Das James Webb Space Telescope arbeitet nun schon seit gut eineinhalb Jahren nahezu fehlerfrei und es vergeht keine Woche, in der nicht das internationale Forscherteam über die Plattform „Inbox Astronomy“ neueste Aufnahmen des Weltraumteleskops veröffentlicht. Sicherlich sind darunter auch viele Aufnahmen, die uns in die tiefsten Fernen des Universums entführen, aber wie einst schon Goethe sagte: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.“ Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass vor allem Planetenforscher immer wieder gespannt sind, wenn Webbs fotografische Augen (die Infrarot –Kameras NIR Cam und MIRI) auf ein Objekt unseres Sonnensystems gerichtet werden. Von den sonnennahen Planeten Merkur und Venus gibt es allerdings keine Aufnahmen. Ihr Winkelabstand zu unserem Zentralgestirn ist oft so knapp, dass es viel zu gefährlich wäre, die empfindliche Optik aufgrund der thermischen Belastung auch nur annähernd in Richtung der Sonne auszurichten.
Dafür entschädigen aber die Veröffentlichungen, die vor allem die sonnenfernen Körper betreffen. Gerade die zuletzt präsentierten Aufnahmen des 1781 von Wilhelm Herschel entdeckten Uranus (siehe Kosmos 111) sind von einer ästhetischen Schönheit geprägt, dass man darüber den wissenschaftlichen Wert schnell vergessen kann.
Noch nie waren so viele Monde des Gasriesen, der viermal so groß und 17 mal so schwer wie die Erde ist, auf einer einzigen Aufnahme zu sehen. Beim genaueren Betrachten der Namen der Uranustrabanten kommt einem natürlich William Shakespeares „Sommernachtstraum“ in den Sinn. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der aus Niedersachsen stammende Wilhelm Herschel als Entdecker und Namensgeber der Monde zugleich gilt, denn er selbst war hauptberuflich Musiker, lebte im englischen Bath und war ein großer Fan des britischen Autors. So bezeichnete er die von ihm entdeckten Monde kurzerhand nach den Protagonisten des Theaterstücks. Bei allen später entdeckten Monden wurde diese Tradition dann einfach beibehalten.
Es tritt aber auch ein unerwarteter Nebeneffekt auf: Durch die lange Belichtungszeit werden im Hintergrund Galaxien sichtbar, welche dem menschlichen Auge bisher verborgen geblieben waren. Etliche ferne Welteninseln, jede mindestens so groß und mit ebenso vielen Sternen wie unsere Milchstraße versehen, stehen hier in kleinen, sogenannten lokalen Gruppen beieinander. Dabei lüftet das James Webb Space Telescope in grandioser Art und Weise den Schleier, der unserer erdgebundenen Beobachtung durch die uns umgebende Atmosphäre auferlegt ist.
Aber auch die Veröffentlichungen zu den anderen Gasplaneten sind erwähnenswert: Da ist zum einen der noch weiter entfernte und 1846 von Johann Gottfried Galle entdeckte Neptun. Hier sieht man deutlich die Ähnlichkeit zum Nachbarplaneten Uranus, denn auch Neptun besitzt ein ausgeprägtes Ringsystem, wird von etlichen Monden umrundet und ist darüber hinaus ebenfalls vier Mal so groß wie die Erde und 14 mal so schwer.
In Kosmos 120 war bereits eine Aufnahmeserie des Jupiters erwähnt, doch erst das komplette Bild zeigt die Schönheit des Planetengiganten. Unumstritten die Nummer Eins ist aber noch immer Saturn mit seinem ausgeprägten Ringsystem. Im Sommer veröffentlichte das JWST-Team ein sehr schönes Bild mit dem leicht gekippten Ringsystem und einigen seiner Monde.
Im Bild ist auch der 1789 ebenfalls von Wilhelm Herschel entdeckte Saturnmond Enceladus zu sehen. Obwohl dieser Begleiter des Saturns mit 500 Kilometern Durchmesser eher zu den kleinen Monden des Sonnensystems gehört, ist er doch einer der zugleich aktivsten Planeten-Trabanten. Der auf Enceladus entdeckte Kryovulkanismus stellt eine völlig neue Art der vulkanischen Aktivität dar.
Nur ganz selten bietet sich für Webb auch die Möglichkeit, den Mars zu beobachten, denn dafür muss unsere roter Nachbarplanet sehr weit von der Sonne entfernt sein. Trotzdem ist ein großer Detailreichtum erkennbar.
Eine weitere Tatsache ist erwähnenswert: Bei den inzwischen mehr als 1300 Bildern, die die Wissenschaftler vom STScI (Space Telescope Science Institute) in Baltimore bereits auf der Website (https://webbtelescope.org/images) veröffentlichten, sind korrespondierende Aufnahmen anderer wissenschaftlicher Einrichtungen herzlich willkommen. So findet man zum Beispiel eine detaillierte Darstellung des fernen Zwergplaneten-Systems Pluto-Charon.
Aber auch andere Highlights der Astronomie wie zum Beispiel der große Komet Hale-Bopp des Jahres 1997, der nach seinen Entdeckern Alan Hale und Thomas Bopp benannt wurde, sind in der Datei zu finden.
Natürlich befindet auch sich unser blauer Planet in der Kollektion, wobei man einen fantastischen Schnappschuss des LRO (Lunar Reconnaiscence Orbiter) einstellte.Man kommt also schlichtweg ins Schwärmen, wenn man anhand dieser Bildergalerie sieht, wie facettenreich unser Sonnensystem ist. Trotzdem sei abschließend auf das auf Anregung des berühmten amerikanischen Astronomen Carl Sagan entstandene Mosaik „Familienporträt“ unseres Planetensystems durch Aufnahmen der Raumsonde Voyager 1. hinzuweisen. Nachdem die Sonne ausgeblendet wurde, entstand dieses „Abschiedsbild“ aus einer Entfernung von 6 Milliarden Kilometern. Eindringlich zeigt sich hier, wie klein und eher doch unbedeutend unsere kosmische Heimat ist. Und wie unbedeutend dann erst die Bewohner des kleinen blauen, nur schwer auszumachenden Punktes sind, mag man sich kaum vorstellen.
Klaus Huch, Planetarium Halberstadt





















