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7. DEAR FUTURE CHILDREN
8. TAGEBUCH EINER BIENE
9. LE PRINCE
10. HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT
11. PAOLO CONTE – VIA CON ME
12. FANTASTISCHE PILZE
Mittwoch 20.10.2021
DEAR FUTURE CHILDREN
Ab 14. Oktober 2021 im Kino
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Drei Länder, drei Konflikte, drei Frauen und ein ziemlich ähnliches Schicksal: Tränengas und Gummigeschosse, Wasserwerfer und tödliche Dürre, Regierungen, die nicht zuhören wollen und eine junge Generation, die zurecht wütend ist. Doch sie haben nicht vor aufzugeben: weder Hilda, die in Uganda für die Zukunft unserer Umwelt kämpft, noch Rayen oder Pepper, die in Santiago de Chile und Hongkong für mehr soziale Gerechtigkeit und Demokratie auf die Straßen gehen. Sie kämpfen weiter. Für ihre und unsere zukünftigen Kinder.

Ein Film von Franz Böhm
Kamera: Friedemann Leis
MIT DEN PROTAGONISTINNEN: Rayen (Chile), Pepper (Hongkong) und Hilda Flavia Nakabuye (Uganda)


Rauch auf den Straßen der chilenischen Hauptstadt Santiago, die Gesichter junger Menschen verdeckt von Gasmasken. Ein schier anarchistisch anmutender Protestaufzug für soziale Gerechtigkeit, opponiert von massiver Polizeigewalt.
Es folgt Uganda, wo Unmengen an Plastikmüll in den Gewässern treiben. Ein Protestzug junger Menschen in natur-grünen Oberteilen lässt ihre emotional geladenen Stimmen für den Klimaschutz durch die Stadt hallen.
Anschließend leiten schrill dröhnende Polizeisirenen in eine Hongkonger Nacht über. Inmitten der von Neonlicht erleuchteten Gassen eilen Reporter*innen in reflektierenden Westen den brutalen Geschehnissen hinterher. Junge Aktivist*innen und schwer bewaffnete Polizist*innen prallen
aufeinander.
Vereint sind diese Geschehen im Aufruhr der jungen Bevölkerung mit dem Willen, die Gegenwart zu verändern und eine lebenswerte Zukunft zu schaffen. DEAR FUTURE CHILDREN widmet sich einer Betrachtung dieser Jugendbewegungen und erzählt die Geschichten dreier junger Aktivistinnen aus Chile, Uganda und Hongkong in einer durchgehenden Parallelmontage. Mit den Geschichten dieser Bewegungen reflektiert die Dokumentation in intensiver Betrachtung den rebellischen Puls der Zeit, in welcher sich engagierte und ideenreiche junge Menschen dazu entschließen die Welt zu verändern. All dies inmitten eines Zeitalters, welches es ermöglicht, millionenstarke Bewegungen innerhalb weniger Wochen zu etablieren.
DEAR FUTURE CHILDREN bietet höchst persönliche Eindrücke in das alltägliche Leben der drei Protagonistinnen und begleitet sie bei starken sowie schwierigen Momenten: in den Minuten vor einer großen Rede genauso wie auf der gefährlichen Frontline. Dabei werden die tatsächlichen Hürden offenbar, Veränderung zu schaffen, selbst wenn Millionen Menschen aufbegehren und eine gesamte Generation sich den Gegnern ihrer Zukunft entgegenstellt.
Gleichzeitig etabliert sich der Aktivismus auch als unscheinbarer Antagonist im Film. Das nötige Engagement für den Protest fordert seine Opfer, wenn der Rückzug nach einer Niederlage zur schieren Unmöglichkeit wird. Der Film reflektiert diese Wucht wie ein zweischneidiges Schwert: Die Entscheidung zur Teilnahme an Protesten bringt Hassbotschaften, enorme Risiken und eine unberechenbare öffentliche Präsenz in die Leben der jungen Protagonistinnen. Nicht selten folgen darauf ungeahnte Ängste und Selbstzweifel und damit die Suche nach Rat und Rückhalt.
Zum Wohle ihrer eigenen Zukunft, sind die Akteur*innen der Protestbewegungen jedoch zum Handeln gezwungen.
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Donnerstag 14.10.2021
TAGEBUCH EINER BIENE
Ab 07. Oktober 2021 im Kino
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Die Bedeutung von Bienen als Bestäuber für Biodiversität und Ernährungssicherheit ist elementar für die Menschheit. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 20. Mai als Weltbienentag ausgerufen und unterstreicht damit die Erkenntnis über den Rückgang der weltweiten Bienenpopulation und den dringenden Schutz der Bienen.
TAGEBUCH EINER BIENE ist die erste Kinoproduktion des preisgekrönten Produzenten und Regisseurs Dennis Wells - und sein zweiter Film über Bienen. Dennis Wells studierte ursprünglich Soziologie in Deutschland, Australien und Kanada und begann dann seine journalistische Karriere beim Radio und später als Dokumentarfilmer. Seine Themenschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissenschaft und Naturfilm.
TAGEBUCH EINER BIENE ist eine deutsch-kanadische Koproduktion von taglicht media, mit Bernd Wilting als Produzenten, und Handful of Films mit Beteiligung der ARD, CBC und Blue Ant Media. Der Film wurde von der Film- und Medienstiftung NRW und dem DFFF gefördert. Der Verleih des Films wird vom BKM unterstützt.

Ein Film von Dennis Wells

Wir halten das Leben eines Insekts für kurz und unbedeutend. Was kann man schon in einem 6-wöchigen Insektenleben erleben? Und sind Bienenvölker nicht der Inbegriff des ‚Kollektivs’ – tausende tumbe Arbeitsbienen im Dienste einer Königin?
Bienenvölker sind jedoch nicht so homogen, wie wir glauben, sondern voller unterschiedlicher Individuen mit sehr verschiedenen Aufgaben, Fähigkeiten und sogar Vorlieben. Auch unter Bienen gibt es mutige, feige und – ja – faule Exemplare. Und jede einzelne Biene stellt sich den Herausforderungen ihres Lebens – Blumen finden, Hornissen bekämpfen und den geeigneten Ort zum Nestbau finden. Dabei zeigen sie außerordentliche Intelligenz und soziale Fähigkeiten: Bienen helfen sich gegenseitig bei Gefahren und fliegen am liebsten in den gleichen Teams hinaus in die Welt. Aber wehe sie werden vom Regen überrascht – ein einziger Regentropfen könnte tödlich sein...
In TAGEBUCH EINER BIENE folgen wir der abenteuerlichen Reise einer einzigen Biene von ihrer Geburt (bzw. dem Schlupf) bis hin zur Gründung eines neuen Bienenvolks. Drei Jahre Dreharbeiten mit der neuesten Makrokameratechnik und eine spezielle Nachbearbeitung ermöglichen eine einmalige Bildsprache, die ganz neue Einblicke in die Welt der Bienen erlaubt – ohne dabei unwissenschaftlich zu werden. Erzählt wird diese Geschichte von Anna Thalbach als „Winterbiene“ und ihrer Tochter Nellie, die den Part der „Sommerbiene“ übernimmt. Willkommen im großen Drama der kleinen Blütenstaubsammler!



INTERVIEW MIT AUTOR UND REGISSEUR DENNIS WELLS

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Film?
Menschen sind seit Jahrhunderten von Bienen beeindruckt. Ihre Fähigkeiten sind einfach etwas Besonderes. Sie fliegen von Blüte zu Blüte und am Ende entsteht irgendwie Honig - unglaublich. Zu Tausenden arbeiten sie zusammen in diesem engen Stock, den sie auch noch selbst erbauen – auch das Bienenwachs ist ja eine faszinierende Substanz. Und er riecht auch noch so gut! Sie bestäuben unsere Ernten und viele andere Pflanzen! Und nicht zuletzt ist da ihr schmerzhafter Stachel, der das Opfer verletzt, aber die Biene tötet. Alles zusammen sehr rätselhaft und faszinierend – nicht umsonst gibt es so viele Bücher und Filme über dieses Tier.
2016 arbeitete ich an einer Dokumentation über Wildbienen und drehte mit einem Bienenwissenschaftler in Puerto Rico – Prof. Tugrul Giray. Er bemerkte ganz beiläufig, dass Bienen ja auch träumen, wenn sie schlafen. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass Bienen schlafen (und manchmal anscheinend sogar schnarchen), geschweige denn, dass sie träumen. Ich fragte ihn, woher er das wisse. Er erklärte, dass Bienen, wenn sie schlafen, anscheinend ihre Fühler auf eine sehr ungewöhnliche und spezifische Weise bewegen – es gibt nur einen anderen Zustand, in dem sie die Fühler so bewegen: im Flug. Er nahm deshalb an, dass Bienen träumen – so wie Hunde, wenn sie im Schlaf Laufbewegungen machen und jaulen. Wovon sie träumen, weiß natürlich niemand. Bienen haben ungefähr 960.000 Neuronen: ein komplexes Gehirn für ein Insekt, aber nur einen Bruchteil dessen, was Säugetiere haben. Anscheinend ermöglicht es diese Menge an grauer Masse zu träumen. Sie ermöglicht es Ihnen auch, Berechnungen und Entscheidungen zu treffen, die wir für Insektengehirne lange für unmöglich hielten. Honigbienen zählen nicht nur, sie verstehen auch das Konzept der „Null“. Außerdem zeigt die neuste Forschung, dass sie aus Beobachtung lernen und
untereinander Bindungen eingehen – Es wurde klar, dass ihre Leistungen so beeindruckend sind und ihr Leben aufregend genug, um einen Film daraus zu machen, wenn man nur genau genug hinschaut.

Was ist Ihnen wichtig an diesem Film?
Je mehr ich recherchierte, desto mehr wurde mir klar, dass es sich lohnen würde, einen Film zu machen, der nicht nur diese Leistung der Bienen erzählt, sondern auch ihrer inneren Welt versucht gerecht zu werden. Ich wollte versuchen, die Welt durch ihre Augen zu sehen. Allerdings nicht wörtlich - die Facettenaugen der Bienen mit denen sie auch Infrarot und polarisiertes Licht sehen können, wären dann doch zu seltsam, um damit die Welt zu betrachten. Aber ich wollte Honigbienen nicht einfach nur als faszinierendes Kollektiv betrachten, sondern ein Individuum in den Mittelunkt stellen. Eine solche Rolle gestehen wir normalerweise nur den sogenannten ‚höheren Säugetieren‘ zu – wenn überhaupt, aber vielleicht liegen wir damit falsch. Die Wissenschaft zeigt immer mehr, dass Emotionen und viele andere Dinge, die wir allein bei uns Menschen für möglich hielten, andere Tiere auch zeigen. Raben haben z.B. einen Sinn für Gerechtigkeit, Oktopusse schließen Freundschaften, es gibt noch viele weitere Beispiele. Als ich zweifelte, ob wir bei Bienen von Emotionen sprechen könnten, sagte Prof. Tugrul, wir wissen, dass sie aggressiv sein können. Warum glauben wir, dass dies die einzige Emotion ist, die die Bienen zu Verfügung haben?
Diese Botschaft ist mir wichtig – dass auch die mutmaßlich ‚einfachsten‘ Lebewesen – wie Insekten – womöglich ein viel komplexeres Innenleben haben, als wir für möglich halten. Vielleicht betrachtet man die Welt dann mit etwas anderen Augen.

Wie lief die Produktion ab?
Am Anfang standen ausgiebige Recherchen und das Verfassen des Drehbuchs. Wir haben erstmal ohne Rücksicht auf die Umsetzbarkeit ein Drehbuch geschrieben, das sich aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen – so wie wir sie interpretieren – ergab. Zusammen mit Bienenforschern haben wir eine plausible und wissenschaftlich fundierte Bienenbiographie erstellt. Das Leben einer Biene, mit vielen ‚typischen‘ Stationen eines Bienenlebens und manchen etwas ‚selteneren‘ Situationen. Aber der Film enthält nichts, was nicht so passiert ist oder so passieren könnte. Dann stellten wir mit taglichtmedia die Finanzierung zusammen. Glücklicherweise war das gar nicht so schwierig. Der WDR kam früh an Bord, die Film- und Medienstiftung NRW hat das Projekt gefördert, der kanadische öffentlich-rechtliche Sender CBC kam an Bord und der Streamingdienst Love Nature. Von da an besaßen wir schon viele Bienenstöcke und drehten, was das Zeug hielt: Schlupf, Honigproduktion, den Schlupf einer Königin, das Schwärmen eines
Bienenvolks und vieles, vieles mehr. Die ganze Zeit wurden wir von Imkern und Bienenwissenschaftlern beraten, um die Chancen zu erhöhen, ein bestimmtes Verhalten auch drehen zu können. Nach zwei Jahren Drehzeitraum folgte dann ein Jahr Postproduktion. Aus unzähligen Stunden von Drehmaterial mussten zum Teil winzige Momente herausgesucht werden, die ein bestimmtes Verhalten zeigen. Wir haben immer versucht, nicht nur den Ablauf der Ereignisse korrekt wiederzugeben, sondern auch nah an unserer Hauptfigur – der einen Biene – zu bleiben. Der Schnittzeitraum war dadurch im Vergleich zu anderen Produktionen um eine vielfaches länger. Gegen Ende kam dann die Musik dazu – eingespielt von einem Orchester – etwas, das im Doku-Bereich sehr selten ist und nur dank der kanadischen Ko-Finanzierung möglich war.
Aber es gab dem Film einen gewissen Glanz, über den ich sehr froh bin. Als letzter Schritt kam dann die Sprachaufnahme mit Anna und Nellie Thalbach – wir haben viel darüber gesprochen, wie wir die Figuren anlegen. Und es war toll zu sehen, welche zusätzliche Ebene solche Schauspieler dem Film dann nochmal geben können.

Was waren die größten Herausforderungen bei diesem Projekt?
Erstens die Dreharbeiten: Brian McClatchy ist ein hervorragender Kameramann mit einem enormen Fachwissen (insbesondere für Makrofotografie), biologischem Wissen und einer wunderbaren Kreativität. Am Ende hatte er 16 Bienenstöcke zu Hause und seine Scheune wurde praktisch von uns zu einem Studio umgebaut. Manchmal mussten wir für nur eine Aufnahme ein ganzes Set bauen, das uns erlaubt, ein gewisses Verhalten aus einer bestimmten Perspektive zu filmen – zum Beispiel die Landung der Sammelbienen vor dem Eingang des Bienenstocks, gefilmt aus der Sicht der Bienen, die noch im Stock sind.
Brian baute auch eine Konstruktion, die uns erlaubte, die Kamera mit einer Fernbedienung zu steuern, denn bei Makroaufnahmen überträgt sich sogar der Pulsschlag des Kameramanns auf die Kamera, wenn er sie anfasst, verwackelt die Aufnahme. Wir verwendeten auch ein spezielles Makroobjektiv, das eher für die Forschung als für das Filmemachen entwickelt wurde und vieles mehr. Eine unserer größten Herausforderungen war das Filmen auf ‚Augenhöhe‘ mit den Bienen. Filmemacher meiden diese Perspektive normalerweise, denn wenn Sie eine Wabe aus der Perspektive einer Biene betrachten, sehen Sie nicht viel – nur unzählige Bienen. Trotzdem haben wir uns bemüht, die Perspektive der Biene einzunehmen, wann immer wir konnten. Außerdem passiert bei Insekten alles viel schneller als bei uns. Aus diesem Grund haben wir fast immer in Zeitlupe gedreht (100 – 2000 Bilder pro Sekunde) und so alles auf die Hälfte oder sogar ein Zehntel der tatsächlichen Geschwindigkeit verlangsamt. Auf diese Weise konnten wir beobachten, wie Bienen sich am Eingang des Bienenstocks ‚begrüßen‘ und wie sie ihre Köpfe bewegen, um ihre Umgebung zu beobachten. Dieses Verhalten ist normalerweise für das bloße Auge zu schnell und daher unsichtbar. Nach zwei Jahren des Filmens und Forschens bemerkten wir Kleinigkeiten bei den Bienen, die uns zu Beginn des Projektes entgangen waren. Wir konnten die Stimmung des Bienenstocks (entspannt oder angespannt) und den Charakter einzelner Bienen beobachten. Einige Bienen sind neugierig und mutig, andere schüchtern. Wenn Bienen entspannt sind, kann man sie berühren - manchmal fast streicheln. Wenn Sie allerdings ihre Baumhöhle gegen eindringende Hornissen verteidigen, erkennt man schnell, dass es sich um wilde Tiere handelt - intelligent und gefährlich. Heute leben Honigbienen meist in der Obhut eines Imkers, aber ich habe keinen Zweifel, dass sie es auch ohne Imker schaffen würden.

Ist dieser Film ein Tierfilm im klassischen Sinne?
In gewisser Weise ist es ein Tierfilm und in gewisser Weise ist es kein Tierfilm. Die Frage ist, was man unter einem Tierfilm versteht. „Tagebuch einer Biene“ zeigt natürliches Verhalten und begleitet eine Biene in ihrem Leben, keine der gefilmten Szenen ist Fantasie oder unrealistisch. Aber um diese Geschichte erzählen zu können, mussten wir die einzelnen Aufnahmen einzeln ‚sammeln‘, und später die Geschichte wieder zusammenfügen. Es ist schlicht unmöglich, eine einzige Biene über sechs Wochen zu verfolgen und jeden Moment ihres Lebens mit der Kamera zu begleiten. Also haben wir verschiedene Bienen in verschiedenen Situationen gedreht und sie später zu einer Geschichte zusammengefügt. Das Ergebnis ist also in gewisser Weise eine Fiktion, aber es zeigt ein Bienen Leben wie es ist. Viele Tierfilme werden produziert, in dem man Aufnahmen zusammengefügt, die zum Beispiel an verschiedenen Tagen entstanden sind.
Wir haben diesen Ansatz – Bilder zuerst zu sammeln und sie später zusammenzufügen – auf die Spitze getrieben. Aber ich habe trotzdem kein Problem. Es ist ok, wenn man das nicht mehr als Tierfilm versteht.

Warum haben Sie sich für diese Erzählform entschieden?

Wir haben lange damit gehadert, den Kommentartext in der ersten Person zu verfassen. Eine derartige Vermenschlichung von Tieren finde ich eigentlich falsch. Allerdings empfanden wir es zum Schluss eigentlich nur als konsequent, auch den Text aus der Sicht der Bienen zu verfassen. Die gesamte Bildsprache und Dramaturgie ist ja darauf ausgelegt, uns in die Welt der Bienen hineinzuziehen, sie fast buchstäblich aus ihren Augen zu sehen, wir fanden es dann nur richtig, auch den Text aus der Perspektive der Bienen zu formulieren. Es war ein Experiment, ich hoffe, dass es geklappt hat.

Bei dem Film wurden auch CGI genutzt – warum?
Es gab einige Aufnahmen in diesem Film, die man eigentlich gar nicht machen kann. Dazu gehören zum Beispiel Nahaufnahmen von Bienen während sie stechen – das würde nur in einer Apparatur gehen und nicht, während es in freier Wildbahn passiert. Wir wollten auch zeigen, wie die Biene in der Landschaft umherfliegt, aber wir konnten nun mal nicht bestimmen, ob eine Biene überhaupt durch unser Landschaftsbild fliegen würde. Außerdem wollten wir mit einem Schwarm Bienen mitfliegen, aber mit keiner Drohne der Welt wäre uns das gelungen. Wir haben uns deshalb entschlossen, für einzelne Aufnahmen ein computer-generiertes Modell erstellen zu lassen – wissenschaftlich so korrekt wie es nur geht – und damit einzelne Aufnahmen zu erzeugen, von denen wir glaubten, dass wir sie für die Geschichte brauchen, die man aber nicht filmen kann.

Wie lief der Filmschnitt ab?
Der Cutter Stefan Kolbe hat ein ganz außergewöhnliches Talent dafür, in unübersehbaren Mengen von Material den richtigen Moment zu finden. Man darf nicht vergessen, dass das meiste Material in Zeitlupe vorlag, was bedeutet, dass es einfach Tage gedauert hat, das Material überhaupt erst zu sichten. Wir hatten insgesamt 150 Drehtage und ich bin dem Cutter sehr dankbar, dass er es geschafft hat, dieses Eine-Million-Teile-Puzzle mit mir zusammenzusetzen.

Sind Bienen wirklich so etwas Besonderes?
Ich bin froh, dass so viel Aufmerksamkeit auf den Bienen liegt. Sie sind natürlich nicht die einzigen oder wichtigsten Insekten oder Tiere, um deren Schutz wir uns bemühen müssten, aber obwohl uns diese Insekten so fremd sind, haben Sie eine Faszination und ihre Bedeutung ist uns klar. Daher finde ich es schön, wenn sie als Symbol dafür dienen, dass wir die Natur um uns herum nicht für selbstverständlich nehmen und darauf achten, ob wir die Lebensgrundlage für andere Pflanzen und Tiere zerstören.

Wo wurde der Film gedreht?
Zu Beginn des Films haben wir in der Nähe meiner Heimatstadt Köln gedreht, im Bergischen Land.
Später beim damaligen Wohnort des Kameramanns in der Nähe von Stuttgart und am Ende in der Nähe von München und im Karwendel-Gebirge, dort sind die meisten Außenaufnahmen entstanden, weil die Landschaft dort einfach spektakulär ist.
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Donnerstag 07.10.2021
LE PRINCE
Ab 30. September 2021 im Kino
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Im Frankfurter Bahnhofsviertel begegnen sich zwei Menschen deren Lebenswelten unterschiedlicher kaum sein könnten. Monika ist Mitte vierzig und gehört als Kuratorin zur Kunst- und Kulturszene der Stadt. Als sie zufällig in eine Razzia gerät, trifft sie Joseph, einen kongolesischen Geschäftsmann, der Investoren für eine Diamantenmine im Kongo sucht und sich zwischenzeitlich mit Import-/Export-Geschäften über Wasser hält. Aus diesem ungewöhnlichen Zusammentreffen entsteht eine intensive Liebesgeschichte. Doch während die beiden glauben, gegen alle äußeren Widerstände und Vorurteile bestehen zu können, schleicht sich nach und nach ein gegenseitiges Misstrauen in die Beziehung. Unaufhaltsam wird Ihr Leben zur Bühne postkolonialer Konflikte. Ist es für Monika und Joseph überhaupt möglich, sich auf Augenhöhe zu lieben?

Ein Film von Lisa Bierwirth
Mit Ursula Strauss, Passi Balende, Nsumbo Tango Samuel, Victoria Trauttmansdorff, Alex Brendemühl, Hanns Zischler, Douglas Gordon, u.v.m.

Inspiriert von der Geschichte ihrer Mutter hinterfragt Lisa Bierwirth in ihrem Langfilm-Regiedebüt LE PRINCE lebensnah und präzise, wie sich postkoloniale Strukturen und Machtverhältnisse in einer europäisch-afrikanischen Beziehung widerspiegeln können. Die Geschichte erzählt von den Fallstricken, aber auch dem Mut, eine Liebe im Spannungsfeld gesellschaftlicher Konventionen zu leben. Zwischen Weltmetropole und Schattenwirtschaft zeigt sich der kulturelle Schmelztiegel Frankfurt am Main als ambivalenter Protagonist des Films.
Zum vielschichtigen Ensemble zählen die österreichische Schauspielerin Ursula Strauss („Tatort“, „Oktober November“), der französisch-kongolesische Rapper Passi Balende und der international gefragte deutsch-spanische Schauspieler Alex Brendemühl („Die Frau im Mond“), außerdem Victoria Trauttmansdorff, Hanns Zischler und der Künstler Douglas Gordon.
LE PRINCE wurde von einem vorwiegend weiblichen Team realisiert: Neben Regisseurin Lisa Bierwirth zeichnen u.a. Kamerafrau Jenny Lou Ziegel („Der lange Sommer der Theorie“), Szenenbildnerin Marie-Luise Balzer („Toni Erdmann“) und Schnittmeisterin Bettina Böhler („Transit“) für die Produktion verantwortlich.
Produziert wurde der Film von Jonas Dornbach, Janine Jackowski und Maren Ade von Komplizen Film („Toni Erdmann“, „Western“, „Eine fantastische Frau“), in Ko-Produktion mit dem ZDF – Das kleine Fernsehspiel und gefördert von Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, HessenFilm und Medien, Deutscher Filmförderfonds, Filmförderungsanstalt und Medienboard Berlin-Brandenburg.

LE PRINCE feiert seine internationale Weltpremiere im Wettbewerb des renommierten Karlovy Vary International Film Festivals, das in der 55. Ausgabe vom 20.–28. August 2021 stattfindet.



BIOGRAFIEN STAB

Lisa Bierwirth (Buch & Regie)
Regisseurin Lisa Bierwirth, 1983 in Hessisch Lichtenau geboren, ging mit 17 Jahren für ein Auslandsjahr nach New York City, wo sie an verschiedenen Off-Theatern arbeitete. 2001 zog sie nach Berlin und absolvierte dort nach ihrem Abitur mehrere Praktika. Ab 2006 studierte sie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Während ihres Studiums realisierte sie mehrere kurze und mittellange Filme. Weitere Erfahrungen sammelte sie in den Bereichen Produktion, Schnitt, Casting und Regieassistenz u.a. bei Sonja Heiss und Henner Winckler, Zero Film GmbH und Komplizen Film GmbH. Von 2013 bis 2015 war sie künstlerische Assistentin und dramaturgische Beraterin von Regisseurin Valeska Grisebach. In Grisebachs Film Western assistierte sie 2016 bei Drehbuchentwicklung, Recherche, Casting und bei den Dreharbeiten in Bulgarien. Le Prince ist ihr Langfilm-Regiedebüt und wurde 2019 für den Deutschen Drehbuchpreis nominiert.

Filmografie
- 2015 PORTOPALO (Dokumentarisches Essay, Goethe Institut Israel, HD, 6min, Kamera: Jenny Lou Ziegel)
- 2013 TEUFEL (Kurzspielfilm, dffb, Alexa, 30min, Kamera: Markus Koob)
Festivals u.a. 47. Internationale Hofer Filmtage, 38. Montreal World Film Festival, 10. Achtung Berlin, 43. Sehsüchte Internationales Studentenfilmfestival 2014, 6. Prishtina International Film Festival, 16. Maryland Film Festival, 16th FestCurtas Belo Horizonte
- 2011 SWEETNESS (Kurzspielfilm, dffb/RBB, S16mm, 32 min, Kamera: Philipp Kaminiak)
Festivals u.a Festivals u.a. Interfilm Festival Berlin, Festival du Cinéma de Brive, LICHTER Filmfest Frankfurt, Festival Tous Courts Aix-en-Provence
- 2009 FRACHT (Kurzfilm, dffb/ARTE, XDCAM HD, 7 min, Kamera: Philipp Kaminiak)



Hannes Held (Buch)
Hannes Held, Co-Drehbuchautor von Le Prince, wurde 1979 in Gelsenkirchen geboren. Er studierte bis 2006 an der UDK Berlin Szenisches Schreiben und danach Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Während seines Studiums war er Co-Autor mehrerer Kurzfilme, darunter Das Mädchen mit den gelben Strümpfen von 2008, das den Deutschen Kurzfilmpreis in Gold gewann. Sein erstes Drehbuch für einen Langfilm verfasste er 2014 für den Dokumentarfilm Spieler über den russischen Online-Pokerspieler Rustem. 2017 verfasste er zusammen mit Regisseur Nicolas Wackerbarth das Drehbuch für den Spielfilm Casting, der auf der Berlinale uraufgeführt wurde und auf zahlreichen internationalen Festivals viel Beachtung fand. Casting wurde 2018 u.a. in der Kategorie Bestes Drehbuch für den Deutschen Filmpreis nominiert. Daneben betreute Hanns Held als Dramaturg u.a. 2017 Western von Valeska Grisebach und Die Einzelteile der Liebe von Miriam Bliese. Mit Regisseurin Lisa Bierwirth hat er als Drehbuchautor bereits bei ihren Kurzfilmen Sweetness, 2011 Teufel 2013 und Die Gelegenheit, 2016 zusammengearbeitet.



Ursula Strauss (als Monika)
Ursula Strauss, die in Le Prince die Hauptrolle der Frankfurter Kuratorin Monika übernimmt, wurde 1974 in Melk in Niederösterreich geboren und zählt zu den renommiertesten Theater- und Filmschauspielerinnen im deutschsprachigen Raum.
Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin, bevor sie Schauspiel am Wiener Volkstheater studierte. Nach zahlreichen Bühnenrollen trat sie ab 1999 auch in Film und Fernsehen vor die Kamera. Im Kino war sie unter anderem 2003 in Böse Zellen von Barbara Albert zu sehen, 2005 in Crash Test Dummies von Jörg Kalt und 2008 im für den Auslandsoscar nominierten Drama Revanche von Götz Spielmann. 2011 wirkte sie in zwei Kinofilmen zu sehen, die den Übergang der NS-Zeit zur Nachkriegszeit thematisieren: in Mein bester Feind unter der Regie von Wolfgang Murnberger, an der Seite von Moritz Bleibtreu und Georg Friedrich und anschließend in Vielleicht in einem anderen Leben, Elisabeth Scharangs Verfilmung eines Theaterstücks von Silke Hassler und Peter Turrini. Im preisgekrönten Familiendrama Oktober November trat sie 2014 in einem zweiten Film unter der Regie von Götz Spielmann auf. 2016 und 2017 übernahm sie zwei weitere große Rollen: in Maikäfer flieg, der Verfilmung des autobiographischen Romans von Christiane Nöstlinger unter der Regie von Mirjam Unger, und im Thriller Mein Fleisch und Blut von Michael Ramsauer.
Populär wurde Ursula Strauss in Österreich besonders durch die Krimiserie „Schnell ermittelt“, in der sie seit 2009 in der Hauptrolle als Chefinspektorin Angelika Schnell, Leiterin der Mordkommission, ihre Fälle gerne mittels Tagträumereien und im Tiefschlaf löst. Zu ihren weiteren Fernsehserien gehören „Altes Geld“ 2015 und die seit 2020 ausgestrahlte Serie „Wischen ist Macht“, in der sie die Chefin einer Reinigungsfirma spielt. In Deutschland erregte sie Aufsehen in der Mini-Serie MÖRDERISCHES TAL - PREGAU 2016 von Nils Willbrandt und MEINE FREMDE FREUNDIN 2017 von Stefan Krohmer, für den sie als beste Hauptdarstellerin den renommierten Fipa d´Or des Festival International de Programmes Audiovisuels (FIPA) -Biarritz erhielt. Ursula Strauss wurde mehrfach mit dem Österreichischen Filmpreis, dem Diagonale-Schauspielpreis und dem Publikumspreis Romy ausgezeichnet.
Auch als Sängerin ist sie erfolgreich. 2020 veröffentlichte sie gemeinsam mit Ernst Molden das Album „Wüdnis“. Sie kuratiert seit 2012 sehr erfolgreich ihr eigenes Kultur-Festival „Wachau in Echtzeit“. Ursula Strauss ist die Präsidentin der Akademie des Österreichischen Films. Zudem engagiert sie sich gegen Gewalt an Frauen und ist Schirmherrin der UN-Kampagne „Orange the World.“


Passi Balende (als Joseph)
Passi Balende, der in Le Prince die titelgebende männliche Hauptrolle des Joseph Badibanga übernimmt, wurde 1972 in Brazzaville in der Republik Kongo geboren und ist einer der Pioniere des französischen Rap. 1979 emigrierte seine Familie nach Frankreich und zog nach Sarcelles, ein Pariser Banlieue. Seit seiner Kindheit begeisterte er sich für Rap und Hip-Hop und gründete im Alter von 17 Jahren mit seinem Schulfreund Gilles Duarte (später Stomy Bugsy) die Rapgruppe Ministère A.M.E.R. (Action, Musique, et Rap). Parallel studierte er Agrarwissenschaften, bevor er sich angesichts des Erfolgs der Band schließlich ganz seiner künstlerischen Karriere widmete.
Das 1994 veröffentliche zweite Album der Gruppe, „95200“, wurde von der Kritik gefeiert. 1995 war die Musik der Band Teil des Soundtracks von Matthieu Kassovitz’ vielbeachtetem Filmdrama Hass, darunter das umstrittene Stück „Sacrifices de Poulets“. 1997 begann er unter dem Namen Passi eine Solokarriere und produzierte mit dem Song „Je zappe et je matte“ den Sommerhit des Jahres in Frankreich. Sein erstes Album „Tentations“ wurde bereits nach drei Wochen mit einer „Goldenen Schallplatte“ ausgezeichnet und verkaufte sich über eine halbe Million mal.
Seither produziert er mit seinem Label Issap, solo oder mit seinen Kollegen des Kollektivs „Secteur Ä“ weiterhin Rapmusik. Unter anderen arbeitete er mit dem panafrikanischen Rap-Kollektiv „Bisso na Bisso“ zusammen und produzierte mit ihm das Album „Racine“, das als Beginn der Erfolgsgeschichte des Afro-Pop angesehen wird. Bis heute hat Passi fünf Solo-Alben veröffentlicht und mit internationalen Künstlern und Künstlerinnen wie Wyclef Jean, Orishas und Rita Marley zusammengearbeitet.
Passi, bereits in unzähligen Videoclips vor der Kamera zu sehen, begann ab 2004 auch als Schauspieler aufzutreten. Erste Rollen übernahm er u.a. in der Serie „Inspector Sori“ 2005, im Actionfilm Skate or Die 2008 und im Fernsehfilm „Mauvaise Mère“. In Le Prince spielt er seine erste Hauptrolle.



INTERVIEW MIT LISA BIERWIRTH (REGIE)

Wie begann die Geschichte von Monika und Joseph?
Ausgangspunkt war die Beziehung meiner Mutter Susanne zu ihrem damaligen Ehemann Erick aus Kongo Kinshasa. Trotz aller Probleme waren sie ein wirklich tolles, schillerndes Paar – in ihrer Unterschiedlichkeit, aber auch Widerständigkeit, in ihrem Humor und ihrer Dynamik. Durch sie kam der Impuls und auch das Selbstbewusstsein, eine solche Beziehungskonstellation überhaupt erzählen zu können und zu wollen.
Ich muss zugeben, dass ich zu Beginn ihrer Beziehung leider auch misstrauisch war und mich fragte, ob das gut gehen kann, ob ihre „Unterschiede“ nicht viel zu groß sind. Dann habe ich aber immer mehr verstanden, welche Kraft und welchen Mut es braucht, eine Liebe zu leben, der nicht die gleichen Chancen eingeräumt werden, die eben misstrauisch beäugt wird, und zugleich seine Nähe und Intimität zu behalten.
Von da an begann ich, intensiv zu recherchieren und führte sehr viele Gespräche, um herauszufinden, was genau und vor allem wie man von den Herausforderungen einer solchen Partnerschaft erzählen kann. Auch insbesondere deswegen, weil es mir nicht darum ging, die Geschichte meiner Mutter zu erzählen.

Wohin führten dich die Recherchen?
Zu Beginn habe ich mich mit den offensichtlichen Anstrengungen und dem vielschichtigen äußeren Druck beschäftigt, der auf ihrer Beziehung lastete - die notwendige Erfüllung behördlicher Auflagen, die allgegenwärtige Gefahr von Polizeikontrollen und damit die Angst vor Abschiebung.
Zugleich spürte ich, dass mein Fokus ein anderer war, als das Entsetzen darüber, wie schwierig es ist, als Asylsuchender in Deutschland Fuß zu fassen, oder zu beschreiben, welche strukturellen Rassismen allgegenwärtig sind. Ich fand die persönlichen Auseinandersetzungen zwischen Susanne und Erick viel spannender – sie erschienen mir unglaublich komplex und herausfordernd. Nach und nach begriff ich, dass sie nicht allein in ihren divergierenden kulturellen Hintergründen, sozialen Milieus oder unterschiedlicher Herkunft begründet waren.
Mit diesem Spannungsfeld, dem inneren Druck einer solchen Beziehung, haben mein Koautor Hannes Held und ich uns dann auseinandergesetzt. Bei der Drehbuchentwicklung haben wir vor allem versucht zu verstehen, ob, wie und wo sich gesellschaftliche und politische Bedingungen und damit insbesondere postkoloniale Strukturen und Konflikte auch im Privaten widerspiegeln. Inwiefern sich die bis heute ungleichen und ungeklärten Verhältnisse zwischen der sogenannten Ersten zur Dritten Welt, von Afrika zu Europa und umgekehrt, wiederfinden. Welche Täter-Opfer-Zuweisungen sind damit verbunden und welches Misstrauen kann daraus resultieren? Und mit der Frage, wie ein solches Misstrauen wiederum zum Antagonisten einer Liebesbeziehung wird.
Monika glaubt, anders zu sein, als ihre Freunde und als alle Anderen auch. Sie glaubt, dass sie deren Misstrauen nicht teilt. Dann muss sie feststellen, dass auch sie nicht frei davon ist, als Kind ihrer Generation und dieser Gesellschaft. Durch Joseph wird sie mit etwas konfrontiert, das sie aus der Theorie kennt und reflektiert hat. In einer gelebten Realität stellt diese Beziehung ganz andere Anforderungen an sie und zwingt sie, sich immer wieder selbst zu überprüfen. Und bringt auch sie an die Grenzen ihrer Liebe.
Joseph bringt dieses Misstrauen von vornherein mit in die Beziehung, für ihn ist es eine Art Überlebensstrategie, basierend auf seinen Erfahrungen. Er hat den unbedingten Willen sich von nichts und niemandem kontrollieren zu lassen. Dazu gehört, nicht alles von sich preiszugeben, wenig Angriffsfläche zu bieten – ein Grund, warum er nicht alles erzählt. Wenn er sagt, „My father was colonized, I am not“, spiegelt sich darin sein Bedürfnis nach Respekt und Selbstbestimmtheit. Und manchmal verstellt ihm dieses Bedürfnis auch einen unvoreingenommenen offenen Blick. Von einem Moment auf den anderen ist Monika dann nicht mehr seine Partnerin, sondern „eine Europäerin“, ein Feindbild.

Wann wurde die Liebesgeschichte ein Melodrama?
Uns interessiert das Melodrama als überhöhte emotionale Erzählung, damit der Film nicht im Sozialrealismus stecken bleibt. Es ermöglichte uns, zu erzählen, dass das „liebende Paar“ an Bedingungen scheitert, die sich ihrem Einfluss entziehen, die größer sind als sie. Unsere dramaturgische Beraterin Petra Lüschow hat es so schön formuliert: Monika und Joseph sind zwei Königskinder, die nicht zusammen sein können, weil die Wasser zu tief sind.
Der Film stellt ganz klar die romantische Vorstellung in Frage, dass Liebe alle Grenzen überwinden und gesellschaftliche Konventionen außer Kraft setzen kann. Stattdessen könnte man fragen, ob es nicht ein Luxusgut ist, eine Liebe leben zu können.
Dass Monika und Joseph sich wirklich lieben, haben wir nie in Frage gestellt. Das war die Grundvoraussetzung. Sie erleben ja so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Ich wurde in der Entstehungsphase oft gefragt, ob Monika nicht einen Grund braucht, sich in diesen „windigen, undurchsichtigen Kongolesen“ zu verlieben. Es ist doch spannend, dass man einer Julia Roberts und einem Hugh Grant die Liebe nach einer Razzia selbstverständlich zutrauen würde, aber Monika und Joseph nicht.
Jetzt bin ich allerdings sehr neugierig, wie der Film international aufgenommen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine solche Beziehungskonstellation in Deutschland auf ganz andere Reaktionen oder auch Widerstände trifft als z.B. in Frankreich, den USA, oder anderen Ländern mit einer größeren afrikanischen Diaspora.

Monika trägt Zeitgeist, Wille und Humor mit Kraft und Lässigkeit, sie ist eine lebensnahe Heldin. Kannst du die Entwicklung ihrer Figur beschreiben?
Ich finde es im Nachhinein schwer nachzuvollziehen, wie Monika zu dem wurde, was sie jetzt ist. Das ist ein Konglomerat aus vielen Elementen, ein langer Prozess, in der sich ihre Figur von den ersten Notizen bis zum letzten Schnitt immer weiter herausschälte, und sich von meiner Mutter loslöste.
Ganz sicher gehörte dazu eine Beschäftigung mit ihrer Soziologie, ihrer Herkunft und den Zielen. Ihre Komplexität entwickelt sich aus den Charaktereigenschaften, die ihr im Weg stehen, und aus den Vorbildern von Frauen, die ich kenne und toll finde, ebenso aus Situationen und Begegnungen, die wir erzählen wollten.
Uns war es wichtig, dass Monika eine Frau aus dem „normalen“ Kunstbetrieb ist..Das Milieu zu wählen war eine Möglichkeit, die Geschichte zu betreten auf einem Terrain, das mir persönlich vertrauter ist, um mich von dort aus auf eine unbekannte Spielfläche zu wagen, die der kongolesischen Diaspora.
Ein weiterer Grund, Monika in der Kunstszene zu verorten, war, weil die sich hier geführten intellektuellen Auseinandersetzungen gegenüber dem Vorwurf der Ungerechtigkeit oft erhaben fühlen. Wir sahen es als Herausforderung, die alltäglichen Rassismen eben dort zu suchen, wo man sie nicht sofort vermutet und erwartet – jenseits der gängigen Klischees.
Da mussten wir uns beim Schreiben das ein oder andere Mal selbst an die Nase fassen.
Und dann war es natürlich maßgeblich Ursula Strauss die Monika zum Leben erweckt hat, die der Figur ihre Authentizität verliehen hat. Ursula kann auf eine großartige Art und Weise Schwächen zeigen ohne dabei ihre Stärke zu verlieren, sich zu verraten. Mich hat diese Durchlässigkeit sehr berührt. Wir haben viel geprobt und Ursula hat wirklich all ihre Energie, Leidenschaft und Erfahrung in den Film gesteckt. Eine tolle Zusammenarbeit für die ich sehr dankbar bin.
Joseph ist im konstanten Aufbruch und Output, er fordert Respekt, eine Chance. Kannst du die Figurenentwicklung von Joseph beschreiben?
Josephs Figur ist ganz klar von Erick geprägt – von seinem Witz, seiner Widerstandskraft, seiner Würde und seinem Stolz, sich nicht unterkriegen zu lassen, aber auch von seinem Misstrauen und seiner Aggression.
Die Figur von Joseph hatte also ein klares Vorbild und zugleich bedurfte sie einer tiefgehenden Recherche, um ihr näher zu kommen. Immer wieder stießen wir auf bestimmte Situationen, Verhalten und Fragen, die wir nicht dechiffrieren konnten, die aber zugleich – oder gerade deswegen – interessant waren, weil sie die Tür zu den bereits angesprochenen Fragen zum Verhältnis zwischen Afrika und Europa aufstießen.
Die größte Herausforderung war es, eine Perspektive zu erzählen, die nicht meine ist und es auch nicht werden kann.Ich habe mit sehr vielen Leuten aus der afrikanischen Diaspora Interviews geführt, besonders Kongoles*innen und Angolaner*innen, viel gelesen, immer wieder die Fiktion mit der Realität abgeglichen.
Aber trotz aller Informationen und Erkenntnisse haben wir uns entschieden, Joseph als eine Figur zu schreiben, die sich nicht dechiffrieren lässt, bei ihm geht es um die Frage der Identität. Er kommt in ein anderes Land und plötzlich glaubt ihm keiner mehr, was er erzählt, weil er sich nicht ausweisen kann, weil er keine lineare Lebensführung hat, keinen hier bekannten Abitur- und Uniabschluss, weil sein Leben auf sogenannten „Umwegen“ verlaufen ist. Wir wissen nicht, woher Joseph kommt, wer seine Familie ist, ob seine Geschäfte kriminell sind oder nicht, ob er wirklich ein Prinz ist oder nicht. Alles könnte sein.
Das alles ist Teil des Misstrauenskonstrukts und wird hoffentlich nicht nur für Monika zur Herausforderung, sondern auch für die Zuschauer*innen. Auf was kann man sich verlassen, wenn es nicht die herkömmlichen Eckdaten sind? Kann ich das Gegenüber sein lassen, wie es ist, jemanden lieben ohne alles zu verstehen? Letztendlich ist die eigene Intuition gefragt.
Ich habe sehr lange und über mehrere Länder gecastet, weil ich unbedingt einen Kongolesen besetzen wollte. Schließlich haben wir die Rolle für einen Kongolesen geschrieben, wir haben uns ganz spezifisch mit diesem Land beschäftigt.
Passi Balende war wirklich eine Entdeckung. Ich habe lange niemanden gefunden, der auf eine so würdevolle, zarte und verletzliche Art und Weise den Titel „Le Prince“ tragen kann.

Welche Herstellungsphase war besonders wichtig für dich?
Nach dem langen Drehbuchprozess, stand ganz klar das Casting im Vordergrund. Für die Figur Ambara haben wir ca. 200 Laien gecastet. Was Nsumbo Tango Samuel spielt und selber mitbringt, kann man nicht schreiben. Fast alle Afrikaner*innen sind Laien, außer Denis Mpunga, der Vladimir spielt. Diese Kombination aus Schauspieler*innen und Laien beeinflusst sich gegenseitig, das macht viel Spaß. In den Vorbereitungen ist es wichtig, sie zu synchronisieren. Dazu gehört, viel zu Proben und dass man Zeit miteinander verbringt, um das nötige Vertrauen herzustellen, um wiederum gut miteinander arbeiten zu können. Bei dem Casting und der Arbeit mit den Laien habe ich sehr von den Erfahrungen profitiert, die ich in der langjährigen Zusammenarbeit mit Valeska Grisebach gesammelt habe.
Ich glaube, es gibt oft ein großes Missverständnis, dass Laien eigentlich grundsätzlich sich selber spielen. Die Darstellerin von Donna Angela ist Entwicklungshelferin, Nsumbo Tango Samuel ist Automechaniker und Passi Balende ist Rapper.

Le Prince ist auch ein politischer Film. Wie stehst du zu dem Begriff, bzw., willst du politische Filme machen?
Das politische Moment bei Le Prince ist unausweichlich. Aber ich möchte nicht per se politische Filme machen. Das Label des politischen Films würde ich ablehnen, das schränkt mich gedanklich zu sehr ein.
Le Prince ist ein Melodrama, ein Liebesfilm. Wir haben versucht Monika und Joseph nicht zu thesenhaften Vertreter*innen eines postkolonialen Diskurses zu machen, Wenn man am Ende nicht über „Schwarz“ und „weiß“ nachdenkt, sondern über eine Frau und einen Mann, dann wäre ich sehr glücklich.
Letztendlich ist für mich das Filmemachen eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragestellungen und diese sind immer auch politisch. Man muss sich selbst natürlich die Frage stellen – was will ich warum erzählen, welche gesellschaftliche Relevanz oder Dimension könnte es haben. Das ist mir persönlich schon wichtig, sonst fehlt der Antrieb.
In Le Prince verhandele ich Themen, mit denen ich mich schon in meinen Kurzfilmen beschäftigt habe: Machtverhältnissen, Klasse und Herkunft, und wie diese Faktoren zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen und belasten.

Wie verlief der Prozess der Bildgestaltung mit der Kamerafrau Jenny Lou Ziegel?
Jenny Lou Ziegel und ich haben zusammen Bilder und Filme angeschaut, viel über Licht und Subtexte in den Bildern und Szenen gesprochen. Es gibt Schlüsselorte, wie die afrikanische Bar und Monikas Wohnung, die wir schon lange vor Drehbeginn kannten, dort haben wir viel Zeit verbracht. Die Bar war von den Drehbedingungen her ziemlich ungeeignet, trotzdem ist es eine emotionale Verbindung, die wir mit diesem Ort haben, denn dort haben wir sehr viele Leute kennen gelernt, und ich kenne die Bar seit fast 15 Jahren – es musste also dieser Ort sein und ich denke, dass sich das auch auf das Bild und seine Authentizität auswirkt.
Bei Le Prince war klar, dass es kein formal ästhetisches Experiment wird, sondern der Film von den Figuren, den Darsteller*innen getragen wird. So haben wir versucht, ihnen möglichst viel Raum zu geben, auch zur Improvisation. Jenny Lou war bei den Castings und z.T. bei den Proben dabei, um ein Gefühl für die Schauspieler*innen zu bekommen und v.a. schon früh ein Vertrauensverhältnis herzustellen.
Gleichzeitig sollte es kein dokumentarischer Film werden. Die Bilder sollten schlicht und unaufdringlich sein, gleichzeitig bestimmt. Ich mag eine ruhige Handkamera, was Jenny Lou so wundervoll beherrscht sowie ihren Respekt, wie sie auf die Menschen mit der nötigen Distanz schaut. Mir ist wichtig, dass alle Figuren, egal was sie tun, ihre Würde behalten.

Könnte man den Drehort Frankfurt so als weitere raumgreifende Figur des Filmes bezeichnen?
Ich finde Frankfurt am Main als Spiel- und Drehort wirklich toll, weil hier Gegensätze in aller Härte aufeinanderprallen. Frankfurt ist Sitz der Europäischen Zentralbank, einer der größten Wertpapierbörsen der Welt und zahlreicher internationaler Konzerne. Es ist eine Stadt, in der sich die Macher und Global Player treffen. Das Geld ist spürbar und kreiert zugleich ein starkes Gefühl der Ausgeschlossenheit. Das Bankenviertel grenzt direkt an das Bahnhofsviertel, in dem sich Sexarbeiter*innen, Künstler*innen, Drogenabhängige, Tourist*innen, Geschäftsleute und eine Vielzahl von Menschen aus aller Welt täglich begegnen. Es scheint seinen eigenen Regeln und Codes zu folgen und erinnert an New York auf kleinster Fläche. Die Schattenwirtschaft ist spürbar.und regelmäßig gibt es Razzien auf der Suche nach Rauschgift, Waffen und illegalen Einwanderern. Unweit davon sind die gediegenen Vororte mit Doppelhaushälften und Geranien. Diese direkte Kollision von Gewinner*innen und Verlierer*innen, Weltstadt und „deutscher Spießigkeit“, von Armut und Reichtum bildet für mich eine sehr geeignete und gleichermaßen inspirierende Spielfläche für den Film.
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Donnerstag 23.09.2021
HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT
Ab 23. September 2021 im Kino
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Trauer-Arbeit ist eine einsame Angelegenheit. Entsprechend möchte der gerade heimgekehrte Offizier Markus einfach seine Ruhe haben. Er will möglichst wenig weinen, sich um seine Teenager-Tochter Mathilde kümmern und den Verlust seiner Frau mit viel Bier herunterspülen. Doch diese Rechnung hat er ohne die drei Unglücksvögel gemacht, die vor seiner Tür auftauchen.
Der Mathematiker Otto, sein nervöser Kollege Lennart und der exzentrische Hacker Emmenthaler sind sichtlich vom Leben gebeutelt. Allerdings haben sie einen Weg gefunden, dem Schicksal das Handwerk zu legen: Sie können rechnen. Und ihren Berechnungen zufolge starb Markus‘ Frau nicht zufällig. Tatsächlich hat das schräge Trio Indizien, die stutzig machen. Aus zahllosen Details knüpfen sie eine zwingende Beweiskette, an deren Ursprung eine Bande namens Riders of Justice steht. Egal wie unwahrscheinlich ihre Theorie klingt – sie weckt erfolgreich die Rachlust des emotional sonst sparsamen Familienvaters.
Otto, Lennart und Emmenthaler tarnen sich vor allem für die ahnungslose Mathilde als Trauer-Therapeuten, üben fleißig den Umgang mit automatischen Waffen und freuen sich auf den Bananenkuchen, wenn das Unrecht erstmal aus der Welt geschafft ist. Denn gemeinsam planen sie nichts weniger als einen Schlag gegen das organisierte Verbrechen – und genießen den Trost einer unerwarteten Gemeinschaft. Doch ganz so einfach gehen Selbstjustiz und Sinnsuche eben nicht zusammen. Schon bald nämlich fällt den Riders of Justice auf, dass ihnen jemand auf der Spur ist. Bis unter die Zähne bewaffnet erzwingen sie einen Showdown, wie man ihn – zum Glück! – nicht erwarten kann.
Regisseur Anders Thomas Jensen (ADAMS ÄPFEL) liefert skandinavisches Erzählkino in seiner klügsten Form. Sein phänomenales Ensemble um Mads Mikkelsen spielt virtuos mit Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten auf einem dramaturgischen Höhenflug. HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT schickt seine vier Kausal-Cowboys auf eine Mission wider den Zufall und ins Herz menschlicher Verzweiflung. Subtil humorvoll und dennoch tief berührend. Eine Komödie über die Lust am Sinn und den Schmerz des Zufalls.


Ein Film von Anders Thomas Jensen
Mit Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Andrea Heick Gadeberg, Lars Brygmann


Hätte die Mutter nicht das freundliche Sitzplatzangebot eines Mitreisenden angenommen, hätte sie das Zugunglück wahrscheinlich überlebt. Sie wäre vielleicht auch nie in den Zug gestiegen, wäre ihrer Tochter Mathilde nicht das blaue Fahrrad gestohlen worden. Und es wäre nie gestohlen worden, hätte nicht ein kleines Mädchen im fernen Estland sich aus einer Laune heraus ein blaues Fahrrad statt eines roten zu Weihnachten gewünscht.
Jedes Ereignis ist das Ergebnis eines vorhergehenden Ereignisses. Aber kann diese Erkenntnis wirklich trösten?
Mathildes Vater, den das Zugunglück zum Witwer machte, würde seine Trauer am liebsten einfach nur in Bier ertränken. Der Trauerfall in der Familie hat ihn von seinem militärischen Auslandseinsatz von einem Tag auf den anderen zurück ins zivile Leben katapultiert. Hier ist dem Mann der wenigen Worte alles mehr als fremd: die pubertierende Tochter, die Angebote professioneller Trauer-Therapien des Staates, das psychologisierende Gequatsche von Mathildes neuem Freund. Als Zeichen seiner Überforderung trägt Letzterer bald ein blaues Auge. Mit dem Ergebnis, dass sich Mathilde noch dringlicher professionelle Hilfe für sich und ihren Vater wünscht.
In dieser schwierigen Situation kommt Markus der Auftritt von den drei eigenartigen Typen, die eines Tages vor seiner Tür auftauchen, gerade recht. Anfängliches Misstrauen gegenüber diesen Fremden, die mit ihm über den Tod seiner Frau reden wollen, weicht schnell Interesse. Sie bieten Markus eine männlich-kausale Erklärung für das Unfassbare, das gerade in seinem Leben passiert: Eine Verschwörung.
Was sentimental-geschwätzige Menschen „Schicksal“ oder „Zufall“ nennen, ist für Mathematik-Genie Otto nur eine Chiffre für eine unzureichende Datenlage. Denn was ist das Leben mehr, als eine unendliche Kausalkette von Ereignissen! Wer nur fleißig sucht, fi ndet am Ende einen Schuldigen.
Spulen wir kurz zurück: Otto, der ebenfalls in dem Zug gewesen war, ist jener höfliche Mann, der Mathildes Mutter seinen Sitzplatz angeboten hatte – ein Angebot, das sich als tödlich herausstellen sollte. Er war an dem Tag früher als sonst von seiner Arbeit nach Hause gefahren. Kurz zuvor war er zusammen mit seinem verhuschten Kollegen Lennart gefeuert worden. Der Grund? Seine
Liebe für endlose Datenrecherche. Dabei hatte er leider das Ziel völlig aus den Augen verloren: dem Unternehmen, das sie über Monate bezahlt hatte, am Ende mehr als nur Binsenweisheiten zu präsentieren. Und nun präsentiert Otto eben Markus seine Theorie über Zufall und Kausalketten. Neue Daten, neues Glück.
Aus den Nachrichten hatte Otto erfahren, dass bei dem Zugunfall auch ein wichtiger Zeuge ums Leben kam, der gegen die berühmt-berüchtigte Gang Riders of Justice im laufenden Prozess hätte aussagen sollen. Dieses „Glück“ für die Riders konnte einfach kein Zufall sein. Hinter seiner – wenn auch indirekten – Schuld an dem Tod von Mathildes Mutter, gab es also einen noch Schuldigeren! Schon im Zug war ihm etwas äußerst Verdächtiges aufgefallen: ein Mann, der ein überteuertes Getränk nahezu ungenutzt wegwarf und kurz vor dem Unglück ausstieg. Seinen ehemaligen Kollegen Lennart, der ebenfalls gerade mehr Zeit hat, als gut für ihn ist, überzeugt er mit einem Verdacht sofort. Außer einer neuen nutzlosen Therapie erwartet den vom Leben gebeutelten Lennart gerade nichts Aufregenderes als der illegale Hack, zu dem ihn sein fantasiebegabter Ex-Kollege überreden will. Die ersten Daten werfen bald neue Fragen auf. Ein weiteres Genie der illegalen Hackerkunst muss her. Den soziopathischen, aber gegenüber Ottos Kausalketten weitaus kritischeren Emmenthaler überzeugen sie letztendlich mit einer Riesenpizza – und schon haben sie Zugang zu unzähligen Überwachungskameras der Stadt. Dass die Gesichtserkennungssoftware, die Emmenthaler bei der Recherche einsetzt, am Ende eine nicht ganz 100% Übereinstimmung mit einem Mitglied der Riders of Justice anzeigt, soll sie beim Basteln ihrer Verschwörungstheorie nicht weiter stören.
Den wortkargen Kriegsveteran Markus jedenfalls über-zeugen sie mit ihrer Theorie. Search and destroy – damit kann er endlich etwas anfangen. Und während der therapieerprobte Lennart für die hocherfreute Mathilde den Therapeuten spielt und sie mit seinem augenscheinlich nutzlosen Wissen füttert, klären Otto und Emmenthaler Markus über ihren Verdächtigen auf: Palle Olsen, der Bruder von Kurt Olsen, der als Chef der Riders of Justice vor Gericht steht. Der Besuch bei Palle, der eigentlich als Aufklärungsbesuch gedacht war, endet in kürzester Zeit mit dessen Tod.
Otto, Lennart und Emmenthaler, die zunächst noch über die Gewaltbereitschaft Markus‘ schockiert waren, lecken zunehmend Blut. Die Art, wie Markus Probleme löst, imponiert ihnen. Zu lange haben sie die mannigfachen Verletzungen, die ihnen die Gesellschaft zugefügt hatte, nur duldend ertragen. Und irgendwie fühlt sich das auch gut an: Teil einer Gemeinschaft zu sein – auch wenn die Gemeinschaft nur aus soziopathischen Unglücksvögeln besteht. Doch Luft für die Verarbeitung privater Traumata bleibt angesichts des Tempos, mit dem sich bald die Toten auf der Gegenseite stapeln, nicht. Der einzige, der Markus‘ nächste Heimsuchung überlebt, ist ein sympathischer junger Mann aus dem Osten, der den Riders gegen seinen Willen als Sex-Sklave diente.
Bodashka wird kurzerhand bei Markus und Mathilde einquartiert, wo er fortan liebevoll als Au-pair arbeitet und beruhigend auf die angespannte Lage zwischen Vater und Tochter einwirkt. Es entwickelt sich in Markus‘ Haus bald so etwas wie ein Familienleben, zu dem mehr und mehr auch Otto, Lennart und Emmenthaler gehören. Denn wo sollen sie auch hin, angesichts des Sturms, der sich mit jedem neuen Toten bei den Riders of Justice aufbaut?


STATEMENT DES REGISSEURS ANDERS THOMAS JENSEN

HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT ist eine Art Fabel, um die ein realistischer Rahmen gespannt ist. Es ist die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die alle am selben Tag ihr Sicherheitsgefühl und ihre Lebensstabilität verlieren. In ihrer gemeinsamen Begegnung finden
sie schließlich jeweils Liebe, Selbstachtung, Vertrauen und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Letztlich erfährt jeder auf eine Weise Vertrauen. Sei es in sich selbst, in Gott oder in die Zufälle des Lebens. Der Film verdeutlicht, wie sehr unser Leben ins Schwanken gerät, wenn das Unvorstellbare plötzlich eintritt. Wie bewahrt man Lebensmut, wenn man an nichts mehr glaubt?
Das Leben kann einem manchmal völlig sinnlos erscheinen. Besonders, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Muss man aber den Sinn von alledem vollständig begreifen? Wenn man nämlich akzeptiert, den Tod nie zu verstehen, dann wäre die größte Bedeutung, die man im Leben anstreben kann, Dankbarkeit und mit den Menschen zusammen zu sein, die man liebt. Und wäre das nicht schon genug?
Es ist eine harte Erkenntnis, zu akzeptieren, dass alles um uns herum, sogar unsere eigene Existenz, ausschließlich vom Zufall bestimmt wird. Denn, wenn alles zufällig ist, kann man argumentieren, dass alles auch irrelevant ist. Und irrelevant ist nicht weit von bedeutungslos entfernt.
Aber vielleicht ist ja gar nicht alles zufällig? In HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT gibt es auch „glückliche Zufälle“ (das Serendipitätsprinzip1). Eine Gruppe vom Leben gezeichneter Menschen kommt zusammen und hilft sich gegenseitig, auf dem gemeinsamen Weg zu heilen. Menschen sind Rudeltiere. Wir sind dazu bestimmt, zusammenzuleben. Und je mehr wir es
wagen, einander zu vertrauen, desto bedeutungsvoller und erfüllter wird unser Leben. Markus ist wie ein verwundetes Tier, das sich am liebsten verkriechen würde.
Er hat seine jugendliche Naivität verloren. Sein Lebensmut ist erschöpft. Seine Hoffnungen und Träume, eine große Familie um sich zu haben, sind dahin. Doch der Zufall, dieser Unfall, gibt ihm, was er sich als junger Mann gewünscht hat – wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise. Und vielleicht sind es keine Zufälle, vielleicht ist es Gott, vielleicht auch etwas völlig anderes.
Ich wollte ein Drama mit berührenden Momenten wie auch Humor erschaffen, das sich um einen Vater und seine Tochter, Markus und Mathilde, herum entfaltet. Sie werden in der extremen Situation, in der sie sich nach dem plötzlichen Verlust von Ehefrau und Mutter befinden, begleitet.
Die Geschichte hat einen düsteren und ernsthaften Kern.Das zugrunde liegende Thema ist ziemlich bedeutungsschwer: der Sinn des Lebens. Ein beängstigendes Thema. Es muss mit Humor vermittelt werden, um der Themenschwere Gewicht zu nehmen.
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Donnerstag 16.09.2021
PAOLO CONTE – VIA CON ME
Ab 16. September 2021 im Kino
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Die New York Times vergleicht ihn mit Tom Waits und Randy Newman: Seit Jahrzehnten gehört der italienische Liedermacher Paolo Conte zu einem der erfolgreichsten und innovativsten Musiker weltweit. Bevor er seine eigene Bühnenkarriere startete, arbeitete er zunächst als Anwalt und Notar und komponierte und arrangierte ab Mitte der 1960er Jahre
weltberühmte Songs für Musiker wie Adriano Celentano, der 1968 mit „Azzurro“ einen weltweiten Hit landete. 1974 erschien Paolo Contes erste Soloplatte. Sein Durchbruch als Sänger gelang ihm fünf Jahre später mit dem Album „Un gelato al limon“. Auf seinem Album „Paris Milonga“ (1981) erschien das Lied „Via con me“, das schon bald zum Jazzklassiker wurde.
Paolo Contes Lieder zeichnen sich durch eine einzigartige Melange aus Chanson, Jazz und Tango aus. In ausgefeilten, bildhaften Texten erzählt der große Cantautore mal in melancholischem, mal in lakonischem Tonfall Geschichten von Städten und Menschen, von der Melancholie des Lebens und der großen Liebe. Paolo Contes eingängige Melodien begeistern nicht nur seine Fans im jazzaffinen Italien: In den vergangenen Jahren spielte der Musiker unter anderem in der Hamburg Elbphilharmonie, in der Philharmonie im Münchner Gasteig und auf dem Roncalliplatz in Köln vor ausverkauftem Haus.
In seiner Musikdokumentation PAOLO CONTE – VIA CON ME nimmt der italienische Regisseur Giorgio Verdelli die Zuschauer mit auf eine Reise, die sie von den Ursprüngen des künstlerischen Schaffens dieses einzigartigen Liedermachers auf die großen internationalen Konzertbühnen führt. In Paolo Contes Atelier in Asti gelingen dem Regisseur intime Interviewmomente mit dem medienscheuen Sänger und Songwriter, die durch umfangreiches Konzert-Archivmaterial und Interviews mit berühmten Weggefährten wie Jane Birkin, Roberto Benigni oder Isabella Rossellini angereichert werden. PAOLO CONTE – VIA CON ME ist das Porträt eines leidenschaftlichen Künstlers, der in seinen Liedern Emotionen, Perfektion und Grandezza zu einem stimmungsvollen musikalischen Gesamterlebnis verwebt. Im vergangenen Jahr war PAOLO CONTE – VIA CON ME im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig im Wettbewerb außer Konkurrenz zu sehen. Am 16.09.2021 startet die Musikdokumentation im Verleih von Prokino in den deutschen Kinos.

Ein Film von GIORGIO VERDELLI

Paolo Conte ist einer der bekanntesten italienischen Liedermacher weltweit. Dennoch gibt es aufgrund seiner sprichwörtlichen Widerspenstigkeit und seiner Kompromisslosigkeit im Umgang mit der Presse wenig persönliche Einblicke in sein Leben. Seine Musik erzählt Geschichten und weckt Emotionen, so wie es gute Filme können. Conte ist einer der größten Interpreten weltweit. Die New York Times verglich ihn mit Tom Waits und Randy Newman.
Seine Lieder lassen Bilder in uns entstehen, sie zeichnen einen imaginären Atlas der Seele aus Melodie und Poesie. Sie gleichen Kurzfilmen: Jeder ist auf seine ganz eigene Art und Weise eine realistische Darstellung des Imaginären. Conte nimmt uns mit auf eine Reise und verzaubert uns wie in einer Varietévorstellung. Ein Abstecher in die Mocambo-Bar, eine kleine Tragödie, die sich zwischen einem Lächeln und einer verstohlenen Träne abspielt.
Giorgio Verdellis Musikdokumentation PAOLO CONTE – VIA CON ME bringt uns diesen vielseitigen, manchmal unergründlichen Mann näher, sie nimmt uns mit auf eine Reise durch fast fünfzig Jahre seines Lebens und seiner musikalischen Karriere. Seine Texte und seine Musik verweben sich mit den Liedern, den Konzerten, den Kommentaren der Freunde und den Betrachtungen des Meisters aus Asti zu einer Flut von Bildern, die in unserer Vorstellung entstehen. Verdelli durfte Contes umfassendes persönliches Archiv nutzen, das zahlreiche Aufnahmen seiner Konzerte auf internationalen Tourneen und vielen weitere Momenten seiner einzigartigen Karriere umfasst. Wir betreten das Labyrinth seiner Lieder, von denen viele zunächst für andere Künstler komponiert wurden: Adriano Celentano, Enzo Jannacci oder Jane Birkin, Caterina Caselli und Bruno Lauzi, um nur einige zu nennen. Wir lernen Paolo Contes Leidenschaften wie Jazz, Denksportaufgaben, Malerei, Juristerei und Filme kennen, sehen ihn erstmals zeichnend in seiner Kanzlei in Asti, wir hören ihm zu, wenn er von seiner Musik erzählt. Zahlreiche Künstler, Bilder und Filmbeiträge führen uns vom Bekannten zum Unbekannten durch die Geschichten, die Verse und die Lieder in der außergewöhnlichen, ganz eigenen Welt des Paolo Conte.


ANMERKUNGEN DES REGISSEURS
PAOLO CONTE – VIA CON ME ist zum einen ein Film über einen herausragenden Künstler und entwirft zum anderen ein Tableau menschlicher Geschichten und Gefühle um die Lieder von Paolo Conte herum. Die Essenz meiner filmischen Arbeit liegt darin, dass ich die Wahrnehmung von Contes großartigen Songs zum Narrativ für die unendlichen Interpretationsmöglichkeiten mache, die uns in Bezug auf unsere eigenen Gefühle zur Verfügung stehen.
Das musikalische Repertoire des Films wurde gemäß seinem Drehbuch ausgesucht. Der Schnitt spielt im Rahmen des kreativen Schaffensprozesses des Films eine sehr wichtige Rolle. Ich habe besonders viel Sorgfalt auf die Musikauswahl für die Passagen zwischen den Interviews und während der langen Einstellungen meines Films verwandt. Einige wiederkehrende Element wie das Automobil “Topolino Amaranto” tauchen immer wieder in verschiedenster Art und Weise auf und werden zum Symbol für die Bedeutung der Erinnerung in Paolo Contes Kunst: Die Vergangenheit und die Gegenwart verschwimmen zu einem Dialog der Musik.
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Donnerstag 09.09.2021
FANTASTISCHE PILZE
Ab 09. September 2021 im Kino
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FANTASTISCHE PILZE – Die magische Welt zu unseren Füßen nimmt uns mit auf eine fesselnde Reise in ein unterirdisches Netzwerk, das unseren Planeten heilen und retten kann. Mit den Augen renommierter Wissenschaftler und Mykologen wie Paul Stamets („dem bekanntesten Pilz-Experten der Welt“, SZ Magazin), werden Schönheit, Intelligenz und Lösungen aufgezeigt, die uns das Pilzreich als Antwort auf einige unserer dringlichsten medizinischen, therapeutischen und ökologischen Herausforderungen bietet. Unter der Regie von Louie Schwartzberg ist ein bewusstseinsverändernder Film entstanden, der bereits in den USA für Furore gesorgt und begeisterte Kritiken bekommen hat.

Ein Film von LOUIE SCHWARTZBERG

Unter unseren Füßen befindet sich eine magische Welt, die alles Lebende miteinander verbindet: Als gigantisches unterirdisches System bilden Pilze die Grundlage der Existenz.
„Meine Mission ist es, die Sprache der Natur zu entschlüsseln“: Mit dieser Zielsetzung präsentiert Regisseur Louie Schwartzberg in FANTASTISCHE PILZE – Die magische Welt zu unseren Füßen die Geschichte der Pilzforschung sowie neueste wissenschaftliche Erkenntnisse. Er zeigt, welche Rolle die geheimnisvollen Wesen im Kreislauf der Natur, bei der Bewältigung von Öl-Katastrophen oder beim Bienensterben, therapiebegleitend bei verschiedenen Krankheiten, bei der Erweiterung des menschlichen Bewusstseins oder gar der Bekämpfung von Pandemien spielen können.
„Sie können uns ernähren und heilen – aber auch töten“, fasst Schwartzberg die Faszination der 1,5 Millionen Pilzarten zusammen. Als Meister des Recyclings stehen sie für Wiedergeburt und Regeneration sowie Anfang und Ende der Existenz. Bizarr, wunderschön und immer auch etwas unheimlich stärken sie die Kommunikation innerhalb der Ökosysteme, dienen als Transport- und Warnsysteme. Sie erlangten in den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen spirituelle Bedeutung – vom Schamanismus der Maya- Kulturen bis hin zur Hippie-Bewegung der 1960 und 70er Jahre.
Angesichts von Pandemien erlebt die Pilzforschung aktuell neuen Auftrieb und Unterstützung: Gleichzeitig steht sie noch am Anfang: Wer weiß, wohin uns die lebenserhaltenden, „antibiotischen“ Eigenschaften der Pilze noch führen werden?



REGISSEUR LOUIE SCHWARTZBERG ÜBER ...
... seine Motivation als Filmemacher:
... die Zusammenarbeit mit seinem Protagonisten Paul Stamets: Oft werde ich gefragt: „Warum hast du ausgerechnet einen Film über Pilze gemacht?“ Ich habe keinen Film über Pilze gemacht. Ich habe einen Film über ein alternatives Universum gemacht – und die immensen Chancen, die seine Vielfalt bietet.
Mein genereller Antrieb, Filme zu machen, basiert auf meiner Leidenschaft, inspirierende Bilder aufzunehmen, die die Menschen zum Staunen bringen. Ich möchte Phänomene einfangen, die aufgrund ihrer Langsamkeit, ihrer Schnelligkeit, ihrer zu geringen oder zu beachtlichen Größe mit dem bloßen Auge nicht wahrgenommen werden können. Ich liebe es, Zuschauer durch Zeit und Raum mitzunehmen. Solche Erfahrungen sind eindringlich, transzendental und erweitern unsere Weltsicht.

... die Zusammenarbeit mit seinem Protagonisten Paul Stamets:
Die Arbeiten zu FANTASTISCHE PILZE begannen vor über dreizehn Jahren, als Paul Stamets auf der Bioneers Conference, einer Konferenz für praktische und zukunftsweisende Lösungen zu globalen Umweltfragen, einen seiner ersten Vorträge hielt. Damals war ich der sinnlichen Schönheit von Blumen und Blüten bereits erlegen. Ich nehme sie seit dreißig Jahren ohne Pause 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche im Zeitraffer auf. Ein Teil meiner Arbeit galt auch den Pilzen. Nach Pauls Präsentation zeigte ich ihm auf meinem Laptop einige meiner Videos von Pilzen. In diesem Augenblick knüpfte das Myzelnetzwerk erfolgreich seine Bande.

... die Produktionstechnik:
Vor 40 Jahren gehörte ich zu den ersten, die auf 35 Millimeter mit Zeitraffer arbeiteten. Ich begann, die Zuschauer auf ganz besondere Zeit- und Formenreisen mitzunehmen. Etwas ganz Besonderes beim Dreh von FANTASTISCHE PILZE war die Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft. Zwischen beiden Bereichen herrscht eine intrinsische Beziehung, und beide können die Menschen in Erstaunen versetzen. Die Sequenzen mit dem von Künstlern animierten unterirdischen Myzel wurden nach Rasterelektronenmikroskopbildern angefertigt. Die Zeitrafferbilder von wachsenden Pilzen wurden mit Licht- und Filmkunst in Szene gesetzt.

... seine Faszination für die Welt der Pilze:
Woher kommt unser Boden? Was kann organische Materie, einschließlich Mineralien aus Gestein, aufspalten und daraus Boden bilden? Die Antwort: Es sind die Pilze, die überall unter unseren Füßen und in unseren Körpern leben. Nach meiner ersten Begegnung mit Paul Stamets wusste ich sofort, dass ich tief in die Welt der Pilze eintauchen und einen Film über das Fundament des Lebens machen musste, über das die meisten von uns nichts wissen. Eine fantastische Reise! Zu erfahren, wie Pilze uns ernähren, uns heilen, Umwelt- und Luftverschmutzung beseitigen und unser Bewusstsein verändern können, hat gravierende Auswirkung auf mein Leben gehabt.
Pilze können die Umwelt reinigen, unseren Körper heilen und unser Bewusstsein verändern. Doch die größte Entdeckung für mich – jenseits der Wissenschaft und der Herausforderung, das Unsichtbare sichtbar zu machen – war und ist, dass sie uns beispielhaft zeigen, auf welche Weise sich das Leben entfalten kann: als gemeinsame Ökonomie unter der Erde; als interzelluläres Netzwerk, das zum Nutzen aller Ökosysteme Nährstoffe austauscht.

... die ökologischen Chancen, die die Pilze bieten:
Ich hätte nie gedacht, dass Pilze und ihre Partner aus der Pflanzenwelt die beste und schnellste natürliche Lösung für den Klimawandel sein könnten. Doch meine wesentliche Erkenntnis aus FANTASTISCHE PILZE besteht darin, dass das Myzelnetzwerk Verbindungen zwischen Pflanzen und Bäumen herstellt, über die die Ökosysteme als symbiotische Gemeinschaften gedeihen können.
Nichts in der Natur lebt allein, und Gemeinschaften überleben eher als Individuen. Das ist ein inspirierendes Modell für das Zusammenleben von Menschen: Eine gemeinsame Wirtschaft, die nicht auf Habgier, sondern auf gegenseitiger Kooperation aufbaut.
Quelle: Verleih
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