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7. Jazz-Legende Rolf Kühn im Alter von 92 Jahren in Berlin verstorben
8. Barre Phillips & György Kurtag jr. „Face à Face“
9. Sebastian Sternal „Thelonia“
10. Aftab Darvishi „A Thousand Butterflies“
11. Lars Kutschke „While We're Here“
12. Steve Tibbetts „Hellbound Train“
Bilder
Foto: Polydor (ca. 1960)
Montag 22.08.2022
Jazz-Legende Rolf Kühn im Alter von 92 Jahren in Berlin verstorben
Schweren Herzens geben Ehefrau Melanie Kühn, Bruder Joachim Kühn, die Agentur Jazzhaus Artists und das Label Edel/MPS den Tod des Jazz-Klarinettisten Rolf Kühn am 18. August 2022 in Berlin bekannt.

Im Folgenden eine Empfehlung des Albums TIMELESS CIRCLE von Rolf Kühn vom November 2014 in KultKomplott:

Für einen zwölfjährigen ist die Klarinette ein eher ungewöhnliches Instrument. Es hat einen gertenschlanken, einen grazilen Ton, kann aber, wenn der Spieler es will, enormen Druck und Durchschlagskraft entwickeln. Rolf Kühn kann beides – schon immer. Der Koffer mit der Klarinette ist bis heute sein Ausweis für ein Leben der Superlative. So hat er die Entwicklung der Musik über Jahrzehnte begleitet, durch alle gesellschaftlichen Systeme und Umbrüche, die das 20. Jahrhundert bereit hielt. Er war New Yorker und Berliner, stand mit Kurt Henkels, Friedrich Gulda, Benny Goodman, Ornette Coleman und Zoot Sims auf den Bühnen dieser Welt, nahm Platten für Amiga, Brunswick, Columbia und Impulse auf, spielte im Birdland und in Newport, in Hamburg und in Rio Swing, Hardbop, Third Stream, JazzRock, FreeJazz und komponierte, wie nebenher, noch ungezählte Filmmusiken. Auch heute noch übt der mittlerweile 85jährige viele Stunden täglich – bis ihm die Unterlippe leise schmerzt.
Anlässlich seines Geburtstages ist ein neues Album erschienen, „Timeless Circle“. Ein kleiner Ausschnitt nur, aus einem reichhaltigen Schaffenszyklus. Aufnahmen, die zwischen 1994 und 2001 entstanden sind, die aber zeigen, mit welchem Elan und welchem Können mit welcher Vielseitigkeit und spieltechnischer Kompetenz sich der gebürtige Kölner der Musik zu stellen bereit ist. Fast immer mit dabei: Bruder Joachim, 1965 aus der damaligen DDR geflohen und durch ihn als Mentor zu einem der eigenwilligsten Pianisten des Jazz gereift. Mit ihm gibt es diese stillen, intimen, vertraut klingenden Dialoge. Ein aufmunterndes Crescendo hingegen im Zusammenspiel mit dem Tenoristen Michael Brecker, wohingegen seine lyrische Melodieführung mit Deutschlands bekanntesten Trompeter Till Brönner zum Tragen kommt. Was der vorliegenden CD vielleicht noch fehlt, wären ein paar Beispiele, wie Kühn vor einigen Jahren mit den Jungen Wilden des Jazz musizierte. „Rollercoaster“ und „Close Up“ (beide Jazzwerkstatt Records) sind vielleicht die generationsübergreifenden Höhepunkte einer faszinierenden musikalischen Karriere.

Jörg Konrad
November 2014

Rolf Kühn
„Timeless Circle“
Intuition
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Freitag 19.08.2022
Barre Phillips & György Kurtag jr. „Face à Face“
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Vor über fünf Jahrzehnten spielte Barre Phillips mit seinem Instrumentalkollegen Dave Holland das erste Kontrabass-Duo-Album des Jazz für ECM München ein. Phillips wurde in Kalifornien geboren, hatte sich aber schon ein paar Jahre vor dieser Aufnahme in Europa niedergelassen. Holland wiederum stammt aus dem englischen Wolverhampton und arbeitete seit 1968 kontinuierlich in den USA. „Music From Two Basses“ war damit ein transatlantischer Dialog, der einem kreativen Abtasten von Musikern der damals noch jungen freien Szene gleichkam. Jeder hatte im Laufe der Zeit seine eigenen Erfahrungen gesammelt, hatte Ideen ausprobiert, Klangvorstellungen entwickelt und wollte zugleich aus allem Vertrauten ausbrechen und sich musikalisch neue Horizonte erschließen. Der hellwache und phantasiereiche Austausch, plus einer Dosis persönlichkeitsgebundener Offenheit ließ dieses Bestreben akustisch prächtige Früchte tragen.
Heute, so viele Jahre später, gehen beide Musiker einen etwas anderen Weg, in dem sie ihr Wissen und ihren Horizont mit der Neugier und Energie junger Instrumentalisten zusammen bringen. Sie geben damit völlig uneigennützig etwas von ihrem Können an junge Instrumentalisten weiter und partizipieren andererseits von deren Wissensdurst und Tatendrang. Man könnte auch sagen: Altes kommt so auf den Prüfstand, Neues erhält ein traditionelles Fundament – und schon ist man mittendrin im Spannungsfeld der Generationen.
Barre Phillips arbeitet auf „Face à Face“ mit György Kurtag jr. zusammen, dem Sohn des großen ungarisch-französischer Komponisten und Pianisten. Von Angesicht zu Angesicht sozusagen suchen sie nach den passenden Formeln und Mustern für ihren Austausch. Sie gehen vorsichtig und behutsam miteinander um, reagieren spontan aufeinander, musizieren konzentriert und finden dann auch wieder beherzt und mit explodierender Leidenschaft den Konsens. Barre Phillips streicht, zupft, reißt und stößt seinen Kontrabass. György Kurtag findet darauf am Synthesizer und digitaler Percussion entsprechende Antworten und neue Einwürfe. Die Interaktion steht im Mittelpunkt dieses Duos, meist in kürzeren Ansätzen in verdichteten und entschlackten Passagen. Immer der Freiheit als oberstes Prinzip dienend. Improvisationsabenteuer, die die geistigen Grenzen musikalisch sprengen – um die Phantasie zu beflügeln.
Jörg Konrad

Barre Phillips & György Kurtag jr.
„Face à Face“
ECM
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Freitag 12.08.2022
Sebastian Sternal „Thelonia“
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Dieses Album bietet sowohl romantische Klangwelten, als auch deren feinsinnige Brüche. „Thelonia“ lebt inhaltlich von einer beeindruckenden Vielfalt und gleichzeitig deren Subtilität. Die achtzehn(!) Songs fesseln aufgrund ihrer Sinnlichkeit und überraschen durch die virtuose Fabulierkunst des Pianisten. Sebastian Sternal schafft auf seinem ersten reinen Solo-Exkurs aus scheinbar gegensätzlichen Musizierauffassungen und verschiedenartigen Stimmungen eine bemerkenswerte Einheit. Man spürt die immense Erfahrung des Pianisten, als auch seine Neugier auf unbekanntes Terrain. Beides zusammen kommt einer Reise durch den Klavier-Kosmos nahe. Auf der einen Seite die klassischen Verweise auf Komponisten wie Schumann, Brahms, Debussy und Ravel. Auf der anderen Seite die Tasten-Improvisatoren des Jazz wie Tatum, Jarrett, Corea und Monk (dessen weibliche Variante seines Vornamens Thelonious im Titel unschwer zu erkennen ist).
Sternal schafft aber neben diesem imponierenden Konsens auch kreative Reibung. Dadurch entstehen Spannungsmomente, sowohl in den einzelnen Stücken, als auch in der Gegenüberstellung der Songs. Die Musik ist in ständiger Bewegung, in einer fließenden Vielfalt. Kein Leerlauf, keine überflüssigen Phrasen, keine Banalitäten. Stattdessen Esprit und Tiefsinn. Ein Album voller Schönheit.
Jörg Konrad

Sebastian Sternal
„Thelonia“
Traumton
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Mittwoch 10.08.2022
Aftab Darvishi „A Thousand Butterflies“
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Die iranische Komponistin Aftab Darvishi bewegt sich auf dem schmalen wie schöpferisch phantasiereichen Pfad der Orient und Okzident musikalisch miteinander verbindet. 1987 in Teheran geboren und dort ein Klavierstudium abolviert, lebte und studierte die Musikerin später in den Niederlanden und Großbritannien. Sie schrieb Stücke für Tanzensembles und Singstimmen, arbeitete mit dem legendären Kronos Quartet zusammen und war Gast auf vielen großen Festivals weltweit.
„A Thousand Butterflies“ kommt einer Reise durch ihr bisheriges Leben recht nahe. „Jedes Stück auf diesem Album erzählt einen Teil meines Lebens das sich in jedem Winkel der Welt abgespielt hat.“, beschreibt sie selbst die Musik. Neben den atmosphärisch und sehr unterschiedlichen Kompositionen, denen aber immer eine gewisse Melancholie eigen ist, zeigt sich ihre Vielfalt und Kreativität auch in der Auswahl unterschiedlichster Instrumentalstimmen, die in ihrer Geschlossenheit eine gewisse Eleganz, Differenziertheit und meditativ gelassene Grundstimmung zum Ausdruck bringen. Dabei nutzt Aftab Darvishi für das vorliegende Debüt die transparente Interpretationsstruktur des Stockholm Saxophon Quartet, die stille Virtuosität der Klarinettistin Golnar Shoari, die pianistische Hingabe Matthijs Van Wijhe.
Das abschließende „Plutone“ könnte man auch als das Herzstück dieses Albums bezeichnen. Denn in diesem Werk für Flöte, Bratsche, Cello, Klavier und Elektronik werden ihre persönlichen Erlebnisse und Lebenserfahrungen auf eine sehr harmonisch symmetrische Art deutlich. Aftab Darvishi entwirft eine Klangwelt von großer Gelassenheit, die sowohl musikethnologischen Feingeist als auch eine interkulturelle Geisteshaltung vermittelt. Nein, diese Aufnahmen atmen kein weltmusikalisches Parfum, sondern klingen nach substanziellen Werten und Überzeugungen. Kultiviert und anrührend.
Jörg Konrad

Aftab Darvishi
„A Thousand Butterflies“
30M Records
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Freitag 05.08.2022
Lars Kutschke „While We're Here“
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Seine Seele hat den Blues und sein Spiel lebt diese besondere Eigenschaft aus. Lars Kutschke ist Gitarrist mit starkem Bezug zu den Wurzeln der populären Musik. Selten hat man in Deutschland einen versierteren Instrumentalisten gehört, der im Spannungsfeld von Blues und Soul, von Jazz und Gospel derart überzeugend auftritt. Und dabei sind es eben nicht allein die technischen Fähigkeiten, sprich Schnelligkeit und Reaktionsvermögen, die ihn aus der Menge an Saitenkünstlern herausheben. Kutschke weiß um Nuancen und Emotionen in der Musik, er weiß genau, wie ein Musikstück aufgebaut werden muss, auf welche Feinheiten es ankommt, er kennt den Unterschied zwischen Spontanaktion und Arrangement und weiß beides wohldosiert einzusetzen. Und er hat ein Gespür für musikalische Formen.
All dies lässt sich auf seinem neuen Album „While We're Here“ nachhören. 10 Songs, die sowohl in ihrer Gelassenheit, als auch in ihrem Anspruch überzeugen. Man spürt, das sich der Dresdner Gitarrist etliche Jahre in den USA aufgehalten hat, um spielend zu lernen und dabei beobachtend Erfahrungen zu sammeln. Allein die jetzige Auswahl seiner Mitmusiker deutet an, dass es ihm nicht um sein Ego geht, sondern um die Musik als Resultat. Kurz, es geht ihm um Substanz, anstatt um Effekt. Dieses Album macht einfach Freude, könnte sogar als Therapie wirken - zu jeder Tages- oder Nachtzeit, im Sommer, wie im Winter, im Norden oder im Süden …...
Jörg Konrad

Lars Kutschke
„While We're Here“
Timezone Records
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Dienstag 26.07.2022
Steve Tibbetts „Hellbound Train“
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Die meisten Gitarristen spielen Musik für Gitarristen. Steve Tibbets ist Gitarrist, aber seine Aufnahmen klingen völlig anders. Sie scheinen aus fernen, manchmal exotischen Welten zu kommen und schwingen dabei vertraut durch den Äther zu uns. Melodische Figuren haben bei ihm den gleichen Stellenwert wie jedes rhythmische Pulsieren oder wechselnde harmonische Parameter. An manchen Stellen erinnern seine klanglichen Meriten an die eingesammelten Seelen überzeugter Weltmusiker, die sich keinen Deut darum scheren, in welchen Gegenden sie sozialisiert wurden.
Seit über vier Jahrzehnten spielt Tibbetts diese fantasievolle, ergreifende und mitreißende Musik, ohne dabei Trends oder Strömungen aufzusitzen.
Nun hat sich ECM entschlossen, eine Anthology seines Schaffens zusammenfassend zu veröffentlichen. Keine Angst – eine „Best Of ...“ wird es bei dem aus Minnesota stammenden Tibbetts nicht geben. Die einzige Klassifikation, auf die sich das Label und der Musiker eingelassen haben: Eine CD hat er mit elektrischen Gitarren eingespielt, die zweite mit akustischen Saiteninstrumenten.
Und so klingt der eine Teil auch rauer, in seiner verzerrten, manchmal schrägen Ästhetik und durchgreifenden Intensität wie Rock'n-Roll aus dem Himalaya. Das Trommelfeuer, entzündet an Congas (Marc Anderson) und Tables (Marcus Wise), gibt der Musik Bodenständigkeit und eine fließende Seele. Der andere Teil besitzt etwas magisch Stilles, etwas entspannt Reflektiertes. Improvisierte Folkloreklänge auf der Demarkationslinie Orient/Okzident. Kein Pathos, sondern waches Streben zum Licht.
Zusammengenommen bietet „Hellbound Train“ atemlose Spannung auf der Grundlage individueller Freiheit. Ein zeitloses Ereignis, das gehört werden will!
Jörg Konrad

Steve Tibbetts
„Hellbound Train“
ECM
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Autor: Siehe Artikel
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