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1. James Ellroy „Allgemeine Panik“
2. Katerina Poladjan "Zukunftsmusik"
3. Alexander Kluge „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
4. Monika Helfer „Löwenherz“
5. Szczepan Twardoch „Demut“
6. Andrej Platonow „Der Makedonische Offizier“
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Mittwoch 03.08.2022
James Ellroy „Allgemeine Panik“
Wer Krimis mag, muss nicht unbedingt James Ellroy mögen. Und wer um Krimis generell einen weiten Bogen macht, der könnte an dem Amerikaner wiederum große Freude haben. Denn obwohl Ellroy seinen schonungslosen Stoff aus dem kriminellen Milieu filtert, sind seine Bücher - hauptsächlich im Umfeld von Los Angeles der 1950er Jahre angesiedelt - weit mehr als nur die Beschreibung von Verbrechen. Ellroy ist ein Chronist der Zeit, ein Autor, der gesellschaftliche Themen wie nebenbei abhandelt und damit ein (oft erschreckendes) Bild der amerikanischen Gesellschaft entwirft. Romane wie „Die schwarze Dahlie“, „Stadt derTeufel“ (verfilmt als „L.A. Confidentuial“) oder „Die Rothaarige“ (autobiographischer Text) sind auch literarisch auf hohem Niveau angesiedelt und außergewöhnlich komplex.
„Allgemeine Panik“ ist nun Ellroys zweiundzwanzigste Veröffentlichung und wird, wie einige seiner Vorgänger, einem weit zurückliegenden Zitat der Süddeutschen Zeitung absolut gerecht: „Ellroy ist der wohl wahnsinnigste unter den lebenden Dichtern und Triebtätern der amerikanischen Literatur.“
Leider geht diese Einschätzung bei „Allgemeine Panik“ auf Kosten der Handlung, bzw. der Dramaturgie des Textes. Fred Otash, die Hauptfigur des Buches mit klaren Bezügen zu einer realen Figur gleichen Namens, der als Polizist, Privatdetektiv und Autor, sein Geld hauptsächlich mit Intrigen, Korruption, Bestechung, Erpressung und deren Veröffentlichung in Klatschmagazinen verdiente, schmort seit 28 Jahren im Fegefeuer. Übrigens diente diese Gestalt dem Privatdetektiv Jake Gittes in Roman Polanskis Film „Chinatown“ (gespielt von Jack Nicholson) als Vorlage.
In Ellroys Roman soll jener Otash in Form einer Autobiographie Beichte ablegen – um vielleicht doch noch ins Paradies zu gelangen. Und hier beginnt Ellroy aufzuzählen, welche Skandale Otash inszenierte, welche Privatheiten von welchen Berühmtheiten er auf schmierigste und abstoßendste Art und Weise im Boulevardmagazins „Confidential“ veröffentlichte. Brutalität, Sexismus, Rassismus wiederholen sich auf den Seiten stakkatohaft und gipfeln in Otashs Bekenntnis: „Ich war der Höllenhund, vor dem ganz Hollywood kuschte. Ich war der Mann, der um all die kranken Sex-Geheimnisse wusste, auf die ihr irren Irdischen so scharf seid.“
Der Leser wird mit privaten Einzelheiten und erfundenen Verfehlungen und Affären aus dem Leben von Prominenten wie John F. Kennedy, Liz Taylor, Burt Lancaster, Rock Hudson, James Dean, John Wayne, Barbara Stanwyck und vielen vielen anderen konfrontiert. Diese Aneinanderreihung von unappetitlichen und letztendlich schwachen Konstrukten sind auf Dauer etwas eintönig und in ihrer Krudelität beinahe förmlich. Fast verpasst der Leser dann den zweiten Teil des Romans, in dem Ellroy den Fall des 1960 hingerichteten Gewalttäters Caryl Whittier Chessman und seinen kriminellen Machenschaften um den James Dean-Klassiker „Denn sie wissen nicht was sie tun“ beschreibt. Hier läuft Ellroy fast wieder zu gewohnter Größe und Genialität auf und kann einiges des zuvor etwas angeschlagenen literarischen Porzellans wieder kitten.
Jörg Konrad

James Ellroy
„Allgemeine Panik“
Ullstein
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Montag 04.07.2022
Katerina Poladjan "Zukunftsmusik"
Die russische Autorin Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren. Ende der 1970-er Jahre kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie lebt und arbeitet heute in Berlin. Ihr neues Buch „Zukunftsmusik“ spielt in der späten Sowjetunion und hat angesichts der jüngsten Ereignisse natürlich besondere Aufmerksamkeit erfahren.
Obwohl Katerina Poladjan den Roman vor Ausbruch des Ukraine-Krieges geschrieben und in der Vergangenheit angesiedelt hat, kann man ihn auch als Beitrag zur Situation im heutigen Russland lesen.
Wie die Autorin eine an sich trostlose Szenerie in magische Poesie verwandeln kann, zeigt schon der erste Satz ihres Buches: „Tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau ragte das Skelett einer Radarstation in den Nachthimmel, schwach beleuchtet von den Lampen der Glühbirnenfabrik, die immer brannten.“ Mit wenigen Worten fängt sie die gewaltigen Dimensionen des Sowjetreiches ein und beschwört gleichzeitig eine Endzeitstimmung herauf.
Die Handlung des Buches konzentriert sich auf einen einzigen Tag im Leben der Bewohner einer Kommunalka, einer Art Zwangs-WG, irgendwo in Sibirien. Es ist der 11. März 1985, und aus allen Radios und Lautsprechern tönt von früh bis spät Chopins Trauermarsch, der als Leitmelodie den ganzen Roman grundiert. Der Tag markiert eine Zeitenwende. Der greise Staatschef ist gestorben. Ein gewisser Michail Gorbatschow wird am selben Tag sein Nachfolger werden, was aber noch niemand in der Kommunalka ahnt. Und doch liegt etwas wie Hoffnung in der Luft.
In einer einst eleganten, jetzt aber heruntergekommenen großbürgerlichen Wohnung sind wegen der überall herrschenden Wohnungsnot mehrere Parteien einquartiert. Fünf Kochherde stehen in der Gemeinschaftsküche, und an der Wand im Flur hängen die Klobrillen der Bewohner an ihren Haken. Einen Raum der Kommunalka teilen sich die vier Frauen einer Familie: die herbe, aber lebenslustige Urgroßmutter Warwara, die hübsche, sanfte Großmutter Maria Nikolajewna, die von schönen Kleidern und liebenswürdigen Männern träumt, und ihre zornige 20-jährige Tochter Janka. Sie verkörpert die junge, verlorene Generation der Sowjetunion und sehnt sich nach Freiheit und intensiven Gefühlen. Sie will eine andere Musik machen als den allgegenwärtigen Trauermarsch: Zukunftsmusik. Am Abend möchte sie in der Küche ein Punkkonzert veranstalten. Die drei erwachsenen Frauen sind berufstätig und kümmern sich abwechselnd um Jankas kleine Tochter. Die Männer der Familie sind abhanden gekommen oder waren nie da.
In locker komponierten Episoden, aus wechselnden Perspektiven, erzählt die Autorin von den Ängsten und Sehnsüchten ihrer Figuren und fängt damit die Atmosphäre in der späten Sowjetunion ein. Sie schildert, wie die Frauen mit der Mühsal und Tristesse des russischen Alltags zu kämpfen haben, mit der mangelnden Privatsphäre, dem täglichen Schlangestehen, der Bespitzelung und der Illusionslosigkeit. Und doch wirkt das Buch federleicht und nicht anklagend. Katerina Poladjan schlägt einen ganz eigenen, unverwechselbaren Erzählton an. Er ist traurig und komisch zugleich, verspielt und poetisch.
In einem Zimmer neben den Frauen lebt Matwej Alexandrowitsch, ein Ingenieur in geheimer staatlicher Mission, ein Apparatschik. An ihm zeigt die Autorin die Härte der Sowjetdiktatur und die erstaunliche Bereitschaft vieler Bürger, sich ihr gläubig zu unterwerfen. Als junger Mann wurde Matwej Opfer von Denunziation und einer staatlichen Strafaktion, dennoch hält er an der großen Idee fest und glaubt an die Eroberung des Kosmos durch die Sowjetunion. Dabei ist gerade er eine vielschichtige Figur. Seit vielen Jahren verehrt er auf eine altmodische, zarte Weise seine Mitbewohnerin Maria Nikolajewna. Er liebt die Poesie und spricht so gewählt, als käme er aus einem russischen Roman des 19. Jahrhunderts.
Überhaupt gibt es in „Zukunftsmusik“ zahlreiche Anspielungen auf die große Tradition der russischen Literatur, auf Dostojewski, Turgenjew, Tschechow und viele andere. Katerina Poladjan öffnet damit einen weiten Raum jenseits der engen Sowjetdoktrin.
Der tristen Realität des Sozialismus setzt sie im Roman eine phantasievolle, zunehmend surreale Welt entgegen, die an Bulgakows „Meister und Margarita“ erinnert. Dabei arbeitet sie mit starken Symbolen. In der Kommunalka gibt es ein Zimmer mit einem Loch in der Decke, durch das ein Bewohner davongeflogen ist, ein Symbol für Aufbruch und Freiheit. Jetzt sieht man den Himmel. Am Ende des Tages wird das verfallende Haus überraschenderweise abgerissen - ein eindrucksvolles Bild für den Untergang der Sowjetunion. Die junge Janka findet sich plötzlich in einer phantastischen Szenerie. Durch eine Tür blickt sie in eine verheißungsvolle Landschaft und ist „glücklich wie eine Genesende, die nach langer Krankheit zum ersten Mal nach draußen tritt“.
Katerina Poladjans schöner, melancholischer Roman macht froh und traurig zugleich. Beim Lesen ist man beglückt, einfach deshalb, weil er so gut ist. Gleichzeitig ist er deprimierend, denn was ist aus der Hoffnung auf Wandel, aus der Aufbruchstimmung in Russland geworden! „Jetzt sind wir da, wo wir auch vorher waren“ sagt die Autorin in einem Interview. Es ist „sehr traurig, dass wir es nicht geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen.“
Lilly Munzinger, Gauting

Katerina Poladjan
"Zukunftsmusik"
S. Fischer
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Mittwoch 15.06.2022
Alexander Kluge „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
Er schreibt über Coronaviren als handele es sich um Außerirdische auf der Suche nach Biomasse. „Ein fremdes Lebewesen klopft an unsere Tür“ nennt Alexander Kluge eines seiner Kapitel in „Das Buch der Kommentare“. Und es fällt dem 90jährigen nicht schwer, von diesem aktuellen, bis vor wenigen Monaten noch alles beherrschenden Thema auf Adolf Hitler zu kommen, der in den ersten Monaten des Jahres 1943 an einer „Kopfgrippe“ erkrankte. Infiziert von einem Unteroffizier, der dem Oberhaupt des Deutschen Reiches die Haare schneiden sollte. Da halfen auch keine Sicherheitsringe rund um die Wolfsschanze, keine schwerbewaffneten SS-Wachen, keine noch so strengen Zugangskontrollen. Das Virus suchte und fand andere Wege und legte im Anschluss seinen Wirt für einige Wochen lahm.
Kluge beschreibt seit Jahrzehnten die Welt in der wir leben. Er springt vom Gegenwärtigen zum Vergangenen, macht deutlich, dass alles miteinander im Fluss ist, nichts allein für sich existiert. Und wie nebenher kommentiert er diese Welt, mit intelligenten Vergleichen und Metaphern.
Beschreiben und kommentieren - diese beiden Ausgangspunkte, Sichtweisen und Einschätzungen sind nicht immer identisch und können hin und wieder sich gegenseitig ausschließen oder provozieren. Nicht jede Betrachtungsweise kommt am Ende zum gleichen Resultat. Denn es steckt schon in der Natur des Kommentars, dass es sich hierbei um eine ganz subjektive Einschätzung von Realität handelt, die von der, die wir als objektiv bezeichnen, sehr wohl um einiges abweichen kann.
Doch bei Kluge bestehen eben auch Kommentare aus eigenständigen Geschichten und Anekdoten. Das macht sie im doppelten Sinn so lesenswert und kurzweilig. In dem er eine Situation betrachtet und erlebt, entstehen sofort neue Ideen, wie Gedankenketten in Form von Erzählungen. Und das macht seine Texte zusätzlich auch noch spannend. So bekommt das Historische, neben den richtungsweisenden Geschichtszahlen und Daten, auch immer eine stark emotionale Seite. Vielleicht ist dies die eigentliche Kunst des Filmemachers, Fernsehproduzenten, Schriftstellerers, Drehbuchautors, bildender Künstlers. Ein Chronist unserer Zeit, der in der Lage ist, dem historisch Relevanten in Form von subjektiven und gefühlsbetonten Berichten Leben einzuhauchen.
Die beiden jetzt erschienen Bände „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“ sind Bücher zum zwischendurch genießen. Man sollte sie nicht am Stück lesen. Dann geht viel verloren. Es sind kleine Portionen an Literatur und Intellekt, die wirken und die sich oft erst im Laufe der Zeit wirkungsvoll entfalten. Kluge kommentiert Trump und Freud, schreibt über Gewitter, Alpenarchitektur und die letzten Agenten der untergegangenen DDR. Und in „Zirkus / Kommentar“ beschäftigt er sich intensiv mit einem Thema, das ihn schon viele Jahre begleitet: der Zirkus. „Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos“ ist ein Film, den Kluge 1968 drehte und der in diesem Band in einer Art Reflektion noch einmal auftaucht. „Ratlos ist kein negatives Attribute“, schreibt der Autor bezüglich auf den Filmtitel. „Ratlosigkeit ist ein Zustand, der Suchbegriffe in Gang setzt. Besser ratlos als tatenlos. Das Wort ratlos zeigt, dass es eine erste Frage gibt, die ungelöst ist.“
Jörg Konrad

Alexander Kluge
„Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
Suhrkamp
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Freitag 13.05.2022
Monika Helfer „Löwenherz“
In ihrem jüngsten autofiktionalen Roman "Löwenherz" schreibt Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie fort, einer Familie von eigenwilligen Außenseitern. In "Bagage" geht es um ihre Großmutter und deren Kinder. Sie lebten, von der Gesellschaft gemieden, auf einem einsamen Hof in Vorarlberg. In "Vati" erzählt die Autorin von ihrem sensiblen, unglücklichen Vater, und mit "Löwenherz" ist ihr eine bewegende Annäherung an ihren jüngeren Bruder Richard gelungen.
Das Buch beginnt mit einem starken Bild: Man sieht Richard, wie er eine Blindschleiche auf seinen nackten Arm setzt und ihr seinen Lieblingssong "Going up the country" vorsummt, die Woodstockhymne des Sängers Alan Wilson, dem Richard ähnlich sah, und der mit 27 Jahren Selbstmord beging. Wie diesen Alan Wilson umgab Richard eine Aura von fast anarchischer Ungebundenheit und Tragik. Schon auf den ersten Seiten des Romans erfahren wir, dass sich auch Richard als junger Mann, im Jahr 1983, das Leben genommen hat. Damals war er gerade 30 Jahre alt. Monika Helfer will, dass man von Anfang an weiß, wie das Buch ausgeht. Das Spannende ist nicht das Ende der Geschichte, sondern wie die Autorin das Leben ihres Bruders in Literatur verwandelt.
Richard und seine Schwestern verloren ihre Mutter früh. Seit dem Tod seiner Frau war der Vater ein gebrochener Mann. Er nannte Richard, sein Lieblingskind, zärtlich "Löwenherz", wie den legendären englischen König. Er war aber nicht in der Lage, sich um seine Kinder zu kümmern. Richard kam zu einer Tante und ihrem polternden Ehemann, wo er sich nie heimisch fühlte, während seine Schwestern bei einer anderen Tante aufwuchsen. Erst als Erwachsene kamen sich die Geschwister wieder nahe.
Und nun, fast 40 Jahre nach seinem Tod, hat sich Monika Helfer auf Spurensuche nach ihrem Bruder begeben, unterstützt von ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, der damals mit Richard befreundet war. Immer wieder gibt die Autorin Einblick in den gemeinsamen Erinnerungsprozess und erzählt davon, wie sie und ihr Mann versuchen, sich über den geheimnisvollen Bruder klar zu werden.
Michael kannte Richard, wie er sagt, "aus der Unwirklichkeit heraus". Richards Schwester nannte ihn einen "Schmähtandler", einen, dem die Phantasie über die Wahrheit ging, der sich Geschichten ausdachte, wenn ihm die Wirklichkeit zu langweilig erschien. Er war ein Traumtänzer, der sich in die Enge der Realität nicht fügen konnte und wollte. Sein Geld verdiente er als Schriftsetzer. Doch eigentlich war er ein Künstler, ein begabter naiver Maler, aber ohne jeden Ehrgeiz. Bei Frauen kam der hübsche, sanftmütige Sonderling gut an. Im Grunde aber blieben sie ihm - wie überhaupt jede sexuelle Beziehung - gleichgültig.
Man fragt sich beim Lesen: Woher kam dieses Verhalten? Hatte es mit dem frühen Verlust seiner Mutter und seiner lieblosen Kindheit zu tun? Oder - wie Monika Helfer andeutet - hatte er einen Schaden davongetragen, als er als Baby seinen Schwestern auf den harten Boden gefallen war?
Michael meint im Buch einmal, Richard habe nie jemanden geliebt. Doch diese Aussage kann sich nur auf sein Verhältnis zu Frauen beziehen. Denn Richard liebte seinen Hund Schamasch, der ihm zugelaufen war, und Putzi, ein kleines Mädchen, das ihm deren unstete Mutter aufgedrängt hatte. Das ist eine eigene skurrile Geschichte, die sich aber, wie die Autorin versichert, tatsächlich so zugetragen hat.
Einige Jahre war Putzi bei Richard. Er, das Kind und der Hund lebten wie eine kleine Familie. Putzi sagte Papa zu ihm, und ausgerechnet er, den seine Schwester einmal einen Wilden, einen Indianer nennt, gab ihr Sicherheit und Geborgenheit, obwohl er nicht einmal ihren wirklichen Namen kannte. In selbstloser Weise war er für das Kind da, ein wahres Löwenherz. "Ich würde sagen: Er war Putzis Paradies, und Putzi war sein Paradies" heißt es im Buch. Doch dieses Paradies konnte der Realität nicht standhalten. Es gelang Richard nicht, Putzi zu adoptieren; sie wurde ihm weggenommen. Und zur selben Zeit wurde sein Hund von einem Wilderer erschossen.
"Löwenherz" ist auch ein Roman über eine innige Geschwisterbeziehung, über Verantwortung und Schuldgefühle.Die Autorin erzählt, wie sie ihrem Bruder zur Seite stand, ihn auffing, wenn er unglücklich war, ihm half, Putzi zu betreuen; wie sie sich für ihn, der mit der Wirklichkeit so schwer zurecht kam, verantwortlich fühlte. Doch in den letzten Jahren seines Lebens, die sie seine leeren Jahre nennt, verlor sie ihn weitgehend aus den Augen. Das hing damit zusammen, dass Richard eine lebenstüchtige Frau geheiratet hatte. Aber auch damit, dass Monika Helfer mit ihrer neuen Ehe und ihrer wachsenden Familie vollauf beschäftigt war. Und dann, fünf Jahre nachdem Richard Putzi und den Hund verloren hatte, kam plötzlich die Nachricht von seinem Tod. "Er hat nicht besonders gerne gelebt", sagt Michael.
Monika Helfer hat ein melancholisches, ergreifendes Buch geschrieben über einen, dem auf Erden nicht zu helfen war.
Lilly Munzinger, Gauting
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Dienstag 19.04.2022
Szczepan Twardoch „Demut“
Alois Pokora heißt die Hauptfigur in Szczepan Twardochs neuem Roman. Und dieser Alois Pokora geht, weil ihm jede Selbstachtung fehlt und er als Folge dessen keinen Halt im Leben findet, innerhalb von nur drei Jahren in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch persönliche und historische Katastrophen. Geboren in Schlesien in einer armen Bergarbeiterfamilie erhält er die Möglichkeit zu studieren, wird Offizier im 1. Weltkrieg, kommt im Schützengraben schwer verwundet in Berlin wieder zu Bewusstsein, desertiert und wird Mitglied des Spartakusbundes, lernt Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg kennen und landet letztendlich wieder in Schlesien, wo ihm ein Geheimnis seiner Familie offenbart wird.
Pokora, das polnische Wort für Demut und zugleich auch der Titel des Romans, erzählt sein Leben seiner hingebungsvoll Geliebten Agnes in Form von Briefen. Zugleich fühlt er sich von ihr erniedrigt, entwürdigt, herabgesetzt. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, die persönlichen Abgründe zu ertragen und sich noch stärker zu Agnes hingezogen zu fühlen.
Szczepan Twardoch gibt seinem Helden eine sehr eigenwillige Identität, beschreibt aber zugleich was einem Menschen real widerfährt, der in zugespitzten historischen Zeiten keine Haltung an den Tag legt, sondern den verschiedenen politischen Bewegungen als Spielball unterliegt und mental aufgerieben wird. Er verliert seine Lebenskoordinaten und schwimmt hilflos durch Raum und Zeit und ertrinkt letztendlich an der eigenen Meinungslosigkeit und fehlenden Entschlusskraft. Seine Obsessionen liegen auf anderen Gebieten.
Ein Versagen des einzelnen Individuums gegenüber einer herausfordernden Realität gibt es in der Literatur bis in unsere Gegenwart. Doch nur selten stand eine derart sprunghafte und labile Person im Zentrum eines Romans und war aufgrund der Instabilität und Wankelmütigkeit solchen Diffamierungen ausgesetzt.
Diesen Charakter beschreibt Twardoch jedoch eindringlich, auch mit einem Schuss Poesie. Er verklärt dabei Pokoras Handeln nicht. Twardoch schildert ihn als eine aus den Fugen geratenen Person, in einer aus den Fugen geratenen Zeit. An den Schauplätzen der Handlung weist er zudem auf historische Geschehnisse hin, die als Herausforderung wohl jede menschliche Gefühlslage auf den Prüfstand stellen. Doch trotz dieser Brüskierungen fasziniert die erzählerische Geschlossenheit und Intensität und so kann „Demut“ als ein ganz besonderes Leseerlebnis empfohlen werden.
In seiner Charakterisierung der wechselnden politischen Verhältnisse und dem Einblick hinter die seelische Fassade des Protagonisten schafft Twardoch eine Sternstunde der polnischen Literatur der Gegenwart. Ihm gelingt ein packendes, dramaturgisch geschickt angelegtes Wechselspiel, das Schlachtenbilder ebenso präzis beschreibt, wie die Psychologie des mitmarschierenden Außenseiters.
Der Handlungsstrang wirkt an manchen Stellen und in wenigen Momenten leicht überzogen und zugespitzt – im dramaturgischen Ablauf der Geschichte sind diese Überzeichnungen aber sehr wohl passend.
In den Medien wurde in der zurückliegenden Zeit immer wieder über Twardochs scheinbare pessimistische Gefühlslage spekuliert. Hierzu sagte der Autor vor einer Zeit der NZZ: „Als Autor bin ich Pessimist, als politisch Interessierter aber Optimist. Ich glaube, dass man die Welt in einen besseren Ort verwandeln kann, aber es gibt keine Pflicht als Autor, freundlich auf die Wirklichkeit zu schauen.“
Auf jeden Fall hat Szczepan Twardoch mit den Romanen „Drach“, „Morphin“, „Das schwarze Königreich“, „Der Boxer“ und jetzt ganz besonders mit „Demut“ ein großes Stück polnischer Geschichte in Romanform aufgearbeitet und darf nun endgültig als leuchtender Stern am europäischen Literaturhimmel wahrgenommen werden.
Jörg Konrad

Szczepan Twardoch
„Demut“
Rowohlt
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Montag 04.04.2022
Andrej Platonow „Der Makedonische Offizier“
Sie werden genutzt seit den Anfängen der Literatur: Metaphern, Parabeln, Fabeln oder auch Märchen. Sie dienen in ihrer literarischen Darstellung häufig der kritischen oder auch dokumentierenden Betrachtung der Realität. Angelegt sind sie oft in einer fernen Fantasiewelt. Nur so sind manche Machtkonstellationen kritisch zu durchleuchten, Despoten, Tyrannen und Alleinherrschern der Spiegel ihres Tuns vorzuhalten.
Andrej Platonow gehört mit zu den wichtigsten, aber leider auch unbekanntesten sowjetischen Autoren, die sich mit ihrer künstlerischen Arbeit während der Stalinzeit gegen den kommunistischen Machtapparat stellten. Und dies, wie im Fall des kleinen aber feinen Prosatextes „Der Makedonische Offizier“ eben mit dem Kunstgriff einer Parabel.
Denn obwohl das vorliegende sprachgewaltige Prosafragment im asiatischen Märchenreich Kutemalia angelegt ist, handelt es sich um die eindeutigste und schärfste Kritik Platonows an Stalin und seinen Schergen. Schon zuvor war er mehrfach politisch ermahnt worden und es dürfte ihm im Grunde klar gewesen sein, dass dieser Text unter den herrschenden politischen Zuständen nie erscheinen würde. Erst sechzig Jahre nach seiner Fertigstellung, da war Platonow 1951 schon elend und völlig verarmt an Tuberkulose gestorben, erblickte „Der Makedonische Offizier“ das Licht der Öffentlichkeit.
Platonow arbeitete als Bewässerungsingenieur, plante Wasserkraftwerke, die aufgrund ihrer naturschonenden Ausrichtung nicht gebaut wurden. Dadurch hatte er aber deutliche Einblick in die Realität, wurde mit der oft irrationalen Aufgabenstellung von Parteikadern konfrontiert. Es war für ihn, der von dem Rausch des Schreibens infiziert war, nur ein kleiner Schritt, mit entsprechender Fantasie diese Realität in märchenhaften Handlungsstricken zu verflechten. Bemerkenswert dabei ist Platonows Sprachgewalt, sowohl was ihre Klarheit und Genauigkeit betrifft, als auch die Poesie und Melancholie der ihr innewohnt.
Die Modernisierung der Sowjetunion war ein schon damals zentrales Thema Stalins, das in diesem Buch ein Gleichnis findet. Im Königreich Kutemalia herrscht der König Osni und da dieses Land in der Wüste liegt, ist die Bewässerung von entscheidender Bedeutung. Osni „engagiert“ den Wasserexperten Firs, den makedonischen Offizier, der zugleich als Agent von Alexander des Großen geschickt ist, für den er dieses Land erobern soll. Aber wo soll Firs in der Wüste Süßwasser erschließen? Es ist eine dieser unlösbaren Aufgaben, mit denen auch Stalin sein Volk wahnhaft überforderte und als Ergebnis dieses „Ungehorsams“ mit Massenerschießungen reagierte.
Platonow arbeitet in diesen nur knapp 40 Seiten langen Textfragment mit Gleichnissen und literarischen Einfällen, die einem zeitweise den Atem nehmen, so wenn die „psychotischen Stimmungslagen des Beherrschers des Weltenstoffs, Osni, zu erspüren und seine Neurosen in Gesetze umzuwandeln“ sind, oder vom „anhaltenden Schrei des Irrsinns“ die Rede ist. Platanow geht in seinen Gleichnissen und Beschreibungen immer noch einen Schritt weiter, erschrickt den Leser mit der Konsequenz seiner Wahrheiten. Er liefert auf diese Weise ein schonungsloses Portrait – das uns leider immer wieder an die Gegenwart und die Herrschsucht von Despoten denken lässt.
Übersetzt hat dieses kleine Meisterwerk Michael Leetz, der für das Buch noch etliche Anmerkungen und biographische Notizen von und über Platonow erarbeitet hat. So ist eine längere Passage, von Platonow verfasst, über ein Treffen mit Gorki enthalten, oder das ausgeschriebene, entlarvende Stenogramm eines sogenannten Werkstattabends, den Platonow im Gesamtrussischen Verband sowjetischer Schriftsteller im Februar 1932 verbrachte. So gerät „Der Makedonische Offizier“ zu einem ebenso literarisch faszinierenden, wie auch politisch entlarvenden Text.
Jörg Konrad

Andrej Platonow
„Der Makedonische Offizier“
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