In INTERVIEW werden Persönlichkeiten vorgestellt, die auf unterschiedlichste Weise das kulturelle Leben gestalten und bereichern - dabei oftweit über die Landesgrenze hinaus wirkend. Hier eine kleine Auswahl der Vorgestellten: Henning Venske, Gisela Schneeberger, Inga Rumpf, Hauschka, Stoppok, Wellküren, Isabelle Faust, Fritz Egner, Willy Michl, Nik Bärtsch, Ewa Kupiec, Symin Samawatie, Axel Hacke u.v.a.m.
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25. 194. Julia Schoch - Beim Lesen im Liegen
26. 193. Lorenz Hargassner - Wollen wir wirklich nur Pragmatismus und Funktiona...
27. 192. mathias rüegg – Ich möchte noch gern eine Oper schreiben
28. 191. Axel Hacke – Ich kenne keine Widrigkeiten
29. 190. Lukas Langguth - Unter der Dusche bin ich nicht kreativ
30. 189. Julia Hülsmann – Kultur brauchen wir zum Überleben
Dienstag 20.12.2022
194. Julia Schoch - Beim Lesen im Liegen
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Foto: Jürgen Bauer
Julia Schoch ist in Bad Saarow geboren und wuchs in Mecklenburg auf. In ihren letzten Romanen beschäftigte sie sich intensiv mit der Zeit des Umbruchs in der DDR und dessen Folgen. Es sind Geschichten von gesellschaftlichen und biographischen Brüchen, die sie anhand auch ihrer eigenen Lebensdaten und -ereignisse betrachtet. Insofern liegen ihrer Literatur sehr authentische persönliche Erlebnisse zugrunde, die den Figuren und den Handlungen ihrer Bücher Klarheit und Glaubwürdigkeit verleihen.
Für ihr Werk wurde die Autorin und Übersetzerin Julia Schoch bisher mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis zum Meersburger Droste-Preis, dem Hermann- Lenz-Stipendium, dem Stefan-George-Preis für Forever Valley von Marie Redonnet, dem “Kunstpreis Literatur der Land Brandenburg Lotto GmbH”, dem André-Gide-Preis für ÜbersetzerInnen aus dem Französischen und dem Kunst-Förderpreis des Landes Brandenburg.
Am 18. Januar ist Julia Schoch zu Gast im Veranstaltungsforum Fürstenfeld und wird dort ihren neuen Roman „Das Vorkommnis“ vorstellen.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Julia Schoch: Was ich „bin“? Wenn die Berufsbezeichnung gemeint ist, dann war sicher ausschlaggebend, dass ich vor 25 Jahren Menschen getroffen habe, die die Geschichten mochten, die ich geschrieben hatte. Ich habe schnell einen Verlag gefunden. Außerdem hatte ich große Lust, als Schriftstellerin und auch als Übersetzerin zu leben. Manchmal wundere ich mich heute noch, dass es möglich war und es immer noch möglich ist.

KK: Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
JSch: Ich will ein Gefühl, eine Atmosphäre, einen Vorfall so präzise wie möglich in Worte fassen. Nur durch Präzision ist es möglich, die Vorstellungskraft bei anderen Menschen anzuregen. Die Vorstellungskraft ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir haben. Unsere Seele weitet sich beispielweise, allein bei dem Gedanken an etwas. Seelenweitung wiederum ist günstig für ein friedliches Zusammenleben. Was mich selbst betrifft, ist Schreiben meine Art, mit anderen Menschen zu kommunizieren.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
JSch: Pausen, die keine sind. Steuerfragen, Telefonate und Kranksein, vieles Reisen, ein Leben ohne Rhythmus bringen mich weg von meiner inneren Geschichte.

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
JSch: Die Gespräche und Abenteuer, die ich in meinen Träumen erlebe.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
JSch: Wenn ich ganz am Anfang bin und die Zuversicht noch da ist, dass es diesmal gelingt.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
JSch: Gern Jazz und Filmmusik, vor allem französische.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
JSch: The Doors und die 70erJahre-Alben von Genesis höre ich ausschließlich als Schallplatte, alles andere höre ich auf CD.

KK: Was lesen Sie momentan?
JSch: Ich habe Bücher für den Tag und welche für die Nacht. Nachts ist derzeit Elizabeth Strout „Lucy by the sea“ dran. Tagsüber die Essais von Ursula K. Le Guin „Am Anfang war der Beutel“ und Peter Kurzecks posthum veröffentlichter Roman „Und wo mein Haus?“ Ich liebe alle seine Bücher.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
JSch: Die Bildungspolitik in Deutschland.

KK: Was freut Sie ungemein?
JSch: Der Anblick meiner Kinder.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
JSch: Als Kind habe ich Möbel für meine Puppenstube gebaut.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
JSch: Marlon Brando als „Regulator“ in „Duell am Missouri“ gefällt mir jedes Mal. Insbesondere sein Satz über sich selbst: „Großmutter ist jetzt müde“.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
JSch: Eine Zeitreisemaschine wäre schön.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer oder Teamplayer?
JSch: Als Einzelkämpferin. Was in der Natur des Schreibens liegt.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
JSch: Beim Lesen im Liegen.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
JSch: Keine, jedenfalls nicht regelmäßig. Manchmal das Feuilleton der NZZ.

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsministerin für Kultur wären?
JSch: Ich würde eine Grundsatzrede über die Bedeutung der Kultur halten, die zur Primetime in den Öffentlich-Rechtlichen ausgestrahlt wird.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
JSch: Wachsein und Schlafen.

KK: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?
JSch: Die Zukunft, also der Begriff, ist ja stark in Verruf geraten. Jedenfalls in Europa. Wir zucken regelrecht zusammen, wenn wir daran denken. Viele sind mutlos und ohne Hoffnung. Aber der europäische Blick innerhalb der Weltperspektiven wird in den nächsten Jahrzehnten keine große Bedeutung haben. Wir sind die Experten für Archivierung und Tradition. Visionen und Aufbruchsenthusiasmus finden inzwischen woanders statt.
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Dienstag 06.12.2022
193. Lorenz Hargassner - Wollen wir wirklich nur Pragmatismus und Funktionalität?
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Fotos: Till Kollenda, Valentin Kollenda, Julian Hrdina
Lorenz Hargassner ist erst relativ spät zum Saxophon gekommen. Intensiv beschäftigt hat er sich mit Musik schon seit seinem sechsten Lebensjahr.
In Wien geboren lebt er seit 2007 in Hamburg und unterhält hier, neben seiner Tätigkeit als Musiklehrer an verschiedenen Musikschulen und Dozent für Saxophon und Ensemble an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (von 2008 bis 2020), zwei eigene Formationen: Die Lorenz Hargassner Band und das Quartett pure desmond. Mit letzterem, eine Verbeugung vor dem großen Saxophonisten und Komponisten des Jazzhits „Take Five“ gastiert Hargassner am 16. Dezember um 19.30 Uhr(!) in der Germeringer Stadthalle mit dem Programm „pure desmond Plays James Bond Songs“.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Lorenz Hargassner: Mit Sicherheit meine Familie, die sehr musikalisch geprägt war. Mein Vater hat (neben Jura, er wurde später Richter) auch Musik studiert und hatte gehofft, Konzertpianist, später Dirigent oder Komponist zu werden. Außerdem habe ich früh gelernt, wenn ich etwas wirklich will, dann daran zu glauben, dass ich das auch erreichen kann. Und letztlich war es sicherlich auch ein gewisses Talent, das mir geholfen hat, denn ich habe erst mit 20 Jahren mit dem Saxophon angefangen.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
LH: Ich möchte etwas Schönes in die Welt bringen. Gerade in unserer heutigen Zeit ist das nötiger denn je. Ich suche nach Exzellenz und Perfektion, nach Ästhetik, Atmosphäre und Eleganz. Mit pure desmond wollen wir außerdem den Cool Jazz Sound der 1950er Jahre ins Heute übertragen, in der gleichen Besetzung, wie es das Paul Desmond Quartet des Saxophonisten von Dave Brubeck getan hat. Auch er war ein Schöngeist, insofern passt das ganz gut, denke ich.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
LH: Haha, wo soll man da anfangen (lacht)...! Also erst einmal ist es eine Herausforderung, überhaupt Künstler zu sein in Deutschland. Es ist hier nicht selbstverständlich, dass das "was Ordentliches" ist, dass man "davon leben kann". Das begegnet einem häufig in der Gesellschaft, diese Haltung. Dabei ist die Gesellschaft auf uns Künstler angewiesen. Wollen wir wirklich nur Pragmatismus und Funktionalität?
Aber für jeden Künstler ist es eine elementare Frage, wie man eigentlich Geld verdienen soll. Mit der Kunst oder mit einem anderen Job, der nur für das Geldverdienen ist? Solche Lebensentwürfe gibt es ja auch zur Genüge und das kann auch gehen. Allerdings wird es dann manchmal schwierig, dass sich die Prioritäten nicht irgendwann verschieben. Und darunter dann das Inhaltliche leidet.
Das würde ich aber als größte Widrigkeit sehen - dass es sehr viele andere Dinge gibt, die sich ins Blickfeld schieben, seien es private, politische oder existenzielle Dinge. Da die Priorität auf der Kunst, der Musik und der Entwicklung als Künstler, Jusiker und für uns besonders auch als Ensemble zu behalten, ist die größte Herausforderung. Aber ich glaube, wir bewältigen sie seit 20 Jahren trotz aller Veränderungen ziemlich gut!

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
LH: Natürlich die Corona-Pandemie. Das plötzlich alles gecancelt wurde und man keinen Hoffnungsschimmer am Horizont sah, dass war wirklich schlimm. Ich habe mich dann auf das Arbeiten zuhause, eben auf die inhaltliche Ebene zurück gezogen. Zum Glück hat man die dann als Künstler ja auch. Aber wenn es keine Perspektive gibt, das war schon ganz schön beängstigend. Wir haben dann ja mit den "James Bond Songs" und der Arbeit daran während der paar Zeiträume, die sich geöffnet haben, eine tolle Produktion hinbekommen, mit Videos auf unserem YouTube-Kanal, die die Live-Recording-Sessions in teilweise spektakulären Umgebungen zeigen. Da haben wir sozusagen aus der Not eine Tugend gemacht.
Der Einmarsch Russlands in der Ukraine nimmt mich aber auch persönlich sehr mit. Ich habe selbst viele Freunde, die Ukrainer oder Russen sind, kenne auch ein Ehepaar aus einer Ukrainerin und einem Russen. Dieser ganze Krieg ist schon ein riesiger Schlamassel. Hoffentlich kommt das bald zu einem "guten Ende". Wenn es das überhaupt geben kann in einem Krieg.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
LH: Wenn es funktioniert. Wenn das Team ineinander greift. Wenn wir uns auf der Bühne blind verstehen, wenn das Publikum mitgeht, wenn die improvisatorische Idee aufgeht. Wenn die Veranstaltung ausverkauft ist, wenn die Presse gut ist. Aber auch wenn der Zeitplan passt, wenn die Termine entspannt hintereinander absolviert werden können, wenn das Zwischenmenschliche angenehm ist. Und natürlich, wenn magische Momente beim Musikmachen entstehen, sei es im Studio, beim Komponieren oder Arrangieren, Proben, oder auf der Bühne.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
LH: Ich liebe es nach wie vor, selbst Musik zu hören. Da gibt es viele verschiedene Arten, die ich mag - zuletzt habe ich das neue Album von Flo Mega total gefeiert, super Texte, eine fantastische Band.
Im Jazzbereich höre ich vielleicht am meisten, da interessieren mich sowohl die Produktionen von heute, als auch Klassiker von früher. Da höre ich im Moment sehr gerne Keith Jarrett oder eben alte Aufnahmen von Paul Desmond! Er ist ein solcher Könner und Feingeist, das ist wirklich phänomenal. Da gibt es wirklich noch viele Kleinode zu entdecken, die ich gerne noch einmal präsentieren möchte, wenn wir in zwei Jahren den 100. Geburtstag von Desmond zelebrieren werden.
Und von den Berliner Philharmonikern fand ich die Zusammenarbeit mit dem legendären Filmkomponisten John Williams sehr ansprechend. Da gab es auch einen tollen Konzertmitschnitt in der ARD Mediathek zu sehen.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
LH: Ich habe zwar einen Plattenspieler, höre aber immer noch am liebsten CD. Ich bin einfach ein "Kind der 90er" und habe auch immer noch eine große CD-Sammlung, die mich zum Stöbern und Wiederentdecken einlädt.

KK: Was lesen Sie momentan?
LH: Ich habe Jonathan Franzen's "Crossroads" verschlungen, jetzt warte ich mit Spannung auf den nächsten Band. Zur Zeit lese ich ein kleines Büchlein, das ich geschenkt bekommen habe, "Das Jahr des Dugong" von John Ironmonger. Und meinen Kindern im Teenager-Alter lese ich gerade "Herr der Ringe" vor.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
LH: Wenn Kunst und Kultur das Existenzrecht abgesprochen wird. Wenn die Arbeit von Künstlern und Musikern nicht ernst genommen wird. Wissen Sie, was Churchill gesagt haben soll, als er gefragt wurde, warum er im Zweiten Weltkrieg nicht bei den Kulturellen Geldern spare? " Wenn wir das einsparen, können wir es gleich ganz lassen."

KK: Was freut Sie ungemein?
LH: Ich freue mich, dass es jetzt wieder losgeht mit den musikalischen Veranstaltungen. Und dass wir - zumindest mit meiner Band pure desmond - erleben, dass die Leute wieder zu den Konzerten kommen und sich freuen, dass es das jetzt wieder gibt. Dass es dadurch ein besonderes Gefühl der Wertschätzung von Live-Konzerten und denen, die sie veranstalten, gibt.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
LH: Nein, ich habe zwei "linke Hände", was das betrifft - sowohl Nähen als auch Holzarbeit sind echt nichts für mich...!

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
LH: Wenn wir über die "James Bond Songs" reden, dann muss ich natürlich über die Bond Darsteller nachdenken! Ich persönlich mochte immer Pierce Brosnan, ich fand, der ist so, wie man sich den eleganten Geheimagenten vorstellt. Meine Bandkollegen finden Daniel Craig aber besser, einer bevorzugt Roger Moore - das ist wohl sehr individuell!
Abseits der "Bond"-Reihe habe ich aber gerade zuletzt darüber nachgedacht, dass ich Natalie Portman toll finde, wandelbar und interessant. Sie halte ich einfach für eine gute Schauspielerin.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
LH: Ein Bildungssystem, das seine Bürger nicht nur zu funktionierenden Arbeitern sondern auch zu kulturell gebildeten und vor allem interessierten Wesen macht!

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
LH: Ich bin zwar nicht so gut in der Gruppenarbeit, wenn die Aufgaben auf intelligente Weise delegiert werden, glaube ich aber auf jeden Fall an die Kraft eines guten Teams! Bei uns in der Band machen wir es so, dass jeder seine Stärken ausspielen kann - das ist, glaube ich, das "Geheimnis" unseres Erfolgs, wenn man das so sagen kann.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
LH: Meistens dann, wenn man nicht darauf wartet, dass ein Einfall kommt. Gute Einfälle und Ideen kommen dann, wenn man entspannt, inspiriert, offen und im Einklang mit sich selbst und seiner Umgebung ist.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
LH: Zur Zeit bin ich, wenn, dann nur auf Facebook oder YouTube unterwegs. Ich versuche, das aber auf ein Minimum zu reduzieren, weil es doch nur ablenkt. Nachdem ich lange und oft bei Spiegel Online unterwegs war, habe ich jetzt auch lieber die Printversion des Spiegel abonniert und lese das Heft - da gibt es keine Links, die wieder weiter und weiter führen...

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
LH: Wie schon gesagt, denke ich, dass es vor allem in der Bildung eine Änderung geben muss. Ich erlebe das auch bei dem, was meine Kinder aus der Schule erzählen - da gibt es viel weniger junge Menschen, die sich noch für Kunst oder Musik interessieren oder z.B. ein Musikinstrument lernen. Das ist schade und an dieser Stelle muss es dringend ein Umdenken derer geben, die die entscheidenden Weichen für die Zukunft stellen. Nicht zuletzt glaube ich, dass gerade kreatives Denken und ein individualistischer Ansatz den Menschen von morgen in der Arbeitsrealität weiterhelfen wird.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
LH: Ich schreibe sogar gerade daran - aber jetzt habe ich durch die vielen Auftritte wieder weniger Zeit (lacht)! Im Augenblick trägt sie den Titel "Kann man denn davon leben? Warum ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe - Ansichten eines Jazzmusikers" und erzählt außer meinen Meinungen und meinem Werdegang auch Anekdoten aus dem Musikerleben und wie es dazu kommt, dass man sich zu einem solchen Schritt entscheidet.

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
LH: Ich bin verhalten optimistisch und hoffe darauf, dass sich die Welt zum besseren wendet. Ich glaube daran, dass wir die Pandemien überwinden können, dass der Krieg aufhört und dass wir uns endlich der Klimakrise stellen werden. Ich glaube daran, dass die Menschen dazu in der Lage sind, die Probleme, die ich ihnen stellen, zu lösen. Jedenfalls hoffe ich das, und die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn am Ende: Was bleibt uns anderes übrig, als es immer wieder zu probieren?
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Mit Lia Pale (Foto: Moritz Schell)
Montag 21.11.2022
192. mathias rüegg – Ich möchte noch gern eine Oper schreiben
mathias rüegg gründete, „inspiriert vom Wiener Untergrund“, 1977 das legendäre Vienne Art Orchestra in einer Zeit, als die Big Bands der Vergangenheit anzugehören schienen. Kaum jemand ging damals, Ende der 1970er Jahre, das (finanzielle) Wagnis ein, ein solches Orchester zu gründen. Mit diesem Klangkörper, zu dem die angesagtesten Jazzmusiker der österreichischen Szene gehörten (Wolfgang Puschnik, Herbert Joos, Uli Scherer, Roman Schwaller, Christian Radovan, Harry Sokal u.v.a.) machte er keine europäische Swingmusik im traditionellen Sinn. Von der Klassik kommend verjazzte er europäische Komponisten wie Mozart, Brahms, Schubert, Verdi, Wagner, Strawinski, Bartok, Satie und (Johann!!) Strauss. Aber auch Vorlagen von Ellington, Mingus, Dolphy und natürlich George Gershwin. Das Vienna Art Orchestra wurde so etwas wie das europäische Aushängeschild des Jazz und feierte riesige Erfolge.
Der 1952 in Zürich geborene Komponist und Pianist gründete 1992 den bis heute existierenden, bekanntesten Wiener Jazzclub „Porgy & Bess“ in der Riemergasse 11. Er schrieb Bühnen- und Filmmusiken, arbeitete mit dem Theatermacher George Tabori und dem Sprachakkrobaten Ernst Jandl zusammen.
Seit etlichen Jahren komponiert er Kammermusik und arbeitet intensiv mit Lia Pale, einer österreichischen Musikerin, zusammen, die vor allem durch moderne Interpretationen klassischer Vorgaben von Franz Schubert, Johannes Brahms und Robert Schumann bekannt geworden ist.
Am 04. Dezember erscheint das Doppelalbum „Das blaue Klavier“ von mathias rüegg und Lia Pale, wobei die Vertonungen von rüegg stammen, die Texte hingegen von Heine, Storm, Rilke, Busch und anderen.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
mathias rüegg: Das fragen sie am besten meine Biographie :-)
https://www.mathiasrueegg.com/bio

KK:
Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
mr: Alle jene Leute, die Musik ohne Vorurteile genießen können.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
mr: Mit dem Betteln!

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
mr: Die Demontage der Demokratie durch kollektive Coronahysterie.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
mr: Wenn ich ein komponiertes Stück in der fertig aufgenommenen Version zum ersten Mal hören kann.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
mr: Frank Sinatra, Frank Sinatra mit Strings, Frank Sinatra mit Basie und Frank Sinatra mit Ellington.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
mr: CD

KK: Was lesen Sie momentan?
mr: Sonia Purnell „Eine gefährliche Frau“, Wolfram Eilenberger „Zeit der Zauberer“ und Karin Tuil „Diese eine Entscheidung“.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
mr: (Sinnlose) staatliche Interventionen.

KK: Was freut Sie ungemein?
mr: Das Adjektiv ungemein würde ich so nie verwenden.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
mr: Möbelstücke ja, in der Schulschreinerei. Kleidung nein.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
mr: Marilyn Monroe & Jack Lemmon in „Some Like It Hot“.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
mr: Die weltweite Implosion des Internets.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
mr: Als Einzelkämpfer im Vorfeld und als Teamplayer in der Produktion.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
mr: Immer dann, wenn ich welche haben muss.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
mr: Nur ganz wenige, am ehesten noch „Die Achse des Guten“.

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
mr: Man hatte bei mir vor ca. 20 Jahren mal vorgefühlt, ob ich zur Verfügung stehen würde.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
mr: Ich werde damit nächstes Jahr anfangen, der Titel ist noch geheim.

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
mr: Ich möchte noch gerne eine Oper schreiben..
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Foto: Thomas Dashube
Freitag 04.11.2022
191. Axel Hacke – Ich kenne keine Widrigkeiten
Axel Hacke gehört seit vielen Jahren fest zur Süddeutschen Zeitung zu sein. Es soll sogar Menschen geben, die das überregionale Blatt mit der zweithöchsten Auflage in Deutschland allein wegen Hackes wöchentlichen Kolumnen (Der kleine Erziehungsberater, Das Beste aus meinem Leben, Das Beste aus aller Welt) lesen. Die ersten Veröffentlichungen datieren übrigens aus dem Jahr 1990. Zwischenzeitlich schrieb er ähnliches auch für den Berliner Tagesspiegel. Zudem sind von dem in Braunschweig geborenen Journalisten etliche Sammlungen von Kolumnen und Kurzgeschichten in Buchform erschienen, die in über siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Zudem scheint sich Axel Hacke auf dauernder Lesereise zu befinden. So ist er am 07. Dezember um 20.00 Uhr Gast der Reihe Literatur in Fürstenfeld im dortigen Stadtsaal.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Axel Hacke: Im Wesentlichen mein Umzug von Braunschweig nach München im Jahr 1976.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
AH: Wen? So viele Leute wie möglich. Was? Dass mir meine Arbeit Freude macht und mir sinnvoll erscheint.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
AH: Ich kenne keine Widrigkeiten. Es läuft alles immer super, ohne jedes Problem.

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
AH: Die Olivenernte im Oktober dieses Jahres auf meinem Grundstück in Italien. Ein wunderbares Erlebnis, jedes Jahr wieder.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
AH: Der Anruf, wenn ich eine Kolumne oder ein Manuskript abgegeben habe. „Großartig! Unglaublich! Zum Niederknien!“, ist sehr schön zu hören, „Gefällt mir gut“ … also, dann weiß ich, es ist nicht so toll, wie ich es wollte.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
AH: Ich liebe es, wenn Ursula Mauder singt, das ist meine Frau. Wir haben auch ein paar CDs zusammen gemacht, ihre Musik, meine Texte, und manchmal treten wir auch gemeinsam auf damit.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
AH: CD.

KK: Was lesen Sie momentan?
AH: Hans Woller, "Mussolini. Der erste Faschist", Verlag C.H. Beck. Leider aus aktuellem Anlass, dem Ekel vor Renaissance des Faschismus in Italien.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
AH: Ich versuche, mich nicht maßlos zu ärgern. Ich mag alles Maßlose nicht.

KK: Was freut Sie ungemein?
AH: Das Ausfüllen von Fragebögen aller Art. Schon beim Gedanken daran durchströmen mich ungeheure Glücksgefühle, und gerade jetzt, genau in diesem Moment, freue ich mich, ja: ungemein.

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
AH: Um Himmels willen, nein. Ich mache nur Texte selbst.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
AH: Philip Seymour Hoffman in „Capote".

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
AH: Einen Stimmenverzehrer. Mein jüngster Sohn hat, als er sehr klein war, oft davon gesprochen. Er meinte einen Stimmenverzerrer. Aber eine Maschine, die Stimmen verzehrt wünsche ich mir oft, in der Bahn zum Beispiel.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
AH: Ich glaube, ich bin ein guter Teamplayer, aber im Alltag eben doch ein Einzelkämpfer.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
AH: Am Schreibtisch sitzend.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
AH: Eigentlich keine.

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
AH: Die groteske und an Verachtung grenzende Benachteiligung der Kultur in Zeiten der Pandemie und deren Folgen. Ist aber an einem Tag schwierig.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
AH: Fast alle meiner Bücher haben einen autobiographischen Hintergrund, es sind etwa dreißig, also eine lange Liste von Titeln, die zusammengenommen eine Art Autobiographie ergeben.

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
AH: Ach, nein, lieber nicht ...
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Mittwoch 12.10.2022
190. Lukas Langguth - Unter der Dusche bin ich nicht kreativ
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Foto: Lucas Diller
Die letzten Jahre waren für Lukas Langguth vollgepackt mit immenser Arbeit. Konzerte, Proben, Lehraufträge, Auftragsarbeiten von ZDF und ARD, nebenher Studium des klassischen- und Jazzklavier. Doch gelohnt hat sich dieser Aufwand letztendlich allemal. Denn zum einen zeugen etlichen Preise und Auszeichnungen von dieser Obsession, die Langguth zwischen 2018 und 2022 zum Teil auch für seine Trioarbeitet eingefahren hat (allein im letzten Jahr: 1. Platz Future Sounds (Paulbright Experience); Solistenpreis Junger Münchner Jazzpreis; 2. Platz Junger Münchner Jazzpreis; 3. Preis Sparda-Jazz-Award; 2. Platz Jazzfrühling-Kempten).
Andererseits und das scheint das wichtigere zu sein, hat er sich zu einem unglaublich dynamischen und leidenschaftlichen und trotz seiner jungen Jahre auch reifen Pianisten entwickelt, der sowohl Live als auch auf seinem neusten Album „Save Me From Myself“ die Musik mit Temperament und Sinnlichkeit anreichert.
Am 17. November wird das Lukas Langguth Trio (mit Bassist Hannes Stegmeier und Schlagzeuger Jonas Sorgenfrei) im Puchheimer Kulturzentrum PUC in der neuen Reihe HELLO JAZZ“ auftreten. Konzertbeginn ist 20.00 Uhr.

KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Lukas Langguth: Der erste Klavierunterricht bei meiner Mutter mit 6, der erste Jazz-Unterricht bei Tom Jahn mit 16 und mein Studium in Nürnberg bei Rainer Böhm, das ich vor Kurzem abschloss.

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
LL: Mein Ziel ist es, sowohl Jazz-Liebhabys als auch musikalisch anderweitig orientierte Menschen zu erreichen. Ich fände es schade, wenn man meine Musik nur durch intensive Beschäftigung mit dem Genre Jazz genießen könnte, gleichzeitig soll für die musiktheoretisch interessierten Hörys auch etwas dabei sein.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
LL: Vor allem mit Schreibblockaden. Die Inspiration scheint zu kommen und gehen wie sie will und mir gelingt es nur selten, sie zu beschwören.

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
LL: Ich war Anfang August in einer Ausstellung zu künstlicher Intelligenz. Die Tatsache, wie leicht Algorithmen inzwischen Bilder nach verbalen Angaben und auch kleinere Kompositionen erstellen können, hat mich sehr fasziniert.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
LL: Manchmal sind es kleine berührende Momente zuhause am Instrument. Oder das Gefühl, etwas Neues gelernt zu haben. Vor allem aber auf der Bühne mit Musikys zu spielen und zu interagieren, die dabei entstehende Energie zu spüren und im besten Fall das Publikum zu begeistern.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
LL: Am liebsten mag ich modernen Jazz a la Brad Mehldau, Shai Maestro, Ben Wendel etc. Darüber hinaus bin ich aber auch ein Fan von klassischer Musik und einigen Pop-Songs!

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
LL: CD, unseren Plattenspieler haben meine Eltern verkauft, bevor er und seinesgleichen wieder in Mode kam

KK: Was lesen Sie momentan?
LL: Ich lese zur Zeit nichts, höre aber verschiedene Psychologie-Podcasts, wenn sie von wissenschaftlich glaubwürdigen Quellen kommen.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
LL: Ignoranz und mangelnde Kompromissbereitschaft.

KK: Was freut Sie ungemein?
LL: Konzerte, Sport, Gespräche mit Freundys und ein Auftritt bei KultKomplott!

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
LL: In handwerklichen Tätgikeiten verstärken sich bei mir fehlendes Talent und mangelndes Interesse leider gegenseitig. Das überlasse ich dann doch lieber den Second Hand shops und Ikea.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
LL: Vor Kurzem habe ich "JoJo Rabbit" gesehen und Scarlett Johansson spielt darin meines Erachtens großartig.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
LL: Das ist super spezifisch: Einen „Musik-Scanner“, der ein Bild von Noten macht und dieses dann direkt in eine Datei umwandelt, die in einem Notenschreibprogramm verändert werden kann.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
LL: Eher als Einzelkämpfer, auch wenn ich es hin und wieder auch sehr gerne gesellig habe.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
LL: Meistens wenn ich mich bewege und über etwas nachdenke.
Unter der Dusche bin ich nicht kreativ.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
LL: Deutschlandfunk, Psychology Today und ein bisschen Quarks.

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
LL: U-Musik stärker subventionieren.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
LL: The best is yet to come
(hopefully)
((ich bin 22))

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
LL: Keine Autos in Innenstädten, kostenloser Nahverkehr, mehr erneuerbare Energien.
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Freitag 16.09.2022
189. Julia Hülsmann – Kultur brauchen wir zum Überleben
Bilder
Foto: Dovile Sermokas / ECM
Julia Hülsmann gehört zu den empathischen, stillen, eindrucksvollen und dabei sinnlichen Pianistinnen im Jazz. Die 1968 in Bonn Geborene spielte in unterschiedlichen Formationen, studierte in Berlin Jazz, gründete eigene Projekte und arbeitete immer wieder und gern mit Sängerinnen und Sängern zusammen. Sie hielt Kompositions-Workshops, war für zwei Jahre Vorsitzende der Union Deutscher Jazzmusiker (2012/13), erhielt für etliche ihrer Produktionen Auszeichnungen und erst in diesem Jahr Musikautorinnenpreis der Gema in der Kategorie Komposition Jazz/Crossover.
Seit einigen Jahren unterhält sie ein Quartett mit Marc Muellbauer (Bass), Heinrich Köbberling (Schlagzeug) und Uli Kempendorff (Saxophon), mit dem die Pianistin vor wenigen Wochen das Album „The Next Door“ (ECM) veröffentlichte. Eine wunderbare Musik, auf dem Grad emotionaler Gelassenheit und spiritueller Tiefe. Klangliche Poesie, deren melodische Gestaltung eine spröde Sangbarkeit vermittelt. Die rhythmische Architektur schwebt förmlich durch den Äther, beeindruckt mit ihrem Sinn für Raum und Zeit. Ein Geschenk für den bevorstehenden Herbst!
Das Julia Hülsmann Quartett gastiert am 29. September 2022 um 20.30 Uhr in der Münchner Unterfahrt.


KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Julia Hülsmann: Das ist natürlich immer schwer zu beantworten, vor allem weil es so viele Dinge sind, die einen maßgeblich beeinflussen: die Eltern, die Freunde, die Orte. Bei uns Zuhause war Musik wichtig, Kunst war wichtig und auch, dass man sich über einen künstlerischen Ausdruck definieren kann. Ich denke es ist auch entscheidend gewesen, dass ich mit ca. 16 Jahren einen Jazzklavier#Lehrer hatte, der ganz wunderbaren Unterricht gegeben hat, nämlich viel mit Transkriptionen (von Aufnahmen herausgehörte und aufgeschriebene Soli) gearbeitet hat. Eine sehr ganzheitliche und wunderbar musikalische Art Jazz zu lernen.
Dann war es auch wichtig, dass mein erster Freund Musiker werden wollte und mich quasi überredet hat, es auch zu versuchen. Sehr entscheidend ist mit Sicherheit auch, dass ich zum Studieren von Bonn nach Berlin gezogen bin. Mein Jazzstudium hier ist ein elementar wichtiger Baustein für meine Entwicklung gewesen (positiv wie negativ).

KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
JH: Als Künstler*in ist man sehr egoistisch. Ich verwirkliche mich selbst, aber natürlich ist es mir nicht egal, ob meine Musik Menschen berührt oder nicht. Das Ziel ist möglichst Viele zu erreichen, auf welcher Ebene auch immer. Vielleicht mit einer Komposition oder meiner Art Klavier zu spielen oder auch als Lehrerin und Mentorin.

KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
JH: Der Jazz ist eine Musik, die mit vielen Klischees besetzt ist: zu kompliziert und verkopft, zu schräg, zu irgendwas…tatsächlich stimmt das oft einfach nicht. Ich wünsche mir mehr Offenheit und weniger Schubladen. Es gibt aber noch andere Widrigkeiten: Die Venues, in denen wir spielen, haben es nicht leicht zu überleben. Da braucht es mehr Unterstützung. Ohne Spielorte können wir unsere Musik nicht sichtbar/hörbar machen. Und dann gibt es noch die inneren Widrigkeiten: manchmal komme ich einfach nicht weiter beim Komponieren, da stehe ich mir selbst im Weg.

KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
JH: Wir leben in schwierigen Zeiten: Kriege, Krankheiten, die bedrohte Umwelt ,Unwetter, Flüchtlingsströme, …davon bin ich natürlich im Negativen beeindruckt. Allerdings beeindruckt mich im Positiven immer wieder mit welcher Ruhe und Gelassenheit und auch der nötigen Sturheit manche meiner Kolleg*innen einfach weitermachen. Ich denke wir alle brauchen die Kunst, die Musik, die Kultur. Darüber definiert sich unsere Gesellschaft. Darüber werden Emotionen weitergegeben. Das brauchen wir zum Überleben.

KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
JH: Wenn wir auf der Bühne stehen und im Flow sind…wenn die Musik passiert und man merkt, dass die Menschen, die im Raum sind das auch spüren. Bei meiner Arbeit an der Hochschule erlebe ich auch sehr schöne Momente wenn ich merke, dass meine Studierenden ihren eigenen Weg finden.

KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
JH: Ich höre gerne Musik, sehr unterschiedliche Musik: im Moment z.B. Becca Stevens/Attacca Quartet oder auch Jon Balke…immer wieder höre ich so ziemlich alles von der Pat Metheny Group.

KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
JH: Ich besitze mehr CDs, höre aber sehr gerne Vinyl. Tatsächlich streame ich auch Musik, mit schlechtem Gewissen.

KK: Was lesen Sie momentan?
JH: Ich lese im Moment ein paar Bücher gleichzeitig: Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“, Katerina Poladjan „Hier sind Löwen“, Monica Ali „Liebesheirat“, Khuê Pham „Wo auch immer ihr seid“.

KK: Was ärgert Sie maßlos?
JH: Engstirnigkeit, Ignoranz, Empathielosigkeit

KK: Was freut Sie ungemein?
JH: Offenheit, Lust am Leben, Lachen

KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst gemacht?
JH: Leider nicht, würde ich aber gerne lernen/ausprobieren. Ach Moment, als Jugendliche habe ich viel gestrickt.

KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
JH: Ich liebe Meryl Streep, z.B. in „Die Verlegerin“, aber auch in „Don’t Look Up“.

KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
JH: Da bin ich ganz schlecht drin, muss ich mal drüber nachdenken.

KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
JH: Ich bin gerne beides. In meinem Beruf als Jazzmusikerin fühlt man sich oft als Einzelkämpferin, aber im Team kommen wir viel weiter. Ich habe beides ausprobiert. An der Hochschule bin ich ganz klar Teamplayer.

KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
JH: Wenn ich es mal schaffe zu schlendern. Da ist dann auf einmal Platz für Einfälle.

KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
JH: Dafür habe ich immer keine Ruhe… ich höre Podcasts: z.B. Jung und naiv

KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
JH: Ich würde die Strukturen der freien Musikszene stärker unterstützen. Spielstätten langfristig fördern, Bands und Projekte unterstützen…ich weiß, das ist eigentlich Ländersache…aber ich würde die Kultur gerne auf Bundesebene besser unterstützt sehen.

KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
JH: Hui, schwere Frage….vielleicht passend zu unserer aktuellen CD: „The Next Door“. Das ist schon mein Lebensmotte, nicht stehenbleiben, die nächste Tür aufmachen, weitergehen…….

KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
JH: Ich bin grundsätzlich ein sehr positiver Mensch, ich glaube daran und hoffe darauf, dass wir Wege finden werden wie wir besser zusammen leben können auf dieser Welt.
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