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1. Alena Schröder „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid...
2. Michael Lange „Cold Mountain“
3. Steffen Kopetzky „Monschau“
4. Christoph Ransmayr „Der Fallmeister“
5. KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Franz Werfel „Eine blassblaue Frauenschrift“
6. Mirko Bonné „Seeland Schneeland“
Bilder
Freitag 04.06.2021
Alena Schröder „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“
Die Studentin Hannah Borowski driftet seit dem Tod ihrer Mutter plan- und ziellos durch Berlin, ihr Studium und ihr Leben. Ihre Doktorarbeit hat sie nur deshalb noch nicht aufgegeben, weil sie hoffnungslos in ihren Doktorvater verliebt ist. Ihre einzige lebende Verwandte ist ihre über 90-jährige Großmutter Evelyn, die in einer Seniorenresidenz auf den Tod wartet. In ihrer Wohnung entdeckt Hannah einen Brief, der plötzlich alles verändert. Eine israelische Anwaltskanzlei informiert ihre Großmutter darüber, dass sie die Erbin des jüdischen Kunsthändler Itzig Goldmann ist. 1942 wurde er von den Nationalsozialisten ermordet, sein beachtliches Kunstvermögen konfisziert. Die Kanzlei bietet Dr. Evelyn Borowski die Abwicklung des Restitutionsverfahrens an. Doch Hannahs Großmutter will nichts mit dem „alten Kram“ zu tun haben und weigert sich, mit ihrer Enkelin über die Vergangenheit zu sprechen. Hannah, die bisher noch nie etwas von jüdischen Vorfahren gehört hat, stürzt sich in die Suche nach dem verschollenen Kunsterbe und zugleich nach den verdrängten und verschwiegenen Geheimnissen ihrer Familie. Die Spur führt zu ihrer Urgroßmutter Senta.
Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist vieles zugleich: Familiengeschichte, Krimi, historischer Roman. Schon der Titel des packenden, frisch erzählten Debütromans der Berliner Journalistin Alena Schröder lässt die wichtigsten Themenkomplexe des Buches anklingen: Er bezeichnet ein Bild von Vermeer, das wertvollste Stück der Sammlung Goldmann auf der Raubkunstliste, mit einem für den Maler typischen Sujet. Inhaltlich verweisen das Fenstermotiv und die Farbe Blau auf einen besonderen Augenblick im Leben einer Frau, einen Moment der Sehnsucht und Hoffnung.
In ihrem Buch verknüpft Alena Schröder geschickt eines der großen Verbrechen der Nationalsozialisten, den Raub der jüdischen Kunstschätze, mit den Lebensgeschichten von Frauen aus vier Generationen einer Familie. Lebendig und mit treffenden Situationsbeschreibungen entwirft sie glaubwürdige Charaktere und erzählt von Wünschen, Enttäuschungen und Ambivalenzen der verschiedenen Frauen. Dabei verarbeitet sie Aspekte ihrer eigenen Familiengeschichte. Für die Figur von Senta, Hannahs Urgroßmutter, war Alena Schröders eigene Urgroßmutter das Vorbild. Viel zu jung von einem ungeliebten Mann schwanger geworden, versucht Senta verzweifelt und vergeblich, ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle gerecht zu werden. Sie verlässt Mann und Tochter und zieht ins aufregende Berlin der 20-er Jahre. Dort heiratet sie den Sohn des jüdischen Kunsthändlers Itzig Goldmann und arbeitet als Journalistin.
Was die Nazizeit in Berlin für Senta, ihren Mann und ihre jüdischen Schwiegereltern Itzig und Helene Goldmann bedeutet, wird von Alena Schröder in beklemmenden Szenen geschildert. Der Kunsthändler und seine Frau verlieren alles: ihre Kunstschätze, ihre Existenz und schließlich ihr Leben. Senta und ihrem Mann gelingt es, nach Brasilien zu fliehen. Ihre Tochter Evelyn lässt Senta in Deutschland bei einer Tante zurück.
Eine zentrale Frage des Romans ist, wie sich Muttersein und ein selbstbestimmtes Leben miteinander vereinbaren lassen. Ein Problem, das sich auch heute noch stellt, das aber für Frauen vergangener Generationen oft kaum zu lösen war. Wie geht eine Frau damit um, wenn sie sich nicht in ihre Mutterrolle fügen kann? Wie begegnet sie den Anforderungen, die ihre Umwelt an sie stellt, und wie wird sie mit ihrer Sehnsucht nach Freiheit und mit ihren Schuldgefühlen fertig? Und was bedeutet das für ihr Kind?
Die Autorin spielt in ihrem Roman verschiedene Variationen von Mutterliebe und dem Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern durch. Sie verzichtet auf moralische Wertungen. Im Gegenteil versucht sie, die Gefühle und Entscheidungen ihrer Protagonistinnen nachvollziehbar und verstehbar zu machen.
In einem Interview sagt Alena Schröder: „Das ist schon irre, dass ich im Grunde die erste Generation bin, die auf eine Art beides haben kann. Also ich kann Kinder haben und berufstätig sein….Alle Frauen vor mir in meiner Familie mussten halt Entscheidungen treffen…,die sehr viel härter waren als alle Entscheidungen, die ich treffen muss. Das macht mich irgendwie sehr demütig. Ich bin denen auch dankbar, dass sie da so viele Kämpfe schon ausgefochten haben, von denen ich profitiere.“
„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ spannt den Bogen von den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts über die Zeit des Nationalsozialismus bis ins heutige Berlin, in dem die Studentin Hannah mit ihrem Familienerbe konfrontiert wird. Es ist ein vielschichtiges Erbe, das nicht nur aus einem verschollenen Kunstschatz besteht, sondern auch aus den Schicksalen ihrer Vorfahren, vor allem der Frauen ihrer Familie, die auch sie prägen.
Auf weitere Bücher von Alena Schröder kann man gespannt sein!
Lilly Munzinger, Gauting

Alena Schröder
„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“
dtv
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© Michael Lange
Montag 24.05.2021
Michael Lange „Cold Mountain“
Die wenigsten sehen wohl die Welt der Berge so, wie sie jetzt in dem beeindruckenden Band „Cold Mountain“ des Fotografen Michael Lange vorliegen. Schließlich pilgert ein Großteil der Menschheit überwiegend an sonnigen, möglichst wolkenfreien Tagen hinaus in die Natur, auf der sportlichen Suche nach Abwechslung und Kurzweil. Und selbst dann kommen die Wandersleute nur selten bis in die zentralen Regionen der Natur, in denen die Zivilisation aufgehört hat, das Erscheinungsbild zu bestimmen, dort, wo die absolute Stille herrscht. Die entrückten, nicht entweihten Atmosphären, die tatsächlich unberührten Territorien liegen einige Kraftanstrengungen weiter.
Die Berge, die Michael Lange in einem Zeitraum von sechs Jahren für „Cold Mountain“ ablichtete, sind das Ergebnis der ganz bewussten Suche nach Ruhe und Einsamkeit. Dem Hamburger Fotokünstler ging es weniger darum, ein idyllisches, romantisches Abbild von Landschaften zu reproduzieren. Er zeigt die Natur in ihrer reinen, archaischen Einmaligkeit, in ihren schlichten aber nicht weniger differenzierten Schwarz-Weiß-Schattierungen. Diese wirken in ihrer Schroffheit mitunter bedrohlich, in ihrer formalen Ausrichtung streng, in ihrem diffusen Charakter häufig unüberschaubar und erschlagend monumental. Diese Bilder sind nicht dazu angeraten, die Natur zu verharmlosen und schon gar nicht sollen sie Menschen anlocken, um die Geheimnisse dieser Erde auf der Grundlage von Massentourismus zu lüften.
Diese Arbeiten zeigen Demut und Respekt vor dem Ökosystem Erde. Sie besitzen zudem etwas Meditatives, das den konventionellen Bereich des Betrachtens weit hinter sich lässt. Voraussetzung für derart imposante Bilder ist ein gewisser innerer Gleichklang, den der Künstler zu seinem Objekt findet. Dafür muss er sich auf diese Vorgaben einlassen, muss selbst Teil des gesamten Naturschauspiels werden, muss deren Zusammenhänge mit seinen Sinnen fühlen. So schafft Miachael Lange die Möglichkeit, in jedes seiner Bilder einzutauchen, sie einerseits in ihrer ganzen Imaginiertheit Wirken zu lassen und andererseits den detaillierten Reichtum an Tönungen wahrzunehmen. Die stille Leidenschaft und spürbare Vehemenz der Bilder bilden die Ernsthaftigkeit und Ausschließlichkeit des Fotografen bei der Umsetzung seiner Arbeit ab.
So wundert es nicht, dass sich Michael Lange, zumindest bei diesen Arbeiten, auf den Zen-Buddhismus beruft, dem es um die Aufhebung der Trennung zwischen Innenwelt und Außenwelt geht. Der Titel „Cold Mountain“ bezieht sich auf den Zen-Mönch, Dichter und Einsiedler Hanshan, der im 7. Jahrhundert lebend, Gedichte über den „Kalten Berg“ schrieb. Er verabscheute jedes materielle Denken und jedweden weltlichen Besitz, die sämtlich nur von dem eigentlichen individuellen Weg der Erleuchtung ablenken. Hanshan gilt übrigens auch als ein Vorbild für etliche Autoren der Beat-Generation, wie Allan Ginsberg und vor allem Jack Kerouac.
Wer zu diesen Arbeiten die passenden Klänge hören möchte, hier ein Tipp: William Thomas Long alias Celer „Gems, 2“.
Jörg Konrad

Michael Lange
„Cold Mountain“
Hartmann Books
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Dienstag 18.05.2021
Steffen Kopetzky „Monschau“
1807 führte Bayern als erstes Land weltweit eine Impfpflicht ein. Gegen Variola, besser bekannt unter Pocken oder Blattern. Es gab und auch dies scheint heute, über zweihundert(!) Jahre später eigenartig vertraut, militante Impfgegner, die von Gotteslästerei schrien, weil schließlich die Pocken gottgewollt seien und man den Betroffenen mit dieser Maßnahme nur „bayrisches Denken“ einimpfen wolle. 1980 wurde dann die Welt von der WHO als pockenfrei deklariert.
In Deutschland gab es im Jahr 1962 eine Pockenepedemie – in Monschau, einer beschaulichen Kleinstadt im Westen Deutschlands, nahe der belgischen Grenze. Steffen Kopetzky hat diese Epidemie in den Mittelpunkt seines neuen Romans gestellt, den er schlicht nach dem mit vielen mittelalterlichen Fachwerkbauten und Kopfsteinpflaster gesegneten Ort benannte.
Monschau liegt ganz in der Nähe vom Hürtgenwald, wo in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs die grausigste Menschen- und Materialschlacht zwischen der US-Army und Nazideutschland stattgefunden hat. Dies war nicht nur das Thema des vorletzten Romans Kopetzkys. Eine Spur dieser kriegerischen Katastrophe führt auch ansatzweise in den jetzigen Text über diese historisch verbriefte Epidemie.
Kopetzky erzählt vom Beginn und vom Kampf gegen diese von Viren hervorgerufene, hochansteckende Krankheit. In den Mittelpunkt stellt er den aus Griechenland stammenden jungen Arzt Nikos, dessen Familie von deutschen Wehrmachtstruppen ermordet wurde und die Alleinerbin der ortsansässigen Rither-Werke Vera, die in Paris studiert und genau zu dieser Zeit Semesterferien hat. Hinzu kommt Nikos Chef, der Dermatologe Süttgen, einst Truppenarzt in der Allerseelenschlacht im Hürtgenwald, wo er, entsprechend der Genfer Konvention, auch US-Soldaten behandelte und von einem Kriegsbericht anschließend zum Tode verurteilt wurde. Hinzu kommen einige dubiose Gestalten, die teilweise in Naziseilschaften verwickelt sind und natürlich von Pocken infizierte Kranke, die sich in Quarantäne befinden.
Als äußere „Kulisse“ dient Kopetzky der damalige Fernseh-Straßenfeger „Das Halstuch“ von Francis Durbridge, die wunderbare Musik des Album „Someday My Prince Will Come“ von Miles Davis, das jugendliche Aufbegehren der französischen Studenten, als eine Art Vorbereitung der späteren 68er Unruhen. All diese Zutaten und Figuren verwebt Kopetzky ebenso geschickt wie charmant zu einem Stück spannender bundesrepublikanischer Zeitgeschichte. Wer aufgrund des Hauptthemas glaubt, bei „Monschau“ handele es sich um ein den momentan tagesaktuellen Ereignissen abgetrotztes Stück Literatur, eben um das Aufbereiten der Corona-Epidemie, der täuscht sich gewaltig. Auch wenn sich manches vertraut liest, handelt es sich bei diesem Roman um ein eigenständiges, unterhaltsames wie intelligent erzähltes Stück Historie. Kopetzky zeigt auch mit diesem Buch, dass er zu den derzeitig wohl besten deutschsprachigen Erzählern gehört.
Viktor Brauer
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Mittwoch 05.05.2021
Christoph Ransmayr „Der Fallmeister“
Christoph Ransmayr verlagert seit einiger Zeit in seinen Büchern die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart in die Vergangenheit („Cox oder Der Lauf der Zeit“), oder, wie jetzt mit dem Roman „Der Fallmeister – Eine kurze Geschichte vom Töten“, in die Zukunft. Vielleicht sind auf diese Weise besser, oder nachhaltiger die Fallstricke und Verwerfungen, die Entwicklungen und Auswirkungen im Hier und Heute zu erkennen. Ging es in „Cox oder Der Lauf der Zeit“ um Themen wie politische Macht und Machtmissbrauch, sowie das Verhältnis zwischen Orient und Okzident, sehen wir im Fallmeister die Absurdität und Folgen unseres täglichen Tuns, wie letztendlich den Zerfall Europas in unzählige Kleinstaaten und den globalen Kampf um Trinkwasser-Ressourcen in bisher ungekanntem Ausmaß. Ransmayr gelingt dieses Szenario ohne die entsprechenden Themen überzustrapazieren, oder den sinnlos warnenden erhobenen Zeigefinger einzusetzen.
Der 1954 in Oberösterreich geborene Autor verpackt seine Wahrnehmung der Zeit vordergründig in eine Kriminalgeschichte, mit stark moralischem Anspruch. Der Vater des Erzählers arbeitet als Fallmeister, einer Art Schleusenwart, der bei seiner Tätigkeit am „Weißen Fluss“(der viel Ähnlichkeit mit der Donau aufweist) fünf Menschen tötet. Er selbst verschwindet kurz darauf.
Aus diesem Grunde reist der Sohn, der als Hydrotechniker an den größten Strömen weltweit arbeitet, nach Hause. Es ist eine beschwerliche Reise, die ihn durch ein zerfallenes Europa führt, ein Europa von nationalistischen Kleinstaaten, die, hierfür bracht man nur wenig Fantasie, das Ergebnis gescheiterter Europapolitik ist.
Ransmayr stellt ins Zentrum der Handlung nicht allein die Aufklärung dieser Verbrechen. Der Autor beschreibt stattdessen, wie sich der Erzähler der eigenen Familiengeschichte stellt, mit all den Verwerfungen, moralischen Verantwortungen, mit den Schrecknissen der Vergangenheit. Denn der Erzähler ist auch ein Opfer der Zeit und der Umstände, egal, ob es sich um die Entladungen des jähzornigen Vaters handelt, der frühen Verschleppung der Mutter, die in ihre dalmatinische Heimat deportiert wurde und von der jede Spur fehlt, oder um die soziale Abgeschiedenheit des Lebensraumes. Sein einziges Zutrauen, die einzige (auch körperliche) Liebe findet der Erzähler in der an der Glasknochenkrankheit leidenden Schwester Mira, die wie eine Märchenfee auf ihn wirkt und die ebenso abrupt und endgültig aus dem Leben gerissen wird. Halt im Leben kann er insofern nur finden, wenn er seine eigene Familiengeschichte aufarbeitet, die eingebettet ist in die allgemeine Dystopie.
Es ist eine Welt der Dramen und der Katastrophen, die Ransmayr hier sprachgewaltig entwickelt, die manchmal auch ein wenig schwülstig wirken, wobei letztendlich die Sprachästhetik einige dieser Tragödien und Katastrophen erträglicher und lesenswerter gestalten.
Jörg Konrad

Christoph Ransmayr
„Der Fallmeister“
S. Fischer Verlag
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Dienstag 20.04.2021
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Franz Werfel „Eine blassblaue Frauenschrift“
Der Titel könnte falsche Erwartungen wecken. Es handelt sich bei dem Kurzroman „Eine blassblaue Frauenschrift“ von Franz Werfel nicht um eine wehmütige, leicht kitschige Liebesgeschichte, sondern um die subtile Charakterstudie eines Opportunisten und ein scharfsichtiges Porträt der österreichischen Gesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg. Franz Werfel hat die packende, farbig und poetisch erzählte Novelle im Jahr 1940 auf der Flucht ins Exil geschrieben.
Ein Tag im Oktober 1936, zwei Jahre vor dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. „Depression über Österreich. Stürmisches Wetter im Anzug“ meldet der Wetterbericht. Leonidas, ein hoher Staatsbeamter in einem Wiener Ministerium, erhält zu seinem 50. Geburtstag neben zahlreichen maschinengetippten Gratulationsschreiben auch einen Brief in einer blassblauen Schrift, der seine ganze Existenz ins Wanken bringt.
Der elegante Sektionschef stammt aus einfachen, ärmlichen Verhältnissen und kann sich nun, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als Götterliebling fühlen. Durch sein Aussehen, seinen Charme und vor allem durch die Heirat mit der reichsten Erbin der Stadt, die den sprechenden Namen Amelie Paradini trägt, ist er ins Paradies der Oberschicht Wiens aufgestiegen. Eine entscheidende Rolle für seinen Erfolg spielte einst ein Frack. Er hatte ihn ausgerechnet von einem jüdischen Selbstmörder geerbt und eine so gute Figur darin gemacht, dass die Gesellschaft und vor allem Amelie geblendet waren.
Einige Monate nach seiner Heirat ging Leonidas eine kurze Liebesbeziehung mit Vera Wormser ein, einer Jüdin. Durch ihren Brief holt ihn nun die Vergangenheit ein. Vera bittet ihn, sich für einen jungen Mann einzusetzen, der in Deutschland als Jude nicht mehr das Gymnasium besuchen darf. Leonidas, dessen Ehe mit Amelie kinderlos geblieben ist, sieht sich plötzlich als Vater eines nichtarischen Sohnes.
Franz Werfel spielt meisterhaft mit den Namen seiner Figuren. Leonidas trägt ironischerweise den Namen eines antiken Helden. Doch er ist alles andere als ein Held, und er weiß das. In einem großen inneren Monolog, einer hellsichtigen Selbstanalyse, klagt er sich an und bekennt sich schuldig. Vor 18 Jahren hat er Vera, die einzige Liebe seines Lebens, belogen und schmählich im Stich gelassen. „Die sechs unzugänglichen Wochen mit Vera bedeuten die wahre Ehe meines Lebens. Ich habe der großen Zweiflerin jenen ungeheuren Glauben an mich eingepflanzt, nur um ihn zuschanden werden zu lassen. Das ist mein Verbrechen.“ Dabei hat es Leonidas einen besonderen Kitzel bereitet, in Vera durch die Liebe zu ihm das „Eis der israelitischen Intelligenz“ schmelzen zu sehen. Sein individueller Liebesverrat verweist auf gesellschaftlicher Ebene auf den Verrat der Deutschen und Österreicher am jüdischen Volk.
Leonidas steht vor der Entscheidung, sich zu Vera und ihrem Sohn und damit zur Wahrheit zu bekennen – auch Veras Name ist natürlich kein Zufall – , oder zu der bequemen Verlogenheit und Oberflächlichkeit seines bisherigen Lebens zurückzukehren. Der innere Aufruhr, in den Veras Brief ihn versetzt, wird von Werfel bis in die feinsten Verästelungen seiner Seele dargestellt. Leonidas schwankt zwischen Mut und Angst, Liebe und Feigheit. Er hat viel zu verlieren. Nicht nur sein Reichtum, sondern ebenso seine politische Karriere ist gefährdet. Auch in Österreich kann für einen hohen Staatsbeamten die Nähe zur jüdischen Rasse „höchst unstatthaft“ sein.
Am Ende des Tages besucht Leonidas die Oper. Während er in seinem Sessel einschläft, weiß er, dass „heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er weiß, dass er daran gescheitert ist. Er weiß, dass ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird.“
Werfels überragende Kunst, im Charakter eines Menschen eine ganze Epoche zu spiegeln, macht „Eine blassblaue Frauenschrift“ zu einem Meisterwerk, das auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Lilly Munzinger, Gauting
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Dienstag 13.04.2021
Mirko Bonné „Seeland Schneeland“
Sir Ernest Shackleton gilt nicht nur als einer der größten Abenteurer des letzten Jahrhunderts. Der gebürtige Ire wird, obwohl seine Antarktisreise während des 1. Weltkrieges im Südpolarmeer scheiterte, als einer der wichtigsten Expeditionsleiter und als Vorbild für ganze Generationen von heranwachsenden Naturforschern und (heutigen) Managern(!) verehrt. Grund hierfür waren sein unbändiger Wille und seine Tatkraft, die ihn dazu brachten, seine gesamte Crew, nachdem sein Schiff die „Endurance“ im Weddellmeer zerbarst, wieder heil in die Heimat zu bringen.
Mirko Bonné knüpft in seinem neuen Roman „Seeland Schneeland“ an dieses Ereignis an. Seine Hauptfigur, der junge Merce Blackboro, war Mitglied dieser spektakulären Expedition. Er ist, von diesen Erlebnissen noch traumatisiert, auf der Suche nach einem neuen Lebens-Ziel. Er verspürt eine anhaltend starke innere Unruhe. Hinzu kommt die plötzliche Abreise seiner großen aber unerwiderten Liebe Ennid, die, nach einer flüchtigen Beziehung zu Merce, von Wales aufbrechend ihr Glück in Amerika plant.
Ennid befindet sich mit 2000 anderen Passagieren auf dem riesigen englischen Ozeandampfer „Orion“, der einst zur kaiserlichen deutschen Flotte gehörte. Das Schiff gerät während der Überfahrt in einen gewaltigen Schneesturm, der im Mittelpunkt dieses Romans steht und die einzelnen Handlungsstränge vorantreibt.
Mikro Bonné beschreibt in einem packenden, dynamischen wie auch empathischen Stil die Geschehnisse an Bord der „Orion“. Das wirkt zu Beginn ein wenig unübersichtlich, hin und wieder auch konstruiert. Im zweiten Teil nimmt der Roman dann an Fahrt auf. Hier bekommen die Figuren deutlichere Zuordnungen und Bezüge zueinander. Bonné veranschaulicht eindrucksvoll das Szenario an Bord, wie das Schiff aufgrund des starken Schneefalls und letztendlich des damit verbundenen Gesamtgewichts manövrierunfähig wird. Zugleich versucht Merce Blackboro von Wales aus den Kontakt zu Ennid herzustellen.
Neben Ernest Shackleton tauchen in „Seeland Schneeland“ noch weitere reale Personen auf. Da wäre der legendäre Thomas Crear, einer der verwegensten irischen Polarforscher, Charlie Chaplin und der Autor Francis Scott Fitzgerald. Sie streifen die Handlung und geben ihr insgesamt ein wenig Würze, oder auch Zeitkolorit. Zudem gibt es immer wieder Bezüge zu und Zitate aus Lew Tolstois wohl bekanntestem Roman „Anna Karenina“, den Ennid während der Überfahrt in ihrer winzigen Koje liest.
Meisterhaft gelingen Mirko Bonné die Natur- und Wetterschilderungen. Hier erinnert er in der Dichte und der Intensität des Erzählens an die großen Meister des Abenteuergenres, Jack London oder Joseph Conrad. Bonné zeigt sich als ein Meister der Dramaturgie, der die Handlung, je weiter sie fortschreitet, zuspitzt, das Erzähltempo erhöht und damit „Seeland Schneeland“ zu einem literarisch furiosem Ende führt.
Lutz Erxleben

Mirko Bonné
„Seeland Schneeland“
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main
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Autor: Siehe Artikel
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