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7. Bell Orchestre „House Music“
8. Martin Kälberer „InSightOut“
9. Naïssam Jalal & Rhythms Of Resistance „Un Autre Monde“
10. The Golden Record
11. Vor 50 Jahren: Chick Corea „Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Imp...
12. Franco Ambrosetti „Lost Within You“
Mittwoch 17.03.2021
Bell Orchestre „House Music“
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„House Music“ - ein Begriff, der die unterschiedlichsten Assoziationen freisetzt. Es könnte sich um ein Musizieren innerhalb der Familie, im engeren Bekannten- bzw. Freundeskreis, auf jeden Fall im häuslichen Umfeld handeln, wobei überwiegend die Klassik im Mittelpunkt steht. „House Music“ kann jedoch auch auf eine Stilrichtung der elektronischen Tanzmusik hindeuten, wie sie sich in den 1980er Jahren als einem Ableger des Techno entwickelte.
Das kanadische Bell Orchestre hat den Begriff „House Music“ für sich inhaltlich neu definiert, dabei aber die erwähnten Charakteristika nicht außer acht gelassen. Die Mitglieder dieses Mini-Orchesters (Geige, Horn, Trompete, Keyboard, Electronics, Bass, Schlagzeug, Gesang) trafen sich vor eineinhalb Jahren im Haus von Sarah Neufelds (Arcade Fire) in der Provinz von Vermont. Zuvor wurden die Räumlichkeiten, die sich über zwei Etagen erstrecken, von einem Toningenieur komplett verkabelt. Die Musiker arbeiteten in diesem Umfeld über zwei Wochen in den unterschiedlichsten Konstellationen meist spontan und mit möglichst wenigen Absprachen intensiv miteinander. Jeden Tag nahm Tonmeister Hans Bernhard einige der so entstandenen Sessions auf.
„House Music“ ist das Ergebnis dieses Experiments. 45 Minuten, die aus einer großen, gemeinsamen letzten Session herausgefiltert wurden. Diese Art der Herangehensweise erinnert stark an einige Aufnahmen, die Miles Davis vor fünf Jahrzehnten gemeinsam mit Teo Macero für Columbia einspielte und die alle im nachhinein bearbeitetet wurden. Bei manchen Gemeinsamkeiten im Aufbau klingt die vorliegende Musik doch in Substanz und Dramaturgie letztendlich völlig anders. Es ist eine Chimäre aus Kammermusik und Elektronik, aus individueller Improvisation und engagierter Gruppendynamik. Hausmusik im besten Sinne des Wortes.
Denn sowohl Entstehungsort als auch Tanzbarkeit dieser manchmal alptraumhaften Reflexionen begeistern vollkommen. Sämtliche Ansprüche und Erwartungshaltungen des Marktes spielen zum Glück eine völlig untergeordnete Rollo. Zeitlosigkeit aufgrund von Temperament- und Lichtwechsel dominieren. Was hier zählt, ist allein das Kollektiv, das, wellenförmig, zu immer wieder neuen Mustern kommt und damit das musikalische Geschehen in ständigem Fluss hält. „House Music“ ist ein Manifest gemeinsamen Tuns. Denn keiner der Instrumentalisten spielt sich in den Vordergrund, lebt sein Ego aus. Selten war mehr gemeinsames!
Jörg Konrad

Bell Orchestre
„House Music“
Erased Tapes Records
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Mittwoch 10.03.2021
Martin Kälberer „InSightOut“
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Diese Aufnahme ist ein Dokument. Ein Dokument der Stille unserer Zeit. Martin Kälberer, der schon seit Jahren zu seinen Klangreisen der Sinne einlädt, hat auf „InSightOut“ Momente inneren Friedens und der Auseinandersetzung mit der Gegenwart pianistisch eingefangen. Es ist weniger das Staunen über diesen Moment des Stillstands, das Aufbegehren, die Verzweiflung über das erzwungene Nichtstun, als die Möglichkeit, sich in dieser Ära zu besinnen. Auf eben jene Dinge des täglichen Lebens, die der natürlichen Existenz am nächsten kommen.
Einfach und reduziert klingen bei ihm diese Improvisationen, diese fragilen Impressionen. Ein wenig verspielt, aber immer klar und transparent. Und er verhält sich sparsam im Gebrauch der Töne. Fast asketisch umspielt Martin Kälberer diese kleinen und schlichten Melodien, setzt dabei Ausrufezeichen verinnerlichter Präsenz. Lyrische Visionen, die den Schwerkräften der Pandemie entgegenwirken.
Der Pianist und Perkussionist wurde von der Entscheidung für den Lockdown mitten während seiner letztjährigen Tour überrascht. „Nach der ersten totalen Irritation“, schreibt er im Booklet, „wollte ich die Chance nutzen, diese absolut einzigartige Situation, die ihr eigene Stille und so ungewöhnliche wie ungewohnte Abgeschiedenheit als das `aufzunehmen` (und zwar im doppelten Sinn), was es ist. Eine Neuordnung der Paradigmen, eine Neuerfahrung des Seins und des Schaffens“.
So ist diese Album im eigenen Studio in Hemhof bei Rosenheim entstanden, in dem ihn nicht einmal der Klavierstimmer vor den Aufnahmen besuchen durfte. „.... und das hört man natürlich“, schreibt der Pianist. Trotzdem wollte er genau diese damalige Situation musikalisch einfangen. Authentisch sollte die Einspielung sein, ohne Netz und doppelten Boden.
„InSightOut“ ist letztendlich ein Doppelalbum geworden. CD eins enthält sieben Klavier-Solo-Stücke, die entsprechend ihres beschriebenen Inhalts nur mit Part I bis VII benannt wurden. Die zweite CD ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Martin Kälberer und der Münchner Jazzkoryphäe Christian Elsässer sowie der Munich Music Factory, dem Kammermusikensemble um die Cellistin Fanny Kammerlander. Es handelt sich hier um drei Kompositionen, denen Elsässer ein berührendes Arrangement maßgeschneidert hat. Gelassenheit und Konzentration, Poesie und Eleganz bestimmen auch diese Aufnahmen und runden „InSightOut“ auf ganz wunderbare Weise ab.
Jörg Konrad

Martin Kälberer
„InSightOut“
Jazzhaus Records
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Montag 08.03.2021
Naïssam Jalal & Rhythms Of Resistance „Un Autre Monde“
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Naïssam Jalal gehört zu den wenigen Instrumentalistinnrn, die nicht als Sideman in Projekten bekannter Solisten auf sich aufmerksam machen und in deren unmittelbarer Nähe künstlerisch reifen, bis sie eines Tages entdeckt werden. Die 1984 in Paris geborene Flötistin reiste, nachdem sie in Frankreich schon als Kind eine klassische Musikausbildung erfahren hat, neben Hip Hop und Rhythm And Blues auch John Coltrane für sich entdeckte, in die Heimat ihrer Eltern, um die eigenen Wurzeln zu erkunden. Sie nahm in Damaskus Unterricht auf der Nay (einer Rohrflöte) und zog weiter nach Ägypten, wo sie sich intensiv mit arabischer Musik auseinandersetzte. Wie ein Schwamm sog sie all diese Erlebnisse, Einflüsse und Emotionen in sich auf, um daraus letztendlich ihren eigenen Musikhorizont zu verorten.
Dieser frühe Weg der mutigen Herausforderung und der entschlossenen Suche nach einer eigenen Stimme war zwar voller Risiko und Hindernisse, aber das Ergebnis gab ihr letztendlich recht. „Meine Musik ist an keine Tradition angelehnt“, erläuterte sie vor einiger Zeit ihre musikalische Herangehensweise. „Mit meinen Kompositionen wollte ich viel tiefer in der Verbindung mit dem Unsichtbaren dringen.“ So kann man sie als einen kreativen Unruhegeist bezeichnen, der fündig geworden ist – in der Vielfalt eigener und fremder Kulturen, in der eigenen Beharrlichkeit und im steten Vertrauen zu sich selbst.
Vor zehn Jahren gründete Naïssam Jalal die Band Rhythms of Resistance, mit der sie bisher spannende, belebende und auch spektakuläre Alben einspielte. „Un Autre Monde“, ihre neuste Veröffentlichung, reiht sich nahtlos in diese bemerkenswerte Diskographie ein. Auch hier lässt Naïssam Jalal all jene Sichtweisen einfließen, die das Ergebnis ihres universellen Lebens sind. Hinzu kommen die ethnischen Hintergründe und künstlerischen Erfahrungen ihrer international besetzten Band, mit Instrumentalisten aus Marokko, Ungarn, Deutschland und Italien.
So wundert es nicht, dass derjenige, der in der Musik Naïssam Jalals Grenzen aufspüren möchte, nicht fündig wird. Es gibt bei ihr keine Berührungsängste zwischen Klassik und Jazz, zwischen Minimal und arabischen Tonskalen, zwischen traditioneller Musizierhaltung und avantgardistischen Andeutungen.
Welch starke Komponistin auch in ihr steckt, macht die zweite CD deutlich. Hier sind Stücke zu hören, die Naïssam Jalal für ein großes Orchester geschrieben hat und die mit dem National Orchestra Of Bretagne eingespielt wurden. Auch diese Stücke sind von einer gewissen Exotik und kosmopolitischen Herangehensweise geprägt. Flächige Soundstrukturen stehen neben nervösen Rhythmen, es wird grandios und temperamentvoll improvisiert, um dann wieder die Stille der Poesie zu feiern. Große ausgeschriebene Partituren beeindrucken in ihrer Geschlossenheit und doch dürfen die Ränder dieser Musik immer wieder ausfransen. Das macht sie so einzigartig lebendig – zwischen Volks- und Kunstmusik. Naïssam Jalal ist ein Solitär, bei weitem nicht nur innerhalb des Jazzzirkels!!
Jörg Konrad
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Sonntag 28.02.2021
The Golden Record
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Was haben das Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach, die Initiationsgesänge von Pygmäenmädchen aus Zaire, der „Melancholy Blues“ von Louis Armstrong und seinen Hot Seven und der von Surshri Kesa Bai Kerkar gesungene indische Raga „Jaat Kahan Ho“ gemeinsam? Abgesehen davon, dass es sich bei all den vier genannten um Musikstücke handelt, befinden sich diese Titel gemeinsam auf den sogenannten Golden Records und sind seit fast viereinhalb Jahrzehnten auf großer Reise. Nämlich an Bord der Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2, momentan zwischen 152 und 126 AE (ca. 20 Milliarden Kilometer) von der Erde entfernt, mit Kurs auf die Außengrenzen unseres Sonnensystems.
Die Voyager Sonden sollten der Erforschung des äußeren Planetensystems und des interstellaren Raums dienen (Kosmos 89.: Familienporträt unseres Sonnensystems). Seit ihrem Start 1977 erkunden sie nun bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa 61.000 km/h verlässlich das Weltall. Mit an Bord jene Golden Records, auf der Bild- und Audio-Informationen über die Menschheit gespeichert sind, um eventuell "auftauchende" Außerirdische über das Leben auf unserem Heimatplaneten zu informieren.
Die Idee für diese friedliche Botschaft der Menschheit hatte der amerikanische Astronom und Astrophysiker Carl Sagan. „Uns ging es darum, jenen Wesen etwas über uns selbst mitzuteilen, etwas, das vielleicht nur uns auszeichnet“, schrieb Sagan in seinem Buch „Unser Kosmos – eine Reise durch das Weltall“. Und Musik gehört nun einmal zu jenen Dingen, die sowohl menschliche Intelligenz, als auch emotionales Empfinden zum Ausdruck bringt. Zudem befinden sich auf den Golden Records, die auch als „Goldene Schallplatte für Aliens“ genannt wurde, Grußbotschaften in verschiedenen Sprachen, Naturgeräusche, die Stellung unserer Sonne und unseres Planeten in der Milchstraße und unserem Sonnensystem, einige mathematische Definitionen und physikalische Größen, Bilder zur Anatomie des Menschen und zur Biologie allgemein sowie viele andere naturwissenschaftliche Darstellungen.
Bei den "The Golden Record" selbst handelt es sich um vergoldete Kupferscheiben, die den Durchmesser einer LP (Langspielplatte) haben. Ein Teil dieser Platten ist mit Uranium-238 beschichtet, das eine Halbwertszeit von 4.468 Milliarden Jahren besitzt. Mit entsprechendem Wissen kann daran deren Alter bestimmt werden.
Neben den vier oben genannten Musikstücken befindet sich auf den Platten zudem Musik von Ludwig van Beethoven (1. Satz der 5. Sinfonie), von Wolfgang Amadeus Mozart („Arie der Königin der Nacht“ aus "Die Zauberflöte“), Volksmusik der Aborigines, aus Neuguinea und aus Japan. Es sind aserbaidschanische Sackpfeiffer zu hören, senegalesische Trommelgruppen, peruanische Hochzeitsgesänge und auch der Jahrhunderthit „Johnny B. Good“ von Chuck Berry ist enthalten. Der Klangkünstler Frieder Butzmann hält die „Golden Record“ der Voyager-Sonden für „eine schöne Zusammenstellung“: „Das ist wirklich ein Weltengemälde, auch ein Zeitengemälde, eine der abwechslungsreichsten Langspielplatten der Menschheitsgeschichte, und sie stellt durchaus etwas dar. Das Spannende ist aber nicht die Musik an sich (…), sondern es ist mehr die Idee, was damit gemacht wird, wo das hingeht, wofür das da ist, wo das vielleicht endet und ob es vielleicht nie endet.“
Timothy Ferris, Wissenschafts-Autor, Journalist und Professor an der Universität von Kalifornien, Berkeley hat über Jahre auch für das amerikanische Musikmagazin ROLLING STONE geschrieben und war für die Musikauswahl der "Golden Record" mit verantwortlich. In einem Interview wurde er vor einigen Jahren gefragt, warum er sich zum Beispiel für Chuck Berry entschied: „Wir wollten nichts auswählen, das nur „typisch Rock’n’Roll“ war, mir ging es um Exzellenz und Vielfalt, und das innerhalb nur eines Lieds. „Johnny B. Good“ erfüllt dieses Kriterium. Berry war im Gegensatz zu Hit-Musikern seiner Zeit nicht nur Interpret, sondern auch Songwriter. Fast alles, was wir heute als Rock bezeichnen, wurde von ihm erfunden.“
Ob Außerirdische auf die Voyager-Botschaften antworten werden? Ferris meint, das wir dass wohl nicht erleben werden. Eines der Raumschiffe fliegt in Richtung des Sterns Gliese (benannt nach dem deutschen Astronomen Wilhelm Gliese), der 17 Lichtjahre von der Sonne entfernmt ist und diesen in 40 000 Jahren erreichen wird.
Jörg Konrad
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Montag 22.02.2021
Vor 50 Jahren: Chick Corea „Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Improvisations Volume 2“
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Sie alle versammelten sich im Zeitraum des Übergangs von den 1960er Jahren zu den 1970er Jahren in den Bands um Miles Davis. Der charismatische Trompeter produzierte mit ihnen die ersten homogenen Synthesen aus Jazz und Rock und Psychedelic. Noch teilweise während dieser Zeit gründeten die damals blutjungen Instrumentalisten folgerichtig auch eigene Formationen, mit denen sie den Puls der zeitgenössischen Musik völlig neu definierten: John McLaughlin, Joe Zawinul, Larry Young, Tony Williams, Herbie Hancock – und auch Chick Corea. Dieser organisierte mit Gleichgesinnten Ende 1971 das Quintett Return To Forever und fusionierte hier neben Jazz und Rock vor allem latainamerikanische Musik brasilianischer Provenienz. Aus dem Quintett wurde kurze Zeit später ein Quartett, das elektronischer, rockiger und vor allem virtuoser aufspielte. Musik auf der Überholspur sozusagen, drangvoll, couragiert, explosiv. Manches klang wie Led Zeppelin auf Jazz, anderes wie Debussy als Improvisator. Genau die richtige Mischung zur richtigen Zeit, die man aber nicht nur im montäglichen, von Henning Venske moderierten „Fünf-Uhr-Club“ auf NDR 2, oder als Live-Mitschnitt aus dem Funkhaus Hamburg im Radio hören wollte. Dieses aus damaliger Zeit betrachtet Revolutionäre sollte in jedem musikalisch interessierten Haushalt auch auf Vinyl jederzeit abrufbar sein. Davon war man überzeugt.
Also wurden auch bei uns, weil abseits der Jazz-Peripherie lebend, Kontakte aufgefrischt, um das Objekt klanglicher Begierde über den Angehörigen-Versand einer Großstadt zu ordern, in der Überzeugung, allein der Name Chick Corea würde genügen, um das Idealisierte zu finden.
Doch welch eine Enttäuschung. Statt Alben wie „Hymn of the Seventh Galaxy“, „Where Have I Known You Before“ oder „No Mystery“ brachte die Post irgendwann ein Piano-Album. Genauer „Piano Improvisations Volume 2“. Klavier-Solo statt virtuoser Instrumentalgefechte, improvisierte Kammermusik statt temperamentvoller Gruppendynamik, „After Noon Song“ statt „Vulcan Worlds“.
Etwas später dann die Erkenntnis, dass diese knapp vierzig Minuten Klavier-Exkursionen in ihrer klanglichen Substanz, in ihrer interpretatorischen Abstraktion (eine Aufnahme stammt von Thelonious Monk, eine von Wayne Shorter) und in ihrer instrumental-technischen Umsetzung einem musikalischen Meilenstein sehr sehr nahe kommen. Kurz darauf drehte sich auch „Piano Improvisations Vol. 1“ (unablässig) auf dem eigenen Plattenteller. Und jetzt, im Februar 2021, kurz nach der Meldung, dass Chick Corea wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag gestorben ist, die absolute Gewissheit: „Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Improvisations Volume 2“ gehören mit zum Besten, was der Tastenkünstler der Nachwelt hinterlassen hat. Dabei ist seine Discography riesig, steht seine Spielfreude und scheinbare Mühelosigkeit in unterschiedlichsten musikalischen Genres einzigartig im Raum. Und doch sind es diese ersten frühen Aufnahmen, die so leichtfüßig und doch zwingend daherkommen, die noch etwas kindhaft Eigenwilliges und unbedarft Naives vermitteln. Es ist Musik, die sich durch ihre Natürlichkeit erschließt, die den direkten Zugang bietet, klar und kultiviert klingt. Keine grüblerische Kauzigkeit (die wir im Jazz natürlich auch zu schätzen wissen), sondern Offenheit und Hingabe und Genialität - vom ersten bis zum letzten Ton. Chick Corea starb am 09. Februar 2021 in Tampa, Florida.
Jörg Konrad

Chick Corea
„Piano Improvisations Vol. 1“ & „Piano Improvisations Volume 2“
ECM
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Dienstag 09.02.2021
Franco Ambrosetti „Lost Within You“
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Anfang der 1980er Jahre hat der Schweizer Industrielle und Musiker Franco Ambrosetti mit die besten Hartbop-Alben eines gebürtigen Europäers eingespielt. „Heartbop“ (1981), „Wings“ (1983), „Gin & Pentatonic“ (1985) und „Tentets“ (1985) zeugen von einem virtuos und großartig aufspielenden Trompeter, wie man es zu damaliger Zeit fast ausschließlich aus dem Mutterland des Jazz, den USA kannte. Franco hatte das zeitgenössische Jazzspiel von seinem Vater Flavio erlernt. Dieser war schon in jungen Jahren sein Lehrer, sowohl was das kaufmännische seines Berufs, als auch was Improvisation, Tongebung und Teamfähigkeit seiner zweiten Leidenschaft, der Musik, betraf.
Schon damals arbeitete Franco mit einem halben Dutzend handverlesener amerikanischer Instrumentalisten zusammen, die seine Ausnahmestellung im Reigen großer Trompeter unterstrichen und mit Freude in seinen Bands spielten. In diesem Jahr begeht der aus Lugano stammende Ambrosetti nun seinen 80. Geburtstag. Und wie er selbst einmal sagte, ohne die Leidenschaft des Jazz, diesem inneren Glühen für die Musik, wäre sein Leben um vieles ärmer gewesen. Im Grunde unvorstellbar. Also ist es nur logisch, dass er seine gelebten Erfahrungen bündelt und auch fast achtzigjährig ein neues Album einspielt.
Und so traf er sich im Januar letzten Jahres im New Yorker Sear Sound Studio mit alten Freunden und Weggefährten und nahm eine wunderbare Balladen-Sammlung auf. Begleitet haben ihn auf „Lost Within You“ vertraute wie John Scofield, Uri Caine, Scott Colley, Jack DeJohnette und Renee Rosnes. Neun Titel sind auf dem neuen Album zu hören. Zwei Kompositionen stammen von Franco selbst, die anderen sind Standards, Stücke, die den Trompeter und alle, die eine Jazzseele haben, ein Leben lang begleiten: „Peace“ von Horace Silver, „Body And Soul“ von John W. Green oder „Flamenco Sketches“ von Miles Davis/Bill Evans.
Dass Ambrosettis Band auch bei dieser Session überragend aufeinander abgestimmt ist, selbst im Bereich von Hochrisiko-Sequenzen perfekt, vor allem hochkonzentriert agiert, versteht sich fast von selbst. Den Raum, den sie dem Solisten Ambrosetti, hier überwiegend am Flügelhorn, lassen, nutzt dieser mit berührender Einfachheit. Hier bestimmt nicht das schillernde, in obere Stratosphären zielende Blech, mit der die Trompete wichtige Kapitel des Jazz schrieb. Verhalten, sparsam, fantasiereich formt Ambrosetti Eingängiges, umspielt die Melodien substanziell, verdichtet mit wärmendem Ton, gestaltet unaufgeregt und erkundet filigran neue Klanglandschaften. Unvergleichlich dieser weiche Ansatz und die herzergreifenden Inspirationen. Zusammenfassend kann man nur sagen: Ambrosetti's best!
Jörg Konrad

Franco Ambrosetti
„Lost Within You“
Unit
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Autor: Siehe Artikel
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