Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Landsberg: Feininger Trio - Rauschhaft
2. Landsberg: Bill Laurance & Michael League - Melodische Kammermusik
3. München: Meredith Monk – Das Durchstoßen von Oberflächen
4. Landsberg: Marc Ribot’s Ceramic Dog – Vielleicht im nächsten Jahr
5. Fürstenfeld: Big Creek Slim, Roger C. Wade & Christian Rannenberg – Blue...
6. Fürstenfeld: Macbeth – Konventionen gesprengt
Montag 26.02.2024
Landsberg: Feininger Trio - Rauschhaft
Bilder
Foto: Irène Zandel
Landsberg. Vor knapp zwei Jahrzehnten beschlossen Adrian Oetiker, Christoph Streuli und David Riniker gemeinsam zu musizieren. Und wie so häufig, wenn Musiker auf Augenhöhe zusammenkommen und eine künstlerische Idee in die Tat umsetzen, stand die Frage im Raum: Wie sollte sich das Trio nennen? Eine Entscheidung, an der schon manch entstehende Band wieder zerbrochen ist.
Oetiker (Klavier), Streuli (Violine) und Riniker (Violoncello) haben sich bei der Namensfindung auf den Maler, Grafiker und Karikaturisten Lyonel Charles Adrian Feininger bezogen und ihre Karriere kurzerhand als Feininger Trio eingeläutet. Seitdem nehmen sie von Presse und Publikum gefeierte Alben auf und touren erfolgreich durch die Welt. Am Sonntag gastierte das renommierte Trio im Landsberger Rathaussaal und gab, das darf an dieser Stelle wohl schon erwähnt werden, ein musikalisch berauschendes Konzert.
Auf dem Programm standen Komponisten aus drei Jahrhunderten. Den Anfang machte Franz Schubert (1797-1828) und sein stimmungsvolles „Notturno Opus posth. 148“. Man spricht auch, was diese Komposition betrifft, von einer Art „Nebenprodukt“ der beiden großen Klaviertrios Schuberts, die 1828 entstanden ist, aber erst 1848 veröffentlicht wurde. Das Feininger Trio interpretierte zurückhaltend, setzte deutlich auf die Form des Stückes, wobei das Spannungsfeld zwischen den einzelnen Instrumenten im Laufe des Stückes an Perfektion gewann.
Alexander von Zemlinskys (1871-1942) „Klaviertrio op. 3 d-moll“ war vielleicht schon der Höhepunkt des Abends. Der österreichische Komponist und Dirigent, ein Vertreter der Wiener Schule, ist eine Art stilistisches Scharnier zwischen Spätromantik und Neuer Musik. Entstanden ist das Stück 1896 für einen Wettbewerb, bei dem Johannes Brahms sozusagen Pate stand, und ist im Original ein Klarinettentrio, das Zemlinsky später umschrieb. Es lebt von furiosen Wechseln, von dramatisch Temperamentvollem, wie romantisch Emotionalem. Hier zeigte sich die ganze Professionalität und Finesse des Feininger Trios. Die unisono gespielten Themen, der furiose Variantenreichtum der einzelnen Stimmen, die rhythmischen Wechsel, das unablässige Ineinandergreifen der Instrumente. Bei allem Spiel blieb die dynamische Balance unter den drei Instrumentalisten immer erhalten.
Nach der Pause gab es dann „Apollon – sieben Miniaturen für Klaviertrio, op. 101“ der 1962 geborenen (und an diesem Abend anwesenden) griechischen Komponistin Konstantia Gourzi. Ein Stück voller klanglich unterschiedlicher Stimmungen, Spannungen und Motiven, wobei in sieben kurzen Stücken, die der Anzahl der Buchstaben des Namens Apollon entsprechen, eine Huldigung an das Licht zum Ausdruck kommt. Konstantia Gourzi hat diese Komposition dem Feininger Trio gewidmet.
Mit „A Song For Peace“ interpretierten Christoph Streuli und David Riniker als Duo noch ein weiteres Stück der Komponistin, welches einen sich annähernden Dialog musikalisch zum Inhalt hat.
Zum Abschluss des Abends Johannes Brahms (1833-1897) „Klaviertrio c-Moll op. 101“. Entstanden 1886 in Hofstetten bei Thun wurde schon vor Jahrzehnten behauptet, dieses Stück sei ein besseres Abbild von Johannes Brahms als jede Fotografie. Vielleicht kam ja in dieser Komposition besonders der Bezug zum Namensgeber Feininger zum Ausdruck. Die teilweise verspielten Motive wirkten klar und transparent, die Farbigkeit des Klanges atemberaubend und die einzelnen Strukturen souverän zum Licht ziehend. Insgesamt ein Musikabend für höchste Ansprüche.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 23.02.2024
Landsberg: Bill Laurance & Michael League - Melodische Kammermusik
Zum vergrößern bitte Bild anklicken
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fotos: TJ Krebs
Landsberg. Sie können auch anders. Mit dem Kollektiv Snarky Puppy spielten Bill Laurance und Michael League eine schweißtreibende Mischung aus Jazz, Pop, Electronic und Funk und wurden für etliche ihrer Alben mit einem Grammy nominiert. Nur wenige wagen, derart erfolgreich, den stilistischen Bruch und verlassen den sicheren Hafen der Publikumsgunst um Neues zu wagen. Wie ein solcher Richtungswechsel klingt, war am Donnerstag im Landsberger Stattheater zu erleben. Dort spielten die beiden Amerikaner eine Art melodischer Kammermusik, durchsetzt mit Improvisationen und rein akustisch umgesetzt.
Die beiden Ausnahmemusiker haben im Januar letzten Jahres mit „Where You Wish You Were“ erstmals ein Duo-Album veröffentlicht, aus dem sie ausführlich und mit freudiger Hingabe zitierten. Zur Entstehung der damaligen Aufnahme sagte Bill Laurance „Ein gemeinsames Album war nur eine Frage der Zeit. Michael und ich sind seit 20 Jahren eng befreundet und haben in so vielen verschiedenen Bereichen zusammengearbeitet - mit Snarky Puppy, meiner eigenen Band und mit anderen Künstler:innen. Und so kennen wir einander in- und auswendig und es fühlt sich extrem natürlich an, zu zweit zu spielen.“
Diese Wertschätzung war während des gesamten Konzerts zu spüren. Hinzu kam ihre musikalische Leidenschaft, die sie von einer Idee zur nächsten trugen, sowie die häufig sehr verspielten Improvisationen, die sie immer als eine gemeinsame, kompakte Einheit ablieferten. Es war wie ein Ineinandergreifen von gut geölten Zahnrädern, wenn Laurance über die Tastatur des Flügels rast, oder mit nur wenigen Noten ein berührendes wie intimes Thema formt. League, an der arabischen Kurzhalslaute und am Fretless Acoustic Guitar Bass im Einsatz, ergänzte die zarten Figuren, sorgte mit seinem groovenden Erfahrungsschatz für den rhythmischen Unterbau und fand immer wieder Möglichkeiten, solistisch herausfordernde Wege im Gesamtkontext zu gehen. Trotzdem zeichnete sich der Abend eher durch eine sparsame Instrumentierung aus und, bei aller Freiheit, beeindruckten die transparenten wie luftigen Arrangements.
Beide spielten ihre Kompositionen mit wahrer Hingabe und integrierten zugleich das Publikum. Dieser spürbare Spaß und die ganz allgemeine Freude am Musizieren, den beide vermittelten, verströmte zugleich einen Hauch positiven Entertainments.
Dass sich Michael League bei zwei Drittel der Stücke für die Oud als Duo-Instrument entschied, liegt an seinem familiären Background: „Meine Familie ist griechischer Abstammung und mein Bruder ist ein Spezialist für griechische Volksmusik. Und so hielt ich zum ersten Mal eine Oud in der Hand, als ich als 14-Jähriger in dessen Zimmer schlich. In unserem Elternhaus spielte immer griechische und türkische Musik und in den letzten knapp zehn Jahren habe ich immer wieder die Türkei besucht, um mehr über die Musik der Region zu lernen.“ Natürlich spiegelt sich diese Einstellung besonders in der mehr individuell fokussierten Duo-Arbeit wieder. Zugleich ist es eine Erweiterung musikalischer Stilistik und instrumentaler Klangfarbe, wenn biographische Bezüge derart bewusst in die eigene Musik Einzug halten.
Es war ein außergewöhnlicher, ein mitreißender Musikabend, der plausibel endete: Zwei Zugaben - Standing Ovations.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 16.02.2024
München: Meredith Monk – Das Durchstoßen von Oberflächen
Bilder
Bilder
Bilder
Fotos: TJ Krebs
München. Sie selbst sieht sich als Komponistin - bekannte Meredith Monk schon vor vielen Jahren. Alles in ihrer Kunst dreht sich um Töne, um Klang, um rhythmischen Ausdruck. Auch dann, wenn sie als Tänzerin, Regisseurin, Dramaturgin, Choreografin, Gestalterin auf der Bühne steht oder in Ausstellungen ortbar ist. Doch im Grunde lassen sich bei ihren Auftritten einzelne Sparten nicht so einfach voneinander trennen. Denn in ihrer Kunst regiert die Ganzheitlichkeit der Kommunikation. All ihre Schaffensprozesse sind, zusammengenommen, eine Art multisensorisches Werk.
Im Rahmen der Ausstellung CALLING im Münchner Haus der Kunst, präsentierte die 1942 in Queens, New York City geborene Monk am Donnerstag gemeinsam mit Katie Geissinger (Stimme) und Allison Sniffin (Stimme, Geige und Keyboards) eines ihrer heute absolut seltenen, wie ungemein berührenden Konzerte.
Aber was heißt Konzert. Monks Auftritt darf, trotz des inflationären Gebrauchs dieser Umschreibung, tatsächlich als eine Performance beschrieben werden. Mehr Aktion als Vollendung, mehr Spiritualität als Perfektion, mehr Überzeugung als Verwundbarkeit.
Sie füllt den Raum mit ihrer Choreographie von Stimmen, von weltlichen Lauten, begegnet dem Unbewussten tänzerisch, durchstößt die Oberfläche und findet Zugang zu dem Darunter. Sie lässt sich leiten von transzendenter Sensibilität und vereinnehmender Empathie und ist dabei doch unerbittlich zu sich selbst, dabei auch aufrüttelnd und insistierend.
An ihrer Seite Katie Geissinger und Allison Sniffin, zwei Künstlerinnen, die schon seit den 1990er Jahren zum Meredith Monk Vocal Ensemble gehören. Sie wirken auf der Bühne befreit von allen Konventionen, scheinen nur der Kreativität und Sinnlichkeit ihrer Kunst verpflichtet. Sie kommunizieren in statischer Geschlossenheit, im Kanon, mit minimalistischen Gesten verziert. Alles atmet die Liebe und die Sehnsucht des freien Geistes. In kindhaft verspielte Melodien verpackt, oder von komplexer Realität gerahmt.
Jörg Konrad

Am Samstag, 17. Februar um 19.00 Uhr treten Meredith Monk, Katie Geissinger und Allison Sniffin noch einmal im Haus der Kunst auf. Wer diesen Auftritt verpasst – die Ausstellung CALLING würdigt in einer beeindruckenden Werkschau die Einzigartigkeit der Künstlerin Meredith Monk noch bis zum 03. März 2024.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Montag 05.02.2024
Landsberg: Marc Ribot’s Ceramic Dog – Vielleicht im nächsten Jahr
Bilder
Foto: EbruYildiz
Landsberg. Alle drei sind mit eigenen Projekten weltweit unterwegs. Und so kann es passieren, dass einer von Ihnen ausfällt. Nicht, weil er einen Flieger von Bombay nach Rio verpasst hat. Sondern, wie im Fall von Bassist Shahzad Ismaily, weil dieser am Wochenende in Los Angeles weilte - zur Grammy Gala. Er ist nominiert für Best Global Music Performance (Feist) und Best Alternative Jazz Album (Arooj Aftab Trio).
So saßen am Sonntag im Landsberger Stadttheater bei den Ceramic Dog nur zwei Drittel der regulären Band auf der Bühne. Am Bass hingegen ein Ersatzmann: Der Punk und Jazz erfahrene Reza Askari. Und gleich vorweg – dieser erfüllte seine Aufgabe großartig, musizierte verlässlich im Sinne des eindrucksvollen Alternative-Blues-Free-Projects und gab tatsächlich manch exzellenten Impuls.
Im Grunde aber keine leichte Herausforderung. Denn in einem derartigen Trio steht weniger der Einzelspieler im Zentrum des Geschehens. Meist werden entsprechend alle beteiligten Instrumentalisten gleichermaßen gefordert, sind jeweils Solist als auch Teamplayer. Alles andere wäre fatal.
Gegründet hat dieses Kraftpaket Marc Ribot übrigens im Jahr 2008. Ribot, ein Gitarrist, der eigentlich so gar nicht ins Bild dieses präzise agierenden, perfekt virtuosen Saitenzauberers passen will. Dafür ist er zu sperrig, sind seine musikalischen Meriten zu unkonventionell, um nicht zu sagen zu überspannt. Ein Desperado am Instrument. Unregelmäßige Veröffentlichungen heizen die Spannung bei den Auftritten seiner Ceramic Dog bei ihrer Fangemeinde noch zusätzlich an. Und die ist groß - auch in Landsberg.
Volles Haus am Lech. Und von Anfang an war akustisch klar, worum es Ribot und seinen Mannen geht: Freiheit, Abenteuer, Intensität. Und dieses erreichen sie durch maximale Reduktion bei optimaler Wirkung. In „Connection“, aus dem gleichnamigen Album, genügen als Beispiel zwei Riffs, und der Theatersaal beginnt zu brodeln, wie ein Vulkan, kurz vor dessen Ausbruch. Und dann entlädt sie sich tatsächlich, die Energie, die leidenschaftliche Bestimmtheit und hält das Publikum knappe einhundert Minuten in Schach.
Natürlich fallen einem bei Ribots Gitarrenarbeit sofort die Altvorderen des Blues ein, aber auch ein Albert Ayler oder ein Arto Lindsay - zumindest was Momente des Gesangs betrifft. Aber Ribot demontiert und editiert all die Verbindungen mit respektvoller Gnadenlosigkeit und so wird das, was er spielt, letztendlich wieder zu einem reinen Ribot. Und mit diesem Ton, diesem schneidenden Sound, diesem radikalen Schwung unterfüttert er entschieden seine bisher längste musikalische Beziehung, die zu den Ceramic Dogs.
Dieses Trio ist sein Rock'n Roll Sprachrohr, ebenso knarzig wie politisch, provokant wie geistreich. Auch dank eines explodierenden Schlagzeugers Ches Smith, der ebenso unerbittlich hart auf die Eins schlägt, wie er polyrhythmisch zu jonglieren versteht. Und der sich prächtig mit Bassist Reza Askari ergänzt, der wiederum als eine Art Mittler zwischen den beiden Außen Ribot und Smith fungiert.
Am Ende hinterließ dieses Trio auf seinem wilden wie schweißtreibenden Ritt durch die Musikgeschichte eine breite Schneise, eine fruchtbare Furche, die aufgrund ihrer konsequenten Originalität noch eine gehörige Weile nachwirken wird.
Übrigens ist Shahzad Ismaily bei der Grammy-Verleihung in der Nacht zum Montag leer ausgegangen. Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr – mit Ceramic Dog!
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Foto Big Creek Slim: Agentur
Samstag 20.01.2024
Fürstenfeld: Big Creek Slim, Roger C. Wade & Christian Rannenberg – Blues der die Seele wärmt
Fürstenfeld. „Wer über den Blues schreibt, begibt sich auf gefährliches, unsicheres Terrain“, schrieb Siegfried Schmidt-Joos anlässlich der „American Folk Blues Festivals“ - Tournee 1963. „Er betritt eine Welt ohne Geburtenregister und ohne Tagebuch-Notizen, ein eigentümliches Halbdunkel mehr oder weniger zutreffender Erinnerungen.“
Das hat sich im Laufe der Jahrzehnte größtenteils geändert. Das Originäre, das Archaische existiert zwar noch immer, bezieht sich heute jedoch mehr auf die Musik, als auf die Interpreten und ihre Lebensumstände. Blueser aus den Elendsvierteln, dass ist oft nur noch Geschichte. Doch deren Geist, ihre Unerbittlichkeit, Hingabe und Melancholie beeindrucken hingegen noch heute manchen jungen Musiker hörbar in seiner Kunst.
Gitarrist und Sänger Big Creek Slim ist so ein Besessener, der das ganze Erbe der Blueslegenden wie ein Schwamm in sich aufgesogen zu haben scheint. Er bewegt sich auf diesem schmalen rudimentären Pfad, wie einst Howlin’ Wolf oder gar Charley Patton, mit dieser urwüchsigen, authentischen Sparsamkeit im Spiel und dieser unglaublichen Aussagekraft.
Am Freitag war der Däne(!) zusammen mit dem energiegeladenen Mundharmonikaspieler Roger Wade und dem virtuosen Pianisten Christian Dannenberg in Fürstenfeld. Blues First rief und trotz tiefster Minustemperaturen war der Saal vollbesetzt - das Publikum in bester Stimmung.
Es gab wohl kaum jemanden an diesem Abend, der den Gang in die Kälte bereute. Dafür sorgten die Drei auf der Bühne. Obwohl kein reguläres Trio, sondern spontan für diesen Abend zusammengekommen, ließen sie die Seele des Blues von der Leine. Und vielleicht auch gerade weil musikalisch nicht alles so zielgenau passte, es hin und wieder Improvisationsstrecken gab, sprang der Funke vehement über. Fehlender Perfektionismus ist in unserer heute so durchgestylten und durchorganisierten Welt ein Novum. Zumal es im Blues eben auch immer weitaus stärker um ein Lebensgefühl geht, das einst als Worksong auf den Baulwollfeldern des Mississippi zum Ausdruck gebracht wurde, später als Grundlage den Jazz erweiterte und wie kaum eine andere Musik Emotionen ganz direkt vermittelt.
Doch entsprechend dem Fürstenfelder Trio, das im Grunde aus sehr eigenen Charakteren besteht, gab es auch furiose Boogie Woogie Passagen, in denen Christian Rannenberg seine ganz Erfahrung und sein Können zum Ausdruck brachte. Die schwungvoll sich wiederholenden Bassfiguren mit der rechten Hand spielend und die perlenden Akkordläufe mit den kurzen melodischen Figuren dagegengesetzt, ließ jedes Mal sofort eine rhythmische Stimmung aufkochen.
Roger C. Wade war das improvisierende Verbindungsglied zwischen Big Creek Slims trocknen Gitarrenlicks und seinem unverhohlen rauen Gesang und den mehr filigranen Fingerspielen des Pianisten. Wade brachte diese unterschiedlichen Persönlichkeiten mit seiner Harmonika zusammen, schuf diesen gemeinschaftlichen Sound, der das Publikum tief in seiner Seele berührte und es so ordentlich wärmte.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Fotos: Armin Smailovic
Freitag 12.01.2024
Fürstenfeld: Macbeth – Konventionen gesprengt
Fürstenfeld. Heiner Müller, einer der vielleicht spektakulärsten deutschsprachigen Theatermacher, war selbst Shakespeare verfallen, den er immer wieder neu übersetzte, bearbeitete und inszenierte, weil, wie Müller meinte, in den Stücken des Engländers alles menschliche und nichtmenschliche drastisch zum Ausdruck gebracht wurde. Eine ideale Projektionsfläche für diktatorische Gesellschaften, weil in den Dramen alles politisch Maßlose ausgedrückt werden konnte, was vor allem aufgrund von Zensur und staatlicher Willkür verboten war. Shakespeare passt immer.
Johan Simon vom Schauspielhaus Bochum hat "Macbeth" von Shakespeare neu inszeniert und das Stück am Mittwochabend in Fürstenfeld als Gastspiel präsentiert.
Macbeth wird nach dem Sieg über die Norweger von drei Hexen geweissagt, dass er zum König aufsteigt. Eingeladen zur Siegesfeier beim amtierenden König Duncan und auf Initiative von Lady Macbeth ersticht Macbeth Duncan und wird so zum König ausgerufen. Doch damit beginnt erst das eigentliche Spiel um Macht und Herrschaft, um Terror und Revolte.
Johan Simon und sein Ensemble, zu dem nur drei(!!) Schauspieler gehören, machten aus dem blutrünstigsten Shakespeare-Stück, der Greuel-Ballade vom Königsmord und seinen Folgen, eine Chimäre aus Tragödie und Boulevard. Mordgier kontra Witzeleien, Irrsinn kontra Konvergenz, manirierte Tanzeinlagen kontra sinnloser Gewalt.
Doch besonders in der Gegenüberstellung und dem Herausarbeiten dieser Gegensätze wird die uneinschätzbare Grausamkeit der Figuren deutlich, wird das Stück, trotz mancher Längen, zu einer Art klassischer Horrorkomödie, in der das Lachen stets im Halse stecken bleibt.
„Macbeth“ ist besetzt mit drei (fest eingeschworenen) Schauspielern, die die Rollen unter sich aufteilen: Stefan Hunstein (Hexe 1), Jens Harzer (Hexe 2, Duncan, Macbeth, Malcolm, Mörder) und Marina Galic (Hexe 3, Lady Macbeth, Banquo, Macduff, Lady MacDuff, Sohn). Ein überschaubares Ensembles, das sich voller Lust und Leidenschaft in die Inszenierung wirft. Besonders Iffland-Ring-Träger Harzer hat mit seinen Rollen eine beinahe Mamutaufgabe zu bewältigen. Drei Stunden als Schwadroneur, Conférencier mit Slapstickeinlagen, gewaltbereiter Delinquent, winselnder Idiot, Grimassen schneidender Narr - Krone auf, Krone ab, Krone auf - und Lebensweisheiten von sich gebender Teilzeitphilosoph („Wir fischen nur im Trüben, wenn wir hoffen. Denn die Entscheidung wird vom Schwert getroffen, im Krieg“) ist schon eine gewaltige Herausforderung.
Marina Galic verführt und stiftet an, stirbt und tötet, radikalisiert und bittet um Verzeihung.
Und selbst Hunstein, obwohl offiziell nur Hexe 1 verkörpernd, hat ordentlich zu tun: Als Giftmischer und Pferdeersatz, als Spielmaterialien überreichender Requisiteur, als Eintänzer und DJ.
Diese Inszenierung sprengt manche Konventionen, amüsiert ebenso, wie sie Fragen offen lässt, beeindruckt in ihrer federleicht gespielten Abgründigkeit und trifft den Zuschauer mit ihrer Kompromisslosigkeit im Tagesgeschäft der Macht.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2024 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.