Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. MITTAGSSTUNDE
2. ALLE REDEN ÜBERS WETTER
3. FADO – DIE STIMMEN VON LISSABON
4. DIE ZEIT DIE WIR TEILEN
5. EVOLUTION
6. DIE ZUKUNFT IST EIN EINSAMER ORT
Donnerstag 22.09.2022
MITTAGSSTUNDE
Ab 22. September 2022 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Ingwer, 47 Jahre alt und Dozent an der Kieler Uni, fragt sich schon länger, wo eigentlich sein Platz im Leben sein könnte. Als seine „Olen“ nicht mehr allein klarkommen, beschließt er, dem Leben in der Stadt den Rücken zuzukehren, um in seinem Heimatdorf Brinkebüll im nordfriesischen Nirgendwo ein Sabba(cal zu verbringen. Doch den Ort seiner Kindheit erkennt er kaum wieder: auf den Straßen kaum Menschen, denn das Zusammenleben findet woanders sta@, keine Dorfschule, kein Tante- Emma-Laden, keine alte Kastanie auf dem Dorfplatz, keine Störche, auf den Feldern wächst nur noch Mais, aus gewundenen Landstraßen wurden begradigte Schnellstraßen. Als wäre eine ganze Welt versunken. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Knicks und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und seine Eltern mit dem Gasthof sitzen ließ? Wann verschwand die Mittagsruhe mit all ihren Herrlichkeiten und Heimlichkeiten? – Sönke Feddersen, de Ole, hält immer noch stur hinter seinem Tresen im alten Dorrrug die Stellung, während Ella, seine Frau, mehr und mehr ihren Verstand verliert. Beide lassen Ingwer spüren, dass er sich schon viel zu lange nicht um sie gekümmert hat. Und nur in kleinen Schritten erkennt er, dass er noch längst nicht alle Geheimnisse entblättert hat.

Ein Film von Lars Jessen
Mit Charly Hübner, Lennard Conrad, Peter Franke, Rainer Bock u.a.

Pressenotiz
MITTAGSSTUNDE ist die Verfilmung des Bestsellers von Dörte Hansen, eine große Erzählung über die Menschen im Norden Deutschlands, die nicht viel reden, es aber verstehen, sich zu kümmern, wenn es Not tut. Unter der Regie von Lars Jessen (AM TAG ALS BOBBY EWING
STARB, DORFPUNKS, FRAKTUS), nach einem Drehbuch von Catharina Junk (DIE DUNKLE SEITE DES MONDES), wird voll leiser Melancholie die Geschichte des Verfalls der Dorfkultur erzählt, bei der immer die Frage mitschwingt, wer wir als Individuen und als Gesellschaft in Zukunft sein wollen und wo wir hingehören.
In die Rolle des Ingwer Feddersen schlüpt Charly Hübner (3 TAGE IN QUIBERON, LINDENBERG! MACH DEIN DING). Die Alten, Sönke und Ella Feddersen, werden von Peter Franke (DAS WUNDER VON BERN) und Hildegard Schmahl (IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS) verkörpert. Auf der Reise durch die Zeit stehen in weiteren Rollen Rainer Bock (DAS WEISSE BAND, DER FALL COLLINI), Gabriela Maria Schmeide (SYSTEMSPRENGER) und Gro Swantje Kohlhof (WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK) vor der Kamera.
Die heimliche Hauptfigur ist das fiktive Dorf Brinkebüll, von Mitte der Sechzigerjahre, als die Landvermesser kamen, um die große Flurbereinigung vorzubereiten, bis in die Jetzt-Zeit, in der sich das Land in eine bequem mit dem Auto zu erreichende Schlafstätte für Zugezogene verwandelt hat. Für die Kamera zeichnet Kristian Leschner (4 KÖNIGE, „How to Sell Drugs Online (Fast)“) verantwortlich, das Szenenbild hat Dorle Bahlburg, (DORFPUNKS), das Kostümbild Anette Schröder (DER SCHIMMELREITER), das Maskenbild Uta Spikermann (LIEBER THOMAS, GUNDERMANN) und die Montage Sebastian Thümler („4 Blocks“) übernommen.
MITTAGSSTUNDE ist eine Florida Film-Produktion (Produzenten: Lars Jessen und Klaas Heufer-Umlauf) in Koproduktion mit dem ZDF, gefördert mit Mitteln von MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Medienboard Berlin-Brandenburg, Nordmedia, MV Filmförderung, MFG Baden-Württemberg und dem Deutschen Filmförderfonds.



Regisseur Lars Jessen über MITTAGSSTUNDE

Mittagsstunde hat mich kalt erwischt. Als mir der Roman vorgeschlagen wurde, weil darin ein Thema behandelt wird, mit dem ich mich schon seit Jahren beschäftige – das Aussterben der Landgasthöfe in Schleswig-Holstein – ahnte ich nicht, wie viel mehr darin steckt und wie sehr ich mich persönlich in dem Buch wiederfinden würde. Für mich ist Mittagsstunde in der Genauigkeit der Milieuschilderung und der Zugewandtheit zu den Figuren ein großes Stück deutscher Literatur. Dörte Hansen hat es geschafft, eine Kultur zu definieren, die von den Menschen, die diese Kultur gelebt haben, wahrscheinlich nicht einmal selbst als solche empfunden wird oder besser wurde. Das so präzise wie Dörte Hansen auf den Punkt zu bringen, ist mir in meiner Arbeit bisher nicht gelungen.
Die Latte lag also hoch und die Verfilmung war eine gigantische Aufgabe. Nicht nur weil der Roman keine klassische Dramaturgie anbietet, sondern auch durch die Fülle an Figuren, die verschiedenen Zeitebenen und die großen Themen, die diesen Stoff ausmachen. Kurz vor Drehbeginn habe ich nochmal das Hörbuch, gelesen von Hannelore Hoger, angehört. Satte 20 Stunden dauert es und gibt die emotionale Wucht der Vorlage sehr eindrucksvoll wieder. Ein paar Monate später sind wir jetzt auf meiner Ziellänge, dem fertigen Film in unter 2 Stunden Spielzeit, angekommen.
Was waren die großen Meilensteine dieser Reise? Am Anfang stand natürlich die Begegnung mit Dörte Hansen, bei der wir schon viele Gemeinsamkeiten feststellten. Den ersten Landgasthof betrat ich mit 9 Jahren, kurz nachdem ich mit meiner Mutter nach Eggstedt/ Dithmarschen in eine Aussteigerkommune gezogen war. Verfilmt habe ich diese Phase meines Lebens vor ein paar Jahren in „Am Tag als Bobby Ewing starb“ mit hoffentlich spürbarer großer Liebe zu den Menschen in diesem Ort. Hinter dem nüchternen Pragmatismus, mit dem mir mit meinen langen blonden Haaren im örtlichen Landgasthof begegnet wurde, verbarg sich eine hinter Panzerglas versteckte Herzlichkeit. Erst nach der Lektüre von Mittagsstunde ist mir emotional klar geworden, wie sehr das Dorf und seine Bewohner, mich als einziges Kind inmitten verwirrter hedonistischer Erwachsener in unserer Kommune gerettet hat.
Auch in der Dorfschule meiner Kindheit kämpfte unsere Lehrerin gegen das Plattdeutsche und ich
durfte wie Mittagsstundes' Ingwer Feddersen mit einer Leseratte aus dem Nachbardorf als einziger
aufs Gymnasium und wurde Fahrschüler. Die Bindung zum Dorf, in dem heute wohl nur noch knapp 200 Menschen leben, blieb auch nach dem Umzug in eine Kleinstadt an der Nordsee erhalten. Die Flurbereinigung, die Asphaltierung der Dorfstraße, die immer größer werdenden Felder und Landmaschinen, die Neubaugebiete, der Niedergang der Höfe und des Gasthofs habe ich als Kind und Jugendlicher hingenommen ohne damals schon zu spüren, wie ergreifend der Wandel sich vollzog.
Das wird erst in der Rückschau und im Blick desjenigen fassbar, der sich entfernt hat und nach der Schule einen nach Süden fahrenden Zug bestiegen hat.
Nach den vertrauensbildenden Maßnahmen haben wir dann unter Federführung der Drehbuchautorin Catharina Junk, des Dramaturgen Bernhard Gleim und in regelmäßigem Austausch mit Dörte Hansen einen filmischen Weg gefunden, der die Identität des Romans vollständig bewahren sollte. Die langsame Entwicklung des Protagonisten Ingwer Feddersen wollten wir in all ihrer Zartheit nicht künstlich zuspitzen. Auch den Sprung zwischen den Zeitebenen und den einzelnen Erzählsträngen wollten wir unbedingt beibehalten. Ein Fest wie auch eine große Herausforderung zugleich für alle am Set, vor allem für das Szenen-, Kostüm- und Maskenbild. Anders als der Roman erzählt unser Film aber deutlich stärker aus einer klaren Erzählperspektive heraus, in der 1. Person Singular sozusagen.
Mit einer zentralen Hauptfigur, deren Blick uns durch die Zeitebenen und Perspektiven der Geschichte führt.
Sehr klar war für mich, dass diese Aufgabe nur Charly Hübner bewältigen könnte. Einen über eine weite Strecke passiven beobachtenden Helden zu verkörpern, der uns mit seinen Blicken und Körperhaltungen all die Spannung liefern muss, die unter der Oberfläche der komplexen familiären Verstrickung gärt, ist gigantisch schwer. Dieses feine magnetische Spiel beherrscht Hübner wie kein Zweiter. Er und Ingwer sind in MITTAGSSTUNDE buchstäblich verschmolzen. Seine großartige Arbeit ist das emotionale Zentrum des Films und spiegelt sich auf kongeniale Weise mit dem Spiel von Gro Swantje Kohlhof, die Ingwers Mutter Marrett verkörpert. Beide waren nie gemeinsam am Set und ziehen sich trotzdem gegenseitig durch den Film wie zwei Tänzer an unsichtbaren Seilen.
Auf ihrer jeweiligen Zeitebene hatten die beiden großartige Mitspieler in denselben Rollen, nur mit 40 Jahren Altersunterschied. Hildegard Schmahl und Peter Franke haben uns bei den Dreharbeiten sehr berührt. Ihr Mut zwei sprachlose Menschen am Ende ihres Lebens mit all der Verzweiflung und gleichzeitig mit Stolz und Würde zu spielen, habe ich als großes Geschenk empfunden.
Den Boden dafür haben Gabriela Maria Schmeide und Rainer Bock bereitet, die ihren Figuren bei all der Schroffeit eine besondere Verletzlichkeit und Tiefe gegeben haben, die sich in ihren 40 Jahre älteren Alter Egos dann auf sehr berührende Art wiederfindet. Nicht zuletzt Lennard Conrad als junger Ingwer und Julika Jenkins und Nicki von Tempelhoff als Ingwers LebenspartnerInnen aus der Kieler WG geben dem Ensemble eine bis in jede Szene hineinwirkende Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit.
Die Dreharbeiten waren ein echter Ritt. Nicht nur wegen der komplexen Anforderung, aus sechs verschiedenen teilweise über 50 km voneinander entfernten Drehorten ein Dorf zusammen zu bauen, das in den Jahren 1965, 1976 und 2020 funktioniert. Natürlich hatten wir den Anspruch die besondere Werktreue auch im Dialog zum Ausdruck zu bringen und haben jeden einzelnen Take nicht nur auf Hochdeutsch sondern auch in nordfriesischem Platt gedreht. Es gibt also zwei sprachliche Fassungen des Films. Eine große Leistung der SchauspielerInnen, die sich vor jedem Take die von Dörte Hansen aufgenommenen Dialogzeilen einprägen und entsprechend ein sehr sensibles Sprachvermögen mitbringen mussten. Natürlich bedeutete das auch höchste Anspannung bei jedem Teammitglied, weil jeder kleinste Fehler dieses Unterfangen ad absurdum geführt hätte. Wir sind durchgekommen. Eine unglaubliche Leistung aller Beteiligten!
Besonders hängen geblieben sind bei mir aber auch die Begegnungen mit den AnwohnerInnen der Dörfer, in denen wir stark befahrene Straßen sperren und wieder in den Zustand von 1965 versetzen konnten. Die Menschen fühlten sich wie wir zurück versetzt in eine Zeit, in der Kinder gefahrlos auf der Straße spielen konnten, sich das dörfliche Leben vor der Haustür abspielte und das Dorf buchstäblich wieder auflebte. Und das ist es ja, was Dörte Hansens Roman so spürbar macht: Den Verlust dieser Kultur, dieser Art zu leben, die vom zwischenmenschlichen direkten Austausch geprägt war.
Vom Schnack beim Bäcker, auf dem Feld, in der Kneipe. Ich vermute in diesen Momenten spürten die Menschen, die uns bei der Arbeit zugeschaut haben, ebenso wie wir, was da verloren gegangen ist und was sie dafür bekommen haben: Neubaugebiete, große Fernseher, gesichtslose Discountermärkte und LKWs, die den täglichen Spaziergang zur lebensgefährlichen Angelegenheit machen.
All diese Erfahrungen blieben im Schnitt von Sebastian Thümler sehr präsent. In einem monatelangen Prozess haben wir die emotionalen Bögen herausgearbeitet und versucht, einen Sog in Gang zu setzen, der vom sehr eigenständigen Score von Jakob Ilja angetrieben wird. Natürlich erklingen, wie im Roman, zahlreiche Schlager der 60er Jahre, in denen das 17. Lebensjahr ein wiederkehrendes Thema ist. Sie sind Ausdruck der Verlorenheit der Figuren in MITTAGSSTUNDE, die sich nur zaghaft trauen ihre Träume und Sehnsüchte zu formulieren. Kaum sind sie sich halbwegs bewusst, was sie vom Leben wollen, neigt es sich schon wieder dem Ende zu.
Wenn wir mit dem Film etwas richtig gemacht haben sollten, dann spüren die ZuschauerInnen diesen Verlust und Schmerz. Sie gewinnen aber zugleich die Zuversicht, dass Vieles, was unwiederbringlich verloren zu sein scheint, auch wieder neu erfunden werden kann. Im günstigen Fall liefert MITTAGSSTUNDE einen kleinen Beitrag zur Beantwortung der großen gesellschatlichen Frage, die uns die zahllosen Krisen unserer Zeit abverlangt.
Wie wollen wir leben!
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 15.09.2022
ALLE REDEN ÜBERS WETTER
Ab 15. September 2022 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Clara hat es geschafft. Weg aus der ostdeutschen Provinz führt sie als Dozentin ein unabhängiges Leben in Berlin und macht ihren Doktor in Philosophie. Zwischen ihren beruflichen Ambitionen, einer Affäre mit einem ihrer Studenten und der fordernden Freundschaft zu ihrer Doktormutter
Margot bleibt wenig Zeit für die Familie. Als Clara mit ihrer fünfzehn-jährigen Tochter zum 60. Geburtstag ihrer Mutter Inge zurück in die Heimat fährt, wird sie mit ihrem Ideal von einem freien, selbstbestimmten Leben konfrontiert. Wie hoch ist der Preis, den sie dafür zahlen muss?

Ein Film von Annika Pinske
Mit Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Judith Hofmann, Marcel Kohler u.a.

REGIEKOMMENTAR
Seit ich selbst Kinder habe, sehe ich meine eigene Mutter mit anderen Augen. Ich frage mich, wie sie und Generationen von Müttern vor ihr es geschafft haben, ihren Töchtern Selbstvertrauen zu geben, ohne die Privilegien der Männer. Welche Kämpfe hat sie gekämpft, welche Opfer gebracht, dass ich heute sagen kann: Ich möchte Filme machen?
Es gibt wenige positive Darstellungen von starken Mutter-Tochter-Beziehungen in kulturellen Erzählungen. Das Thema ist historisch so untererzählt, dass es für mich fast einer Verantwortung gleichkam, einen Film über Mütter und Töchter zu machen. Alle die Geschichten der Frauen vor mir, die für immer im Verborgenen bleiben, weil sie keinen Zugang zu Kunst und Kultur hatten – ein Verlust, der niemals nachzuholen ist. Was hätte alles zu meiner Identitätsfindung beitragen können, als Tochter, als Mutter und auch als Filmemacherin? Es ist mühselig, wenn Selbstverständlichkeiten, Vorbilder und Überlieferungen der Vordenkerinnen fehlen. Vielleicht ist es bezeichnend, dass ich erst mit Ende dreißig meinen ersten Langfilm gemacht habe. Es ist selbstverständlich nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch eine des sozialen Status. Damit sind wir thematisch auch schon mitten im Film und bei meiner Protagonistin Clara.
Clara hat sich von den gesellschaftlichen Erwartungen als Frau und Mutter und zeitgleich von ihrem provinziellen Herkunftsmilieu emanzipiert. Sie hat den sogenannten Bildungsaufstieg geschafft, macht ihren Doktor in Philosophie und sucht nun nach ihrem Platz im Bildungsbürgertum. Immer begleitet von Scham und Minderwertigkeitskomplexen, weil Herkunft nichts ist, was man einfach abstreifen kann.
Gleichzeitig bedeutet ihr „Aufstieg“ aber auch Trennung von ihrem Herkunftsmilieu, in das sie nicht einfach zurückkehren kann. Ihre Identität hat mit Abgrenzung zu tun, und ihr Alltag ist geprägt von Widersprüchen, hin- und hergerissen zwischen Familie, Herkunft und beruflichen Ambitionen. Am Ende bleiben die Fragen: Was ist der Preis, den Frauen für ein selbstbestimmteres Leben zahlen und wer profitiert davon?
Filmemachen beginnt bei mir immer mit den Charakteren. Beim Schreiben und auch in der Inszenierung interessieren mich die unbewussten Verhaltensweisen und Prägungen meiner Figuren, ihre subtilen Gewohnheiten und ihr banaler Alltag, außerdem ihr Status im Familien- und Beziehungsgefüge. Ich glaube, es braucht nur diese vermeintlich schnöden Gewohnheiten und das ständige Reproduzieren der bekannten Rituale (übers Wetter reden), um gesellschaftliche (Macht-) Strukturen aufzuzeigen. Im Banalen kann eine ganze Welt liegen, wenn es mir gelingt, eine gute Szene daraus zu machen: Wenn Inges (Claras Mutter) emotionale Überforderung und ihre Sprachlosigkeit in oberflächliche Floskeln und banale Geschäftigkeit münden, zeigt sich für mich am eindringlichsten Claras Sehnsucht nach echter Kommunikation und Begegnung mit ihrer Mutter. Wie kann ich etwas sichtbar machen, das so einfach und unaufgeregt daherkommt? Wie zeigen, was alles darunter liegt, wenn man den Blick genug schärft? Wie kann ich realistisch erzählen und trotzdem eine filmische Form finden, die das Publikum interessiert und mitfühlen lässt? Wie kann ich zeigen, dass selbst die kleinste Handlung im intimsten, familiären Kontext politische Dimensionen hat? Das sind Fragen, die mich als Regisseurin begleiten.


INTERVIEW MIT ANNIKA PINSKE

Worum geht es in dem Film Deiner Meinung nach?
Der Film handelt von Heimat und Herkunft und fragt, was man für ein selbstbestimmtes Leben zurücklassen muss, besonders als Frau. Es geht auch um Mütter und Töchter und ihre Beziehungen, um Frauen in männerdominierten Berufen und den Kampf um Anerkennung. Der Film beobachtet die Geschlechterhierarchien in den ganz einfachen alltäglichen Interaktionen der Figuren und zeigt, wie stark wir in der Gesellschaft auf bestimmte Rollen festgelegt sind und wie schwierig es ist, diesen zugewiesenen Platz zu verlassen, auszubrechen und etwas Neues zu finden. Diese Sehnsucht hat mit Trennung und Grenzen zu tun, und es gibt ebenso viel Schmerz wie Verheißung. Ich liebe diese Widersprüche im Leben. Sie sind eine Art kreativer Motor für mich.

Was kannst Du uns über die Hauptfiguren des Films erzählen?
Alles dreht sich um Clara, meine Hauptprotagonistin. Sie führt uns durch den Film, und wie in einem Kaleidoskop verstehen wir nach und nach, wie viele Beziehungen, Rollen und Anforderungen sie zu bewältigen hat. Ich wollte eine zeitgemäße und komplexe Frauenfigur, die auch widersprüchlich ist und unvollkommen sein darf, die nicht immer lächeln muss, um sympathisch zu sein. Es gibt so viele Anforderungen, Wünsche und Interessen, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Ihr Bildungsabschluss bedeutet auch eine Trennung von ihrem familiären Hintergrund. Sie kann nicht einfach nach Hause zurückkehren und Teil davon sein. Gleichzeitig kämpft Clara auch darum, ihren Platz im Bildungsbürgertum zu finden, denn Herkunft kann man nicht einfach ablegen. Sie ist eine Suchende, und das wird sie wohl auch bleiben ...

Du hast Claras Herkunft aus der ostdeutschen Provinz erwähnt. In welcher Weise beeinflusst die Nachwendezeit Deine Protagonist*innen?
Es gibt ein Gefühl der Unsicherheit bei Clara, das mit ihrem sozialen Status, ihrem Geschlecht und ihrer Herkunft zusammenhängt. Vielleicht muss ich an dieser Stelle von mir selbst sprechen, denn diese Erfahrung teile ich mit meiner Protagonistin. Ich würde sagen, dass ich erst durch den Kontakt mit Westdeutschen Ostdeutsche geworden bin.
Vorher war es mir völlig egal, aber sobald ich Frankfurt/Oder, meine Heimatstadt an der deutsch-polnischen Grenze, verließ, musste ich ständig erklären, woher ich komme. Plötzlich wurde ich mit allen möglichen Stereotypen über Ostdeutsche konfrontiert– immer als Kompliment verpackt, denn ich wurde überhaupt nicht als Ostdeutsche gesehen. Als Reaktion darauf habe ich mich gefragt, wie sich Westdeutsche jemanden aus dem Osten vorstellen, was einen verunsichern und vereinnahmen kann.
Außerdem gibt es auch Vorurteile über die Arbeiterklasse, und ich kann gar nicht genau sagen, welche Vorurteile in welche Kategorie gehören, aber sie machen etwas mit deinem Selbstbewusstsein. Ich glaube auch, dass Claras beruflicher Ehrgeiz eine Art Wiedergutmachung für ihre Mutter ist. Als die Mauer fiel, verlor Inge ihre Arbeit und musste die demütigenden Prozeduren des Arbeitsamtes über sich ergehen lassen. Ihr bisheriges Leben wurde plötzlich in vielerlei, oft erniedrigender Weise als wertlos angesehen.
Ich glaube, dass viele Kinder nach der Wiedervereinigung diese Erfahrung kennen und teilen.
Ich möchte über die Stereotypen hinausgehen und stattdessen die Erfahrungen von Ostdeutschen
ansprechen, die diesen Bruch in ihrer Biografie erlebt haben. Ich glaube, dass das für die Menschen in Westdeutschland etwas völlig Fremdes ist. Und hier gibt es wirklich etwas von den Ostdeutschen zu lernen. Ich glaube, das übliche Narrativ ist immer umgekehrt gewesen.

Die Geschlechterverhältnisse spielen in Deinem Film eine große Rolle, werden aber fast ausschließlich durch Ihre weiblichen Figuren thematisiert. Wie würdest Du die Rolle der Männer und das Konzept der Männlichkeit in Claras Leben charakterisieren?
Ich glaube, dass es nicht nur eine Rolle für die Männer in meinem Film gibt, denn ich zeige viele - und ganz unterschiedliche - Typen von Männern. Zumindest hoffe ich, dass es mir gelungen ist, den üblichen Stereotypen so gut wie möglich zu entkommen. Sicherlich könnte man sagen, dass die meisten (nicht alle) Männer in ihrem Umfeld Clara mit einem gewissen Selbstbewusstsein behandeln, das Clara fehlt oder das sie immer wieder in Frage stellt. Das brauchte ich, weil ich einfach glaube, dass sich patriarchale Muster immer noch wiederholen und Frauen sich dieses Selbstvertrauen einfach erarbeiten müssen. Aber ich habe versucht, die männlichen Figuren nicht nur als Antagonisten zu benutzen. Sie sind vielschichtig und nachvollziehbar in ihrem Verhalten, aber sie sind Nebenrollen, denn dieser Film gehört den Frauen.

Was war das Besondere an der Produktion?
Ich habe mich entschieden, den Film mit den Mitteln der Filmhochschule, mit wenig Geld, ohne
externe Produktionsfirma zusammen mit meiner Kommilitonin und Produzentin Luise Hauschild zu
drehen. Und das gab uns allen die Freiheit, herauszufinden, wie wir arbeiten wollten. Es gab nur den Druck, den wir uns selbst auferlegt haben, den bestmöglichen Film zu machen, aber wenig äußere Zwänge. Ich denke, diese Erfahrung, die Parameter selbst zu bestimmen, ist einzigartig in dieser Branche und sehr wichtig für alles, was noch kommen wird.

ALLE REDEN ÜBERS WETTER lebt sehr stark von den Darsteller*innen. Wie hast Du sie gecastet?
Wir haben uns bei dem Teil des Castingprozesses, den wir selbst durchgeführt haben, hauptsächlich auf Clara und Inge konzentriert, da unsere Ressourcen begrenzt waren. Wir hatten großartige Schauspielerinnen beim Casting, und es macht großen Spaß, darüber nachzudenken, in
welche Richtung sich die Geschichte entwickeln könnte, wenn man sich für oder gegen eine bestimmte Schauspielerin entscheidet. Ich habe ein Ensemble-Casting gemacht, und Anne Schäfer hat mich überzeugt, weil sie eine der wenigen Schauspielerinnen war, die in der Beziehung zu ihrer Mutter nicht in das Verhalten der kleinen Tochter zurückfiel, sondern sich als erwachsene Frau gegen ihre Mutter stellte. Das war für den Film extrem wichtig. Eine der Sehnsüchte von Clara ist es, sich selbst neu und anders zu begegnen und nicht mehr in alten Mustern zu verharren. Anne hat auch irgendwie diese sehr widerspenstige Eigenschaft. Ich hatte das Gefühl, dass die Wahrnehmung von Unterschieden für sie genauso wichtig ist wie für Clara, und damit zu arbeiten hat mich gereizt.
Die Rolle, für die ich am längsten gebraucht habe, war die der Inge, und ich bin unglaublich glücklich mit Anne-Kathrin Gummich. Es war wirklich nicht einfach, jemanden zu finden, der diese „einfache“ Frau so klug und mit einem enormen Selbstbewusstsein spielt. Ich liebe es, ihr in diesem
Film zuzusehen. Emma Frieda Brüggler hat in all meinen Kurzfilmen mitgespielt. Ich habe sie entdeckt, als sie zehn Jahre alt war, und ich bin immer noch erstaunt über ihr lebendiges Spiel vor der Kamera und ihr Timing. Emma hat nie einen Schauspielkurs besucht. Sie ist ein Naturtalent und es ist großartig, mit ihr zu arbeiten.
Ich höre hier mal lieber auf, denn ich könnte noch viel mehr über meine Schauspieler*innen erzählen. Ich liebe sie einfach alle und bin so dankbar, dass ich meinen ersten Film mit einem so tollen Ensemble umsetzen konnte.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 08.09.2022
FADO – DIE STIMMEN VON LISSABON
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fado - Die Stimmen von Lissabon ist ein Dokumentarfilm, der vor dem Hintergrund eines entfesselten Wohnungsmarktes in der Alfama Lissabons spielt, dem ursprünglichsten Altstadtviertels der portugiesischen Hauptstadt. Auf den Spuren von Céline – einer einheimischen Ausländerin, die seit 20 Jahren in Portugal lebt – lernen wir Ivone Días und Marta Miranda kennen, zwei Künstlerinnen aus verschiedenen Generationen, die für das Überleben ihrer Kunst, ihrer Gemeinschaft und Nachbarschaft kämpfen. Ihre gemeinsame Sprache ist Fado, ein traditioneller Musikstil, der vom täglichen Kampf des Lebens erzählt.
Mit den Texten und dem Klang von Fado-Liedern, die uns durch die Geschichte führen, bringt uns der Film die Beziehung zwischen Fado-Sängerinnen und Sängern und der sich ständig verändernden Welt um sie herum näher und wärmt unser Herz für die einzigartige Kultur des Fado.

Ein Film von Judit Kalmár und Céline Coste Carlisle


HAUPTAKTEURINNEN

- Als Weltmusikerin versucht Marta unablässig durch ihre Musik und Auftritte Verbindungen herzustellen. Sie und ihr Partner J-M schufen einen der lebendigsten Kulturräume Lissabons – den „Tasca Beat“ – und brachten traditionelle Fado-Sängerinnen mit alten und jungen Musikern mit den unterschiedlichesten kulturellen Hintergründen zusammenzubringen. Ausländische Investitoren zwangen Marta und J-M jedoch vor kurzem ihre Räume zu verlassen. Sie suchen nun nach dem nächsten Ort, an dem sie ihre Werke kollektiver Identität ausleben können.

- Ivones Lebenstraum war es immer, Fado-Sängerin zu werden. Aber wie bei vielen Frauen, die zu ihrer Zeit geboren wurden, entschieden oft andere über ihr Lebensschicksal. Erst in ihren Sechzigern begann sie ihren Traum zu leben, indem sie endlich öffentlich auftrat. Zwanzig Jahre später und immer noch eine professionelle Sängerin, nimmt Ivone jetzt an den Kämpfen vieler
Einwohner Lissabons teil, die aufgrund des Tourismusbooms und der Gentrifizierung der Stadt aus
ihren Häusern vertrieben wurden.



ANNMERKUNGEN DER REGISSEURINNEN

Wir sind zwei Filmemacherinnen aus der Schweiz und Ungarn, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen: Céline ist eine bildende Künstlerin mit musikalischem Hintergrund und Judit ist eine Journalistin mit langjähriger Medienerfahrung. Die ursprüngliche Idee für den Film, inspiriert vom Leben der 80-jährigen Ivone, basiert auf dem Wunsch, die Geschichten der Fado-Sängerinnen Lissabons mittels der Liedtexte zu erzählen. Célines künstlerischer Standpunkt und Judits Augenmerk auf sozialen Themen wurden unser gemeinsames Bestreben, die menschlichen Geschichten aufzudecken, die hinter den allgemeinen Statistiken stecken. Unsere kombinierten Wahrnehmungen verschmolzen zu einem Film, der nicht nur über Fado spricht, sondern auch über die Kämpfe der Menschen mit ihrer kulturellen Identität als Folge ihrer sich verändernden Stadt. Über Gentrifizierung Bescheid zu wissen ist eine Sache; die Emotionen und das Dilemma der Betroffenen zu spüren ist eine ganz andere Empfindung.


JUDIT KALMÁR
CÉLINE COSTE CARLISLE
Wir sind zwei Filmemacherinnen aus der Schweiz und Ungarn, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen: Céline ist eine bildende Künstlerin mit musikalischem Hintergrund und Judit ist eine Journalistin mit langjähriger Medienerfahrung. Die ursprüngliche Idee für den Film, inspiriert vom Leben der 80-jährigen Ivone, basiert auf dem Wunsch, die Geschichten der Fado-Sängerinnen Lissabons mittels der Liedtexte zu erzählen. Célines künstlerischer Standpunkt und Judits Augenmerk auf sozialen Themen wurden unser gemeinsames Bestreben, die menschlichen Geschichten aufzudecken, die hinter den allgemeinen Statistiken stecken. Unsere kombinierten Wahrnehmungen verschmolzen zu einem Film, der nicht nur über Fado spricht, sondern auch über die Kämpfe der Menschen mit ihrer kulturellen Identität als Folge ihrer sich verändernden Stadt. Über Gentrifizierung Bescheid zu wissen ist eine Sache; die Emotionen und das Dilemma der Betroffenen zu spüren ist eine ganz andere Empfindung.

CÉLINE COSTE CARLISLE
Sie erwarb ihren Abschluss in Kunst und Mixed Media an der ESAV in Genf, nachdem sie im Rahmen ihrer akademischen Praxis mit Kino- und Videokunst zu experimentierte. Sie gehörte zum Team des Genfer Opernhauses, wo sie mit einigen der legendären Bühnen- und Lichtdesigner der Branche wie Hiroshi Teshigahara, Pier Luigi Pizzi und Wolfgang Göbbel zusammenarbeitete. 1999 zog sei nach Portugal und ihr Projekt, Collagen aus Kunststoffen zu sammeln und zu fotografieren, die von den Fluten am Strand von Guincho angespült wurden, wurde von der Kunstabteilung der Tribune De Genève gelobt. 2018 nahm sie an der Ausstellung „Triple Grace“ im Pálacio da Independência in Lissabon teil, wo sie ihre neuesten Arbeiten ausstellte, die vom Dreh des Dokumentarfilms „Silêncio – Vozes de Lisboa“ inspiriert waren.

JUDIT KALMÁR
Von Beruf Ökonomin und Journalistin begann Judit Kalmár ihre Karriere als Redakteurin und Reporterin und arbeitete mehr als ein Jahrzehnt bei verschiedenen Radio- und Fernsehsendern in Ungarn. Sie arbeitete für verschiedene Nachrichtenredaktionen und produzierte kurze Dokumentarfilme für das Ungarische Fernsehen.
Sie begann ihre Karriere als unabhängige Filmemacherin mit der Gründung von Codebar Productions, einer Produktionsfirma, in der sie selbst Internetbasierte Kurzfilme für Unternehmen und gemeinnützige Organisationen produziert. Sie drehte auch Dokumentarfilme mit Hilfe eines
professionellen Teams. Sie war schon immer daran interessiert, eine Brücke zwischen Rationalem und Emotionalem, zwischen Kultur und Gemeinschaft zu bauen.



HINTERGRUNDINFORMATION

1. ÜBER FADO
Im Jahr 2011 wurde Fado in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen und als ein Aufführungsgenre definiert, das Musik und Poesie umfasst und von in verschiedenen Stadtteilen von Lissabon ausgeübt wird. Fado repräsentiert eine portugiesische multikulturelle Synthese aus afro-brasilianischen Gesangstänzen, heimischen Gesangs- und Tanztraditionen, ländlichen Musikbräuchen, die mehrere Zuzugswellen nach Lissabon gebracht hatten, und den kosmopolitischen städtischen Gesängen des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Fado-Lieder werden normalerweise von einem Solosänger, männlich oder weiblich, aufgeführt, traditionell begleitet von einer Akustikgitarre und der portugiesischen Guitarra – einer birnenförmigen Cister mit zwölf Saiten, einzigartig in Portugal, das auch ein umfangreiches Solo-Repertoire hat. In den letzten Jahrzehnten wurde diese Instrumentalbegleitung auf zwei portugiesische Gitarren, eine Gitarre und eine Bassgitarre erweitert. Fado wird professionell auf Konzertbühnen und in kleinen „Fado-Häusern“ und von Amateuren in zahlreichen Vereinen aufgeführt, die sich in älteren Vierteln Lissabons befinden. Der informelle Unterricht durch ältere, angesehene Spieler findet in traditionellen Aufführungsräumen und oft über aufeinanderfolgende Generationen innerhalb derselben Familien statt. Die Verbreitung des Fado durch Emigration und die Weltmusikkreise hat sein Image als Symbol der portugiesischen Identität gestärkt und zu einem Prozess des interkulturellen Austauschs geführt, der andere Musiktraditionen einbezieht.
In unserem Film sind verschiedene Arten von Fado zu finden. Von der traditionellsten bis zur modernsten Weltmusik mit starken Fado-Wurzeln, von professionellen Künstlern bis hin zu Amateursängern, Spielern und Zuhörern, von traditionellen „Casas de Fados“ (Fado-Clubs) bis hin zu einer Art Fado-Jam-Session (Martas „Fadiagens“) oder Amateur-Fado-Vereinigungen.
Besonderes Augenmerk sollte auf die beliebtesten Fado-Formen gelegt werden, die an verschiedenen Orten in der Stadt erhalten geblieben sind und immer noch eine wichtige Rolle im lokalen Umfeld der beliebten Viertel von Lissabon spielen. Obwohl unser Film verschiedene Fado-Räume zeigt, ist die Idee des populären Fados („Fado vadio“ oder irrender Fado) immer noch an all den Orten vorhanden, an denen wir gedreht haben, wo auf die eine oder andere Weise immer noch sozialer Austausch stattfindet und uns erinnert dass Fado immer noch eine städtische populäre kulturelle Praxis ist. Seine Existenz als populäre Kunstform ist jedoch aufgrund der jüngsten Umgestaltung von Lissabons alten Vierteln wie Alfama, wo der größte Teil des Films gedreht wurde, gefährdet.


2. ANMERKUNGEN ZU GENTRIFIZIERUNG UND TOURISTIFIZIERUNG DES ALTSTADTZENTRUMS VON LISSABON ALFAMA
Starke historische Traditionen, niedrige Lebenshaltungskosten und eine einzigartige Atmosphäre machten aus Lissabon eine Tourismushochburg in Europa. Die Stadt hat sich in letzter Zeit in vielerlei Hinsicht verändert: ein boomender Immobilienmarkt, renovierte Gebäude, florierende Tourismusunternehmen, riesige Ozeandampfer auf der einen Seite, die Vertreibung von Einwohnern, wütende Einheimische und Elend auf der anderen Seite.
Zwischen 2013 und 2018 ist die Zahl der Touristen, die Portugal und Lissabon besuchen, um mehr als 60 Prozent gestiegen, und gemäß dem internationalen Trend bevorzugen viele Besucher der Stadt Privatunterkünfte gegenüber Hotelzimmern.
Dies hat dem privaten Vermietungsgeschäft eine schwungvolle Dynamik verliehen, was dazu geführt hat, dass 35 % der Wohnungen in der Innenstadt für Kurzzeitmieten genutzt werden. Dieser Trend ist für die Immobilieneigentümer sehr lukrativ, bringt die Langzeitmieter jedoch in eine aussichtslose Lage. Ältere Einwohner und ganze Familien müssen ihre Häuser verlassen, um Touristenwohnungen zu weichen. Viele der ursprünglichen Bewohner der historischen Viertel von Lissabon haben – nachdem sie dort mehrere Generationen lang Mieter waren – ihre Häuser verloren und wurden in den letzten fünf Jahren in die Außenbezirke der Stadt gezwungen. Mit der Auflösung dieser Gemeinschaften gehen ihre traditionelle Lebensweise, ihre Kultur und in vielen Fällen auch ihre traditionelle Musikform verloren.
Die Liberalisierung des lokalen Mietwohnungsmarktes im Jahr 2012, zusammen mit dem portugiesischen Touristenvisumprogramm (Gold Visa) und der staatlich geführten Förderung der Stadttouristik, schienen effiziente Strategien für die städtische und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt zu sein, nachdem das Land durch Rezession und Währungskrisen sehr schwer getroffen worden war. Dies hat transnationale Immobilieninvestitionen im Zusammenhang mit Tourismus und Lifestyle-Mobilität begünstigt, insbesondere aber eine rasche "Airbnbisierung" der historischen Viertel der Stadt.
Nach Angaben der portugiesischen Behörden wurden von den 5.717 zwischen Oktober 2012 und Januar 2018 erteilten Gold-Visa 5.397 für Immobilieninvestitionen vergeben, d. h. für den Erwerb von Immobilien in Höhe von 500.000 Euro oder mehr. Im ersten Halbjahr 2016 entfielen 18,3 % des Geschäfts im nahezu flächendeckenden Stadtsanierungs-gebiet von Lissabon auf internationale Investoren, was einer Transaktion von 909 Objekten im Gesamtwert von 314 Millionen Euro entspricht. Der Markt wurde von chinesischen und französischen Investoren dominiert. Zwischen Oktober 2012 und dem 31. Januar 2017 wurden 2,4 Milliarden Euro direkt in den Kauf von Immobilienvermögen in Portugal investiert. Während der Kaufpreis in der Stadt Lissabon im März 2018 4585 Euro/ m2 betrug, lag er in Alfama sogar bei 5423 Euro/ m2 (deutlich über dem Durchschnitt der historischen Zentren von Madrid und Barcelona).
Der Hauptschauplatz unseres Films, „Alfama“, eines der ältesten und traditionell einkommensschwächeren Viertel Lissabons, liegt im alten Zentrum der Stadt und ist eine klare Illustration des verheerenden Prozesses, in den die Stadt verwickelt ist. Es ist ein Viertel mit einem
Alleinstellungsmerkmal südeuropäischer Städte. Dies ist ein verlassenes Viertel, das seit mehr als 40 Jahren kontinuierlich an Bevölkerung verliert und von den mehr als 13.000 Einwohnern, die Mitte des 20. Jahrhunderts dort lebten, weniger als 3500 Menschen zurückgelassen hat.
Darüber hinaus hat es eine große und gefährdete ältere Bevölkerung. Viele Häuser sind aufgrund der Untätigkeit der Kommunalverwaltungen stark degradiert und zu einem „Geschenk“ für transnationale und lokale Investoren geworden, die es geschafft haben, fast die Hälfte des Immobilienbestands für den Kauf zur Vermietung auf dem kurzfristigen Markt anzubieten.
Alfama ist derzeit der Stadtteil von Lissabon mit der verhältnismäßig größten Anzahl an Airbnb-Apartments. Laut einer im März 2019 durchgeführten Umfrage waren von den 3.581 Haushalten 1.703 touristische Vermietobjekte. Das entspricht 47,5% - im Vergleich zu anderen
europäischen Städten außergewöhnlich hoch.
Nachdem durch jahrzehntelange Vernachlässigung Alfama ein Viertel voller vernagelter Häuser, leerstehender Grundstücke und zum Verkauf angebotener bebauter Gebiete wurde, blüte ab Anfang der 2010er Jahre der touristische Wohnungsmarkt auf. Um den Tourismus zu fördern wurde das Erbe des Viertels kommerzialisiert: Neue Fado-Musik-Restaurants, schicke Retro-Bars, Souvenirläden überschwemmten das Viertel und nahmen den traditionellen Märkten, Fischhändlern und lokalen Cafés den Platz weg. Die Touristifizierungs- und "Airbnbisierungs"prozesse in Alfama haben die dramatische Umwandlung des gesamten Viertels in ein „Outdoor-Hotel“ mit sich gebracht. Die Gentrifizierung ändert das Viertel in eines für sozial Privilegierte, während die Touristifizierung darauf abzielt, das Gebiet in einen exklusives touristen- und handelsfreundlichen Ort umzuwandeln. Das bedeutet, dass nur noch wenige Menschen dort leben. Es ist eine neu geschaffene Disney-Tourismuslandschaft, in der lokale Formen alltäglicher sozialer und kultureller Praktiken zur Ware des globalen Stadttourismus werden.
Infolgedessen kam es zu einem raschen Einwohnerverlust. Viele Tausende wurden vertrieben und gezwungen, in die Außenbezirke der Stadt zu ziehen. Laut der Volkszählung von 2011 waren nur 20% der Einwohner Eigennutzer (im Gegensatz zu 51% in ganz Lissabon), während 77% Mieter oder Untervermieter waren. Alfama und im weiteren Sinne Lissabon ist keine Ausnahme. Touristifizierungen der historischen Stadtzentren vieler Städte in Europa und anderen Teilen der Welt hab eine Schlüsselrolle bei den stattgefundenen sozioökonomischen Veränderungen in den Arbeitervierteln vieler historischer Städte gespielt. Einige sagen, was in London im Laufe von 20 Jahren passiert ist, hat Lissabon in nur zwei Jahren erlebt. Auch wenn es bereits einige Änderungen in der Verordnung über kurzfristige Touristenvermietungen in der Gegend gab, ist das Problem noch lange nicht gelöst.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 31.08.2022
DIE ZEIT DIE WIR TEILEN
Ab 31. August 2022 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Die Pariser Verlegerin Joan Verra (Isabelle Huppert) trifft nach Jahrzehnten ihre erste große Liebe wieder. Aufgewühlt verlässt sie Paris und zieht sich in ihr Landhaus zurück. Dort beginnt sie, ihr Leben Revue passieren zu lassen. Joan’s Erinnerungen verdichten sich mehr und mehr zu einer emotionalen Reise, bei der Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen. Doch sie ist nicht allein: Es begleiten sie der exzentrische Schriftsteller Tim Ardenne (Lars Eidinger), der als einzige Konstante fest an ihrer Seite zu stehen scheint, und ihr Sohn Nathan (Swann Arlaud), den sie allein großzog.


Ein Film von Laurent Larivière
Mit Isabelle Huppert, Lars Eidinger, Freya Mavor, Swann Arlaud u.a.


REGIE – LAURENT LARIVIÈRE
Der Regisseur und Drehbuchautor Laurent Larivières wurde 1972 in Montpellier geboren. Sein Spielfilmdebüt „I Am A Soldier“ wurde 2015 in der Sektion Un Certain Regard des Filmfestivals von Cannes gezeigt. Seine bislang sechs Kurzfilme gewannen zahlreiche Preise, darunter L‘Un dans l‘autre (10 Minuten, 1999) den Sonderpreis der Jury beim Grasse Festival und J’ai pris la foudre (20 Minuten, 2006) den CNC-Qualitätspreis und den Großen Preis beim 28. Villeurbanne Short Film Festival.
Über den klassischen Film hinaus konzipiert Laurent Larivières mit Vincent Rafis und Denis Lachaud ein multidisziplinäres Projekt, das Theater und Kino vermischt. Die Show Eldorado dit le policeman wird vom Centre Dramatique National Orléans/Loiret/Centre und der Grande Halle de la
Villette produziert.


ISABELLE HUPPERT SPIELT JOAN VERRA
Isabelle Huppert wurde 1953 in Paris geboren und nahm bereits mit 14 Jahren Schauspielunterricht. Bereits als Teenager wurde sie zum Theater-Star. Ihr Fernsehdebüt gab sie 1971 mit „Le Prussien“, ein Jahr später folgte ihr Kinodebüt in „Faustine et le bel été“. International bekannt wurde Isabelle
Huppert im Alter von 23 Jahren durch ihre Hauptrolle in „Die Spitzenklöpplerin“, für den sie mit dem BAFTA-Preis für den vielversprechendsten Newcomer ausgezeichnet wurde. Ihren weltweiten
Durchbruch schaffte sie als Ella in Michael Ciminos „Heaven‘s Gate“.
Sie ist berühmt für ihre brillanten Darstellungen von selbstbewussten, unnahbaren Frauen, die rätselhaft bleiben. Mittlerweile hat sie in über 100 Filmen mitgespielt und mit großen Regisseuren zusammengearbeitet: Für „Elle“ drehte sie mit Paul Verhoeven, für„Die Klavierspielerin“ mit Michael Haneke und für „Biester“ mit Claude Chabrol. Sie stand für weitere weltbekannte Regisseurinnen und Regisseure vor der Kamera, darunter sind Olivier Assayas, Claire Denis, Andrzej Wajda und Joachim Trier, aber auch amerikanische Filmemacher wie Curtis Hanson, Hal Hartley und David O. Russell.
Isabelle Huppert gilt als eine der besten Schauspielerinnen der Welt – und als eine der meistausgezeichneten. Allein für den französischen Filmpreis César wurde sie unglaubliche 16-Mal nominiert und damit mehr als jede andere Schauspielerin.
Auf der diesjährigen Berlinale wird sie mit dem Goldenen Bären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Für ihre Leistung im Thriller „Elle“ (2016) gewann sie einen César und einen Golden Globe – und wurde erstmals für einen Oscar nominiert. Zudem ist sie eine von vier Frauen, die zweimal als beste Schauspielerin bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet wurden, 1978 für „Violette Nozière“ und 2001 für „Die Klavierspielerin“.
Die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin ehren Isabelle Huppert 2022 mit einem Goldenen Bären für ihr Lebenswerk Ihre Leinwandkarriere ist so beeindruckend, dass ihre Bühnenkarriere manchmal außen vorgelassen wird. Zu Unrecht: Isabelle Huppert ist auch eine herausragende
Theaterdarstellerin und hat bisher sieben Nominierungen für den Molière-Preis erhalten – mehr als jede andere Schauspielerin.



LARS EIDINGER SPIELT TIM ARDENNE
Lars Eidinger gilt als einer der prägenden und wandlungsfähigen deutschen Theaterstars. Er wurde 1976 in Berlin geboren und besuchte dort die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. 1998 gab er sein Debüt am Deutschen Theater; an der Berliner Schaubühne wurde er bekannt durch seine Rollen in Shakespeare-Stücken wie „Ein Sommernachtstraum“, „Hamlet“ und „Richard III“.
Als „Experten fürs Maßlose“ betitelte ihn die Berliner Morgenpost einmal und tatsächlich brilliert Lars Eidinger in komplexen Rollen, die Grenzen austesten: Wie er selbst sagt reizen ihn besonders expressive und extreme Charaktere.
Sein großer Durchbruch im deutschen Kino gelang ihm 2009 in Maren Ades „Alle Anderen“. International bekannt wurde Lars Eidinger durch seine beiden Filme mit dem französischen Ausnahmeregisseur Olivier Assays in „Die Wolken von Sils Maria“ (2013) und „Personal Shopper“ (2015). Neben Olivier Assays hat er mit weiteren herausragenden Regisseurinnen und Regisseuren wie Tim Burton, Claire Denis, Noah Baumbach, Hans-Christian Schmid, Lana Wachowski und Peter Greenaway gedreht.
Die Filme „25 km/h“ (2017), „Die Blumen von gestern“ (2017), „Persischstunden“ (2018) oder „Schwesterlein“ (2020) und Serienrollen im „Tatort“ (2009, 2012, 2013, 2020), „Babylon Berlin“ (2016, 2019, 2021) und „Faking Hitler“ (2021) machten ihn zu einem der bekanntesten Schauspielern Deutschlands. Er wurde unter anderem mit dem Österreichischen und Bayerischen Filmpreis, dem Grimme-Preis und dem Preis der Deutschen Filmkritik für seine Darstellungen ausgezeichnet.
Wie Isabelle Huppert bewegt sich auch Lars Eidinger als Schauspieler zwischen zwei Welten und pendelt zwischen Film und Theater.
Mit Ausstellungen seiner Foto- und Videoarbeiten in der Hamburger Kunsthalle sowie dem Neuen Aachener Kunstverein und mit der Veröffentlichung eines Bildbandes bei dem Berliner Verlag Hatje Cantz hat er sich auch als Künstler einen Namen gemacht.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 25.08.2022
EVOLUTION
Ab 25. August 2022 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Über drei Generationen folgt EVOLUTION dem Schicksal einer jüdischen Familie von 1945 bis heute. Der Film ist in drei Teile unterteilt und doch eng miteinander verwoben: In einer verlassenen Gaskammer wird ein kleines Mädchen gefunden, das auf wundersame Weise überlebt hat. Jahrzehnte später in Budapest wird Éva, schon etwas dement, von ihrer Tochter Léna nach Geburtsurkunden und Ausweispapieren gefragt – doch alle offiziellen Dokumente, die sie besitzt, sind gefälscht, um ihre jüdische Herkunft zu verbergen. Und dann ist da noch Évas Enkel Jonás. Er ist gerade mit seiner Mutter nach Berlin gezogen und weiß gar nicht mehr, wer oder was er ist – nur das weiß er: dass er sich als Jude in der Schule ausgeschlossen fühlte. Éva, Léna, Jonas: Großmutter, Mutter und Sohn, gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.


Ein Film von Kata Wéber und Kornél Mundruczó
Mit Lili Monori, Annamária Lang, Goya Rego, Padmé Hamdemir, Jule Böwe u.v.a.

Regisseur Kornél Mundruczó und Kata Wéber, die das erschütternd-ergreifende, aber auch bissig-ironische und stellenweise höchst persönliche Drehbuch verfasste, gehen in EVOLUTION der Frage auf den Grund, was es bedeutet, jüdisch zu sein. In eindrucksvollen Bildern beschreiben sie in drei Episoden den Schmerz und die Stigmatisierung, die von Generation zu Generation vor allem unbewusst weitergegeben werden.

Gemeinsam mit Kameramann Yorick Le Saux (LITTLE WOMEN, PERSONAL SHOPPER, ONLY LOVERS LEFT ALIVE) findet Kornél Mundruczo für jede Episode eine ganz eigene Bildsprache: In nur einer einzigen Einstellung folgt die Kamera im ersten Teil den Säuberungsarbeiten in einer Gaskammer, 1945 – am Ende des Zweiten Weltkrieges. Und erzeugt, ohne viel zu zeigen, eine beklemmende, geradezu surreal alptraumhafte Atmosphäre, die den Horror in uns selbst weckt. Der zweite Teil – aufgenommen in nur einem einzigen Take mit schwebender Kamera – wird dominiert durch dichte Dialogszenen zwischen Mutter (Lili Monori) und Tochter (Annamária Láng), in denen die jeweils tiefen seelischen Verletzungen und Folgen des Unaussprechlichen deutlich zu Tage treten. So wie Jonás (Goya Rego) im dritten Teil versucht, sich und seine Position im Leben zu finden, so folgt ihm die bewegte Kamera in seine Lebensbereiche, sie fährt mit im Bus, rollt über die Bürgersteige, verharrt im Zimmer, hält drauf und weicht zurück. Alles untermalt von der Filmmusik von Dascha Dauenhauer (BERLIN ALEXANDERPLATZ). Kurz vor der Entstehung von EVOLUTION ist das Filmemacher:innen-Paar aus Ungarn nach Deutschland gezogen. EVOLUTION wurde an 13 Tagen in Budapest und Berlin gedreht – mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie 2021. Bereits bei der Ruhrtriennale 2019 wurde EVOLUTION als Musiktheaterstück inszeniert. Aufgeführt wurde das Stück von Ensemblemitgliedern des Proton Theater, Mundruczós unabhängiger Theaterkompanie. Zu diesen gehören auch die Schauspielerinnen Lili Monori (Evá), die bereits im kommunistischen Ungarn ein Indiestar war und Annamária Láng (Léna), die auch regelmäßiger Gast am Schauspielhaus Köln, den Münchner Kammerspielen, dem Schauspielhaus Zürich, dem finnischen Nationaltheater in Helsinki und Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater ist.


REGIE-KOMMENTAR KORNÉL MUNDRUCZÓ
Kata und ich sprechen oft über Identität und Zugehörigkeit; über die Biegsamkeit dieses Begriffs. Darüber, wie Ereignisse – schreckliche wie freudige – über Generationen hinweg einen Bogen spannen und die Kraft haben können, das Leben derer zu bestimmen, die das Gewesene nicht aus erster Hand erfahren haben. Unser Film enthält viele Elemente wahrer Begebenheiten, die unser beider Leben zutiefst beeinflusst haben. Aber wir wollten nicht einfach nur die historischen Ereignisse wiedergeben, sondern untersuchen, wie diese Momente den Einzelnen und die nachfolgenden Generationen beeinflussen. Dieser Film hat einen sehr persönlichen Bezug zu Katas Familiengeschichte. Wir haben verschiedene filmische Mittel verwendet, um diese Gefühle und Erinnerungen auf neue Weise auszudrücken, und wir hoffen, dass diejenigen, die mit den Auswirkungen und dem Wandel ihrer eigenen Geschichte zu kämpfen haben, sich in unserem Film wiedererkennen werden.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 17.08.2022
DIE ZUKUNFT IST EIN EINSAMER ORT
Ab 18. August 2022 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Der bisher unbescholtene Frank (Lucas Gregorowicz) überfällt einen Geldtransporter und stellt sich anschließend der Polizei. Im Gefängnis trifft er auf den ebenso skrupellosen wie misstrauischen Libanesen Fuad (Denis Moschitto), der von seinem Clan geschützt wird. Frank mischt sich in die Drogengeschäfte im Gefängnis ein und gerät dabei zwischen die beiden rivalisierenden Gruppen von deutschen und arabischstämmigen Insassen. Einzig zu Wärterin Susanna (Katharina Schüttler) baut Frank ein Vertrauensverhältnis auf – nicht ahnend, dass Susanna Teil von Fuads Geschäften ist und ein sexuelles Verhältnis mit ihm hat.
Was nur Frank weiß: Seine Frau Maren und sein Sohn Jonas starben in Folge eines Autounfalls. Fuad war der Fahrer des Tatwagens und beging Fahrerflucht, die ungesühnt blieb. Frank sinnt auf Rache.


Ein Film von Martin Hawie und Laura Harwarth
Mit: Lucas Gregorowicz, Katharina Schüttler, Denis Moschitto, Ronald Kukulies, Slavko Popadic


2021 Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg:
„Dem Regieduo ist ein bemerkenswerter Beitrag zum Genre des Rache- und Gefängnisfilms gelungen. Sie vereinen präzise Charakterstudie mit konsequentem Spannungskino, das endet, wo ein deutsches Drama enden muss: im Wald. In den sepiafarbenen Bildern liegt eine Schwermut, die tief aus dem Innern des gebrochenen Helden zu kommen scheint. Wir sehen das Psychogramm eines Getriebenen, der dem Räderwerk seiner eigenen Rachegedanken nicht entkommen kann und darin zermahlen wird.“


Düster, fesselnd, kompromisslos: melancholische Studie im Gewand eines Rachethrillers. Ein Mann überfällt einen Geldtransporter und lässt sich im Anschluss widerstandslos festnehmen. Im Gefängnis wirkt der Normalo Frank unter all den schweren Jungs wie ein harmloser Einzelgänger, der zwischen den Fronten rivalisierender Gangs ums Überleben kämpft. Niemand ahnt, dass Frank einen gnadenlosen Racheplan verfolgt.

Filmfest Köln, 2021:
„Grandioses deutsches Genrekino wie dieses ist viel zu selten: Das Regie-Duo Hawie und Harwarth tauchen ihr bitteres Gefängnis- und Rachedrama in passend düstere Farben, während alle Darsteller:innen als zunehmend verzweifelte Antihelden überzeugen können.“

Ein unbescholtener Bürger raubt einen Geldtransporter aus und stellt sich sofort der Polizei. Im Gefängnis freundet er sich mit einer Wärterin an und gerät in den Drogenkrieg zweier Gangs. Doch insgeheim plant er von langer Hand eine sehr persönliche Vendetta.



Regie & Buch & Schnitt:
Martin Hawie (geboren 1975 in Lima) ist ein deutscher Filmregisseur und Drehbuchautor.
Hawie studierte Audiovisuelle Kommunikation in Lima (Instituto Peruano de Publicidad) und bildete sich am Centro de la Imagen in Fotografie und Malerei fort. 2001 nahm er ein Regiestudium an der Filmhochschule in Barcelona auf. Einer seiner dort realisierten Kurzfilme wurde für das Festival in Sitges nominiert. Während dieser Zeit wurden seine Fotografien und Bilder in Barcelona und Los Angeles ausgestellt.

Nach drei Jahren kehrte er nach Lima zurück und erhielt das Stipendium „Junge Künstler“ von Industrias Tekno. Gleichzeitig wurde er Geschäftsführer einer Castingagentur und arbeitete freiberuflich als Art Director für Werbefilme. Die eingeschränkten Möglichkeiten der peruanischen Filmindustrien führten Hawie 2005 nach Deutschland. Hier realisierte er mehrere Kurz- und Dokumentarfilmprojekte. 2011 nahm er sein Studium als Postgraduierter an der Kunsthochschule für Medien Köln mit Schwerpunkt Film (Spielfilmregie/Drehbuch) auf. Der Langfilm Camille war dort sein Vordiplom, das auf den Internationalen Hofer Filmtagen 2013 uraufgeführt wurde. Camille lief seitdem auf mehreren internationalen Filmfestivals und wurde beim Internationalen Filmfestival Mexico 2014 mit dem Preis Best Student Award ausgezeichnet.
Mit seinem zweiten Langfilm Toro schloss er im April 2015 erfolgreich sein Studium ab. Der Diplomfilm erhielt die Abschluss-Filmförderung der Film- und Medienstiftung NRW und wurde auf dem 39. Montreal World Film Festival 2015 uraufgeführt. Seine deutsche Premiere feierte Toro auf den 49. Internationalen Hofer Filmtagen 2015 und erhielt im Rahmen des Förderpreises „Neues Deutsches Kino“ eine lobende Erwähnung der Jury. Toro war 2016 ebenfalls auf den 66. Filmfestspielen Berlin eingeladen und lief in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ als spezieller Beitrag für „50 Jahre Hofer Filmtage“. Der Studio Hamburg Nachwuchspreis nominierte Hawie 2016 in der Kategorie „Beste Regie“. Seit 2009 hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. Martin Hawie arbeitet als freischaffender Regisseur und Autor in Köln.

Filmografie:

2020 Die Zukunft ist ein einsamer Ort – Future is a Lonely Place (Kinofilm Regie, Co-Autor, Schnitt)
2015 Toro (Kinofilm Regie, Co-Autor, Schnitt, Produzent)
2013 Camille (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)

Kurzfilme
2012 Am Ende einer Nacht (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2011 Stille Nacht (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2010 The other side (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2010 Wind über Berlin (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2010 Chicas (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2009 Frisches Hühnerei (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2009 Unbekanntes Leben (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2009 Besonders viel Liebe (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2009 Jule & Tarik (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)
2008 240 Schritte am Tag (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent)


Laura Harwarth, 1989 in Köln geboren, studierte Film- und Fernsehproduktion an der Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Produktionsassistentin bei verschiedenen Dokumentarfilmprojekten und später auch als Produktionsleiterin. In diesem Zusammenhang unterstützt sie gelegentlich studentische Filmprojekte an der Kölner Kunsthochschule für Medien in Köln. Hier entstand die Co-Autorenschaft mit Martin Hawie zu dem Spielfilm TORO, der zu verschiedenen nationalen und internationalen Festivals eingeladen wurde. Daraufhin entwickelte sie das Drehbuch zu FUTURE IS A LONELY PLACE (2021), der beim Shangai IFF ausgewählt wurde und somit ihr Regiedebüt darstellt. Die Gesellschaftssatire WARTEN AUF LOUIS und der Zukunftsthriller ZONE befinden sich ebenfalls in der Entwicklung. Laura Harwarth lebt und arbeitet in Köln.
Filmografie:
2020 Die Zukunft ist ein einsamer Ort (Regie, Buch Schnitt)
2016 Goldroger – Perwoll (Creative Producerin)
2014 Toro (Produzentin und 1. Regieassistentin)
2014 Wüste der verlorenen Seelen - Der Schamane Huarango Blanco (Producerin)
2014 Harald (AT) (Produktionsleiterin)
2014 Auf der Suche nach anderen Farben (Produktionsleiterin)
2014 Purani - Designer Santiago Alvarez (Produktionsleiterin)
2013 Himmelverbot (Produktionsassistentin)
2013 Drüber (AT) (Produktionsleiterin)
2013 Deutschland im Spiegel der Gegenwartskunst (Produktionsassistentin)
2013 Tristia - Eine Schwarzmeer-Odyssee (Produktionsassistentin)
2013 Camille (Postproduction Producerin)
2012 Verborgenes Venedig (Produktionsassistentin)
2012 Am Ende einer Nacht (Postproduction Producerin)
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2022 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.