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1. Honoré de Balzac „Cousine Bette – Die Rache einer Frau“
2. George Saunders „Bei Regen in einem Teich schwimmen“
3. Sara Mesa „Eine Liebe“
4. Siegfried Schmidt-Joos (Hrsg.) „Jazz-Echos aus den Sixties“
5. Lucy Fricke „Die Diplomatin“
6. Robert Cremer „Die Geheimsprache des Blues“
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Montag 28.11.2022
Honoré de Balzac „Cousine Bette – Die Rache einer Frau“
Balzac beherrscht das Komponieren und Schreiben von Literatur wie nur wenig andere. Am vorliegenden Roman „Cousine Bette – Die Rache einer Frau“, ein Buch dass jetzt in neuer Übersetzung von Nicola Denis vorliegt, wird dies einmal mehr besonders deutlich. Es ist die Geschichte der Lisbeth Fischer, eben jener Cousine Bette, die es, als ehemalige Fabrikbesitzerin aus der Provinz stammend, ins Paris der 1840er Jahre verschlägt. Der Grund ihres Umzugs ist die wirtschaftliche Insolvenz. In der französischen Hauptstadt lebt ein Teil ihrer Familie in relativem Wohlstand, der jedoch aufgrund von Verschwendungssucht und der „Jagd“ der (Ehe-)Männer auf immer neue amouröse Abenteuer, langsam aber sicher schwindet. Bettes Cousine Adeline und ihr Hausstand ist so etwas wie ihr neuer gesellschaftlicher Dreh- und Angelpunkt. Doch hier nimmt man Bette nicht ernst, verlacht sie aufgrund ihres Aussehens und altjüngferlichen Auftretens und spannt ihr den Liebhaber, der mehr ihrer Fantasie entspringt und den sie als Künstler großzügig zu fördern sich vorgenommen hat, spannt ihr eben diesen Wenceslas niederträchtig aus.
An dieser Stelle beginnt der Rachefeldzug von Bette. Unglaubliche Intrigen werden gesponnen, die Menschen in ihren Eitelkeiten und seelischen Abgründen schonungslos entlarven. Balzac zeichnet ein zum Teil verheerendes Bild der damaligen Gesellschaft. Frauen sind allein auf der Suche nach Prunk, finanziellem Reichtum und gesellschaftlicher Anerkennung. Die Männer befinden sich fast ausschließlich auch der Suche nach (jungen) Geliebten, brauchen hierfür Geld und sind sich auch moralisch nicht zu schade, aufgrund von erotischen Verwicklungen und Ehedramen ihre Persönlichkeit und auch gesellschaftliche Stellung zu ruinieren.
Balzac schildert in beeindruckender Sprache, analytisch, hochintelligent, als auch humorvoll die Verflechtungen, Einflüsse und Abhängigkeiten der Personen untereinander. Er legt die Geschichte wie ein Spinnennetz an, verknüpft die einzelnen Handlungsstränge geschickt miteinander, führt sie weiter aus, so dass am Ende ein atemloses Panorama tragisch komischer Figuren innerhalb einer aus den Fugen geratenen kapitalistischen Gesellschaft entsteht.
Zudem bekommt der Leser einen Einblick in die städtischen Verhältnisse Frankreichs im 19. Jahrhundert.
Nicola Denis hat diesen Roman menschlicher Abgründe als ein Sittengemälde, Gesellschaftskritik und Teil der „Comédie Humaine“ („Die menschliche Komödie“) grandios übersetzt. Ihr ist es mit zu verdanken, das „Cousine Bette - Die Rache einer Frau“ auch heute ein wirkliches Lesevergnügen ist und uns Balzac als einen modernen, aufklärerischen und bissigen Autor neu vermittelt.
Lutz Erxleben

Honoré de Balzac
„Cousine Bette – Die Rache einer Frau“
Matthes & Seitz
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Dienstag 08.11.2022
George Saunders „Bei Regen in einem Teich schwimmen“
Der amerikanische Autor und Universitätsdozent George Saunders ist ein leidenschaftlicher Literaturenthusiast. Er ist überzeugt davon, dass Lesen die Menschen offener und großzügiger macht - und ihr Leben interessanter.
George Saunders wurde 1958 in Texas geboren. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht; für seinen ersten Roman „Lincoln im Bardo“ wurde er 2017 mit dem Man Booker Prize und zahlreichen anderen Preisen ausgezeichnet. Auch in Deutschland war das wunderbare Buch ein großer Erfolg.
Seit über zwanzig Jahren unterrichtet Saunders Kreatives Schreiben an einer Universität in den USA. Aus den Kursen mit seinen Studenten ist nun ein Buch hervorgegangen, das den schönen Titel trägt: „Bei Regen in einem Teich schwimmen“. Der Untertitel verdeutlicht, worum es dem Autor geht: “ Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen“. Sieben Erzählungen von großen russischen Autoren des 19. Jahrhunderts hat Saunders ausgewählt, Erzählungen von Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und Gogol; alle sind vollständig im Buch abgedruckt. Nach jeder Geschichte folgt ein Essay von Saunders, in dem er handwerkliche Erklärungen zum Text gibt und Interpretationsvorschläge macht. Nie schreibt er trocken oder schulmeisterlich, sondern immer leicht, subtil und humorvoll, aufgelockert durch persönliche Erlebnisse beim Schreiben, Lesen und Unterrichten. Dabei spürt man aber an der Präzision der Analysen die Ernsthaftigkeit seines Anliegens, ein größeres Verständnis für Literatur zu vermitteln. Das kann Saunders mit der Wahl des Buchtitels gemeint haben, einem Zitat aus einer Erzählung von Anton Tschechow: das Vergnügen beim Schwimmen und Tauchen besonders bei Regen steht für die Freude, die man beim tiefen Eintauchen in gute Bücher empfinden kann.
Obwohl ihre Geschichten still und unpolitisch wirken, sind die russischen Autoren des 19. Jahrhunderts für Saunders „progressive Reformer in einer repressiven Kultur“. Im Zarenreich waren sie durch Zensur und Strafen bedroht. Ihr Widerstand erwuchs aus dem „vielleicht radikalsten Gedanken, den es gibt: dass jedes Menschenwesen Aufmerksamkeit verdient“. Diese zutiefst humane Grundhaltung ist es, neben ihrer schriftstellerischen Meisterschaft, die Saunders an den russischen Erzählern so bewundert. Er bringt uns heutigen Leserinnen und Lesern diese Giganten einer lange vergangenen Epoche nahe und belegt ihre Aktualität.
George Saunders ist ein begnadeter Pädagoge, der uns in seinem Buch Schritt für Schritt durch die Erzählungen führt, unsere Aufmerksamkeit schärft, uns genaueres Lesen und besseres Verständnis lehrt. Dabei geht es ihm zunächst um das Handwerkliche. Wie schafft es eine Geschichte, uns hineinzuziehen und uns dazu zu bringen, sie zu Ende zu lesen? Saunders formuliert einige Grundprinzipien, von denen das wichtigste ist, dass die Form einer Erzählung effizient sein muss. Das heißt, dass es nichts Überflüssiges geben darf, dass jedes Element eine Bedeutung für den Text in sich tragen muss, die mit dem Sinn des Ganzen zusammenhängt.
In seinen äußerst erhellenden Interpretationen, in denen er zum Kern der Geschichten vordringt, würdigt Saunders liebevoll und genau die Besonderheiten jedes einzelnen Schriftstellers. Allen Autoren gemeinsam aber ist, wie er sagt, dass ihre Erzählungen im Tiefsten berühren, dass sie die Leserin und den Leser verändern können. In „Auf dem Wagen“ von Anton Tschechow z.B. lernen wir eine russische Lehrerin kennen, ihre Einsamkeit und einen kurzen Moment des Glücks. Durch eine virtuose Innenschau erreicht Tschechow, dass wir in ihre Gedankenwelt eintauchen, dass wir uns mit ihr identifizieren, mit ihr mitleiden und dadurch auch mehr Verständnis und Mitgefühl für andere Menschen in unserem Umfeld entwickeln können.
„Bei Regen in einem Teich schwimmen“ von George Saunders ist nicht nur eine ebenso unterhaltsame wie fundierte Anleitung zum besseren Lesen und Schreiben, sondern auch eine Schule der Empathie.
Lilly Munzinger, Gauting

George Saunders
„Bei Regen in einem Teich schwimmen“
Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen
Luchterhand
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Freitag 21.10.2022
Sara Mesa „Eine Liebe“
Sara Mesa ist, laut Klappentext des Romans „Eine Liebe“ und den Mitteilungen des Verlages Wagenbach, in Spanien so etwas wie ein literarischer Superstar. Dieser Roman wurde von der größten Tageszeitung „El País“ gar zum besten Buch des Jahres gekürt.
Die Geschichte, die die aus Madrid stammende Autorin erzählt, ist dabei ganz schlicht und klingt inhaltlich und atmosphärisch recht vertraut.
Natalie („Nat“), von Beruf Übersetzerin, flüchtet aufgrund einiger Schwierigkeiten in ihrem persönlichen Umfeld und Berufsleben, von der Großstadt aufs Land. Hier, in einem alten, heruntergekommen Haus, will sie zur Ruhe kommen, ihre Situation analysieren und vielleicht auch einen Neuanfang starten. Sie möchte sich in der scheinbaren Einsamkeit neu orientieren.
Doch schon im Verhalten der Bewohner des kleinen Ortes, der sinnigerweise La Escapa, zu deutsch Die Flucht heißt, spürt sie eine gewisse Distanz, die bis zur Ablehnung ihrer Person reicht.
Es beginnt damit, dass das Haus in dem sie lebt defekt und voller Ungeziefer ist und der Besitzer sich weigert, vorhandene Mängel zu beheben. Stattdessen fühlt sie sich von ihm und seiner aufdringlichen Art bedrängt. Trotzdem übernimmt sie als persönlichen Schutz und gegen die Einsamkeit einen schlecht erzogenen Hund von ihm.
Unsicherheit und Missverständnisse bestimmen ihren Alltag, der auch durch den Kontakt zu einem „Althippie“, der in der Nachbarschaft lebt, keine wirkliche Besserung erfä. Erst als ein „Deutscher“, wie er fälschlicherweise genannt wird, auftaucht, ihr handwerkliche Hilfe gegen Sex anbietet, verändert sich ihr Leben deutlich.
Sara Mesa erzählt diese Geschichte sehr sparsam, beschreibt selbst das Obsessive der Handlung in einem eher nüchternen Sprachduktus. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche, dringt bei den Beschreibungen Nat Gedankenwelt nicht analytisch in deren Psyche vor. Man könnte meinen, sie lässt die Geschichte laufen und ist selbst gespannt, wie sich Nat behauptet – oder eben nicht.
„Nat“ scheint die Kontrolle über ihr Leben langsam aber sicher wieder zu erlangen, bis sich die Situation wieder völlig ändert.
Jörg Konrad

Sara Mesa
„Eine Liebe“
Wagenbach
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Mittwoch 28.09.2022
Siegfried Schmidt-Joos (Hrsg.) „Jazz-Echos aus den Sixties“
Fast wäre es beim 10. Deutschen Jazzfestival zu einem Skandal gekommen. Gelächter, ironischer Beifall, Zwischenrufe („Aufhören“) unterbrachen die Musik. Einige Besucher verließen mitten im Konzert den Saal. Der Leiter der Gruppe, die gerade spielte, musste mit einer Geste das Publikum um Geduld bitten. Die bewies es dann auch, aber in den erleichterten Schlussbeifall mischten sich Buh-Rufe.“ So schrieb Manfred Miller 1966 in der „Gondel“ über den Auftritt der Wolfgang Dauner Band in Frankfurt am Main. Die „Gondel“, ein monatlich erscheinendes Magazin, das über Jahre die 8-seitige Beilage „Jazz-Echo“ vertrieb, beinhaltete Pinups, Erotik, Unterhaltung und Informationen aus der Film- und Modewelt. Auf den Weg gebracht hatte diese Beilage Joachim-Ernst Berendt Mitte der 1950er Jahre, damals unter dem Pseudonym Joe Brown. Die Vermittlung von Jazz eben auch außerhalb einschlägiger Fachzeitschriften war für ihn von außergewöhnlicher Dringlichkeit.
So erschienen unter dem Dach dieses (Männer-)Magazins hochinteressante Artikel über Jazzstile und deren Protagonisten, über Festivals zeitgenössischer Musik und über neue Entwicklungen in der Szene.
Siegfried Schmidt-Joos, der übrigens die Redaktion des „Jazz-Echos“ 1959 übernahm, hat mit dem vorliegenden Buch viele dieser Artikel zusammengefasst und damit ein Stück bundesrepublikanischer Jazzgeschichte neu zugänglich gemacht. So lässt sich aus heutiger Perspektive die Wirkung und Rezeption von Instrumentalisten wie Ornette Coleman (1965), Don Cherry (1965), Sonny Rollins (1963), John Lee Hooker (1963) oder Manfred Schoof (1967) nachvollziehen. Es sind, nicht nur aus der Gegenwart betrachtet, spannende Texte, die mit Sachverstand, Toleranz und Leidenschaft die musikalische als auch gesellschaftliche Aufbruchstimmung jenes Jahrzehnts zum Ausdruck bringen. Zu den Autoren gehören, neben jenem oben erwähnten Manfred Miller und dem Herausgeber der „Jazz-Echos aus den Sixties – Kritische Skizzen aus einem hoffnungsvollem Jahrzehnt“ auch der französische Musiker und Journalist Mike Zwerin, der US-amerikanischer Journalist, Historiker und Jazz-Kritiker Nat Hentoff, der deutsche Jazzspezialist Werner Burkhardt, Ingolf Wachler und natürlich Joachim-Ernst Behrendt. All diesen Autoren sind in der Lage, Musik in einem flüssigen und wunderbar zu lesenden Schreibstil zu vermitteln. Bedenkt man zudem, dass in den Jahren des Erscheinens dieser Texte Jazz noch als „Disharmonie, Degeneration der Musik, Musik für Primitive, Entartung der Kunst, Zerreißprobe für die Nerven“ öffentlich verfemt wurde.
Siegfried Schmidt-Joss, einer sehr großen Leserschaft bekannt geworden als Herausgeber des legendären ersten „Rock-Lexikon“ im Jahr 1973, sowie folgender überarbeiteter Auflagen, wurde 1936 in Gotha/Thüringen geboren. Er gründete noch in der DDR einen der ersten offiziellen Jazzclubs (Halle an der Saale), flüchtete 1957 in die Bundesrepublik, studierte unter anderen bei Carlo Schmid und Theodor W. Adorno Kulturwissenschaften. Er arbeitete über Jahrzehnte als Musikredakteur für das Radio (Radio Bremen, RIAS u.a.), moderierte Musiksendungen im Fernsehen und schrieb als Autor für viele deutschsprachige Zeitungen (Spiegel, Twen, Brigitte, Fono-Forum, Jazzpodium u.v.a.). Schmidt-Joos widmete sich mit gleicher leidenschaftlichen Hartnäckigkeit den Phänomen des Rock und Pop und darf heute als einer der wichtigsten Chronisten dieser Kulturformen benannt werden.
Jörg Konrad
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Montag 12.09.2022
Lucy Fricke „Die Diplomatin“
Es ist nicht erstaunlich, dass sich die Autorin Lucy Fricke in der Türkei nicht mehr willkommen fühlt und dass sie so bald nicht mehr nach Istanbul reisen will, wie sie in einem Interview erzählt. Denn in ihrem neuen Roman „Die Diplomatin“ übt sie unverblümte Kritik an dem türkischen Präsidenten und seinem Regime.
Lucy Fricke hat viele Monate als Stipendiatin der deutschen Kulturakademie in Istanbul gelebt, direkt neben Erdogans Sommerpalast, in einer Atmosphäre ständiger Überwachung. Für ihren Roman hat sie zahlreiche Interviews und lange Gespräche geführt und sich intensiv mit den Verhältnissen in der Türkei und mit dem diplomatischen Betrieb befasst.
Ihr Buch ist aus Sicht einer deutschen Diplomatin geschrieben, einer ehrgeizigen Frau um die 50, die sich in einer weitgehend von Männern dominierten Berufswelt behauptet. Fred, wie sie von ihren Freunden genannt wird, musste für ihre Karriere auf weit mehr verzichten als ihre männlichen Kollegen, die meist von ihren Ehefrauen begleitet werden. In einem Beruf, in dem man alle paar Jahre in einem anderen Land eingesetzt wird, ist es für eine Frau fast unmöglich, eine Familie zu gründen oder eine feste Partnerschaft einzugehen. Der Preis für Freds steilen Aufstieg zu einer Repräsentantin ihres Landes ist Einsamkeit.
Lucy Fricke schickt ihre Protagonistin zunächst auf einen ruhigen Posten in Montevideo. „Ich stehe da rum und bin nur Deutschland.“ Doch als die Tochter einer einflussreichen deutschen Zeitungsmagnatin in Uruguay entführt wird und Fred sich an ihrem Tod mitschuldig fühlt, ist sie erschüttert und verunsichert.
Von einem befreundeten Kollegen hatte sie gelernt, dass die wichtigste Eigenschaft eines Diplomaten ist, geduldig zu sein, sich nicht zu sehr einzumischen und die Dinge nicht zu sehr an sich heranzulassen. Aber als sie nach den dramatischen Ereignissen in Uruguay in die Türkei versetzt wird, ist sie eine Andere geworden. In Istanbul verliert Fred ihre Geduld.
Zunächst ist sie überwältigt von der „herzerschütternden Schönheit“ Istanbuls. Bald aber wird sie konfrontiert mit einer langen Liste von Namen türkischer Politiker, Künstler und Künstlerinnen, Journalistinnen und Journalisten, die hinter Gefängnismauern verschwunden sind.
Lucy Fricke verdeutlicht das autoritäre System Erdogans an drei fiktiven Figuren, die sich an realen Fällen orientieren: Ein Berliner Student kurdischer Abstammung, der noch nie in der Türkei war, wird bei der Einreise verhaftet, als er seine Mutter in einem Istanbuler Frauengefängnis besuchen will. Der Vorwurf an ihn lautet: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.
Seiner Mutter, einer deutsch-kurdischen Kunsthistorikerin und Kuratorin von Ausstellungen, wird Terrorpropaganda vorgeworfen. Und da ist noch ein deutscher Journalist, mit dem Fred eine Affäre beginnt. Er hat über den türkischen Geheimdienst und seine Verflechtungen mit der BRD recherchiert. Auch ihm droht Gefängnis wegen Hochverrats.
Zunehmend verzweifelt versucht Fred, den Dreien zu helfen und sie vor dem Zugriff der Staatsgewalt zu schützen. Dabei erlebt sie die Aussichtslosigkeit diplomatischer Bemühungen in einem Land, das sich zwar einen demokratischen Rechtsstaat nennt, in dem aber nackte Willkür herrscht. In einem Land, in dem es keine Meinungsfreiheit und keine Gewaltenteilung gibt. In dem unliebsame Menschen ohne ordentliche Gerichtsverfahren in Gefängnissen gefoltert und gebrochen werden, in dem keine unabhängige Justiz existiert, in dem die Richter korrupt sind oder durch Drohungen gefügig gemacht werden. Da bleibt den Diplomaten eigentlich nur müde Resignation oder die Flucht auf den Tennisplatz. Auch von der Bundesregierung erfahren sie wenig Unterstützung. Die deutsch-türkischen Beziehungen sollen nicht zu sehr belastet werden, denn die Türkei wird gebraucht, um die EU-Außengrenzen zu schützen.
Doch während ihre Kollegen auf die nahe Rente warten, wird Fred wütend. Ihr Vorbild ist eine junge türkische Opferanwältin, die sich nicht entmutigen lässt. Der spannende Roman mündet in einen fulminanten Schluss. In ihrem dringenden Wunsch, Menschen zu retten, übertritt Fred die Grenzen der Legalität.
Die Kunst der Schriftstellerin Lucy Fricke liegt in ihrer präzisen Sprache, den pointierten Dialogen, ihrem trockenen, manchmal auch bitteren Humor. Sie hat in einer Zeit, in der die Demokratie überall in Gefahr gerät, ein hochaktuelles Buch geschrieben. Darin erzählt sie von einem Land am Rande Europas, das immer mehr zu einer Diktatur wird. Und sie beschreibt die Entwicklung einer Karrieristin zu einer engagierten Frau, die sich mit ihrem engen Handlungsspielraum als Diplomatin nicht mehr abfinden will.
Lilly Munzinger, Gauting

Lucy Fricke
„Die Diplomatin“
Claassen
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Mittwoch 07.09.2022
Robert Cremer „Die Geheimsprache des Blues“
Dieses Buch dürfte ein literarisches Fest für all jene sein, die dem Leitstern des Blues folgen. Aber auch für die Leser, die den Blues in seiner ganzen Schönheit und Bedeutung sich erst noch erschließen müssen ist „Die Geheimsprache des Blues“ ein enormer Gewinn. Auf knapp 850(!) Seiten beschäftigt sich Robert Cremer intensiv mit dieser ältesten Variante zeitgenössischer populärer Musik. Denn der Blues ist die Grundlage all dessen, was unter Jazz und Rock'n Roll, Gospel und Soul, Pop und Hip Hop bis heute gespielt wird. Ohne den Blues – ja, klänge die Gegenwart völlig anders.
Cremer fokussiert seine Auseinandersetzung mit dieser im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Südstaaten der USA entstandenen Musikform speziell auf deren Texte. „Die Sprache des Blues ist bemerkenswert anspruchsvoll, wenn man bedenkt, dass die Texte von Musikern verfasst wurden, die nie eine Schule besucht haben“, schreibt Bobby Rush, fast 90jähriger Multiinstrumentalist, Sänger und Komponist des Blues, in einem Vorwort. Dann folgen zwölf Kapitel, in denen Cremer die Hintergründe und Anliegen der Texte von namenlosen Protagonisten des Blues und späteren Superstars beschreibt. Unter Überschriften wie „Wenn ich kein Unglück hätte, hätte ich überhaupt kein Glück“, „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ oder „Schwarzer Humor mit Schwarzem Gesicht“ pflügt der Autor die textlichen Wurzeln des Blues ans Tageslicht. Er zeigt auf, dass sich die Musiker bei den Interpretationen der Lieder nicht unbedingt an die Originaltexte gehalten haben und halten, sondern momentane Stimmungen und Befindlichkeiten inhaltlich spontan einbauen. Dabei geht es um Armut, Unglück, Trauer, Sexualität, die kurzen Momente des Glücks und die großen wie die kleinen Visionen im Leben.
Doch die Musiker des Blues haben ihre ganz individuelle Art, die Lebensinhalte und Emotionen auszudrücken. Hier spielen grammatikalische Varianten eine entscheidende Rolle, die umgangssprachliche Ausdrucksweisen (Slang) sind maßgeblich und natürlich das historische Verständnis, die soziokulturellen Entwicklungen von der Verschleppung der Afrikaner nach Amerika bis hin zu ihrem heutigen Status in der amerikanischen Gesellschaft.
Cremer hat für „Die Geheimsprache des Blues“ etliche Texte ausgewertet, von denen ein Großteil im Buch nachzulesen sind. Zudem beinhaltet der Band vierzehn Seiten einer ausgewählten Diskographie des Blues, die das wichtigste selbst zum Ausdruck bringt: Die Musik!
Robert „Bob“ Cremer ist ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Blues. Er lebte Jahrzehnte in Chicago und wuchs regelrecht in den Bluesclubs der Stadt auf. Dort erlebte er all die Großen (und namenlosen) des Blues, pflegte persönliche Kontakte zu ihnen und beschäftigte sich intensiv mit ihrer Kunst. Später ging er als Journalist nach China und berichtete von dort über Mao und die dortige Kulturrevolution. Immer mit im Handgepäck: Bluesplatten. Zurück in die USA entwickelte er das erste von einer Universität produzierte Kabelfernsehen. Außerdem leitete er einen Radiosender.
1992 kam er nach Deutschland, arbeitete bei Siemens und an der Universität Bayreuth. Heute lebt Robert Cremer in Bamberg.
Jörg Konrad

Robert Cremer
„Die Geheimsprache des Blues“
Edition Olms
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Autor: Siehe Artikel
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