es sich dabei um klassische Motive handelt, sich mit kernigem Anschlag aus dem Fundament eines Boogie Woogie herausschält, oder ganz schlicht und fein Sentimentalitäten des Blues verarbeitet. Ein schönes, ein abwechslungsreiches Klavieralbum, so abwechslungsreich wie die Tage, die wir verleben. Samt allen Stimmungsumschwüngen, wechselnden Befindlichkeiten und Hoffnungen für die Zukunft.
Jörg Konrad

Mathias Rüegg
„Solitude Diaries“
Lotus Records
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Autor: Siehe Artikel
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