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19. Tim Berne & Gregg Belisle-Chi „Mars“
20. Stephan Thelen „Fractal Guitar 2 Re-Mixes“
21. Mohammed Reza Mortazavi „Prisma“
22. Hans Theessink & Big Daddy Wilson „Pay Day“
23. Charlotte Greve „Sediments We Move“
24. Vor über 30 Jahren: Shirley Horn „You Won't Forget Me“
Montag 14.02.2022
Tim Berne & Gregg Belisle-Chi „Mars“
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Es gibt nicht viele Duos in der Besetzung Saxophon/Gitarre. Warum nur? – fragt man sich. Bestes Beispiel für die Substanz, die Ästhetik und das sich gegenseitige Inspirieren dieser beiden Instrumente ist die vorliegende Aufnahme. Der Amerikaner Tim Berne und der Kanadier Gregg Belisle-Chi finden im Dialog aussagekräftig zueinander, auch wenn sie, was allein den Sound betrifft, doch weit voneinander entfernt scheinen. Und an dieser Stelle kommt die vierte, vielleicht wichtigste Komponente ins Spiel, jene, die sich für den Erfolg dieser Besetzung letztendlich verantwortlich zeichnet: Die jeweilige Persönlichkeit beider Instrumentalisten. Auf „Mars“ stimmt die Chemie, könnte man es knapp auf den Punkt bringen.
Als Saxophonist Berne und Gitarrist Belisle-Chi im Mai letzten Jahres im Applehead Studio in Woodstock, knapp einhundert Kilometer nördlich von New York, zusammentrafen, brachte ersterer ein gutes Dutzend Kompositionen mit. Und was dann beide in den folgenden Stunden damit und miteinander taten, könnte man auch einen instrumentalen Gedankenaustausch, ein musikalisches Erkunden des Gegenüber, auch ein Ausloten der klanglichen Möglichkeiten nennen. Im Duo geht’s immer ums Ganze, um Sein oder Nichtsein – war irgendwo einmal zu lesen. Das spürt man auch an diesen Aufnahmen. Es ist ein Dialog ohne Netz und doppelten Boden – sieht man einmal von den kompositorischen Vorgaben ab. Letztlich lebt diese Musik jedoch von der Freiheit, einer individuellen Freiheit, die manchmal auch die Ränder der Provokation streift, oder ein ganz eigenes Verhältnis zwischen Distanz und Nähe schafft. So entstehen zeitweise Momente von harscher Schönheit, dann wieder Sequenzen von visionärer Kraft und zwangloser Funktionalität. Sparsam aber radikal, mal atmosphärisch, dann wieder aufschäumend. Doch nie ist das, was sich Tim Berne und Gregg Belisle-Chi musikalisch zu sagen haben, auch nur ansatzweise flach oder fad.
Jörg Konrad

Tim Berne & Gregg Belisle-Chi
„Mars“
Intakt
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Mittwoch 09.02.2022
Stephan Thelen „Fractal Guitar 2 Re-Mixes“
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Es gab schon in der Vergangenheit immer wieder musikalische Projekte, bei denen die Anzahl von außergewöhnlichen Gitarristen in den Besetzungslisten auffielen. Das qualitative Ergebnis hingegen löste aber häufig die Erwartungen nicht ein. Ein Mehr an Berühmtheiten ist nun einmal nicht gleichbedeutend mit einer Steigerung der Güteklasse eines Werkes.
Völlig anders bei Stephan Thelen. Der in Santa Rosa, California geborene und heute in der Schweiz lebende Komponist, Gitarrist und Mathematiker ist sehr wohl in der Lage, eine Herde Spitzenmusiker gekonnt zu zähmen und mit ihnen sein persönlich klar abgestecktes Ziel erfolgreich zu erreichen. „Fractal“ und Fractal 2“ beinhalten ebenso differenzierte wie auch leidenschaftlich gespielte Musik, wobei an dieser Stelle über letztere CD vor rund zwei Jahren zu lesen war: „Ein Album das Grenzen sprengt; ein Album, das mit vertrauten Mitteln neue Wege weist; ein Album voller Konformität und Exzentrik.“
Nach den ersten beiden Fractal-Folgen erweitert Stephan Thelen mit den Re-Mixes nun das vorgegebene gitarristische Klangsprektrum noch einmal zusätzlich. Trotzdem behält die Musik auch diesmal ihren eigenen, souveränen Charakter. Sie bewegt sich wie schon zuvor in kategorischer Entschlossenheit zwischen ProgRock, Psychedelic Minimal und Metal. Mit David Torn, Markus Reuter, Barry Cleveland, Tim Motzer, Henry Kaiser, Chris Muir, Jon Durant und Stephan Thelen stehen etliche exzellente Gitarristen auf Augenhöhe nebeneinander. Ihnen geht es glücklicherweise nicht um virtuose Spielereien oder den ultimativen Geschwindigkeitsrausch auf dem Griffbrett. Bei Thelens Projekt dreht sich alles um Sounds und Rhythmen, um Stimmungen und Strukturen, um Geschichtetes, Überlagertes und abgeklärtes Verdichten. Mit Unterstützung einer stur pulsierenden Rhythmusgruppe, die mit wiederholt metrischen Stolperern herausfordert, arbeiten die Gitarristen mit optimistischer Strahlkraft und voll drängender Intensität. Sie entwerfen kleine Motive, geben den bruchstückhaften Themen eine dunkle Souveränität, verändern mit ganz wenigen Ideen das Gesamtbild der Musik immer wieder neu. Die Ränder sind dabei offen, vibrieren und stöhnen, klingen wie die geheimnisvolle Rückseite des Rock'n Roll. Diese Musik ist das Destillat wuchtiger Gitarrenakkorde, das Substrat beinahe körperlich erfahrbarer Klangrebellionen. Immer wieder hört und liest und spürt man, dass Rock'n Roll im Niemandsland des Mainstream angekommen ist. Hier jedoch hört man, wie der einstige Protest, die Revolte, der Widerstand zum Establishment klingen kann – wenn man seinen Ideen und Haltungen treu bleibt.
Die unterschiedlichen Mixe, zweimal Stephan Thelen, Jah Wobble, David Torn, Barry Cleveland und Bill Laswell) ändern die Musik nur marginal, verändern deren Wesen kaum. Und so bleibt auch „Fractal Guitar 2 Re-Mixes“ ein dröhnendes, gitarristisches Meisterwerk mit Langzeitwirkung. Tipp: Laut hören!!!!
Jörg Konrad

Stephan Thelen
„Fractal Guitar 2 Re-Mixes“
MoonJune
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Montag 07.02.2022
Mohammed Reza Mortazavi „Prisma“
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„Trommeln heißt nichts anderes, als der fließenden Zeit eine Einteilung aufzuprägen“, schrieb Dieter Bachmann im Editorial eines Heftes über die Trommel und die Weltsprache des Rhythmus. Sie ist eines der ältesten Kommunikationsmittel der Menschheit, die sie zu rituellen, religiösen, magischen, festlichen und militärischen Anlässen nutzte. Heute nimmt sie als Rhythmusinstrument in den unterschiedlichsten musikalischen Ausdrucksformen weltweit eine begleitende und auch sehr dominante Rolle ein. Mohammed Reza Mortazavi war schon als Kind ein begeisterter Trommler und hat sich selbst früh dieser Kunst verschrieben. Der Iraner spielt heute vor allem die Tombak und die Daf, eine Kelch- bzw. eine Art Rahmentrommel, wie sie in seiner Heimat fast allgegenwärtig sind und auf denen er es zu wahrer Meisterschaft gebracht hat. Mittlerweile gastiert er mit seiner handgeschlagenden Kunst in allen großen und kleinen Konzerthallen unserer Welt, ist Teil verschiedener Worldmusic-Formationen und begeistert auch solistisch sein Publikum.
Mit „Prisma“ legt der heute dreiundvierzigjährige ein neues Soloalbum vor, das in seiner Gesamtheit einer instrumentalen Erzählung gleichkommt. Er nutzt hier immer wieder neue rhythmische Möglichkeiten und Spielarten, die entsprechend ihrem abwechslungsreichen Klangspektrum völlig unterschiedliche Erzählweisen vermitteln. Es sind fließende, gerade Takte aufbrechende Muster, quirlige Themen und tranceartige Motive, die er miteinander verzahnt und zu einer treibenden Trommelsinfonie zusammenführt. Der Beat wird von ihm zerlegt und ändert in geschlagener und getrommelter Vielfalt immer wieder seinen Charakter. Nichts klingt aufdringlich, erst recht nicht dröhnend oder laut. Es ist ein rhythmischer Zauber, der in völliger Harmonie und Weichheit aus der Trommel ein Gestaltungsinstrument macht und sie es aus der allein archaischen Ecke herausholt. Trotzdem entsteht in diesem rhythmischen Kontinuitätsfluss mit seinen synkopenähnlichen Zwischenschlägen eine faszinierende Spannung. Es ist wie ein andauernder, lebendiger Pulsschlag, der ein unmittelbares Körpergefühl vermittelt und in tiefere Bewusstseinsschichten führt.
Jörg Konrad

Mohammed Reza Mortazavi
„Prisma“
Brokensilenece
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Freitag 21.01.2022
Hans Theessink & Big Daddy Wilson „Pay Day“
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Wenn es einen Preis für Gelassenheit und Selbstbeherrschung in der Musik gäbe, dann hätte mit Sicherheit das Album „Pay Day“ von Hans Theessink und Big Daddy Wilson deutliche Chancen auf einen der vorderen Plätze. Denn beide scheinen das gesamte Erbe des Blues, von den weiten Baumwollfeldern des Mississippi-Deltas, den urbanen Zentren Chicagos und Detroits, den akustischen und elektrischen Spielweisen und den transatlantischen Ablegern in sich aufgenommen und das Leid und die Hoffnung der Protagonisten einem Katalysator gleich verarbeitet zu haben. In völligem Einklang mit sich und der Welt machen sie hörbar worauf es ankommt: Die Irdische Zivilisation klaglos als das zu nehmen, was sie ist: Ein Hort, an dem weiß Gott keine Gerechtigkeit herrscht, der jedoch aufgrund seiner Menschen und deren traurigen wie freudvollen Geschichten und Anekdoten einfach lebenswert ist.
Doch das alles heißt lange nicht, dass Thessink und Wilson kein eigenes Anliegen hätten. Beide zeigen auf „Pay Day“ musikalisch Haltung, machen deutlich, wem ihre Sympathie gehört, wessen Kampf sie unterstützen und von wem sie mit großer Empathie erzählen. Es sind die einfachen Menschen, die Opfer zwischenmenschlicher Willkür und naturbedingter Katastrophen, die nie aufgebenden Optimisten und sehnsuchtsvoll Hoffenden und Visionäre denen ihr Herz gehört. Aber es bringt eben wenig, dies mit lautem Getöse und egomanischer Nabelschau zu vermitteln. Da ist es glaubwürdiger, eine (musikalische) Sprache zu wählen, die die Betroffenen selbst sprechen und die sie vor allem in ihrer vermittelten Authentizität und Feinnervigkeit auch verstehen.
Hans Theessink und Big Daddy Wilson haben selbst ganz unterschiedliche musikalische Entwicklungen genommen. Doch für „Pay Day“ bündelten sie nun ihre Vorlieben und Erfahrungen, ihre Träume und ihr Können. Sie ergänzen sich in ihrer jeweiligen starken Persönlichkeit. Keine Rivalität bestimmt das Gesamtbild, sondern eine gewisse Harmonie, die das Ergebnis einer Seelenverwandtschaft zu sein scheint. Dabei ist es nicht immer das klassische 12-Takt-Schema das die einzelnen Songs bestimmt. Beide zeigen eben auch ihre Fähigkeiten als etablierte Songwriter, finden stimmlich zudem wunderbar zusammen – weitab von allem elitärem Virtuosentum. Ihre Stärke ist ihre Offenheit, ihre musikalische Integrität und ihre Beiläufigkeit, die dieses Album vom ersten bis zum letzten Song bestimmt.
Jörg Konrad

Hans Theessink & Big Daddy Wilson
„Pay Day“
Blue Groove
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Montag 17.01.2022
Charlotte Greve „Sediments We Move“
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Der Mut des Künstlers Neues zu wagen ist im Jazz fast schon eine Binsenweisheit. Denn von diesem Erkunden neuer musikalischer Areale lebt die improvisierte Musik – bisweilen aber auch von außergewöhnlichen Kompositionskünsten seiner Protagonisten. Bestes Beispiel hierfür ist die neue Arbeit Charlotte Greves. Die 1988 im niedersächsischen Uelzen geborene Saxophonistin, Sängerin und Komponistin beeindruckte anfangs mit ihrem in Deutschland beheimateten und mehrmals mit dem Echo ausgezeichneten Lisbeth Quartet und leitet nun, in Brooklyn lebend, eine amerikanische Formation unter dem Namen Wood River.
Für diese Band, plus Chor, hat sie die siebenteilige Komposition „Sediments We Move“ geschrieben. Umgesetzt im Berliner Traumtonstudio ist eine ganz besondere Musik entstanden, die verschiedene Stilistiken und persönliche Charaktere miteinander kühn verbindet, so dass aus den Ausgangsmaterialien etwas völlig anderes und, das darf man an dieser Stelle getrost behaupten, zum Großteil bisher ungehörtes entstanden ist.
Neben ihrer Band, besetzt mit Gitarre (Keisuke Matsuno), Bass (Simon Jermyn), Schlagzeug (Jim Black), Gesang und Saxophon (Greve), ist es vor allem der Chor (Cantus Domus unter der Leitung Ralf Sochaczewsky), der hier für einen völlig neuen, erfrischenden Sound sorgt. Die stimmlichen Vokalpartien geben der Musik eine gewisse Verspieltheit und luftige Freiheit, die großzügige und menschlich bewegende Aspekt vermitteln. „Alle meine Einflüsse sind hier kompromisslos miteinander verwoben. Dies ist ein genreübergreifendes Stück. Die Zuhörer sind eingeladen, ihre Ohren zu öffnen, verschiedene sich aber vereinende Klänge zu hören, um dann wieder „Sediments We Move“ als Einheit zu begreifen“, beschreibt sie selbst das akustische Ereignis. Das mag im ersten Moment noch etwas ungewöhnlich klingen - greift aber nach wenigen Minuten und legt etwas musikalisch befreiendes an den Tag. „Dieses Album hat viele verschiedene Momente und Phasen, so ähnlich wie unser Leben“, sagt Greve. „Wir alle machen unterschiedliche Momente in unterschiedlichen Phasen durch, wobei wir nicht immer deren Verbundenheit sofort erkennen.“ Insofern kann man beinahe von einem therapeutischen Prozess sprechen, in dem Vergangenes und Gegenwärtiges zusammenkommen und damit, was das künstlerische betrifft, etwas identitätsstiftendes bewirkt. Oder einfach nur behutsame Erinnerungsarbeit?
Der Sound und der Groove sind das Resultat aus den individuellen Einflüssen von Rock, Noise, Free Jazz, Metal, Ambient und Pop und bilden eine herausfordernde Einheit. Und weil Charlotte Greve eine recht enge familiäre Beziehung hat, wundert es nicht, dass ihr Bruder Julius den Text für dieses beinahe orchestrale Werk schrieb. Denn trotz des hohen, auch intellektuellen Anspruches und seiner Grenzenlosigkeit klingt die Musik sehr persönlich, fast intim und gleichzeitig auch wieder schwerelos. Es ist wie die Überwindung der Schwerkraft!
Jörg Konrad
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Freitag 14.01.2022
Vor über 30 Jahren: Shirley Horn „You Won't Forget Me“
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Es gibt besondere Musik, jene nämlich, deren Anspruch über Jahrzehnte fasziniert und von der man anschließend noch immer mit Überzeugung meint, man könne sie zu jeder Tages- und Nachtzeit hören - und dies in die Realität auch umsetzt! Solche Musik ist ein treuer Begleiter, durch alle persönlichen Wellentäler und über sämtliche Sonnengipfel, Musik, die das Glück in glücklichen Zeiten verstärkt und die der Melancholie in wehmütigen Tagen eine Melodie gibt.
You Won't Forget Me“ von Shirley Horn gehört zu diesen außergewöhnlichen Aufnahmen. Eingespielt 1990 klingt die Musik noch heute völlig aus der Zeit gefallen. Das einzige, woran dieses Meisterwerk erinnert, ist, dass nur wenige Monate später ihr Mentor, der Trompeter Miles Davis, starb, der hier, auf dem Titelstück, eines seiner letzten und schönsten Solos der letzten Jahre seiner Karriere spielt.
Shirley Horn lässt in ihren Songs die ästhetischsten, die berührendsten Pausen im Jazz. Sie spielt Klavier, entschlackt, entfiltert, unprätentiös. Sie lässt in ihren Interpretationen nur das Wesentliche übrig, reduziert jede Begleitung auf das Notwendigste. Und ihr Gesang? Michael Naura meinte einmal, der sei dem Schweigen näher als dem Sprechen. Sie klingt mit ihrer dunklen, leicht rauchigen Stimme dabei so beiläufig wie essentiell. Atemberaubend in der Intensität der Stille eben.
Auch auf „You Won't Forget Me“ veredelt sie jeden der vierzehn Songs auf ihre ganz spezielle Weise. Keiner stammt dabei aus ihrer Feder, aber jedem drückt sie ihren einzigartigen Stempel auf, erobert sich Text und Melodie, gibt beiden ihre ganz besondere Weisheit. Das wissen auch die Star- Individualisten des Jazz – auch wenn die Horn selbst, zumindest damals, eher zu den großen Unbekannten der Szene gehörte. Einer ihrer musikalischen Verehrer war seit Beginn der 1960er Jahre Miles Davis selbst, der, wie schon erwähnt, es sich nicht nehmen ließ, wenigstens einen Beitrag zu diesem Album zu liefern. Von ihm ist es nicht weit bis zu Branford und Wynton Marsalis, die sich ebenfalls als Solisten in diese schwebenden, wie in Zeitraffer eingespielten Balladen einbringen. Und dann ist da ja noch Jean „Toots“ Thielemans, der Belgier, dessen Mundharmonika-Spiel in seiner melancholischen, fast schon psychotherapeutischen Art, ganze Völker befriedet und zumindest dessen Spiel wohl fast jeder kennt (aus Filmen wie „Asphalt Cowboy“, „The Getaway“, „Sugarland Express“ u.v.a.m.). Mit ihm ist Shirley Horn ganz besonders vertraut. Beide haben diesen berühmten Draht zu- und füreinander. Wobei ihr Duo „Beautiful Love“ (Thielemans an der chromatischen Mundharmonika und an der Gitarre – die Technik macht's möglich) mit zum musikalisch intimsten und schönsten gehört, was unter dem Slogan Jazz in den letzten fünfunddreißig Jahren eingespielt wurde. Vielleicht zusammen mit dem Songs „I Loves You Porgy / Here Comes The Honey Man“ aus dem Album „I Love You, Paris“. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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