In INTERVIEW werden Persönlichkeiten vorgestellt, die auf unterschiedlichste Weise das kulturelle Leben gestalten und bereichern - dabei oftweit über die Landesgrenze hinaus wirkend. Grundlage für diese Portraits ist ein Fragebogen.
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1. Cymin Samawatie & Ketan Bhatti – Die Empathie-Pille
2. 164. Doris Orsan - Selbstgenäht und selbstgefärbt
3. 163. Felix Reuter - Ich würde Tickets von der Umsatzsteuer befreien
4. 162. Brüder Selke - Es gibt immer einen Ausweg und jeder Morgen ist ein ne...
5. 161. Duo Elin-Sakas - Diamanten zum Leuchten bringen
6. 160. Lorenz Hargassner - Hits aus der 007 Filmreihe
Mittwoch 28.04.2021
Cymin Samawatie & Ketan Bhatti – Die Empathie-Pille
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Foto: Silke Weinsheimer / ECM Records
Cymin Samawatie und Ketan Bhatti sind das Gerüst der seit 2002 bestehenden Band Cyminology. Dieses Quartet bewegt sich in einem musikalischen Bereich, in dem Jazz und traditionelle orientalische Folklore, europäische Kammermusik und persische Lyrik zusammenkommen. Über ein Konzert des Quartetts war vor einiger Zeit zu lesen: „Das besondere an der Musik von Cyminology ist, dass sie sich aus scheinbaren Gegensätzen speist: Aus Altem und Neuem, aus Spannung und Harmonie, aus Disziplin und Freiheit, aus Freude und Melancholie.“
Diese Kulturen übergreifende Herangehensweise haben Cymin Samawatie und Ketan Bhatti mit ihrem neuen Album noch um eine Facette erweitert. Sie haben für die Umsetzung ihrer Kompositionen, die ebenso zwischen Orient und Okzident angelegt sind und bei denen Cymin die Texte alter wie moderner persischer Lyrik in hebräisch, türkisch und arabisch interpretiert, diesmal das 2013 von ihnen selbst gegründete Trickster Orchestra einbezogen. Diese aus unterschiedlichsten Kulturkreisen bestehende Formation ist aus einer Zusammenarbeit im Rahmen des Educations-Programms der Berliner Philharmoniker entstanden. Die Instrumentierung ist dabei ebenso mannigfaltig, wie die musikalischen Inhalte, in denen auch Einflüsse der zeitgenössischen klassischen Musik zum Ausdruck kommen.
Cymin Samawatie ist 2018 mit dem Deutschen Weltmusikpreis RUTH, dem Deutschen Kreolischen Weltmusikpreis und weiteren internationalen Würdigungen ausgezeichnet. Ketan Bhatti erhielt 2008 (gemeinsam mit Simon Stockhausen) den Karl-Hofer-Preis.
Cymin Samawatie & Ketan Bhatti „Trickster Orchestra“ (ECM)

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Cymin Samawatie: Die Erziehung meiner iranischen Eltern in Braunschweig und sicherlich auch meine religiöse Prägung. Die großartige Unterstützung meiner Musiklehrerin ab der 7. Klasse und ersten musikalischen Mentorin Agnes Kauer.
Auf jeden Fall auch der einjährige Aufenthalt in Amerika im Alter von 16 Jahren.
Mein klassisches Lehramtsstudium in Hannover als Pianistin und Schlagzeugerin.
Das anschließende Jazzgesangsstudium in Berlin.
Die vielen Hürden, die ich geschafft und vor allem die, die ich nicht geschafft habe. Die unendlichen Begegnungen, die mich auch heute noch prägen und formen.
Und vieles mehr...

Ketan Bhatti: Meine alleinerziehende Mutter und mein 6 Jahre älterer Bruder, mit dem ich auch heute noch eng zusammen arbeite, waren bestimmt mit die wichtigsten Faktoren. Aber auch mein in Indien lebender Vater, der über viele der Themen, die ich musikalisch verhandle auf kulturtheoretischer Ebene schreibt und forscht.? Dazu kamen die diversen Bandprojekte – von Reggae bis Jazz -? während meiner Jugend, mein Jazz-Studium an der UdK, meine Philosophen-WG zur Studienzeit? und nicht zuletzt meine Lebenspartnerin, mit der ich seit über 20 Jahren die Welt zu fassen versuche.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
KB: : Wir möchten dazu beitragen, dass mehr Perspektiven Teil der Gesellschaft sein können. Daher möchten wir natürlich alle Menschen erreichen, um Sensibilisierung flächendeckend zu generieren, die dazu führt, dass immer alle Menschen mitdenken bei Fragen von Teilhabe, Gleichberechtigung, Chancengleichheit.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
CS: Ich empfinde es als sehr Mühsam, dass ich ständig meine Arbeitsweise und auch die Musik, für die ich mich einsetzte, beschreiben und erklären muss. Statt für die Umsetzung dieser Ideen kämpfen zu müssen, würde ich gerne darin mehr gefördert werden. In Deutschland fehlt es noch an entsprechenden Strukturen, Räumen und Institutionen, um z.B. diverse Orchester? Ensembles und deren Arbeitsweise angemessen zu fördern.
KB: Ja, letztlich ist das Hauptproblem, dass alle Selbständigen begleitet, dass wir unsere Existenz immer wieder neu erkämpfen und legitimieren müssen. Es gibt keine Absicherungen, keine Gewissheit, wovon wir in zwei Jahren leben werden. Der Preis der Kunst, die nicht institutionalisiert ist, ist es immer mit Existenzängsten leben zu müssen. Da geht es uns aber verglichen mit Menschen in anderen Erdteilen immer noch gut. Verglichen mit den Gewinner*innen dieses Systems aber eben eher schlecht. Das nervt schon.

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
KB: Dass das Verfassungsgericht den Berliner Mietendeckel gekippt hat, war ein neuer Tiefpunkt, der mir gezeigt hat, wessen Interessen im Staat Vorrang haben und welche Machtstrukturen nach wie vor geschützt werden. Das hat mich sehr stark negativ beeindruckt. Ich muss mich richtig erholen davon. Ansonsten hat es mich sehr beeindruckt, wie stark der Solidaritätsgedanke in der Bevölkerung während der Pandemie war und ist. Ich hege die Hoffnung, dass sich diese Solidarität übertragen lässt auf globale Themen wie Umverteilung und Klimaschutz.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
CS: Der Augenblick der emotionalen, musikalischen Verschmelzung mit meinen Kolleg*innen und den Zuhörer*innen im Raum, wenn ich auf der Bühne bin.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
CS: Ja, ich höre viel Musik. Ich höre fast jede Art von Musik. Das hängt in der Regel von meinem Gemütszustand ab. Im Moment höre ich regelmäßig Billie Eilish, Erykah Badu, Das letzte Album von Alicia Keys und Ricky Dietz.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
CS: Ich höre eher CD.
KB: Ich streame, muss ich gestehen. Und wenn nicht, dann Vinyl.

KK: Was lesen Sie momentan?
CS: Ich habe gerade das Buch „Desintegriert Euch“ von Max Czollek gelesen.
KB: Dait fange ich jetzt an.:-)

KK: Was ärgert Sie maßlos?
KB: Dass wir noch keinen Weg gefunden haben den Kapitalismus mit all seinen schrecklichen Auswirkungen weltweit zu zähmen bzw. zu überwinden.

KK: Was freut Sie ungemein?
CS: Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
CS: Ja, sowohl als auch...

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
KB: Die sehr junge Ella Frey hat die Hauptrolle in dem vorletzten Film gespielt, zu dem ich die Musik gemacht habe. „Glück ist was für Weicheier“. Ihr Performance hat mich sehr beeindruckt.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
KB: Die Empathie Pille.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
CS: Ich bin eindeutig ein Teamplayer!

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
CS: Im Austausch mit anderen Künstler*innen.
KB: Beim Spazieren gehen.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
KB: https://verfassungsblog.de, Sternstunde Philosophie https://www.srf.ch/play/tv/sendung/sternstunde-philosophie?id=b7705a5d-4b68-4cb1-9404-03932cd8d569

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
CS: Ich würde ein Gorki für die Musik aufbauen.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
CS: Ready to die happy!
KB: Kommt da noch was?

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
CS: Gar nicht. Die Zukunft wird sich schon selbst vorstellen...
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Mittwoch 24.02.2021
164. Doris Orsan - Selbstgenäht und selbstgefärbt
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Doris Orsan ist Geigerin und hat bei Professor Paul Roczeck am Salzburger Mozarteum studiert und war als Stipendiatin bei Professor Lewis Kaplan an der New Yorker Juillard-School of Music. Seitdem tritt die heute in München lebende Musikerin als Solistin und Kammermusikpartnerin in unterschiedlichen Besetzungen auf. Der Münchner Merkur schrieb über sie: „Doris Orsans Violine ist eine Primadonna, so ausdrucksvoll singend wie einst die spanische Montserrat Caballé.“
Anfang April wird auf GLM München Doris Orsans neues Solo-Album „Ciaccona“ veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um die beiden ersten Sätze aus Johann Sebastian Bachs Partiten, die schon Johannes Brahms als „eines der wunderbarsten, unbegreiflichsten Musikstücke“ hielt. Doris Orsan selbst sagt: „Bachs Musik führt den Ausführenden zu sich selbst, zum eigenen Ausdruck, der zugleich in der Musik seine Allgemeingültigkeit findet. In diesem Sinne gibt es nicht die eine wahre Bach-Interpretation, sein Werk nimmt alle auf, die sich auf die Suche begeben.“

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Doris Orsan: Begegnungen mit den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt und die eigene Neugierde, etwas draus zu machen...

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
DO: Musik kann uns innere Dimensionen aufzeigen, an denen wir im Lärm des Alltags meist vorübergehen. Die feinen Nuancen der Bach'schen Musik beispielsweise machen uns weich und empfindsam. Sie helfen uns, zu unserem innersten menschlichen Kern vorzudringen, der beginnt zu resonieren.
Musik schließt niemanden aus. Sie spricht alle Menschen an, die bereit sind, sich im intensiven Hören auf den Weg zu machen.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
DO: Die Begrenztheit von Zeit und - ganz banal - kalte Hände

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
DO: Wie sich eine Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit grundlegend verändern kann und vermeintlich unumstößliche Werte plötzlich hintanstehen müssen.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
DO: Wenn im Konzert zu spüren ist, dass sich alle in einem gemeinsamen inneren Raum befinden und nicht mehr wichtig ist, wer spielt und wer zuhört.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
DO: Ich höre im Alltag eher wenig Musik, da man als Musiker entweder selbst Musik macht oder die Musik im Inneren weiter klingt. Ausnahme natürlich: Wenn ich mich gezielt mit einem bestimmten Komponisten beschäftige.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
DO: Der Träger ist für mich nicht von Bedeutung, nur der Inhalt.

KK: Was lesen Sie momentan?
DO: „Warum schweigen die Lämmer“ von Prof. Rainer Mausfeld

KK: Was ärgert Sie maßlos?
DO: Einseitige und festgefahrene Meinungen, die kein offenes Gespräch mehr zulassen.

KK: Was freut Sie ungemein?
DO: Gemeinsames Musizieren, herzliche menschliche Begegnungen und - nicht zuletzt - das Lachen meines Sohnes (10)

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
DO: Mit den eigenen Händen schöne Dinge zu erschaffen, hat mich schon früh begeistert. Mit dem Nähen z.B. habe ich in jungen Jahren begonnen. Zum Leidwesen meiner Eltern entwickelte ich dabei einen zunächst sehr eigenwilligen Freestyle, der sich zum Glück im Lauf der Zeit etwas beruhigt hat. Legendär: Das selbstgenähte (und selbstgefärbte!) Konzertkleid zum Beethovenschen Violinkonzert!

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
DO: Charlie Chaplin in "Der große Diktator"

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
DO: Eine Maschine, die aus sich selbst heraus Energie erzeugt.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
DO: Als Musiker kommt man nicht umhin beides zu sein. Die unablässige kritische Arbeit an sich selbst führt einerseits zu einer starken Selbstwahrnehmung und Selbstdisziplin. Andererseits ist weniges so erfüllend, als gemeinsames Musizieren - wozu übrigens auch die Zuhörer beitragen!

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
DO: Während des übens, in brisanten Ausnahmesituationen und in einem wirklich offenen Diskurs.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
DO: Yoga easy (meine tägliche Yogaübung), Plötz-Blog (Brot und Süßes backen mit Sauerteig), Reitschuster.de (alternativer Journalismus)

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
DO: Meine Amtszeit um ein Jahr verlängern, viele Kulturschaffende um mich scharen und aus einer basisdemokratisch organisierten Schwarmintelligenz heraus einen Schritt vor den anderen setzen.
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Foto: Hamish-John-Appleby
Freitag 12.02.2021
163. Felix Reuter - Ich würde Tickets von der Umsatzsteuer befreien
Felix Reuter ist Pianist, Musikkomödiant, Kabarettist, Improvisationskünstler und Entertainer. Man könnte auch schlicht sagen, er sein ein humorvoller Pianist. Aber das wäre nun einmal untertrieben. „Mozart war ein Rock ‘n Roller, Beethoven eher ein Pop-Musiker, und Bach zeigte schon damals seine musikalische Verwandtschaft zum Jazz.“ Wenn man die musikalische Hochkultur mit diesen Ohren „betrachtet“, passt das Zitat der FAZ „So haben Sie Klassik noch nie gehört!“ perfekt.?
1972 in Jena geboren, begann der Thüringer mit sechs Jahren Klavier zu spielen, studierte später an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Schon dort stellte sich ihm die Frage, warum denn innerhalb dieser Musiksparte alles immer derart ernst klingen muss. Und so wurden seine Klavierkonzerte zu einer humorvollen Klassikshow, mit der er seit Jahren erfolgreich durch die Welt tourt. Am 12. März erscheint anlässlich des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020 sein neues Album "Der verflixte Beethoven“, auf dem er sich komödiantisch und mit einer großen Prise Humor mit dem großen europäischen Komponisten musikalisch auseinandersetzen wird. Einen kleinen Vorgeschmack auf die Veröffentlichung finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=iEkBJyqj4EE ?

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Felix Reuter: Ich komme aus einem musikalischen Elternhaus. Mein Vater war Organist und meine Mutter Musiklehrerin. Also wurden wir Kinder nicht gefragt, ob, sondern welches Instrument wir erlernen möchten. Ich war, glaube ich, sechs Jahre alt, als ich mich für Klavier entschied. Von der Musikschule mit einigen für mich wertvollen Wettbewerben ging es dann zum Studium an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Das war eine schöne Zeit! Immer mehr interessierten mich die Hintergründe der klassischen Musik: Welche Komponisten kannten sich, welche mochten sich nicht und was war das jeweils Besondere an den Kompositionen der vergangenen Jahrhunderte? Ich bekam zusätzlich Jazz- und Orgelunterricht und begann zudem, meine eigene Musik zu komponieren. Ich denke, dies sind Grundlagen meiner Musik und auch dafür, dass ich in meinen Konzerten so gerne über Anekdoten und beispielsweise melodische Diebstähle in der klassischen Musik erzähle.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
FR: Meine Konzerte sind grundsätzlich für jede und jeden geeignet – für Klassikkenner genauso wie für Klassikneulinge. Durch den kabarettistischen Hintergrund sind meine Konzertprogramme für die ganze Familie ein Erlebnis. Was war zuerst da: Die Melodie von Smetanas Moldau oder das Volkslied „Alle meine Entchen“? Sie unterscheiden sich nur durch einen Ton. Es gibt unzählige weitere Beispiele... Also, ich freue mich über junge, angehende Musikliebhaber, aber auch über Experten. Oft habe ich gehört, dass Gäste, die sonst nie Klassik konsumieren, überrascht waren, wie amüsant und leicht meine Herangehensweise an die doch oft so ernste Klassik gewesen sei. Das freut mich riesig!

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
FR: Das lässt sich schwierig beantworten, denn ich bespreche ja immer im Vorfeld Technik und Instrument, welches ich an dem Konzertabend benötige. Das hat bisher – bis auf wenige Ausnahmen – prima geklappt. Aktuell liegen die Herausforderungen als Musikschaffender freilich auf der Hand…

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
FR: Das kann ich schnell sagen: Wie rasant sich in den letzten Monaten die Welt und das Geschehen verändert hat. Das hat mich auf jeden Fall beeindruckt. Das ist erschreckend. Die Kulturszene muss ums Überleben kämpfen und jeder muss sehen, wo er bleibt.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
FR: Man sagt, der Applaus sei das Brot des Künstlers. Es gibt für mich jedoch verschiedene schöne Momente, zum Beispiel, wenn ich ein Programm für die Saison vorbereite und das erste Mal vor Publikum aufführe – das ist ein großer Moment. Da kann ich die Aufregung nicht leugnen. Da jeder Konzertabend bei mir anders verläuft und es keinen festen Regieplan gibt, bleibt es immer sehr spannend und herausfordernd. Das ist es, was mich in Bewegung hält und nie Routine aufkommen lässt.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
FR: Ich bin niemand, der ständig Musik hört, auch nicht mit Kopfhörern unterwegs. Wenn ich etwas höre, dann ausgesuchte Musik und in Ruhe. Am liebsten mag ich Komponisten wie Sergej Rachmaninow oder Edvard Grieg... Aber ich liebe auch die Musik von George Gershwin oder gut gemachte Filmmusiken. Außerdem höre ich dann und wann gerne richtig guten Soul oder jazzige Nummern.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
FR: Meistens ist es noch die CD, da kann ich das Cover anschauen und lesen; und ich habe über die Jahre unendlich viele CDs gesammelt… Leider gibt es immer weniger Möglichkeiten CDs abzuspielen. Im Auto gibt es nun die besten Sound-Anlagen, aber man kann dort nur komprimierte Musik von Sticks oder Streaming-Diensten abspielen.

KK: Was lesen Sie momentan?
FR: HOMO DEUS von Yuval Noah Harari.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
FR: Momentan ärgert es mich, dass man als Künstler gar nicht planen kann. Niemand kann Zu- oder Absagen von noch bevorstehenden Veranstaltungen treffen. Ehe ein Konzert stattfinden kann, braucht es ja einiges an Vorlaufzeit. Es müssen Tickets, Plakate oder andere Werbemittel gedruckt und verteilt werden. Die Medien müssen frühzeitig informiert sein und und und… Das sind alles Kosten, die man ungern riskiert, wenn die Veranstaltung dann eventuell nicht stattfinden kann.

KK: Was freut Sie ungemein?
FR: In dieser „Pandemiezeit“ seit März des vergangenen Jahres habe ich auch viel gelernt. Was kann und möchte ich tun, wenn ich keine Konzerte geben kann? Das ist nun mal meine Berufung, ich wollte nie etwas anderes machen. Also beschäftige ich mich mit Streaming-Möglichkeiten, den technischen Anforderungen… und ich habe mit meinem Label sonokraft in Hamburg ein neues Studioalbum aufgenommen mit Neubearbeitungen berühmter Werke von Ludwig van Beethoven. Es steht kurz vor der Veröffentlichung, der große Tag dafür ist der 12. März. Das fertige Album und das Notenbuch dazu in den Händen zu halten ist ein unbeschreibliches Gefühl. Und es freut mich, dass das in diesen Zeiten möglich war. Bei gewohnter ständiger Konzerttätigkeit hätte ich dafür wohl weniger Zeit gefunden.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
FR: Nein, handwerklich bin ich dann doch derjenige, der lieber zuschaut… oder vielleicht mit unqualifizierten Ratschlägen dienen kann.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind Sie in welchem Film beeindruckt?
FR: Filme mit den „guten, alten“ Schauspielern wie Robert De Niro oder Robert Redford schaue ich sehr gern. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Eindruck habe, dass bei moderneren Filmtechniken die Schnitte immer kürzer werden, das Tempo immer weiter gesteigert wird und die Möglichkeit der eigenen Wahrnehmung kürzer kommt. Oder weil ich vielleicht einfach nicht mehr der jüngste Zuschauer bin…

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
FR: An ein Perpetuum Mobile habe ich oft gedacht. Man nimmt eine Taschenlampe und macht sie mit Energie an, dann leuchtet sie geteilt. Eine Hälfte zum Leuchten (der Sinn einer Lampe), die andere Hälfte strahlt Solarbauteile an, die wiederum Energie geben, um die Glühbirne ewig strahlen zu lassen. Aber es funktioniert nicht. Leider. Irgendetwas mit Energieverlust…

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
FR: Als Einzelkämpfer.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
FR: Das ist recht unterschiedlich. Mal kommen mir gute Einfälle an meinem Klavier, aber manchmal auch zu unmöglichen Gegebenheiten. Im Supermarkt oder in einer Autowaschanlage…
Wenn ich kann, schreibe ich passende Einfälle auf und entscheide dann später, ob sie gut oder eben Quatsch sind.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
FR: Es gibt gute Blogs über die Orchestertätigkeiten des Landes und da bin ich ganz gut informiert, was wer spielt und wer dirigiert und wer neu ist oder in Ruhestand geht.

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
FR: Oh, ich würde versuchen, mehr mit den Künstlerinnen und Künstlern zu reden als mit Kulturorganisatoren. Es gibt viele leerstehende Säle und Räumlichkeiten, in allen Städten, die weitgehend ungenutzt sind. Auch wenn sie nicht auf dem neusten Renovierungsstand sind. Ich würde versuchen, Künstler und diese Locations zu vernetzen. Ich würde Tickets von der Umsatzsteuer befreien, damit vom Umsatz mehr für Künstler und Mieten übrig bleibt.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
FR: Felix Reuter – „Meine Klassik“

KK: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?
FR: Ich wünsche mir für den Nachwuchs noch mehr Aufmerksamkeit in Sachen Bildung, Ethik und selbstständiges Denken. Wir müssen darauf achten, dass es neben einer virtuellen Welt auch eine viel wichtigere gibt: Die reale Welt! Mit echten Freunden und Gefühlen. Da in kommender Zeit viel mehr Digitalisierung in der Kultur stattfinden wird, müssen wir uns natürlich auch darauf einlassen, aber wir sollten nie vergessen, was ein Live-Konzert für die Seele bedeutet!
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Dienstag 12.01.2021
162. Brüder Selke - Es gibt immer einen Ausweg und jeder Morgen ist ein neuer Anfang
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Foto: Mizuki Kin Tachibana
Sebastian und Daniel Selke sind Anfang der 1980er Jahre in Ostberlin geboren. Kurz darauf war die DDR Geschichte. So ist es nur logisch, dass sich die Brüder, nicht einmal 40jährig, schon mit der eigenen Vergangenheit beschäftigen. Als Musiker versteht sich! Als Duo spielen sie Cello und Keyboards und nennen sich Ceeys. Auf ihren bisher drei sehr bemerkenswerten Veröffentlichungen thematisieren sie ihre Kindheit, die Jugend und den Mauerfall. Musikalisch angelegt ist diese sehr persönliche Aufarbeitung im musikalischen Grenzbereich von Klassik, Ambient, Minimal Music, Jazz und Pop. Auch ihr letztes Album HAUSMUSIK, aufgenommen im ehemaligen Rundfunkhaus der DDR in der Berliner Nalepastrasse, in dem auch Nils Frahm ein Studio betreibt, beeindruckt durch eine sehr eigenwillige Ästhetik. Das Duo nutzt ältere (osteuropäische) Instrumente (Gefell-Mikrofone, russische Oktava-Mikros, tschechische Bandmaschinen vom Typ Tesla u.a.), interpretiert die Kompositionen jedoch mit einem zeitgenössischen Verständnis. Trotzdem klingt die Musik nicht nach Widersprüchen. Trotzdem sind es Gegensätze, von denen sich die Brüder Selke inspiriert fühlen und die ihre Musik so individuell erscheinen lassen.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Brüder Selke: Meist waren und sind es historische Etappen und Wendepunkte, die unsere Arbeiten entscheidend prägen. Seit 2016 arbeiten wir an einer Anthologie, die wir unter dem Alias CEEYS veröffentlichen. Sie beschäftigt sich mit unserer Kindheit in Ost-Berlin vor und nach der Wende 1989.
Der ursprünglich als Trilogie konzipierte, später weitergedachte CEEYS-Katalog, kann auch in drei aufeinanderfolgenden Dilogien verstanden werden: THE GRUNEWALD CHURCH SESSION & CONCRETE FIELDS (von ersten fragmentarischen Kindheitserinnerungen zu den 1980er-Jahren), WÆNDE & HIDDENSEE (vom historischen Wendepunkt im Jahr 1989 zu den dubiosen, vom Widerstreit zwischen Aufbruch und Resignation gekennzeichneten, 1990er-Jahren), HAUSMUSIK & MUSIKHAUS (ein akustisches Solo- und ein programmiertes Rework-Album aus der Gegenwart). Zuletzt brachte uns die Covid-Krise zu radikalem Umdenken, und so haben wir in diesem Jahr begonnen, unter unserem bürgerlichen Namen „Brueder Selke“ zu veröffentlichen.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
BS: Alles dient nicht allein einer Erzählung aus der Vergangenheit, charakterisiert durch die bedrohliche Teilung der Welt in Ost und West, sondern steht darüber hinaus im ständigen Dialog zwischen scheinbarer Kontroverse und erstrebter Harmonie im Zusammenspiel unseres Duos. Die Musik hilft uns, Gedanken und Gefühle zu formulieren und dabei in Austausch mit dem geneigten Zuhörer zu treten.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
BS: Das in seinem Wesen improvisierende Moment unserer Musik ist nicht zuletzt geprägt durch den zu DDR-Zeiten gelernten feinsinnigen Umgang mit materiellem Mangel. Mal streikt die alte, von uns zuvor restaurierte Rhythmus-Box, oder individuell spontane musikalische Einfälle sorgen für Überraschung beim Partner. Wir versuchen einfach, damit umzugehen und genau diesen Erarbeitungsprozess in unser Spiel zu integrieren. Das ist nicht immer leicht, aber reizvoll und vollkommen befreit von der somit unnötigen Sorge, Fehler zu machen. Und so vertrauen wir mit Spielfreude wieder einzig unserer Intuition.

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
BS: Auch uns hat die Pandemie in ihren Wellenbewegungen zunächst aus dem Rhythmus gebracht. So musste unser Q3Ambientfest zweimal verschoben werden, kam aber schließlich digital, quasi als weihnachtliche Online-Edition, heraus. Ein Beispiel dafür, dass Einschränkungen Herausforderungen sind, die uns immer wieder zu kreativen Überlegungen zwingen, Lösungen und endlich auch einen Weg zu finden. So sehen wir  diese Zeit sehr wohl als bedrückendes und bedrohliches Ereignis, aber wir betrachten sie auch als Chance, erfinderische Perspektiven für ihre Bewältigung zu finden.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
BS: Es ist immer gut, wenn man merkt, dass selbst die derzeitige Situation dem gemeinschaftlichen musikalischen Gedanken kaum schaden konnte. Zuletzt waren wir fünf eingeschworene Künstler, die durch produktive und zugleich harmonische Aufnahmen im heimischen Wohnzimmer das Q3Ambientfest 2020 am Leben hielten. Die breite Solidarität und herzliche Empfehlungen gleichgesinnter Musikliebhaber und Freunde haben uns mit den Planungen für die Ausgabe 2021 beginnen lassen.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
BS: Früh hat uns die Komplexität des Kammermusikrepertoires für Cello und Klavier beeindruckt. So sind bis heute Einflüsse von Bach, Beethoven und Debussy in unseren eigenen Stücken zu hören. Aber auch die beinahe vergessenen Kompositionen ostdeutscher Formationen wie Toni Krahls Rockgruppe CITY, Frank Fehses Synthesizer-Duo KEY oder Reinhard Lakomys „Geschichtenlieder für Kinder“, „Der Traumzauberbaum“ und die Electronics-Platte „Das Geheime Leben“ haben wir früher oft gehört. Dabei versuchen wir natürlich nicht stehenzubleiben und orientieren uns so auch an  Arvo Pärt, Arthur Russell und Philip Glass, ebenso an zeitgenössischen Kollegen wie Hildur Gudnadóttir, Nils Frahm, Colin Stetson und Sarah Neufeld. Aber auch dieses Spielfeld erweitert sich zurzeit und wir erhalten spannende Anfragen von abstrakteren Künstlern, die sich gern beim Q3Ambientfest ausprobieren würden.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
BS: Gerade haben wir mit dem New Yorker Komponisten und Produzenten Eric Maltz die Kollaboration ZERO CROSSING vorgelegt. Neben der digitalen Veröffentlichung haben wir uns physisch zum ersten Mal für das Kassettenformat entschieden. Das klingt zunächst nicht so hochwertig. Hält man das Medium aber in  Händen und erinnert sich dabei an seine ersten Aufnahmeversuche am heimischen Stern-Recorder, entwickelt sich eine ganz andere Dynamik, ein eigener Charme. Jedes Format trägt seinen persönlichen Ausdruck, und Vinyl scheint dabei insbesondere klanglich derzeit das Maß der Dinge für Kenner; aber aus unserer Sicht ist nach wie vor nichts gegen eine gefühlt retro-futuristische Compact Disc in aufwendig handgemachter Aufmachung zu sagen.
Nicht jeder Kinofilm muss in 3D sein, nur weil es die Technik erlaubt. Wir haben Clips gesehen, die auf dem Handy gedreht wurden und uns bewegt haben. Als Künstler haben wir jedoch die Wahl, unsere Aussage zu treffen, und das Medium sollte diese Idee unterstreichen. Deshalb hören wir grundsätzlich erstmal alles, was uns begeistert –  vom Stream bis zur Vinyl.

KK: Was lesen Sie momentan?
BS: Wir lieben historische  Anekdoten, weil man oft viele Parallelen und Antworten auf aktuelle Sorgen, Probleme, aber auch Träume  und Visionen erhält. Nach einem gemeinsamen Auftritt mit der Potsdamer Autorin Paula Fürstenberg entdeckten wir ihren intelligenten und dabei amüsanten Debütroman „Familie der geflügelten Tiger”. Er stellt auch für uns nach wie vor spannende Fragen, beispielsweise wie es ist, wenn man keine Erinnerungen hat an das Land namens „DDR“, in dem man geboren wurde, also auch wie es sich anfühlt, wenn man auf das Gedächtnis anderer angewiesen ist, um die eigene Geschichte zu verstehen.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
BS: Planlosigkeit und Resignation. Es gibt immer einen Ausweg und jeder Morgen ist ein neuer Anfang.

KK: Was freut Sie ungemein?  
BS: Die Arbeit auch mit anderen ist ein wesentliches Kernelement und deshalb der Hauptgrund, warum wir 2017 das Q3AMBIENTFEST ins Leben riefen, ein alljährlich sorgfältig kuratiertes Musikfestival, das in der fabrik Potsdam seine adäquate Heimat gefunden hat. Hier laden wir gleichgesinnte Künstler, renommierte Acts und Freunde ein, um mit ihnen nicht nur auf der Bühne zu musizieren, sondern um zugleich eine besondere Verbindung zwischen Musik von Avantgarde bis Pop sowie Potsdams vielfältiger, historischer Architektur herzustellen.

Durch die von den Eltern bereits in der Kindheit geweckte Liebe zu unserer heutigen Heimat Potsdam haben wir darüber hinaus eine Reihe von Film- und Hauskonzerten ins Leben gerufen. Wir arbeiten an einer Foto-Tour durch unser Klingenthal-Studio sowie an einer Ausstellung der Fotoserie, die alle Alben begleitet hat.

Gerade haben wir zwei das Duo-Piano-Album MARIENBORN aufgenommen, das erste unter unserem bürgerlichen Namen. Also, als Brueder Selke erforscht unser zeitgenössisches Duo die Bereiche experimenteller und dabei zugänglicher elektro-akustischer Musik zwischen Avantgarde und Pop weiter. Nach einem Jahr voller Ungewissheit und Überraschungen folgen dennoch auch Veröffentlichungen unter unserem Markenzeichen CEEYS. So ist das HAUSMUSIK-Rework-Album MUSIKHAUS fertiggestellt und erscheint im Herbst 2021. Und dabei sind wir voller Vorfreude auf weitere handverlesene Werke als Brueder Selke. Kurz: Unsere Arbeit ist Antrieb und Hoffnung, Perspektive und Freude zugleich.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
BS: Nein – als Schneider und Tischler haben wir uns noch nicht ausprobiert, aber unser Potsdamer Klingenthal-Studio hat dennoch einiges, was auf uns zugeschneidert ist. Wie schon angedeutet: Der tägliche Umgang mit materiellem Mangel zu DDR-Zeiten und damit angetrieben durch eine tief verankerte Notwendigkeit zu improvisieren lässt unser Duo nicht nur mit Cello und Piano experimentieren, sondern hat uns auch geschult im technischen Umgang mit unseren oft antiken Synthesizern aus der sozialistischen Ära. Sebastian hat seinem Setup gerade erst ein Cello hinzugefügt, das aus Klingenthal stammt, einem der traditionsreichen Orte im sächsischen Vogtlandkreis, liebevoll auch „Musikwinkel” genannt.

Im Studio haben wir auch ein Mischpult installiert, das aus Japan stammt. Entwickelt sozusagen im Fernen Osten. Während der 1990er Jahre lag der Fokus der Ingenieure mehr auf hochwertigen Aufnahmen als auf Effekten.

Die Kollektion restaurierter Mikrophone, Federhallsysteme, Tasteninstrumente und Rhythmusboxen, die im damaligen Ostblock zwischen den 1950er und 1980er Jahren gebaut wurden, ist elementarer Bestandteil unserer Musik.

Unsere Hörumgebung haben wir sorgfältig ausgewählt. Wir hören einerseits über ein RFT HIFI Audio System 3930 mit Plattenspieler, Kassettendeck und Radioempfänger. Der Turm besitzt einen Verstärker, einen integrierten Mischer und Entzerrer, wobei der Plattenspieler das ikonische TESLA VM2103 Abtastsystem nutzt, das Beste was die DDR damals zu bieten hatte. Die Anlage ist verbunden mit wundervollen RFT B9151 MERKUR und lässt sich umschalten auf gigantische Vermona Regent Lautsprecherboxen.

Unsere Büromöbel sind überwiegend Originale aus DDR-Zeiten, teilweise wurden sie entworfen von einem Handwerksbetrieb in Ost-Berlin. Beispielsweise wurde das Regal, das unsere Schallplattensammlung sortiert, aus Pappe hergestellt. Bekanntermaßen baute die DDR ja ganze Fahrzeugkarosserien für den allseits bekannten „Trabant“ aus diesem flexiblen und wiederverwertbaren Material. Das Auto bekam gar den Spitznamen „Rennpappe”.

Vor kurzem führten wir ein Interview auf dem Blog eines Schuhherstellers, der zu Ostzeiten unter anderem Sporttreter herstellte und sich inzwischen neu erfunden hat. Auf der Bühne spielen wir eine Tastatur wie eine Orgel mit dem Fuß. Hierfür haben wir darüber hinaus die in der DDR beliebten Freizeitschuhe „Tramper“ wiederentdeckt.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
BS: Als Kinder einer Schauspielerin wurde uns die Liebe zu Theater und Film quasi in die Wiege gelegt. Wir haben uns damals zwar früh für die Musik entschieden, aber wir sehen nach wie vor viele Parallelen zwischen Filmemachern und Komponisten –  ein feines Gefühl für zeitliche Koordination, der Wechsel verschiedener Stimmungen, die den Unterschied machen beim Geschichten erzählen. Manch‘ Regisseur ist musikalisch begabt und nimmt seine Filmmusik selber auf. Da ist also ein enges Band, welches beide Welten miteinander verbindet, und wir verneigen uns vor Klassikern wie Charles Chaplin, der selber Cello spielte, vor den zeitlosen Epen von Sergio Leone und seinem seelenverwandten Freund Ennio Morricone oder auch vor Stanley Kubrick, sie alle führten eine innige Beziehung mit der Musik. In Potsdam spielen wir die Flimmerkonzerte im Filmmuseum, eine Konzertreihe, bei der wir Stummfilmklassiker neu vertonen. Nicht ganz zufällig scheint auch Sebastians Entscheidung, als zweiter Solocellist im Deutschen Filmorchester Babelsberg zu arbeiten.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung nach bisher noch nicht gibt?
BS: Wir sind immer auf der Suche nach neuen klanglichen Ausdrucksformen und lassen uns dabei am liebsten von Entwicklern überraschen. Demnächst treffen ein paar neue Instrumente eines jungen russischen Unternehmens ein, die wir testen dürfen.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
BS: Seit über zwanzig Jahren treten wir als Brüder auf, und erst vor kurzem haben wir unser jeweiliges Solodebüt mit der EP Q3A auf einer 7 Inch Vinyl veröffentlicht. Auf der A-Seite Sebastians Titel auf der B-Seite ein Klavierstück von Daniel. Aber selbst diese Platte war eine versteckte Gemeinschaftsproduktion –  legt man die beiden Titel übereinander erscheint der versteckte dritte Titel. Übrigens kommt hierzu bald der zweite Teil QP heraus und wieder über das feine Label Oscarson.

Unsere bisher spannendste Zusammenarbeit kam über Gregory Euclide’s Thesis Project und unsere THESIS 17. Gemeinsam mit dem Duo Constant Presence von Peter Broderick und Daniel O’Sullivan widmen wir uns der Weisheit Nothing Special des Zen-Meisters Shunryu Suzuki. Zwei 11-Minuten-Stücke, die zur Meditation einladen.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
BS: Meist kommen die Ideen direkt nach der Finalisierung des alten Projekts. Also, kaum halten wir die fertige Platte in Händen, schwingt schon eine Art Motivation mit, die erste neue Skizzen entstehen lässt. Naja, es ist ein bisschen wie bei der Frage, wer war zuerst da, Henne oder Ei. Für uns jedenfalls ist jedes Ende zugleich der neue Anfang, es ist sogar der beste Moment, Neues zu schöpfen. Bevor wir begannen, eigene Musik zu veröffentlichen, waren es eben die Klänge anderer, die uns antrieben. Jetzt läuft das irgendwie parallel. Ein schöner Moment ist es, wenn wir Künstler zum Q3Ambientfest einladen und daraus wieder Einfälle für Projekte entstehen.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
BS: Auch das ist ein Wechselspiel. Zu Beginn hatten wir nur unsere Musik. Als dann die ersten Plattformen und Magazine Fragen stellten, entdeckten wir gleich deren Universum mit, und so lernten wir auch viele wundervolle Kollegen kennen. Zuletzt haben wir das kleine, aber sehr besondere „Mols Magazin“ entdeckt. Die Macherin ist selbst multitalentiert. An dieser Stelle einen Dank auch an das „Kultkomplott“ und seine Leser.

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
BS: Wir beide haben zwar ein enges Verhältnis zur Geschichte, aber – vielleicht sogar deshalb – als Gestalter von Politik möchten wir uns gern etwas zurückhalten. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern eher aus Respekt vor der Komplexität der Zusammenhänge. Die Welt erscheint uns Wendekindern, als würden scheinbar gelöste Konflikte abgewandelt neu entflammen –  tiefere Gräben, höhere Mauern, Abwendung von Freunden, Diskriminierung Andersdenkender, neue Formen von Tyrannei –  alte historische Konflikte, die sich auf höherem „Niveau“ wiederholen, eine neue Art „Kalter Krieg“.

Wir freuen uns einerseits über das Engagement einer jungen Generation, denken aber, auch hier muss es ein Miteinander geben. Nur die Kritik allein hat noch Niemandem genützt. Keiner ist unfehlbar, und so gilt es auch hier, eine Balance herzustellen. Um diesen ausgewogenen Zustand zu erreichen, braucht es Eigenschaften wie Geduld und Ausdauer, die heute allzu oft durch die beschleunigenden Medien in Vergessenheit geraten. Demokratie ist anstrengend, weil jeder seine Meinung sagen kann und muss. Es gibt nicht die eine Antwort auf unsere Sorgen und Nöte, und wo Worte nichts mehr bewirken können, kann vielleicht die Musik helfen. Als Teil der Kreativwirtschaft, die durch die Pandemie mit am härtesten getroffen wurde, erinnern wir uns an ein schönes Zitat von Winston Churchill. Als seine Berater im zweiten Weltkrieg Kulturförderungen kürzen wollten, soll der damalige britische Premierminister verdutzt verneint und gefragt haben: "Wofür kämpfen wir dann?"

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
BS: „Brueder Selke“

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
BS: Bis ins Jahr 2015 war es ein Entwurf  ähnlich dem 2. Teil der intelligenten Trilogie „Zurück in die Zukunft“,  und bis heute träumen wir von schwebenden Skateboards. Musikalisch suchen wir weiter nach Klängen zwischen Avantgarde und Pop, experimentellen, aber zugänglichen Arbeiten.

Nach Einsätzen unserer Musik im Berliner „Tatort“ und verschiedenen Dokumentarfilmen freuen wir uns über Anfragen von Filmschaffenden für Musikvideos, Filme, die unseren Ansatz nachvollziehen können.

Wir wünschen allen Kollegen und Musikliebhabern Kraft, Zuversicht und Gesundheit, diese schwierigen Zeiten durchzustehen und glauben an ein Wiedersehen bei uns im schönen Potsdam oder gern auch anderswo auf der Welt.
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Montag 14.12.2020
161. Duo Elin-Sakas - Diamanten zum Leuchten bringen
Egal wo Christian Elin und Maruan Sakas auftreten – jedes Mal hinterlassen sie mit ihrer wohldosierten Mischung aus Klassik und zeitgenössischer Improvisation ein begeistertes Publikum. Man kann das Aufeinandertreffen ihrer musikalischen Überzeugungen auch kammermusikalischen Jazz nennen. Klangwanderungen, voller Ästhetik und Leidenschaft, fantasiereiche musikalische Geschichten, die einen Bogen vom Orient zum Okzident schlagen, die östliche und westliche Kulturen miteinander vereinen, die zwischen Nord und Süd haltbare und faszinierende Verbindungen schaffen. Ihre beiden bisher erschienen Alben, „Some Kind Of Blues“ und „Mittsommernacht“ sind Beispiele für gemeinschaftliche kreative Prozesse, an deren Ende introspektive Haltungen für völlig neue Hörerlebnisse stehen. David Liebman, der US-amerikanischer Tenor- und Sopransaxophonist, urteilt über sie: „Diese beiden Künstler haben sich in Schönheit, hohe Disziplin und Kunstfertigkeit vertieft.“ Die Süddeutsche Zeitung schwärmt von ihrer „Anmut und Eleganz“ und die Augsburger Allgemeine Zeitung feiert sie: „Freigeister am Werk - Das Duo Elin-Sakas in blindem Einverständnis“. Ihr Auftritt am 16.? Dezember in Fürstenfeld ist auf den 12. Mai 2021 verschoben.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Elin-Sakas: Wir hoffen, dass vor allem die Qualität unserer Musik darauf wesentlichen Einfluß hatten. Sicher auch die Zeit und die Energie, die wir insgesamt unserem Duo gewidmet haben, sei es für die -Kompositions- und Probenarbeit, für den Kontakt zu Veranstaltern und Presse und für die mediale Präsenz. Nicht zuletzt auch unsere Geduld, unsere Konfliktfähigkeit und unsere Ausdauer.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
E-S: All unsere Fans, und natürlich auch all diejenigen Menschen – auf Veranstalter- wie Publikumsseite -, die unsere Musik noch nicht kennen. Mit unserer Musik möchten wir die Ohren und Herzen unserer Zuhörer berühren und zum Schwingen bringen und uns ausdrücken.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
E-S: Natürlich würden wir uns beide sehr gerne die ganze Zeit „nur“ der Kunst, also dem Schreiben, Proben und Konzertieren widmen. So empfinden wir die Selbstvermarktung natürlich als notwendig, aber sie gehört sicherlich nicht zu unseren Lieblingsaufgaben.

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
Maruan Sakas: 2020 wäre ohne die Corona-Krise und die Geburt meines Sohnes bereits ein ereignisreiches Jahr gewesen. Doch letztgenannte Ereignisse werden sicherlich weit über 2020 hinaus am nachhaltigsten in Erinnerung bleiben.
Christian Elin: Mich beeindruckt der Mut von all jenen Menschen, deren Wahrheitsliebe sie so fest und klar leitet, dass sie sich selbst im Angesicht großer Widerstände nicht von ihrem Gefühl und ihrer Wahrheit abbringen lassen.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
E-S: Wenn neue Stücke das erste Mal in der Probe erklingen ist immer ein ganz besonderer Moment, ebenso die Flow-Momente beim Improvisieren auf der Bühne.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
E-S: Wir sind beide mit klassischer Musik und mit Jazz aufgewachsen. Diese beiden Stile hören wir nach wie vor am meisten. Grundsätzlich hören wir jede Musik gerne, die uns berührt, z.B. weil sie authentisch ist, besonders musikantisch vorgetragen oder gut geschrieben. Dass das für uns beide weniger eine Frage des jeweiligen musikalischen Stils ist, ist eine Gemeinsamkeit, die wiederum den Stil unseres Duos geprägt hat, der sich gerade durch verschiedene Einflüsse auszeichnet.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
E-S: CD in Ermangelung eines Plattenspielers.

KK: Was lesen Sie momentan?
MS Ich lese im Alltag meist nur Fachzeitschriften und Zeitungen. Bücher dann im Urlaub.
CE: Roger Willemsen: Musik!

KK: Was ärgert Sie maßlos?
MS: Unsolidarisches Verhalten, Fremdenfeindlichkeit, Ignoranz gegenüber den großen Herausforderungen unserer Zeit wie dem Klimawandel.
CE: Daß so viel öffentlich gelogen wird, daß es möglich ist, mit Geld Menschen zu kaufen.
Daß die Armutsrate auf der Welt sich aufgrund der Corona-Krise massiv verstärken wird. ?

KK: Was freut Sie ungemein?
MS: Dass ich im Juli Vater geworden bin.
CE: Daß ich am Leben bin und tun darf, was mich glücklich macht.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
MS: In meiner Grundschulzeit häkelte ich Topflappen, Schals und Stirnbänder. Ansonsten bin ich handwerklich vermutlich eher unbegabt.
CE: Ich habe nach meinem Realschulabschluß eine Lehre zum Möbeltischler absolviert, und freue mich bis heute an meinem Gesellenstück, einem Art-Déco-Schreibtisch. Die Liebe zum Holz ist ebenfalls geblieben und hat mich sogar zu einem Stück inspiriert, in dem der Zauber des Geruchs von Holz beschrieben wird.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
MS: Von Kate Winslet in „Der Vorleser“.
CE: Josef Bierbichler in „Im Winter ein Jahr“.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
MS: Transkriptions-Software für aktuellere Songs, von denen es kein gutes Notenmaterial gibt. Zielgruppe wäre der Teil meiner Studierenden, die sich mit der Höranalyse schwer tun. Ich hätte somit weniger Arbeit, denn meist fertige ich dann die Sheets an.
CE: Diese Software hätte ich auch gerne.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
E-S: Wahrscheinlich trifft beides zu. Man kann das ganz schön an unserer kompositorischen Arbeit sehen: Wir sind beide starke Individuen und haben unseren jeweils eigenen Stil. Dass der durchaus unterschiedlich sein kann, hört man auch unseren Stücken an. Allerdings würde keines unserer Stücke so sehr reifen, wenn wir uns nicht mit großer Hingabe der Musik und der Persönlichkeit unseres Duopartners widmen würden. Im Austausch und in der gemeinsamen Probenarbeit ergibt sich dann der „Feinschliff“, der die Diamanten noch mehr zum Leuchten bringt.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
E-S: Wir sind beide sehr gerne in der Natur. Wenn unser Kopf frei ist und wir viel frische Luft bekommen, ist die Inspiration, z.B. für ein musikalisches Thema oder einen Stücktitel, oft am stärksten.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
MS: Die gängigen Websites, wo ich Informationen beziehen oder Musik hören kann.
Blogs lese ich selten...

CE: Unabhängige Webseiten, z.B. bittel tv oder uncut news.

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
E-S: Wir würden uns ganz sicher für faire Honorare in Musiklehre und im Konzertbereich einsetzen.
Auch dafür, daß das Urheberrecht im digitalen Bereich besser geschützt wird und dass Musiker für ihre Werke, die im Internet verfügbar sind, eine angemessenere Vergütung erhalten.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
E-S: Wer unsere Autobiographien lesen möchte, dem möchten wir sehr unsere CDs empfehlen.

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
E-S: Eine Idealvorstellung für uns wäre, dass alle Kinder dieser Welt Zugang zu einem hochwertigen Instrumental- und Musikunterricht erhalten. Musik hat eine so stark verbindende Kraft, dass sie uns Menschen näher zusammen bringt.
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Foto: Julia Knop
Freitag 20.11.2020
160. Lorenz Hargassner - Hits aus der 007 Filmreihe
Lorenz Hargassner hat sich erst mit 20 endgültig für das Saxophon entschieden. Nur vier Jahre später gründete er sein (heute preisgekröntes) Quartett, unter dem verpflichtenden Namen pure desmond. Natürlich stand für dieses Unternehmen, das bis heute in der Ursprungsbesetzung existiert, kein geringerer als der Meister des Cool Jazz, Saxophonist Paul Desmond Pate. Bekannt geworden in der Band um Dave Brubeck, hat der aus San Francisco stammende Altist ab Ende der 1950er Jahre auch Aufnahmen unter eigenem Namen veröffentlicht. Eines seiner bekanntesten Alben heißt, sie ahnen es: „Pure Desmond“.
Lorenz Hargassner besticht durch Eleganz und stilsicherer Ästhetik, durch eine virtuose, wie musikalisch hochprofessionelle Technik. Er fühlt sich, zumindest in dieser Besetzung, der Tradition verpflichtet. „Nebenher“ brilliert er noch im Lorenz Hargassner Quartett und ist, unter anderem, häufig mit dem einstigen Keyboardspieler der Miles Davis Band, Adam Holzman auf Tour.
Am 18. Dezember gastieren Lorenz Hargassners pure desmond um 19.30 Uhr in der Stadthalle Germering und präsentieren hier ihr neues Album „Pure Desmond Plays James Bond Songs“.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Lorenz Hargassner: Wir (das sind meine ehemaligen Studienkommilitonen Johann Weiß an der Gitarre, Sebastian Deufel am Schlagzeug, Christian Flohr am Bass und ich am Saxophon) haben mit pure desmond einen gemeinsamen musikalischen Nenner gefunden, obwohl wir eigentlich aus ganz verschiedenen Bereichen des Musik- und Kulturlebens stammen. Wir haben uns aber "zusammen gerauft" und es geschafft, jedem Raum zu geben, das einzubringen, was er von sich mitbringt. Dadurch sind wir vielfältig an Ausdrucksformen, Ideen, Inspirationen und Möglichkeiten. Dennoch haben wir es geschafft, einen eigenen Stil zu finden, in dem wir uns alle wohl fühlen, eine Arbeitsweise zu entwickeln in den letzten 20 Jahren, die effektiv ist aber keine Kompromisse macht. Mit einem respektvollem Umgang miteinander.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
LH: Unsere Musik soll eine Atmosphäre haben, die sowohl Menschen anspricht, die überhaupt nichts von Musik verstehen oder sich nicht weiter für Jazz oder andere Stilistiken und solcherlei Zusammenhänge interessieren, als auch "Afficionados" des West Coast Jazz der 1960er Jahre um Paul Desmond (und Jim Hall, Dave Brubeck, Chet Baker, um nur einige zu nennen) und der anspruchsvollen modernen Jazzmusik. Als Anknüpfungspunkt hat uns hier das Quartett des Saxophonisten von Dave Brubeck gedient, der auch den Welthit "Take Five" geschrieben hat und der sozusagen auch der "Namenspatron" von pure desmond ist.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
LH: Wo soll ich denn da anfangen (lacht)! Normalerweise konzentriere ich mich nicht auf die Widrigkeiten, sondern darauf, warum ich weitermachen will. Es kann bei den vielen Widrigkeiten nämlich zum Beispiel schwer sein, sich zu motivieren, wenn man sich darauf fokussiert, dass es so viele Widrigkeiten gibt. Daher blende ich das lieber aus und konzentriere mich auf die Ziele, die wir haben und das Schöne, das das bedeutet.
Aber natürlich ist es nicht einfach, eine Band als freiberuflicher Musiker 20 Jahre zusammen zu halten. Abgesehen von künstlerischen Richtungsentscheidungen, die getroffen werden müssen, bedeutet das oft auch mit simplen existenziellen Fragen wirtschaftlicher Natur umzugehen. Letzten Endes sind wir als Künstlergruppe auch eine Art Unternehmen, das z.B. um Förderungen ansuchen, sich bei Preisen bewerben, sich entwickeln kann, in einem Markt, der sehr im Wandel ist (wer den Niedergang der Musikindustrie in den letzten Jahren verfolgt hat, kann sich davon ja ein Bild machen, was das heißt, sich da zu behaupten).
Und dann stellt sich natürlich immer die Frage nach der Investition von Zeit und der Finanzierung von Ideen, so wie jetzt, wo wir es mit einer "Go Fund Me" Kampagne versuchen, um unser aktuelles Album fertig stellen zu können. Da durch die Corona-Pandemie alle unsere Konzerte seit Februar 2020 weg gebrochen sind, können wir nicht, wie geplant, für die bei einer CD-Produktion entstehenden Kosten das nötige Geld verdienen durch die Arbeit mit der Band, was wir normalerweise natürlich versuchen.
Wir freuen uns übrigens über jede Unterstützung unserer Kampagne, jede kleine Spende hilft!
https://de.gofundme.com/f/cd-veroffentlichung-pure-desmond

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
LH: Sehr beeindruckend war unsere Reise auf das Schilthorn, einen Berg in den Schweizer Alpen. Dort haben wir auf dem Panorama-Restaurant auf dem Gipfel (dem "Piz Gloria"), das ein Original-Schauplatz eines James-Bond-Streifens ist, für den Fernsehsender ARTE zwei Videos aufgenommen, in denen wir Musik aus unserem neuen Album spielen. Diese Filmaufnahmen sind gleichzeitig die Ton-Aufnahmen zum neuen Album gewesen (Sie können uns also sozusagen beim Aufnehmen der Platte zusehen). Das "Piz Gloria" hat sich hier angeboten, weil es in unserem neuen Album um Bearbeitungen der bekannten Hits aus der 007 Filmreihe in unserem persönlichen Sound geht.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
LH: Das würde wahrscheinlich jeder aus unserer Band anders beantworten. Wir sind aber auf jeden Fall alle sehr Sound-affin, also wenn es gut klingt in dem Raum, in dem wir spielen oder aufnehmen, das ist schon sehr schön. Denn wir können mit einem guten Raum auch sehr gut arbeiten und dann unsere besten Ergebnisse erzielen. Uns ist es besonders wichtig, dass die Musik gut klingt und eben die besondere Atmosphäre entsteht. Das hat auch die Jury zum "Preis der deutschen Schallplattenkritik" so gesehen, als sie uns zugeschrieben hat: „Eine edle, kammermusikalische Ästhetik: durchsichtig, überschaubar, linear, kontrolliert emotional und zurückgelehnt bis zur totalen Entspannung“.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
LH: Die Art von Musik, die wir machen, höre ich selber sehr gerne, vielleicht am liebsten - darum mache ich sie ja! Und natürlich höre ich immer wieder gerne unsere Vorbilder vom Dave Brubeck Quartet, oder Miles Davis. Aber ich habe ein breit gefächertes Interesse an Musik, meine Kollegen ja auch, das ist ja genau das Interessante an unserer Zusammenarbeit, finde ich. Unser Drummer steht z.B. sehr auf Neue Musik aber auch auf das, was zeitgenössische deutsche Singer/Songwriter machen, unser Bassist ist vor allem in Funk und R&B zuhause und unseren Gitarristen würde ich beim Blues und Rock verordnen. Ich selber komme eigentlich von der Klassik.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
LH: Neuerdings sehr gerne Vinyl, aber vieles habe ich immer noch auf CD. Ich bin ein Kind der 1980er und 1990er und das war die Hoch-Zeit der CD, dementsprechend groß ist meine Sammlung (und dementsprechend gewöhnt bin ich auch immer noch an diese spezielle Haptik mit den Booklets und so). Leider habe ich nicht so viele Schallplatten, dass ich nur Vinyl hören könnte.

KK: Was lesen Sie momentan?
LH: Ich selbst lese gerne Autoren wie Jonathan Franzen, Juli Zeh, Jeffrey Eugenides oder Daniel Kehlmann. Gerade habe ich "Die Geheime Geschichte" von Donna Tartt fertig gelesen, das war auch eine tolle Lektüre.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
LH: Respektlosigkeit und Engstirnigkeit. Wenn Menschen sich nicht vorstellen können, dass es woanders anders ist und dass das auch gut sein kann. Ich bin als Wiener, der in Hamburg lebt, u.a. in New York und in Berlin studiert hat und auf verschiedenen Konzertreisen die halbe Welt gesehen hat (mit pure desmond z.B. waren wir ja auch schon in der Gegend um Hongkong auf Tour) immer wieder erstaunt, wie klein der Horizont von so vielen Menschen ist. Und was dann daraus entsteht an Missverständnissen, Ressentiments, Unterstellungen, Vorurteilen und leider auch einer gewissen Arroganz. So wie es "bei uns" ist, muss es doch nicht "richtig" sein. Vielleicht jetzt gerade, hier für uns. Aber woanders eben nicht. Diese Andersartigkeit respektieren zu lernen (und sich das Ausmaß wenigstens ansatzweise vorzustellen), das wünsche ich mir von der Welt...

KK: Was freut Sie ungemein?
LH: Wenn jemand ehrlich und empathisch ist. Wenn Menschen sich trauen, sich zu zeigen und nicht nur "cool" oder irgendwie angemessen erscheinen wollen. Und ich mag guten Geschmack (was auch immer das ist...) - also wenn jemand etwas Schönes in die Welt bringt, sich gut anzieht, einen schönen Garten pflegt, eine schöne Sprache kultiviert, was auch immer. Schönheit und Ästhetik sind genauso wichtig wie Effizienz und Leistung.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
LH: Nein, das kann ich gar nicht (lacht)! Ich habe echt zwei linke Hände. Ich bin für einfache Verrichtungen im Haushalt zu gebrauchen, aber bitte lassen Sie mich nicht eine IKEA-Küche zusammen bauen.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
LH: Bevor wir uns mit pure desmond den James Bond Filmen zugewandt haben, waren wir ja mit unserem Programm "Audrey" auf Tour. Im Zuge der Arbeit an unserem gleichnamigen Album habe ich mich intensiv mit Audrey Hepburn beschäftigt, um deren (halb fiktive) Beziehung zu Paul Desmond es dabei geht. Nicht zuletzt weil sie das Idol meiner Mutter war (vor allem als "Eliza Doolittle" in? der "My Fair Lady" fand sie sie toll) - aber ich fand es auch beeindruckend, wie sie sich zu einer wahren Stilikone entwickelt hat, zu einem Sinnbild, einem Ideal für einen ganz bestimmten Typ Frau sozusagen (ganz anders jedenfalls als beispielsweise eine Marilyn Monroe). So etwas ist selten und es wird vielleicht auch viel seltener, weil die "Typen" ja im 20. Jahrhundert definiert wurden. Ein George Clooney ist doch auf eine Art auch die "moderne Fassung" eines Sean Connery zum Beispiel (hm, der wäre vielleicht auch ein guter Bond-Darsteller..?). Einen interessanten modernen "Typen" finde ich in dem Zusammenhang vielleicht Johnny Depp, aber nicht bezogen auf irgendeinen speziellen Film. Und so jung ist der auch nicht mehr...

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
LH: Da gibt es eine ganze Menge. Zum Beispiel hätte ich gerne ein gut funktionierendes Tool für das Band-Booking. Das könnte einem viel Arbeit abnehmen. Ideen in diese Richtung hatte ich schon, irgendwann werde ich sie in die Tat umsetzen, hoffentlich... (lacht). Außerdem habe ich Ideen für Bücher, u.a. für ein Lehrbuch für das Improvisieren auf dem Saxophon (das, an das ich denke, gibt es nicht). Oder für eines, in dem es darum geht, sich mit dem Wachhalten seiner Motivation (zu üben) zu beschäftigen. Ich habe auch Romanideen, aber ich glaube, man unterschätzt, was es bedeutet, wirklich einen guten Roman zu schreiben.
Ich würde auch gerne mal einen richtigen Hit schreiben. Ein Stück, das die Menschen bewegt und das sie nicht mehr vergessen, das aber trotzdem geschmackvoll und stilvoll ist und einen interessanten Text hat, der zum Nachdenken anregt. So eingängig wie "Atemlos", aber eben nicht so platt. Dann eben doch lieber wie "Take Five"... (lacht)!

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
LH: Als Teamplayer, das ist für mich eine klare Sache. Das ist es ja, was mir so Spaß macht an pure desmond - dass die Last nicht allein auf meinen Schultern ruht. Gemeinsam ist man viel stärker und an den Konflikten in einer solchen jahrelangen Beziehung kann man nur reifen (wenn man sie denn durchsteht). Das ist ein Korrektiv. Anstrengend natürlich auch, diese Reibung. Aber das "schleift einen eben ab" (lacht).

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
LH: Entweder, wenn ich nicht versuche, einen Einfall zu haben, wenn ich ganz bei mir bin und sozusagen ganz "im Gefühl". Dann ist man transzendent, glaube ich, dann verbindet man sich mit "dem, was wichtiger ist, als alles andere". Das sind die magischen Momente. Oder, wenn ich kreativ sein muss und will, mit einer Deadline. Dann kreise ich das Ziel nach dem Ausschluss-Verfahren ein, indem ich so lange Optionen ausschließe, bis nur noch eine Möglichkeit übrig bleibt - und die mache ich dann. Das ist die effektive Art, kreativ zu sein, die kann aber auch sehr hochwertige künstlerische Ergebnisse zur Folge haben. Kreative Arbeit ist auch Arbeit.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
LH: Ich bin ja seit einiger Zeit viel auf YouTube unterwegs und sehe mir gerne Video-Blogs (sogenannte VLOGs) an. Vor allem die Reihe von Bob Reynolds (dem Saxophonisten von Snarky Puppy, John Mayer u.v.a.) hat es mir da angetan, er hat mich auch dazu inspiriert, es selbst einmal zu versuchen mit so einem Video-Tagebuch. Ich habe dann unsere gesamte "Audrey"-Tour mit pure desmond und die Arbeiten danach mit einem eigenen VLOG auf unserem YouTube-Kanal begleitet und erzählt.
Außerdem habe ich mich im Zuge des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 an einer davon losgelösten VLOG-Reihe "in eigener Sache" versucht, in der ich mein Leben als Künstler ein bisschen beschreibe und die Gedanken, die ich mir zu verschiedensten Dingen mache. Ich bin einfach ein Bühnenmensch und ziehe das "Performen" vielleicht dem Schreiben von langen Texten vor - obwohl ich sagen muss, dass ich das Video-Machen mittlerweile (seit es in meinem Leben regelrecht inflationär geworden ist) auch ganz schön anstrengend finde.
Bei Nachrichten halte ich mich an die gängigen Medien wie Spiegel Online, Zeit Online oder tagesschau.de. Aber am liebsten lese ich Texte eher auf Papier. Daher kaufe ich mir auch gerne mal altmodisch eine Zeitung.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
LH: Hm, vielleicht "Diversityville", nach einem Zitat von Paul Desmond. Oder "Keep the channel open", nach einem Zitat von Martha Grimes. Oder auch "Prokrastination", das wäre auf jeden Fall ehrlich... (lacht)! Da müsste ich länger drüber nachdenken, das kann ich jetzt nicht so ad hoc sagen.

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
LH: Oje... hoffentlich gut. Aber in Zeiten wie diesen, zweiter Corona-Lockdown, Trump-Raserei, islamistisches Attentat in meiner Heimatstadt Wien, da braucht es schon eine ganze Menge guten Willens, um positiv in die Zukunft zu blicken. Andererseits hat sich die Menschheit (und unsere Gesellschaft, ja sogar unsere Generation!) schon aus vielen misslichen Lagen befreit oder jedenfalls sie überstanden, z.B. die Bankenkrise vor einigen Jahren. Ich kann nur sagen, wie ich mir die Zukunft wünsche, und das ist eine Zukunft mit mehr Gerechtigkeit und Empathie, mit mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt. Vielleicht muss es wieder einmal krachen, damit die Welt (oder Deutschland, oder Europa) versteht, dass das wichtig ist. Aber ich hoffe, wir kriegen das anders hin. Schließlich gibt es auch genug Leute, die das wollen. Wenn wir es uns recht überlegen, werden wir sogar feststellen: Wir sind mehr.
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