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43. Germering: Stephan-Max Wirth Experinece - Ein starkes, herausforderndes, ab...
44. Landsberg: Ketil Bjørnstad – Die Welt bereichernd
45. München: David Murray Trio - Schrei nach Freiheit
46. Landsberg: Gullivers Reisen – Vom Barock bis ans Ende der Welt
47. Landsberg: Adele Neuhauser & Edi Nulz – Kalkuliertes Chaos
48. Dusko Goykovich (geb. 14. Oktober 1931, gest. 05. April 2023)
Donnerstag 18.05.2023
Germering: Stephan-Max Wirth Experinece - Ein starkes, herausforderndes, aber auch unterhaltsames Konzert
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Germering. Es war im August 1969, als der Jazzpapst Joachim-Ernst Behrendt in „twen“, der damaligen „Deutschen Zeitschrift für junge Erwachsene“, einen Artikel unter der Überschrift „Der Jazz flieht nach Europa“ veröffentlichte. Behrendt beschrieb hier die Entwicklung, dass immer mehr Jazzmusiker aus den USA nach Europa auswanderten. Koryphäen wie Phil Woods, Lee Konitz, Dexter Gordon, Leo Wright, Kenny Clarke und viele andere fühlten sich in ihrer Heimat aufgrund von Rassendiskriminierung, sozialer Unsicherheit, Nichtanerkennung ihrer Kunst und damit wenig Auftrittsmöglichkeiten ausgegrenzt. Für Europas Jazzszene war diese Bewegung eine absolute Bereicherung, sowohl was die Club-Engagements von Starsolisten aus dem Mutterland des Jazz betraf, als auch der Lerneffekt, den diese Aktivitäten bei den einheimischen Instrumentalisten ermöglichte.
Mittlerweile hat sich in Europa eine eigene Szene etabliert, mit Sicherheit gelernt von den USA, aber dieser in keiner Weise nachstehend. Entsprechend konnte sich die Anzahl der Clubs und anderer Auftrittsmöglichkeiten für den Jazz vervielfachen. So besitzt auch Germering mit „Jazz It“ seit mittlerweile sechzehn(!) Jahren eine vor den Toren der Landeshauptstadt beheimatete, kontinuierlich stattfindende Reihe, in der unter der künstlerischen Leitung von Hans-Jürgen Schaal bisher weit über einhundert Jazz-Konzerte stattfanden. Am Mittwoch gastierten hier im Amadeussaal der Stadthalle die Stephan-Max Wirth Experience. Ein Quartett, das ganz in der Tradition des Jazzgedankens der 1970er und 1980er angelegt ist. Zugleich klang das Konzert insgesamt doch sehr modern und zeitgemäß.
Stephan-Max Wirth, 1968 in Tettnang geboren, begann früh bei Leszek Zadlo, dem polnischen Musiker und Hochschullehrer, Saxophon zu spielen und ging mit 24 Jahren an die holländische Hochschule der Künste in Arnheim. Von hier stammen auch seine Mitspieler, die ihm über die Jahre treu geblieben sind und mit denen er eine musikalische schlagkräftige Gruppe formierte, die so manchen stürmischen Winden in der europäischen Jazzszene trotzte. Gitarrist Jaap Berends, Bassist Bub Boelens und Schlagzeuger Florian Hoefnagels haben mit ihrem Leader eine wunderbar abgestimmte Formation gefunden, die ausgezeichnet begleitet, gelegentlich das musikalische Schlachtschliff geschickt am Wind hält und auch zu solistischen Abenteuern mit Freude und Vehemenz aufbricht.
Besonders das starke rhythmische Fundament, hin und wieder an die Hochzeit des Fusionjazz in den 1970er Jahre erinnernd, treibt die Musik enorm an, her, gibt ihnen diese kraftvolle Note, die durch Harmonie- und Rhythmuswechsel immer wieder ihr Gesicht verändert. Differenziertheit, Widerstand, Dissonanz, aber auch die Kunst des Balladenspiels gehören zum klanglichen Erscheinungsbild der Experience.
Raffiniert die Intonation und Melodieführung von Stepahn-Max Wirth, der zwischenzeitlich immer wieder mit ganzen Tontrauben experimentiert, diese geschickt in sein Spiel einbringt und dadurch der Musik mehr Ekstase und Volumen gibt. Der Rest der Band greift gekonnt und ein wenig abgeklärt in die Vorgaben ein, kennt die Einsätze perfekt und musiziert mit spürbarer Freude.
Auch sind in der Musik des Trios immer wieder Anklänge an ferne Kulturen zu spüren, die, wie Stepahn-Max Wirth meint, sie nicht erst durch lange Reisen erfahren haben, sondern Teil seiner Berliner Community im Berliner Wedding sind. So spiegelt sich in der Musik des Quartetts das ganze Spektrum des Jazz wieder: Blues und Swing, Hardbop und Weltanleihen, Fusion und der befreiende Gedanke improvisierter Musik. Ein starkes, herausforderndes, aber auch unterhaltsames Konzert, das die Eigenständigkeit der europäischen Jazzszene deutlich unterstreicht. Wie es bei der Stepahn-Max Wirt Experience weitergeht? „Positiv beeindruckt hat mich – wie immer – die LP von Joe Henderson „Canyon Lady“, die ich kürzlich wieder gehört habe. Sie hat mich auch nochmals bestärkt, meine nächste Veröffentlichung auch als LP erscheinen zu lassen… coming soon!!“, antwortete er in einem Interview für KultKomplott.
Jörg Konrad
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Sonntag 07.05.2023
Landsberg: Ketil Bjørnstad – Die Welt bereichernd
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Foto: TJ Krebs
Landsberg. Wenn man über Ketil Bjornstad schreibt, kommt man an den Begriffen Emanzipation und Respekt nicht vorbei. Egal, ob es sich um die Emanzipation des europäischen Jazz gegenüber der amerikanischen Urvariante handelt, oder um den Schritt von der Klassik hin zur zeitgenössischen Improvisation (und umgekehrt natürlich), oder die sich gegenseitig befruchtende Verbindung zwischen Instrumental- und Vokalmusik. Ketil Bjornstad lebt zwischen all diesen künstlerischen Strömungen, hat sich in diesem Zwischenreich souverän eingerichtet und ist zudem extrem erfolgreich. Ein Künstler durch und durch, der nicht sucht, sondern findet, der mit offenem Geist der Welt begegnet und diese um etliche Facetten bereichert.
Seit fünfzig Jahren lässt der Norweger die Öffentlichkeit an seinen pianistischen Bravourstücken teilhaben. Ein Jubiläum, das es natürlich zu feiern gilt. Aber wenn, dann bitte auf Bjornstads unnachahmlich zurückhaltende, dafür musikalisch großzügige Art. Am Samstag war der 1952 in Oslo geborene Pianist, Komponist, Lyriker und Romancier im Stadttheater Landsberg zu Gast und gab eines seiner großartigen Solokonzerte.
Und in diesem war der Respekt zu spüren, mit dem er der Welt der Musik und ihren Schöpfern begegnet. Denn Bjornstad entfaltet den Klang-Kosmos eines Mozart, Rachmaninow oder Beethovens mit der gleichen Wertschätzung, wie er sich lustvoll am Rande des Boogie Woogie bewegt, den Beatles huldigt, Filmmelodien in seine freien Passagen mit einbaut oder Kinderweisen wie das Sandmann-Lied interpretiert. Manches von ihm klingt gar wie ein Popsong und anderes wie ein bearbeitetes Volkslied. Natürlich stehen im Mittelpunkt eines solchen Abends überwiegend Kompositionen aus der Feder Bjornstads - wobei es ihm seltener um die Virtuosität eines Stückes geht, als vielmehr um deren Wirkung, wie schon allein sein Ohrwurm „If Only“ verdeutlicht. Dabei ist er aber auch in der Lage, für gewaltigen Theaterdonner zu sorgen, das Dramatische der Kunst herauszustellen – letztendlich mit Kontrasten und Gegensätzen zu arbeiten.
Mit aller ihm zur Verfügung stehenden Hingabe improvisiert er, verlässt mit Freuden den vorgezeichneten Weg der Komposition, nimmt Abkürzungen oder verlängert die Strecken, verwischt Akkordflächen, stellt Beiläufigkeiten ins Zentrum eines Songs, reagiert spontan und ausgelassen. Aber immer umspielen diese Monologe die Gipfel der Intimität, wobei der Pianist dem Publikum das Gefühl vermittelt, ganz nah und damit authentisch an ihm „dran“ zu sein. Und dieses authentisch sein ist ebenfalls eine Begrifflichkeit, die neben Emanzipation und Respekt zu Ketil Bjoprnstad gehört und seinen Erfolg ausmacht. Denn ansonsten wäre es ihm wohl auch kaum vergönnt, sowohl in den renommierten Rainbow Studios in Oslo, als auch in den legendären Abbey Road Studios in London aufzunehmen.
Hier, in Landsberg, hatte man das Gefühl, dass er eine Art Bilanz seines bisherigen Schaffens zieht. Und diese klang tiefsinnig und voller Poesie, vielfarbig wie abwechslungsreich, melancholisch und wiederum Funken sprühend, klar und rauschend wie ein belebendes Gewässer im Frühjahr.
Jörg Konrad

Hier Bericht in der Augsburger Allgemeinen Zeitung / Landsberg
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Donnerstag 04.05.2023
München: David Murray Trio - Schrei nach Freiheit
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Fotos: TJ Krebs
München. Wer heute versucht, von David Murray eine Discography zusammenzustellen, die seine gesamte Karriere beleuchtet, wird früher oder später verzweifelt aufgeben. Da ist die schier unendlich erscheinende Anzahl von Aufnahmen. Dann ist Murrays Oeuvre auf unterschiedlichsten Labeln dokumentiert. Zuletzt kommen noch seine Jobs als Sideman - beim World Saxophone Quartet, bei Grateful Dead, The Roots, James Blood Ulmer, Steve Coleman und vielen vielen anderen. Gestern Abend spielte der Grammy-Gewinner Murray mit seinem Energie geladenen Trio in der Münchner Unterfahrt. Ein kalifornischer Tenorist, dem es in seinem musikalischen Leben immer nur um eines ging: Die erfolgreiche Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Klangperspektiven. Seine Technik ist grandios. Kraftvoll reiht er Höhepunkte an Höhepunkte, indem er ganze Tontrauben überbläst, er sich mit seinem Instrument in den obersten Lagen verlustiert, er überwältigt mit seinem verschärften Vibrato und beeindruckt mit seiner fundamentalen Hingabe, seiner genialen praktischen Ausarbeitung und seinem kompromisslosen Vollzug.
Dramaturgisch sind seine Chorusse geschickt aufgebaut und werden von ihm mit packendem Temperament regelrecht abgefeuert. Er wechselt ununterbrochen die Lagen, swingt wie der Teufel, verliert sich für Momente in karibischen Rhyrthmen, liebt den Blues, groovt wie eine Dampflok und dreht am Saxophon klangliche Pirouetten. Trotz aller Glut, die er entfacht (auch in den schaurig-schönen Balladen) bewegt sich Murray immer perfekt in der Zeit. In ihm steckt das ganze Universum des Jazz, das er noch einmal befreit und es dem Publikum als Gipfelstürmer zu Füßen legt. Damit weist er zugleich und ständig in die Zukunft. Seine gesamte musikalische Präsenz ist ein einziger Schrei nach Freiheit.
Und trotzdem finden seine beiden Begleiter genügend Raum und Möglichkeiten, um für ihr eigenes Können zu werben. Luke Stewart am Bass nimmt zupfend und streichend die Kompositionen, fast ausschließlich von Murray stammend und von seinem letzten Album „Seriana Promethea“, mit scheinbarer Leichtigkeit auseinander. Er ist in ständiger Bewegung und gibt der Musik die tieftönenden Grundlagen - oft in rasendem Tempi. Und Russell Carter trommelt unentwegt mit verzehrender Intensität, die bei ihm federleicht aussieht. Dabei kommt sein Spiel inhaltlich einer Art rhythmisch brodelndem Vulkan recht nahe. Beide, Stewart & Carter, faszinieren auch durch ihre Balance zwischen Sensibilität und Bestimmtheit.
Jörg Konrad
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Mittwoch 03.05.2023
Landsberg: Gullivers Reisen – Vom Barock bis ans Ende der Welt
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Landsberg.Gullivers Reisen“ bedient inhaltlich einige Charakteristika. Der vor knapp 300 Jahren erschienene Roman des irischen Autors Jonathan Swift ist als Reiseliteratur, als Satire, als Abenteuererzählung, als Tagebuch oder auch als Utopie zu lesen. Aufgrund seiner Popularität, die meist schon in den Kinderzimmern ihren Ursprung findet, bot sich dieser Klassiker schon immer für die unterschiedlichsten Adaptionen an. So wundert es wenig, dass aus diesem wundersamen, unterhaltsamen wie spannenden Werk Verfilmungen, Comics, Hörspiele, ja selbst Kompositionen, literarische Fortsetzungen und auch Schauspielproduktionen entstanden sind. Das Landestheater Tübingen brachte im letzten Monat diese Gesellschaftssatire in einer Bearbeitung Wolfgang Nägeles auf die Bühne und war nur vier Tage nach der Premiere mit der Aufführung am vergangenen Dienstag zu Gast im Stadttheater Landsberg.
Die phantastisch-bildreiche Geschichte, die aufgrund ihrer immensen politischen Sprengkraft und ihrem anstößigen Inhalt schon im 19. Jahrhundert massiv „entschärft“ wurde, besitzt in ihrer Urform genügend Zündstoff, um entlarvend und aufklärerisch zu wirken. Was Swift 1725 an den? Dichter, Übersetzer, Schriftsteller und Freund Alexander Pope schreibt, hat von seiner Gültigkeit nichts verloren: „Das Hauptziel, das ich mir bei all meinen Arbeiten setze, ist eher das, die Welt zu ärgern, als sie zu unterhalten, und wenn ich das erreichen könnte, ohne mir an meinem Leibe oder an meinem Vermögen zu schaden, so wäre ich der unermüdlichste Schriftsteller, den Sie je gesehen haben …. .“
Nägele nutzt und erweitert die erzählerische Vorgabe auf eine sehr persönliche, individuelle Weise. Er übernimmt die ersten beiden Reisen Lemuel Gullivers und lässt den Schiffsarzt und Kapitän die allseits bekannten Abenteuer im von Zwergen bewohnten Land Liliput (im Bühnenbild angedeutet durch kleine Papierhäuser und Schiffe) und in dem von Riesen bevölkerten Brobdingnag (hier ist es ein riesiger Apfel der einen Teil der Bühne einnimmt) bestehen. Die fliegende Insel Laputa versetzt Nägele in das Jahr 2035 und nimmt hier Bezug auf die aktuellen gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bezüglich Künstlicher Intelligenz. Die Reise zum tugendhaften Pferdevolk der Houyhnhnms versetzt er in den Weltraum, weitab der heimatlichen Erde, die mittlerweile dem Weltklima zum Opfer gefallen ist.
So verknüpft die Inszenierung eine horizontale und eine vertikale Erzählweise, wobei letztere sich aus der Geschichte löst und als eine in die Zukunft weisende Zeitachse zu verstehen ist. Insofern könnte man die Aufführung auch als eine Art Zeitreise vom Barock (Lemuel Gulliver im Land Liliput) bis ans Ende unserer Welt deuten, in der Insa Jebens, Konrad Mutschler, Emma Schoepe und Susanne Weckerle die Figuren vierstimmig verkörpern, was dem Perspektivwechsel der Vorlage absolut gerecht wird.
Die Inszenierung bewegt sich oft zwischen stiller Slapstick und laut aufgeregtem, maniriertem Aktionismus, der manchmal auch an Singspielhallen in der Form von Revuetheatern erinnert. Aber so sind die/wir Menschen nun einmal – wir bewegen uns verspielt zwischen exotischer Menagerie und Trash TV, zwischen fehlender Weisheit und fehlender Rationalität, zwischen gelebtem Egoismus und praktizierter Ignoranz. All dies wird vom Ensemble drastisch, kompromissarm und manchmal auch beschämend dargestellt. Mit zynischem Spott, der diese absolut nachdenklich stimmende Aufführung deutlich überlagert.
Jörg Konrad

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Sonntag 23.04.2023
Landsberg: Adele Neuhauser & Edi Nulz – Kalkuliertes Chaos
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Landsberg. Nicht nur Schauspieler beherrschen die Kunst der Verwandlung. Auch Musiker lieben Kostüme. Das Edi Nulz Trio aus Graz an der Mur bzw. Berlin ist hierfür ein schillerndes Beispiel. Es gibt Alben von ihnen, darauf schleppen sie sich scheinbar aus der Tiefsee kommend, zurück ans Festland. Auf einem Pressefoto wirken Siegmar Brecher, Julian Adam Pajzs und Valentin Schuster wie eine Schweißerbrigade nach der Schicht. Und in Landsberg? Da standen und saßen Edi Nulz (der Name entstammt übrigens einem imaginären Rittergeschlecht, ganz in der Nähe des Dorfes Krachberg gelegen), in Chiton ähnlichen Gewändern auf der Bühne – als perfekte Ausstaffierung zum Programm „Mythos. Was uns die Götter heute sagen“ mit der Schauspielgöttin Adele Neuheuser.
Letztere wiederum knöpfte sich die Vorlage des Autors Stephen Fry in der Übersetzung von Matthias Frings unverkleidet vor. Verkehrte Welt möchte man meinen. Auch sonst lebte der Abend im Landsberger Stadttheater von hehren Gegensätzen, von Dingen, die rein theoretisch nur schwer zusammenfinden wollen. Da wären Punk und griechische Mythologie, Blues und Komik, Tragik und Befriedigung, Fassungslosigkeit und Trivialität, Progressive-Metal und Dramenwirrniss, Mord und Totschlag, ja, auch ein wenig Klamauk war mit im Spiel. Alles fand an diesem Abend nicht nur seinen Raum, sondern, den Göttern sei Dank, auch zu einem gemeinsamen künstlerischen Ausdruck. Landsberg scheint für ein solch kontroverses Projekt genau das richtige Pflaster.
Aber der Reihe nach: Nachdem Edi Nulz den Abend mit ihrer Hardcore Kammermusik musikalisch einleiteten, deklamierte Adele Neuheuser eben jene Teile aus Frys Vorlage, welche die Schaffung der Titanenwelt aus dem Chaos beschreibt, dabei ganz charmant die Theorie des Urknalls streift, letztendlich in der Welt der griechischen Gottheiten landet, um am Ende die Urmaterie der Atome einzuflechten. Es sind jene salopp erzählten Geschichten, die uns die sagenhaften Götter so gar nicht tadellos beschreiben, die uns sozusagen auf irdischer, auf menschlicher Augenhöhe begegnen, mit all ihren Macken und Makeln eben, die uns aus eigener Alltäglichkeit heraus vertraut erscheinen. Neid, Missgunst, Zügellosigkeit, Verschlagenheit und Untreue - das ganze Universum lasterhafter Untugenden wird rauschhaft zitiert.
So begegnet das Publikum Zeus und Kronos, Apollon und Dionysos, hört von frivolen Abenteuern und schmachvollen Demütigungen, wird Zeuge musikalischer Wettkämpfe und zerstörerischer Gold-Gier.
Adele Neuheuser steigt in den vor urbritischer Komik nur so triefenden Text mit ganzer Leidenschaft ein, füllt ihn aus, fühlt sich in ihm hör- und sichtbar wohl, belebt ihn mit kleinen, verteufelt sympathischen Nuancen. Das ist, obwohl ein Monolog, ganz großes Theater.
Edi Nulz sind, trotz ihrer musikalisch zügellosen Fantasien, im Grunde ihres Herzen überzeugte Realisten. Sie durchforsten die Musikgeschichte, zitieren, kommentieren und improvisieren und erinnern in ihrer detailverliebten Kompromislosigkeit immer ein wenig an Frank Zappa. Auch so eine olympische Gottheit, die mit allen irdischen Wassern gewaschen war. Allein die Instrumentierung des Trios schreckt auf: Gitarre, Schlagzeug, Bassklarinette. Das klingt nach kalkuliertem Chaos und sagenhaften Urknall.
Jörg Konrad

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Samstag 08.04.2023
Dusko Goykovich (geb. 14. Oktober 1931, gest. 05. April 2023)
Mainstream heißt bewahren von Werten

Der Trompeter Dusko Goykovich und das Harald Rüschenbaum Trio in Puchheim

Puchheim. Sein Ton ist weich und voller Poesie. Selbst dann noch, wenn Dusko Goykovich sich mit verzehrender Energie in die höchsten Lagen schraubt, scheint er innerlich gelassen und immer auf dem Boden der musikalischen Realität des Mainstream. So kann nur jemand Trompete und Flügelhorn spielen, der sein Instrument und dessen Handhabung vollkommen beherrscht, und der zugleich aus einem riesigen Fundus von Erfahrung schöpft.
Es ist eine Freude und Lust, dem Spiel des heute 73-jährigen zu folgen, der, wie am vergangenen Donnerstag im Kulturcentrum PUC mit dem Harald Rüschenbaum Trio, noch immer auf der Bühne steht und Das Publikum an seiner Überzeugung „Jazz ist Freiheit“ teilhaben lässt.
Jazz ist auch bei Dusko Goykovich mit dem bewahren von Werten eng verknüpft. Er hat einen Teil der Geschichte des Jazz in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten an den Originalschauplätzen hautnah miterlebt. Und natürlich haben ihn diese Erlebnisse geprägt, fühlte er sich von Bebop und Cooljazz vor Ort besonders angesprochen und persönlich herausgefordert. So ist ein Großteil seines Repertoires auch heute noch von dieser musikalisch so aufregenden Ära stark geprägt. Standards wie „Secret Love“, „Summertime“ oder „Misty“, Kompositionen von Kenny Dorham, Antonio Carlos Jobim und Dizzy Gillespie bestimmen sein Programm.

Vom Ballast befreit

Wie stark sich aber der heutige Leiter der Belgrader Radio Big Band dem lyrischen und sparsamen Spiel eines Miles Davis verbunden fühlt, wird besonders in den Balladen deutlich. Wenn Goykovich mit dem gestopften Horn und ohne jedes Vibrato die Themen schemenhaft anreißt, die Improvisationen, von jedem überflüssigen Ballast befreit, verhangen aber ausdrucksstark gestaltet, dann kommt für kurze Momente das Gefühl auf, am Original teilzuhaben. Dazu trägt auch das Harald Rüschenbaum Trio bei. Weit mehr als eine Sideband musizieren hier drei hervorragende Musiker miteinander. Rüschenbaum selbst ist ein unglaublich dynamischer Schlagzeuger, der jedoch voller Sensibilität die Ränder seines Instruments immer wieder neu zu erkunden versteht. Er trommelt gruppendienlich, nutzt aber Freiräume konsequent für druckvolles Powerplay.
Christian Diener spielt einen wohltemperierten Bass, eher unauffällig, aber gerade deshalb so wichtig, weil verlässlich grundierend. Walter Lang war an diesem Abend ein großartiger pianistischer Begleiter. Vollkommen uneigennützig hat er sich in die Band eingebracht und mit seinensehr verhaltenen pianistischen Motiven doch musikalische Ausrufezeichen gesetzt. Statt virtuosem Tastenzauber ein eher klangmalerischer Äsket und nicht zuletzt aus diesem Grund ein genialer Partner für Dusko Goykovich. Der wiederum adelte Walter Lang an diesem Abend mit dem Prädikat: „Einer der besten Pianisten, die ich kenne.“ Ein gewaltiges Lob an einem insgesamt mitreißenden Konzertabend.
Jörg Konrad
(SZ 12./13.05. 2005)



Jazz auf dem Höhepunkt der Zeit

Das Dusko Goykovich Quintett vermeidet jede nostalgische Rückbesinnung

Germering. Noch bevor der erste Ton auf der Bühne des Amadeussaales der Germeringer Stadthalle am Freitagabend überhaupt gespielt wurde, konnten die Veranstalter ein positives Echo ziehen. Denn die anfänglichen Zweifel, ob der Jazz nach einer langen Zeit der Abstienenz im Germeringer Kulturtempel vom Publikum gleich als Abo-Reihe angenommen werden würde, zeigten sich als völlig unbegründet. Das Interesse war schon vor Monaten riesig und die Karten im Handumdrehen vergriffen. Ja, es hätten ohne große Schwierigkeiten noch ein paar Dutzend mehr verkauft werden können. So waren zum ersten Konzert der Reihe „Jazz It“ sämtliche zweihundert Plätze im Amadeussaal besetzt und das Dusko Goykovich Quintett konnte vor „vollem Haus“ auftreten.
Der Trompeter fühlte sich mit seiner Band in dieser von gespannter Aufmerksamkeit gekennzeichneten Atmosphäre dann auch hörbar wohl. Andererseits ist Goykovich ein erfahrener und mit sämtlichen Wassern der Musikbranche gewaschener Instrumentalist, der im Laufe seiner über fünf Jahrzehnte andauernden Karriere gelernt hat, alle möglichen und unmöglichen konzertante Begleiterscheinungen zu meistern.
In Germering brachte der in Bosnien geborene Musiker verschiedene Instrumentalisten-Generationen zusammen. So den mit einem relaxt abgehangenen Sound agierenden Jürgen Seefelder am Saxophon, den wunderbar originellen wie virtuosen Pianisten Claus Raible, den Grandseigneur unter den Münchner Bassisten Branko Pejakoviv und am Schlagzeug den jungen und mittlerweile und allen Bereichen erfahrenen Guido May. Das Repertoire setzte sich aus Standard-Melodien von George Gershwin, Dizzy Gillespie und Billy Strayhorn sowie Kompositionen von Goykovich zusammen, die ein breites stilistisches Spektrum abdeckten, wie die Miles Davis gewidmete Ballade „Five o`clock In The Morning“, das ungestüme „Remember Dizzy“ oder die Latin Komposition „Inga“.
Die Band agierte in einer Geschlossenheit und Frische, wie sie für eine flüssige, Bop-orientierte Spielweise auch zwingend notwendig ist. Die Dynamik des Satzspiels, der rhythmisch stabile wie geschmeidig federnde Unterbau, die von Ausdrucksstärke und packender Dramaturgie gekennzeichneten Improvisationen – das Quintett ließ mit seiner Spielauffassung und interpretatorischen Umsetzung nicht den leisesten Verdacht einer nostalgischen Rückbesinnung aufkommen. Dusko Goykovich zeigte sich wieder einmal als der große Melodiker des Jazz. Sein Ansatz und seine Formulierungen an der Trompete sind ebenso elegant, wie sein verhangener, weicher Ton am Flügelhorn. Diesem Instrumentalisten hört man sein Alter nicht an. Oder anders ausgedrückt: Der Jazz hat Dusko jung erhalten.
Jörg Konrad
(SZ 22. Oktober 2007)
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