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1. Ayelet Gundar-Goshen „Wo der Wolf lauert“
2. Helga Schubert „Vom Aufstehen“
3. Shida Bazyar „Drei Kameradinnen“
4. Tove Ditlevsen „Kopenhagen-Trilogie“
5. Stanislaw Lem „Die Grosse Hörspielbox“
6. Alena Schröder „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid...
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Freitag 17.09.2021
Ayelet Gundar-Goshen „Wo der Wolf lauert“
Sie wollten ihrem Sohn Adam ein Leben fernab von Krieg und Terror ermöglichen. Deshalb sind Lilach und Michael Schuster aus Israel in die USA emigriert. Michael hat im Silicon Valley einen hochdotierten Job in der Rüstungsindustrie angenommen. Sie leben in Palo Alto, einer der ruhigsten und sichersten Städte Amerikas. Aber sie entkommen der Gewalt nicht. „Vielleicht hatten wir gemeint, Adam vor dem israelischen Irrsinn zu bewahren, ihn tatsächlich aber einem anderen Irrsinn ausgesetzt“, sagt Lilach einmal.
In ihrem hochspannenden Roman „Wo der Wolf lauert“ beschreibt die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, wie soziale- und Rassenkonflikte in die scheinbar friedliche Welt einer gutsituierten jüdisch-amerikanischen Familie einbrechen.
Adam ist 16 Jahre alt, als zwei Ereignisse die Stadt, die jüdische Gemeinde und die Familie Schuster erschüttern. Ein Attentäter dringt in die Synagoge ein. Vier Frauen werden verletzt, ein junges Mädchen wird erstochen. Einige Zeit später bricht auf einer Party Jamal, ein schwarzer Mitschüler von Adam, tot zusammen. Er ist an einer Überdosis Meth gestorben. Da Adam in der Garage seiner Eltern ein „Labor für junge Chemiker“ eingerichtet hat, gerät er ins Visier der Polizei und wird verdächtigt, die Droge Jamal in den Drink gemischt zu haben.
Die Ereignisse werden aus der Ich- Perspektive von Lilach, Adams Mutter, geschildert. Die Autorin Ayelet Gundar-Goschen ist ausgebildete Psychologin. Mit beklemmender Intensität und psychologischer Tiefenschärfe schildert sie Lilachs zunehmende Zweifel an der Unschuld ihres Sohnes; man wird beim Lesen mitgerissen in den Strudel aus Sorge und Angst. Verzweifelt versucht Lilach, Zugang zu ihrem Sohn zu finden, die Fremdheit zu überwinden, doch Adam, ein verschlossener, einsamer Junge, weigert sich, mit seinen Eltern zu sprechen. „…die größte Unbekannte im Leben der Menschen sind ihre Kinder“ heißt es einmal.
Auf eigene Faust spürt Lilach den Hintergründen von Jamals Tod nach, und die Verdachtsmomente verdichten sich. Lilach besucht die alleinerziehende Mutter des toten Jungen, die mit ihren Kindern in einem Problemviertel Palo Altos lebt und als Zimmermädchen in einem Hotel arbeitet, und sie findet heraus, dass Jamal Mitglied einer antisemitischen Gruppierung schwarzer Jugendlicher mit dem Namen „Nation of Islam“ war. Adam hatte allen Grund, ihn zu hassen, denn er wurde von Jamal gemobbt und drangsaliert.
Doch die Autorin vermeidet in ihrem Roman einseitige Schuldzuschreibungen. Sie macht dagegen nachvollziehbar, wie die Gewaltspirale funktioniert. Jamal hat sich als Angehöriger der unterprivilegierten schwarzen Bevölkerung einer radikalen Organisation angeschlossen, die ihre eigene Identität stärken und sich gegen Demütigungen und Verletzungen wehren will.
Nach dem Attentat auf die Synagoge ist auf jüdischer Seite eine Gruppe entstanden, die ganz ähnliche Ziele verfolgt. Uri, eine ehemaliger Elitesoldat der israelischen Armee, bietet einen Selbstverteidigungskurs an, in dem er jüdische Jugendliche in Nahkampf, Angriff und Navigation im Gelände ausbildet. Adam wird von seinen Eltern gedrängt, an dem Kurs teilzunehmen, vor allem, damit er mit Gleichaltrigen Kontakt hat und seine Isolation überwindet. Und nach kurzer Zeit schon gehört er ganz begeistert zu einem Dutzend Jungen, die sich jeden Sonntag treffen und ihren Leiter wie einen Guru verehren. Denn Uri ist ein Seelenfänger. Sein Motto lautet: „Will dich einer töten, töte ihn zuerst.“ Hier kommen Lilach Zweifel: „Was, wenn ein Junge das missversteht?“ fragt sie eine Freundin, deren Sohn auch von Uri ausgebildet wird. „Lilach, du musst doch zugeben: Bei allem, was hier jetzt passiert, lässt dieser Kurs dich als Mutter ruhiger schlafen. Das ist eine Art Krieg da draußen“ ist die Antwort der Freundin. Doch was, wenn Adam das missverstanden und Jamal getötet hat? Wenn er nicht mehr Opfer sein wollte?
Ayelet Gundar-Goshen erzählt in ihrem packenden Buch eine ebenso berührende wie dramatische Mutter-Sohn-Geschichte und zeichnet zugleich ein differenziertes, hochaktuelles Bild einer Gesellschaft, die von Hass und Rassismus zerrissen ist.
Lilly Munzinger, Gauting

Ayelet Gundar-Goshen
„Wo der Wolf lauert“
Kein & Aber
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Freitag 20.08.2021
Helga Schubert „Vom Aufstehen“
Warmer Streuselkuchen, Sommerferien, Hängematte im Garten der Großmutter – Koordinaten, die im vorliegenden Fall als Fundament des Lebens taugen. Sehnsuchtsorte, die Erschütterungen abfedern werden, die kommende Schicksalsschläge erträglicher machen, die als eine Art mentale Medizin letztendlich heilen. Wenn auch vernarbend. Immer dann, wenn das eigene Sein aus den Fugen zu geraten scheint, sind es diese wärmenden Erinnerungen, die vieles, auch grenzwertiges, ertragen lassen.
Helga Schubert ist Schriftstellerin und sie ist Psychoanalytikerin. Und insofern ist auch rückwärts gerichtetes Schreiben bei ihr immer Teil der Therapie. Selbst dann, wenn Krankheit nicht im Vordergrund steht. Es geht wenig um die Vergangenheit allein, aber die Vergangenheit ist in diesem Fall der Hort, der hilft, die Gegenwart, wenn schon nicht zu verstehen, dann wenigstens sie mit möglichst wenig Verlust zu ertragen. Und so gelingt es, das immer währende Aufstehen, von dem diese Geschichten unmittelbar handeln.
Im vergangenen Jahr wurde Helga Schubert für „Vom Aufstehen“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Da war sie schon 80jährig. 1980 durfte sie, damals in Ostberlin lebend, an diesem Wettbewerb nicht teilnehmen. Sie war für die Diktaturprominenz kein verlässlicher Reisekader.
Ihr Leben verlief nicht gradlinig, war stattdessen vollgepackt mit Brüchen und unerfüllten Hoffnungen, mit politischen Herausforderungen und Zurücksetzungen, mit Fluchtpunkten und tiefgreifenden Enttäuschungen. Sie erzählt dies in einer einfachen, natürlichen, nicht lamoryanten Sprache. Es sind Skizzen, Impressionen, Traumata, mal metaphorisch verpackt, mal sich streng am vermeintlichen Ablauf hangelnd. Ohne Zorn, ohne Wut. Privates kreuzt Gesellschaftliches, der Tod des Vaters als Soldat das verletzende und demütigende Verhalten der Mutter, die Kriegs-und Flüchtlingskindheit der Ich-Erzählerin und der Suicid des Nachbarn. So entstehen ebenso reale wie abstrakte Bilder, in dem das Wesentliche leicht entstellt, milchig verschwommen den Horizont belebt. Dabei geht es um Liebe, um vorenthaltene Liebe, unerfüllte Liebe, erfahrene Liebe - letztlich um individuelle Heimat.
Helga Schubert nimmt bescheiden manchen Schrecken ihres Lebens an, auch die Enttäuschungen im nächsten Umfeld, die Tragik der Zeit, weil sie weiß, dass sie die Menschen und damit die Welt nicht ändern kann. Sie kann nur ihre eigene Stellung zementieren, ihren Platz in deren Ablauf suchend finden und festhalten.
Im Schreiben schafft sie geschickt eine Distanz zu sich selbst, wechselt die Perspektiven und Zeiten, findet Umwege, die sie überzeugender als mancher direkte Weg ans Ziel bringen. Das ist weit mehr als bloße Autobiographie, als geschriebenes Zeitdokument. Das ist große Literatur.
Jörg Konrad

Helga Schubert
„Vom Aufstehen“
dtv
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Montag 26.07.2021
Shida Bazyar „Drei Kameradinnen“
Dieser Roman hat Wucht, dieser Roman lebt von seiner provozierenden Energie, er ist engagiert und er zeigt Haltung. Er macht aber zugleich auch auf resignierende Weise deutlich, wo wir gesellschaftlich stehen, sozusagen als desillusionierender gesellschaftlicher Spiegel. Aber nicht als das Ergebnis einer wissenschaftlichen Sozialstudie, sondern aufgrund seiner fiktiven Realität, der Grundlage seines berechtigten Zorns. Shida Bazyar schreibt in ihrem zweiten Roman über das Emigrantensein in Deutschland. Hier hat keine Streetworkerin das Sagen, oder eine studierte Sozialpädagogin. Somit bietet „Drei Kameradinnen“ auch keine befriedigenden Lösungsmodellen frei Haus. Die aus Deutschland stammende Autorin mit iranischen Wurzeln erzählt uns von einer Parallelgesellschaft, die eine ist, weil sie eine Parallelgesellschaft sein soll. Denn sie ist ganz simpel das Ergebnis des gefühlten Anderssein und der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung.
Es ist die Geschichte dreier Freundinnen, die am ausgefransten Rand einer Großstadt, in einem Viertel wohnen, das man unreflektiert einen sozialen Brennpunkt nennen könnte. Um welche Stadt es sich genau handelt? Egal – es gibt viele dieser Viertel, um nicht zu sagen ungezählte solcher ausgrenzender und ausgegrenzten Vorstädte. Die drei Freundinnen kommen nach Jahren zusammen, da eine von ihnen, Hani, heiratet. Eine andere von ihnen, Saya, steht aufgrund eines Brandanschlags auf ein Haus mit Rechtsradikalen kurz davor ins Gefängnis zu kommen. Und die Erzählerin, Kasih, treibt mit ihrer den Leser direkt ansprechenden Stimme die Handlung voran. Die drei sind in ihrem Einverständnis, in ihrem Erleben, in ihren Überzeugungen weit mehr als Freundinnen. Sie sind Kampfgefährtinnen, Verbündete, bei aller charakterlichen Verschiedenartigkeit, eine Gruppe von Gleichgesinnten, die sich in feindlichem Gebiet durchschlägt, um stolz zu überleben. Drei Kameradinnen eben, die Solidarität leben und einfordern.
Hier wird auf nachvollziehbare Weise erzählt, wie sich der Boden unter den Füßen von Saya, Hani und Kisah, stellvertretend für ungezählte Menschen mit Migrationshintergrund, erst bewegt und dann unter dem NSU-Prozess, unter Sexismus, Alltagsrassismus, Alkohol und unbehandelten Traumen bröckelnd einbricht.
In einem schroffen, giftigen Ton beschreibt Shida Bazyar diese Welt, in der die drei Heldinnen leben. Da wird der Leser schon einmal ordentlich angeraunzt, herausgefordert, weil dies das einzige Kampfgerät ist, was den Frauen bleibt. Shida Bazyar schickaniert mit Worten, ist frivol und respektlos und erinnert in ihrer Schonungslosigkeit und Intelligenz entfernt an Sybille Bergs derbe, aber poetische Prosa.
So ist „Drei Kameradinnen“ kein rethorischer Exkurs durch die kunterbunte, exotisch angehauchte Lianenwelt der Soziologie. Es ist knallharte Realität, mit der Beschreibung, wie Hartz IV, Jobcenter, Mietwucher, Migrationshintergrund oder zugelassener Rechtsextremismus auf Betroffene wirkt, was er mit Menschen macht, die anders aussehen, die von der Allgemeinheit abweichende Lebensmodelle verwirklichen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen und so Opfer eines alltäglich um sich greifenden Rassismus werden.
Jörg Konrad


Shida Bazyar

„Drei Kameradinnen“
Kiepenheuer & Witsch
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Dienstag 29.06.2021
Tove Ditlevsen „Kopenhagen-Trilogie“
Autofiktionales Erzählen boomt. Vor allem autobiographische Texte von Frauen haben Konjunktur, wohl nicht zuletzt deshalb, weil literarische Selbsterforschung ein befreiender Prozess sein kann: ein Akt der Selbstvergewisserung, der Emanzipation.
Es ist kein Zufall, dass das Interesse an einer Autorin gerade jetzt wieder erwacht, die als Vorläuferin von Schriftstellerinnen wie Annie Ernaux, Siri Hustvedt oder Rachel Cusk gelten kann. In ihrer Heimat ist Tove Ditlevsen schon längst berühmt, aber außerhalb Dänemarks war sie bisher nur wenig bekannt. Doch nun werden ihre Bücher in 16 Sprachen übersetzt, und man kann ihre „Kopenhagen-Trilogie“ zum ersten Mal vollständig auch auf Deutsch lesen – eine großartige Entdeckung!
Tove Ditlevsen wurde 1917 in Kopenhagen geboren, und hier ist sie auch gestorben. Im Jahr 1976 beging sie Selbstmord.
Detailversessene Nabelschau, wie sie z.B. Karl Ove Knausgard in seinem umfangreichen autobiographischen Werk betreibt, ist ihre Sache nicht. Die Autorin konzentriert sich auf das Wesentliche. In drei schmalen Bänden mit den Titeln „Kindheit“, “Jugend“, „Abhängigkeit“ schildert sie ihr Leben; lakonisch und oft mit trockenem Humor. Ihre Erinnerungen hat sie aus der Rückschau in den 1960er Jahren aufgezeichnet. Sie sind von großer Nähe und Unmittelbarkeit.
Tove Ditlevsens Sprache ist klar und prägnant, und sie findet ausdrucksstarke Bilder. So schreibt sie über ihre Kindheit im proletarischen Stadtteil Vesterbro, die von Armut und menschlicher Härte geprägt ist: „Dunkel ist die Kindheit, und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat.“ Vergeblich sehnt Tove sich nach Zeichen der Liebe ihrer Mutter. Häufig wird sie von ihr geschlagen, willkürlich und grundlos. Der Vater ist Heizer und immer wieder arbeitslos, ein Schicksal, das er mit vielen Männern seiner Klasse teilt, und das als Schande empfunden wird. „Halbhunger“, ist Toves ständiger Begleiter. Auch unter Gleichaltrigen fühlt sie sich fremd. Während sie mit ihrer Freundin Ruth kleine Raubzüge in benachbarte Geschäfte unternimmt oder bei den Mülltonnen im Hinterhof dem Getuschel der anderen Mädchen über erste sexuelle Erfahrungen zuhört, träumt sie von einem anderen Leben. „In meinem Inneren krochen lange, merkwürdige Wörter hervor und legten sich wie eine Schutzhülle über meine Seele. Ein Lied, ein Gedicht, etwas Linderndes, Rhythmisches und unendlich Melancholisches…“
Tove will Dichterin werden. Obwohl ihre Umgebung mit völligem Unverständnis reagiert - „Bild dir bloß nichts ein. Ein Mädchen kann nicht Dichter werden“, sagt ihr Vater, - verfolgt sie diesen Lebenstraum mit großer Beharrlichkeit. Es gelingt ihr, sich aus dem engen Käfig ihrer sozialen Herkunft und der gesellschaftlichen Konventionen zu befreien und zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Dänemarks zu werden; in der damaligen Zeit für eine Frau aus dem Arbeitermilieu ein sensationeller Aufstieg.
Mit 18 Jahren heiratet Tove Ditlevsen den um 30 Jahre älteren Journalisten Viggo F Möller. Er eröffnet ihr eine neue Welt. Durch ihn findet sie Zugang zur Literatur- und Bohème-Szene Kopenhagens, sie wird Mitglied im „Club der jungen Künstler“, und Möller kümmert sich um die Veröffentlichung ihrer ersten Gedichtsammlung „Mädchenseele“, mit der sie schnell bekannt wird. Zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und Romane folgen, und immer verwendet sie ihr eigenes Leben als Material für ihre Texte.
Toves erste Ehe hält nicht lange. Ihr Mann hat ihr geholfen, sich aus dem „Sarg“ ihrer Kindheit zu befreien, wie sie es ausdrückt, doch bald wird Tove seiner überdrüssig. Auch ihre zweite Ehe mit einem Studenten scheitert. Ihrem größer werdenden literarischen Ruhm, der auch der schockierenden Offenheit ihrer Bücher geschuldet ist, steht ein zunehmender seelischer und körperlicher Verfall gegenüber. Im dritten Band ihrer Trilogie mit dem Titel „Abhängigkeit“ erzählt sie davon, schonungslos und ohne jedes Selbstmitleid.
Es geht um Abhängigkeit von Männern und von Drogen. Bei einer illegalen Abtreibung gerät sie an den Medizinstudenten Carl. Er spritzt ihr ein Opiat, von dem sie sofort süchtig wird. Sie heiratet ihn, um leichter an die Droge zu kommen, und erlebt mit ihm, einem sadistischen Psychopathen, die Hölle. Eine vierte Ehe mit einem Redakteur bringt zunächst etwas mehr Ruhe in ihr Leben, von ihrer Sucht aber kommt sie nie mehr ganz los. Gesunde Phasen, in denen sie wieder schreiben kann, werden durch Rauschmittelexzesse und Entziehungskuren durchbrochen.
Mit 59 Jahren gibt Tove Ditlevsen den Kampf auf und nimmt sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Zu dem Trauerzug durch Kopenhagen kommen Tausende, vor allem Frauen, um sie auf dem letzten Weg zu begleiten. Die dänische Zeitung „Politiken“ schreibt einen Tag später: „Es waren ihre Leserinnen. Sie kannten ihre Sorgen, ihren Schmerz, ihr Leben. Denn es waren – in vielen Fällen – auch ihre eigenen Sorgen und ihr Schmerz, die Tove Ditlevsen beschrieb. Ihr Frauenleben.“
Lilly Munzinger, Gauting

Tove Ditlevsen
„Kopenhagen-Trilogie“
Aufbau Verlag
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Samstag 19.06.2021
Stanislaw Lem „Die Grosse Hörspielbox“
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Ein alleinstehender Krimiautor erhält ein Paket, dem ein Haushaltsroboter entsteigt. Obwohl er diesen nicht bestellt hat, behält er ihn und kann sich schon nach kurzer Zeit ein Leben ohne dessen (auch schriftstellerische) Hilfe nicht weiter vorstellen. Doch gleichzeitig ist ihm die unentwegte Fürsorge auch lästig. Als er eines Tages Gäste erwartet und Graumer, so der Name des Roboters, erfährt, dass sich unter ihnen ein Polizeiinspektor befindet, wird dieser unruhig.
„Der getreue Roboter“ ist ein Hörspiel, das vom Rundfunk der DDR nach einer Vorlage von Stanislaw Lem 1980 produziert wurde. Der polnische Science-Fiction-Autor Lem hat sich in all seinen Büchern mit dem Umgang des Menschen mit zukünftigem technischem Fortschritt auseinandergesetzt. Dabei ging es ihm stets um die ethischen, philosophischen und rechtlichen Aspekte der Entwicklung.
In seinem bekanntesten Roman „Solaris“ werden durch einen intelligenten Ozean reale Halluzinationen hervorgerufen. Dieses „vernunftbegabte“ Gewässer befindet sich auf einen erdfernen Planeten und wird schon seit Jahrzehnten von verschiedenen Forschergruppen vor Ort untersucht. Als der Psychologe Kris Kelvin auf der Solaris-Forschungsstation eintrifft erkennt er, das dieser Ozean in der Lage ist, die Wissenschaftler zu manipulieren.
Beide Stücke, „Der getreue Roboter“ und „Solaris“ sind Teil einer großen Hörspielbox, die vom Audio-Verlag anlässlich des 100. Geburtstages von Stanislaw Lem herausgegeben wurde. Die insgesamt acht Hörspiele stammen aus den Jahren von 1973 bis 2018 und sind Produktionen des WDR, MDR, ORF, SDR (heute SWR) und des Deutschen Rundfunkarchivs.
Stanislaw Lem gehört zu den produktivsten und auflagenstärksten Schriftstellern, die Polen hervorgebracht hat. Von den über zwei Dutzend Romanen, ungezählten Erzählungen, Essays und Sachbüchern, die in 57 Sprachen übersetzt wurden, sind etliche verfilmt worden und dienten als Vorlagen für Hörspiele.
Schon als Zwölfjähriger galt Lem mit einem Intelligenzquotienten von 180 Punkten angeblich zu den klügsten Kindern in Südpolen. Er arbeitete während der Okkupation Polens durch die deutsche Wehrmacht, nach einer Mechanikerlehre und einem Medizinstudium, in der Forschung und begann Ende der 1940er Jahre literarische Abhandlungen zu schreiben. Hier ging es ihm immer um das Problem der Verantwortung des einzelnen Wissenschaftlers vor der Gesellschaft. Auf dieser Grundlage entstand 1951 sein erster Roman „Der Planet des Todes“.
Obwohl ein Großteil dessen, was Lem geschrieben hat, der Gattung Science Fiction zugeschrieben wird, konnte er mit diesem Genre-Etikett nur wenig anfangen. Seine Berufung in die ‚Science Fiction Writers of America’ 1973 wurde ihm nur drei Jahre später aufgrund kritischer Äußerungen wieder entzogen. „Ich wollte damals niemanden persönlich beleidigen, sondern lediglich den erbärmlichen Ist-Zustand beleuchten. Was ich unter dem Etikett Science Fiction vorfand, war blanke, sinnlose Phantasterei. Dass man mir daraus einen Strick drehte, hat mich ziemlich kalt gelassen.“
Er blieb ein Einzelgänger, ein Philosoph unter den Autoren seines Faches, der sich intensiver mit den existenziellen Problemen der Menschheit in Gegenwart und Zukunft beschäftigte. In fast allen seiner Bücher und Geschichten regt Lem die Fantasie seiner Leser an und versucht sie an seinen abenteuerlichen und oft spannenden Ideen teilzunehmen. Das kritische Begleiten wissenschaftlich-technischer Entwicklungen blieb eines seiner wichtigsten Anliegen.
Viktor Brauer

Stanislaw Lem
„Die Grosse Hörspielbox“
DAV
8 CDs

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Freitag 04.06.2021
Alena Schröder „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“
Die Studentin Hannah Borowski driftet seit dem Tod ihrer Mutter plan- und ziellos durch Berlin, ihr Studium und ihr Leben. Ihre Doktorarbeit hat sie nur deshalb noch nicht aufgegeben, weil sie hoffnungslos in ihren Doktorvater verliebt ist. Ihre einzige lebende Verwandte ist ihre über 90-jährige Großmutter Evelyn, die in einer Seniorenresidenz auf den Tod wartet. In ihrer Wohnung entdeckt Hannah einen Brief, der plötzlich alles verändert. Eine israelische Anwaltskanzlei informiert ihre Großmutter darüber, dass sie die Erbin des jüdischen Kunsthändler Itzig Goldmann ist. 1942 wurde er von den Nationalsozialisten ermordet, sein beachtliches Kunstvermögen konfisziert. Die Kanzlei bietet Dr. Evelyn Borowski die Abwicklung des Restitutionsverfahrens an. Doch Hannahs Großmutter will nichts mit dem „alten Kram“ zu tun haben und weigert sich, mit ihrer Enkelin über die Vergangenheit zu sprechen. Hannah, die bisher noch nie etwas von jüdischen Vorfahren gehört hat, stürzt sich in die Suche nach dem verschollenen Kunsterbe und zugleich nach den verdrängten und verschwiegenen Geheimnissen ihrer Familie. Die Spur führt zu ihrer Urgroßmutter Senta.
Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist vieles zugleich: Familiengeschichte, Krimi, historischer Roman. Schon der Titel des packenden, frisch erzählten Debütromans der Berliner Journalistin Alena Schröder lässt die wichtigsten Themenkomplexe des Buches anklingen: Er bezeichnet ein Bild von Vermeer, das wertvollste Stück der Sammlung Goldmann auf der Raubkunstliste, mit einem für den Maler typischen Sujet. Inhaltlich verweisen das Fenstermotiv und die Farbe Blau auf einen besonderen Augenblick im Leben einer Frau, einen Moment der Sehnsucht und Hoffnung.
In ihrem Buch verknüpft Alena Schröder geschickt eines der großen Verbrechen der Nationalsozialisten, den Raub der jüdischen Kunstschätze, mit den Lebensgeschichten von Frauen aus vier Generationen einer Familie. Lebendig und mit treffenden Situationsbeschreibungen entwirft sie glaubwürdige Charaktere und erzählt von Wünschen, Enttäuschungen und Ambivalenzen der verschiedenen Frauen. Dabei verarbeitet sie Aspekte ihrer eigenen Familiengeschichte. Für die Figur von Senta, Hannahs Urgroßmutter, war Alena Schröders eigene Urgroßmutter das Vorbild. Viel zu jung von einem ungeliebten Mann schwanger geworden, versucht Senta verzweifelt und vergeblich, ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle gerecht zu werden. Sie verlässt Mann und Tochter und zieht ins aufregende Berlin der 20-er Jahre. Dort heiratet sie den Sohn des jüdischen Kunsthändlers Itzig Goldmann und arbeitet als Journalistin.
Was die Nazizeit in Berlin für Senta, ihren Mann und ihre jüdischen Schwiegereltern Itzig und Helene Goldmann bedeutet, wird von Alena Schröder in beklemmenden Szenen geschildert. Der Kunsthändler und seine Frau verlieren alles: ihre Kunstschätze, ihre Existenz und schließlich ihr Leben. Senta und ihrem Mann gelingt es, nach Brasilien zu fliehen. Ihre Tochter Evelyn lässt Senta in Deutschland bei einer Tante zurück.
Eine zentrale Frage des Romans ist, wie sich Muttersein und ein selbstbestimmtes Leben miteinander vereinbaren lassen. Ein Problem, das sich auch heute noch stellt, das aber für Frauen vergangener Generationen oft kaum zu lösen war. Wie geht eine Frau damit um, wenn sie sich nicht in ihre Mutterrolle fügen kann? Wie begegnet sie den Anforderungen, die ihre Umwelt an sie stellt, und wie wird sie mit ihrer Sehnsucht nach Freiheit und mit ihren Schuldgefühlen fertig? Und was bedeutet das für ihr Kind?
Die Autorin spielt in ihrem Roman verschiedene Variationen von Mutterliebe und dem Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern durch. Sie verzichtet auf moralische Wertungen. Im Gegenteil versucht sie, die Gefühle und Entscheidungen ihrer Protagonistinnen nachvollziehbar und verstehbar zu machen.
In einem Interview sagt Alena Schröder: „Das ist schon irre, dass ich im Grunde die erste Generation bin, die auf eine Art beides haben kann. Also ich kann Kinder haben und berufstätig sein….Alle Frauen vor mir in meiner Familie mussten halt Entscheidungen treffen…,die sehr viel härter waren als alle Entscheidungen, die ich treffen muss. Das macht mich irgendwie sehr demütig. Ich bin denen auch dankbar, dass sie da so viele Kämpfe schon ausgefochten haben, von denen ich profitiere.“
„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ spannt den Bogen von den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts über die Zeit des Nationalsozialismus bis ins heutige Berlin, in dem die Studentin Hannah mit ihrem Familienerbe konfrontiert wird. Es ist ein vielschichtiges Erbe, das nicht nur aus einem verschollenen Kunstschatz besteht, sondern auch aus den Schicksalen ihrer Vorfahren, vor allem der Frauen ihrer Familie, die auch sie prägen.
Auf weitere Bücher von Alena Schröder kann man gespannt sein!
Lilly Munzinger, Gauting

Alena Schröder
„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“
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Autor: Siehe Artikel
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