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1. Landsberg: Die Wahrheiten – Das Karussell des Lebens dreht sich komplizie...
2. Landsberg: Ferenc Snetberger – Musikalische Schatztruhen
3. Landsberg: Rite of Spring – Made in China
4. Landsberg: Die Jungfrau von Orleans – Krieg braucht vermeintliche Helden
5. Landsberg: Antigone. Ein Requiem – Macht und Ohnmacht
6. Fürstenfeld: Leonid Chizhik - Tschaikowski in Jazz
Donnerstag 18.11.2021
Landsberg: Die Wahrheiten – Das Karussell des Lebens dreht sich komplizierter
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Fotograf: Jean-Marc Turmes
Landsberg. Jeder weiß, wie brüchig Freundschaften sind. Trotz der immanenten Hoffnung: Unsere hält ewig. Und dann das plötzliche, das brutale Aus. Die Frage, die dahinter steckt: Vielleicht war es keine Freundschaft? Besser das Nachdenken: Was überhaupt ist Freundschaft? Auch: Wie ist Freundschaft zu erhalten?
Ist sie nur eine idealisierende Bezeichnung für ein Beziehungsdrama im Anfangsstadium, oder einfach nur ein dehnbarer wie abgenutzter Begriff, der einem illusorischen Miteinander gerecht werden soll? In der Kunst jedenfalls ein überaus dankbares Motiv.
Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben dieses Thema in den Mittelpunkt eines Kammerspiels gestellt. „Die Wahrheiten“ sind vier liebende Personen auf dem Prüffeld Freundschaft. Und es liegt nur auf der Hand, dass es der Wahrheiten viele gibt. Immer abhängig von Personen, den äußeren Verhältnissen und dem dynamischen Miteinander. Nein, das ist bei weitem keine neue Erkenntnis. Scheint aber thematisch zumindest von solchem Interesse, dass sich das Metropoltheater München dieser Vorlage annimmt. Am Dienstag gastierten Theater und Ensemble in Landsberg und brachten eben dieses Stück auf die Bühne.
Freundschaft in poetischen Worten und betörenden Bildern. So beginnt das von Joch Schölch in Szene gesetzte Spiel. Aber schon nach wenigen Minuten ist der Zauber vorbei. Aus dem freundschaftlichen Miteinander wird ein Desaster. Anfangs noch eher harmlos, doch im Laufe des fortschreitenden Abends laden sich die Spannungsfelder weiter auf.
Da sind Bruno und Sonja (er Banker, sie Ehefrau). Am Abend erhalten sie eine SMS von ihren bis dato Freunden Erik und Jana (er Filmkritiker, sie Psychologin). Darin kündigen diese Bruno und Sonja (scheinbar) grundlos die Beziehung auf. Wir erfahren, wie die beiden Empfänger auf die Nachricht reagieren, mit Enttäuschung und Wut, mit Selbstanklage und Verachtung.
Dann folgt jene Szene, die die Entstehung der SMS im Hause von Erik und Jana zuvor beleuchtet. Wieder bestimmen mangelndes Verständnis, Ignoranz, Egoismus und unüberlegtes Handeln den Schauplatz. Die Verhaltensmuster der Protagonisten wirken in sich erstarrt, ihre Toleranz nach außen und ihr Verständnis sind eher theoretischer Natur.
Michele Cuciuffo, Katharina Müller-Elmau, Leo Reisinger, Mara Widmann füllen ihre Rollen routiniert, entsprechend des dramaturgischen Handlungsablaufes.Ob sich Teile des Publikums in diesem störrischen Auf- und Miteinander von Beziehungen wiederfinden, sei dahingestellt.
Schauspieler und Regisseur lassen das Stück im Niemandsland zwischen Boulevard und Drama pendeln, bedienen sich vieler Klischees, die so mit Sicherheit real sind und suchen nach Auswegen aus Ihrem Dilemma.
Was letztendlich heraus kommt sind trotz (oder auch weil?) verquere Kommunikation, Misstrauen und Lügen, Abkehr und Rivalität, Macht und Abhängigkeit und auch Betrug. Das ganze Orchester menschlichen Miteinanders eben. Und ganz zum Schluss folgt er natürlich prombt: der Verrat – am Partner. Und so werden aus einst großer Liebe und stabil scheinender Freundschaft, aus hehren Gefühlen, ganz simple und gewöhnliche Beziehungen. Und der Grund hierfür soll einzig das Unverständnis zwischen Männern und Frauen sein? Das ist irgendwie zu wenig, zu banal. Denn das Karussell des Lebens dreht sich komplizierter!
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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Fotos: Attila Kleb
Samstag 13.11.2021
Landsberg: Ferenc Snetberger – Musikalische Schatztruhen
Landsberg. Zwar stammt Ferenc Snetberger aus Ungarn, genauer aus Salgótarján, einer im Norden des Landes, an der slowakischen Grenze gelegenen Kleinstadt mit knapp 37.000 Einwohnern, aber als Musiker und Mensch outet er sich immer wieder als praktizierender Weltbürger. Musik ist für den Gitarristen, so lange er denken kann, eine universale Sprache, die sämtliche Emotionen und Ideen sich auszudrücken für ihn abdeckt und damit zugleich der Völkerverständigung dient.
In der Brust Snetbergers stecken damit, wie am Freitagabend auch im Landsberger Stadttheater zu erleben war, gleich mehrere musikalische oder sagen wir besser, kulturelle Seelen, die aber zu ein und derselben Persönlichkeit gehören. Denn es ist zwar unüberhörbar dass er, was die Tonkunst und die Klangfarben betrifft, von der Musik der Sinti und Roma geprägt wurde. Doch gleichzeitig verlustiert er sich in den Gassen und Alleen der klassischen Gitarrenliteratur, liebt die Folklore der Welt und fühlt sich mit seinen pastellenen Impressionen zu Film- und Theatermusik hingezogen. All diese stilistische Vielfalt und sein ausgeprägtes musikalisches Sendungsbedürfniss prädistinieren ihn zu Aufnahmen für das Münchner ECM Label. Hier befindet er sich in bester Gesellschaft, steht in einer Reihe mit so großartigen Gitarristen wie Ralph Towner und Wolfgang Muthspiel, Bill Connors, Dominic Miller und Egberto Gismonti.
In Landsberg füllte Snetberger mit seinem Instrument allein die große Bühne und erzählte fortlaufend wunderbare, musikalische Geschichten. Mit einer natürlich wirkenden Leichtigkeit waren dies persönliche, Intimität ausstrahlende Erzählungen, die zugleich auch einer Art Abhandlung in Bezug auf die Stellung der Gitarre innerhalb der Musik gleichkamen. Der Gitarrist bewegte sich in stiller Intensität durch die Enklaven dieser Welt, öffnete improvisierend immer neue musikalische Schatztruhen, deren Inhalte regelrecht verzauberten.
Abgesehen von den traumhaften, meist zarten Melodien waren es die Fülle an Nebentönen und der auf nur sechs Saiten orchestrierten Melancholie, die gefangen nahmen. Es begeisterten die komplexen harmonischen Strukturen, die aufgerissenen Läufe und gebrochenen Oberflächen. Das klang dann nicht nach süßlichem Zuckerguss, sondern nach Würde und Grazie, nach Anmut und Verträumtheit.
Hier spürte man die Lebenserfahrung, die in dem heute 64jährigen stecken, seine akademische Ausbildung, und seine unschlagbare Virtuosität - die aber stets wohldosiert, eher reserviert zum akustischen Einsatz kam. Ferenc Snteberger fühlt sich nun einmal zu den klanglichen Feinheiten dieser Welt hingezogen. Er ist bei weitem nicht der Mann fürs Grobe.
Wenn er dann auf bekannte Kompositionsgerüste zurückgreift, wie auf den Jerome-Kern-Klassiker „All The Things You Are“ als Zugabe, dann gestaltet er den Song erfrischend selbstbewusst und macht aus dem Standard ganz einfach einen Snetberger-Song. Dann steht zwar das Thema deutlich hörbar im Mittelpunkt, aber diese Neben- und Zwischentöne machen aus dieser Musical-Melodie von 1939 etwas Modernes, Formbewusstes und in seiner Poesie doch Flüchtiges. Ähnlich ergeht es auch einem kleinen Johann-Sebastian-Bach-Medley.
Zumal der Ungar aber auch swingen kann - wie der Teufel. Da spürt man dann den Einfluss eines Django Reinhardts überdeutlich, sieht ihn die Akkorde greifen und noch wichtiger: hört im Geiste dessen einzigartige Brillanz.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 10.11.2021
Landsberg: Rite of Spring – Made in China
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Photography: C. Cardoso
Landsberg. „In dem allgemeinen menschlichen Bedürfnis, seelischen Erregungen durch leibliche Bewegung Ausdruck zu geben, gewissermaßen den inneren Spannungen ein befreiendes Ventil zu öffnen, liegt die Wurzel und Quelle des Tanzes“, schreibt der Kunsthistoriker und Kritiker John Schikowski schon 1926 über den Tanz. Er sei nichts weiter „ … als die Kunst, seelischen Zuständen und Vorgängen durch rhythmische Körperbewegung sichtbaren Ausdruck zu geben.“
Im Grunde klingt dies alles ganz einfach und vor allem logisch. Schwieriger wird es in der Umsetzung, wenn sich die dazugehörige Musik einerseits aus reduzierten elektronisch-perkussiven Versatzstücken zusammensetzt und dann wieder zu den europäischen Schlüsselwerken des 20. Jahrhunderts zählt; wenn die Tänzer einer Kompanie aus Portugal angehören und die Choreographie sowohl klassisches europäisches Ballet als auch einen starken Bezug zum fernen Ostasien aufweist. Innerhalb der Musik hat sich schon vor Jahrzehnten in ähnlichen Zusammenführungen der Begriff der „Weltmusik“ etabliert. War das, was am Dienstag im Landsberger Stadttheater zu sehen war „Welttanz“?
Genau so könnte man den Auftritt des Quorum Ballet mit dem Stück „Rite Of Spring – Made in China“ unter der Choreographie von Daniel Cardoso und Xie Xin bezeichnen. Denn das, was sich im Reigen drehend, schwindlig bewegend, im Körperlichen Spannungen vermittelnd, Räume durchmessend und letztendlich also Inhalte bzw. Emotionen tanzend auf der Landsberger Bühne präsentiert wurde, was sich hier Genre und Stil übergreifend ereignete, war auch ein gewaltiges Stück Menschheitsgeschichte. Egal aus welcher Kulturecke betrachtend: Hier trafen Welten aufeinander, die im Grunde einer einzigen Welt entspringen.
Es waren ebenso archaische Bewegungselemente spürbar, wie auch Kunstfiguren des modernen Ausdruckstanzes die mit unbeugsamer Intensität zusammengeführt wurden. Da stieg die Terrakotta-Armee von Qin Shi Huang zum Ende martialisch aus dem Schlamm der Jahrhunderte, zugleich wurde der Frühlingsreigen, als ein heidnisches Ritual, tänzerisch mit eingebaut. Es wurde an die Verzweiflung von rivalisierenden Auseinandersetzungen als einem wesentlichen Teil der Menschheitsgeschichte erinnert, und die erfüllte Liebe gefeiert.
Bei aller Gegensätzlichkeit der Musik und den getanzten, gesprungenen, explodierenden Bewegungselementen, waren doch zugleich auch viele Übereinstimmungen innerhalb der Kulturen spürbar. Das war auch das eigentliche Anliegen der Choreographen. Zusammen zu bringen, was so eigentlich (bisher) nicht zusammenzugehören schien.
Für genau eine solche Herausforderung machte sich das Quorum Ballet vor Jahren auf, um ähnlich ihren Vorfahren, den entdeckungsfreudigen Seefahrern, durch die Welt zu ziehen, andere Kulturen, in diesem Fall andere Tanzformen auszukundschaften. In Shanghai sind sie fündig geworden, haben in Xie Xin eine ebenso besessene Tänzerin gefunden, mit der sich sofort die Möglichkeit einer Zusammenarbeit ergab. Es mag schon wie eine wenig stimmige Herausforderung klingen, den Electro-Spezialisten Jorge Silva und die Wucht und Eindringlichkeit Igor Strawinskis „Rite Of Spring“ innerhalb eines Stückes miteinander in Bezug zu setzen. Als Brücke zwischen diesen Kulturen fungierte das Quorum Ballet – selbstbewusst, ekstatisch, begeisternd.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
Sonntag 31.10.2021
Landsberg: Die Jungfrau von Orleans – Krieg braucht vermeintliche Helden
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Foto Forster, Landestheater Schwaben
Landsberg. Die Geschichte der Völker dieser Welt ist immer die Geschichte von Kriegen und deren vermeintlichen Helden. Dies trifft auch auf die Figur der Jeanne d’Arc zu, der Tochter eines Hirten aus Lothringen, die aufgrund ihrer Rolle im Hundertjährigen Krieg (1337 – 1453) in Frankreich bis heute als eine Nationalheilige gefeiert wird. Sie war es, die als „göttliche Gesandte“ und mit Hilfe von 60 Fuhrwerken voller Lebensmitteln, 435 Karren mit Lebendvieh und 3000 Mann (Gerd Krumeich) das an der Loire gelegene Orleans von englischer Knechtschaft befreite.
Als sie 1430 dann selbst in die Hände der Engländer fiel, wurde als Ergebnis eines intriganten Ketzerprozesses gegen sie der Tod auf dem Scheiterhaufen ausgesprochen und umgesetzt. Dieses Urteil wurde wiederum fünfundzwanzig Jahre später aufgehoben und Jeanne d’Arc 1909 von Papst Pius X. selig- und 1920 von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen. Soweit die Historie.
Friedrich Schiller nahm sich dieses Stoffes an und hat in der romantischen Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“, die in Leipzig 1801 uraufgeführt wurde, aus der etwas naiv wirkenden Gotteskriegerin und der idealisierten männlichen Kampfmaschine, eine Frau geformt, deren Religiosität zwar ihr Leben bestimmte, die aber letztendlich doch als Mensch mit ihren Widersprüchen und Konflikten, neben dem enormen Durchsetzungsvermögen spürbar war.
Kathrin Mädler ist nun bei der (vorläufig letzten) Inszenierung für das Landestheater Schwaben in ihrer Betrachtungsweise noch einen Schritt weiter gegangen. Sie gibt, wie am Freitag in einer Aufführung im Landsberger Stadttheater zu erleben war, diesen persönlichen Zweifeln und inneren Zerrissenheiten, die verklärten Kriegshelden unsinnigerweise immer anhaften, mehr Raum. Sie arbeitet die persönlichen Konflikte der heldenhaften Person stärker heraus und formt letztendlich eine weibliche Rolle, die sich als (junge) Frau in einer von tyrannischen Männern beherrschten Welt durchsetzen und in dieser fanatisch für die eigene Ideale kämpfen muss.
Auf weibliche Figuren, die in Schillers Vorlage für den dramaturgischen Ablauf eine Rolle spielen, verzichtet Mädler gänzlich, ohne dass sie im Handlungsablauf zu fehlen scheinen. Im Gegenteil: Die Ereignisse werden dadurch weitaus gradliniger erzählt.
Das liegt natürlich auch an Franziska Roth, die die Rolle der Johanna entscheidungsfreudig, vehement, durchsetzungsfähig, doch als resolute Heerführerin mit einem Hauch Melancholie angeht. Nach den großen, vernichtenden Schlachten gibt sie sich als zweifelnde junge Frau zu erkennen, deren Träume und sinnliches Sehnen sie zwischendurch fast aus dem Konzept bringen. Die Realität macht bei Johanna dem religiösem Fanatismus wenigstens für kurze Zeit Platz.
Die Figuren um Johanna, vom Vater Thibault d’Arc (der seine Tochter weit weg von allem Blutvergießen wissen möchte und sie nur allzu gern verheiratet sähe), über König Karl VII. (einem schwächlichen, ängstlichen, phrasendreschenden Herrscher, der keiner Staatskrise gewachsen scheint), bis hin zu Lionel (der im Grunde und im Vergleich zu Johanna bewusst blass und bescheiden angelegt ist, aber dann doch ihr endliches Schicksal besiegelt) könnten einerseits der Zeit ihrer Handlung entstammen. Andererseits braucht es nicht viel Fantasie, sich gegenwärtige Zeitgenossen und Mitmenschen vorzustellen, die, sich in ähnlichen Situationen befindend, ebenso denken und handeln. Insofern brauchte Kathrin Mädler ihrer Inszenierung keinen deutlicheren Bezug zur Gegenwart geben, um die Modernität dieses Klassikers unter Beweis zu stellen.
Jörg Konrad

Hier Bericht aus der Augsburger Allgemeinen/LT
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Sonntag 24.10.2021
Landsberg: Antigone. Ein Requiem – Macht und Ohnmacht
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Foto: Franziska Götzen
Landsberg. Die Körper, die leblos an die Strände gespült werden, sind nur die sichtbaren Toten. Die, die ertrunken auf den Meeresgrund sinken, bleiben ungezählt - unbestattet. Kaum jemand fühlt sich für sie verantwortlich – weder die Badenden in den Urlaubsparadiesen, schon gar nicht die Passagiere der Kreuzfahrschiffe, die als ökologische Dreckschleudern zerstörerisch das Mittelmeer durchpflügen, noch die an die Ufer angrenzenden Staatengebilde mit ihrer Politikerprominenz. Sie erlassen jede fremde Not verdrängend Gesetze, die in diesem Fall das offizielle Beerdigen von namenlosen Flüchtlinge untersagen. Die wenigen Retter auf den Meeren selbst werden zudem weltweit bedroht, verfolgt, angeklagt und, wenn gefasst, vielleicht sogar der Freiheit beraubt. Gelebter Humanismus im 21. Jahrhundert!
Vielleicht sind es diese Bilder und Geschehnisse, die Thomas Köck anregten, sich dem antiken Stoff der Antigone, in der Tragödie, neu zu nähern. Denn der Dramatiker lässt an den Ufern des Mittelmeeres nicht wie in der Tragödie die Leiche eines Kriegers anspülen, sondern die Toten hunderter Fremder, von denen niemand weiß woher sie kommen geschweige wie sie heißen. Wem gehören diese Leichname? Wer bestattet sie würdevoll? Wer gibt ihnen die letzte Ehre? Wer ist für sie zuständig?
Ein exemplarischer Streit entbrennt. Hier das abstrakte, von Menschenhirn geschaffene Gesetz, entstanden ohne jede Empathie, ohne Gewissen. Kalte Staatsräson, die mit aller Macht umgesetzt gehört.
Simone Thoma hat Köcks Vorlage für das Theater an der Ruhr in Szene gesetzt. Das Ensemble gastierte mit dem aufwühlenden, überwältigenden "Antigone. Ein Requiem" am Samstag im Landsberger Stadttheater und hat, wie zuvor in manch anderen Spielorten, für bedrückendes Nachdenken gesorgt. Aufgearbeitet wird das Thema szenisch in einer dieser makabren Gesprächsrunden - auch Talkshow genannt. Die geladenen Gäste, allesamt „Experten“, diskutieren in einem youtube-Kanal über den segensreichen Kapitalismus anhand der bolivianischen Stadt Potosi, einem Zentrum des Silberabbaus. Die dort schuftenden Menschen gehen zugrunde – der Gewinn an Edelmetall ist hingegen beträchtlich.
Die Gäste werden im Laufe der Diskussion zu den Protagonisten der Tragödie des Sophokles: Antigone, Ismene, Kreon und Teiresias.
Es prallen Welten aufeinander: Macht und Ohnmacht, Verbote und ziviler Ungehorsam, Autorität und Menschlichkeit, Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Wo sind aber die Grenzen der Demokratie? Gibt es Situationen, die einem die Möglichkeiten geben, eigenes Rechtsempfinden auch gegen gesetzliche Vorgaben anzuwenden? Was ist mit dem Recht auf Menschlichkeit, der Moral - auch, oder eben gerade innerhalb einer demokratischen Gesellschaft? Oder genügt es, die Hände in Unschuld zu waschen?
Im vorliegenden Fall bedeutet dies: Das Recht schreibt im konkreten Fall vor, die angespülten Leichen dürfen nicht bestattet werden. Müssen sie also öffentlich verwesen? Oder überschreitet man die Anordnung und macht sich vor dem Gesetz schuldig?
Solange dieser Disput anhält, ist noch eine schmales Licht der Hoffnung am Horizont zu erkennen. Doch gleichzeitig verändert sich während der „Bühnen-Show“ die Welt ringsum zusehends. Sie wird dunkler. Das Klima kippt, die Meeresspiegel steigen an, Tiere sterben aus, Gewalt beherrscht den Planeten.
„Antigone. Ein Requiem“ - beeindruckend durch eine geschlossene (wie bedrückend machende) Ensembleleistung. Kunst, die dem tagtäglichen Tun des Menschen den Spiegel vorhält und damit eine der wichtigsten Botschaften vermittelt: Mensch zu bleiben, menschlich zu entscheiden und letztendlich menschlich zu handeln. Kunst als Waffe? Ja, weil wir uns an einem Punkt befinden, an dem es existenziell ist, gesellschaftliche Verwerfungen mit Mitteln der Kunst offen und provokant anzusprechen und Menschen dadurch aufzurütteln.
Jörg Konrad

Bericht in der Augsburger Allgemeinen Zeitung folgt
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Donnerstag 21.10.2021
Fürstenfeld: Leonid Chizhik - Tschaikowski in Jazz
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Foto: Thomas J. Krebs
Fürstenfeld. Beiläufiges gab es an diesem Abend schon erst einmal gar nicht zu hören. Trotzdem wirkte das, was Leonid Chizhik gestern in Fürstenfeld spielte mitunter leicht und verspielt. Sein pianistischer Kosmos zwischen Klassik und Jazz erstrahlte ohne verkrampften Virtuosenehrgeiz. Hier saß einer am Klavier, der um die Wirkung von Musik weiß, der sich dabei aber von artistischen Spielereien fern hält und trotzdem in der Lage ist, einen pianistischen Spannungsbogen nach dem anderen aufzubauen. Immer bescheiden im Auftreten und doch anspruchsvoll in der Umsetzung.
Leonid Chizhik hat sich bei seinem Auftritt in der Reihe Jazz First auf Peter Iljitsch Tschaikowski, den großen russischen Romantiker berufen. Dieser rutschte aufgrund seiner Schwermut in manche Lebenskrise, aus denen er sich Dank seiner musikalischen Fähigkeiten und den damit einhergehenden klanglichen Visionen immer wieder herauswand. Die Musik gestaltete sein Dasein erträglicher, schuf eine lebensbejahende Balance. Seinen Werken hört man diese atmosphärischen Schwankungen hingegen nicht unbedingt an, sieht man einmal von dem Umstand ab, welch ein vielschichtiges Werk, bestehend aus Opern und Sinfonien, aus Ballett, Kammermusik und Vokalwerken, er hinterließ.
Leonid Chizhik interpretierte Teile von Tschaikowski-Vorlagen blitzgescheit und mit emotionalem Tiefgang. Speziell einzelne Monatsnamen aus dem Zyklus „Jahreszeiten“ zeigten seine pianistische Vielfalt, seine wahre künstlerische Statur. Jede dieser Impressionen wurde bei ihm zu einem berührenden Kleinod, mal im aufbäumenden Boogie Woogie-Stil, mal als Blues-Interlude, mal als niveauvoller Swing, mal einer unverwechselbaren Keith Jarrett'schen Ästhetik geschuldet. Eugen Onegin hingegen klang wie von Thelonious Monk voller Poesie gehämmert um anschließend, es handelt sich stilistisch nur um einen Katzensprung, im Ragtime auszuklingen. Leonid Chizhik fühlte sich in diesem Umfeld hörbar wohl. Er begegnete jedem entrückten klanglichen Poem mit vehementem Augenmaß, gab andersrum seinen perlenden Improvisationen die magische Leuchtkraft eines Peter Iljitsch Tschaikowski.
Es hat viele Jahre gedauert, bis Jazz und Klassik vorurteilsfrei in der Lage waren, ein ernstzunehmendes Verhältnis einzugehen. Leonid Chizhik gehört zu jenen Pianisten der Gegenwart, die die Gräben zwischen diesen Stilen vergessen machen, die allein die Musik in die Mitte ihres Tuns stellen und wirkliche Botschaften zu übermitteln haben. Nämlich die, dass Musik unter den hier präsentierten Gesichtspunkten eine grenzenlose, humanistische und beglückende Angelegenheit ist.
Jörg Konrad

Bericht in SZ/FFB am 04.11.2021
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