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37. Landsberg: Leyla McCalla - Gegen jede Form von Ungerechtigkeit
38. Landsberg: Monika Roscher Big Band - Indie-Popband im Jazz-Tranchcoat
39. Berlin: Brian Eno - Symbiose aus Analogem und Digitalem
40. Gilching: Café Del Mundo – Von Bach bis Bono
41. Carla Bley (geb. 11. Mai 1936 in Oakland, gest. 17. Oktober 2023)
42. Germering: Alliage Quintett & Sabine Meyer – Beschwingt und feinsinnig
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Sonntag 12.11.2023
Landsberg: Leyla McCalla - Gegen jede Form von Ungerechtigkeit
Landsberg. Musik als Ausdruck von Hoffnung auf Freiheit. Das gilt für Kuba ebenso wie für Mali, sowohl für Burkina Faso und natürlich auch für Haiti, bis heute eine der ärmsten Regionen der Karibik. Hier liegen die familiären Wurzeln Leyla McCallas. Geboren ist die Sängerin, Cellistin und Banjospielerin in New York, wohin ihre politisch aktiven Eltern einst auswanderten. Heute lebt sie in New Orleans und bereist von hier die Kontinente dieser Erde, um ihre musikalische und politische Botschaft zu vermitteln. Und die lautet: Freiheit für alle unterdrückten Menschen - weltweit. Am Samstag war Leyla McCalla mit ihrem Programm „Breaking The Thermometer“ zu Gast in Landsberg. Ein Abend, gezeichnet von faszinierenden Klangsymbiosen und sozialem Engagement, von Inbrunst und Sensibilität,.
Was Leyla McCalla musikalisch zum Ausdruck bringt, kommt einer Aussage Louis Armstrongs, der Zentralfigur des Jazz schlechthin, sehr nahe: „Was wir spielen, ist unser Leben.“ Und das bedeutet bei der 38jährigen Leyla eintauchen in die musikalische Geschichte sowohl Haitis, als auch New Orleans. Und im Grunde sind deren Unterschiede, trotz einer Entfernung von über 2000 Kilometern, gar nicht so groß.
Denn beide Regionen sind geprägt von der Soziologie derer, die als Kreolen oder Cajun bezeichnet werden. Jene Nachfahren von europäischen Auswanderern, bzw. Menschen, die aus spanischen resp. französischen Kolonien in Afrika freiwillig immigrierten oder auch verschleppt wurden.
Deren kultureller Kosmos ist weit und entsprechend ihre Musik beinahe unbegrenzt. In New Orleans entstand aus dieser Vielfalt an Einflüssen einst der Jazz. In Haiti sind all die Energien und Anregungen von außen in der Folklore des Landes präsent. Von diesen zehrt Leyla McCalla und verbindet die Populärmusik Haitis sowohl mit ihren eigenen Erfahrungen, als auch mit ihrem persönlichen Engagement gegen jede Form von Ungerechtigkeit und Armut.
Das klingt bei ihr sowohl sehr intensiv, als auch ungemein empfindsam. Mit ihrer beeindruckend aufeinander abgestimmten Band (Gitarrist Nahum Zdybel, Bassist Peter Olynciw und Shawn Myers am Schlagwerk) findet sie eine überzeugende Balance, zwischen traditionellem Anspruch und ihren eigenen heutigen Lebenserfahrungen.
Ihre Zeit in New York, das klassische Musikstudium, ihre gesammelten Eindrücke in Ghana. Oder in Musik ausgedrückt: In ihren Songs stehen Bluegrass, Cajun, Jazz, Folk, Soul, Klassik dicht beieinander – ohne dass Leyla McCalla dabei ihre Identität verliert. Im Gegenteil: diese Offenheit gegenüber der Welt ist ihre Identität.
Sie spielt Gitarre, Banjo und Cello, sie singt mit einer eindringlichen, warmen und berührenden Stimme, die Polyrhythmen ihrer Songs gehen direkt ins Blut, die Inhalte ihrer Texte berühren das Herz. Dabei sind es wenige Allgemeinplätze, die sie inhaltlich in den Mittelpunkt ihrer Songs stellt. Sehr konkret wird es, wenn sie, wie auf ihrem letzten Album „Breaking The Thermometer“, das Erbe und den Kampf gegen den Diktator Duvalier von Radio Haiti, dem ersten privaten kreolischsprachigen Radiosender, in den Mittelpunkt stellt. Der Kampf deren Mitarbeiter gegen den Diktator Duvalier hat Leyla McCalla multimedial, als Musik-, Tanz- und Theaterstück auf die Bühne gebracht. Insofern konnte sie auch in Landsberg als eine eindringliche Stimme der Bürgerrechtsbewegung wahrgenommen werden – klar, phrasiert, authentisch.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
Montag 06.11.2023
Landsberg: Monika Roscher Big Band - Indie-Popband im Jazz-Tranchcoat
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©LukasDiller
Landsberg. Die Monika Roscher Big Band ist derzeit die vielleicht angesagteste Power-Formation im Jazz. Ein großorchestrales Unternehmen, das voller Tatendrang, Kreativität, Experimentierlust und Leidenschaft musiziert. Eine Formation, die sich mit loderndem Optimismus in das risikobelastete Finanzunternehmen Big Band stürzt und dem Publikum hörgewaltige Klangabenteuer beschert. Am Sonntagabend spielte die 17-köpfige Kapelle im Landsberger Stadttheater und machte hier von Beginn an klar, dass sie sich trotz allem Respekt für die Geschichte des Big Band-Jazz mit einer völlig eigenen Philosophie dem Phänomen nähert. Monika Roscher bleibt, wie es sich für einen starken Charakter gehört – bei sich!
Trotz der besagten Schwierigkeiten stehen Big Bands derzeit hoch im Kurs. Allein in Deutschland kämpfen etliche dieser Besetzungen um die Gunst des Publikums und vor allem der Festivalplaner. Roscher und Co. können auf den Vorteil verweisen, dass sich ihre Art des Musizieren nur schwerlich vergleichen lässt. Sie setzen markige Tonsteine der Moderne und klingen, trotz klassischer Besetzung (vier Trompeten, vier Posaunen, fünf Saxophone plus Rhythmusgruppe) wie eine Indie-Popband im Jazz-Tranchcoat. Oder auch umgekehrt, wie in einem Jazz-Overall verpackt, der mit starkem Saum aus einzelnen Indie-Flicken genäht ist.
Natürlich klingen sie so dynamisch wie die Kenny Clarke Francy Boland Big Band, vermitteln den Rock-Apeal der Frank Zappa Großbesetzungen, erinnern in ihrem Humor an das Willem Breuker Kollektiv und es blitzt auch hin und wieder jene Grazie auf, die zum Ekennungszeichen der Thad Jones/Mel Lewis Band avancierte. Aber letztendlich ist die Roscher Band, trotz mancher Präzision, keine gut geölte Swingmaschine. Ihre ständigen Harmoniebrüche, ihre dauernden Rhythmuswechsel erinnern an etwas, das Jazzmittler Hans-Jürgen Schaal einmal den Eklektizismus des Progressive Rock nannte. Harte Riffs, weiche Melodien, Überraschungen, Brüchigkeiten der Themen, intrumentale Kraftmeierei im positiven Sinn und jede Menge Emotionen.
Die Dramaturgie des Auftritts ist perfekt, auch wenn sich die Energie der Ballade nicht unbedingt von der Großkomposition unterscheiden. Das ist mit Sicherheit bewusst umgesetzt und wirkt sympathisch. Wie überhaupt der Umstand, wenige, im Grunde gar keine Schlachtrösser aus dem Standardrepertoire zu vernehmen.
Das zeigt, das Sängerin, Gitarristin, Komponistin, Arrangeurin und Model Monika Roscher fest an ihren eigenen Maßstäben feilt und festhält. Und auch die Themen ihrer Songs sind eigenwillig, fantasiereich und stark individuell angehaucht. Sie singt von Hexen und Prinzessinnen, von Feuervögeln einer KI-Apokalypse und, als eine der ganz wenigen „realen“ Gestalten aus ihrer eigenen Welt, vom unverwüstlichen James Bond.
Doch im Vordergrund steht eigentlich immer die Musik. Und die besitzt stets einen kräftigen Punch, die hat Biss, feiert selbst in den ausformulierten Passagen die Freiheit des Ausdrucks – ohne Freejazz zu sein, versteht sich. Mehr ruppig als sanft, eher archaisch als vollendet. Manchmal klingt die Band, als sei sie dabei die, Geröllhalden der Zivilisation akustisch wieder zugänglich zu machen. Faszinierende Ästhetik – laut und steinerweichend
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
Freitag 27.10.2023
Berlin: Brian Eno - Symbiose aus Analogem und Digitalem
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Foto: Ute Huch
Berlin. Geduld zahlt sich aus und manchmal wird man nach langem Warten mit Außergewöhnlichem belohnt. Wie im Fall des britischen Musikers und Produzenten Brian Eno.
Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, wie er mit vollem Namen heißt, gehörte zusammen mit Brian Ferry einst zu den Gründungsmitgliedern der Band Roxy Music. Wer in der Zeit von 1971 bis 1973 das Glück hatte, einem der damaligen Konzerte dieser Band beizuwohnen, musste nach dem Ausscheiden Enos ziemlich genau fünf Jahrzehnte warten, um den mittlerweile 75jährigen Klangkünstler wieder live auf der Bühne zu erleben. Am vergangenen Dienstag gab er gemeinsam mit der Baltic Sea Philharmonic unter der Leitung des Dirigenten Kristjan Järvi in der Berliner Philharmonie ein Konzert der Superlative.
Das Orchester spielte Songs, die Eno im Jahre 2016 für sein Projekt „The Ship“ komponiert hatte. Diese teils umfangreichen Werke orchestral live auf der Bühne, waren für das Publikum emotional sehr berührend. Etliche Paare lagen sich nach dem Konzert ergriffen in den Armen.
Dabei war Eno, der eher zurückhaltend und unauffällig agierte, der umjubelte Star des Abends. Hinzu kam die spürbare Spielfreude des jungen Orchesters, die die Musik zu einem regelrechten Kunstgenuss formten.
Die Streicher wandelten elfengleich über die Bühne, die Querflöten schienen ganz plötzlich aus dem Nichts aufzutauchen und vier Schlagwerker waren am breit aufgestellten Instrumentarium pausenlos beschäftigt. Es entstand eine musikalisch ruhige, fast schwebende Atmosphäre in der Berliner Philharmonie. Angeführt wurde das Ensemble dabei von einem beinahe diabolisch wirkenden Kristjan Järvi, der selbst mit den Frame Drums die Tempi der einzelnen Songs bestimmte. Aus der Mitte der leisen Kapelle entsprang die teils durch einen Vocoder verzerrte Stimme Enos, die sich wunderbar mühelos in den runden, warmen Raumklang einreihte: Eine Symbiose aus analogen und digitalen Klängen.
Der Spannungsbogen zog sich von der fast 45minütigen Uraufführung von „The Ship“ über „By this River“ zu „And then so Clear“. Letzterer Titel wurde von den 47 Instrumentalisten geradezu zelebriert. Man hatte den Eindruck, dass sich alle beteiligten Künstler mit besonderer Begeisterung in diesen letzten Abschnitt des Konzertes stürzten und dem insgesamt grandiosen Abend einen krönenden Abschluss gaben. Nur wenige Augenblicke, nachdem die letzten Akkorde verklungen waren, gab es Standing Ovation des völlig begeisterten Publikums.
Das Berliner Konzert - das einzige in Deutschland - war das zweite von insgesamt fünf Aufführungen von „The Ship“ in den renommiertesten Kulturtempeln Europas und gehört schon jetzt zweifellos zu den großartigsten musikalischen Erlebnissen unserer Zeit.
Ute und Klaus Huch
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Autor: Siehe Artikel
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Foto: Mike Meyer
Samstag 21.10.2023
Gilching: Café Del Mundo – Von Bach bis Bono
Gilching. Man wird einer Musik wenig gerecht, wenn es bei deren Beschreibung ausschließlich Vergleiche hagelt. Das ist zugegebenermaßen verlockend, sagt aber letztendlich über die Sache selbst nur bedingt etwas aus. Jan Pascal und Alexander Kilian, bekannter als Duo Café Del Mundo, kennen diese Herangehensweise sicher zur Genüge. Vor allem, weil sie ihre Kunst so traumwandlerisch sicher beherrschen und inspirierend ausüben, wobei sie stets das Gefühl vermitteln, man würde sie schon eine Ewigkeit kennen.
Eine ihrer Besonderheiten lautet – als Gitarren-Duo können sie überall auftreten: In Blues-Clubs ebenso wie in Jazz-Lokalen, ihnen würden die musikalischen Herzen in den Klassik-Arenen mit Sicherheit genauso zufliegen wie bei angesagten Folk-Festivals. Auch was die geographische Lage ihrer Auftrittsorte betrifft, gäbe es kaum Einschränkungen. Die Erfolge in Andalusien sind ähnlich denen in England, auch in Nordafrika lässt man sie kaum ohne Zugabe von der Bühne, wie auch nicht in der Türkei – oder eben in Gilching.
Hier waren Café Del Mundo im Rahmen der dortigen Kulturwoche am Freitag (erstmalig!) zu Gast. Und auch das Publikum im vollbesetzten Veranstaltungssaal des Rathauses begeisterten sie mit ihren weltumspannenden Harmonien, Rhythmen und Melodien im Handumdrehen.
Ihre akustischen Wanderungen durch die Welt der Musik treffen nun einmal das Zentrum fast jeden Geschmacks. Ausschlaggebend ist eine permanente kreative Unruhe, mit der sie sich ihr musikalisches Material erarbeiten. Und im Vordergrund dürfte dabei schon das andalusische Lebensgefühl des Flamenco stehen. Nicht umsonst spielen beide (fränkische) Flamenco-Gitarren, die vom Aufbau her etwas schmalere Zargen haben und leichter sind als Konzertgitarren. Und auf diesen Instrumenten arbeiten sich die zwei verwandten Seelen ab, durchstreifen die Stile der Musik von Bach bis Bono, haben das Mittelalter in modernen Arrangements im Gepäck („Scarborough Fair“), natürlich jede Menge Flamenco und improvisatorische Spitzfindigkeiten. Alles was sie spielen befindet sich in einem ständig sich verändernden Fluss. Es sind im übertragenen Sinn Landschaftsbeschreibungen, die im Vorüberziehen intensive Eindrücke hinterlassen, die wiederum in Musik gegossen sind.
Jan Pascal und Alexander Kilian wechseln in der thematischen Führungsarbeit, beantworten in den Raum „geschlagene“ Akkorde, ziehen das Tempo an, reduzieren die Melodien auf ein Mindestmaß und schaffen so unterschiedlichste Klangvariationen. Stringentere Kompositionen stehen neben freieren Spielweisen, Temperament neben Sentimentalität. Der Abend speiste sich aus zwei gegensätzlichen, sich jedoch gegenseitig ergänzenden Charakteren, die eine dynamische Balance aus Intensität und Meditation herstellten und letztendlich eine in sich geschlossene Einheit bildeten.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 18.10.2023
Carla Bley (geb. 11. Mai 1936 in Oakland, gest. 17. Oktober 2023)
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Foto: TJ Krebs
Carla Bley / Andy Sheppard / Steve Swallow
„Life Goes On“


So einfach, so klar, so schön – kann Musik sein. „Life Goes On“ heißt das neue Album des Trios Carla Bley, Andy Sheppard und Steve Swallow. Drei Suiten, deren Melancholie das Herz öffnen, deren hintergründiger Humor anregend wirkt, deren Fragilität betroffen macht. Es bedarf schon gewaltiger Erfahrung und spieltechnischer Sicherheit, derart spartanisch musikalische Leidenschaften in die Praxis umzusetzen. Das Titelstück als vierteiliger Blues ist eine Offenbarung an Reduktion. Keine Note zu viel, kein Ton zu wenig und trotzdem finden Ästhetik, Eleganz und Ursprünglichkeit einen gemeinsamen Ausdruck. Blues als Kammermusik, bei dem der Fluss des geistigen Austauschs in ständiger Bewegung ist.
Das ganze Album ist ein instrumentales Gespräch, sparsam, aber von höchster Effizienz. Carla Bleys Klavierspiel beeindruckt trotz ihrer Leichtigkeit in der Schärfe der Konturen und den ausgeführten Wendungen. Andy Sheppard spielt das Saxophon wenig virtuos, stattdessen inspiriert, nuanciert mit einem philosophischen Unterton. Und Steve Swallow ist am elektrischen Bass der gewohnt raffinierte Diplomat im Sinne der Gesamtmusik. Er hält zusammen, was zusammen gehört, stoisch, trotzig, elegant.
„Life Goes On“ kann in dieser Besonnenheit nur spielen, wer sich lange und gut kennt. Das Trio existiert seit über einem Vierteljahrhundert. Steve Swallow hat sich schon vor sechs Jahrzehnten den Kompositionen der Pianistin Carla Bley gewidmet. Neugierde und Aufgeschlossenheit sind sowieso die lebensbestimmenden Maxime aller drei Solisten. Ein Album voller Würde und Kurzweil.
Jörg Konrad
(KultKomplott im März 2020)


Carla Bley, Steve Swallow, Andy Sheppard am 25. Mai 2014 in Dachau

Als Gary Burton sich im Dezember 1975 im Ludwigsburger Studio Bauer mit den Mitmusikern seiner neuen Band traf, um „Dreams So Real“ einzuspielen, hatte er sich im Vorfeld ausnahmslos für Kompositionen von Carla Bley entschieden. Schließlich galt die New Yorkerin schon in jenen Jahren als eine der genialsten Tonsetzer. Zum Burton-Quintett gehörten damals der gerade einmal 21jährige, noch völlig unbekannte Pat Metheny und Steve Swallow an der E-Bassgitarre. Es war Swallows erste intensivere Auseinandersetzung mit der Musik Carla Bleys.
Mittlerweile gibt es kaum Aufnahmen der Grande Dame am Jazz-Piano ohne ihn. Egal ob im Duo, im Quintett, in Big Band-Besetzung, oder, wie am gestrigen Sonntag in Dachau, im Trio: Fast immer ist der rhythmisch verlässliche, fruchtbaren Boden pflügende Tieftöner nah an ihrer Seite. Auch privat!
In Dachau waren beide, gemäßentsprechend ihrer letzten Einspielung für ECM München, zu Gast im Trio. Andy Sheppard, der englische Saxophonist, dessen erstes eigenes Album 1987 übrigens von eben diesem Steve Swallow(!) produziert wurde, ist, bei aller musikalischen und persönlichen Nähe von Bley und Swallow, so etwas wie der Dreh-und Angelpunkt dieser Formation. Denn das, was die Pianistin an Akkorden und Harmonien so makellos schichtet und was der Bassist mit rhythmischer Finesse so fragmentarisch unterlegt, verbindet der Saxophonist mit spielerischer Eleganz.
Ihre manchmal leicht sperrigen Vorlagen und verletzt klingenden Dissonanzen haben Charme, wirken in ihrer Unvollkommenheit kultiviert und erinnern entfernt an einen stillen Gruß von Th. Monk, dem Jazz-Genie. In diesem Trio gibt es keine Gipfelstürmer. Es sind eher kammermusikalische Rituale, die trotz Blues und Latin enorm europäisch klingen. Entschleunigte Metamorphosen, so lyrisch wie fesselnd, mit unglaublicher Suggestivkraft umgesetzt. Hier spielt das Diktat der Erfahrung, in dem Klugheit, Empathie, Virtuosität, Humor und intellektuelle Leidenschaft Hand in Hand gehen.
Jörg Konrad
(KultKomplott im Mai 2014)
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Samstag 14.10.2023
Germering: Alliage Quintett & Sabine Meyer – Beschwingt und feinsinnig
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Foto: Ira Weinrauch
Germering. Das Alliage Quintett hat sich mit der Klarinettistin Sabine Meyer bei ihrem gemeinsamen Auftritt am Freitag im Orlandosaal der Germeringer Stadthalle auf ein ganz besonderes Programm geeinigt. Kompositionen, die in dieser Zusammensetzung und Fülle nur selten zu erleben sind. Da wäre zu Beginn gleich die „Cuban Overture“ von George Gershwin, ein Stück, dass der Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Anlehnung an eine Kuba-Reise 1932 fertigstellte und aufgrund seiner rhythmisch-folkloristischen Ausrichtung einen bestimmten Tanzcharakter aufweist. Der Arbeitstitel lautete entsprechend auch „Rumba“.
Dieser Tanzcharakter wurde noch erweitert durch den Blumenwalzer aus Tschaikowskys „Der Nussknacker“ und natürlich durch Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“. Es gab zudem eine Bearbeitung von Schostakowitschs „5 Stücke für 2 Violinen und Klavier“ (obwohl es sich beim Alliage Quintett um ein reines Saxophon Ensemble handelt – also an diesem Abend keine Geige zur Verfügung stand) und Alexander Borodins „Polowetzer Tänze“. Vervollständigt wurde das Programm durch Stefan Malzew, Johann Sebastian Bach und die „Brazileira“ aus „Scaramouche“ von Darius Milhaud. Selbst wenn man es nicht gelesen hatte, die Überschrift des Abends erschloss sich jedem Zuhörer wohl aufgrund der akustischen Präsentation von selbst: „Aufforderung zum Tanz“.
Es wurde entsprechend ein beschwingter Musikabend, abgesehen von zwei tragenden, sehr melancholisch umgesetzten Präludien von Schostakowitsch, die übrigens allesamt von dem russischen Komponisten, Pianisten und Pädagogeen als Film- resp. Schauspielmusik gedacht waren.
Das Alliage Quintett bestehend aus Daniel Gauthier (Sopransaxophon), Miguel Valles (Altsaxophon), Simon Hanrath (Tenorsaxophon), Sebastian Pottmeier (Baritonsaxophon) und Jang Eun Bae (Klavier) hat natürlich einen Teil der Vorgaben für ihre Besetzung plus Solostimme neu arrangiert. Und trotz der Themenvorgabe zeichnete sich der Abend durch Vielseitigkeit und passionierte Musizierweise aus. Das rauchige Tenor, das sonore Bariton, das schärfere Alt, das strahlende Sopran und die jubilierende Klarinette von Sabine Meyer finden in der Gemeinschaft zu einer das Publikum mitreißenden und aufmunternden Klangsprache.
Berührend an diesem Abend das feinsinnige Spiel Sabine Meyers, die sich besonders im Zusammenspiel mit Daniel Gauthier (Sopransaxophon) recht wohl zu fühlen schien. Ihre kurzen, frohlockenden Dialoge, das sich gegenseitig animierende „Rivalisieren“ wirkte in seiner ganzen spielerischen Dynamik raffiniert und vermittelte neben Charme auch immer einen gewissen Humor.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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