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1. Günter Steffen & Jewgenij Samjatin „Die Hauptstadt – Ost-Berlin in den...
2. Fjodor M. Dostojewski „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“
3. Lena Gorelik „Wer wir sind“
4. Wolfgang Hilbig „Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“
5. Ayelet Gundar-Goshen „Wo der Wolf lauert“
6. Helga Schubert „Vom Aufstehen“
Freitag 26.11.2021
Günter Steffen & Jewgenij Samjatin „Die Hauptstadt – Ost-Berlin in den Achtzigern“
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Das, was auf einem Großteil der im Buch veröffentlichten Bilder aussieht, wie Film-Requisiten für einen Kriegsfilm, sind die visuellen Eindrücke, die der Berliner Fotograf Günter Steffen auf seinem täglichen Weg zur Arbeit wahrnehmen musste. Es sind geisterhafte Szenarien, wie sie noch vor 40 Jahren in vielen ostdeutschen Städten zur Normalität gehörten. Diese Motive widerspiegeln die gelebte Realität, als ein Ergebnis des 2. Weltkrieges und der wirtschaftlichen Situation, in der sich die DDR während ihres insgesamt 41jährigen Bestehens befand.
Dieser gesamte Bildband, „Die Hauptstadt – Ost-Berlin in den Achtzigern“, ist Zeugnis eines Lebensgefühls, das heute, man glaubt es kaum, selbst bei den damaligen Bewohnern dieser Region fast vergessen scheint. Diese Trostlosigkeit, der Verfall, diese an Endzeitstimmung erinnernden Bilder lösen trotz aller inhaltlichen Resignation bei vielen heutigen Bewohnern nostalgische Gefühle aus. Man lebte in einer Art Nischengesellschaft, versuchte alles außerhalb des eigenen geistigen Horizontes auszublenden.
Nicht zuletzt dieses hoffnungslose und düstere Lebensumfeld, die ständigen politischen Drangsalierungen, die fehlende Zukunftsperspektive führten dazu, dass die DDR menschlich ausblutete und sehr viele Existenzen die persönlichen und gefährlichen Strapazen auf sich nahmen, um das Land zu verlassen.
Günter Steffen hat diese bedrohliche Stimmung in seinen Bildern eingefangen und trotz aller beklemmenden Inhalte einen Realzustand dokumentiert, und zugleich auch schwarz/weiße Kunstwerke geschaffen.
Der Ausdruck der Verzweiflung, der diesen Arbeiten innewohnt, wird durch Textfragmente des (damals) sowjetischen Autors Jewgenij Samjatin aus seinem dystopischen Roman WIR noch verstärkt. In seinem Buch werden die Namen der Menschen durch nummern ersetzt, sie leben in Häusern, deren Wände aus Glas sind und somit zu jeder Tages-und Nachtzeit beobachtet werden können. Um ihnen die Fantasie zu nehmen werden Gehirnoperationen durchgeführt, womit zugleich sämtliche Gedanken des Widerstands eleminiert sind.
Der Roman WIR wurde 1920 als eines der ersten Bücher in der Sowjetunion offiziell verboten.
Jörg Konrad

Günter Steffen & Jewgenij Samjatin
„Die Hauptstadt – Ost-Berlin in den Achtzigern“
Hartmann Books
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Montag 15.11.2021
Fjodor M. Dostojewski „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“
Hier spricht einer voller Verbitterung, Zynismus, mit Egoismus und Arroganz. Die namenlose Hauptfigur in Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Roman „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ monologisiert gegen die Welt da draußen und gegen die eigene innere Persönlichkeit und bringt damit Bitterkeit, Resignation und Beklemmung zum Ausdruck. Im Grunde seines Seins leidet dieser Held, der im Sinne des Wortes gar keiner ist, grässlich - vor allem an sich selbst.
Doch auch an der Außenwelt, an der Gesellschaft insgesamt lässt er nichts Positives, findet keine akzeptablen Reflexionen, so dass er, mit einer geringen Rente ausgestattet, den Beamtendienst quittierte und in einer Kellerwohnung am Rande von St. Petersburg lebt (bisher wurde der Roman auch immer als „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ übersetzt).
Hier hinein passt der Gedanke Jens Jenssens, der in seinem Zeit-Artikel vom 03. November d.J. schrieb: „Er weiß, dass die Fragen der Jugend sich nicht durchs Älterwerden erledigen, sondern nur unterdrückt werden.“
Insofern hat die lauthals wie rauschhaft vorgetragene Kritik zwar etwas juweniles, postpubertäres an sich, aber auch wahrscheinlich etwas für die Zukunft und damit sein Leben negativ Beständiges.
Insofern sollte man die Erläuterungen der Welt, so wie sie die Hauptfigur von sich gibt, ernst nehmen.
Im zweiten Teil des Romans beschreibt er dann verschiedene Episoden aus seinem Leben, die letztendlich immer wieder zu dem Schluss kommen, er selbst sei eine Art Versager. Denn die Menschen um ihn herum, Bekannte und ehemalige Freunde aus der Schulzeit, scheinen ein zufriedenes, um nicht zu sagen glückliches Leben zu führen. Er selbst sieht sich ihnen gegenüber als ein Verlierer, was zur Folge hat, dass er sich noch stärker isoliert und die Schuld für alles Versagen einzig bei sich sucht. Die Kontakte nach außen bedeuten für ihn eine hemmungslose Entblößung
Fjodor M. Dostojewski hat diesen kurzen Roman in den Jahren 1863/64 geschrieben und Andreas Guski, Professor für Slavische Philologie an der Universität Basel, schätzt in seiner umfangreichen vor drei Jahren erschienen Dostojewski-Biographie diesen Text als einen der bedeutendsten Werke des russischen Autors ein. Er sieht in ihm die Vorstudie zu den großen Romanen der 1860/70er Jahre. Es ist auf jeden Fall dieses psychologische Feingefühl, diese logisch erscheinende Abkehr von der Welt, die der Autor so nachvollziehbar erschreibt. Es ist dabei auch die Verknüpfung mit der Gegenwart, die diesen Roman als einen klassischen Text erscheinen lässt. Denn der Weg aus einer inneren Verweigerungshaltung, als Folge ganz persönlicher Enttäuschungen, führt schnell zu einer Form der Radikalisierung. Das subjektive Empfinden, als Ergebnis emotionaler Enttäuschung lässt eine Figur entstehen, die wir heute auch als „Wutbürger“ bezeichnen, die die Gesellschaft auf ihre Weise völlig verquer wahrnimmt und provokant bis gewalttätig reagiert.
„Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ ist bei Manesse anlässlich Dostojewskis 200. Geburtstag in einer neuen Übersetzung von
Ursula Keller erschienen.
Jörg Konrad

Fjodor M. Dostojewski
„Aufzeichnungen aus dem Untergrund“
Manesse
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Dienstag 26.10.2021
Lena Gorelik „Wer wir sind“
Der Schriftsteller Abdulrazak Gurnah, der dieses Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist in Tansania geboren. Er lebt und arbeitet in Großbritannien, und er nennt den Zustand, „an dem einen Ort zu leben und von einem anderen zu kommen,… eine der Geschichten unserer Zeit“.
Migrantische Literatur hat heute auch in Deutschland ihren festen Platz. Zahlreiche Autorinnen und Autoren, die in deutscher Sprache schreiben, bewegen sich zwischen unterschiedlichen Kulturen. „Wer wir sind“, der neueste Roman der jüdisch-russisch-deutschen Schriftstellerin Lena Gorelik, macht Migrationserfahrung besonders eindringlich nachvollziehbar.
Die Autorin wurde 1981 in Sankt Petersburg geboren. Als 11-Jährige emigrierte sie mit ihren Eltern, der Großmutter und ihrem älteren Bruder nach Deutschland. Heute lebt sie in München und zählt zu den vielbeachteten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. In ihrem autobiografischen Roman „Wer wir sind“ spielt das Problem der Sprache eine wichtige Rolle. Ihre Muttersprache ist russisch. Deutsch ist die Sprache, die ihr „am besten gehorcht“. Tastend, ihre Worte immer wieder reflektierend, oft auch trotzig und kraftvoll sucht Gorelik nach der angemessenen Sprache für ihre Geschichte. Sie nimmt russische Begriffe und Redewendungen in ihr Buch auf und spürt Unterschieden zwischen den beiden Sprachen nach. Im Deutschen ist es für sie schwerer, Gefühle zu beschreiben. Vieles klingt schwülstig und pathetisch, was im Russischen der Ausdruck eines echten Gefühls ist.
In „Wer wir sind“ stellt sich Lena Gorelik die Frage, was eigentlich unsere Identität ausmacht. Sie selbst ist geprägt durch ihre Herkunft aus einer russisch- jüdischen Familie und ihr Aufwachsen im sozialistischen Sowjetrussland. In detailreichen Episoden beschwört sie ambivalente Erinnerungen an ihre Kindheit herauf: an den Onkel, der verbotene Bücher las, der so viel lachte und der ins Meer gegangen ist. An das Märchentelefon bei ihren Großeltern. An die Mangelwirtschaft. An das graue Hochhaus, das für das kleine Mädchen Lena, ihr Alter Ego im Roman, Heimat und Geborgenheit bedeutet hat. Und dann der Bruch: Um dem zunehmend offenen Antisemitismus in der Sowjetunion zu entfliehen und um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, entschließen sich Lenas Eltern Anfang der 1990-er Jahre, als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland zu emigrieren.
Die Familie wird in einem schwäbischen Asylantenheim einquartiert und lebt auf engstem Raum mit anderen Flüchtlingen in einer von Stacheldraht umzäunten Holzbaracke. Lena wird von widersprüchlichen Gefühlen überschwemmt; sie schwankt zwischen Einsamkeit und Stolz, Heimweh und Selbstbehauptungswillen. Sie möchte dazugehören, in der Schule, in ihrer neuen Heimat. Das schlimmste an diesen Erfahrungen, das, was bleibt, ist die Scham. Sie schämt sich für ihre Familie, ihre Armut, ihr Anderssein, für ihre unmoderne Kleidung und ihren fremden Akzent.
Lena muss erleben, wie ihre gut ausgebildeten Eltern ihre Würde verlieren. Die Großmutter hat in der Sowjetunion einen Betrieb geleitet, aber in Deutschland ist sie nur eine sprachlose alte Frau. Die Ingenieurdiplome ihrer Eltern sind zwar ins Deutsche übersetzt, werden aber in Deutschland nicht anerkannt. Der Vater hält sich mit wechselnden, schlechtbezahlten Zeitarbeitsverträgen über Wasser, die Mutter arbeitet als Putzfrau. In Deutschland dreht sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern um: die Eltern werden zu unbeholfenen Kindern. Auf den Ämtern, beim Einkaufen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln verhalten sie sich unsicher und unterwürfig. Und je besser Lena die deutsche Sprache beherrscht, je selbstbewusster sie in dem neuen Land wird, desto mehr entfremdet sie sich ihren Eltern, die sich mit der Sprache schwertun. „Hören sie, dass viele Deutsche, wenn sie gebeten werden, etwas zu wiederholen, nicht nur langsamer und deutlicher sprechen, sondern auch lauter werden, als wäre man taub, hören sie, dass es klingt, als wäre man dumm?...Hören unsere Eltern, wie wir uns schämen?“ Aber zugleich ist da auch Lenas Scham über die Scham. Denn vor allem für ihre Kinder haben die Eltern ja all das auf sich genommen.
Schreiben ist für Lena Gorelik auch ein Akt der Befreiung, wie sie in einem Interview sagt. In „Wer wir sind“, ihrem bisher persönlichsten Roman, hat sie sich „hinausgeschrieben“ aus dem Erleben von Entwurzelung und sozialem Abstieg. Gleichzeitig versteht sie ihn als Liebeserklärung an ihre Eltern, deren Situation in der Fremde sie im Rückblick nicht mehr mit Scham, sondern voller Schmerz, einfühlsam und mit Empathie schildert. Ein wunderbar differenziertes, melancholisches Buch, zornig und zärtlich zugleich.
Lilly Munzinger, Gauting

Lena Gorelik
„Wer wir sind“
Rowohlt
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Dienstag 12.10.2021
Wolfgang Hilbig „Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“
Wolfgang Hilbig
„Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“
Briefe an DDR-Ministerien, Minister und Behörden
Herausgegeben und kommentiert von Michael Opitz
NEUE RUNDSCHAU
Jahrgang 2021 / Heft 2
S.Fischer Verlag

In einem Interview wurde Wolfgang Hilbig 2003 gefragt, ob er ein soziales Wesen sei. Darauf antwortete der Dichter: „Ich glaube nicht. Oder ich müsste eigentlich antworten, ich weiß es, dass ich keins bin.“ Wie er anschließend ausführte läge dies erstens daran, dass es innerhalb seiner Familie niemals den Versuch gegeben hätte, ihn zu einem sozialen Wesen zu erziehen. Es war eigentlich keine wirkliche Familie in der er aufgewachsen ist. „Mehr eine zusammengewürfelte Gruppe von nichtsozialen Wesen“, die sich eher durch Zufall gemeinsam in einer Wohnung aufhielten. Und zweitens wäre man als Schriftsteller vorwiegend egozentrisch. All zu viele Kontakte mit anderen Menschen würden störend auf die Konzentration wirken, die man schließlich zum Schreiben brauche.
Insofern war schreiben für Wolfgang Hilbig lebensnotwendig, seine ganz persönliche Art sozialer Kompetenz und Kommunikation. Wenn er zwei Wochen, egal aus welchem Grund, nicht in der Lage war, Gedanken und Ideen schriftlich zu formulieren und festzuhalten, verwahrlose er - innerlich wie äußerlich!
Geboren 1941 in Meuselwitz in Thüringen arbeitete Hilbig nach achtjähriger Schulzeit unter anderem als Maschinenschlosser, Horizontalbohrer, Montagehelfer, Heizer und Kesselwärter.
1964 geriet er wegen hetzerischer Briefe ins Fadenkreuz des Staatssicherheitsdienstes. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied des „Zirkel schreibender Arbeiter“ am Kulturhaus der Eisenbahner in Altenburg. Von 1965 an hat Hilbig intensiv wie erfolglos die Veröffentlichung eigener Texte in Ost- wie Westverlagen angestrebt. 1968 wurde er von der Staatssicherheit endgültig als „feindlich-negativer Nachwuchsschriftsteller“ eingestuft, observiert und jedes Veröffentlichen von Texten damit auch für die Zukunft erschwert.
Wie kann jemand, für den das Schreiben von Lyrik und Prosa existenziell ist und der vom Geheimdienst eines Landes durchgängig überwacht wird, von seiner Kunst überleben? Welche Möglichkeiten gibt es für ihn, innerlich frei und äußerlich unzensiert diesem wesentlichen Bedürfnis nachzugehen?
So schrieb er über Jahre sozusagen im Monolog mit sich selbst, allein für die Schreibtischschublade. Bis der spätere Büchnerpreisträger 1977 ein Angebot des S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main erhielt, einen Gedichtband zu veröffentlichen. Was dann begann, war eine mehrjährige intensive, überwiegend schriftliche Auseinandersetzung mit dem (Osterliner) Büro für Urheberrechte, ostdeutschen Verlagen, Funktionären und Behörden der DDR, bei Einbeziehung der Staatssicherheit, an dessen Ende neben einer komplizierten und behandlungsbedürftigen psychischen Belastungssituation ein mehrjähriges Visum für die Ein- und Ausreisereise in die Bundesrepublik Deutschland stand.
„Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“ ist eine zusammenfassende und dokumentierte Auswahl dieser Schreiben, die Hilbig an offizielle Stellen der DDR verfasste und von diesen zugestellt bekam. Zusammengetragen hat diese Dokumente der Herausgeber Michael Opitz aus dem Bundesarchiv, dem Wolfgang-Hilbig-Archiv der Akademie der Künste, dem Marbacher Literaturarchiv und aus den Stasiunterlagen Hilbigs. Es ist ein Kampf des Einzelnen als eine Art „Störenfried“ gegenüber einem „Mikrokosmos absurder Machtverhältnisse“, wie ihn Franz Kafka in seinem Roman „Das Schloss“ thematisiert.
Als Wolfgang Hilbig am 2. Juni 2007 einem Krebsleiden erliegt, hielten manche ihn als „vermutlich letzten großen deutschen Dichter im ursprünglichen Schillerschen Sinne“.
In oben erwähntem Interview wurde der Dichter Hilbig von Günter Gaus zudem gefragt: „Was ist der größte Luxus, den sie sich leisten?“ Hilbig: „Oh – also ich halte Luxus für störend. Ich halte mir keinen Luxus. Ich bin nicht im Besitz eines Autos, nicht einmal eines Fahrrades. Der größte Luxus den ich mir erlaube nicht mit der U- und der S-Bahn zum Ostbahnhof zu fahren – sondern mit dem Taxi.
Jörg Konrad

Literarische Preise und Auszeichnungen Wolfgang Hilbigs

1983 Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau (erstmals verliehen)
1985 Kunstpreis Berlin (Förderungspreis Literatur der Berliner Akademie der Künste)
1987 Kranichsteiner Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds Darmstadt
1989 Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt
1992 Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung
1993 Brandenburgischer Literaturpreis
1994 Bremer Literaturpreis
1996 Literaturpreis der Deutschen Schillerstiftung von 1859, Weimar (erstmals verliehen)
1997 Lessing-Preis des Freistaates Sachsen
1997 Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste
1999 Hans-Erich-Nossack-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft
2002 Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik
2002 Walter-Bauer-Preis der Städte Merseburg und Leuna
2002 Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt
2003 Ehrenmedaille der Stadt Meuselwitz (erstmals verliehen; nicht entgegengenommen, 2007 der Mutter Marianne Hilbig überreicht)
2007 Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg (Brandenburgischer Literaturpreis Umwelt)
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Freitag 17.09.2021
Ayelet Gundar-Goshen „Wo der Wolf lauert“
Sie wollten ihrem Sohn Adam ein Leben fernab von Krieg und Terror ermöglichen. Deshalb sind Lilach und Michael Schuster aus Israel in die USA emigriert. Michael hat im Silicon Valley einen hochdotierten Job in der Rüstungsindustrie angenommen. Sie leben in Palo Alto, einer der ruhigsten und sichersten Städte Amerikas. Aber sie entkommen der Gewalt nicht. „Vielleicht hatten wir gemeint, Adam vor dem israelischen Irrsinn zu bewahren, ihn tatsächlich aber einem anderen Irrsinn ausgesetzt“, sagt Lilach einmal.
In ihrem hochspannenden Roman „Wo der Wolf lauert“ beschreibt die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, wie soziale- und Rassenkonflikte in die scheinbar friedliche Welt einer gutsituierten jüdisch-amerikanischen Familie einbrechen.
Adam ist 16 Jahre alt, als zwei Ereignisse die Stadt, die jüdische Gemeinde und die Familie Schuster erschüttern. Ein Attentäter dringt in die Synagoge ein. Vier Frauen werden verletzt, ein junges Mädchen wird erstochen. Einige Zeit später bricht auf einer Party Jamal, ein schwarzer Mitschüler von Adam, tot zusammen. Er ist an einer Überdosis Meth gestorben. Da Adam in der Garage seiner Eltern ein „Labor für junge Chemiker“ eingerichtet hat, gerät er ins Visier der Polizei und wird verdächtigt, die Droge Jamal in den Drink gemischt zu haben.
Die Ereignisse werden aus der Ich- Perspektive von Lilach, Adams Mutter, geschildert. Die Autorin Ayelet Gundar-Goschen ist ausgebildete Psychologin. Mit beklemmender Intensität und psychologischer Tiefenschärfe schildert sie Lilachs zunehmende Zweifel an der Unschuld ihres Sohnes; man wird beim Lesen mitgerissen in den Strudel aus Sorge und Angst. Verzweifelt versucht Lilach, Zugang zu ihrem Sohn zu finden, die Fremdheit zu überwinden, doch Adam, ein verschlossener, einsamer Junge, weigert sich, mit seinen Eltern zu sprechen. „…die größte Unbekannte im Leben der Menschen sind ihre Kinder“ heißt es einmal.
Auf eigene Faust spürt Lilach den Hintergründen von Jamals Tod nach, und die Verdachtsmomente verdichten sich. Lilach besucht die alleinerziehende Mutter des toten Jungen, die mit ihren Kindern in einem Problemviertel Palo Altos lebt und als Zimmermädchen in einem Hotel arbeitet, und sie findet heraus, dass Jamal Mitglied einer antisemitischen Gruppierung schwarzer Jugendlicher mit dem Namen „Nation of Islam“ war. Adam hatte allen Grund, ihn zu hassen, denn er wurde von Jamal gemobbt und drangsaliert.
Doch die Autorin vermeidet in ihrem Roman einseitige Schuldzuschreibungen. Sie macht dagegen nachvollziehbar, wie die Gewaltspirale funktioniert. Jamal hat sich als Angehöriger der unterprivilegierten schwarzen Bevölkerung einer radikalen Organisation angeschlossen, die ihre eigene Identität stärken und sich gegen Demütigungen und Verletzungen wehren will.
Nach dem Attentat auf die Synagoge ist auf jüdischer Seite eine Gruppe entstanden, die ganz ähnliche Ziele verfolgt. Uri, eine ehemaliger Elitesoldat der israelischen Armee, bietet einen Selbstverteidigungskurs an, in dem er jüdische Jugendliche in Nahkampf, Angriff und Navigation im Gelände ausbildet. Adam wird von seinen Eltern gedrängt, an dem Kurs teilzunehmen, vor allem, damit er mit Gleichaltrigen Kontakt hat und seine Isolation überwindet. Und nach kurzer Zeit schon gehört er ganz begeistert zu einem Dutzend Jungen, die sich jeden Sonntag treffen und ihren Leiter wie einen Guru verehren. Denn Uri ist ein Seelenfänger. Sein Motto lautet: „Will dich einer töten, töte ihn zuerst.“ Hier kommen Lilach Zweifel: „Was, wenn ein Junge das missversteht?“ fragt sie eine Freundin, deren Sohn auch von Uri ausgebildet wird. „Lilach, du musst doch zugeben: Bei allem, was hier jetzt passiert, lässt dieser Kurs dich als Mutter ruhiger schlafen. Das ist eine Art Krieg da draußen“ ist die Antwort der Freundin. Doch was, wenn Adam das missverstanden und Jamal getötet hat? Wenn er nicht mehr Opfer sein wollte?
Ayelet Gundar-Goshen erzählt in ihrem packenden Buch eine ebenso berührende wie dramatische Mutter-Sohn-Geschichte und zeichnet zugleich ein differenziertes, hochaktuelles Bild einer Gesellschaft, die von Hass und Rassismus zerrissen ist.
Lilly Munzinger, Gauting

Ayelet Gundar-Goshen
„Wo der Wolf lauert“
Kein & Aber
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Freitag 20.08.2021
Helga Schubert „Vom Aufstehen“
Warmer Streuselkuchen, Sommerferien, Hängematte im Garten der Großmutter – Koordinaten, die im vorliegenden Fall als Fundament des Lebens taugen. Sehnsuchtsorte, die Erschütterungen abfedern werden, die kommende Schicksalsschläge erträglicher machen, die als eine Art mentale Medizin letztendlich heilen. Wenn auch vernarbend. Immer dann, wenn das eigene Sein aus den Fugen zu geraten scheint, sind es diese wärmenden Erinnerungen, die vieles, auch grenzwertiges, ertragen lassen.
Helga Schubert ist Schriftstellerin und sie ist Psychoanalytikerin. Und insofern ist auch rückwärts gerichtetes Schreiben bei ihr immer Teil der Therapie. Selbst dann, wenn Krankheit nicht im Vordergrund steht. Es geht wenig um die Vergangenheit allein, aber die Vergangenheit ist in diesem Fall der Hort, der hilft, die Gegenwart, wenn schon nicht zu verstehen, dann wenigstens sie mit möglichst wenig Verlust zu ertragen. Und so gelingt es, das immer währende Aufstehen, von dem diese Geschichten unmittelbar handeln.
Im vergangenen Jahr wurde Helga Schubert für „Vom Aufstehen“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Da war sie schon 80jährig. 1980 durfte sie, damals in Ostberlin lebend, an diesem Wettbewerb nicht teilnehmen. Sie war für die Diktaturprominenz kein verlässlicher Reisekader.
Ihr Leben verlief nicht gradlinig, war stattdessen vollgepackt mit Brüchen und unerfüllten Hoffnungen, mit politischen Herausforderungen und Zurücksetzungen, mit Fluchtpunkten und tiefgreifenden Enttäuschungen. Sie erzählt dies in einer einfachen, natürlichen, nicht lamoryanten Sprache. Es sind Skizzen, Impressionen, Traumata, mal metaphorisch verpackt, mal sich streng am vermeintlichen Ablauf hangelnd. Ohne Zorn, ohne Wut. Privates kreuzt Gesellschaftliches, der Tod des Vaters als Soldat das verletzende und demütigende Verhalten der Mutter, die Kriegs-und Flüchtlingskindheit der Ich-Erzählerin und der Suicid des Nachbarn. So entstehen ebenso reale wie abstrakte Bilder, in dem das Wesentliche leicht entstellt, milchig verschwommen den Horizont belebt. Dabei geht es um Liebe, um vorenthaltene Liebe, unerfüllte Liebe, erfahrene Liebe - letztlich um individuelle Heimat.
Helga Schubert nimmt bescheiden manchen Schrecken ihres Lebens an, auch die Enttäuschungen im nächsten Umfeld, die Tragik der Zeit, weil sie weiß, dass sie die Menschen und damit die Welt nicht ändern kann. Sie kann nur ihre eigene Stellung zementieren, ihren Platz in deren Ablauf suchend finden und festhalten.
Im Schreiben schafft sie geschickt eine Distanz zu sich selbst, wechselt die Perspektiven und Zeiten, findet Umwege, die sie überzeugender als mancher direkte Weg ans Ziel bringen. Das ist weit mehr als bloße Autobiographie, als geschriebenes Zeitdokument. Das ist große Literatur.
Jörg Konrad

Helga Schubert
„Vom Aufstehen“
dtv
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