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1. Christoph Ransmayr „Der Fallmeister“
2. KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Franz Werfel „Eine blassblaue Frauenschrift“
3. Mirko Bonné „Seeland Schneeland“
4. Julia Phillips „Das Verschwinden der Erde“
5. Mark Benecke „Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinal...
6. Don DeLillo „Die Stille“
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Mittwoch 05.05.2021
Christoph Ransmayr „Der Fallmeister“
Christoph Ransmayr verlagert seit einiger Zeit in seinen Büchern die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart in die Vergangenheit („Cox oder Der Lauf der Zeit“), oder, wie jetzt mit dem Roman „Der Fallmeister – Eine kurze Geschichte vom Töten“, in die Zukunft. Vielleicht sind auf diese Weise besser, oder nachhaltiger die Fallstricke und Verwerfungen, die Entwicklungen und Auswirkungen im Hier und Heute zu erkennen. Ging es in „Cox oder Der Lauf der Zeit“ um Themen wie politische Macht und Machtmissbrauch, sowie das Verhältnis zwischen Orient und Okzident, sehen wir im Fallmeister die Absurdität und Folgen unseres täglichen Tuns, wie letztendlich den Zerfall Europas in unzählige Kleinstaaten und den globalen Kampf um Trinkwasser-Ressourcen in bisher ungekanntem Ausmaß. Ransmayr gelingt dieses Szenario ohne die entsprechenden Themen überzustrapazieren, oder den sinnlos warnenden erhobenen Zeigefinger einzusetzen.
Der 1954 in Oberösterreich geborene Autor verpackt seine Wahrnehmung der Zeit vordergründig in eine Kriminalgeschichte, mit stark moralischem Anspruch. Der Vater des Erzählers arbeitet als Fallmeister, einer Art Schleusenwart, der bei seiner Tätigkeit am „Weißen Fluss“(der viel Ähnlichkeit mit der Donau aufweist) fünf Menschen tötet. Er selbst verschwindet kurz darauf.
Aus diesem Grunde reist der Sohn, der als Hydrotechniker an den größten Strömen weltweit arbeitet, nach Hause. Es ist eine beschwerliche Reise, die ihn durch ein zerfallenes Europa führt, ein Europa von nationalistischen Kleinstaaten, die, hierfür bracht man nur wenig Fantasie, das Ergebnis gescheiterter Europapolitik ist.
Ransmayr stellt ins Zentrum der Handlung nicht allein die Aufklärung dieser Verbrechen. Der Autor beschreibt stattdessen, wie sich der Erzähler der eigenen Familiengeschichte stellt, mit all den Verwerfungen, moralischen Verantwortungen, mit den Schrecknissen der Vergangenheit. Denn der Erzähler ist auch ein Opfer der Zeit und der Umstände, egal, ob es sich um die Entladungen des jähzornigen Vaters handelt, der frühen Verschleppung der Mutter, die in ihre dalmatinische Heimat deportiert wurde und von der jede Spur fehlt, oder um die soziale Abgeschiedenheit des Lebensraumes. Sein einziges Zutrauen, die einzige (auch körperliche) Liebe findet der Erzähler in der an der Glasknochenkrankheit leidenden Schwester Mira, die wie eine Märchenfee auf ihn wirkt und die ebenso abrupt und endgültig aus dem Leben gerissen wird. Halt im Leben kann er insofern nur finden, wenn er seine eigene Familiengeschichte aufarbeitet, die eingebettet ist in die allgemeine Dystopie.
Es ist eine Welt der Dramen und der Katastrophen, die Ransmayr hier sprachgewaltig entwickelt, die manchmal auch ein wenig schwülstig wirken, wobei letztendlich die Sprachästhetik einige dieser Tragödien und Katastrophen erträglicher und lesenswerter gestalten.
Jörg Konrad

Christoph Ransmayr
„Der Fallmeister“
S. Fischer Verlag
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Dienstag 20.04.2021
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Franz Werfel „Eine blassblaue Frauenschrift“
Der Titel könnte falsche Erwartungen wecken. Es handelt sich bei dem Kurzroman „Eine blassblaue Frauenschrift“ von Franz Werfel nicht um eine wehmütige, leicht kitschige Liebesgeschichte, sondern um die subtile Charakterstudie eines Opportunisten und ein scharfsichtiges Porträt der österreichischen Gesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg. Franz Werfel hat die packende, farbig und poetisch erzählte Novelle im Jahr 1940 auf der Flucht ins Exil geschrieben.
Ein Tag im Oktober 1936, zwei Jahre vor dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. „Depression über Österreich. Stürmisches Wetter im Anzug“ meldet der Wetterbericht. Leonidas, ein hoher Staatsbeamter in einem Wiener Ministerium, erhält zu seinem 50. Geburtstag neben zahlreichen maschinengetippten Gratulationsschreiben auch einen Brief in einer blassblauen Schrift, der seine ganze Existenz ins Wanken bringt.
Der elegante Sektionschef stammt aus einfachen, ärmlichen Verhältnissen und kann sich nun, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als Götterliebling fühlen. Durch sein Aussehen, seinen Charme und vor allem durch die Heirat mit der reichsten Erbin der Stadt, die den sprechenden Namen Amelie Paradini trägt, ist er ins Paradies der Oberschicht Wiens aufgestiegen. Eine entscheidende Rolle für seinen Erfolg spielte einst ein Frack. Er hatte ihn ausgerechnet von einem jüdischen Selbstmörder geerbt und eine so gute Figur darin gemacht, dass die Gesellschaft und vor allem Amelie geblendet waren.
Einige Monate nach seiner Heirat ging Leonidas eine kurze Liebesbeziehung mit Vera Wormser ein, einer Jüdin. Durch ihren Brief holt ihn nun die Vergangenheit ein. Vera bittet ihn, sich für einen jungen Mann einzusetzen, der in Deutschland als Jude nicht mehr das Gymnasium besuchen darf. Leonidas, dessen Ehe mit Amelie kinderlos geblieben ist, sieht sich plötzlich als Vater eines nichtarischen Sohnes.
Franz Werfel spielt meisterhaft mit den Namen seiner Figuren. Leonidas trägt ironischerweise den Namen eines antiken Helden. Doch er ist alles andere als ein Held, und er weiß das. In einem großen inneren Monolog, einer hellsichtigen Selbstanalyse, klagt er sich an und bekennt sich schuldig. Vor 18 Jahren hat er Vera, die einzige Liebe seines Lebens, belogen und schmählich im Stich gelassen. „Die sechs unzugänglichen Wochen mit Vera bedeuten die wahre Ehe meines Lebens. Ich habe der großen Zweiflerin jenen ungeheuren Glauben an mich eingepflanzt, nur um ihn zuschanden werden zu lassen. Das ist mein Verbrechen.“ Dabei hat es Leonidas einen besonderen Kitzel bereitet, in Vera durch die Liebe zu ihm das „Eis der israelitischen Intelligenz“ schmelzen zu sehen. Sein individueller Liebesverrat verweist auf gesellschaftlicher Ebene auf den Verrat der Deutschen und Österreicher am jüdischen Volk.
Leonidas steht vor der Entscheidung, sich zu Vera und ihrem Sohn und damit zur Wahrheit zu bekennen – auch Veras Name ist natürlich kein Zufall – , oder zu der bequemen Verlogenheit und Oberflächlichkeit seines bisherigen Lebens zurückzukehren. Der innere Aufruhr, in den Veras Brief ihn versetzt, wird von Werfel bis in die feinsten Verästelungen seiner Seele dargestellt. Leonidas schwankt zwischen Mut und Angst, Liebe und Feigheit. Er hat viel zu verlieren. Nicht nur sein Reichtum, sondern ebenso seine politische Karriere ist gefährdet. Auch in Österreich kann für einen hohen Staatsbeamten die Nähe zur jüdischen Rasse „höchst unstatthaft“ sein.
Am Ende des Tages besucht Leonidas die Oper. Während er in seinem Sessel einschläft, weiß er, dass „heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er weiß, dass er daran gescheitert ist. Er weiß, dass ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird.“
Werfels überragende Kunst, im Charakter eines Menschen eine ganze Epoche zu spiegeln, macht „Eine blassblaue Frauenschrift“ zu einem Meisterwerk, das auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Lilly Munzinger, Gauting
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Dienstag 13.04.2021
Mirko Bonné „Seeland Schneeland“
Sir Ernest Shackleton gilt nicht nur als einer der größten Abenteurer des letzten Jahrhunderts. Der gebürtige Ire wird, obwohl seine Antarktisreise während des 1. Weltkrieges im Südpolarmeer scheiterte, als einer der wichtigsten Expeditionsleiter und als Vorbild für ganze Generationen von heranwachsenden Naturforschern und (heutigen) Managern(!) verehrt. Grund hierfür waren sein unbändiger Wille und seine Tatkraft, die ihn dazu brachten, seine gesamte Crew, nachdem sein Schiff die „Endurance“ im Weddellmeer zerbarst, wieder heil in die Heimat zu bringen.
Mirko Bonné knüpft in seinem neuen Roman „Seeland Schneeland“ an dieses Ereignis an. Seine Hauptfigur, der junge Merce Blackboro, war Mitglied dieser spektakulären Expedition. Er ist, von diesen Erlebnissen noch traumatisiert, auf der Suche nach einem neuen Lebens-Ziel. Er verspürt eine anhaltend starke innere Unruhe. Hinzu kommt die plötzliche Abreise seiner großen aber unerwiderten Liebe Ennid, die, nach einer flüchtigen Beziehung zu Merce, von Wales aufbrechend ihr Glück in Amerika plant.
Ennid befindet sich mit 2000 anderen Passagieren auf dem riesigen englischen Ozeandampfer „Orion“, der einst zur kaiserlichen deutschen Flotte gehörte. Das Schiff gerät während der Überfahrt in einen gewaltigen Schneesturm, der im Mittelpunkt dieses Romans steht und die einzelnen Handlungsstränge vorantreibt.
Mikro Bonné beschreibt in einem packenden, dynamischen wie auch empathischen Stil die Geschehnisse an Bord der „Orion“. Das wirkt zu Beginn ein wenig unübersichtlich, hin und wieder auch konstruiert. Im zweiten Teil nimmt der Roman dann an Fahrt auf. Hier bekommen die Figuren deutlichere Zuordnungen und Bezüge zueinander. Bonné veranschaulicht eindrucksvoll das Szenario an Bord, wie das Schiff aufgrund des starken Schneefalls und letztendlich des damit verbundenen Gesamtgewichts manövrierunfähig wird. Zugleich versucht Merce Blackboro von Wales aus den Kontakt zu Ennid herzustellen.
Neben Ernest Shackleton tauchen in „Seeland Schneeland“ noch weitere reale Personen auf. Da wäre der legendäre Thomas Crear, einer der verwegensten irischen Polarforscher, Charlie Chaplin und der Autor Francis Scott Fitzgerald. Sie streifen die Handlung und geben ihr insgesamt ein wenig Würze, oder auch Zeitkolorit. Zudem gibt es immer wieder Bezüge zu und Zitate aus Lew Tolstois wohl bekanntestem Roman „Anna Karenina“, den Ennid während der Überfahrt in ihrer winzigen Koje liest.
Meisterhaft gelingen Mirko Bonné die Natur- und Wetterschilderungen. Hier erinnert er in der Dichte und der Intensität des Erzählens an die großen Meister des Abenteuergenres, Jack London oder Joseph Conrad. Bonné zeigt sich als ein Meister der Dramaturgie, der die Handlung, je weiter sie fortschreitet, zuspitzt, das Erzähltempo erhöht und damit „Seeland Schneeland“ zu einem literarisch furiosem Ende führt.
Lutz Erxleben

Mirko Bonné
„Seeland Schneeland“
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main
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Montag 15.03.2021
Julia Phillips „Das Verschwinden der Erde“
Die junge amerikanische Autorin Julia Phillips lässt ihren fesselnden Debütroman „Das Verschwinden der Erde“ im fernen Osten Russlands spielen, auf der Halbinsel Kamtschatka. Während eines einjährigen Aufenthalts hat sie die Region bereist und sich intensiv mit dem Land und seinen Menschen befasst.
Kamtschatka war bis 1990 militärisches Sperrgebiet und ist auch heute noch durch seine extreme Lage zwischen Tundra und Ozean nur auf dem Luft- oder Seeweg zu erreichen. Vor dem Hintergrund der phantastischen landschaftlichen Kulisse mit ihren riesigen Wäldern, unwirtlichen Steppen, Vulkanen und Küsten entfaltet Julia Phillips das Panorama einer Gesellschaft, die nur auf den ersten Blick fremd erscheint.
In dem Buch geht es um ein Verbrechen und seine Aufklärung; der Roman ist aber weit mehr als ein Kriminalroman. Er beginnt an einem Sommertag im August in Petropawlowsk, einer Stadt an der Küste des Pazifik. Zwei Mädchen steigen in das Auto eines Mannes ein und verschwinden spurlos. Die Suche der Polizei nach den beiden Schwestern zieht sich über ein ganzes Jahr hin. Die Kapitel des Buches sind nach der Monatsfolge dieses Jahres benannt.
Das Verschwinden der Kinder wühlt die Gemeinschaft zwischen Petropawlowsk und dem Dorf Esso im Norden des Landes auf. Jede der Erzählungen nimmt die Perspektive einer anderen Frau ein, die direkt oder indirekt von dem Verbrechen betroffen ist. Dabei steht die Autorin in der Tradition der amerikanischen Short Story: Ohne Einführung springt sie mit jedem Kapitel mitten hinein in eine neue Situation. Man ist beim Lesen ganz unmittelbar und nah an den Figuren, deren unterschiedliche Geschichten ein dichtes Beziehungsnetz ergeben.
Julia Phillips schreibt in einer klaren, prägnanten Sprache; der gekonnt konstruierte Spannungsbogen entwickelt einen starken Sog. Wie unter einem Brennglas zeigt sie gesellschaftliche Defizite auf: Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie.
Ein Hauptmotiv des Romans ist das Leben von Frauen in einer von Männern dominierten Welt; er erzählt von ihren Sehnsüchten, ihren Ängsten, ihren oft vergeblichen Befreiungsversuchen. Das Thema wird vielfältig und ohne simple Klischees variiert. Die Entführung der beiden Mädchen ist der Extremfall einer Atmosphäre von subtiler bis offener Gewalt und Unterdrückung. Obwohl viele Frauen, die die Autorin schildert, berufstätig sind oder studieren, sind sie doch männlichen Machtansprüchen und Demütigungen ausgesetzt. Sie können sich nur schwer dagegen behaupten, da häufig auch ihr eigenes Frauenbild durch das Patriarchat geprägt ist. Die ewenische Studentin Ksjuscha z.B. steht zwischen zwei Männern, dem sensiblen Tschander und ihrem Freund Ruslan, der sie überwacht und tyrannisiert. Dass Ksjuscha sich schließlich für ihn entscheidet, wird auch mit ihrer Herkunft begründet. Als Angehörige der indigenen Urbevölkerung fühlt sie sich oft ausgegrenzt, und es fehlt ihr der Mut, ein freieres Leben ohne den Schutz eines vermeintlich starken Mannes zu wagen.
Hier schlägt die Autorin ein weiteres Thema ihres Buches an. Angehörige der indigenen Minderheiten, die vorwiegend in Dörfern auf dem Land leben und deren Ältere noch mit ihren Rentierherden durch die Tundra ziehen, gelten bei den offiziellen Behörden und vielen Russen als Menschen zweiter Klasse. Das zeigt Julia Phillips unter anderem an dem Desinteresse, mit dem die Polizei den länger zurückliegenden Fall eines anderen verschwundenen Mädchens, einer Ewenin, behandelt, das den Ruf hatte, unmoralisch und leichtlebig zu sein. Die Polizei geht von Anfang an davon aus, dass Lilja von zu Hause fortgelaufen ist, – ein verhängnisvoller Irrtum, wie sich herausstellen wird.
Ausgegrenzt und von Gewalt bedroht ist auch Mascha, der das Kapitel „Silvester“ gewidmet ist. Sie hat Kamtschatka verlassen und lebt in St. Petersburg in einer lesbischen Beziehung. Auf einer Neujahrsparty in ihrer alten Heimat wird Mascha von einer Freundin davor gewarnt, sich zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen. Vor wenigen Jahren ist an der Küste von Ochotsk ein Schwuler verbrannt worden. „Mascha war mit siebzehn von zu Hause weggegangen. Wenn sie an Kamtschatka dachte, hatte sie wahrscheinlich Vulkane vor Augen, schmeckte Kaviar, erinnerte sich an Touren über Steinpfade zu den Wolken. Sie verstand nicht, was heutzutage Mädchen passieren konnte…Wenn du nicht tust, was von dir erwartet wird, wenn du unachtsam bist, bist du geliefert.“
Es ist eine harte, archaische Welt, die Julia Phillips in ihrem Roman schildert. „Das Verschwinden der Erde“ vermittelt die Faszination, die von der gewaltigen Landschaft Kamtschatkas und seinen Bewohnern ausgeht. Und man erlebt beim Lesen auch tröstliche Momente der Hoffnung, Solidarität und Freundschaft zwischen den Menschen.
Lilly Munzinger, Gauting

Julia Phillips
„Das Verschwinden der Erde“
dtv
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Mittwoch 03.03.2021
Mark Benecke „Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustriertes Thierleben“
Wem das 13-bändige Standard-Mammut-Werk „Brehms Tierleben“ mit seinen fast achttausend(!) Seiten zu umfangreich erscheint, und wer sich auch mit den gekürzten Volks- und Schulausgaben dieser Abhandlung aufgrund ihrer Ausführlichkeit nicht so recht anfreunden mag, der muss auf unterhaltsame Einblicke in die Welt tierischer Kreaturen nicht unbedingt verzichten. Denn der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke hat sich aufgemacht, die Fauna, so wie sie ihm im täglichen Berufsleben begegnet, knapp und anregend literarisch darzulegen. Dabei immer mit leichten Vorteilen für die Insekten, die den Forensikern verständlicherweise besonders am Herzen liegen. Denn das, was ihm Rotbeinige Schinkenkäfer, Silberfischchen, nekrophile Enten oder Vampirfledermäuse während seiner täglichen Arbeit offenbaren, können ihm weder Elefanten noch Krokodile bieten. Dass er bei all dem überschaubaren Umfang seiner Erörterungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit irgendeiner Tierform erhebt, versteht sich von selbst. ?
Benecke ist jedoch nicht nur aufgrund seines naturkundliches Fachwissen für eine derart kurzweilige Auseinandersetzung prädestiniert. Der Doktor schreibt auch unterhaltsam und humorvoll, ist in der Lage, manch pikante oder obskure Zusammenhänge in flotter Sprache schwungvoll zu vermitteln. Vielleicht liegt es ja daran, dass Benecke nicht allein Spezialist für forensische Entomologie, sondern zugleich auch Mitglied des Ig-Nobelpreis-Komitees für kuriose Wissenschaften und Vorsitzender der Transsilvanischen Dracula-Gesellschaft ist. Das ermöglicht ihm einen völlig anderen, distanzierten Blickwinkel nicht nur auf die animalischen Seiten des Lebens. Derartig bizarre Unterhaltung sucht man bei Alfred Brehm jedenfalls vergebens.
Und noch etwas zeichnet dieses anregenden Büchleins aus: Es sind die grellbunten, liebevoll gestalteten Illustrationen von Kat Menschik. Sie gibt dem Text eine fantasiereiche Form, stellt Tierarten und Gattungen nebeneinander und gegenüber, so dass man glaubt, sich in einem paradiesischen Tier-Zwischenreich zu bewegen. Ihre knalligen Farben sind es, die als erstes ins Auge fallen, die neugierig machen und erst zu dem Buch greifen lassen. Sie fördert jede bibliophile Entdeckerfreude, macht deutlich, wie einmalig die Kunst der Buchgestaltung ausgefüllt werden kann. Nicht umsonst hat ihr der Berliner Galiani Verlag eine eigene Reihe ermöglicht, in der sie seit 2016 Krimis und Klassiker der Weltliteratur präsentiert. Auf die Frage, wie sie selbst ihren Stil zu zeichnen beschreiben würde, sagte sie in einem Interview: „Mein Zeichenstil besteht aus klaren, starken Linien, flächigen, popartigen Kolorationen und einem Hang zum Jugendstil und Retrodesign im Allgemeinen.“ Etliche ihrer illustrierten Bücher wurden ausgezeichnet und es würde mit Sicherheit nicht verwundern, wenn auch „Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustriertes Thierleben“ als Anwärter auf einen der Preise als „Schönstes Buch“ gehandelt wird.
Jörg Konrad

Mark Benecke
„Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustriertes Thierleben“
Illustriert von Kat Menschik
Verlag Galiana
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Freitag 19.02.2021
Don DeLillo „Die Stille“
Die Welt hält an - nicht unbedingt inne. In Don DeLillos neuen, schmalen Roman „Die Stille“ noch weitaus grundlegender, als wir es seit gut zwölf Monaten selbst erleben. Dabei hat der New Yorker Altmeister den Text abgeschlossen, bevor uns die Covid-Pandemie in der Realität vierundzwanzig Stunden am Tag zu beschäftigen scheint. DeLillo hat auf gut einhundert Seiten ein Szenario entwickelt, das zwar nicht die gesamte Komplexität einer globalen Lebens-Stagnation durchspielt. Doch allein ein kompletter Stromausfall in der US-Metropole kann ein Gefühl vermitteln, als wäre die Welt vollends aus den Fugen geraten. Es ist tiefschwarze Nacht, sämtliche Kommunikationsmittel (PC, Fernsehen, Telefon usw.) sind ausgefallen, das Netz der Nahverkehrsmittel zusammengebrochen, die Heizungen eiskalt. Der Mensch wird auf seine schlichte Existenz zurückgeworfen. Natürlich sind es, neben den zivilisatorischen Errungenschaften, die von einer auf die nächste Stunde verloren gehen, vor allem intellektuelle Fragen, die DeLillo interessieren und die er thematisiert. So könnte die Katastrophe, bei aller Einschränkung auch eine Art Befreiung aus Abhängigkeitsverhältnissen bedeuten - meint er und seine Protagonisten, die sich am Abend der Katastrophe zufällig verabredet haben.
Die Gespräche, die an diesem Abend in einer New Yorker Wohnung von fünf befreundeten Personen untereinander geführt werden, sind jedoch oberflächlich betrachtet weniger diese tiefgreifenden Diskussionen, die man erwartet hätte. Die Protagonisten, als Vertreter der Spezies Mensch, sind derart individualisiert, dass ihnen ein gemeinschaftliches Erörtern der Situation einfach nicht gelingen will. Jeder geht seinen Gedanken nach, ist mit seinen ganz persönlichen Verlusten und Ausfällen so beschäftigt, dass man das Kollektive dieser Situation vergeblich sucht.
Viel deutlicher wird die Abhängigkeit des Menschen von technischen „Errungenschaften“ und die Hoffnungslosigkeit, die sich bei deren Verlust einstellt. Das vielleicht wichtigste in einer derartigen schwerwiegenden Situation, eine gewisse Solidarität untereinander, das vereinende Angehen von Handlungsstrategien, ist wenig, eher gar nicht spürbar. Verstörung ist angesagt. Selbstgespräche werden geführt. Vielleicht ist diese Handlungsunfähigkeit ja allein der Momentaufnahme dieser Situation geschuldet. Eine Art winzigen Zeitfenster, der straffenden Kürze des Romans geschuldet. Hier aber lautet die Botschaft: Die Vernetzung ist durchtrennt – der Mensch hilflos.
Jörg Konrad

Don DeLillo
„Die Stille“
Kiepenheuer & Witsch
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