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1. Landsberg: Die Stadt der Blinden - Das Unsichtbare sichtbar und das Sichtba...
2. Germering: Christoph Grab's Reflections – Monk bleibt!
3. Landsberg: Abdullah Ibrahim solo im Stadttheater Landsberg
4. Landsberg: Marc Ribot Ceramic Dog - Befreiend
5. Landsberg: Compagnie Hervé Koubi - Ungebändigte Energie
6. Fürstenfeld: Tasíya & Sammy Lukas – Humanistisch völkerverbindender Ch...
Donnerstag 26.05.2022
Landsberg: Die Stadt der Blinden - Das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar
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Landsberg. In der Not zeigt der Mensch sein wahres Gesicht. Pandemien und körperliche Beeinträchtigungen wurden schon immer von Autoren genau aus diesem Grund als Metapher genutzt, um Extremsituationen zu schaffen und das Verhalten des Individuums innerhalb einer Gesellschaft darzustellen. Diese Behinderungen sind auch als Herausforderungen zu verstehen, sich persönlicher Schwächen und Stärken bewusst zu werden, sich ihnen zu stellen und zugleich ein möglichst aussagekräftiges Bild der Zivilisation zu entwerfen. Dies lässt sich bei Maurice Maeterlincks Drama „Die Blinden“, HG Wells Kurzgeschichte „Im Land der Blinden“, Nikos Kazantzakis Parabel „Die Blinden“ und natürlich Camus Sicht des Absurden in „Die Pest“ und dem Theater Becketts sowie Ionescus beobachten.
Nun gastierte am vergangenen Dienstag in Landsberg das Tübinger Landestheater mit José SaramagosDie Stadt der Blinden“. Auch dem portugiesischem Nobelpreisträger geht es in seinem klaustrophobischen Roman, der dem Stück als Vorlage dient, eben um jene besondere Situation, die das Miteinander der Menschen durchleuchtet und auf eine gesellschaftlichsrelevante Probe stellt. Alles beginnt, in dem ein einzelner Mensch im Straßenverkehr ganz plötzlich sein Augenlicht verliert. Ein ihm Helfender wird kurz nach der persönlichen Begegnung, ebenfalls blind. Es ist wie eine Epidemie, die um sich greift und von der immer mehr Menschen in der namenlosen Stadt betroffen sind.
Die Gesetzeshüter internieren alle Opfer in einer alten, runtergekommenen psychiatrischen Klinik - ohne jede medizinische und soziale Betreuung - in unhaltbaren hygienischen Zuständen und rundum vom Militär bewacht. So entsteht unter den internierten Blinden eine hierarchische Struktur, die letztendlich in ein plakatives Unterdrückungssystems entartet. Die stärksten regieren das Miteinander brutal und voller Aggressionen, kontrollieren die Essensausgaben, stehlen Wertsachen, vergewaltigen hemmungslos. Erst die Frau des Augenarztes, die selbst noch sehend sich heimlich in das Irrenhaus geschlichen hat, beginnt gegen die Situation anzukämpfen. Sie verändert das Geschehen und die bitterböse Parabel lässt einen winzigen Funken Hoffnung aufglimmen.
Die einzelnen Figuren werden nicht mit Namen genannt. Nur Äußerlichkeiten und persönliche Tätigkeiten dienen der Ansprache, wodurch die zwischenmenschlichen Situationen dramaturgisch anonymisiert werden. Die Inszenierung von Dominik Günther, der zugleich auch Regie führt, lebt von der Dynamik des Schreckens, von der milchigen Abgetrenntheit des Bühnenbildes vom Zuschauerraum (Bühnenbild Sandra Fox). Die Wahrnehmung in einem Umfeld, in der das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar wird löst sich auf, macht einer Hilflosigkeit Platz. Das Ausgeliefertsein und die damit verbundene Angst ist die alles bestimmende Grundlage des Stückes, wirkt aber nicht völlig überzeugend. Zu starr geraten die Charaktere, zu holzschnittartig ihre Psyche. Auch der dröge Dico-Foxtrott, um die Verrohung der Emotionen akustisch zu untermalen, wirkt kindlich, nur wenig bedrückend.
Was bleibt ist auch die Frage, ob in derart schmerzhaften weltpolitischen Zeiten das beklemmende Szenario von der Bühne aus verstärkt werden muss. Nicht falsch verstehen: Sicher soll sich die Kunst mit dem Realen dieser Welt auseinandersetzen. Man darf dem Entsetzen natürlich nicht mit fröhlichem Einerlei begegnen! Aber rein plakative Assoziationen, zu Flüchtlingslagern, Pandemien, Foltergefängnissen sind zu wenig. Es geht auch darum, jeder Unmenschlichkeit und jeder Gewaltherrschaft kämpferisch wie überzeugend etwas entgegenzusetzen.
Jörg Konrad
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Samstag 21.05.2022
Germering: Christoph Grab's Reflections – Monk bleibt!
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Germering. Als Thelonious Monk im Februar 1982 starb, war er schon einige Jahre aufgrund verschiedener Krankheiten und fehlender Spiellust nicht mehr aufgetreten. Er geriet damals fast in Vergessenheit – kaum jemand erinnerte sich in jener Zeit noch an den einstigen Hohepriester des Bop. Erst durch seinen Tod veränderte sich das Bewusstsein der damaligen Jazzszene. Plötzlich gab es Hommagen und Tribute-Veröffentlichungen, wurden Alben von ihm wieder aufgelegt, eroberten Musiker wie Arthur Blythe, Don Pullen oder Bennie Wallace seine Kompositionen neu. Das sperrige Raum-Zeit-Konzept Monks wurde noch einmal entdeckt, es gab eine regelrechte Monk-Manie, die bis heute anhält. So entstanden in den letzten Jahren Projekte, die sein gesamtes kompositorisches OEuvre in einem neuen Licht erscheinen ließen, wie zum Beispiel in Alexander von Schlippenbachs Formation Monks Casino (die übrigens 2008 mit großem Erfolg in Germering gastierte), Silke Eberhard, Frank Kimbrough oder der Gitarrist Miles Okazaki, um nur einige wenige zu nennen.
Der Schweizer Saxophonist Christoph Grab setzte am Freitag mit seiner Formation Reflections die musikalische Verbeugung vor diesem Jazz-Genie des 20. Jahrhunderts im Germeringer Amadeussaal mit einem bemerkenswerten Konzert fort. Der Inhalt des rund zweistündigen Programms bestand ausschließlich aus Monk.
Grab zeigte sich in seinem Quintett als ein absolut versierter Ton-Architekt, ein regelrechter Maßschneider für Monk-Arrangements. Am auffälligsten dabei die klaren Strukturen, die Reflections aus den Vorgaben formten. Abgesehen von einigen expressiven Soloexkursen der Bandmitglieder wurde nichts dem Zufall überlassen. Klangflächen wurden übereinander gelagert, die Themen wurden auf die einzelnen Musiker verteilt, es war manchmal wie ein instrumentales Puzzle, das sich erst in den Köpfen des Publikums ergänzte und zusammenfügte. So wurde die Spannung und Komplexität der Vorgaben erhalten, die Exzentrik ihres Schöpfers bewahrt, der Kontrast zwischen Dissonanz und Poesie weit ausgelotet.
Grab hat eine grandiose Band zusammengestellt und mit nach Germering gebracht. Allen voran Trompeter Lucas Thöni, der ein ganzes Spektrum von Stilistiken beherrscht und zugleich eine außergewöhnliche Individualität ausstrahlt. In eleganter Eloquenz widmete er sich den Soloparts, parierte das Satzspiel perfekt, fand immer wieder eine neue, ideenreiche Wendung seines Spiels. In Andreas Tschopp an der Posaune hatte er einen verlässlichen und spieltechnisch flüssigen Partner, der oft in überschäumender Verspieltheit seine solistischen Räume nutzte. Mit Bänz Oester am Bass und Schlagzeuger Pius Baschnagel hielten zwei professionelle Rhythmiker die gesamte Musik zusammen. Sie waren das kontrollierte Rückrat des Quintetts, eher diskret als tollkühn.
Christoph Grab füllte das Zentrum von Kompositionen wie „Introspection“, „Monk's Mood“, „Work“ oder „Round Midnight“. Seine überdachten Arrangements, sein ausgefeiltes, rationales, von Ideen und Fähigkeiten gezeichnetes Spiel gibt dem gesamten Projekt deutliche Konturen. Er ist das eigentliche Bindeglied zwischen Tradition und Moderne. Man spürt in seiner Herangehensweise das swingende Selbstverständnis, die Strukturen des Blues, ja sogar aufblitzende Momente des alten New Orleans. Und dann ist da wieder der Gedanke der Avantgarde, der Einzug hält, das gegenwärtige Moment in seinen wie gedrechselten Improvisationen. So bleibt Monk präsent, greifbar, vor allem erlebbar. Wie lautete doch vor Jahren ein Slogan der Musikindustrie: Zurück in die Zukunft! Passender könnte man den Musikabend am Freitag in Germering nicht überschreiben. Vielleicht noch: Monk bleibt!
Jörg Konrad
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Mittwoch 18.05.2022
Landsberg: Abdullah Ibrahim solo im Stadttheater Landsberg
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In unserer mittlerweile permanent von neuen Krisen geschüttelten Zeit, spendete der mittlerweile 88-jährige Abdullah Ibrahim dem Publikum mit seinem Solo Konzert Mut für die Zukunft.

Ein improvisiertes Piano-Solo-Konzert ist für den Künstler wie für das Publikum eine Herausforderung. Ungemeine Spannung liegt auch bei Abdullah Ibrahim im Raum, ähnlich wie bei einem Jarrett Konzert, bei dem ungeteilte Konzentration und Aufmerksamkeit gefordert ist. Aber Abdullah Ibrahim präsentierte kein pianistisches Feuerwerk, keine polyrhythmische oder harmonisch komplexe Tastenartistik, sondern spielte mit Bedacht und Sorgfalt. Langsam tastete er sich vor, die Sitzposition wurde angepasst, erste, leicht zögerlich anmutende Töne erklingen im voll besetzten Stadttheater Landsberg mit seiner einzigartigen Akustik, der Yamaha Flügel passt klanglich perfekt zum Raum und zu Abdullah Ibrahims Spiel. Dreh- und Angelpunkt des Konzertes war sein aktuelles, 2019 bei Enja erschienenes Soloalbum „Dream Time“, und so gab es auch kein „Best of“, sondern eine einstündige Suite, die musikalische Lebenslinien Revue passieren ließ. Nach und nach perlen Themenfragmente, Duke Ellingtons Spirit war gegenwärtig, der monksche Schalk blitzt ab und zu durch. Das Spannende an sich waren bewusst gesetzte Pausen. Der Abend musikalisch und atmosphärisch komplett entschleunigt, Gedanken schweifen, begleitet von versöhnlichen Klängen, immer wieder erkennt man die eine oder andere Melodie, um schon im nächsten Moment durch Eigenzitate ergänzt, neu interpretiert zu werden.
Nach gut sechzig Minuten und einer Zugabe kam Abdullah Ibrahim noch einmal zurück auf die Bühne, stehende Ovationen, tosender Applaus. Dann erhebt er seine Stimme, a capella erklingt fragmentarisch, seine rechte Hand am Ohr, „Wade in the water“. So verzaubert der Maestro noch einmal das Publikum und schreitet dann gelassen von der Bühne - ein grandioser Abend!

Abdullah Ibrahim vermittelte mit seinem spirituellen Spiel in Landsberg was einfach gut tut: Zuversicht, positive Vibes und Hoffnung.

Text & Fotos: TJ Krebs
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Foto: Ebru Yildiz
Donnerstag 05.05.2022
Landsberg: Marc Ribot Ceramic Dog - Befreiend
Landsberg. Bei Marc Ribot verwundert kaum etwas. Zumindest musikalisch. Zwar ist die Liste an Stars der Szene, mit denen er noch nicht im Studio war, verständlicherweise länger als jene, an deren Seite er spielte. Aber betrachtet man die Individualität seiner Arbeitgeber etwas genauer (John Zorn, T-Bone Burnett, Foetus alias Jim Thirwell, McCoy Tyner u.s.w.), wird klar, welchen Einfluss der Gitarrist zum einen auf das jeweilige Projekt zum Zeitpunkt seiner Teilnahme hat. Zum anderen wird er von Gitarristen weltweit aufgrund seiner unorthodoxen, aber effizienten Herangehensweise an sein Instrument hochgeschätzt. Mit Virtuosität, in Form von Geschwindigkeit seines Spiels, hat das gar nichts tun. Eher fällt einem da die „Reduzierung“ ein. Insofern fühlt sich der 1954 in Newark, New Jersey geborene Ribot keinem Genre, sondern generell nur seinem Individualstil verpflichtet. Marc Ribot - der stille Gigant mit großem Einfluss.
Am Mittwoch war diese Ausnahmeerscheinung unter den Saitenmagiern, dank dem unermüdlichen Edmund Epple, nun erstmals in Landsberg. „Ceramic Dog“ nennt sich das Trio, mit dem er seit 2008 kontinuierlich Platten produziert. Auch dies ist bei dem in sich ruhenden Unruhegeist eine weitere Seltenheit. Zuletzt erschien „Hope“ bei Enja München, dem großen anderen Münchner Jazzlabel, das in diesem Jahr sein 50. Jubiläum feiert.
Die Besetzung von „Ceramic Dog“ besteht aus drei herausragenden Solisten, die auch gleichzeitig außergewöhnliche Teamplayer sind: Eben Marc Ribot an der Gitarre, dann wäre da noch Shahzad Ismaily, Multiinstrumentalist, Komponist und in dieser Konstellation überwiegend als Bassist gefragt und Ches Smith, einer der vielseitigsten Schlagzeuger aus dem Bereich Punk/Avantgarde/Weltmusik.
Alles was die drei spielen klingt irgendwie unfertig. Es sind markierte Rohfassungen von Ideen, das Resultat hintersinniger Improvisationen, die sich schleichend entwickeln, bis sich dann am Ende tatsächlich die Struktur eines Songs herausschält. Ribot deutet tönende Bestandteile wie Fundstücke aus dem Setzbaukasten zeitgenössischer Musikliteratur an, lässt sich im Flow seiner Ideen treiben, wird unterstützt von seinen Mitspielern, die manchmal in eine völlig andere Richtung zielen. Das wirkt zu Anfang oft wie eine Exkursion in die Gefilde der Avantgarde und entpuppt sich dann als eine geläuterte Country-Nummer, oder ein ätzender Rock'n Roll Song, oder wie ein kubanischer Seelenwärmer, oder wie ein politischer Protestsong - ebenso so zornig wie poetisch vorgetragen. Oder aber wie ein schmerzhafter Blues, der schmutzig, kantig jeden Zentimeter des Theaterareals mühevoll erobert.
Shahzad Ismaily growlt am Bass, ist der Fels in der Brandung eines wilden Konzerts, das Zentrum des Universums dieses Trios. An ihm kommt niemand vorbei – außer Ches Smith. Dieser explodiert förmlich am Schlagzeug, lässt die Punk-Attitüden seiner Vergangenheit aufblitzen, schlägt schonungslos neben dem Beat, drosselt das Tempo und malträtiert die Becken. Diese Art der rhythmischen Kompromisslosigkeit vermittelt etwas Radikales, etwas Demonstratives, etwas Befreiendes! Musikalischer Dekonstruktivismus - intensiv wie spannend, souverän wie unwiderstehlich, spontan wie rauschhaft. Nach diesem Ereignis könnte man die Welt mit anderen Ohren hören.
Jörg Konrad
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Montag 02.05.2022
Landsberg: Compagnie Hervé Koubi - Ungebändigte Energie
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Fotos: Pierangela Flisi
Landsberg. Es dürfte mittlerweile wohl in allen Gesellschaften angekommen sein, dass nur die Nation sich selbst versteht, die ihr historisches „Woher“ zu klären in der Lage ist. Das klingt einfacher als es umgesetzt oder gelebt ist. Denn bei diesem „Woher“ bedarf es keiner rein rhetorischen Fragen und schon gar keiner nüchtern pragmatischen Antworten. Es geht darum, sich dem Vergangenen im Vollbesitz seiner Persönlichkeit und einer spürbaren Verantwortung zu stellen. Es könnte sogar der Versuch notwendig werden, einen Teil des kulturellen Werdegangs in irgendeiner Form nachzuerleben. Auf kultureller Ebene vielleicht?
Genau dieser Aufgabe hat sich Hervé Koubi gestellt. Der Franzose mit algerischen Wurzeln beschäftigt sich als Choreograph schon eine ganze Weile mit den Spannungen zwischen beiden Mittelmeeranrainern. Denn die Geschichte zwischen dem zentraleuropäischen und dem nordafrikanischen Land ist aufgrund der Kolonialisierung gekennzeichnet von Unterdrückung, Ungerechtigkeit und letztlich Gewalt. Und so thematisiert Koubi mit Blick auf diese Historie und der zu Hilfenahme literarischer Vorlagen diese (religiösen) Kontraste und (kulturellen) Differenzen. Mit seinem letzten Stück zu dieser Materie „Les Nuits Barbares Ou Les Premiers Matins Du Monde“, gastierte der studierte Doktor der Pharmazie und seine Compagnie am letzten Sonntag im Landsberger Stadttheater. Ein Abend, der in seiner Eindringlichkeit und aufgrund der Archaik bei einem Großteil der Besucher sicher noch lange nachwirken wird.
Die Musik in „Les Nuits Barbares Ou Les Premiers Matins Du Monde“ ist eine Mischung aus arabisch-andalusischen Klängen, Beduinengesängen, traditionellen Liedern der Touareg bis hin zu Fieldrecordings aus algerischen Großstädten und Mozarts „Requiem“, als eine Art Anspielung auf die Christianisierung dieser überwiegend dem Islam zugehörigen Bevölkerung.
„Les Nuits Barbares Ou Les Premiers Matins Du Monde“, was übersetzt soviel wie „Die Nacht der Barbaren oder: der Morgen, an dem alles begann“ heißt, besteht aus martialischen Tänzen, die maskulinen Ritualen sehr nahe kommen und von Provokationen und einem kämpferischen „Gegeneinander“ leben. Mit unbändiger Energie verbindet Koubi in der Dramaturgie unterschiedliche zeitgemäße Tanzstile wie Streetdance und Hip Hop und Sema, dem Tanz der Derwische und schafft so eine virtuose Bühnenatmosphäre, die in ständiger Bewegung ist und letztendlich eine Art Grenzlinie zwischen orientalischen und westlichen Mittelmeerländern darstellt.
So lassen sich zu Beginn des Abends viele scheinbare ungeordnete und unabgestimmte tänzerische Abfolgen ausmachen, die so etwas wie den Beginn eines Miteinanders verkörpern, bzw. als der Beginn einer kulturellen Identifikation darstellen. Trotzdem zeigen sich auch in der Folge, aufgrund der gelebten Männergesellschaften in Nordafrika, wenig direkte Berührungsmomente der Protagonisten untereinander. Gelebte und gezeigte zwischenmenschliche Beziehungen gelten als Schwäche. Ihr Glaube an sich selbst ist stark von ihrer Wehrhaftigkeit geprägt, die als das Ergebnis vieler kriegerischer Auseinandersetzungen im Laufe ihrer Geschichte zu verstehen sind. Die Bewaffnung, ob Messer oder Stöcke, gibt ihnen in diesem kriegerischen Umfeld eine gewisse Sicherheit. Und erst am Ende des Stückes finden sie Vertrauen und Emotionen zueinander und lassen eine körperliche Nähe zu. Ob dieses Ergebnis ausreicht, um mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken? Ein Anfang zumindest ist gemacht.
Jörg Konrad

Hier Bericht in der Augsburger Allgemeinen/Landsberg plus Bildergalerie
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Donnerstag 28.04.2022
Fürstenfeld: Tasíya & Sammy Lukas – Humanistisch völkerverbindender Charakter
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Fürstenfeld: Es war George Gershwin, der einmal sagte, Jazz sei eigentlich amerikanische Volksmusik. Gleichzeitig äußerte er sich aber auch, dass der Jazz seit den etwa 1950er Jahren mehr als jede andere Art von Musik „ ...lebendiger Ausdruck der ungestümen, gespannten und ruhelosen Welt ist, in der wir leben.“ Diesen Gedanken hatte zuvor schon ein deutscher Publizist. Einer der „einflussreichsten und profundesten“, wie der Journalist Hans-Jürgen Schaal meint, den heute kaum jemand als „Jazzkritiker“ kennt: Ernest Bornemann. Bornemann, eine Art Universalgenie, ist eher bekannt als Sexualforscher. Seine musikethnologischen Studien in den 1940er Jahren brachten ihn zu dem Schluss, dass der Jazz eben eine Art Volksmusik sei, beeinflusst durch kreolische Instrumentalisten, westafrikanische Einflüsse und „Volkskapellen der romanischen Länder“. Kurz: Jazz sei eine Art Weltmusik. Und seit Jahren erweitert der Jazz sein Spektrum durch weitere folkloristische Einflüsse ethnologische Begegnungen. Die Welt wird eben kleiner.
Am Mittwoch gastierte in Fürstenfeld in der Reihe Jazz First, als Ersatz für das geplante Beka Gochiashvilli Trio, das Duo Tasíya & Sammy. Die Sängerin aus der Ukraine und der russische Pianist haben Zeichen, Ausrufezeichen gesetzt - sowohl musikalisch, als auch in humanistisch-völkerverbindenden Charakter. Denn statt dem momentan brutalen und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Putins auf die Ukraine fand hier auf der Bühne etwas friedensstiftendes statt. Möglich macht diesen menschlichen, zivilisierten Akt des persönlichen Miteinanders derzeit die Kultur. Unter ihrem Dach kann jeder Widerstand und jedes Vorurteil auf der Grundlage gemeinsamer Kreativität gebrochen werden, sofern der Wille hierzu vorhanden ist. Das haben auch in einer kurzen Ansprache im Vorfeld des Konzertes sowohl die künstlerische Leiterin der Reihe Irina Frühwirt und Norbert Leinweber, Chef des Veranstaltungsforums, in einer kurzen Stellungnahme deutlich zum Ausdruck gebracht.
Dann Tasíya & Sammy Lukas, die mit einem furiosen Auftritt eben Jazz als Volksmusik ausmusiziert haben. Tasíya hat mit ihrer Gabe, ihrem Stimmumfang und ihrer ganz persönlichen Herangehensweise an die zeitgenössische Improvisation, Marksteine verschoben. Sie klingt eben nicht wie eine diese wirklich mittlerweile zum Mainstream zu zählenden Sängerinnen im Jazz, die die schönen, aber leider auch live viel zu häufig interpretierten Standards präsentieren. Die an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar studierte Tasíya Anastasiya Volokitina, wie sie mit vollem Namen heißt, sucht ganz individuelle Zugänge zur Musik. Natürlich spielt der konservative Jazzgesang dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Aber zugleich nutzt sie ukrainische und russische Motive, arbeitet mit unterschiedlichen Vokaltechniken, um ihren Stimmumfang zu erweitern, arbeitet mit elektronischen Möglichkeiten, kleinen aber typischen Instrumenten ihrer Heimat und formt letztendlich eine musikalische Sprache, die völlig fasziniert. Sie will nicht unbedingt schön singen, kann dies natürlich und deutet es auch immer wieder an. Ihr geht es um den Ausdruck, die Interpretation vor allem von Kompositionen beider Akteure. Da tauchen auch Dissonanzen auf, Verschattungen, Verschleifungen, Melancholien. Und alles zusammen. Ihre Stimme schlägt Purzelbäume, könnte man glauben, sie explodiert, um im nächsten Moment zu flüstern. Sollte man diese Art der Interpretationen an Namen festmachen, dann könnte dies ein Spektrum sein, das von Norma Winston, ihrer persönlichen Favoritin bis hin zur brasilianischen Vocalistin Flora Purim reicht.
Sammy Lukas ist der ideale Begleiter und auch Solist am Klavier. Er versteht es harte Akkorde zu setzen, beherrscht das lyrische Spiel, dann wieder perlen die Melodien und Improvisationen wie selbstverständlich aus dem Instrument. Er nimmt die Dynamik der Sängerin auf und motiviert mit seinen pianistischen Freiheiten wiederum Tasíya. Das nennt man Dialektik, wenn das eine das andere bedarf, oder ergänzt, Gegensätze auflöst und Erkenntnisse vermittelt. In diesem Fall Hochspannungskunst, als Ergebnis eines friedlichen, kreativen Miteinanders! Und letztendlich steht die Musik, die Tasíya & Sammy Lukas in Fürstenfeld spielten, genau in der Tradition, die George Gershwin schon vor sieben Jahrzehnten beschrieb als „ ...lebendiger Ausdruck der ungestümen, gespannten und ruhelosen Welt ist, in der wir leben.“
Jörg Konrad

Hier Bericht in der SZ/FFB
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Autor: Siehe Artikel
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