Da schon seit einiger Zeit keine Veranstaltungen stattfinden und dies mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Zeit der Fall sein wird, haben wir uns entschlossen, in dieser Rubrik Texte von zurückliegenden Konzerten noch einmal zu veröffentlichen.
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1. Fürstenfeld 24. März 2011: Trio em - Jugendliche Überzeugungstäter
2. Puchheim 18.12.2014: Donauwellenreiter - Isaraufwärts
3. München 05. Mai 2017: Peter Brötzmann plus ….. - Volle Kraft voraus
4. Landsberg 04. März 2015: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – V...
5. Germering 15. Juni 2012: Jörg Schippas UnbedingT
6. Landsberg 03. Mai 2018: Theater an der Ruhr - Clowns im Sturm
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© ACT / Jörg Steinmetz
Montag 14.06.2021
Fürstenfeld 24. März 2011: Trio em - Jugendliche Überzeugungstäter
Fürstenfeld. Es ist kaum zu glauben. Aber die letzte und bisher vierte CD des preisgekrönten Trio em wurde bei Act München in der Serie „Young German Jazz“ veröffentlicht. Vor sechs Jahren startete Produzent Siggie Loch diese Reihe, um die große Zahl an hochtalentierten und vielversprechenden Jazz-Nachwuchsmusikern, die es in Deutschland gab (und bis heute zum Glück gibt!), entsprechend zu unterstützen. Keine der ersten Bands arbeitete mit ihren damaligen Veröffentlichungen kostendeckend. Auch nicht das Trio em, mit Michael Wollny, Eva Kruse und Eric Schaefer. Doch das hat sich im Laufe der Zeit gewaltig geändert. Und somit stimmt der Leitsatz „Young German Jazz“ nur noch bedingt.
Denn dass es sich im vorliegenden Fall um junge Instrumentalisten handelt, kann und will wohl niemand bezweifeln. Pianist Wollny (32), Bassistin Kruse (32) und Schlagzeuger Schaefer (34) spielen mit der Unbekümmertheit und Frische jugendlicher Überzeugungstäter. Zugleich vermitteln sie eine Abgeklärtheit und eine instrumentale Reife, als wären sie schon seit Jahrzehnten im Geschäft – und noch immer von kreativer Neugier und schöpferischem Hunger getrieben. Kosten deckend arbeiten sie hingegen schon eine ganze Weile.
Ihr Konzert im Rahmen der Reihe Jazz First in Fürstenfeld war ein schrilles Feuerwerk von explodierenden Ideen, ein von gruppendynamischer Interaktion bestimmtes Miteinander, ein gemeinsames (kontrolliertes) Erkunden von jazzmusikalischen Grenzen. Diese Band spielt mit atemberaubender Präzision und in einer innovativen Perfektion, ohne das dabei der Spaß an der Improvisation verloren ginge. Hackenschlagende Wendungen beinahe im Sekundentakt, stilistische Sprünge vom Jazz zum Rock über die Klassik zurück zum Jazz und hin zum Funk sind bei ihnen Programm. Em swingen im jazzmusikalischen Kontext weniger, als dass ihr Groove in seiner rhythmischen Rafinesse besticht.
Vielleicht ist es das Besondere dieses Trios, dass es all die unterschiedlichen Ansatzweisen und Ausgangspunkte nur scheinbar miteinander verbindet oder gar verzahnt. Im Grunde springt die Band von einer Inspiration zur nächsten, wodurch jedoch die einzelne Sequenzen ihres Vortrags eine gewisse Authentizität er- und behalten. Die Übergänge zwischen den Wechseln kommen plötzlich, werden im Vorfeld nicht angedeutet oder vielschichtig eingeläutet. Gerade noch befindet man sich in einer lyrisch angehauchten kammermusikalischen Figur, schon glaubt man in einem grollenden Funkexpress zu sitzen, um sich im nächsten Moment in einer bizarren Kollektivimprovisation einzurichten. Innerhalb eines einzigen Stückes vermitteln em nicht selten den Eindruck, man höre fünf verschiedene Titel von drei unterschiedlichen Formationen. Oder anders: Drei Konzerte in einem Auftritt. Auch wenn die fiebrige Ideenflucht und der stete musikalische Perspektivwechsel bei Wollny / Kruse / Schaefer System sein mag, die expressive Inszenierung ihrer Musik begeistert, reißt mit, macht an einigen Stellen fast euphorisch und nicht selten sprachlos. Musik, die selbstbewusst daherkommt, die wesentlich leichter klingt als sie faktisch ist und die enormen Eindruck hinterlässt.
Jörg Konrad
(Süddeutsche Zeitung)
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Montag 17.05.2021
Puchheim 18.12.2014: Donauwellenreiter - Isaraufwärts
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Credits © Andreas Jakwerth
Puchheim. Forscher nehmen an, dass die Donau der erste von Menschen befahrene Fluss war. Auf seinem durch viele Naturkatastrophen entstandenen Lauf verbindet er mindestens ein Dutzend unterschiedlichster Kulturen mit großer Geschichte. Und die Städte, deren Ufer die Donau auf ihren knapp 3000 Kilometer Länge umspült, zählen seit Jahrhunderten zu den Hochburgen Europas.
Im Jahr 2010 fanden sich in Wien vier junge Musiker zusammen, deren Name sich sinnstiftend auf diesen zweitlängsten Strom Europas bezieht: Donauwellenreiter. Auf Flusswellen durchreiten sie symbolisch die unterschiedlichsten, eng miteinander verschlungenen Traditionen. Am gestrigen Abend machte das Quartett (wahrscheinlich bei Deggendorf die Donau verlassend, Isaraufwärts bei Moosburg rechts in die Amper einmündend, um nach der Unterführung der A 8 im Ascherbach das letzte Stück bis zur S-Bahn-Station Puchheim Bahnhof zurückzulegen) einen Abstecher im Pucheimer Kulturcentrum PUC. Welch eine Vielfalt an musikalischen Überzeugungen und Spezialitäten boten Maria Craffonara (voc, violin), Thomas Castañeda (piano), Jörg Mikula (drums) und Lukas Lauermann (cello) dem Publikum. Und nichts von dem, was die Formation spielte, wirkte dabei bruchstückhaft zusammengesetzt, als hörbare Summe einzelner Einflüsse. Donauwellenreiten nutzen zwar das überreiche musikalische Angebot der Donau-Anreinerstaaten. Doch es ist nicht so, dass sich die einzelnen ethnischen Versatzstücke deutlich aufzählend herausfiltern lassen.
Das Quartett besticht in seiner Homogenität und schafft eine Musik, die sich eigenständig und beeindruckend auf den Demarkationslinien von Jazz, Pop und Klassik verlustiert. Wunderschöne Melodien, treibende Rhythmen (Jörg Mikulka!) und fesselnde Harmonien überbrücken, verbinden die Ufer von Wissen und Können. Die Melancholie, ein Aushängeschild der Wiener Schule, macht bei Donauwellenreiter einer gewissen Leichtigkeit Platz. Nichts da, von wegen schwerer, lebensmüder Kost, aus einer morbiden Stadt. Auch dann nicht, wenn Maria Craffonara ihre Songtexte in ladinisch, einer heute fast ausgestorbenen Sprache aus Norditalien, vorträgt.
Und ganz zum Schluss gingen die Donauwellenreiter mit der Jazz-Combo "Blue Spots" unter der Leitung von Martin Seeliger, die schon zu Beginn des Konzertabends mit einigen Jazz-Rock-Klassikern den Saal auf Betriebstemperatur brachten, auf transatlantische Reise. Auf eine der karibischen Jungferninseln. Beschwingter als mit dem Calypso „St. Thomas“ kann man sich wohl kaum verabschieden.
Jörg Konrad (KultKomplott)
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Samstag 08.05.2021
München 05. Mai 2017: Peter Brötzmann plus ….. - Volle Kraft voraus
München. Es gab Zeiten, in denen alles Neue aus den USA kam. Die Freizeit- und Fernsehkulturkultur, sagenhafte Essgewohnheiten, der Beginn der Raumfahrtentwicklung, die Sprache – in Form von Anglizismen. All dies hatte seinen Ursprung in der Neuen Welt. So auch der Jazz. Zwar spielte man ihn ebenfalls in Europa, doch alle blickten stets erwartungsvoll über den großen Teich, um zu hören, welche Veränderungen es in der Musik als nächstes gäbe. Eine Sichtweise, die auch den Beginn der Karrieren von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach vor über fünf Jahrzehnten deutlich geprägt hat. Doch sie und ihre Mitstreiter sollten diese scheinbare Abhängigkeit zugunsten einer europäischen Entwicklung im Jazz bald selber ändern.
Gestern Abend waren der in Remscheid gebürtige Saxophonist Brötzmann und der aus Berlin stammende Pianist Schlippenbach zu Gast im Münchner Haus der Kunst. Und an ihrer Seite eine illustre Schar von Gleichgesinnten. Musiker, die in der freien Improvisation zu Hause sind, Instrumentalisten, die sich von den Verlockungen des Musikmarktes nicht beeindrucken lassen, Solisten, die mit Energie und Zielstrebigkeit den eigenen Ideen folgen.
Zwar etwas in die Jahre gekommen haben sich die Alten, in ihren frühen Schaffensjahren oft von außen angefeindeten Kämpen, mit ihren Idealen gehalten und unter der Überschrift „Brötzmann plus …..“ mit der nächsten Generation zeitgenössischer Instrumentalisten zusammengetan. Auf der Bühne standen und saßen am Freitag Toshinori Kondo (Japan) Joe McPhee und Heather Leigh (USA) Marino Pliakas (Griechenland) Han Bennink (Niederlande) und präsentierten in unterschiedlichen Besetzungen ein berauschendes Fest der freien Improvisation. Es wurden Strukturen aufgelöst, neue Verbindungen unter den Gruppenmitgliedern geschaffen, Ideensplitter verdichtet, risikobewusst agiert. Es war ein ständiger Wechsel von Formen und Farben, von abrupter Spontanität und sich entwickelnder Ganzheitlichkeit.
Gleich im ersten Set standen mit Brötzmann, Schlippenbach, Kondo (Trompete) und Bennink (Schlagzeug) vier miteinander längst vertraute Freigeister auf der Bühne. Ungeschliffen und rauh, manchmal fast wuchtig und radikal trafen ihre instrumentalen Stimmen aufeinander und entwickelten immer wieder aus diesen aufschäumenden Gemeinschaftsimprovisationen Momente filigraner Poesie. Irgendwo am Horizont glaubte man eine ferne Blueskapelle zu vernehmen, die vom trommelnden Han Bennink ausging und in den Akkorden des Pianisten eine Entsprechung fand. Dann wieder der Bruch und die Hinwendung zur leidenschaftlichen Dramaturgie der Freiheit. Kreative Explosionen und wohltuende Subversivität als brillanter Spannungsbogen.
Brötzmann arbeitet schon eine Weile mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh im Duo. Und es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, zu welchen Klangerlebnissen selbst so unterschiedliche instrumentale Herangehensweisen führen. Nichts da, mit der heilen Country-Welt. Heather Leigh versteht es, mit sich überlagernden Klangkaskaden eine völlig neue Sichtweise auf ihrem Instrument zu entwerfen. Mit Brötzmann an der Seite wird aus der Pate stehenden Folklore ein pulsierendes Spiel von Distanz und Nähe, ein klangliches Umwerben, ein leidenschaftlicher Dialog zwei freier Radikale. Voller Kraft und Lust.
Den Rahmen für die beiden Konzerte am gestrigen Freitagabend und heutigen Samstag bildet die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“, die noch bis zum 20. August im Haus der Kunst zu sehen sein wird. In ihr widmen sich die Macher dem wichtigsten europäischen Plattenlabel (FMP), das von 1968 an unter der Leitung von Jost Gebers und der Beteiligung von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach europäischen Free Jazz veröffentlichte und damit eigenständig wie unabhängig den Musikern die Verantwortung für ihr Produkt übertrug.
(Weiteres Konzert heute (6. Mai) um 19.00 Uhr im Haus der Kunst mit gleichen Musikern aber in unterschiedlichen Besetzungen)
KultKomplott
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Freitag 23.04.2021
Landsberg 04. März 2015: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – Voller Sehn- und Rachsucht
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v.l.: Rahel Jankowski, Cynthia Micas, Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler © Thomas Aurin
Landsberg. Um mit Inhalten zu punkten, ist tüchtig Radau die beste Strategie. Das war schon bei Botho Strauß so, bei Elfriede Jelinek nicht anders und erst recht bei Claire Goll. Aber geht es nun um Inhalte oder um obszönes Skandalisieren? Ist das Stück ernstzunehmende Gesellschaftskritik, einfach eine fröhliche Spaßrunde, oder schonungslos entlarvende Satire? Was tatsächlich dran ist an „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ wird vielleicht erst später deutlich, wenn sich all die Wogen der ersten Entrüstung und euphorischen Begeisterung gelegt haben. Entweder ist Sibylle Bergs Vorlage ein mächtiges Wetterleuchten am Horizont, das sich letztendlich nur als laues Lüftchen entpuppt. Oder es läutet, nach dem Ordnen all der verwirrten Gefühle, einen Paradigmenwechsel im Denken ein. Wir werden sehen.
Worum geht es aber in der von Sebastian Nübling an der Berliner Maxim Gorki Bühne inszenierten Theater-Provokation, die gestern als Gastspiel am Landsberger Stadttheater zu sehen war? Eine eigentliche Handlung, im klassischen Sinn, bietet das Stück erst einmal nicht. Vier Mädchen im Schlabberlook als ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das Pendant zu unserer Erwachsenenwelt. Sie monologisieren im Quartett, als Hyperactive Kids. Voller Energie und ohne Ziel. Zwischen Gruppenzwang und Identitätskrise.
Ob sie es sich zu leicht machen? Natürlich nicht. Sie haben es weitaus schwerer als manch andere Generationen. Da konnte man mit den einfachsten Dingen noch provozieren. Einen Friseurtermin ausgelassen und schon gab es das schönste Spektakel mit der Erwachsenenwelt. Aber heute? Überall Wohlstand, Toleranz, aber verkümmerte Emotionen. Ritzt man sich oder schlägt man zu?
Der Baseballschläger wird zur Waffe, Yoga ist Therapie, Shoppen wie Drogenrausch, saufen bis der Nabel glänzt und immer wieder kotzen. Alles nur Klischees? Natürlich, die Welt ist voller Klischees – und bipolar! Auch diese (nur scheinbare) Coolness ist ein Teil von ihr. Es ist, als hätten die unglücklichen Vier ihre Gefühle nicht im Griff, als sei Provokation das einzige Kampfgerät das ihnen bleibt. Desillusioniert und zornig, rivalisierend und voll stiller Traurigkeit. Die Verlockungen und Ablenkungen ihrer Welt sind Fluch und Segen gleichermaßen. Sich zwischen Liebesentzug und Handy einzurichten endet zwangsläufig im Chaos.
Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas spielen diese vier Mädchen voller Sehn- und Rachsucht. Der Text, der gespickt ist mit psychologischen Fallstricken und rotzgörenhaften Szenen, wird zu ihrem ureigenen Manifest. Ihre Glaubwürdigkeit erschreckt, ihre körperliche Fitness beeindruckt, ihre Virtuosität im Abruf von Affekten ist gewaltig. Prompt gab`s die Ehrung als Bestes Theaterstück des Jahres 2014. Zu recht – und gestern schon in Landsberg. TILL (Freunde des Stadttheaters Landsberg e.V.) machts möglich.
Jörg Konrad (www.kultkomplott.de)

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.
Text: Sibylle Berg.
Regie: Sebastian Nübling,
Choreographie: Tabea Martin
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Mittwoch 14.04.2021
Germering 15. Juni 2012: Jörg Schippas UnbedingT
Germering. Wieviel Zeit Jörg Schippa benötigte, um für sein von Klarinetten dominiertes Jazz-Quartett den passenden wie griffigen Bandnamen zu finden, ist nicht bekannt. Mit UnbedingT hat der Berliner Gitarrist, Komponist und Klangabenteurer jedenfalls den Kern seiner künstlerischen Ambitionen sprachlich konkret auf den Punkt gebracht. Und tatsächlich lag am letzten Freitag im Amadeussaal der Germeringer Stadthalle etwas Unbeugsames, etwas Unbedingtes in der Luft, das die Musik des Quartetts vom ersten bis zum letzten Ton bestimmte.
Natürlich ist das, was Jürgen Kupke (Klarinette), Florian Bergmann (Bassklarinette), Christian Marien (Schlagzeug) und Jörg Schippa auf der Bühne musikalisch realisieren Jazz. Doch zugleich wird das an sich schon weitreichende Stil-Segment um einige Facetten erweitert. So treffen bei UnbedingT , manchmal so ganz nebenbei, freie Improvisationen auf urbane Grooves, verzahnen sich westlicher Blues und arabische Ornamentik, jubilieren jüdische Melodien in besinnungslos erscheinendem Frohsinn, um anschließend in melancholisch besinnliche Folklore-Splitter Südeuropas überzugehen. Mal glaubt man einer Komposition von Kurt Weill zu folgen, dann wieder einem hysterisch überdrehten Benny Goodman. Vielleicht ist diese multiple tour de force etwas typisches für Berlin, etwas multikulturelles, oder gar etwas kosmostilistisches? Sie ist auf jeden Fall der Ausdruck einer gelebten künstlerischen Freiheit im Hier und Jetzt, versehen mit der unzweifelhaften Banderole: Jazz.
Im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens stehen die beiden großartig aufspielenden Klarinettisten Jürgen Kupke und Florian Bergmann. Sie beherrschen ihre Instrumente meisterhaft, vermeiden aber wohltuend jede Form des Perfektionismus. Dafür steckt ein Übermaß an ungezügelter Lebenskraft in ihnen, die sie präzis und expressiv formulieren. Sie lassen die sonore, tieftönende Bassklarinette und die wie manisch frohlockende Klarinette im Luftkampf gegeneinander antreten; sie erobern auf gleichen Schwingen und unisono neues melodisches Terrain; sie spotten ätzend gegen den Zeitgeist und seine maßlosen Versprechungen; sie duellieren sich im Dialog und verbrüdern sich mit Haltung und Geist. Es ist ein ständiges Gegen-, Um- und Miteinander. Verbunden durch eine Art spirituelle Disziplin und unterstützt von einem gnadenlos antreibenden Rhythmusduo.
Die Vier als Quartett nehmen ihre Musik spürbar ernst und doch haben sie beim Spielen hör- und sichtbaren Spaß. Und mehr noch: Jede Menge Humor. Eine Art Mutterwitz – den sie vermitteln und den das Publikum durchweg mit Begeisterung aufnimmt.
So entstand am Freitagabend eines der schönsten Konzerte dieser Saison, so, wie sich die schönsten Konzerte immer erst im Verlauf des Abends entwickeln. Konzerte, in die man arglos, aber mit Neugier hineingeht und aus denen man zwei Stunden später völlig beglückt wieder herauskommt. Dem Auftritt von Jörg Schippa und seiner Band gebührt deshalb das Prädikat: UnbedingT - empfehlenswert.
Jörg Konrad
(Süddeutsche Zeitung)
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Dienstag 06.04.2021
Landsberg 03. Mai 2018: Theater an der Ruhr - Clowns im Sturm
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Foto: Schmitz
Mit Humor und Naivität die Welt spiegeln

Landsberg. Clowns schaffen Distanz – bei aller Nähe. Wir können uns mit ihnen identifizieren, haben aber zugleich genügend Möglichkeiten, den Sicherheitsabstand bei Gefahr zu vergrößern. Insofern werden sie zu idealen Trägern menschlicher Absonderlichkeiten und persönlicher Wesensmerkmale. Wir können ihrem Tun mit Vorurteilen begegnen, Hoffnungen in sie pflanzen oder ihnen Klischees andichten – und im schlimmste Fall sehen, wie sie scheitern. Dabei jedoch von ihnen lernen. Denn Clowns besitzen die Gabe, mit Humor und Naivität die Welt zu spiegeln. Besonders eine Welt, die aus den Fugen geraten scheint.
Das hat sich wohl auch Roberto Ciulli gesagt, als er schon vor einigen Jahren das Stück „Clowns 21/2“ entwarf und auf die Bühne des Theater an der Ruhr brachte. Es ging um das Altern, das an der Tür klopft und unnachgiebig um Einlass verlangt, bis man drin ist, in der Seniorenresidenz. Nun die Fortsetzung „Clowns im Sturm“. Nein, das biologisch Unaufhaltsame ist nicht mehr Thema. Jetzt geht es um gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der Gegenwart, die uns tagtäglich und fast überall begegnen. Wie gehen die Clowns mit Ängsten und deren Überwindung um? Gibt es auch hier Möglichkeiten, einige Dinge zu lernen? Ja, die gibt es, wie am Donnerstag im Landsberger Stadttheater dank Roberto Ciullis Ensemble mitzuerleben war. Egal, ob man das Geschehen als eine Fortsetzung von „Clowns 21/2“ erkennt oder auch nicht.
Die Geschehnissen und die daraus ableitenden Gedanken sind genau jene, die uns heute tagtäglich begegnen und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. So oder so. Das Fremdaussehen und -verhalten von neuen Nachbarn, der vergessene Rucksack und seine auslösende Verunsicherung, ein Steinkonzert, das inhaltlich kaum jemand versteht, aber eine Mordsgaudi ist, der Suicid, dem die Konsequenz abhanden gekommen ist – bis genügend Ablenkung zum Weiterleben auffordert, verspielte Zaubernummern, die schreckliche Exekution von Menschen und die sturmgepeitschte Flucht übers weite Meer.
Ciullis erspart seinen Clowns (und dem Publikum) auf ihrer Odyssee durch die Welt nur wenig. Für ihn ist diese liebenswerte Truppe Gradmesser des Ertragbaren und Stimmungsbarometer in einem. Er gibt ihnen dabei die ganze Palette des Reagierens an die Hand, so, wie auch wir sie kennen: Vorurteile, Hoffnungen, Lebenslügen, Enttäuschungen, diebische Freude, tiefe Traurigkeit – alles ist mit an Bord des Flüchtlingsbootes, bis es sinkt. Ob das freundlich begrüßende Wesen am Ufer, das am Ende zum gemeinsamen kochen einlädt, nur Fantasie ist? Vielleicht.
Mit vielen kleinen Details bekommen die „Clowns im Sturm“ poetischen Tiefgang. Bühnenaccessoires als Metaphern, Musik (Matthias Flake) als sinnliche Abstraktion, Ciullis und Helmut Schäfers Weltsicht wird auch ohne Text deutlich und erlebbar. Dank eines beeindruckend spielenden Ensembles.
Jörg Konrad (Augsburger Allgemeine Zeitung, KultKomplott)


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Autor: Siehe Artikel
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