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1. MEHR DENN JE
2. ECHO
3. HALLELUJAH: LEONARD COHEN, A JOURNEY, A SONG
4. DIE SCHRIFTSTELLERIN, IHR FILM UND EIN GLÜCKLICHER ZUFALL
5. MENSCHLICHE DINGE
6. SCHWEIGEND STEHT DER WALD
Mittwoch 30.11.2022
MEHR DENN JE
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Ab 01. Dezember 2022 im Kino

Hélène (Vicky Krieps) und Mathieu (Gaspard Ulliel) sind seit vielen Jahren ein inniges Paar. Sie führen in Bordeaux ein glückliches Leben – bis die Konfrontation mit einer existenziellen Entscheidung Hélène aus dem Alltag reißt. Auf der Suche nach Antworten begegnet die 33jährige im Internet „Mister“ (Bjørn Floberg). Der Norweger veröffentlicht in seinem Blog Fotos und Gedanken, die sie tief berühren. Seine Art zu schreiben und die Schönheit der norwegischen Natur,
die man auf einigen seiner Bilder sieht, faszinieren sie so sehr, dass sie den Entschluss fasst, alleine nach Norwegen zu reisen. Zum ersten Mal in ihrem Leben folgt sie einfach ihrem Instinkt – gegen den Willen von Mathieu. Die ungewöhnliche Freundschaft mit „Mister“, die atemberaubende
Landschaft und die Frische und Helligkeit des norwegischen Frühlings verschaffen ihr Klarheit. Mathieu indes entschließt sich, nicht aufzugeben …


Ein Film von Emily Atef
Mit Vicky Krieps, Gaspard Ulliel, Bjørn Floberg u.v.a.

MEHR DENN JE ist ein intensiver und berührender Film über Liebe, Abschied und Loslassen. Regisseurin Emily Atef (3 TAGE IN QUIBERON) zeigt eindringlich, wie ein Paar sich neu erfinden und die größte aller Prüfungen überstehen kann. Vor der Kamera sind Vicky Krieps (CORSAGE), Bjørn Floberg (KITCHEN STORIES) und Gaspard Ulliel (EINFACH DAS ENDE DER WELT) in seiner letzten Rolle zu sehen.


Filmografie

Emily Atef wurde in Berlin als Tochter französisch-iranischer Eltern geboren. Im Alter von sieben Jahren zog die Familie nach Los Angeles, sechs Jahre später erfolgte der Umzug nach Frankreich. Nach ersten Arbeitserfahrungen an einem Theater in London zog Emily Atef nach Deutschland, wo sie an der Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin Regie studierte. Ihr erster Spielfilm MOLLY’S WAY wurde – wie ihre nächsten beiden Filme – von Esther Bernstorff mitgeschrieben. 2005 gewann MOLLY’S WAY den Preis für das beste Drehbuch beim Filmfest München, den Großen Preis der Jury beim Filmfestival von Mar del Plata, dem einzigen A-Festival in Südamerika, sowie mehrere andere Auszeichnungen.
Ihr zweiter Spielfilm DAS FREMDE IN MIR über eine junge Mutter, die an einer postnatalen Depression leidet, wurde ebenfalls mehrfach ausgezeichnet und lief in der Sektion „Critics Week“ der Filmfestspiele von Cannes.
Es folgte ein Stipendium der Cinéfondation de Cannes, mit dem sie ihren nächsten Film „Töte mich“ schrieb. 2017 schrieb und inszenierte Emily Atef den Spielfilm 3 TAGE IN QUIBERON über Romy Schneider und ihr letztes deutsches Interview, das sie dem Magazin „Stern“ gab.
3 TAGE IN QUIBERON hatte seine Weltpremiere im Wettbewerb der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin und gewann beim Deutschen Filmpreis 7 Lolas, darunter für den Besten Film und die Beste Regie. Ihr Spielfilm MEHR DENN JE feierte seine Welturaufführung auf den 75. Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2022 in der Reihe „Un Certain Regard“.
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Freitag 25.11.2022
ECHO
Ab 24. November 2022 im Kino
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In Friedland ist die Welt noch in Ordnung. Oder zumindest wieder in Ordnung, denn die Vergangenheit ist ja schon lange her – meinen zumindest einige im Dorf. Aber das Moor vergisst nicht. Dort gibt es nicht nur rätselhafte Ruinen, manchmal spuckt es auch Leichen aus und genau
mit so einer Moorleiche beginnt (fast) die Geschichte. Kriminalhauptkommissarin Saskia Harder wird aus der Grossstadt in die Provinz nach Friedland geschickt. Ein guter Neubeginn nach ihrem traumatischen Einsatz als Polizeiausbilderin in Afghanistan. Das finden zumindest die Vorgesetzten und auch Harder möchte ihre Erinnerungen am liebsten vergessen. Der etwas tollpatschige, aber umso dienstbeflissenere Dorfpolizist soll ihre Ermittlungen unterstützen, und dann gibt es da auch noch die rätselhafte Moormeisterin, die mehr zu wissen scheint, als sie preisgibt. Und wo‘s dann eh schon alles so kompliziert zu werden scheint, wird ausgerechnet im Wassergraben vor dem Herrenhaus eine scharfe Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg entdeckt, die gesprengt werden muss …

Ein Film von Mareike Wegener
Mit Valery Tscheplanowa, Ursula Werner, Andreas Döhler, Felix Römer u.a.


Regienotiz

Der Film wurde in ein grausames Jahrhundert hineingeboren. Die beiden Weltkriege, die Genozide,
Faschismus und Wettrüsten, Ausbeutung, Hunger, Flucht und Vertreibung. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat sich tief eingeschrieben in die Geschichte des Films und in die Geschichten, die er uns erzählt. Und weil der Film eine zeitbasierte Kunst ist, ist er dazu auch in besonderem Maße fähig. Denn durch ihn können Momente unendlich wirken und ganze Epochen in Augenblicken vorbei streichen.
Er kann Konturen eines Geschichtsverständnisses sichtbar machen, das sich nicht an eine determinierte Linearität und ein stetes Voranschreiten bindet, sondern vielmehr eine Geschichte ist, die durch ihn in Sequenzen denkbar wird. Das ist die Intelligenz des Filmes.
Von dieser besonderen Fähigkeit macht ECHO Gebrauch: Da gibt es den Schauplatz von ECHO,
das Moor, die älteste belebte Landschaft der Welt, wo eine Leiche gefunden wird. Da gibt es das angrenzende Dorf Friedland, in dessen Schlossgraben eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg noch immer auf ihre Detonation wartet. Da gibt es den auf einer wahren Begebenheit basierenden Fall eines Moorleichenfunds, der sich nach aussichtslos erscheinenden Ermittlungen von prähistorischem Ursprung entpuppt. Und es gibt ECHOs Figuren, in und zwischen denen die Zeit widerhallt: Die Kommissarin, die ein traumatisches Erlebnis eines noch nicht verwundenen Kriegseinsatzes verfolgt; den Sammler, der einen schmerzhaften Verlust durch das Anhäufen von Objekten zu kompensieren versucht, und die Moormeisterin, die bei den Streifzügen durch ihr Revier die Jahrtausende durchschreitet. Immer wieder stellt ECHO dabei einen Bezug zu seiner medialen Beschaffenheit und ihrer Geschichte her: Der Sprengmeister klärt über die von Zelluloid ausgehende Gefahr auf, wenn es in Langzeitzündern von Bomben verwendet wird und verhandelt anhand von Landschaftsfotografen die Wichtigkeit dessen, was auf den Bildern nicht zu sehen ist.
Der letzte Krieg ging in Deutschland vor fast 80 Jahren zu Ende. Ich gehöre einer Generation
an, die kaum noch persönliche Bezugspunkte zu diesem Krieg hat. Wenn wir als Filmemacher:innen dieser Generation also von ihm sprechen wollen, kann unser Ausgangspunkt weder persönlich sein, noch auf eigenen Erinnerungen beruhen – Mittel, die unseren Vorgänger:innen noch zur Verfügung standen. Das macht es nicht einfach, eine Perspektive zu entwickeln, vor allem, wenn wir dabei auf Historiendramatik und Reenactments verzichten wollen.
ECHOs Orte und Figuren oszillieren deshalb zwischen vergangener und gegenwärtiger Wirklichkeit, um die Bühne für eine Erzählung zu schaffen, durch die wir spielerisch und frei von Berührungsängsten unsere ernsthaften und schweren Fragen an die Geschichte stellen können – auch, um Antworten für eine zusehends ungewiss erscheinende Zukunft entwickeln zu können. Denn dass der Frieden fragil ist und eines hohen Krafteinsatzes bedarf, ist wohl der Kern dessen, was uns dieses gegenwärtige, noch junge Jahrhundert lehrt.


Biographie

Mareike Wegener hat Audiovisuelle Künste an der Kunsthochschule für Medien Köln, Dokumentarfilm an der New School in New York und Philosophie an der European Graduate School in der Schweiz studiert. Ihre Ausbildung hat sie 2008 mit dem Dokumentarfilm „Al Hansen – The Matchstick Traveller“ abgeschlossen, der in den New Yorker „Anthology Film Archives“ uraufgeführt wurde. Ihr dokumentarisches Kinodebüt „Mark Lombardi – Kunst und Konspiration“ wurde 2009 mit dem Gerd-Ruge-Stipendium ausgezeichnet. 2012 gründete sie gemeinsam mit Hannes Lang und Carmen Losmann das Produktionskollektiv „PETROLIO“. Seither ist Mareike Wegener auch als Produzentin tätig. In Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Hannes Lang entstanden die dokumentarischen Filme „PEAK“ (2011), „I WANT TO SEE THE MANAGER“
(2014) und „RIAFN“ (2019), an denen sie als (Co-) Autorin beteiligt war. 2021 feierte Wegeners Kurzfilm „X“ bei den Oberhausener Kurzfilmtagen Premiere und wurde im gleichen Jahr für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert. Ihr erster abendfüllender Spielfilm „Echo“ wurde 2022 bei der Berlinale in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ uraufgeführt.
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Donnerstag 17.11.2022
HALLELUJAH: LEONARD COHEN, A JOURNEY, A SONG
Ab 17. November 2022 im Kino
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„Man sieht sich um und erblickt eine Welt, die undurchdringlich ist,
die keinen Sinn ergibt.
Entweder erhebt man die Faust...
oder man sagt Halleluja.
Ich versuche, beides zu tun.“


Ein Film von Dayna Goldfine & Dan Geller
Mit Judy Collins, Bob Dylan, Rufus Wainwright, Leonard Cohen, Brandi Carlile u.a.

Philosoph und Poet, Suchender und Fragender, Frauenversteher und Mönch: In Leonard Cohen vereinigen sich viele Widersprüche, die ihn zu einem der aufregendsten Songwriter des letzten Jahrhunderts werden lassen.

Nach 5 Jahren und mindestens 150 Versen war Leonard Cohen endlich mit seinem Magnus Opus „Hallelujah“ zufrieden - allerdings beschloss sein Haus-Label Columbia Records, die LP nicht in Amerika zu veröffentlichen. Was zuerst wie eine persönliche Tragödie wirkte und Cohen in eine Schaffenskrise stürzte, war der Beginn einer unerwarteten Karriere des Songs.

Der ging seinen eigenen Weg und schaffte es mit Hilfe von Coverversionen von musikalischen Größen wie John Cale, Bob Dylan und Jeff Buckley, Nummer 1 auf den Billboard Charts zu werden. Als dann in dem Film „Shreck“ eine ganz eigene, „gereinigte“ Textversion des Songs auftauchte, war dessen Erfolg nicht mehr zu bremsen: „Hallelujah“ wurde zum Dauerbrenner in unzähligen Talentshows, auf Hochzeiten und bei Trauerfeierlichkeiten.

Auch Cohen selbst benutzte die Erfolgsstory seines Songs, um ihn bei den Konzerten nach seinem Bühnencomeback im Jahr 2008 immer wieder neu zu variieren. Der Song und das Leben des Songwriters sind so auf untrennbare Weise miteinander verbunden.

Mit einer großen Fülle an bisher unveröffentlichtem Archiv- und Interviewmaterial zeichnen die US-amerikanischen Regisseure Dan Geller und Dayna Goldfine in ihrem Dokumentarfilm HALLELUJAH: LEONARD COHEN, A JOURNEY, A SONG anhand der bewegten Reise eines weltberühmten Songs ein vielschichtiges Porträt von Leonard Cohen.

Seine Weltpremiere feierte HALLELUJAH: LEONARD COHEN, A JOURNEY, A SONG im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2021. Im Juni 2022 fand die Deutschlandpremiere des Films im Rahmen des Filmfest München statt.

Prokino freut sich, HALLELUJAH: LEONARD COHEN, A JOURNEY, A SONG am 17. November 2022 in den deutschen Kinos zu präsentieren.

Zum deutschen Kinostart des Films veröffentlicht Sony Music Entertainment am 14. Oktober 2022 mit „Leonard Cohen: Hallelujah and Songs from His Albums“ das erste Karriere-umspannende Album des Songwriters, Musikers, Dichters, Romanciers und Malers CD, schwarzer Vinyl und auf durchscheinendem blauen Vinyl als Doppel-LP. Die Anthologie, die von dem Dokumentarfilm HALLELUJAH inspiriert wurde, erscheint unter dem Titel und beinhaltet 17 Tracks aus der musikalischen Laufbahn des Ausnahmekünstlers. Als besonderes Highlight findet sich auf der Tracklist ein Mitschnitt der unvergesslichen Darbietung von “Hallelujah” durch Leonard Cohen im Jahr 2008 beim Glastonbury Festival.
(Quelle: Verleih)
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Donnerstag 10.11.2022
DIE SCHRIFTSTELLERIN, IHR FILM UND EIN GLÜCKLICHER ZUFALL
Ab 10. November 2022 im Kino
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Bei einem Ausflug in einen Vorort von Seoul trifft die bekannte Schriftstellerin Junhee zufällig alte Bekannte. Das Wiedersehen mit ihrer Autorenkollegin Sewon, die dort einen kleinen Buchladen betreibt, fällt eher frostig aus: Junhee spürt Sewons Neid auf ihren Erfolg. Der Filmemacher Hyojin hingegen wollte einen von Junhees Romanen verfilmen – und machte kurz vor Beginn des Drehs einen Rückzieher. Schlimmer ist aber, dass Junhee seit einer Weile nichts mehr veröffentlicht hat und in einer Sinn- und Schaffenskrise steckt. Als sie auf einem Spaziergang die bekannte Schauspielerin Kilsoo kennenlernt, die sich in einer ähnlichen Situation befindet, fühlen die beiden sofort eine Verbundenheit. Junhee schlägt Kilsoo schließlich vor, gemeinsam einen Film zu drehen …

Ein Film von Hong Sangsoo
Mit Lee Hyeyoung, Kim Minhee, Seo Younghwa, Park Miso u.a.


ÜBER DEN FILM
Der 27. Spielfilm der koreanischen Kultregisseurs Hong Sangsoo feiert in seinem typischen lakonischen Stil die Schönheit zufälliger Begegnungen. DIE SCHRIFTSTELLERIN, IHR FILM UND EIN GLÜCKLICHER ZUFALL ist eine humorvolle Meditation über Wahrhaftigkeit und in der Kunst und eine Liebeserklärung an seine Darsteller*innen, die allesamt Größen des koreanischen Kinos sind.


AUSZEICHNUNGEN / FESTIVALS

- 72. Berlinale 2022 - Wettbewerb - Silberner Bär: Großer Preis der Jury
- New York Film Festival - Main Slate



BIOGRAFIE HONG SANGSOO
Hong Sangsoo debütierte 1996 mit seinem erstaunlichen Spielfilm THE DAY A PIG FELL INTO THE WELL. Seitdem sind 27 Filme entstanden, für die Hong das Drehbuch schrieb und Regie führte. Sie alle zeichnet eine komplexe und strenge Architektur unter einer scheinbar einfachen Oberfläche aus, die durch wie zufällig wirkende Interaktionen der Figuren entsteht. Bekannt für seine einzigartige Bildsprache und seine beispiellose Filmästhetik, zählt Hong Sangsoo zu den etablierten Autorenfilmer*innen des zeitgenössischen koreanischen Kinos.
(Quelle: Verleih)
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Donnerstag 03.11.2022
MENSCHLICHE DINGE
Ab 03. November 2022 im Kino
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Man könnte meinen, die Farels sind eine Familie wie aus dem Bilderbuch: Jean Farel ist ein prominenter Fernsehjournalist, seine Frau Claire eine Intellektuelle, bekannt für ihr feministisches Engagement, ihr gemeinsamer Sohn Alexandre ist gutaussehend, sportlich und studiert in Kalifornien an einer Eliteuni. Bis eines Tages die Polizei vor der Tür steht: Ausgerechnet die 16-jährige Tochter von Claires neuem Lebensgefährten hat Anzeige wegen Vergewaltigung gegen Alexandre erstattet. Die glanzvolle Fassade zeigt gefährliche Risse, und das Leben aller gerät aus den Fugen, „wegen eines Aktes von 20 Minuten“ – ein Satz, für den Alexandres Vater einen Twitter-Shitstorm kassiert.
Wo fängt eine Vergewaltigung an? Was genau ist sexueller Konsens? Wo liegen die Grenzen von Lust? All das sind Fragen, die spätestens seit #MeToo dringend diskutiert werden müssen und in dem spannenden Thriller von Yvan Attal (DER HUND BLEIBT, DIE BRILLANTE MADEMOISELLE NEÏLA) gestellt werden. Das atemberaubende Drama mit einer herausragenden Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle basiert auf dem gleichnamigen Bestsellerroman "Menschliche Dinge" und ist inspiriert von dem „Fall Stanford“.
Zudem ist „Menschliche Dinge“ schon fast ein Familienprojekt: Der Regisseur Yvan Attal ist der Ehemann von Charlotte, Ben Attal, der „Alexandre“ verkörpert, ist der gemeinsame Sohn der beiden.

Ein Film von Yvan Attal
Mit Charlotte Gainsbourg, Mathieu Kassovitz, Ben Attal, Pierre Arditi u.a.


INTERVIEW MIT REGISSEUR YVAN ATTAL

WIE IST DER ROMAN „MENSCHLICHE DINGE" VON KARINE TUIL IN IHRE HÄNDE GELANGT?
Der Roman war gerade herausgekommen. Ich war an der Autorin interessiert. Ich hatte schon einiges von ihr gelesen. Und dann das Thema: ein junger Mann, der am Tag nach einer Party der Vergewaltigung beschuldigt wird.
Die Geschichte hat mich umgehauen. Ich war bewegt von dem Angeklagten - in dem ich meinen eigenen Sohn wiedererkannte - und bewegt von dem Opfer - in dem ich meine eigene Tochter wiedererkannte - und ich identifizierte mich voll und ganz mit den Eltern der beiden jungen Leute, die in diesen Skandal verwickelt waren. Ich habe die Struktur der Geschichte - es gibt "ihn" und dann "sie", und schließlich den Prozess - so verändert, dass das Publikum Zeit hat, sie lieb zu gewinnen. Ich wollte wissen, woher sie kamen, wer sie waren, wie sich jeder von ihnen an den Abend vor dem Drama erinnerte, warum sie es für eine Vergewaltigung hielt und er dachte, dass sie ihre Zustimmung gegeben hatte. Das Thema ist zeitgemäß, die Charaktere komplex. Und zum ersten Mal bot mir dieses Buch die Möglichkeit, mich von der Komödie wegzubewegen, zu einem Filmgenre zurückzukehren, das mich dazu brachte, einen Film mit Elementen zu machen, die ich noch nie gedreht hatte - eine Polizeistation, ein Gericht, eine Hausdurchsuchung usw.

HABEN SIE, ABGESEHEN VON DEM MATERIAL IM ROMAN, AUCH PERSÖNLICHE RECHERCHEN ANGESTELLT?
Während des Schreibens habe ich mich mit Ermittlungsrichtern, Polizisten und Anwälten getroffen, um so nah wie möglich an ihre Fachgebiete heranzukommen und zu erfahren, wie sie ihren Beruf sehen. Der Roman lieferte mir ein fabelhaftes dramatisches Material, aber ich musste mich auch in das System einarbeiten, in die Arena, in der sich jeder von ihnen bewegt.
Der Gerichtssaal hat mich am meisten beeindruckt: die Stille, die überwältigende Spannung. Das ist kein Theater. Natürlich "spielen" die Anwälte manchmal Theater, aber ihr Ziel ist es, hart und überzeugend zuzuschlagen, denn es steht viel auf dem Spiel.
Ich habe einem Prozess wegen Vergewaltigung beigewohnt. An der Schuld des Mannes gab es keinen Zweifel. Dennoch sitzt ein Mensch auf der Anklagebank, und ein weiterer ist unter den Opfern. Mehrere Leben stehen auf dem Spiel, und trotz aller Überzeugung und aller Gefühle ist man erschüttert. Es hätte nicht gereicht, den Roman zu lesen. Ich musste es selbst erleben. Davon habe ich mich bei der Wahl des Regisseurs leiten lassen: Ich habe meinen Figuren genügend Zeit gewidmet, ohne mich mit Überflüssigem aufzuhalten!

WAS IST AUSSCHLAGGEBEND FÜR IHRE ENTSCHEIDUNGEN ALS REGISSEUR?
Wahrhaftig zu sein. Ab dem Schreiben des Drehbuchs. Wenn ich schreibe, weiß ich schon, was ich in einer Sequenz drehen und was ich schneiden und bearbeiten werde. Ich mag es nicht, den Film am Set oder während des Schnitts umzuschreiben. Wenn man beim Schreiben alles richtig gemacht hat, kann man während der Dreharbeiten daran herumfeilen, und wenn das funktioniert, kann man während des Schnitts noch mehr daran herumfeilen. Aber wenn es Fehler gibt, werden sie in jeder Phase sichtbar.
Ein Film ist im Grunde eine Summe von Entscheidungen - Objektiv, Bildausschnitt, Rhythmus -, die man im Vorfeld trifft, in der Hoffnung, dass sich das gewünschte Ergebnis einstellt. Aber ich bleibe flexibel. Wenn während der Dreharbeiten eine Szene nicht gefällt, kann ich meine Meinung ändern.
Bei diesem Film hatte ich großes Glück. Wenn man in letzter Minute einen Drehort findet, muss man mit dem filmen, was das mit sich bringt. Hier hatte ich sie alle schon vor den Dreharbeiten.
Und dann war da noch die Beengtheit. Ich blieb mit dem Gedanken an das Gerichtsgebäude eingesperrt. Ich hatte Zeit, darüber nachzudenken und zu verstehen, was ich wirklich machen wollte: Ein eher abschreckendes Bild. Ein Verweilen bei den Figuren. Vor allem während des Prozesses. Ich wollte ihnen zuhören.
Und dann die Wahl zwischen zwei Formaten. Scope für den gesamten Film, aber für die Party - die wir in der Rückblende sehen - ein quadratisches 1/33 Format und in 16 mm. Mit Film, der Körnung hat. Wir wollten die Idee vermitteln, dass es sich hier um eine objektive Realität handelt, anders als im Prozess, wo jeder seine eigene Version des Abends wiedergibt.

HATTEN SIE DA IRGENDWELCHE INSPIRATIONEN?
Sydney Lumet, natürlich. Seine Art zu filmen und dabei immer seinen Figuren treu zu bleiben. Seine Art, etwas zu sagen, ohne etwas zu sagen, ohne eine Botschaft um jeden Preis vermitteln zu wollen. Und seine Art, sich ernsten Themen zu nähern, während er gleichzeitig Mainstream-Filme macht, Filme für Jedermann. Aber die polizeiliche Durchsuchung zum Beispiel wurde von der Art und Weise inspiriert, wie Woody Allen Filmsequenzen in Wohnungen dreht.
Ich gehöre keinem Cenaculum an. Ich mag Film noirs genauso wie Komödien. Wichtig ist, dass ich meinen Blick auf das Kino in den Dienst der Geschichte stelle. Ich möchte nicht, dass meine Regie sichtbar ist. Alles, was das Publikum vom Film ablenkt, ist schädlich. Davon abgesehen war ich schon immer ein Fan von Gerichtsdramen. Sie sind eine wunderbare Übung, um das Publikum einzubeziehen; Ihre Regie und Ihr Schnitt vermitteln Bedeutung.
Ich habe mir viele dieser Filme angesehen und entdeckt, um zu sehen, wie Regisseure mit einem einzigen Set, mit immer wiederkehrenden Reden und statischen Schauspielern umgehen. Twelve Angry Men hat mich am meisten beeinflusst, weil Lumet sich mit den Geschworenen in einem winzigen Raum isoliert und unbeweglich bleibt, um sich auf die menschliche Komplexität zu konzentrieren.

WIE SCHAFFEN SIE ES, DIESE MENSCHLICHE KOMPLEXITÄT ZU VERMITTELN?
Dank der Schauspieler.

WIE FINDEN SIE DEN IDEALEN SCHAUSPIELER FÜR JEDE FIGUR?
Wenn man einen Film macht, möchte man mit Menschen arbeiten, die man liebt. Zuerst frage ich mich: "Gibt es eine Rolle für sie?“ Als ich "Die brillante Mademoiselle Neila" gedreht habe, habe ich meine Familie vier Monate lang nicht gesehen. „Menschliche Dinge“ war eine gute Gelegenheit, Zeit mit ihnen zu verbringen.
Ich begann mit der Besetzung der Rolle der Mutter des Angeklagten: eine feministische Essayistin. Charlotte Gainsbourg war die offensichtliche Wahl, dank ihrer Präzision und ihrer Verletzlichkeit. Für die Verkörperung des Vaters dachte ich an Pierre Arditi. Er hat etwas Theatralisches, Schickes und Kultiviertes an sich, das der Figur ähnelt: ein verführerischer Starjournalist. Dann war da noch das Problem von Charlottes neuem Begleiter. Ich wusste sofort, dass ich ihn nicht spielen sollte. Das hätte nur Verwirrung gestiftet. Für die Rolle des Professors war Matthieu Kassovitz perfekt. Ich habe vor mehr als zwanzig Jahren in einem seiner Kurzfilme mitgespielt. Ich habe mich sehr gefreut, ihn wiederzusehen und vor allem, ihn zu filmen. Für die Rolle der Mutter des Opfers dachte ich an Audrey Dana. Sie ist gerade verrückt genug, um diese fanatisch orthodoxe Jüdin zu spielen. Für den Verteidiger brauchte ich einen Schauspieler, der in der Lage war, mehrere Seiten Text zu rezitieren, da ich wusste, dass ich sein Plädoyer für die Verteidigung in einer Sequenz filmen würde. Ich habe mich im Theater umgesehen und mich für Benjamin Lavernhe entschieden. Sie haben alle Ja gesagt, und dafür bin ich sehr dankbar.

UND FÜR DIE ROLLEN DES OPFERS UND DES ANGEKLAGTEN... WAR ES VON GRUNDLEGENDER BEDEUTUNG, DASS ALEXANDRE UND MILA VON NAHEZU UNBEKANNTEN SCHAUSPIELERN GESPIELT WURDEN, UM DIE IDENTIFIKATION DES PUBLIKUMS ZU ERLEICHTERN?
Welche Schauspieler 17-18 sind sehr berühmt? Es gibt keine. Es war für mich nicht unbedingt beruhigend, mit jungen, unerfahrenen Schauspielern in solch schweren Rollen zu beginnen. Ich habe einige Castings durchgeführt und dann einige Tests, bevor ich mich für Ben und Suzanne entschieden habe.
Bei den Tests haben sich vier Schauspielerinnen hervorgetan. Es war Suzanne Jouannet, die mich am meisten beeindruckt hat. Ihre Emotionen waren in jeder Einstellung zu sehen. Ich habe ihr Schauspiel geliebt. Von Anfang bis Ende.
Was den Jungen angeht, so habe ich beim Lesen des Buches sofort an Ben Attal gedacht. Er hatte bereits eine Rolle in einem meiner früheren Filme "Der Hund bleibt". Damals war ich noch zurückhaltend. Der Casting-Direktor musste mich überzeugen: "Sie wollen ihn nicht in Betracht ziehen, weil er Ihr Sohn ist, aber seine Probeaufnahmen waren die besten." Ich musste es zugeben.

WAS WAR SO SCHWER DARAN, DAS ZUZUGEBEN?
Deinem eigenen Sohn eine Rolle zu geben. Wie arbeiten Sie mit ihm? Ich bin sein Vater. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine doppelte Verantwortung habe. Aber dann habe ich mir gedacht, dass ich als Regisseur eine Art Vater für alle Schauspieler bin, die mir unterstellt sind. Um den Angeklagten - einen jungen Mann, der manchmal arrogant, aber auch liebenswert ist - zu verkörpern, hatte Ben eine Menge zu bieten. Er ist sanftmütig, großzügig und schämt sich dafür, dass er die Eltern hat, die er hat. Er wäre lieber in ein anderes Milieu hineingeboren worden. Diese Komplexität ist rührend. Und die Kamera mag ihn.
Ich habe meinen ersten Theaterkurs nie vergessen. Wir mussten drei Minuten lang sitzen bleiben und schweigen. Dann, nachdem er uns beobachtet hatte, sagte der Lehrer zu uns: "Ihr könnt lernen, wie man schauspielert, aber wenn die Leute euch anschauen, sehen sie euch subjektiv. Daran könnt ihr nichts ändern. Also akzeptiert, wer ihr seid".
Es gibt Schauspieler, die dich berühren, andere weniger, auch wenn sie gut spielen. So ist das nun mal! Ben berührt mich. Warum sollte ich mir also die Mühe machen, einen anderen zu suchen, wo doch schon fünfzig Schauspieler für meinen letzten Film vorgesprochen hatten. Ben ist an seine Rolle genauso herangegangen wie in „Der Hund bleibt“. Der einzige Unterschied ist, dass er hier eine wichtigere Rolle zu spielen hat. Wahrscheinlich die schwierigste von allen. Er verbrachte die Zeit der Entlassung damit, Klavierspielen zu lernen und sich mit mir auf den Film vorzubereiten.
Dann kam die Arbeit mit dem Rest der Besetzung. Ich habe eine Menge Lesungen organisiert. Wir analysierten den Text gemeinsam und versuchten herauszufinden, was die Wahrheit für die einzelnen Figuren bedeutet. Wann lügen sie, wann sind sie ehrlich, um die Gewissheit des Publikums zu untergraben... Wir mussten das richtige Gleichgewicht finden. Die Dreharbeiten sind ein wichtiger Moment, aber die menschliche Seite kann auch während des Schnitts zum Vorschein kommen.
Es ist so einfach, den Blickwinkel des Publikums in die eine oder andere Richtung zu lenken. Ohne es überhaupt zu merken. Wir hätten uns dafür entscheiden können, Alexandre anzuschwärzen, nur um ihn freizusprechen und damit eine feindselige Reaktion des Publikums zu provozieren. Aber das war nicht unser Ziel. Der gesamte Sinn des Films hing davon ab, dass wir neutral blieben. Wir haben uns von einer offensichtlichen Sache leiten lassen: Wir wissen, was zwischen den beiden vorgefallen ist. Wenn man außerdem die Aussagen von Mila und Ben während des Prozesses vergleicht, stellt man fest, dass sie das Gleiche sagen. Die Fakten sind unbestreitbar. Es ist die Art und Weise, wie sie sie jeweils erlebt haben, die alles verändert.

SIE HABEN DIE GESCHICHTE DER ELTERN NICHT VERNACHLÄSSIGT...
Während der Dreharbeiten zu diesem Film habe ich mich nicht mit den beiden Protagonisten identifiziert, sondern mit ihren Eltern.

FAMILIEN KOMMEN WIEDER ZUSAMMEN UND FALLEN AUSEINANDER. DAS IST EIN THEMA, DAS SICH DURCH DIE MEISTEN IHRER FILME ZIEHT, „VON MEINE FRAU IST SCHAUSPIELERIN“ BIS ZU „DER HUND BLEIBT“…
Es ist nicht meine Aufgabe, das zu analysieren, aber alles, was Familienbande, Blutsverwandtschaft und Zuneigung in Frage stellt, fasziniert mich. Das ist es, was mich an Charlottes Monolog bei der Gerichtsverhandlung überwältigt, die zerrissenen Paare aus Mathieu Kassovitz und Audrey Dana, Mathieu Kassovitz und Charlotte Gainsbourg, die kurz vor der Explosion stehen, die Art und Weise, wie Pierre Arditi auf seine Weise unter Charlottes Abwesenheit leidet. Trotz allem, was sie trennt, kommen einige wieder zusammen, um ihre Kinder vor dem "Anderen", dem gemeinsamen Feind, zu schützen.
Ich liebe die Szene, in der Charlotte und Mathieu sich in einem Café treffen. Sie haben seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Ihre Beziehung ist zerrüttet. Das ist eine friedliche, aber schmerzhafte Klammer, die den Kollateralschaden eines solchen Ereignisses verdeutlicht. Ähnlich wie der etwas merkwürdige Moment, in dem Pierre Arditi Charlotte anfleht, zu ihm nach Hause zurückzukehren.

WIE ERKLÄREN SIE SICH, DASS DAS IN DEN VEREINIGTEN STAATEN SO BELIEBTE GERICHTSDRAMA IN FRANKREICH NICHT SO SEHR GENUTZT WIRD?
Was die Leute vielleicht abschreckt, ist der statische Charakter der Sequenzen. Das habe ich mich auch gefragt: "Wie kann man das Interesse des Publikums über eine Stunde lang aufrechterhalten, mit einem einzigen Schauplatz und Figuren, die nur dasitzen?" Als ich mir Gerichtsdramen ansah, wurde mir klar, dass es keinen Sinn macht, eine Kamera zu bewegen, wenn sie sich nicht bewegen muss. Als wir im Film den Gerichtssaal betreten, sind bereits zwei Jahre vergangen. Wir treffen alle Protagonisten wieder. Ihr Leben hat sich verändert. Aber sobald die Verhandlung beginnt, sind sie kaum noch vorhanden. Wenn ich einen Zeugen filme - einen Sachverständigen, das Opfer, den Angeklagten oder ihre Freunde und Verwandten - bleibt die Kamera auf ihnen. Es gibt keinen Grund, die Dinge durch die Reaktionen der anderen Protagonisten zu verkomplizieren.

DIE ART UND WEISE, WIE SIE DAS OPFER UND DEN ANGEKLAGTEN FILMEN, VERMITTELT DEN EINDRUCK, DASS SIE IHRE ZERBRECHLICHKEIT ZEIGEN WOLLEN...
Der Wert eines Bildes macht Sinn. Ich habe keine Filmschule besucht, aber seit meinen Teenagerjahren habe ich mich von den Filmen anderer Leute ernährt. Jedes Mal, wenn ich einen fand, den ich super gut fand, habe ich versucht zu verstehen, warum es hier eine CU gibt, dort eine Weitwinkelaufnahme, warum sich die Kamera vorwärts oder rückwärts bewegt. So habe ich verstanden, dass das Kino eine Grammatik hat, mit Werkzeugen, die man so gut wie möglich nutzen muss, wenn man will, dass das Publikum einem folgt.

WIE HAT IHNEN IHRE ERFAHRUNG ALS SCHAUSPIELER BEI DER ARBEIT MIT SCHAUSPIELERN GEHOLFEN?
Ich habe nicht vergessen, was für ein harter Job das ist. Ein Darsteller muss sich auf den Regisseur verlassen. Sie können sich nicht selbst beurteilen. Sie glauben vielleicht, dass sie es schlecht machen, obwohl sie es eigentlich gut machen, oder dass sie es gut machen, obwohl ihre schauspielerische Leistung sehr zu wünschen übrig lässt. Wenn ich schauspielere, mag ich es nicht, wenn der Regisseur mich vergisst. Wenn ich etwas falsch mache, möchte ich, dass er den Mut hat zu sagen: "Versuchen wir es noch einmal!", anstatt: "Wow! Nächste Sequenz". Denn wenn man den Film sieht, bereut man es. Man fragt sich, warum man sich nicht mehr Mühe gegeben hat. Am Drehort habe ich keine Methode. Und selbst wenn ich eine hätte, könnte ich sie nicht auf alle Schauspieler anwenden. Sie haben nicht die gleiche Note oder die gleiche Erfahrung.
Ich versuche zu verstehen, mit wem ich arbeite, ob es effektiver ist, ihr Vertrauen zu gewinnen oder sie zu destabilisieren. Als ich Ben und Suzanne zum Beispiel das erste Mal anschrie - obwohl ich es selbst war -, merkte ich, dass es sie verunsicherte und gut für den Film war. Also habe ich so weitergemacht.
Für mich ist ein Schauspieler ein Werkzeug unter vielen. Auch wenn er zerbrechlicher und schwieriger zu handhaben ist. Emotionen werden natürlich auch über das Bild transportiert, nicht nur über Dialoge und Schauspieler. Was zählt, ist, dass es richtig klingt. Ich möchte nicht, dass eine Zeile meine Ohren beleidigt. Zu viele Schauspieler denken, dass die Schauspielerei kostenlos ist. Alles, was sie tun müssen, ist, in ein Kostüm zu schlüpfen und ein paar Zeilen vorzutragen. Das Schöne ist, wenn ihre Masken fallen. Ohne Verletzlichkeit gibt es nichts.

KÖNNEN SIE AM SET IHRE FRAU UND IHREN SOHN ALS EINFACHE SCHAUSPIELER SEHEN?
Ganz und gar! Und das ist es, was sie stört. Da ich sie kenne, muss ich sie nicht mit Samthandschuhen anfassen. Ich bin ungeduldig und gehe oft in die Luft. Ja, das stimmt! Auch wenn ich mich am häufigsten über mich selbst ärgere.
Die Leute wissen nicht, wie allein ein Regisseur ist, der ständig von der Zeit geplagt wird. Wenn sich der Dreh an einem Morgen verzögert, ist der ganze Tag in Gefahr. Ich weiß, was das bedeutet. Abends gehen wir alle nach Hause und denken: "Ich hoffe, der Film wird gut". Aber für einen Regisseur ist das keine Option. Es ist lebenswichtig. Das schwächt dich und ermutigt dich, zu scheitern. Der Einsatz ist noch höher, wenn ich in dem Film auch mitspiele.
Überall liest man: Ein Film von... Ich spreche heute zu Ihnen. Ich werde derjenige sein, der ihn dem Publikum vorführt. Das Team hilft mir, fördert mich und schlägt Ideen vor, aber letztendlich bin ich derjenige, der die Entscheidungen trifft. Und Sie müssen die Verantwortung für diese Entscheidungen übernehmen. Für alle Entscheidungen! Und das ist eine Bürde.

DA DIES IHR ERSTER FILM ÜBER VERGEWALTIGUNG SEIT DEM AUFKOMMEN DER "ME TOO"-BEWEGUNG IST, HATTEN SIE DA NICHT EIN WENIG ANGST?
Nein! Ich fange erst heute an, einen gewissen Druck zu spüren. Ich wusste immer, dass dieser Moment kommen würde, aber ich habe mich geweigert, während der Dreharbeiten daran zu denken. Ich habe mir gedacht: "Diese Geschichte ist stark, sie berührt mich, also werde ich sie erzählen".
In dieser Stunde der freien Rede hat der Film eine offensichtliche politische und gesellschaftliche Bedeutung. Es ist ein wichtiges Thema, das man ansprechen muss, ohne dabei manichäisch zu sein.
Und dann basiert der Film auf einem Roman, der von einer Frau geschrieben wurde. Und ich lebe umgeben von Frauen - meiner Mutter, meiner Schwiegermutter, Charlotte, meinen beiden Töchtern. Ich kann gar nicht anders, als Feminist zu sein, und das umso mehr, als ich mich unter Frauen wohler fühle als unter Männern.
Dennoch war ich mir bewusst, dass ich einen Film mache, der die Gemüter spaltet. Die einen sind damit versöhnt, die anderen haben eine Debatte darüber eröffnet. Debatte bedeutet Widerspruch.

WAS HAT IHR SCHNITT DEM FILM GEBRACHT?
Seine endgültige Form. Ansonsten ist es in jeder Hinsicht der Film, den ich im Kopf hatte. Interessant ist, was man beherrscht, und nicht, was einem entgangen ist - abgesehen von den schauspielerischen Leistungen, bei denen man hier und da ins Stolpern geraten kann. Die Regisseure, die mich beeinflusst haben, besaßen alle eine Meisterschaft. Meisterschaft bedeutet, dass man eine Vision hat und alle möglichen Mittel einsetzt, um sie zu verwirklichen. Obwohl es schnell ging, war der Schnitt sehr komplex. Wir mussten darauf achten, die Sichtweisen des Angeklagten und des Opfers auszubalancieren. Ich habe die Ratschläge meiner Lektorin Albertine sehr geschätzt.

MAN HAT DAS GEFÜHL, DASS DIE SUCHE NACH EINEM GLEICHGEWICHTSPUNKT IHR LEITMOTIV WAR. BEIM SCHREIBEN, BEI DER REGIE UND BEIM ÜBERWACHEN DES SOUNDTRACKS...
Ja! Als ich das Drehbuch schrieb, habe ich mich gefragt: "Wer ist dieser Junge? Wer ist dieses Mädchen? Was macht sie so anrührend und was veranlasst uns, an ihnen zu zweifeln. Wie spielen ihre Eltern, ihre Erziehung, für oder gegen sie? Alles war in der Tat eine Frage des Gleichgewichts. Der Versuch, systematisch ein Gegengewicht zu dem zu schaffen, was wir über sie denken. Die Herausforderung bestand darin, einen nicht manichäischen Film zu machen, ohne dass er als Verrat an der Sache der Frauen/Opfer interpretiert wird.

WAS SAGEN SIE DENJENIGEN, DIE BEDAUERN, DASS SIE SICH NICHT AUF DIE SEITE DER OPFER GESCHLAGEN HABEN?
Ich hätte tatsächlich einen Film mit einem gewalttätigen Angeklagten machen können, der eindeutig schuldig ist. Aber was mich interessierte, war, die Zuschauer in die Rolle der Geschworenen zu versetzen, in einem Fall, in dem das Wort des einen gegen das des anderen steht.
Bei dem Jungen wollte ich den rührenden Aspekt seiner Persönlichkeit hervorheben, trotz der Gewalttat, die ihm vorgeworfen wird. Und bei dem Mädchen wollte ich, obwohl wir sofort Mitgefühl mit ihr empfinden, ein gewisses Maß an Zweifel an ihrer Aussage wecken. Nicht, um sie unsympathisch zu machen - das kam nicht in Frage -, sondern um die Schwierigkeit, einen solchen Fall zu beurteilen, zu verdeutlichen.
Um den Film vorzubereiten, besuchte ich den Prozess eines Mannes, der der Vergewaltigung angeklagt war und seine Schuld zugab. Ich habe den großen Schläger, der auf der Anklagebank saß, ohne jegliches Mitgefühl angeschaut, so wie man ein Tier im Käfig anstarrt. Dann erinnerten sich die Ermittlungsrichter an seine Vergangenheit, um zu verstehen, was ihn so weit gebracht hatte. Ich merkte, dass ich durch meine Emotionen vergessen hatte, dass selbst in einem hartgesottenen Verbrecher, der ein schreckliches Verbrechen begangen hat, noch etwas Menschliches steckt. Die Spannung in diesem Gerichtssaal war dramatisch. Das Leben eines Mannes stand auf dem Spiel, und die Aufgabe, über die gerechteste Strafe für ihn zu entscheiden, oblag den Männern und Frauen, die aufgerufen waren, über einen Gleichaltrigen zu urteilen.

WAS SAGT UNS DER FILM SCHLIESSLICH?
Dass jeder Fall komplex ist. Wenn man nicht über alle erforderlichen Elemente verfügt, ist der Blick verzerrt. Nur eine Untersuchung und ein Prozess ermöglichen es, die verschiedenen Versionen gegenüberzustellen. Aber selbst unter diesen Bedingungen, mit einem Dossier, das monatelange Ermittlungen erfordert, ist es schwierig, Gerechtigkeit walten zu lassen. Und wenn man es anders macht...

WAS WOLLEN SIE UNS MITTEILEN?
Emotionen. Ich vergesse nie, dass jeder, der einen Kinosaal betritt, unabhängig von seinem Geschmack, nur eines will: von einer Geschichte, einem großzügigen Film mitgerissen werden, der ihn bewegt, zum Lachen oder Nachdenken bringt.
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Donnerstag 27.10.2022
SCHWEIGEND STEHT DER WALD
Ab 27. Oktober 2022 im Kino
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Als Forststudentin verschlägt es Anja Grimm (Henriette Confurius) ausgerechnet in jene entlegene Gegend im Oberpfälzer Wald, wo sie als achtjähriges Mädchen mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat und ihr Vater spurlos verschwand. Kurz nach ihrer Ankunft passiert ein brutaler Mord. Schon bald erregt Anja mit ihrem Verdacht, dass der Täter etwas über das Schicksal ihres Vaters weiß, nicht nur bei den Dorfbewohnern Misstrauen und Feindseligkeit. Selbst die Polizei reagiert äußerst reserviert auf ihre Nachforschungen. Und als sich herausstellt, dass die junge Frau die Zeichen des Waldes lesen kann wie ein offenes Buch, mobilisieren sich Kräfte im Dorf, die scheinbar zu allem bereit sind.
SCHWEIGEND STEHT DER WALD zeigt eine bayerische Provinz, die alles andere als heimelig ist – und deren Bewohner die düstere Vergangenheit ihrer Gemeinde buchstäblich unter der Oberfläche halten wollen. Der Film ist zugleich ein packender, atmosphärisch dichter Thriller und eine Geschichte über den Umgang mit Schuld.


Ein Film von SARALISA VOLM
Mit Henriette Confurius, Noah Saavedra, August Zirner, Robert Stadlober, Johanna Bittenbinder,
Johannes Herrschmann u.v.m.

Oberpfalz, 1999. Die 28-jährige Studentin Anja Grimm (Henriette Confurius) kehrt für ein Forstpraktikum zurück in ein Dorf bei Weiden. Dorthin, wo sie zwanzig Jahre zuvor als Kind einen traumatischen Verlust erlebte. Ihr Vater war damals im Urlaub von einer Wanderung nicht zurückgekehrt. Den Wald, in dem er spurlos verschwunden war, soll Anja bei ihrem Praktikum kartieren. Auf einer Lichtung entnimmt sie Bodenproben und bemerkt ungewöhnliche Kalkablagerungen unter der Oberfläche. Die Erdschichten sind in einer seltsamen Reihenfolge angeordnet. Wurde diese Wiese außergewöhnlich tief umgegraben?
Als Anja wenig später zu der Lichtung zurückkehrt, bedroht sie ein Mann mit einem Gewehr: der psychisch auffällige Xaver Leybach (Christoph Jungmann), den sie noch aus Kindertagen kennt. Als sich die junge Frau zu erkennen gibt, senkt er sein Gewehr und verschwindet im Wald. Aufgewühlt fährt Anja zu Xavers Schwester Waltraud Gollas (Johanna Bittenbinder), bei deren Familie sie mit ihren Eltern im Urlaub gewohnt hatte, und berichtet von dem Vorfall. Waltrauds Sohn Rupert (Noah Saavedra), mit dem Anja als Kind spielte, läuft mit ihr daraufhin zu dem Hof, auf dem Xaver mit seiner greisen Mutter Anna (Astrid Polak) lebt – und sie machen eine grauenvolle Entdeckung: Xaver hat seine Mutter mit einem Spaten erschlagen.
Anja hat eine schreckliche Vermutung: Hat Xaver auch ihren Vater ermordet und in der Lichtung verscharrt? Sie verlangt von dem zuständigen Kommissar Konrad Dallmann (Robert Stadlober), den Fall wieder aufzurollen. Der wird zugleich massiv bedrängt von seinem Vater, dem pensionierten Kommissar Gustav Dallmann (August Zirner): Konrad müsse dafür sorgen, dass Anja Grimm sofort verschwinde, diese junge Frau, die den Wald lesen könne wie niemand sonst. Denn sie sei lang zurückliegenden Ereignissen auf der Spur, die er als Kommissar zu vertuschen half, zugunsten eines höheren Interesses.
Mit der Aufdeckung könne Anja Grimm die Gemeinde – und ihn selbst – ins Verderben stürzen.
Konrad Dallmann ist entsetzt über die Andeutungen seines Vaters, schließlich fügt er sich aber dessen Druck. Er führt Anja zu einer frisch ausgehobenen Grube im Wald, in der eine Leiche liegt: die Leiche ihres Vaters, wie Konrad Dallmann sagt, mutmaßlich ermordet von Xaver Leybach. Der nimmt sich wenig später in der forensischen Psychiatrie das Leben. Der Tod ihres Vaters scheint damit aufgeklärt, ihr Praktikum geht zu Ende – und doch lassen Anja Grimm die Rätsel dieses Waldes nicht los.
Auch ihr Vater war diesen auf der Spur, wie sie in seinen Aufzeichnungen von 1979 entdeckt. Und so recherchiert sie weiter – obwohl die Dorfbewohner immer feindseliger werden: Gustav Dallmann, aber auch die Familie Gollas, die einen Märchenwald bauen will, um ihre finanziellen Probleme zu lösen. Sie alle haben viel zu verlieren, wenn Anja Grimm das Geheimnis dieses Ortes lüftet – und sie sind zu einigem bereit, um das zu verhindern …


INTERVIEW MIT REGISSEURIN SARALISA VOLM

Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen?
Ich habe als Produzentin mit Wolfram Fleischhauer bei dem Film „Fikkefuchs“ zusammengearbeitet, für den er mit Jan-Hendrik Stahlberg das Drehbuch geschrieben hat. Wolfram hat mir von seinem Roman „Schweigend steht der Wald“ erzählt und ich fand die Geschichte extrem gut. Ich kenne die Zeit, in der sie spielt, ich kenne auch diese süddeutschen ländlichen Strukturen. Deswegen war mir schnell klar: Diesen Film muss ich machen.

Was hat Sie an der Geschichte fasziniert?
Der deutsche Umgang mit der eigenen Vergangenheit hat mich immer beschäftigt. Und besonders spannend an der Geschichte fand ich, dass sie nicht das klassische Narrativ bedient. Aktuell sehen wir sehr viel Täter-Opfer-Umkehr im Kino und TV. Die Frage war: Wie kann man über die Shoah sprechen – ohne die ganze Zeit über die Shoah zu sprechen? Wie kann man über Schuld, Verantwortung und Verschweigen sprechen – und zwar in einer Geschichte, die uns heute nahe kommt? Das schafft Wolfram Fleischhauer in seinem Roman auf tolle Weise. Das Verschweigen ist in der deutschen Geschichte ein wichtiges Thema.

Wie ist der Film zustande gekommen?
Ich wusste früh: Wenn ich selbst produziere und Regie führe, brauche ich einen starken Produzenten als Partner, der bei der Finanzierung helfen kann und auch inhaltlich sehr involviert ist. Ich kannte Ingo Fliess und habe ihn kontaktiert, aber er war erst streng und sagte: „Mach dir nochmal ein, zwei Gedanken. Und wenn du alles richtig gut findest, kommst du wieder." Als wir dann dachten, jetzt ist es soweit, fand er unsere Ideen sehr gut, hat zugesagt – und war dann ein fantastischer Koproduzent. Der FFF hat uns 2018 mit einer Projektentwicklungs-Förderung unterstützt, danach kamen die Sender ARTE und BR dazu, ab da wurde alles leichter. Blue Fox Entertainment hat den Weltvertrieb übernommen, und in der Produktion wurden wir vom FFF Bayern und BKM gefördert. Dennoch hatten wir nur ein Budget von knapp 1,5 Millionen. Der Film wäre nicht zustande gekommen, wenn wir nicht so wahnsinnig viele Unterstützer:innen in der Region, im Team und in der Postproduktion gehabt hätten, die diese Geschichte mit ihrem Engagement getragen haben.

Die Hauptfigur spielt Henriette Confurius. Wieso wollten Sie sie unbedingt?
Ich kannte sie nur ein bisschen, aber beim Casting hatte ich das Gefühl, sie ist eine solch starke, körperliche und bewusste Spielerin, dass mir klar war: Sie ist die perfekte Anja. Und es hat sich zu 100 Prozent bewahrheitet. Sie spielt körperlich anstrengende Szenen, wir sehen sie richtig arbeiten und das muss ja alles echt aussehen. Und das war mit ihr so easy, dass ich bis heute jeden Tag denke: Sie als Hauptdarstellerin zu haben, war das größte Glück.

Viele andere Figuren sprechen Oberpfälzisch, obwohl die Darsteller von woanders kommen.
Der Filmkomponist Malakoff Kowalski sagte zu mir: „Das sind ja krasse Leute. Wo hast du die eigentlich gefunden?“ Er dachte, das sind echte Oberpfälzer, die ich dort gecastet habe. Noah Saavedra hat sich das mit unglaublicher Leidenschaft erarbeitet, Johanna Bittenbinder und Johannes Herrschmann ebenso. Und es ist sehr wichtig für den Film, dass sie ihre Figuren so glaubwürdig spielen.

Wie haben Sie die Atmosphäre des Oberpfälzer Landes für sich erarbeitet?
Meine Familie stammt von der Schwäbischen Alb, und da ist es relativ ähnlich. Auch dort ist alles ein bisschen ärmer und karger. Mein Vater kommt aus der Landwirtschaft, und viele Details des Gollas-Hofes aus dem Film kenne ich von meinen Großeltern oder Urgroßeltern: der Spiegel, der über dem Bett hängt, die Tassen, aus denen getrunken wird, die Landmaschinen. Ich kenne diese Sparsamkeit und diese verarmten Höfe.

Waren die Menschen, denen sie beim Dreh in der Oberpfalz begegnet sind, ähnlich wie diese eher rauen Filmfiguren?
Nein, ganz anders. Nur eines war ähnlich: Die Menschen sind eher wortkarg, es wird nicht so viel gelabert – aber umso mehr gehandelt. Die Menschen in der Oberpfalz haben sich extrem für uns eingesetzt, wir hatten die allerbeste Unterstützung vor Ort: Bürgermeister sind mit uns am Sonntag auf Motivtour gegangen, die freiwillige Feuerwehr hat für uns die Straßen gesperrt, Förster haben die perfekte Wildwiese für uns gefunden oder morgens um vier tote Wildschweine durch den Wald getragen. Ohne die Menschen in der Oberpfalz wäre dieser Film mit diesem Budget nicht möglich gewesen.

Wie war es für Sie, Ihren ersten Film als Regisseurin zu drehen?
Richtig gut, ich bin wahnsinnig gerne am Set und war ein bisschen traurig, dass es nach 25 Drehtagen schon vorbei war. Vorher hatte ich natürlich viele Ängste und schlief nicht so gut, schließlich trägt man die riesengroße Verantwortung, dass am Ende ein guter Film rauskommt. Wahrscheinlich wäre ich entspannter gewesen, wenn ich vorher drei Wochen Zeit zum Proben gehabt hätte, aber dafür gibt es bei so einem Projekt kein Geld. Dann ist man nervös, ob es klappt – und auch, ob man das kann.

Gab es einen Moment, bei dem Ihnen klar wurde, dass Sie es können?
Dass es funktioniert, merkt man, wenn zum ersten Mal etwas schief geht. Wenn es regnet, hagelt, dann wieder die Sonne scheint und man richtig Zeit verliert. Dann muss man Entscheidungen treffen, die einem niemand abnehmen kann. Wenn man dann am nächsten Tag feststellt, genug Material zu haben, um die Szene schneiden zu können, weiß man, dass man zurechtkommt.

Auf wen hört man als Debütregisseurin? Wer leistet Hilfestellung?
Ich habe mir auch in den kreativen Gewerken erfahrene Leute gesucht, von denen ich überzeugt bin, zum Beispiel den fantastischen Kameramann Roland Stuprich und die Szenenbildnerin Renate Schmaderer. Sie haben den Film visuell so stark gemacht. Film ist ein Teamsport, und ich finde es immer am schönsten, wenn ich Leute um mich herumhabe, die mehr wissen als ich. Und davon gibt es zum Glück genug. (lacht)

Hat Ihnen Ihre Schauspielerfahrung geholfen?
Ich weiß aus meiner Erfahrung, dass es mir als Schauspielerin immer geholfen hat, wenn Regisseur:innen selbst schon mal gespielt haben. Dann ist es etwas weniger so, dass sie „etwas bestellen“, sie wissen eher um die Situation der Schauspieler:innen. Ich hatte das Gefühl, es hat mir geholfen. Und ich würde es allen Regisseur:innen empfehlen, sich mal als Schauspieler:innen zu versuchen. Ich glaube aber, dass es auch anders geht. Auch Leute, die noch nie gespielt haben, können sehr sensibel und einfühlend sein.
Und vielleicht sagen die Schauspielenden bei mir: Es wäre uns recht gewesen, wenn sie nicht so getan hätte, als würde sie irgendwas von dem verstehen, was wir machen (lacht).

Eine zentrale Rolle spielt im Film der Wald. Wieso interessieren Sie sich dafür?
Eigentlich interessieren mich Wald und Natur überhaupt nicht. Ein Teil meiner Familie kommt aus der Landwirtschaft, ein anderer aus dem Gartenlandschaftsbau. Meine Mutter ist Botanikerin, ich habe meine ganze Kindheit in Baumschulen verbracht. Wenn ich mit irgendwas überhaupt nichts mehr zu tun haben wollte, dann eigentlich mit Natur. Hat nicht geklappt.
Ja, und als ich dann den Film gemacht habe, merkte ich: Ich verstehe das. Ich weiß, wie ein deutscher Plantagenfichtenwald aussieht, ich kenne mich mit Brennnesseln aus. Die mussten wir beispielsweise pflanzen und im Gewächshaus ziehen, um den Wald zu verändern – um diese Spuren zu setzen, die nur Anja auffallen. Da konnte uns meine Mutter beraten, und sie war ganz begeistert davon, weil ich es ja sonst nicht so mit Pflanzen habe. (lacht)

Auch Tiere spielen eine Rolle: Henriette Confurius nimmt ein Wildschwein aus – eine besonders einprägsame Szene. Wie war es, die zu drehen?
Das war eine Herausforderung. Zunächst mal haben wir ein frisch geschossenes Wildschwein gebraucht. Und dann steht man in so einer teuer angemieteten Wildkammer, hat das Schwein – und somit genau eine Chance. Henriette hatte natürlich noch nie ein Wildschwein auseinandergenommen. Aber auch da war sie ein absoluter Glücksfall. Ein Förster hat ihr immer erklärt, was sie als nächstes tun soll, und wir haben die Szene Stück für Stück gedreht. Sie hatte ein spezielles Messer, und hätte sie nur einmal an einer falschen Stelle geschnitten, wäre die Szene zerstört gewesen. Aber es hat funktioniert. Doch währenddessen hat es bestialisch gestunken.
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