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1. Alexander Kluge „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
2. Monika Helfer „Löwenherz“
3. Szczepan Twardoch „Demut“
4. Andrej Platonow „Der Makedonische Offizier“
5. Jack Kerouac „Die Dharmajäger“
6. Schostakowitsch „Doppeltes Spiel“ Eine Hörbiografie von Jörg Handstei...
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Mittwoch 15.06.2022
Alexander Kluge „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
Er schreibt über Coronaviren als handele es sich um Außerirdische auf der Suche nach Biomasse. „Ein fremdes Lebewesen klopft an unsere Tür“ nennt Alexander Kluge eines seiner Kapitel in „Das Buch der Kommentare“. Und es fällt dem 90jährigen nicht schwer, von diesem aktuellen, bis vor wenigen Monaten noch alles beherrschenden Thema auf Adolf Hitler zu kommen, der in den ersten Monaten des Jahres 1943 an einer „Kopfgrippe“ erkrankte. Infiziert von einem Unteroffizier, der dem Oberhaupt des Deutschen Reiches die Haare schneiden sollte. Da halfen auch keine Sicherheitsringe rund um die Wolfsschanze, keine schwerbewaffneten SS-Wachen, keine noch so strengen Zugangskontrollen. Das Virus suchte und fand andere Wege und legte im Anschluss seinen Wirt für einige Wochen lahm.
Kluge beschreibt seit Jahrzehnten die Welt in der wir leben. Er springt vom Gegenwärtigen zum Vergangenen, macht deutlich, dass alles miteinander im Fluss ist, nichts allein für sich existiert. Und wie nebenher kommentiert er diese Welt, mit intelligenten Vergleichen und Metaphern.
Beschreiben und kommentieren - diese beiden Ausgangspunkte, Sichtweisen und Einschätzungen sind nicht immer identisch und können hin und wieder sich gegenseitig ausschließen oder provozieren. Nicht jede Betrachtungsweise kommt am Ende zum gleichen Resultat. Denn es steckt schon in der Natur des Kommentars, dass es sich hierbei um eine ganz subjektive Einschätzung von Realität handelt, die von der, die wir als objektiv bezeichnen, sehr wohl um einiges abweichen kann.
Doch bei Kluge bestehen eben auch Kommentare aus eigenständigen Geschichten und Anekdoten. Das macht sie im doppelten Sinn so lesenswert und kurzweilig. In dem er eine Situation betrachtet und erlebt, entstehen sofort neue Ideen, wie Gedankenketten in Form von Erzählungen. Und das macht seine Texte zusätzlich auch noch spannend. So bekommt das Historische, neben den richtungsweisenden Geschichtszahlen und Daten, auch immer eine stark emotionale Seite. Vielleicht ist dies die eigentliche Kunst des Filmemachers, Fernsehproduzenten, Schriftstellerers, Drehbuchautors, bildender Künstlers. Ein Chronist unserer Zeit, der in der Lage ist, dem historisch Relevanten in Form von subjektiven und gefühlsbetonten Berichten Leben einzuhauchen.
Die beiden jetzt erschienen Bände „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“ sind Bücher zum zwischendurch genießen. Man sollte sie nicht am Stück lesen. Dann geht viel verloren. Es sind kleine Portionen an Literatur und Intellekt, die wirken und die sich oft erst im Laufe der Zeit wirkungsvoll entfalten. Kluge kommentiert Trump und Freud, schreibt über Gewitter, Alpenarchitektur und die letzten Agenten der untergegangenen DDR. Und in „Zirkus / Kommentar“ beschäftigt er sich intensiv mit einem Thema, das ihn schon viele Jahre begleitet: der Zirkus. „Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos“ ist ein Film, den Kluge 1968 drehte und der in diesem Band in einer Art Reflektion noch einmal auftaucht. „Ratlos ist kein negatives Attribute“, schreibt der Autor bezüglich auf den Filmtitel. „Ratlosigkeit ist ein Zustand, der Suchbegriffe in Gang setzt. Besser ratlos als tatenlos. Das Wort ratlos zeigt, dass es eine erste Frage gibt, die ungelöst ist.“
Jörg Konrad

Alexander Kluge
„Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
Suhrkamp
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Freitag 13.05.2022
Monika Helfer „Löwenherz“
In ihrem jüngsten autofiktionalen Roman "Löwenherz" schreibt Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie fort, einer Familie von eigenwilligen Außenseitern. In "Bagage" geht es um ihre Großmutter und deren Kinder. Sie lebten, von der Gesellschaft gemieden, auf einem einsamen Hof in Vorarlberg. In "Vati" erzählt die Autorin von ihrem sensiblen, unglücklichen Vater, und mit "Löwenherz" ist ihr eine bewegende Annäherung an ihren jüngeren Bruder Richard gelungen.
Das Buch beginnt mit einem starken Bild: Man sieht Richard, wie er eine Blindschleiche auf seinen nackten Arm setzt und ihr seinen Lieblingssong "Going up the country" vorsummt, die Woodstockhymne des Sängers Alan Wilson, dem Richard ähnlich sah, und der mit 27 Jahren Selbstmord beging. Wie diesen Alan Wilson umgab Richard eine Aura von fast anarchischer Ungebundenheit und Tragik. Schon auf den ersten Seiten des Romans erfahren wir, dass sich auch Richard als junger Mann, im Jahr 1983, das Leben genommen hat. Damals war er gerade 30 Jahre alt. Monika Helfer will, dass man von Anfang an weiß, wie das Buch ausgeht. Das Spannende ist nicht das Ende der Geschichte, sondern wie die Autorin das Leben ihres Bruders in Literatur verwandelt.
Richard und seine Schwestern verloren ihre Mutter früh. Seit dem Tod seiner Frau war der Vater ein gebrochener Mann. Er nannte Richard, sein Lieblingskind, zärtlich "Löwenherz", wie den legendären englischen König. Er war aber nicht in der Lage, sich um seine Kinder zu kümmern. Richard kam zu einer Tante und ihrem polternden Ehemann, wo er sich nie heimisch fühlte, während seine Schwestern bei einer anderen Tante aufwuchsen. Erst als Erwachsene kamen sich die Geschwister wieder nahe.
Und nun, fast 40 Jahre nach seinem Tod, hat sich Monika Helfer auf Spurensuche nach ihrem Bruder begeben, unterstützt von ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, der damals mit Richard befreundet war. Immer wieder gibt die Autorin Einblick in den gemeinsamen Erinnerungsprozess und erzählt davon, wie sie und ihr Mann versuchen, sich über den geheimnisvollen Bruder klar zu werden.
Michael kannte Richard, wie er sagt, "aus der Unwirklichkeit heraus". Richards Schwester nannte ihn einen "Schmähtandler", einen, dem die Phantasie über die Wahrheit ging, der sich Geschichten ausdachte, wenn ihm die Wirklichkeit zu langweilig erschien. Er war ein Traumtänzer, der sich in die Enge der Realität nicht fügen konnte und wollte. Sein Geld verdiente er als Schriftsetzer. Doch eigentlich war er ein Künstler, ein begabter naiver Maler, aber ohne jeden Ehrgeiz. Bei Frauen kam der hübsche, sanftmütige Sonderling gut an. Im Grunde aber blieben sie ihm - wie überhaupt jede sexuelle Beziehung - gleichgültig.
Man fragt sich beim Lesen: Woher kam dieses Verhalten? Hatte es mit dem frühen Verlust seiner Mutter und seiner lieblosen Kindheit zu tun? Oder - wie Monika Helfer andeutet - hatte er einen Schaden davongetragen, als er als Baby seinen Schwestern auf den harten Boden gefallen war?
Michael meint im Buch einmal, Richard habe nie jemanden geliebt. Doch diese Aussage kann sich nur auf sein Verhältnis zu Frauen beziehen. Denn Richard liebte seinen Hund Schamasch, der ihm zugelaufen war, und Putzi, ein kleines Mädchen, das ihm deren unstete Mutter aufgedrängt hatte. Das ist eine eigene skurrile Geschichte, die sich aber, wie die Autorin versichert, tatsächlich so zugetragen hat.
Einige Jahre war Putzi bei Richard. Er, das Kind und der Hund lebten wie eine kleine Familie. Putzi sagte Papa zu ihm, und ausgerechnet er, den seine Schwester einmal einen Wilden, einen Indianer nennt, gab ihr Sicherheit und Geborgenheit, obwohl er nicht einmal ihren wirklichen Namen kannte. In selbstloser Weise war er für das Kind da, ein wahres Löwenherz. "Ich würde sagen: Er war Putzis Paradies, und Putzi war sein Paradies" heißt es im Buch. Doch dieses Paradies konnte der Realität nicht standhalten. Es gelang Richard nicht, Putzi zu adoptieren; sie wurde ihm weggenommen. Und zur selben Zeit wurde sein Hund von einem Wilderer erschossen.
"Löwenherz" ist auch ein Roman über eine innige Geschwisterbeziehung, über Verantwortung und Schuldgefühle.Die Autorin erzählt, wie sie ihrem Bruder zur Seite stand, ihn auffing, wenn er unglücklich war, ihm half, Putzi zu betreuen; wie sie sich für ihn, der mit der Wirklichkeit so schwer zurecht kam, verantwortlich fühlte. Doch in den letzten Jahren seines Lebens, die sie seine leeren Jahre nennt, verlor sie ihn weitgehend aus den Augen. Das hing damit zusammen, dass Richard eine lebenstüchtige Frau geheiratet hatte. Aber auch damit, dass Monika Helfer mit ihrer neuen Ehe und ihrer wachsenden Familie vollauf beschäftigt war. Und dann, fünf Jahre nachdem Richard Putzi und den Hund verloren hatte, kam plötzlich die Nachricht von seinem Tod. "Er hat nicht besonders gerne gelebt", sagt Michael.
Monika Helfer hat ein melancholisches, ergreifendes Buch geschrieben über einen, dem auf Erden nicht zu helfen war.
Lilly Munzinger, Gauting
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Dienstag 19.04.2022
Szczepan Twardoch „Demut“
Alois Pokora heißt die Hauptfigur in Szczepan Twardochs neuem Roman. Und dieser Alois Pokora geht, weil ihm jede Selbstachtung fehlt und er als Folge dessen keinen Halt im Leben findet, innerhalb von nur drei Jahren in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch persönliche und historische Katastrophen. Geboren in Schlesien in einer armen Bergarbeiterfamilie erhält er die Möglichkeit zu studieren, wird Offizier im 1. Weltkrieg, kommt im Schützengraben schwer verwundet in Berlin wieder zu Bewusstsein, desertiert und wird Mitglied des Spartakusbundes, lernt Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg kennen und landet letztendlich wieder in Schlesien, wo ihm ein Geheimnis seiner Familie offenbart wird.
Pokora, das polnische Wort für Demut und zugleich auch der Titel des Romans, erzählt sein Leben seiner hingebungsvoll Geliebten Agnes in Form von Briefen. Zugleich fühlt er sich von ihr erniedrigt, entwürdigt, herabgesetzt. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, die persönlichen Abgründe zu ertragen und sich noch stärker zu Agnes hingezogen zu fühlen.
Szczepan Twardoch gibt seinem Helden eine sehr eigenwillige Identität, beschreibt aber zugleich was einem Menschen real widerfährt, der in zugespitzten historischen Zeiten keine Haltung an den Tag legt, sondern den verschiedenen politischen Bewegungen als Spielball unterliegt und mental aufgerieben wird. Er verliert seine Lebenskoordinaten und schwimmt hilflos durch Raum und Zeit und ertrinkt letztendlich an der eigenen Meinungslosigkeit und fehlenden Entschlusskraft. Seine Obsessionen liegen auf anderen Gebieten.
Ein Versagen des einzelnen Individuums gegenüber einer herausfordernden Realität gibt es in der Literatur bis in unsere Gegenwart. Doch nur selten stand eine derart sprunghafte und labile Person im Zentrum eines Romans und war aufgrund der Instabilität und Wankelmütigkeit solchen Diffamierungen ausgesetzt.
Diesen Charakter beschreibt Twardoch jedoch eindringlich, auch mit einem Schuss Poesie. Er verklärt dabei Pokoras Handeln nicht. Twardoch schildert ihn als eine aus den Fugen geratenen Person, in einer aus den Fugen geratenen Zeit. An den Schauplätzen der Handlung weist er zudem auf historische Geschehnisse hin, die als Herausforderung wohl jede menschliche Gefühlslage auf den Prüfstand stellen. Doch trotz dieser Brüskierungen fasziniert die erzählerische Geschlossenheit und Intensität und so kann „Demut“ als ein ganz besonderes Leseerlebnis empfohlen werden.
In seiner Charakterisierung der wechselnden politischen Verhältnisse und dem Einblick hinter die seelische Fassade des Protagonisten schafft Twardoch eine Sternstunde der polnischen Literatur der Gegenwart. Ihm gelingt ein packendes, dramaturgisch geschickt angelegtes Wechselspiel, das Schlachtenbilder ebenso präzis beschreibt, wie die Psychologie des mitmarschierenden Außenseiters.
Der Handlungsstrang wirkt an manchen Stellen und in wenigen Momenten leicht überzogen und zugespitzt – im dramaturgischen Ablauf der Geschichte sind diese Überzeichnungen aber sehr wohl passend.
In den Medien wurde in der zurückliegenden Zeit immer wieder über Twardochs scheinbare pessimistische Gefühlslage spekuliert. Hierzu sagte der Autor vor einer Zeit der NZZ: „Als Autor bin ich Pessimist, als politisch Interessierter aber Optimist. Ich glaube, dass man die Welt in einen besseren Ort verwandeln kann, aber es gibt keine Pflicht als Autor, freundlich auf die Wirklichkeit zu schauen.“
Auf jeden Fall hat Szczepan Twardoch mit den Romanen „Drach“, „Morphin“, „Das schwarze Königreich“, „Der Boxer“ und jetzt ganz besonders mit „Demut“ ein großes Stück polnischer Geschichte in Romanform aufgearbeitet und darf nun endgültig als leuchtender Stern am europäischen Literaturhimmel wahrgenommen werden.
Jörg Konrad

Szczepan Twardoch
„Demut“
Rowohlt
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Montag 04.04.2022
Andrej Platonow „Der Makedonische Offizier“
Sie werden genutzt seit den Anfängen der Literatur: Metaphern, Parabeln, Fabeln oder auch Märchen. Sie dienen in ihrer literarischen Darstellung häufig der kritischen oder auch dokumentierenden Betrachtung der Realität. Angelegt sind sie oft in einer fernen Fantasiewelt. Nur so sind manche Machtkonstellationen kritisch zu durchleuchten, Despoten, Tyrannen und Alleinherrschern der Spiegel ihres Tuns vorzuhalten.
Andrej Platonow gehört mit zu den wichtigsten, aber leider auch unbekanntesten sowjetischen Autoren, die sich mit ihrer künstlerischen Arbeit während der Stalinzeit gegen den kommunistischen Machtapparat stellten. Und dies, wie im Fall des kleinen aber feinen Prosatextes „Der Makedonische Offizier“ eben mit dem Kunstgriff einer Parabel.
Denn obwohl das vorliegende sprachgewaltige Prosafragment im asiatischen Märchenreich Kutemalia angelegt ist, handelt es sich um die eindeutigste und schärfste Kritik Platonows an Stalin und seinen Schergen. Schon zuvor war er mehrfach politisch ermahnt worden und es dürfte ihm im Grunde klar gewesen sein, dass dieser Text unter den herrschenden politischen Zuständen nie erscheinen würde. Erst sechzig Jahre nach seiner Fertigstellung, da war Platonow 1951 schon elend und völlig verarmt an Tuberkulose gestorben, erblickte „Der Makedonische Offizier“ das Licht der Öffentlichkeit.
Platonow arbeitete als Bewässerungsingenieur, plante Wasserkraftwerke, die aufgrund ihrer naturschonenden Ausrichtung nicht gebaut wurden. Dadurch hatte er aber deutliche Einblick in die Realität, wurde mit der oft irrationalen Aufgabenstellung von Parteikadern konfrontiert. Es war für ihn, der von dem Rausch des Schreibens infiziert war, nur ein kleiner Schritt, mit entsprechender Fantasie diese Realität in märchenhaften Handlungsstricken zu verflechten. Bemerkenswert dabei ist Platonows Sprachgewalt, sowohl was ihre Klarheit und Genauigkeit betrifft, als auch die Poesie und Melancholie der ihr innewohnt.
Die Modernisierung der Sowjetunion war ein schon damals zentrales Thema Stalins, das in diesem Buch ein Gleichnis findet. Im Königreich Kutemalia herrscht der König Osni und da dieses Land in der Wüste liegt, ist die Bewässerung von entscheidender Bedeutung. Osni „engagiert“ den Wasserexperten Firs, den makedonischen Offizier, der zugleich als Agent von Alexander des Großen geschickt ist, für den er dieses Land erobern soll. Aber wo soll Firs in der Wüste Süßwasser erschließen? Es ist eine dieser unlösbaren Aufgaben, mit denen auch Stalin sein Volk wahnhaft überforderte und als Ergebnis dieses „Ungehorsams“ mit Massenerschießungen reagierte.
Platonow arbeitet in diesen nur knapp 40 Seiten langen Textfragment mit Gleichnissen und literarischen Einfällen, die einem zeitweise den Atem nehmen, so wenn die „psychotischen Stimmungslagen des Beherrschers des Weltenstoffs, Osni, zu erspüren und seine Neurosen in Gesetze umzuwandeln“ sind, oder vom „anhaltenden Schrei des Irrsinns“ die Rede ist. Platanow geht in seinen Gleichnissen und Beschreibungen immer noch einen Schritt weiter, erschrickt den Leser mit der Konsequenz seiner Wahrheiten. Er liefert auf diese Weise ein schonungsloses Portrait – das uns leider immer wieder an die Gegenwart und die Herrschsucht von Despoten denken lässt.
Übersetzt hat dieses kleine Meisterwerk Michael Leetz, der für das Buch noch etliche Anmerkungen und biographische Notizen von und über Platonow erarbeitet hat. So ist eine längere Passage, von Platonow verfasst, über ein Treffen mit Gorki enthalten, oder das ausgeschriebene, entlarvende Stenogramm eines sogenannten Werkstattabends, den Platonow im Gesamtrussischen Verband sowjetischer Schriftsteller im Februar 1932 verbrachte. So gerät „Der Makedonische Offizier“ zu einem ebenso literarisch faszinierenden, wie auch politisch entlarvenden Text.
Jörg Konrad

Andrej Platonow
„Der Makedonische Offizier“
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Mittwoch 09.03.2022
Jack Kerouac „Die Dharmajäger“
Immer auf Achse, stets auf der Suche und trotzdem bei sich bleiben. So könnte man das Leben Jack Kerouacs auch zusammenfassen.? Gesteckte Ziele gilt es über unvorhergesehene Umwege zu erreichen und diese wiederum sind die eigentliche Herausforderung. Kerouac und die meisten seiner Helden sind für alle Abenteuer offen. Sie nehmen die Welt so wie sie ist und versuchen immer das Beste aus jeder Situation herauszuholen. Und bei allem bleibt Kerouac als Autor und bleiben seine literarischen Figuren Menschenfreunde, verhalten sich dem Leben gegenüber demütig, sehen das Einzigartige und das Originelle in der Natur und entscheiden sich an den Kreuzungspunkten des Seins stets für das Positive. So auch in seinem1958 erschienenen und jetzt in Neuübersetzung erschienen Roman „Die Dharmajäger“ (bekannt auch als „Gammler, Zen und hohe Berge“).
Ray Smith, der Ich-Erzähler, trampt kreuz und quer durch die USA, fährt als Hobo auf Güterzügen, erstürmt die Viertausender-Gipfel der High Sierras, liebt den Jazz des Saxophon-Titanen Charlie Parker und findet seine Erfüllung in berauschenden Partys; er wandert und meditiert und versucht, jede Form bewusst gesuchter Einsamkeit tapfer zu ertragen und gibt ihr zusätzlich einen spirituellen Sinn. Auf seinen unermüdlichen Reisen, die ihn bis nach Mexiko führen, lernt er die absonderlichsten Typen kennen, die seinen Weg ein Stück begleiten und die der Leser in eindrucksvoller Erinnerung behält. Und über allem steht, als intellektuelle Grundhaltung, der Zen-Buddhismus.
Es scheint, als sei das Leben Kerouacs ein einziger langer Trip. Wie kein anderen Autor beschreibt er voller Poesie und doch präzis die vorbeifliegenden Landschaften, seine flüchtigen Reisebekanntschaften und die Rastlosigkeit, die ihn antreibt. Er gehörte mit dieser Art der Weltsicht und des fiebrigen Schreibens zu den gefeierten Autoren der Beat-Generation, einer literarischen Bewegung nach dem 2. Weltkrieg, zu der auch Allen Ginsberg und William S. Burroughs gehörten, im Gegensatz zur Lost-Generation um Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway zwischen den Weltkriegen.
Diese Art des unsteten Unterwegs-seins (Kerouac bekanntester Roman trägt den Titel „On The Road“) hat auch etwas mit dem amerikanischen Cowboy-Image zu tun, nur dass statt Pferden Autos die Szenerie bestimmen. Und es ist nicht die Freiheit der Steppe, der er wortgewaltig huldigt, sondern die Freiheit des Asphalts.
Heute vor einhundert Jahren ist Jack Kerouac, mit bürgerlichem Namen Jean-Louis Lebris de Kérouac, geboren. Er war das Sprachrohr einer kulturellen Bewegung in den 1950er Jahren, ein Gegenentwurf zum muffigen Klima der Eisenhower-Ära und gehörte damit in die erste Reihe der vor-Hippie-Bewegung. „Denn die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren - jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie fantastische gelbe Wunderkerzen“, so geht es in seinem bekanntesten Roman „On The Road“ über 575 Seiten. Kerouac starb mit nur 47 Jahren 1969 an inneren Blutungen als Folge seiner Alkohol- und Drogensucht.
Jörg Konrad

Jack Kerouac
„Die Dharmajäger“
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Mittwoch 23.02.2022
Schostakowitsch „Doppeltes Spiel“ Eine Hörbiografie von Jörg Handstein
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Musik ist ein Mittel, das dunklen Dramatismus und pure Entrückung, Leiden und Ekstase, feurige und kalte Wut, Melancholie und wilde Heiterkeit zum Ausdruck bringen kann - und die subtilsten Nuancen und das Zusammenspiel dieser Gefühle, deren Ausdrucksstärke in Malerei und Skulptur unerreichbar ist.“ - Schostakowitsch 1964.
Mit sieben galt er als musikalisches Wunderkind, als junger Komponist beeindruckte er durch seine experimentelle Vielfalt und seine Leidenschaft, mit seinen späteren Werken fiel er bei Stalin in Ungnade, angeklagt des „Formalismus“ und der „Volksfremdheit“ wurde er mit Lagerhaft und Exekution bedroht und komponierte seine Stücke zwischen Anpassung und Protest – mit verschlüsselten Botschaften. Sein ständiger Begleiter: Angst. Nach dem Tod Stalins wurde Schostakowitschs rehabilitiert, auch seine in Ungnade gefallenen Werke wieder aufgeführt. Er selbst aber blieb eine Art Leibeigener der neuen kommunistischen Führung.
Der 1906 in Sankt Petersburg geborene Pianist und Komponist Schostakowitsch bewegte sich sein Leben lang zwischen den Extremen von höchster künstlerischer Anerkennung und existenzieller Bedrohung. Ein Leben, das durch Tragik, Krankheit und Tod gezeichnet war und sich zugleich in den dunkelsten Hinterhöfen des 20. Jahrhunderts abspielte. Denn das reale Bühnenbild jener Jahre war in der Sowjetunion gekennzeichnet durch Schauprozesse, Terror, Massenerschießungen.
Trotzdem entwickelte sich Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch mit seinem kaum überschaubaren Werk zu den bedeutendsten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts. Zugleich ist er aber immer Spielball der herrschenden Klasse gewesen. Unter diesen Umständen schrieb er über ein halbes Dutzend Opern, drei Ballettwerke, fünfzehn Sinfonien, über zwanzig Kammermusik-Stücke, Konzerte für Klavier, Violine und Violoncello, zwanzig Filmmusiken, etliche Vokalwerke, Romanzen, Poeme und Lieder. Er verfasste den ersten Schlagzeugsatz der Musikgeschichte, komponierte atonal, hatte engen Kontakt zu Milhaud und Hindemith, experimentierte mit Foxtrott, Tango und Charleston und beschäftigt sich intensiv mit dem Jazz.
Dieses vielgestaltige Leben, mit all seinen Höhe- und Tiefpunkten hat Jörg Handstein in einer bemerkenswerten Hörbiografie zusammengefasst. Mit einem grandiosen Sprecherensemble (Udo Wachveitl, Ulrich Matthes, Thomas Birnstiel u.a.) und dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks unter Mariss Jansons ist dem Autor nicht nur ein packendes Zeitdokument gelungen. „Doppeltes Spiel“ findet eine faszinierende Nähe in der Darstellung des Menschen Schostakowitsch, dessen künstlerisches Werk im Umfeld von Angst und Entsetzen entstanden ist. Trotzdem hat er diesen äußeren Druck mit seiner sensiblen Natur ausgehalten, hat mit Ideen und man möchte sagen mit Genialität Großartiges geschaffen.
Jörg Konrad

Schostakowitsch
„Doppeltes Spiel“
Eine Hörbiografie von Jörg Handstein
Symphony Nr. 5
Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks unter Mariss Jansons
Gelesen von Udo Wachtveitl & Ulrich Matthes
BR Klassik
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Autor: Siehe Artikel
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