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1. Gilching: Hanika Straub Banez – Haltung und Sendungsbewusstsein
2. Landsberg: Europa oder die Träume des Dritten Reichs – Reale Wahnbilder
3. Fürstenfeld: Daniel Karlsson Trio – Rauschähnliche Zustände
4. Puchheim: Lukas Langguth Trio – Unberechenbar und erfrischend
5. Landsberg: Billy Cobham – Ein rhythmischer Vulkan
6. Landsberg: Delvon Lamarr Organ Trio – Musik im Hier und Jetzt
Samstag 03.12.2022
Gilching: Hanika Straub Banez – Haltung und Sendungsbewusstsein
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Gilching. Politische Liedkunst, früher nannte man diese Sparte einfachheitshalber Liedermacher/Liedermacherinnen, ist heute weniger „up to date“. Die von Menschen verursachten Probleme auf dieser Welt existieren hingegen noch immer. Sie sind immer größer, präsenter und spürbarer geworden. Das Engagement, sich im Protest zu artikulieren, nimmt, bis auf wenige Ausnahmen, im reziproken Verhältnis ab. Jeder hat an sich selbst genug, scheint selbst damit schon überfordert. Aber das kann sich ändern, das wird sich ändern. Mit dem Trio Hanika Straub Banez, das am Freitagabend zu Gast im Gilchinger Rathaus war.
Miriam Hanika, Sarah Straub und Tamara Banez benennen in ihrem Programm „Sie, Du und Ich“ einen Großteil der Konflikte, die uns alle betreffen. Und sie denken dabei, ohne jedes religiöse Bekenntnis, an jene Menschen die uns tagtäglich begegnen. Sie verkünden ihr Anliegen auf eine musikalisch harmonische Art und befeuern damit den einstigen Gedanken der Liedermacher/Liedermacherinnen neu. Drei junge Frauen mit Haltung und einem immensen Sendungsbewusstsein.
Was besonders auffällt ist, dass es sich bei Hanika Straub Banez um drei völlig unterschiedliche Charaktere handelt, wodurch letztendlich ihr künstlerisches Anliegen immens befördert wird. Ihre gelebte Integrität zeichnet sie besonders auf der Bühne aus, das kreative Miteinander, der unterschiedliche Blick auf diese unsere Welt und das gemeinsame Ziel, Dinge in ihrer ganzen Konsequenz musikalisch zu benennen. Sie bringen mit ihrem weiblichen Selbstbewusstsein ihre jeweiligen Sichtweisen in die einzelnen Songs ein und decken damit ein breites öffentliches Spektrum ab. Das reicht von politischem Aktivismus, über die Solidarität mit den Hilfebedürftigen der Gesellschaft, der Kraft und Bedeutung von Poesie bis hin zur Sexualität. Inhaltlich bleiben sie nicht im Allgemeinen stecken, sondern äußern in ihrem textlichen Anliegen konkret und konstruktiv. Sie beschreiben und fordern zugleich. Egal ob das Stück „Mayday“ heißt, ein dramaturgisch geschickt aufgebauter Dialog zwischen der Erde und deren Bewohnern oder der antifaschistische Song „Die weiße Rose”.
Kraftvolle, aufrüttelnde Songs stehen neben lyrischen Liebesliedern, nachdenkliche Melancholien folgen auf biographische Exkurse. Im instrumentalen Mittelpunkt des Konzerts steht dabei immer das Klavier, an dem sich die Musikerinnen abwechselnd dynamisch begleiten. Einigen Songs gibt Miriam Hanika mit ihrer Oboe noch eine zusätzliche, besonders emotionale Note.
Eine Trio mit Botschaft – die im Gilchinger Rathaussaal mit Begeisterung aufgenommen wurde.
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Donnerstag 01.12.2022
Landsberg: Europa oder die Träume des Dritten Reichs – Reale Wahnbilder
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Foto: F. Goetzen
Eine Stunde Null hat es im Grunde nie gegeben. Nicht 1918, nicht 1945, auch nicht 1989 – um im grausamen 20. Jahrhundert zu bleiben. Denn kein Mensch ändert seine Gesinnung über Nacht. Eine ganze Gesellschaft schon gar nicht. Ist das Virus der Ideologie einmal verpflanzt, wird man es so schnell nicht wieder los. Wenn doch, ist dies ein langwieriger und, machen wir uns nichts vor, auch ein schmerzhafter Prozess mit etlichen Rückschlägen.
Man kann das im Alltag mühsam Verborgene nicht wie nebenbei entstauben, die gedanklichen Gräuel darunter freilegen, um sie dann therapeutisch zu bearbeiten. Doch wahrscheinlich sitzen die inhumanen Überzeugungen zu tief und warten wie bakterielle Sporen im Erdreich nur auf den nächsten Sauerstoffschub, um neu aufzubrechen und weitaus wilder als zuvor zu wüten. Aber nicht unbedingt in den plumpen Verkleidungen grotesker Wehrwölfen oder tumber Nazis. Sie benehmen sich heute (gesellschaftlich) angepasster, tragen elegantere Masken und zeigen gar einvernehmliche Empathie.
In der Inszenierung von Philipp Preuss und der Dramaturgie von Helmut Schäfer gastierte am Dienstag das Mühlheimer Theater an der Ruhr mit „Europa oder die Träume des Dritten Reichs“ im Landsberger Stadttheater.
Als Vorlage dienten zwei Filme des Regisseurs Lars von Trier („Europa“ und „Epidemic“) und ein Text der deutschen Journalistin und Publizistin Charlotte Beradts („Das Dritte Reich des Traums“). Philipp Preuss verwebt, verzahnt, verknüpft die verschiedenen Vorlagen zu einem ideologischen Alptraum, der, egal ob in die Vergangenheit oder die Zukunft weisend, einer dunklen Bestandsaufnahme unserer Zeit sehr nahe kommt.
Da ist aus dem Film „Europa“ der Schlafwagenschaffner Leopold, jung, idealistisch, Deutschamerikaner, der nach dem Krieg durch ein zerbombtes und verwüstetes (Deutsch-)Land fährt und sich eigentlich an dessen Neuaufbau beteiligen will. Doch wie durch fremde Hand gesteuert heiratet er die Tochter des Bahnunternehmers Hartmann und lernt in diesem Umfeld die alten und zugleich neuen Nazis kennen.
Aus von Triers zweitem Film „Epidemic“ tauchen zu Beginn zwei scheiternde Drehbuchautoren als Tennisspieler auf, die den Plot spontan entwickeln. Sie nutzen den naiven Leopold, um das teuflische Werk der Verbreitung der Epidemie in Form eines Terroranschlags umzusetzen. In diese Szenen hinein drängen sich die kleinen Episoden aus Charlotte Beradts Dokumentation „Das Dritte Reich der Träume“, einer Sammlung von politischen Träumen realer Menschen aus der Zeit des Nationalsozialismus.
Entmenschlichung hält Einzug in die Wahnbilder, die barocke Dame Europa badet schreiend im Blut, die alten Herrscher sind die neuen Führer. Es gibt keine Altnazis – nur noch Neonazis. Die Träume vom Terror spielen sich zwar (noch) in den Hinterzimmern ab, doch ihre Planungen und beklemmenden Mitläufer bestimmen die Weltenbühne.
Philipp Preuss und Helmut Schäfer haben auf rettende Helden bewusst verzichtet. Hingegen agiert ein großartiges Schauspielerensemble, das diese demonstrativ provozierende Inszenierung unerbittlich vorantreibt.
Jörg Konrad
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Donnerstag 24.11.2022
Fürstenfeld: Daniel Karlsson Trio – Rauschähnliche Zustände
Fürstenfeld. Dieser Tage ist ein neues Album von einem der vielleicht swingensten und flinkesten Pianisten des Jazz erschienen. Es ist eine posthume Aufnahme Oscar Petersons, ein Mitschnitt aus dem Jahr 1971 aus Zürich. Und wie die meisten von Petersons Einspielungen präsentiert sich der hünenhafte Kanadier auch hier im Klaviertrio, des Pianisten liebste Besetzung.
Mit Sicherheit kennt auch Daniel Karlsson Oscar Peterson, der übrigens nach einem Schlaganfall 1993 folgende Konzerte nur noch mit der rechten Hand spielte! Doch der Schwede Karlsson hat, trotz gleicher Besetzung, einen völlig anderen Zugang zu seinem Instrument. Er übersteigt engagiert die Grenzen des Jazz und wildert ganz unverhohlen auch in Bereichen, die von Pop und Rock bestimmt sind. Das hat auch einen speziellen Reiz, wie am gestrigen Mittwoch in Fürstenfeld zu erleben war, auch wenn das Ergebnis eines solchen Klavierabends völlig anders ausfällt und klingt, als beim swingenden Peterson.
Karlsson, der neben dem Klavier auch immer ein wenig elektronisches Equipment nutzt, hatte mit Christian Spering (Bass) und Fredrik Rundqvist (Schlagzeug) zwei Musiker an seiner Seite, die ihrem Leader absolut verlässliche Begleiter sind, die ihm den musikalischen Weg rhythmisch pflastern, die stets an seiner Seite das Kraftvolle in der Musik stützen und die Balladen mit nuancierter Begleitung aufwerten.
Karlsson ist ein Meister der melodischen und harmonischen Herausforderung. Zwar starten alle drei Instrumentalisten zu Beginn einer (Karlsson-)Komposition oft von unterschiedlichen Ausgangspunkten. Doch sie bewegen sich im Laufe des Stückes zwingend aufeinander zu. Sie tasten sich nach einer verspielten kurzen Weile voran, suchen und finden erst den Nebenmann, dann einen gemeinsamen Flow, modifizieren ihn in den unterschiedlichsten Variationen und gelangen letztendlich in einen rauschähnlichen musikalischen Zustand, der eine Ewigkeit andauern könnte. In dieser dionysischen Spielekstase passieren besonders im 2. Set die unglaublichsten Wechsel und Verschiebungen in der Musik. Oft im kleinen, aber sie verändern zusammenfassend schon deutlich die Richtung der Musik. Karlsson erinnert in seinem Spiel dann stärker an seine skandinavischen Landsleute Jacob Karlzon oder auch den schon 2008 so tragisch verunglückten Esbjörn Svensson. Auch ihr Swing ist eigentlich ein treibender, provozierender Groove, mit leichten Rockschattierungen und sie sind in der Umsetzung und dem variieren ihrer Themen einer hymnischen Ekstase näher als jeder Form der Atonalität. Man könnte auch bei Daniel Karlsson und seinem Trio deutlich von einer europäischen Auslegung des amerikanischen Jazzgedankens ausgehen. Hier finden zeitgemäße (populäre) Strömungen in die Traditionen des Jazz Eingang, ebenso leichte Querverbindungen zum Blues, die aber alle weit über reines Virtuosentum und die klassischen Blue Notes hinausgehen. Das kreative Gewicht einer solchen Herangehensweise ist künstlerisch nicht stärker zu bewerten, sondern anders. Im Grunde nur eine Facette im universalen Kanon zeitgenössischer Musik. Das Publikum im fast ausverkauften wunderschönen Kleinen Saal des Veranstaltungsforum Fürstenfeld war begeistert.
Jörg Konrad
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Freitag 18.11.2022
Puchheim: Lukas Langguth Trio – Unberechenbar und erfrischend
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Foto: Lucas Diller
Puchheim. An Vorbildern mangelt es mit Sicherheit nicht. Denn das Klavier im Jazz ist schon seit Jahrzehnten mehr als eine feste Institution. Und entsprechend dieser Tatsache tauchen immer wieder neue, junge Instrumentalisten auf, die entweder versuchen als Autodidakten das pianistische Feingefühl ihrer Favoriten im Verbund mit der eigenen Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen oder sie nehmen den direkten Weg und studieren gleich bei ihren lehrenden Vorbildern.
Zu letzteren zählt der Augsburger Lukas Langguth, dessen gestriger Auftritt im Puchheimer Kulturcentrum PUC eine regelrechte Offenbarung war. Studiert hat der 23jährige bei Leonid Chizhik in München und Rainer Böhm in Nürnberg. Insofern wundert es nicht, dass Langguth in seinen musikalischen Variationen hörbar auf den Spuren großer Impressionisten des Jazz wandelt.
Hier geistern natürlich sofort Namen wie Bill Evans, Keith Jarrett oder Enrico Pieranunzi durch den Raum. Doch es wäre zu einfach, und dem jungen Virtuosen nicht dienlich, ihn künstlerisch allein in diese Ahnenreihe zu platzieren. Schließlich bringt er eine starke eigene Note in seinen Vortrag und hat zudem in Hannes Stegmeier (Bass) und Jonas Sorgenfrei (Schlagzeug) zwei Begleiter zur Seite, deren Leidenschaft und Perfektion auf beispielhafte Weise mit dem Pianisten korrespondieren.
Dieses Trio ist schnell, es reagiert blitzgescheit aufeinander, steckt voller Ideen, Fantasien und spielt trotzdem mit einem beeindruckend gefühlsbetonten Schwung. Es präsentiert sich ungestüm, druckvoll und doch immer mit einem gewissen Hang zur Leichtigkeit. Sie greifen nicht auf Standards zurück, was sicher keine Schande wäre. Aber in den Kompositionen von Lukas Langguth steckt unglaublich viel Wissen um Musik, um harmonische Vielfalt, um melodischen Charme und rhythmische Finesse. Das wirft er wie nebenher in den musikalischen Ring, wirkt unberechenbar und selbst geradezu bestürzend frisch und intensiv.
Hannes Stegmeier und Jonas Sorgenfrei leisten an Bass und Schlagzeug ebenfalls beinahe Schwerstarbeit. Ihre Auslassungen, Verlagerungen und Vorwegnahmen geben der Musik einen ständig wechselnden, dabei forschen Puls. Sie scheinen Freunde hochtouriger Begleitung, die den Vortrag regelrecht entflammen. So wundert es nicht, dass das Trio trotz seines relativ kurzen Bestehens schon etliche Preise einsammeln konnte. Schade nur ist, dass diese Band in Puchheim mit Sicherheit mehr Zuhörer verdient hätte. Oder anders ausgedrückt: Hier haben etliche zu Haus gebliebene tatsächlich etwas verpasst. Denn mit dem Lukas Langguth Trio reift (musikalisch) etwas wirklich Großes!
Jörg Konrad
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Sonntag 13.11.2022
Landsberg: Billy Cobham – Ein rhythmischer Vulkan
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Landsberg. Es ist schon ein ordentliches Spektakel, wenn Billy Cobham hinter seinem Drumset sitzend, kaum zu sehen, das Landsberger Stadttheater zum Beben bringt. Seine Breaks und Triolen, sein Timing und seine Verschiebungen sind seit Jahrzehnten legendär, auch sein spontanes Spiel mit ungeraden (Rock-)Metren, kraftvollen (Funk-)Grooves und vitalem (Jazz-)Swing. Er ist einer der vielseitigsten und intelligentesten Trommler, der einmal auf die Frage, was denn das Schlagzeug im Jazz so speziell mache, antwortete: „Die Drums machen den Beat der Band, bringen sie zum Leben und halten sie zusammen. Sie sind die vereinigende Kraft.“
Cobham ist, als Bandleader, zudem Integrationsfigur, jemand, der Energie und Virtuosität wie kaum ein anderer verkörpert und ausstrahlt, aber zugleich auch die Persönlichkeiten seiner jeweiligen Formation in die dynamischen Gruppenprozesse einbezieht, einer, der der Musik ein Fundament gibt, sie zusammenhält und zugleich gehörig an- und vor sich hertreibt.
Wer über Billy Cobham schreibt, dass sei an dieser Stelle auch erlaubt, kommt am Mahavishnu Orchestra nicht vorbei. Zumindest am ersten, 1971 von John McLaughlin gegründeten Quintett. Es wird von vielen Kritikern und Musikern bis heute als eine der härtesten Rockbands bezeichnet. Aber dieses Orchestra war weit mehr als eine Rock Band – wenn überhaupt. McLaughlin vereinte in ihr Blues und indische Musik, die Energie des Freejazz und die Konzentration europäischer Klassik, osteuropäische Akzente und was die Solobeiträge betrifft eine beinahe aggressive Dynamik. Cobham war in der Lage, dieses komplexe musikalische Gebräu zusammenzuhalten, eine Art Heftklammer, die alles, auf hochenergetischer Basis zusammenhielt.
Auch in Landsberg füllte der in Panama geborene und heute in der Schweiz lebende, mittlerweile 78(!)jährige Schlagzeuger diese Rolle als hochsensibler Taktgeber und schweißtreibender Solist noch exzellent aus. Sein Spiel war ökonomisch ausgereift und gleichzeitig von einer explodierenden Genauigkeit. Da gibt es nichts, was ihn tatsächlich aus dem Takt bringen kann, kein solistischer Einwurf, der den rhythmischen Puls zu stoppen in der Lage wäre, keine Idee von außen, die seinen Einfallsreichtum bremst.
Und die Musik, die er und sein Quartett dem ausverkauften Stadttheater präsentierte? Eine Mischung aus Jazz und Rock, die in dieser Konsequenz, Geschlossenheit, aber auch provozierenden Harmonie als Fusion bezeichnet, ihren Platz in den Weiten der Musiklandschaft gefunden hat. Dazu braucht man natürlich eine voll funktionsfähige, spieltechnisch versierte, engagierte und abgeklärte Band. Und all dies verkörperten Jorge Vera Aguilera (Keyboard), Steve Hamilton (Keyboard), Emilio Garcia (Gitarre) und Victor Cisternas (Bass). Im Laufe des Abends immer besser zueinander findend, bekamen die melodisch druckvollen Interpretationen stärkeren Biss und jede Menge Energie. Natürlich durften die Evergreens des Jazz-Rock aus der Cobham Discographie nicht fehlen: „Stratus“, „Red Baron“ und „Crosswinds“. Die Band hielt die Spannung, wirkte trotz den notierten Vorgaben und den Metastrukturen der Arrangements besonnen und in den solistischen Passagen leidenschaftlich.
Cobham brodelte unterdessen wie ein rhythmischer Vulkan, inszenierte auch in den ruhigeren (kurzen) Passagen die hohe Kunst des Schlagzeugspiels und machte deutlich, dass er auch heute noch in der Lage ist, seinen einstigen Heldentaten am Drumset auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn er erst einmal die Strecke zu seinem Arbeitsplatz überwunden hat, scheinen alle Sorgen und Schwächen verflogen, dann zählt nur noch die Vitalität seines Spiels. In dieser (Hoch-)Form ist Cobham noch immer ein Trommler für alle Fälle.
Jörg Konrad

Hier Bericht in der Augsburger Allgemeinen/Landsberg
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Montag 07.11.2022
Landsberg: Delvon Lamarr Organ Trio – Musik im Hier und Jetzt
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Foto: Cezarfe-Fernandes
Landsberg. Delvon Lamarr kam über Umwege zur Hammond B3 und erlernte sie, wie zuvor schon Trompete und Schlagzeug, autodidaktisch. Mit diesem sperrigen Möbel schuf er sich die Möglichkeit, Melodien, Rhythmen und Harmonien in Selbstunion zu entwickeln und offiziell zu predigen. 2015 entschloss er sich dann eine überschaubare Band um das Instrument herum zu platzieren und, Vorbilder gibt es schließlich genug, in die Fußstapfen des souligen Orgel-Jazz zu treten. Das Delvon Lamarr Organ Trio (DLO3) war geboren.
Mittlerweile ist Lamarr so etwas wie der Liebling der Szene und er kann sich vor Tourangeboten kaum retten. Vor einer Woche noch gastierte er in Paris, war anschließend in Rotterdam, dann in Zürich, gestern in Landsberg und mittlerweile ist die Band unterwegs zu Auftritten in Rennes, Madrid, Kopenhagen ….. .
Lamarr, Jimmy James (Gitarre) und Julian MacDonough (Schlagzeug) klingen im Konzert wie das Bindeglied zwischen sechziger Jahre Groove, Psychedelic der siebziger Jahre und avantgardistischem Jazzvokabular zeitgenössischer Prägung. Denn wenn man genau hinhört, spürt man, dass Delvon Lamarr und seine Gefährten eben nicht allein auf Retrospuren wandeln, sondern musikalische Dinge umsetzen, die im Hier und Jetzt angelegt sind. Versucht man das Trio namentlich zu verorten, dann landet man, auch wenn alle Vergleiche bekanntlich hinken, zwischen Booker T. & the M.G.'s und ihren Instrumentalhits, den coolen Grooves von Medeski, Martin & Wood und den Soul-Surf-Dub-Funk-Texanern von Khruangbin. Von all diesen individuellen Ansätzen und Sounds hat das DLO3 zumindest eine Prise eingesogen und verinnerlicht. Sie sind mit der lässig fauchenden Hammond B3, den schneidenden, in die Beine zielenden Gitarren-Riffs und dem knochentrocknen Schlagzeugloops so etwas wie Seelenwärmer – auch wenn Jimmy James die Funklicks oft bis an die Schmerzgrenze ausreizt.
Überhaupt scheint er auf der Bühne die Rolle des heimlichen Stars einzunehmen. Die breit angelegten Solis von ihm haben Rock'n Roll-Charkater – und das nicht allein, wenn er Hendrix „Purple Haze“ oder Zeppelins „Whole Lotta Love“ zitiert. Er ist derjenige, der den bei James Brown einmal als „Ratter-Knatter-Sound“ bezeichneten Groove in die Menge transportiert. Er bringt mit nur zwei Funk-Riffs den Song auf den Punkt, fräst mit seinen Akkorden aus dem Nichts eine Soul-Kathedrale und, wenn er so richtig in Fahrt kommt, spielt er die Saiten mit der Zunge. Von ihm geht eine elektrisierende Energie aus.
Lamarr hält sich mehr zurück. Er sagte einmal, dass er sich beim Orgel spielen oft an den Gesang hält. Und so klingt zum Beispiel Curtis Mayfields Jahrhundertsong „Move On Up“ tatsächlich als sei sein Instrument eine menschliche Stimme. Und Julian MacDonough? Der trommelt derart unsentimental, fast schon hölzern, verzieht, verbiegt, verzögert die Metren, um dann den Akzent des Pulses wieder genau auf die Eins zu bringen. Das hat eine immense Wirkung und gibt der Musik einen sehr energischen Rahmen. In diesem Trio finden Charisma und Musikalität auf wunderbare Weise zusammen. Zudem wurde deutlich, dass gute Musik zeitlos ist – und bleibt.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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