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1. Lena Gorelik „Wer wir sind“
2. Wolfgang Hilbig „Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“
3. Ayelet Gundar-Goshen „Wo der Wolf lauert“
4. Helga Schubert „Vom Aufstehen“
5. Shida Bazyar „Drei Kameradinnen“
6. Tove Ditlevsen „Kopenhagen-Trilogie“
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Dienstag 26.10.2021
Lena Gorelik „Wer wir sind“
Der Schriftsteller Abdulrazak Gurnah, der dieses Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist in Tansania geboren. Er lebt und arbeitet in Großbritannien, und er nennt den Zustand, „an dem einen Ort zu leben und von einem anderen zu kommen,… eine der Geschichten unserer Zeit“.
Migrantische Literatur hat heute auch in Deutschland ihren festen Platz. Zahlreiche Autorinnen und Autoren, die in deutscher Sprache schreiben, bewegen sich zwischen unterschiedlichen Kulturen. „Wer wir sind“, der neueste Roman der jüdisch-russisch-deutschen Schriftstellerin Lena Gorelik, macht Migrationserfahrung besonders eindringlich nachvollziehbar.
Die Autorin wurde 1981 in Sankt Petersburg geboren. Als 11-Jährige emigrierte sie mit ihren Eltern, der Großmutter und ihrem älteren Bruder nach Deutschland. Heute lebt sie in München und zählt zu den vielbeachteten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. In ihrem autobiografischen Roman „Wer wir sind“ spielt das Problem der Sprache eine wichtige Rolle. Ihre Muttersprache ist russisch. Deutsch ist die Sprache, die ihr „am besten gehorcht“. Tastend, ihre Worte immer wieder reflektierend, oft auch trotzig und kraftvoll sucht Gorelik nach der angemessenen Sprache für ihre Geschichte. Sie nimmt russische Begriffe und Redewendungen in ihr Buch auf und spürt Unterschieden zwischen den beiden Sprachen nach. Im Deutschen ist es für sie schwerer, Gefühle zu beschreiben. Vieles klingt schwülstig und pathetisch, was im Russischen der Ausdruck eines echten Gefühls ist.
In „Wer wir sind“ stellt sich Lena Gorelik die Frage, was eigentlich unsere Identität ausmacht. Sie selbst ist geprägt durch ihre Herkunft aus einer russisch- jüdischen Familie und ihr Aufwachsen im sozialistischen Sowjetrussland. In detailreichen Episoden beschwört sie ambivalente Erinnerungen an ihre Kindheit herauf: an den Onkel, der verbotene Bücher las, der so viel lachte und der ins Meer gegangen ist. An das Märchentelefon bei ihren Großeltern. An die Mangelwirtschaft. An das graue Hochhaus, das für das kleine Mädchen Lena, ihr Alter Ego im Roman, Heimat und Geborgenheit bedeutet hat. Und dann der Bruch: Um dem zunehmend offenen Antisemitismus in der Sowjetunion zu entfliehen und um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, entschließen sich Lenas Eltern Anfang der 1990-er Jahre, als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland zu emigrieren.
Die Familie wird in einem schwäbischen Asylantenheim einquartiert und lebt auf engstem Raum mit anderen Flüchtlingen in einer von Stacheldraht umzäunten Holzbaracke. Lena wird von widersprüchlichen Gefühlen überschwemmt; sie schwankt zwischen Einsamkeit und Stolz, Heimweh und Selbstbehauptungswillen. Sie möchte dazugehören, in der Schule, in ihrer neuen Heimat. Das schlimmste an diesen Erfahrungen, das, was bleibt, ist die Scham. Sie schämt sich für ihre Familie, ihre Armut, ihr Anderssein, für ihre unmoderne Kleidung und ihren fremden Akzent.
Lena muss erleben, wie ihre gut ausgebildeten Eltern ihre Würde verlieren. Die Großmutter hat in der Sowjetunion einen Betrieb geleitet, aber in Deutschland ist sie nur eine sprachlose alte Frau. Die Ingenieurdiplome ihrer Eltern sind zwar ins Deutsche übersetzt, werden aber in Deutschland nicht anerkannt. Der Vater hält sich mit wechselnden, schlechtbezahlten Zeitarbeitsverträgen über Wasser, die Mutter arbeitet als Putzfrau. In Deutschland dreht sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern um: die Eltern werden zu unbeholfenen Kindern. Auf den Ämtern, beim Einkaufen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln verhalten sie sich unsicher und unterwürfig. Und je besser Lena die deutsche Sprache beherrscht, je selbstbewusster sie in dem neuen Land wird, desto mehr entfremdet sie sich ihren Eltern, die sich mit der Sprache schwertun. „Hören sie, dass viele Deutsche, wenn sie gebeten werden, etwas zu wiederholen, nicht nur langsamer und deutlicher sprechen, sondern auch lauter werden, als wäre man taub, hören sie, dass es klingt, als wäre man dumm?...Hören unsere Eltern, wie wir uns schämen?“ Aber zugleich ist da auch Lenas Scham über die Scham. Denn vor allem für ihre Kinder haben die Eltern ja all das auf sich genommen.
Schreiben ist für Lena Gorelik auch ein Akt der Befreiung, wie sie in einem Interview sagt. In „Wer wir sind“, ihrem bisher persönlichsten Roman, hat sie sich „hinausgeschrieben“ aus dem Erleben von Entwurzelung und sozialem Abstieg. Gleichzeitig versteht sie ihn als Liebeserklärung an ihre Eltern, deren Situation in der Fremde sie im Rückblick nicht mehr mit Scham, sondern voller Schmerz, einfühlsam und mit Empathie schildert. Ein wunderbar differenziertes, melancholisches Buch, zornig und zärtlich zugleich.
Lilly Munzinger, Gauting

Lena Gorelik
„Wer wir sind“
Rowohlt
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Dienstag 12.10.2021
Wolfgang Hilbig „Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“
Wolfgang Hilbig
„Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“
Briefe an DDR-Ministerien, Minister und Behörden
Herausgegeben und kommentiert von Michael Opitz
NEUE RUNDSCHAU
Jahrgang 2021 / Heft 2
S.Fischer Verlag

In einem Interview wurde Wolfgang Hilbig 2003 gefragt, ob er ein soziales Wesen sei. Darauf antwortete der Dichter: „Ich glaube nicht. Oder ich müsste eigentlich antworten, ich weiß es, dass ich keins bin.“ Wie er anschließend ausführte läge dies erstens daran, dass es innerhalb seiner Familie niemals den Versuch gegeben hätte, ihn zu einem sozialen Wesen zu erziehen. Es war eigentlich keine wirkliche Familie in der er aufgewachsen ist. „Mehr eine zusammengewürfelte Gruppe von nichtsozialen Wesen“, die sich eher durch Zufall gemeinsam in einer Wohnung aufhielten. Und zweitens wäre man als Schriftsteller vorwiegend egozentrisch. All zu viele Kontakte mit anderen Menschen würden störend auf die Konzentration wirken, die man schließlich zum Schreiben brauche.
Insofern war schreiben für Wolfgang Hilbig lebensnotwendig, seine ganz persönliche Art sozialer Kompetenz und Kommunikation. Wenn er zwei Wochen, egal aus welchem Grund, nicht in der Lage war, Gedanken und Ideen schriftlich zu formulieren und festzuhalten, verwahrlose er - innerlich wie äußerlich!
Geboren 1941 in Meuselwitz in Thüringen arbeitete Hilbig nach achtjähriger Schulzeit unter anderem als Maschinenschlosser, Horizontalbohrer, Montagehelfer, Heizer und Kesselwärter.
1964 geriet er wegen hetzerischer Briefe ins Fadenkreuz des Staatssicherheitsdienstes. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied des „Zirkel schreibender Arbeiter“ am Kulturhaus der Eisenbahner in Altenburg. Von 1965 an hat Hilbig intensiv wie erfolglos die Veröffentlichung eigener Texte in Ost- wie Westverlagen angestrebt. 1968 wurde er von der Staatssicherheit endgültig als „feindlich-negativer Nachwuchsschriftsteller“ eingestuft, observiert und jedes Veröffentlichen von Texten damit auch für die Zukunft erschwert.
Wie kann jemand, für den das Schreiben von Lyrik und Prosa existenziell ist und der vom Geheimdienst eines Landes durchgängig überwacht wird, von seiner Kunst überleben? Welche Möglichkeiten gibt es für ihn, innerlich frei und äußerlich unzensiert diesem wesentlichen Bedürfnis nachzugehen?
So schrieb er über Jahre sozusagen im Monolog mit sich selbst, allein für die Schreibtischschublade. Bis der spätere Büchnerpreisträger 1977 ein Angebot des S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main erhielt, einen Gedichtband zu veröffentlichen. Was dann begann, war eine mehrjährige intensive, überwiegend schriftliche Auseinandersetzung mit dem (Osterliner) Büro für Urheberrechte, ostdeutschen Verlagen, Funktionären und Behörden der DDR, bei Einbeziehung der Staatssicherheit, an dessen Ende neben einer komplizierten und behandlungsbedürftigen psychischen Belastungssituation ein mehrjähriges Visum für die Ein- und Ausreisereise in die Bundesrepublik Deutschland stand.
„Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“ ist eine zusammenfassende und dokumentierte Auswahl dieser Schreiben, die Hilbig an offizielle Stellen der DDR verfasste und von diesen zugestellt bekam. Zusammengetragen hat diese Dokumente der Herausgeber Michael Opitz aus dem Bundesarchiv, dem Wolfgang-Hilbig-Archiv der Akademie der Künste, dem Marbacher Literaturarchiv und aus den Stasiunterlagen Hilbigs. Es ist ein Kampf des Einzelnen als eine Art „Störenfried“ gegenüber einem „Mikrokosmos absurder Machtverhältnisse“, wie ihn Franz Kafka in seinem Roman „Das Schloss“ thematisiert.
Als Wolfgang Hilbig am 2. Juni 2007 einem Krebsleiden erliegt, hielten manche ihn als „vermutlich letzten großen deutschen Dichter im ursprünglichen Schillerschen Sinne“.
In oben erwähntem Interview wurde der Dichter Hilbig von Günter Gaus zudem gefragt: „Was ist der größte Luxus, den sie sich leisten?“ Hilbig: „Oh – also ich halte Luxus für störend. Ich halte mir keinen Luxus. Ich bin nicht im Besitz eines Autos, nicht einmal eines Fahrrades. Der größte Luxus den ich mir erlaube nicht mit der U- und der S-Bahn zum Ostbahnhof zu fahren – sondern mit dem Taxi.
Jörg Konrad

Literarische Preise und Auszeichnungen Wolfgang Hilbigs

1983 Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau (erstmals verliehen)
1985 Kunstpreis Berlin (Förderungspreis Literatur der Berliner Akademie der Künste)
1987 Kranichsteiner Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds Darmstadt
1989 Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt
1992 Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung
1993 Brandenburgischer Literaturpreis
1994 Bremer Literaturpreis
1996 Literaturpreis der Deutschen Schillerstiftung von 1859, Weimar (erstmals verliehen)
1997 Lessing-Preis des Freistaates Sachsen
1997 Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste
1999 Hans-Erich-Nossack-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft
2002 Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik
2002 Walter-Bauer-Preis der Städte Merseburg und Leuna
2002 Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt
2003 Ehrenmedaille der Stadt Meuselwitz (erstmals verliehen; nicht entgegengenommen, 2007 der Mutter Marianne Hilbig überreicht)
2007 Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg (Brandenburgischer Literaturpreis Umwelt)
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Freitag 17.09.2021
Ayelet Gundar-Goshen „Wo der Wolf lauert“
Sie wollten ihrem Sohn Adam ein Leben fernab von Krieg und Terror ermöglichen. Deshalb sind Lilach und Michael Schuster aus Israel in die USA emigriert. Michael hat im Silicon Valley einen hochdotierten Job in der Rüstungsindustrie angenommen. Sie leben in Palo Alto, einer der ruhigsten und sichersten Städte Amerikas. Aber sie entkommen der Gewalt nicht. „Vielleicht hatten wir gemeint, Adam vor dem israelischen Irrsinn zu bewahren, ihn tatsächlich aber einem anderen Irrsinn ausgesetzt“, sagt Lilach einmal.
In ihrem hochspannenden Roman „Wo der Wolf lauert“ beschreibt die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, wie soziale- und Rassenkonflikte in die scheinbar friedliche Welt einer gutsituierten jüdisch-amerikanischen Familie einbrechen.
Adam ist 16 Jahre alt, als zwei Ereignisse die Stadt, die jüdische Gemeinde und die Familie Schuster erschüttern. Ein Attentäter dringt in die Synagoge ein. Vier Frauen werden verletzt, ein junges Mädchen wird erstochen. Einige Zeit später bricht auf einer Party Jamal, ein schwarzer Mitschüler von Adam, tot zusammen. Er ist an einer Überdosis Meth gestorben. Da Adam in der Garage seiner Eltern ein „Labor für junge Chemiker“ eingerichtet hat, gerät er ins Visier der Polizei und wird verdächtigt, die Droge Jamal in den Drink gemischt zu haben.
Die Ereignisse werden aus der Ich- Perspektive von Lilach, Adams Mutter, geschildert. Die Autorin Ayelet Gundar-Goschen ist ausgebildete Psychologin. Mit beklemmender Intensität und psychologischer Tiefenschärfe schildert sie Lilachs zunehmende Zweifel an der Unschuld ihres Sohnes; man wird beim Lesen mitgerissen in den Strudel aus Sorge und Angst. Verzweifelt versucht Lilach, Zugang zu ihrem Sohn zu finden, die Fremdheit zu überwinden, doch Adam, ein verschlossener, einsamer Junge, weigert sich, mit seinen Eltern zu sprechen. „…die größte Unbekannte im Leben der Menschen sind ihre Kinder“ heißt es einmal.
Auf eigene Faust spürt Lilach den Hintergründen von Jamals Tod nach, und die Verdachtsmomente verdichten sich. Lilach besucht die alleinerziehende Mutter des toten Jungen, die mit ihren Kindern in einem Problemviertel Palo Altos lebt und als Zimmermädchen in einem Hotel arbeitet, und sie findet heraus, dass Jamal Mitglied einer antisemitischen Gruppierung schwarzer Jugendlicher mit dem Namen „Nation of Islam“ war. Adam hatte allen Grund, ihn zu hassen, denn er wurde von Jamal gemobbt und drangsaliert.
Doch die Autorin vermeidet in ihrem Roman einseitige Schuldzuschreibungen. Sie macht dagegen nachvollziehbar, wie die Gewaltspirale funktioniert. Jamal hat sich als Angehöriger der unterprivilegierten schwarzen Bevölkerung einer radikalen Organisation angeschlossen, die ihre eigene Identität stärken und sich gegen Demütigungen und Verletzungen wehren will.
Nach dem Attentat auf die Synagoge ist auf jüdischer Seite eine Gruppe entstanden, die ganz ähnliche Ziele verfolgt. Uri, eine ehemaliger Elitesoldat der israelischen Armee, bietet einen Selbstverteidigungskurs an, in dem er jüdische Jugendliche in Nahkampf, Angriff und Navigation im Gelände ausbildet. Adam wird von seinen Eltern gedrängt, an dem Kurs teilzunehmen, vor allem, damit er mit Gleichaltrigen Kontakt hat und seine Isolation überwindet. Und nach kurzer Zeit schon gehört er ganz begeistert zu einem Dutzend Jungen, die sich jeden Sonntag treffen und ihren Leiter wie einen Guru verehren. Denn Uri ist ein Seelenfänger. Sein Motto lautet: „Will dich einer töten, töte ihn zuerst.“ Hier kommen Lilach Zweifel: „Was, wenn ein Junge das missversteht?“ fragt sie eine Freundin, deren Sohn auch von Uri ausgebildet wird. „Lilach, du musst doch zugeben: Bei allem, was hier jetzt passiert, lässt dieser Kurs dich als Mutter ruhiger schlafen. Das ist eine Art Krieg da draußen“ ist die Antwort der Freundin. Doch was, wenn Adam das missverstanden und Jamal getötet hat? Wenn er nicht mehr Opfer sein wollte?
Ayelet Gundar-Goshen erzählt in ihrem packenden Buch eine ebenso berührende wie dramatische Mutter-Sohn-Geschichte und zeichnet zugleich ein differenziertes, hochaktuelles Bild einer Gesellschaft, die von Hass und Rassismus zerrissen ist.
Lilly Munzinger, Gauting

Ayelet Gundar-Goshen
„Wo der Wolf lauert“
Kein & Aber
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Freitag 20.08.2021
Helga Schubert „Vom Aufstehen“
Warmer Streuselkuchen, Sommerferien, Hängematte im Garten der Großmutter – Koordinaten, die im vorliegenden Fall als Fundament des Lebens taugen. Sehnsuchtsorte, die Erschütterungen abfedern werden, die kommende Schicksalsschläge erträglicher machen, die als eine Art mentale Medizin letztendlich heilen. Wenn auch vernarbend. Immer dann, wenn das eigene Sein aus den Fugen zu geraten scheint, sind es diese wärmenden Erinnerungen, die vieles, auch grenzwertiges, ertragen lassen.
Helga Schubert ist Schriftstellerin und sie ist Psychoanalytikerin. Und insofern ist auch rückwärts gerichtetes Schreiben bei ihr immer Teil der Therapie. Selbst dann, wenn Krankheit nicht im Vordergrund steht. Es geht wenig um die Vergangenheit allein, aber die Vergangenheit ist in diesem Fall der Hort, der hilft, die Gegenwart, wenn schon nicht zu verstehen, dann wenigstens sie mit möglichst wenig Verlust zu ertragen. Und so gelingt es, das immer währende Aufstehen, von dem diese Geschichten unmittelbar handeln.
Im vergangenen Jahr wurde Helga Schubert für „Vom Aufstehen“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Da war sie schon 80jährig. 1980 durfte sie, damals in Ostberlin lebend, an diesem Wettbewerb nicht teilnehmen. Sie war für die Diktaturprominenz kein verlässlicher Reisekader.
Ihr Leben verlief nicht gradlinig, war stattdessen vollgepackt mit Brüchen und unerfüllten Hoffnungen, mit politischen Herausforderungen und Zurücksetzungen, mit Fluchtpunkten und tiefgreifenden Enttäuschungen. Sie erzählt dies in einer einfachen, natürlichen, nicht lamoryanten Sprache. Es sind Skizzen, Impressionen, Traumata, mal metaphorisch verpackt, mal sich streng am vermeintlichen Ablauf hangelnd. Ohne Zorn, ohne Wut. Privates kreuzt Gesellschaftliches, der Tod des Vaters als Soldat das verletzende und demütigende Verhalten der Mutter, die Kriegs-und Flüchtlingskindheit der Ich-Erzählerin und der Suicid des Nachbarn. So entstehen ebenso reale wie abstrakte Bilder, in dem das Wesentliche leicht entstellt, milchig verschwommen den Horizont belebt. Dabei geht es um Liebe, um vorenthaltene Liebe, unerfüllte Liebe, erfahrene Liebe - letztlich um individuelle Heimat.
Helga Schubert nimmt bescheiden manchen Schrecken ihres Lebens an, auch die Enttäuschungen im nächsten Umfeld, die Tragik der Zeit, weil sie weiß, dass sie die Menschen und damit die Welt nicht ändern kann. Sie kann nur ihre eigene Stellung zementieren, ihren Platz in deren Ablauf suchend finden und festhalten.
Im Schreiben schafft sie geschickt eine Distanz zu sich selbst, wechselt die Perspektiven und Zeiten, findet Umwege, die sie überzeugender als mancher direkte Weg ans Ziel bringen. Das ist weit mehr als bloße Autobiographie, als geschriebenes Zeitdokument. Das ist große Literatur.
Jörg Konrad

Helga Schubert
„Vom Aufstehen“
dtv
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Montag 26.07.2021
Shida Bazyar „Drei Kameradinnen“
Dieser Roman hat Wucht, dieser Roman lebt von seiner provozierenden Energie, er ist engagiert und er zeigt Haltung. Er macht aber zugleich auch auf resignierende Weise deutlich, wo wir gesellschaftlich stehen, sozusagen als desillusionierender gesellschaftlicher Spiegel. Aber nicht als das Ergebnis einer wissenschaftlichen Sozialstudie, sondern aufgrund seiner fiktiven Realität, der Grundlage seines berechtigten Zorns. Shida Bazyar schreibt in ihrem zweiten Roman über das Emigrantensein in Deutschland. Hier hat keine Streetworkerin das Sagen, oder eine studierte Sozialpädagogin. Somit bietet „Drei Kameradinnen“ auch keine befriedigenden Lösungsmodellen frei Haus. Die aus Deutschland stammende Autorin mit iranischen Wurzeln erzählt uns von einer Parallelgesellschaft, die eine ist, weil sie eine Parallelgesellschaft sein soll. Denn sie ist ganz simpel das Ergebnis des gefühlten Anderssein und der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung.
Es ist die Geschichte dreier Freundinnen, die am ausgefransten Rand einer Großstadt, in einem Viertel wohnen, das man unreflektiert einen sozialen Brennpunkt nennen könnte. Um welche Stadt es sich genau handelt? Egal – es gibt viele dieser Viertel, um nicht zu sagen ungezählte solcher ausgrenzender und ausgegrenzten Vorstädte. Die drei Freundinnen kommen nach Jahren zusammen, da eine von ihnen, Hani, heiratet. Eine andere von ihnen, Saya, steht aufgrund eines Brandanschlags auf ein Haus mit Rechtsradikalen kurz davor ins Gefängnis zu kommen. Und die Erzählerin, Kasih, treibt mit ihrer den Leser direkt ansprechenden Stimme die Handlung voran. Die drei sind in ihrem Einverständnis, in ihrem Erleben, in ihren Überzeugungen weit mehr als Freundinnen. Sie sind Kampfgefährtinnen, Verbündete, bei aller charakterlichen Verschiedenartigkeit, eine Gruppe von Gleichgesinnten, die sich in feindlichem Gebiet durchschlägt, um stolz zu überleben. Drei Kameradinnen eben, die Solidarität leben und einfordern.
Hier wird auf nachvollziehbare Weise erzählt, wie sich der Boden unter den Füßen von Saya, Hani und Kisah, stellvertretend für ungezählte Menschen mit Migrationshintergrund, erst bewegt und dann unter dem NSU-Prozess, unter Sexismus, Alltagsrassismus, Alkohol und unbehandelten Traumen bröckelnd einbricht.
In einem schroffen, giftigen Ton beschreibt Shida Bazyar diese Welt, in der die drei Heldinnen leben. Da wird der Leser schon einmal ordentlich angeraunzt, herausgefordert, weil dies das einzige Kampfgerät ist, was den Frauen bleibt. Shida Bazyar schickaniert mit Worten, ist frivol und respektlos und erinnert in ihrer Schonungslosigkeit und Intelligenz entfernt an Sybille Bergs derbe, aber poetische Prosa.
So ist „Drei Kameradinnen“ kein rethorischer Exkurs durch die kunterbunte, exotisch angehauchte Lianenwelt der Soziologie. Es ist knallharte Realität, mit der Beschreibung, wie Hartz IV, Jobcenter, Mietwucher, Migrationshintergrund oder zugelassener Rechtsextremismus auf Betroffene wirkt, was er mit Menschen macht, die anders aussehen, die von der Allgemeinheit abweichende Lebensmodelle verwirklichen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen und so Opfer eines alltäglich um sich greifenden Rassismus werden.
Jörg Konrad


Shida Bazyar

„Drei Kameradinnen“
Kiepenheuer & Witsch
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Dienstag 29.06.2021
Tove Ditlevsen „Kopenhagen-Trilogie“
Autofiktionales Erzählen boomt. Vor allem autobiographische Texte von Frauen haben Konjunktur, wohl nicht zuletzt deshalb, weil literarische Selbsterforschung ein befreiender Prozess sein kann: ein Akt der Selbstvergewisserung, der Emanzipation.
Es ist kein Zufall, dass das Interesse an einer Autorin gerade jetzt wieder erwacht, die als Vorläuferin von Schriftstellerinnen wie Annie Ernaux, Siri Hustvedt oder Rachel Cusk gelten kann. In ihrer Heimat ist Tove Ditlevsen schon längst berühmt, aber außerhalb Dänemarks war sie bisher nur wenig bekannt. Doch nun werden ihre Bücher in 16 Sprachen übersetzt, und man kann ihre „Kopenhagen-Trilogie“ zum ersten Mal vollständig auch auf Deutsch lesen – eine großartige Entdeckung!
Tove Ditlevsen wurde 1917 in Kopenhagen geboren, und hier ist sie auch gestorben. Im Jahr 1976 beging sie Selbstmord.
Detailversessene Nabelschau, wie sie z.B. Karl Ove Knausgard in seinem umfangreichen autobiographischen Werk betreibt, ist ihre Sache nicht. Die Autorin konzentriert sich auf das Wesentliche. In drei schmalen Bänden mit den Titeln „Kindheit“, “Jugend“, „Abhängigkeit“ schildert sie ihr Leben; lakonisch und oft mit trockenem Humor. Ihre Erinnerungen hat sie aus der Rückschau in den 1960er Jahren aufgezeichnet. Sie sind von großer Nähe und Unmittelbarkeit.
Tove Ditlevsens Sprache ist klar und prägnant, und sie findet ausdrucksstarke Bilder. So schreibt sie über ihre Kindheit im proletarischen Stadtteil Vesterbro, die von Armut und menschlicher Härte geprägt ist: „Dunkel ist die Kindheit, und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat.“ Vergeblich sehnt Tove sich nach Zeichen der Liebe ihrer Mutter. Häufig wird sie von ihr geschlagen, willkürlich und grundlos. Der Vater ist Heizer und immer wieder arbeitslos, ein Schicksal, das er mit vielen Männern seiner Klasse teilt, und das als Schande empfunden wird. „Halbhunger“, ist Toves ständiger Begleiter. Auch unter Gleichaltrigen fühlt sie sich fremd. Während sie mit ihrer Freundin Ruth kleine Raubzüge in benachbarte Geschäfte unternimmt oder bei den Mülltonnen im Hinterhof dem Getuschel der anderen Mädchen über erste sexuelle Erfahrungen zuhört, träumt sie von einem anderen Leben. „In meinem Inneren krochen lange, merkwürdige Wörter hervor und legten sich wie eine Schutzhülle über meine Seele. Ein Lied, ein Gedicht, etwas Linderndes, Rhythmisches und unendlich Melancholisches…“
Tove will Dichterin werden. Obwohl ihre Umgebung mit völligem Unverständnis reagiert - „Bild dir bloß nichts ein. Ein Mädchen kann nicht Dichter werden“, sagt ihr Vater, - verfolgt sie diesen Lebenstraum mit großer Beharrlichkeit. Es gelingt ihr, sich aus dem engen Käfig ihrer sozialen Herkunft und der gesellschaftlichen Konventionen zu befreien und zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Dänemarks zu werden; in der damaligen Zeit für eine Frau aus dem Arbeitermilieu ein sensationeller Aufstieg.
Mit 18 Jahren heiratet Tove Ditlevsen den um 30 Jahre älteren Journalisten Viggo F Möller. Er eröffnet ihr eine neue Welt. Durch ihn findet sie Zugang zur Literatur- und Bohème-Szene Kopenhagens, sie wird Mitglied im „Club der jungen Künstler“, und Möller kümmert sich um die Veröffentlichung ihrer ersten Gedichtsammlung „Mädchenseele“, mit der sie schnell bekannt wird. Zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und Romane folgen, und immer verwendet sie ihr eigenes Leben als Material für ihre Texte.
Toves erste Ehe hält nicht lange. Ihr Mann hat ihr geholfen, sich aus dem „Sarg“ ihrer Kindheit zu befreien, wie sie es ausdrückt, doch bald wird Tove seiner überdrüssig. Auch ihre zweite Ehe mit einem Studenten scheitert. Ihrem größer werdenden literarischen Ruhm, der auch der schockierenden Offenheit ihrer Bücher geschuldet ist, steht ein zunehmender seelischer und körperlicher Verfall gegenüber. Im dritten Band ihrer Trilogie mit dem Titel „Abhängigkeit“ erzählt sie davon, schonungslos und ohne jedes Selbstmitleid.
Es geht um Abhängigkeit von Männern und von Drogen. Bei einer illegalen Abtreibung gerät sie an den Medizinstudenten Carl. Er spritzt ihr ein Opiat, von dem sie sofort süchtig wird. Sie heiratet ihn, um leichter an die Droge zu kommen, und erlebt mit ihm, einem sadistischen Psychopathen, die Hölle. Eine vierte Ehe mit einem Redakteur bringt zunächst etwas mehr Ruhe in ihr Leben, von ihrer Sucht aber kommt sie nie mehr ganz los. Gesunde Phasen, in denen sie wieder schreiben kann, werden durch Rauschmittelexzesse und Entziehungskuren durchbrochen.
Mit 59 Jahren gibt Tove Ditlevsen den Kampf auf und nimmt sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Zu dem Trauerzug durch Kopenhagen kommen Tausende, vor allem Frauen, um sie auf dem letzten Weg zu begleiten. Die dänische Zeitung „Politiken“ schreibt einen Tag später: „Es waren ihre Leserinnen. Sie kannten ihre Sorgen, ihren Schmerz, ihr Leben. Denn es waren – in vielen Fällen – auch ihre eigenen Sorgen und ihr Schmerz, die Tove Ditlevsen beschrieb. Ihr Frauenleben.“
Lilly Munzinger, Gauting

Tove Ditlevsen
„Kopenhagen-Trilogie“
Aufbau Verlag
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