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1. Enrico Pieranunzi & Jasper Somsen „Voyage In Time“
2. Stephan Thelen „Fractal Sextet“
3. Frederic Rzewski „Unite! Piano Works – North American Ballads“
4. OM „OM 50“
5. Sonar Quartett „Lunik“
6. Mickey Hart & Zakir Hussain Planet Drum „In the Groove“
Freitag 23.09.2022
Enrico Pieranunzi & Jasper Somsen „Voyage In Time“
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Was für ein Pianist. Er gehört zu jenen Musikern, die dem Jazz seit vielen Jahren ein eigenes, ein europäisches Gesicht geben. Natürlich war auch Enrico Pieranunzi zu Beginn seiner Karriere von den amerikanischen Klavierheroen der improvisierten Zunft beeindruckt. Allen voran von Bill Evans, dem spätromantischen Improvisator des Jazz. Er faszinierte Pieranunzi, ließ ihn Musik regelrecht fühlen und formte seine Spieltechnik. Doch der Italiener verleugnete aber auch nie seine klassischen Wurzeln und beschwor stets den musikalischen Spagat zwischen den Kontinenten. So kann er heute auf eine ausdrucksstarke Spielweise zurückgreifen, die ihn jenseits aller Stile als beeindruckenden Individualisten auszeichnet. Zudem ist Pieranunzi unglaublich aktiv, tourt und veröffentlicht Alben, wie kaum ein anderer.
Eine Besonderheit nimmt in seiner Discographie die Arbeit im Duo ein. Hier, im Dialog mit ausgesuchten Partnern, kann er seine ganze musikalische Fantasie ausspielen, die Kunst der persönlichen Empathie zelebrieren, kann die Ideen seiner Mitspieler aufnehmen und weiterführen, kann klanglich Rede und Antwort stehen. Jasper Somsen, holländischer Bassist und schon mehrmals mit Enrico Pieranunzi im Aufnahmestudio, hat „Voyage In Time“ als eine neunsätzige Suite komponiert. Sie zeigt starke Bezüge zur Barockmusik und schafft so eine Verbindung zwischen strenger Komposition und spontaner Improvisation. Was die beiden hier musikalisch umsetzen ist virtuos gespielt und sentimental im Ausdruck, raffiniert im Klang und vor allem radikal demokratisch in der Umsetzung. Weitab jeder Routine suchen Pieranunzi und Somsen nach unbespielten Plätzen, nach diesseitigem Neuland – und sie finden diese seltenen wie wertvollen Oasen der Inspiration auch immer wieder. Dies ist ausschweifende Melancholie auf ihrem Höhepunkt.
Jörg Konrad

Enrico Pieranunzi & Jasper Somsen
„Voyage In Time“
Challenge
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Dienstag 20.09.2022
Stephan Thelen „Fractal Sextet“
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Der musikalische Kosmos des Stephan Thelen kennt wenig Grenzen. In seinen musikalischen Wanderungen durch die Soundlandschaften der Gegenwart finden Rock und Jazz, Funk und Minimal, Ambient und Progressiv stets auf Augenhöhe zueinander. Ineinander greifende Grooves, mäandernde Gitarrenchoräle, klug organisierte Arrangements münden in verzehrende Hochspannung und sind dabei die deutlichsten Kennzeichen seiner Musik. Zudem gelingt es ihm, in seinen Projekten instrumentale Individualitäten zu integrieren und einen artifiziellen Gruppenklang zu formen. Nie klingt dieser trotz ambitionierter Herangehensweise angestrengt oder akademisch aufgesetzt. Stattdessen entspannt, wie beiläufig Räume durchmessend, letztendlich fließend und wie aus einem Guss.
Der Gitarrist, Komponist und Mathematiker Thelen löst auch auf dem neuen Album „Fractal Sextet“ provozierende Widersprüche unterschiedlicher Genre spielerisch auf. Die Ideen sind ebenso klug gestaltet wie emotional wirkungsvoll. Erstmals setzt er sein Fractal-Projekt im Sextett-Format um. Ein Bassist, zwei Schlagwerker, ein Pianist (und Synthesizerspieler), plus zwei Gitarren. So wirkt die Musik mit seinen Kontrasten und Effekten energiegeladener.
Jörg Konrad

Stephan Thelen
„Fractal Sextet“
Alchemy Records
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Mittwoch 14.09.2022
Frederic Rzewski „Unite! Piano Works – North American Ballads“
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Will man Frederic Rzewski stilistisch einordnen, so fällt dieses im ersten Moment nicht ganz leicht. Denn der 1938 in Westfield, Massachusetts geborene und im Juni 2021 in der Toscana gestorbene Komponist und Pianist hat ein Werk hinterlassen, das ebenso vielfältig wie auch anspruchsvoll ist. Dabei zeigt Rzewski sehr häufig auch etwas, das man allgemein als innere Haltung bezeichnet. Denn sein kompositorisches Schaffen ist reich an politischen Verweisen, zeigt einen starken Bezug zur Zeit in der er lebte und für wen sein Herz schlug.
Die jetzt von dem deutschen Pianisten Benyamin Nuss vorgelegte Einspielung dreier Werke Rzewskis macht dessen Besonderheit in der Wahl seiner Themen und Mittel deutlich.
Gleich mit den ersten Aufnahmen der „North American Ballads“ kommt diese Klarheit im Ausdruck zum Tragen. Benyamin Nuss am Klavier spielt diese etwas verspielt wirkenden Kompositionen, zu denen auch eine Variation des bekannten Stückes „Down By The River Side“, einem Gospelsong, dessen Ursprünge bis zum amerikanischen Bürgerkrieg zurückreichen, mit Verve und scharfen Konturen. Überhaupt besticht das Kraftvolle und die Dynamik in den Interpretationen.
Das zweite Werk „Mayn Yingele“ ist dem 50. Jahrestag der Reichspogromnacht gewidmet. Die insgesamt 12 zum Teil nur einige Sekunden kurzen Stücke bringen Verzweiflung und Melancholie zum Ausdruck, vermitteln etwas Mahnendes und zugleich Hilfloses. Auch hier besticht Nuss mit einer bewusst nervösen, aufrüttelnden Interpretation, die dem Thema völlig gerecht wird und Rzewski Wut und Enttäuschung adäquat zum Ausdruck bringt.
Auf der zweiten CD befindet sich dann Rzewski bekanntestes Werk „The Poeple United Will Never Be Defeated – 36 Variationen on „El Pueblo Unido Jamas Sera Vencido“. Hierbei handelt es sich um ein chilenisches Widerstandslied („Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden“), in welches verschiedene Stilrichtungen, von Jazz bis Kammermusik, von Protestsong bis stiller Ballade eingewebt sind. Auch ist der Einfluss des Brecht/Eislerschen Kosmos zu spüren, wobei das Kämpferische, das Unmissverständliche die musikalische Szenerie bestimmt.
Benyamin Nuss versteht es ausgezeichnet Visionen und Überzeugungen in ein Verhältnis zu setzen, die der Musik einen weiten, manchmal auch subversiv wirkenden Raum geben. Es ist der Klang der realen Welt, mit all ihren Unzulänglichkeiten und Hoffnungen, der die Szenerie der beiden CDs bestimmt. Hochmusikalisch umgesetzt, spannend in der Wirkung und letztendlich überzeugend in der temporären, manchmal auch revolutionären Wirkung.
Jörg Konrad

Frederic Rzewski
„Unite! Piano Works – North American Ballads“
Gespielt von Benyamin Nuss
Berlin Classics
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Freitag 09.09.2022
OM „OM 50“
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Tatsächlich ist es fünfzig Jahre her, dass im schweizerischen Luzern vier Musiker zusammenkamen, die sich nach einem Album des großen Saxophonisten John Coltrane nannten: OM. Ein Sublabel des in München beheimateten Labels ECM (Jazz by Post, kurz Japo) nahm 1975 „Kirikuki“ auf, eine Platte, die in einschlägigen Geschäften unter Contemporary Jazz, Avantgarde oder Jazz-Rock einsortiert wurde. Es war jene Zeit, als Schweizer Bands im Schnittbereich von Jazz und Rock eher die Ausnahme bildeten. Nur sieben Jahre darauf gaben Urs Leimgruber (Saxophone), Christy Doran (Gitarren), Bobby Burri (Bass) und Fredy Studer (Schlagwerk) in Willisau schon ihr Abschiedskonzert. Die Musiker gingen, zumindest für eine Zeit, ihre eigenen, höchst kreativen Wege.
Seit 2008 sind sie in Studios und auf Konzertbühnen sporadisch wieder als OM unterwegs. Zu ihrem Bandjubiläum ist bei Intakt Zürich nun auch ein neues Album erschienen, kurz „OM 50“ genannt. Und der musikalische Inhalt klingt heute mindestens ebenso spannend und frisch, so spontan und unerhört wie zu Beginn ihrer Karriere. Hier kommt natürlich die Erfahrung hinzu, die die vier Instrumentalisten im Laufe ihres Lebens gesammelt haben. Dadurch klingen OM 2022 noch etwas komplexer und auch provokanter. Sie vermitteln Musik als eine Art Naturereignis, machen deutlich, dass verschiedene stilistische Bereiche nicht nur nebeneinander, sondern miteinander existieren können. Sämtliche Grenzen scheinen für OM überwindbar, nichts ist unmöglich. Mal klingen sie wie die Miles Davis Band zu Beginn der 1970er Jahre („Diamonds On White Fields“), dann wie ein improvisierendes Kammerquartett („Im Unterholz bei Kiew“) und zwischenzeitlich wie eine westafrikanische Trommelgruppe auf ProgRock-Pfaden („P-M-F/B“). Mal explodiert die Musik, dann wieder implodiert sie und sucht sich klanglich neue Ventile. Es ist ein Wechselspiel das herausfordert, das aufgrund seiner Intensität Spannung vermittelt und Kontraste lustvoll auslebt. Verspielt und doch voller Konzentration.
Für den Herbst war eine mehrwöchige Tournee von OM geplant. Dazu wird es leider nicht kommen, da vor wenigen Tagen Schlagzeuger Fredy Studer nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist.
Jörg Konrad

OM
„OM 50“
Intakt
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Montag 05.09.2022
Sonar Quartett „Lunik“
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Das Sonar Quartett bewegt sich auf dem musikalischen Scheitelpunkt zwischen klassischer Komposition und zeitgenössischer Improvisation. 2006 gegründet loten die Musiker seitdem erfolgreich die Seitenarme der Musikstile aus und werden in den Untiefen und zwischen dem steinigen Geröll weit abseits des Mainstreams außergewöhnlich fündig. „Lunik“ ist die neuste und faszinierendste Herausforderung der in Berlin ansässigen Formation. Fünf Kompositionen, die sowohl das handwerkliche Können der Instrumentalisten unterstreichen und zugleich deren Gespür für atmosphärische Spannungen vermitteln. Dabei lebt „Lunik“ tatsächlich nur wenig von solistischen Ausflügen und Glanzleistungen. Das Besondere an diesem Album ist das Miteinander der Instrumentalisten, das gemeinsame Erschaffen von weiten, farbigen Räumen, von berührenden Stimmungen, die einem Flug durch den atemberaubenden Kosmos sehr ähneln. Oder aber als Teil einer musikalischen Filmbeschreibung sehr nahe kommen.
Interessant ist, dass die Suite „Magma“ nicht als herkömmliche Partitur entstanden ist, sondern in Form von unterschiedlichen Skizzen, an denen in den Konzerten immer wieder gefeilt wurde. Hier geht es den Musikern um das Variieren von Tönen, Akkorden, Linien und Formteilen, wie sie selbst sagen. Auch arbeitet das Quartett mit Dauerschleifen, mit sich wiederholenden Sequenzen, die in ihrer divergierenden Anwendung von Minimal Music bis Ambient einen neuen klanglichen Horizont erschließt.
Zu spüren ist bei allen Stücken eine intensive Energie, die sich jedoch selten an der Oberfläche ausbreitet, sondern in den Reduzierungen ihre Aufmerksamkeit einfordert – ja, ihre Pracht entfaltet. Insgesamt vermittelt diese Aufnahme mahnende Momente, aufwühlende Energien und beeindruckt in einem überzeugenden Eindruck des musikalischen Anspruchs im Hier und Jetzt. „Lunik“ - ein stimmiges Meisterwerk und für viele mit Sicherheit eine Entdeckung.
Jörg Konrad

Sonar Quartett
„Lunik“
Are Verlag
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Freitag 26.08.2022
Mickey Hart & Zakir Hussain Planet Drum „In the Groove“
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Grateful Dead, das Rock'n Roll-Flaggschiff der Hippiebewegung in den USA, tourte schon 1967 mit zwei Schlagzeugern. Einer der beiden war Mickey Hart, der der Band bei ihren ausufernden, endlos erscheinenden Gitarrenimprovisationen den nötigen rhythmischen Unterbau gab. Doch Michael Steven Hartman, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, war weit mehr als ein dienender Taktgeber. Er befabd sich schon damals als Musikethnologe, als Klangarchäologe auf den Spuren der getrommelten Herzschläge der Menschheit. Er schreibt bis heute Bücher über Schlagwerke und Percussionsinstrumente, reist quer durch die Welt und studiert die verschiedensten Trommeltechniken vor Ort, er taucht in Archiven unter, untersuchte mit Eingeborenen in Afrika, Südamerika und Indien deren Spielweisen und nahm zwischenzeitlich (natürlich stark Rhythmus orientiert) eigene Alben auf, die so ganz nebenher die Billboard Charts anführten und ihm den allerersten Grammy Award für Weltmusik einbrachte.
Nun, nach vier Jahren, hat er mit seinem Quartett Planet Drum ein neues pulsierendes Album veröffentlicht. „In The Groove“ macht seinem Titel alle Ehre. Es ist randvoll mit polyrhythmischen Themen verschiedener Trommeltraditionen und Varianten. Jeder der vier Mitglieder dieser Band steht für einen Kontinent und eine ganz spezifische ethnische Autorität: Zakir Hussain ist Inder und ein Meister der Tablas, spielt auch Röhren- und Kesseltrommeln und singt die selbst gespielten Rhythmen. Sikiru Adepoju stammt aus Nigeria und beherrscht wie kaum ein anderer die Talking Drums. Giovanni Hidalgo ist puerto-ricanischer Perkussionist, der sich schon seit frühester Kindheit den Bongos und Congas verschrieben hat. Mickey Hart hingegen trommelte in seiner Schulzeit Marschmusik(!), kam dann zum Rock'n Roll und später zum Jazz. Zusammen entwerfen Planet Drum, mit wechselnden Gastmusikern und Sängern, beeindruckende und immer wieder sich ändernde Perkussionsmuster und Figuren, vermitteln die Intensität und auch die Schönheit der Trommelkunst. Es ist ein Album voller Frische und Farbigkeit, voller Geheimnisse und Bodenständigkeit. Ihre Art des vor Dynamik strotzenden Miteinanders ist zugleich ein gemeinschaftsstiftendes Element, was zeigt, dass die Trommeln zu den ältesten Kommunikationsmitteln der Menschheit gehören. Ein mitreißendes Album.
Jörg Konrad

Mickey Hart & Zakir Hussain
Planet Drum
„In the Groove“
Valley Entertainment
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