Da schon seit einiger Zeit keine Veranstaltungen stattfinden und dies mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Zeit der Fall sein wird, haben wir uns entschlossen, in dieser Rubrik Texte von zurückliegenden Konzerten noch einmal zu veröffentlichen.
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7. Germering 31. Januar 2020: Bransch
8. Fürstenfeld 14. Oktober 2015: Marialy Pacheco & Joo Kraus
9. Fürstenfeld 26. Februar 2019: Aterballetto
10. Fürstenfeld 31. Oktober 2010: Barrelhouse Jazzband
11. Fürstenfeld 24. September 2010: Hans Theessink
12. Landsberg 05. Dezember 2018: Bugge Wesseltoft
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Mittwoch 03.02.2021
Germering 31. Januar 2020: Bransch
Bransch - Mit Witz und Tiefgang

Germering. Beide waren sie Mitglieder einer unorthodox besetzten Big Band, die aus Österreich kam und von einem Schweizer geleitet wurde. Das Vienna Art Orchestra machte aus allem, was Mathias Rüegg irgendwie unter die Finger kam, Musik. Musik die begeisterte und mitriss, in Amerika, in Asien, in Afrika, in Europa sowieso. Egal ob es sich um Mozart oder Ellington handelte, um den Walzerkönig Johann Strauss(!!), um Johannes Brahms oder das Enfant Terrible unter den Jazzern, um Charles Mingus. Wer bei Rüegg spielte, musste Außergewöhnliches können und stets in Topform sein. Und er musste Humor haben und geistreich sein.
Georg Breinschmid als auch Thomas Gansch gehörten fast eine Dekade zu dieser Allerweltsband. Der Bassist und der Trompeter. „Kontrabassist Georg Breinschmid wandelt, tänzelt, rast und schwebt ausgehend von dieser fruchtbaren Ausgangssituation mit seiner Musik und seinen unterschiedlichen Formationen längst über alle stilistischen Grenzen. Sehr virtuos, ziemlich schräg“, schrieb die Kronenzeitung über den einen. Die Presse sagt über den anderen: „Trompeter Thomas Gansch hat sich immer schon instinktiv gegen alles Seriöse und Ehrfurchtgebietende gewandt. Lachen ist für ihn die beste Waffe gegen den Druck der Norm.“
Nun sind sie wieder als Duo unterwegs und verhielten sich am Freitagabend in der Germeringer Stadthalle ebenso musikgeschichtlich räuberisch, was ihr Repertoire anbelangte, wie sie grandios aufspielten.
Grundlage ihres Auftritts ist ihr grandioser Einfallsreichtum und ihre absolute Beherrschung des Instrumentariums. Hinzu kommt der besagte ordentliche Schuss Humor. Kein Klamauk bitteschön, auch wenn es sich im ersten Moment oft so anfühlt. Ihr Witz hat Tiefgang.
Ähnlich wie bei ihrem einstigen Arbeitgeber Rüegg verarbeiten sie im Duo so einiges, was die Musikgeschichte hergibt. Für sie ist es kein Widerspruch, bekannte Dixielandmelodien mit der Zwölftonmusik zu verbinden, Populäres aus der Klassik mit einem ordentlichen Blues zu würzen, zu improvisieren und sich gleichfalls vor der Tradition des Dadaismus zu verbeugen. Und immer wieder blitzt etwas von den Beatles auf, so als seien sie für das Duo ein Bindeglied zwischen Tradition und Moderne.
Wie ein perfekt geöltes Räderwerk greifen ihre Instrumente ineinander. Wer noch immer glaubte, der Bassist sei ein Rhythmusknecht, sollte sich einfach einmal Georg Breinschmid anhören. Der soliert zupfend, klopfend, streiche(l)nd, schlagend - einfach brillant. Hin und wieder begleitet er auch, natürlich, aber nur, um im nächsten Moment aus einer korsettartigen Figur wieder auszusteigen und neue Klang- und Spielmöglichkeiten auszuprobieren. Jahrelang war er Mitglied der Wiener Staatsoper sowie der Wiener Philharmoniker und hat hier streng nach Partituren gespielt, lang genug.
Und Thomas Gansch? Der stammt aus einer alten Salzburger Blasmusikerdynastie, bekam die Trompete sozusagen schon in die Wiege gelegt. Das spürt man deutlich. Nichts scheint es zu geben, was dieser Solist nicht kann. Er begeistert das Publikum mit irrwitzig schnell intonierten Balkanmelodien, er hat ein klaren Ansatz, bläst mit und ohne Vibrato und ist in der Lage, herzergreifende Balladen zu präsentieren.
Sollte man eine Formel für dieses großartige Konzert im restlos ausverkauften Amadeussaal erstellen, so könnte diese lauten: Anarchie plus Können plus Humor gleich Bransch.
Jörg Konrad (KultKomplott, SZ)
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Montag 18.01.2021
Fürstenfeld 14. Oktober 2015: Marialy Pacheco & Joo Kraus
Marialy Pacheco & Joo Kraus – Musikalische Querverbindungen

Fürstenfeld. Sie spielt trotz ihrer unglaublichen Virtuosität mit einem eleganten Anschlag. Marialy Pacheco nennt als ihre Favoriten Oscar Peterson, Thelonious Monk und vor allen Keith Jarrett, trotzdem fühlt sich die Pianistin ihrer Heimat Kuba besonders verbunden. Ihr feinnerviges Spiel ist eine tiefe Verbeugung vor der musikalischen Tradition der Karibikinsel. Ihr gegenüber steht Joo Kraus, der besonnene Trompeter aus Ulm, mit deutlichem Hang zum Populären. Egal ob Tab Two, Tina Turner, oder im Bossa Nova-Stil - Kraus bringt eine eigene Note in jedes Projekt. Fesselnd und individuell, auf der Basis handwerklichen Könnens und einer erfrischender Kreativität.
Eine interessante Kombination also, die sich im ersten Konzert der Fürstenfelder Jazz First dem erfahrenen Publikum stellte. Ein Duo, das sich dem Exotischen des Jazz ebenso überzeugend widmete, wie der zeitgenössischen Improvisation. Beide, die Pianistin und der Trompeter, suchten nicht nur nach neuen Wegen in der Gestaltung von Klangmöglichkeiten, sie wurden mit ihren melodischen Entfaltungen und ihrer individueller Präsenz auch fündig.
Gleich mit dem ersten Song, Mario Bauzas „Mambo Inn“, setzte Marialy Pacheco solistische Glanzpunkte. Kaum am Instrument, war sie schon mittendrin in der Kompositionen, verzögerte das Tempo nach Belieben, verlustierte sich in den ungeraden rhythmischen Metren und improvisierte voll überschäumender Lebenslust.
Joo Kraus spielte die ersten gemeinsamen Stücke mit der gestopften Trompete und faszinierte mit sinnlichen Sparsamkeit. Mit stark reduziertem Vibrato spielte er sich durch Stings „Englishman in New York“ und auch dem „Earth Song“ von Michael Jackson trotzte er Momente beiläufiger Schönheit ab. Aber Michael Jackson im Jazzkontext? Ja, diese Diskussion gab es schon 1985, als Miles Davis „Time After Time“ interpretierte, oder im letzten Jahr, als der große Enrico Rava ein ganzes Album mit Jackson Songs veröffentlichte. Und beide haben schon bewiesen, die Verbindung Jackson und Jazz funktioniert ausgezeichnet. Den Song „Black Or White“ aus der Feder des King Of Pop zerlegten Pacheco und Kraus zu einem stillen, aus seinem Zentrum heraus glühenden Blues. Sie beide zeigten sich immer wieder als Verwandlungskünstler, die ständig musikalische Querverbindungen herstellten, die aufgrund ihrer konstruktiven Interaktion und ihrer Hingabe absolut überzeugten. Auch in den Momenten, in denen Kraus sein Steckenpferd, die Elektronik, mit ins Spiel brachte und den zweiten Set mit einer atmosphärischtraumhaften Improvisation eröffnete. Für zwei Instrumentalisten dieses Kalibers gibt es einfach keine Grenzen. Sie übersteigen alles, was sich ihnen musikalisch in den Weg stellt und zeigen, wie großartig der Begriff Freiheit gelebt werden kann.
Jörg Konrad (ww.kultkomplott.de, SZ/FFB)
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Montag 11.01.2021
Fürstenfeld 26. Februar 2019: Aterballetto
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Foto: Nadir-Bonazzi / Aterballetto
Aterballetto GOLDEN DAYS - Sich dem Moment hingeben

Nicht wenige bezeichnen Keith Jarretts „Köln Concert“ aus dem Jahr 1975 als die Jahrhundertaufnahme zeitgenössischer Improvisation schlechthin. Dabei waren die Umstände der Produktion alles andere als das, was man eine Erfolgsgeschichte nennen könnte. Es begann an diesem Januartag schon damit, dass Jarrett erst spät in der Nacht vor dem Konzert am Spielort ankam und vor dem Auftritt sehr schlecht schlief. Dann wurde das Instrument nicht rechtzeitig geliefert. Jarrett musste letztendlich auf dem Klavier des Korrepetitors spielen, bei dem die Pedalen hackten und die Klaviatur teilweise klemmte. Die Mikrofone mussten mehrmals ausgetauscht werden und zu guter Letzt kam das Essen für den Meister erst eine Viertelstunde vor dem Konzert. Jarrett packte und wollte fahren. Manfred Eicher, sein Produzent, und die Veranstalterin konnten ihn, die Oper in Köln war mit 1.400 Hörern ausverkauft, jedoch überreden aufzutreten. Und so entstand das Meisterwerk, das bis heute zu den meistverkauften Jazzalben überhaupt gehört. Viereinhalb Jahrzehnte darauf tanzt das in Italien beheimatete Aterballetto in Fürstenfeld zu dieser fließenden, energiegeladenen und von wunderbaren Themen durchdrungenen Improvisation.
Dem Choreographen Johan Inger geht es um die Offenheit, um die Freiheit, um den Augenblick der in einer Improvisation zum Ausdruck kommt. Die Tänzer bringen in einem Reigen von verspielten Szenen Lebensenergie und Glück ins Publikum. Auch Melancholie, Sensibilität, statt Tragik Zuversicht. Sich dem Moment hingeben, ihn genießen, ihn mit Vertrauen auszuleben ist das Ziel.
„Köln Concert“ ist eines von insgesamt drei Stücken, die am Dienstagabend von Aterballetto im Rahmen der Theaterreihe in Fürstenfeld aufgeführt wurden. Den anderen beiden Choreographien lagen Arbeiten der Ausnahmemusiker Tom Waits und Patti Smith zugrunde. Musik, die Johan Inger geprägt hat, deren Kraft und Mut ihn privat und beruflich begleitet haben und die er in dem Titel GOLDEN DAYS zusammenfasst.
Denn wenn es um Tanz geht, geht es auch immer um Musik. Sie ist die Grundlage für rhythmische Bewegungen, für schlingernde, für routierende Emotionalität, für explosionsartige Sprünge und auch für die Botschaft an sich, die über die Choreographie zum Ausdruck kommt. Im Fall von GOLDEN DAYS ist die Musik zugleich alleinige Inspirationsquelle. Joahn Inger verknüpft mit dieser Musik seine eigenen „Golden Tage“.
Im ersten Stück des Abends, „Rain Dogs“, beziehen sich die Tänzer auf eine Geschichte von Tom Waits, die von den Kümmernissen eines Hundes handelt, der nach einer Wanderung durch die Stadt und nach dem großen Regen den Weg zurück in seine Lebensheimat nicht findet. Es ist, wie viele der Stücke von Waits, eine tragische Geschichte und die Tänzer bringen die Härte des Lebens, die Hoffnung und Verzweiflung und die Sehnsucht in einer orientierungslosen Welt berührend zum Ausdruck.
Die Umbaupause ist „doppelbödig“. Denn während die Bühnenarbeiter den dunklen Tanzboden Stück für Stück entfernen, so dass ein weißer Untergrund hervortritt, verkleinert sich die Fläche für die ebenfalls in schwarz gekleidete Solotänzerin. In dem Song „Birdland“ von Patti Smith muss sie sich emanzipiert behaupten, sich und ihr Areal mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Sie provoziert dabei, verführt, zeigt sich verletzlich, aggressiv, ignoriert den Eindringling, setzt sich durch – zumindest für eine bestimmte Zeit. Sie nutzt als Einzelindividuum ihre wenigen Möglichkeiten mit voller Intensität und Hingabe. Sie berührt, überzeugt und inspiriert.
Jörg Konrad
(SZ)
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Montag 04.01.2021
Fürstenfeld 31. Oktober 2010: Barrelhouse Jazzband
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Foto: (c) Ralph Larmann
Barralhouse Jazzband – Vorläufer der Weltmusik

„Deutschlands älteste und wertvollste Jazzband“, wurde sie vor ein paar Jahren von Fritz Rau, dem vielleicht bedeutendsten Konzertveranstalter Deutschlands genannt. Und der heute über achtzigjährige weiß wovon er spricht. Immerhin hat er in über fünf Jahrzehnten die Elite des Jazz, Rock, Blues und Pop gemanagt und zu Beginn seiner Karriere eben jene Barralhouse Jazzband.
Die Formation hat mit ihren verschiedenen Besetzungen im Laufe der Zeit Musikgeschichte geschrieben. In Deutschland, schon früh in England und selbst im Mutterland des Jazz, den USA, ist sie anerkannt und mit vielen bedeutenden Preisen geehrt. Am letzten Freitag haben die deutschen Hohepriester des Traditional auch in Fürstenfeld Halt gemacht. Und mit einem rauschenden Fest des klassischen Jazz, mit einem Riesenprogramm und großen Gastsolisten haben? Barrelhouse mit ihrer Jazz Gala das Publikum regelrecht von den Sitzen gerissen.
Bekanntlich scheiden sich ja beim Traditional die Jazz-Geister. Trotzdem ist diese Musikform die Grundlage all dessen, was sich heute unter der Rubrik zeitgenössischer Jazz finden lässt. Und diese Entwicklungslinie zwischen 1900 bis 1930 haben Klarinettist Reimer von Essen und seine Mannen fast schulmeisterlich, aber in aufgelockerter Atmosphäre akustisch nachgezeichnet. Es war eine Reise von den Ursprüngen des Jazz in New Orleans bis hinauf in den Schmelztiegel der Kulturen, nach New York und die Hochzeit des Swing. Ob man diesen interessanten, wie musikgeschichtlich wichtigen Entwicklungsstrang unbedingt als eine äußerlich glänzende Gala organisieren sollte, darüber mag man aufgrund einer so nur schwer nachvollziehbaren Authentizität diskutieren. Doch inhaltlich, rein msuikalisch, war der Abend ein voller Erfolg.
Was sich vor über einhundert Jahren in New Orleans abspielte, war der Vorläufer dessen, was wir heute Weltmusik nennen. In der Stadt am Mississippi trafen Menschen unterschiedlicher europäischer Kulturen und die Nachkommen der aus Afrika eingeschifften Sklaven aufeinander. Aus ihrem täglichen Miteinander entstand im Vergnügungsviertel „Storyville“ die synkopierte Musikform, aus irgendeinem bis heute unerfindlichen Grund „Jazz“ genannt. Und genau an dieser Stelle setzten Barrelhouse an. Sie interpretierten mit spürbarer Freude die Musik jener Zeit und legten dabei großen Wert auf die Einbeziehung des Blues, der eigentlichen Seele des Jazz. Weiter ging´s dann musikalisch über den Chicago-Stil bis hin zum Four Beat Jazz, dem Swing, der ersten Musik im Jazzgewand, die kommerziell so erfolgreich war. Und auch hier setzte die altgediente Frankfurter Formation Zeichen. Ihre perlende Spielfrische, ihre improvisatorische Raffinesse und vor allem ihre rhythmische Versiertheit gab dieser vergangenen Spielpraxis etwas zeitlos Dynamisches. Als eine besondere Attraktion hatte die Barrelhouse Jazzband wie immer auf ihren großen Tourneen hochkarätige Gäste im Gepäck, wie den Saxophonisten Scott Hamilton, den Trompeter Scotty Barnhart, die stimmlich beeindruckenden Sängerinnen Tanya Boutté und Laura Fedele, oder die Posaunistin Nancy McCracken. Doch im Grunde war der eigentliche Motor und Initiator dieser Lehrstunde des klassischen Jazz die Barrelhouse Jazzband. Eine Institution!
Jörg Konrad
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© Lucy Lynn
Dienstag 29.12.2020
Fürstenfeld 24. September 2010: Hans Theessink
Hans Theessink - Was er spielt ist stimmig

Blues – das sind vor allem bewegende Geschichten, eingebettet in nicht selten atemberaubende Biographien. Sie erzählen von endlos verhängnisvollen Schicksalen, von kurzen glücklichen Momenten, von Sehnsucht, Schmerz und Hoffnung. Es sind Lebensbeschreibungen, erfahren nicht selten an den ausgefransten Rändern der Gesellschaft und vorgetragen mit einem leicht lakonischen Unterton. Aber immer authentisch, direkt, wie auch lebensfroh. Hans Theessink ist ein Bluesman, ein Gitarre spielender Geschichtenerzähler, der locker und humorvoll mit seiner sonoren Bassstimme ein ganzes Auditorium unterhält. Völlig allein, nur mit seinen Gitarren bewaffnet. Und der sein Publikum in seiner etwas hemdsärmeligen, charmant kauzigen Art begeistert, es von den Stühlen reißt, wie am letzten Freitag im Kleinen Saal des Fürstenfelder Veranstaltungsforum,
Eine dieser Geschichten handelt davon, wie sich Theessink Mitte der 1960 Jahre eine Bluesplatte kaufen will und, weil es der Ladenbesitzer im holländischen Enschede einfach nicht besser weiß an eine LP der Dutch Swing College Band gerät. Eine Dixielandformation, musikalisch weit entfernt von dem eigentlichen Idol Big Bill Broonzy. Aber vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass sich Hans Theessink nie allein dem Blues verschreibt. Zwar ist das klassische 12-Takt-Schema seine eigentliche Passion über die Jahre geblieben. Doch zugleich ist er offen für stilistische Wanderungen in die angrenzenden Areale, wie Gospel, Country, Rock und auch ein wenig Jazz. Entsprechend spricht er selbst dann auch lieber von Roots-Music als von Blues.
Wahrscheinlich ist es auch dieser weltlichen Offenheit zuzuschreiben, dass sich Theessink Jahre später an der Seite von Johnny Cash und dessen Frau June Carter in der Garderobe einer großen Wiener Musikhalle wiederfindet. Im kleinen Kreis gemeinsam singend. So etwas prägt das eigene Leben entscheidend.
Theessink spielt sein Instrument wie viele seiner Vorbilder. Fast nebenbei, wie aus dem Ärmel geschüttelt, kommen die passenden Akkorde, martert er die Saiten im Fingerpicking-Style oder schmirgelt er in der Slide-Technik über das Griffbrett. Er ist nicht der elitäre Virtuose, der blasierte Instrumentalist. Aber was er spielt, ist stimmig, vermittelt dieses rudimentäre Gefühl des Blues. Zu kantig und modisch unangepasst, um perfekt zu klingen. Und genau das ist der Kern des Blues. Die innere Stimme in ihrer ganzen Individualität hörbar werden zu lassen, menschlich neugierig zu bleiben, seine positiven wie negativen Erfahrungen musikalisch zu vermitteln, zu teilen. In diesen Momenten springt der Funke zum Publikum über.? ?
Und zwischen den einzelnen Titeln? Da erzählt Hans Theessink immer wieder Geschichten. Von der verstaubten Gitarre seines Idols Big Bill Broonzy, auf der er spielen durfte, wie er Charles Brown überredete als Gast auf seinem Album zu singen, von nächtelangen Jam Sessions in New Orleans und traditionellem Voodoo-Zauber.
Jörg Konrad
(SZ)
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Mittwoch 23.12.2020
Landsberg 05. Dezember 2018: Bugge Wesseltoft
Bugge Wesseltoft - Die Dramatik liegt im Detail

Landsberg. Am Mittwoch gastierte nach Tord Gustavsen am Wochenende der nächste Skandinavier in Landsberg: Bugge Wesseltoft, Jahrgang 74, von Beruf Pianist. Er spielt aber, wenn`s drauf ankommt, auch perfekt das Rhodes, den Prophet 5, Synthesizer, Live Electronics, Percussion. Seltener hingegen singt er. Selbst im gut sortierten Plattenladen ist er nicht immer leicht zu finden. Denn mal spielt er Jazz, mal spielt er Klassik, mal findet man ihn unter EDM (Electronic Dance Music), mal unter Worldmusic. Und einmal im Jahr liegt ein Album von ihm in jeder gut sortierten Weihnachtsdeko. Letzteres nun schon seit über zwei Jahrzehnten. Denn 1997 erschien sein Dauerbrenner „It`s Snowing On My Piano“ (Act) der jährlich neue Käufer und Fans des Pianisten findet.
Wenn er dieses jahreszeitlich klar umrissene Programm im Konzert präsentiert, dann reicht dem Norweger ein Flügel und ein aufmerksames Publikum. Das Repertoire hierfür hat Wesseltoft seit seiner Kindheit im Kopf: „In Dulce Jubilo“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Deilig Er Jordan“ und als Zugabe „Stille Nacht“. Nur klingen diese weihnachtlichen Evergreens bei ihm wie in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit gespielt. Er löst sozusagen fest eingebrannte Koordinaten auf, steckt mit Traditionen neue Areale ab.
Wie hingetupft kommen die Noten, weit verzögert die Melodie. Manchmal dauert es auch eine Weile, bis man den Song überhaupt erkennt. So sparsam sind die Harmonien gesetzt, so zaghaft kommen die Themen zum Vorschein. Wesseltoft zerlegt das weihnachtliche Miteinander, blickt unter die festlich glänzende Oberfläche dieser Songs und schneidert ihnen musikalisch ein neues, ein sehr persönlichen Gewand. Es ist eine Art klangliche Befreiungsaktion und macht deutlich, das Revolutionen nicht unbedingt mit Lautstärke und überbordendem Temperament einhergehen müssen. Die Dramatik liegt im Detail. Das Publikum jedenfalls ist wie narkotisiert von dieser Stille, von dieser spürbaren Intimität. Und selbst größte Weihnachtsmuffel bekommen in solchen Augenblicken feuchte Augen.
Um die Stimmung ein wenig aufzulockern spielte Wesseltoft noch drei Coversongs aus seinem Album „Ecerybody Loves Angels“. Und egal, ob er „Bridge Over Troubeld Water“, „Blowing In The Wind“ oder „Let It Be“ interpretiert: Er bleibt sich an diesem Abend treu, sucht die stille Variante der Kommunikation, macht das Klavier zu einem weihevollen Instrument, das an diesem Abend mehr für die klanglichen Mikrostrukturen zuständig ist. Zwischen höchster Konzentration und lyrischem Sichgehenlassen.
Vielleicht hilft an dieser Stelle der Geist von Karlheinz Stockhausen weiter, der einmal sagte: „Je mehr Menschen sich nach vorgegebenen Formen, Leitbildern, Klischees sehnen, um so einmaliger, unwiederbringlicher, esoterischer muss die Form werden.“ Und wenn eben das ganze Forum auf ganz eigenwillige Weise am Ende eines solchen Musikabends mitsingt, scheint das Ziel erreicht. Dann an dieser Stelle schon mal: Frohes Fest!
Jörg Konrad (www.kultkomplott.de; Augsburger Allgemeine Zeitung)
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Autor: Siehe Artikel
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