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1. Fürstenfeld: Jazzrausch Bigband – Jede Menge Spaß
2. Fürstenfeld: Williams Wetsox – Haben das Gefühl für den Blues
3. Fürstenfeld: Saarländisches Staatsballett / Bella Figura – Beeindrucken...
4. Fürstenfeld: Schauspiel Hannover: Ein Mann seiner Klasse - Erschütternd
5. Germering: Pure Desmond - Der Favorit
6. Landsberg: Nik Bärtsch’s Mobile - Am Rand des Vulkans der Moderne.
Freitag 27.01.2023
Fürstenfeld: Jazzrausch Bigband – Jede Menge Spaß
Foto: Sebastian Reiter
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Fürstenfeld: Jazz als Happening - ein eher selten anzutreffendes Phänomen, sollte man glauben. Nicht aber bei der Jazzrausch Bigband. Deren Auftritte geraten fast jedesmal zu einer Art Spektakel. So auch am letzten Mittwoch in Fürstenfeld, als die fünfzehn Musikerinnen und Musiker des Orchesters im Rahmen der Reihe Jazz First den Großen Saal des Veranstaltungsforums mit ihrer Performance regelrecht auf den Kopf stellten. Dass Jazz noch eine derartig enthusiastische (Tanz-)Stimmung aufkommen lässt und unter seinem Dach alt und jung miteinander vereint, das ist schon eine bemerkenswerte Botschaft!
Sie selbst nennen ihre Musik eine klangliche Verbindung von Jazz, Klassik und Techno. Im Grunde gibt diese Einstellung allen drei Stilen neue Sichtweisen und ermöglicht ihnen eine Erweiterung ihrer inhaltlichen Texturen. Obwohl man, was den Jazz betrifft, eher eine Art Reduzierung, um nicht zu sagen Vereinfachung, ausmachen kann. Denn eines der Merkmale des Jazz ist dessen Rhythmus, gekennzeichnet durch polyrhythmische Strukturen afrikanischen Ursprungs. Die Jazzrausch Bigband bedient hingegen überwiegend die „eins“, wodurch der Takt einfacher, überschaubarer und der Puls virulenter wird.
Ausgeglichen wird diese rhythmische Justierung durch die „wilden“, mal mehr, mal weniger spitzfindigen Arrangements, in deren Mittelpunkt die blitzartig agierenden und vor allem disziplinierten Bläsersätze stehen. Raffiniert das Zusammenspiel von Trompeten, Posaunen und Saxophonen, die als eine Art Antidepressiva wirken. Schüchtern wirkt niemand auf der Bühne, alles ist in einem ständigen, groovenden Fluss und die solistischen Beiträge haben Potenz. Selbst Johannes Brahms, als der Vertreter der Klassik in dieser Großformation, bekommt eine Techno-Jazz-Verjüngungskur. Ob er diese wirklich braucht? Egal, vielleicht kommt es seiner Musik und der Akzeptanz junger Hörer ihm gegenüber entgegen.Viel ausgeschriebene Noten, wenig traditionelle Jazznummern. Aber jede Menge Spaß. Dem Status des Geheimtipps ist diese Band wohl längst entwachsen.
Jörg Konrad
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Sonntag 15.01.2023
Fürstenfeld: Williams Wetsox – Haben das Gefühl für den Blues
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©2020 by Williams Fändrich
Fürstenfeld. Von wegen, der Blues findet nur in den großen Metropolen statt. Auch in der Provinz wird er trocken und derb und voller Hingabe gespielt. Und das nicht erst in Zeiten der sogenannten Landflucht. In den USA entwickelte er sich schon vor über einhundert Jahren und nannte sich schlicht und ergreifend Country Blues. Und auch in Bayern gibt es diese ländliche Form der zwölftaktigen Musik. Zwar wird er nicht in die Regionalstile des Delta Blues, des Texas Blues oder des Piedmont Blues untergliedert. Aber authentisch und emotional ist er allemal. Zum Beispiel der Huglfing Blues des Williams Wetsox, findet seit gut 40 Jahren sein Publikum, wie auch am Freitagabend im Kleinen Saal des Veranstaltungsforum Fürstenfeld bei Bluers First zu erleben war.
Spiritus Rector dieses Trios ist Norbert Fändrich - fast schon eine lebende, musizierende (Blues-) Legende der Region. Der Gitarrist, Sänger, Komponist und freundlich grantelnde Moderator klingt dabei nicht unbedingt wie Robert Johnson, Leadbelly oder Blind Lemon Jefferson. Dafür ist er, bei aller Liebe zu seinen Idolen, zu eigenwillig, zu geradeheraus, zu kauzig. Doch wie im Blues üblich beobachtet und kommentiert auch Fändrich Dinge und Menschen des täglichen Lebens. Da wird aus der Zugfahrt von Murnau nach Ammergau ein lausiger Bluessong, die Postkartenlandschaften der Voralpen werden besungen und natürlich die kuriosen Charaktere, die einem, wenn man nur genau hinschaut und hinhört, überall begegnen.
Nur versteht man als Nicht-Bayer Fändrichs Texte, der seinen Spitznamen Williams übrigens nach einer Fernsehserie seit den 1960er Jahren trägt, in seinen Konzerten nicht immer ganz genau. Aber das ist letztendlich auch nicht das Wichtigste, auf das es ankommt. Denn entweder hat man ein Gefühl für den Blues, oder man hat es eben nicht. Jedenfalls zieht und zerrt er die Konsonanten in bester Bluesmanier, nörgelt und maunzt wie einst Howlin' Wolf, gibt sich unprätentiös und ungeschminkt dem Leben hin, bewegt sich kurz zwischen Schmerz und Lust.
Zum Trio gehören die beiden Peißenberger Mario Fix an der Orgel und Alex Bartl am Schlagzeug. Beide, eine Generation jünger, sind ebenso vom Blues-Virus infiziert und begleiten Wetsox mit improvisatorischen Schnipseln und treibendem Groove. So reicht das Repertoire von eigenen, rustikalen Kompositionen, bis hin zu Nat Adderleys Midtempo-Ohrwurm „Work Song“, einem der populärsten Hardbop-Nummern der 1960er Jahre. Eigentlich ist es fast schon egal was Williams Wetsox spielen. Mit ihrem kantigen Charme, den fließenden wie sparsamen Musizierstrategien und der selbstbewußten inspirierenden Atmosphäre haben sie das Publikum, egal wo, sowieso auf ihrer Seite.
Jörg Konrad
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Freitag 13.01.2023
Fürstenfeld: Saarländisches Staatsballett / Bella Figura – Beeindruckende Geschlossenheit
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Foto: Bettina Stöß
Fürstenfeld. Über die Kulturstiftung des Bundes ist 2018 die Tanzland-Kooperation zwischen der Stadt Fürstenfeldbruck und tanzmainz entstanden, die jedoch schon nach kurzer Zeit aufgrund der Pandemie-Situation wieder beendet war. Im letzten Jahr ist nun jedoch in erweiterter Form eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit unter dem Titel TANZLAND 2 ins Leben gerufen worden. Neben tanzmainz, dem zeitgenössischen Tanzensemble des Staatstheater Mainz sind mit dem Saarländischen und dem Hessischen Staatsballett zwei weitere große Staatstheaterensembles an dieser Koalition beteiligt, wodurch dem Publikum ein noch breiteres Spektrum an Tanzaufführungen und damit choreografischen Handschriften präsentiert werden kann.
Der gestrige Tanzabend in Fürstenfeld wurde nun vom Saarländischen Staatsballett mit Choreografien von Jíri Kylían, David Dawson und Stijn Celis gestaltet. Drei Stücke, die in ihrer Vielfalt an tänzerischem Ausdruck und in ihrem ästhetischen Anspruch unterschiedlichste tänzerische Charakterstudien zum Ausdruck brachten.
Allein die musikalischen Vorgaben für „Bella Figura“, für „Faun(e)“ und „Antikhthon“ machten diese bunte Palette, die einem Streifzug durch die Geschichte des Balletts recht nahe kam, deutlich. In der von der Musik des Barock und der Renaissance angetriebenen Choreographie „Bella Figura“ wird die Schönheit, die Eleganz und die Ästhetik des Balletts ganz allgemein unterstrichen. Hier finden sich etliche traditionelle Verweise zum Tanz, die in einem neoklassischen Ansatz umgesetzt wurden und dadurch einen deutlichen, kulturenübergreifenden Gegenwartsbezug erhalten. Die flüssigleitenden Bewegungen, die temperamentvollen und doch sehr konzentrierten Wechsel der Tänzer untereinander, die unaufgeregten, in sich geschlossenen Gruppenszenen, die dynamische Abfolge von Haltungen und Erscheinungsbildern kommen einem hingebungsvollen Fest körperlicher Ästhetik sehr nahe.
Der Mittelteil gehörte dann dem preisgekrönten Duett „Faun(e)“ unter der Regie von David Dawsons. Das Stück ist in Anlehnung an das 100jährige Jubiläum der Urfassung des Ballets Russe mit dem Tänzer Vaslav Nijinski 2009 entstanden. Tänzerisch handelt es sich bei der Debussy-Komposition „Prélude à l’après-midi d’un faune“ um ein (männliches) Pas de Deux, das Intimität und Erotik, Androgynität und Identitätsfindung zum Inhalt hat. Um in dem Stück die innere Vertrautheit der beiden Tänzer noch deutlicher zum Ausdruck zu bringen, hat man sich für die reduzierte Klavierfassung der ansonsten sinfonischen Dichtung entschieden. Auch hier beeindruckte im Bewegungsablauf das Ineinanderfließen von Tradition und Moderne, das Wechselspiel zwischen Perfektion und Befreiung, die Poesie und Hingabe im Miteinander.
Das letzte Stück gehörte dann eindeutig der Moderne. Grundlage bildete die Komposition „Antikhthon“ des Griechen Iannis Xennakis. Musikalisch und choreographisch eine Herausforderung des Saarbrücker Ballettdirektors Steijn Celis. Doch Celis hat die Disharmonien und Klangkaskaden, die polyphonen Tonpunkte in ein schrilles wie lebendiges Figurenensemble übertragen. Die bunten Kostüme, das schroffe, in grellen Farben ausgeleuchtete Bühnenbild setzten auf Bewegungen, auf Gegensätze, auf leichte Provokationen. Tänzerische Situationen werden exponiert, laufen wie ungeordnet auseinander, durchkreuzen das Bühnenparkett, um letztendlich wieder zueinander zu finden. Überhaupt beeindruckte die Geschlossenheit - des gesamten Ballettabends. Hier fanden Klassisches und Gegenwärtiges stimmig zueinander. Die offenbarende tänzerische Qualität des Saarländisches Staatsballett hat diese Verbindung in überzeugender Leidenschaft ermöglicht.
Jörg Konrad
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Mittwoch 21.12.2022
Fürstenfeld: Schauspiel Hannover: Ein Mann seiner Klasse - Erschütternd
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Fürstenfeld. Menschen, die im gesellschaftlichen Miteinander keine Stimme haben, über die mehr gesprochen wird, als man mit ihnen redet, die in Stadtvierteln leben, die die meisten nur vom Hörensagen kennen, deren Biografien wenn überhaupt nur als Schlagzeile auftauchen, wenn in ihrem Leben etwas gewaltig schief läuft, oder weil sie die Gleichgültigkeit ihrer Nachbarn provozieren - in diesem Milieu spielt „Ein Mann seiner Klasse“. Ein Stück, das nach dem gleichnamigen Roman von Christian Baron entstand. Hart, vulgär, gewalttätig - ein Stück aus dem Zentrum sozialer Zerrüttung, eine Vorlage, die Deutschland als ein Land gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten enttarnt.
„Ein Mann seiner Klasse“ wurde gestern in einer Inszenierung von Lukas Holzhausen und dem Schauspiel Hannover in Fürstenfeld aufgeführt. Kurz vor Weihnachten – dem Fest der Liebe. Eindringlicher geht es kaum.
Wieviel Armut es in Deutschland, einem der reichsten Länder dieser Welt, tatsächlich gibt? dazu werden meist nur ungläubig wie unbeteiligt die Schultern gezuckt. Die sozialen Verwerfungen, die immer noch bestehenden Klassenunterschiede, lösen in der überwiegenden Gesellschaft Gleichgültigkeit und Desinteresse aus. Dabei geht es nicht allein um finanzielle Probleme. Aber eben auch.
Er, der Vater, von dem wir nur die Stimme hören, ist Möbelpacker, Trinker, Schläger, Verlierer (grandios der Laiendarsteller Michael „Minna“ Sebastian, der während des gesamten Stückes still eine Holzbaracke baut). Sie, die Mutter, ist Geschlagene, unter Depressionen Leidende, an Krebs Sterbende. Zwei Kinder, deren Ambivalenz einem den Atem nimmt. Sie lieben die Mutter, wollen sie beschützen aber scheitern im Kampf; sie lieben aber auch ihren jähzornigen Vater, schweigen jedoch aus Scham über die gewalttätigen Vorkommnisse innerhalb der Familie. Als die Mutter stirbt, gehen Michael (gespielt als Alter Ego des Autors von Nikolai Gemel) und Christian zur Tante (Stella Hilb verkörpert Mutter und Tante in einer grandiosen Mischung aus Resignation, Wut, Kämpfertum Empathie und Zuversicht). Im neuen Umfeld scheint eine Veränderung, eine Entwicklung der Kinder hin zum Positiven möglich.
Also bedeutet Armut doch nicht generell Perspektivlosigkeit? Diese Frage bleibt nach dem Stück offen. Denn der Titel macht glauben, dass allein die Klassenzugehörigkeit die Entwicklung des Individuums bestimmt. Statistisch mag das stimmen. Es handelt sich jedoch nicht um ein feststehendes Naturgesetz. Die soziale Komponente, nennen wir es die soziale Intelligenz, bestimmt zu einem hohen Prozentsatz das Ziel.
Somit zeigt das Stück nur bedingt Wege aus der sozialen Isolation. Es handelt sich vielmehr um ein verzweifeltes Dokument, nicht um eine Anleitung zur Problemlösung. Erschütternd allemal.
Jörg Konrad
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Samstag 17.12.2022
Germering: Pure Desmond - Der Favorit
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Ausschnitt aus Video zu "No Time To Die" (Till Kollenda, Valentin Kollenda, Julian Hrdina)
Germering: Was haben Sean Connery, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig gemeinsam? Natürlich, sie alle verkörperten die Hauptrollen des Serien-Agenten 007. Sicher keine allzu schwere Frage. Aber was hat nun James Bond mit Jazz zu tun?
Lorenz Hargassner ist nicht der erste, der sich als Interpret mit den Soundtracks dieser zwar klischeebeladenen, aber immer noch aktuellen Film-Reihe beschäftigt. Denn die großen Songs, die die Abenteuer des Spions im Geheimdienst Ihrer Majestät untermalen, stecken voller Jazzharmonien. Sicher, sie klingen immer etwas überarrangiert – zu den Drehbüchern der Streifen aber passend. Hargassner Quartett Pure Desmond schleift jedenfalls den dicken und manchmal auch etwas klebrigen Lack von diesen Vorgaben, reduziert die orchestralen Fassungen auf das Wesentliche und spielt sie in kleiner Besetzung, entsprechend ihres Anliegens unglaublich cool. Am Freitag gab es im Amadeussaal der Germeringer Stadthalle all die Hits der Reihe, von „The James Bond Theme“ (aus „007 jagt Dr. No“), über „From Russia with Love“ (aus „Liebesgrüße aus Moskau“), „Tomorrow Never Dies“ (aus „Der Morgen stirbt nie“), bis zu „No Time to Die“ (aus „Keine Zeit zu sterben“).
Der heute in Hamburg lebende Hargassner ist ein ausgezeichneter Saxophon-Spieler, der sich früh mit einem der großen Epigonen des Cool-Jazz beschäftigte. Paul Desmond, geboren 1924 und mit bürgerlichem Namen Paul Emil Breitenfeld (seinen Künstlernamen suchte er sich aus einem Telefonbuch), war nicht nur der ohrenfällige Begleiter Dave Brubecks, sein Spiel und entsprechend seine eigenen Alben, zeigten einen der lyrischsten Altsaxophonisten. Manchmal muss man selbst erst ein wenig in die Jahre kommen, um die ganze Kunst, die Schönheit und die Wirkung des Balladenspiels zu verstehen und zu erkennen. Für Hargassner war Desmond schon früh schlechthin der Favorit.
Und so zieht sich der raue, geschmeidige, geatmete Sound Desmonds durch die Karriere Lorenz Hargassners. Auch in Germering war, egal ob es sich um Bond-Nummern wie im ersten Teil des Konzertes handelte, um eigene Kompositionen oder um Stücke von Desmond selbst oder seinem Zeitgenossen Jimmy Giuffre, diese melancholische Kühle ständig gegenwärtig. Hargassner findet mit seinem Instrument immer die Ideallinie, seine Interpretationen sind leise, zurückhaltend und trotzdem virtuos wie dramaturgisch spannend. Manche der Stücke hätten auch länger sein dürfen – ein schöneres Lob schwer vorstellbar.
Hargassners Band ist genau auf diese Musik abgestimmt. Allen voran Johann Weiß, dessen flüssiges, feinsinniges und mit wunderbaren Akkorden veredeltes Gitarrenspiel zwar an die Zusammenarbeit von Desmond und Jim Hall erinnert, ohne jedoch als ein Plagiat zu klingen. Und in Christian Flohr (Bass) und Sebastian Deufel (Schlagzeug) sind zwei Rhythmiker im Quartett, die sparsam, polyrhythmisch wirkungsvoll und empathisch begleiten, die raffinierte Harmonieverschiebungen mit einer gewissen Leichtigkeit bewerkstelligen, so dass die Musik insgesamt, trotz aller stillen Eleganz, einen starken, durchdringenden Charakter besitzt.
Jörg Konrad

Ein Interview von Lorenz Hargassner mit KK finden Sie hier.
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Montag 05.12.2022
Landsberg: Nik Bärtsch’s Mobile - Am Rand des Vulkans der Moderne.
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Fotos: Thomas J. Krebs
Landsberg. Man könnte die Musik von Nik Bärtsch und seinem Projekt Mobile auch als offene Raumkunst bezeichnen, die mit immenser Intensität und auf einem hohen Energielevel entsteht. Dabei ein Raum-Zeit-Kontinuum herstellend, das sich sehr wohl durch Präzision in der Umsetzung von Autonomie und Ästhetik auszeichnet. Das Resultat ist jedenfalls beträchtlich und beim Blick auf die Bühne im Landsberger Stadttheater verwundert es am frühen Sonntagabend immer wieder, das der Schweizer „nur“ drei Musiker braucht, um dieses siedend ineinandergreifende Klanggebräu zu entwickeln.
Das Trio tanzt über eineinhalb Stunden am Rand des Vulkans der Moderne. Nick Bärtsch (Klavier), Sha (Saxofon, Bassklarinette) sowie Nicolas Stocker (Schlagzeug, Perkussion) spielen natürlich Jazz. Aber diese Musik ist nicht unbedingt den Heroen und Vorreitern dieser Musikart verpflichtet. Bärtsch nutzt die Freiheit, die ihm der Jazz ermöglicht und bezieht zudem seine Erfahrungen und Vorstellungen von moderner Musik und östlicher Philosophie mit ein. Er macht weder Halt vor minimal music noch vor variantenreichen Improvisationen, er weiß über die Wirkung der Klassik und spielt seine Musik mit einem schelmischen Augenzwinkern.
Statt treibendem Swing gibt es bei ihm einen erdiger Groove, statt afro-amerikanischen Gospelvarianten asiatische Tonfiguren. Diese Unabhängigkeit nimmt er für sich in Anspruch und lebt sie mit seinen Mitmusikern begeisternd aus.
In einem Interview drückte es der Schweizer vor Jahren sinngemäß so aus, dass es der Gruppengedanke ist, der die Identität einer Band bestimmt und nicht unbedingt der einzelne Instrumentalist. So steht auch bei Mobile die Geschlossenheit und Dynamik im Zentrum des Miteinanders. Es wird nicht über etliche Chorusse hinweg solistisch improvisiert. Bärtschs Kompositionen sind so angelegt, das alle Beteiligten in ihrem Tun miteinander verzahnt sind. Bei entsprechender Konzentration und dem sich Einordnen in den Prozess, beginnt so die Musik zu fließen. Ja sie atmet regelrecht, pulsiert selbst in den verhaltenen Augenblicken. Sie entwickelt sich ständig weiter, nimmt sich für die (auch minimale) Gestaltung alle Zeit der Welt, wobei kleinste Veränderungen größtmögliche Wirkung erzielen. Sie bewegt sich zwischen Momenten der Stille und kurzzeitigen Explosionen, wodurch sich die anschließende Wahrnehmung vollkommen ändert.
Mobile sind in der Gestaltung der einzelnen Module, aus denen die Kompositionen in immer neuen Varianten bestehen, sehr präsent, fast körperlich spürbar und vermitteln zugleich eine gewisse Sinnlichkeit.
Nik Bärtschs Bezug zur Klassik war besonders in der ersten Zugabe am Abend zu spüren, seine Affinität zu Claude Debussy und auch Maurice Ravel. Man glaubt kaum, dass in diese impressionistischen Verweise Shas stopfende und stöhnende, rhythmisch seufzende und sonore Bassklarinette passt. Eine scheinbar irrsinnige Kombination, die aber wunderbar klingt und die Dramaturgie eines Stückes gehörig anheizt. Und selten war ein sensiblerer, feinsinnigerer Schlagzeuger zu erleben, als es Nicolas Stocker war. Er ist genau ein Drittel der Band, bewegt sich mit seinen Ergänzungen und Erweiterungen und Verdichtungen des Konzeptes auf absoluter Augenhöhe mit seinen Mitspielern. In diese Tiefe und Leichtigkeit passte die bemerkenswerte Ausleuchtung der Bühne. Ein stimmigeres Abschlusskonzert dieser Saison in Landsberg war wohl kaum vorstellbar.
Jörg Konrad

Hier Bericht in der Augsburger Allgemeinen/Landsberg
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Autor: Siehe Artikel
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