Geipels Hauptaugenmerk liegt in „Fabelland“ im Bereich der ungenügenden historischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Wären, neben dem verständlichen Freudentaumel 1989, ernsthaft und allumfassend die politischen Strukturen der SED-Diktatur kritisch analysiert worden, anstatt die bestehende ostdeutsche Wirtschaft kontinuierlich zu zerschlagen, wäre der Weg der Einheit ein anderer gewesen und die Nachwirkungen von insgesamt 59 Jahren Diktatur(!!!) mit Sicherheit um einiges positiver.
Etliches bei der (oberflächlichen) Vergangenheitsbewältigung innerhalb der DDR nach 1989 erinnerte an die Aufarbeitung der Nazidiktatur, für die das ostdeutsche Land als Staat sich nie wirkliche verantwortlich fühlte. Denn mit der Gründung der DDR im Jahre 1949 blendete man jegliche Schuldfrage und Rechenschaft von vornherein aus.
Die heute an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst lehrende einstige Leistungssportlerin verweist aber auch auf die schmerzvolle und konfliktreiche Vergangenheitsbewältigung im Westen nach 1945. Erst mit den Studentenausschreitungen 1968 wurde sich mit den Themen des Nationalsozialismus intensiver und vor allem individueller auseinandergesetzt.
Der Osten gab den Altnazis, die natürlich auch in der sowjetisch besetzten Zone an neuen Karrieren arbeiteten, bis auf ganz wenige Ausnahmen, einen „Persilschein“, erklärten sich sogar zu den Siegern der Geschichte und bauten mit ihrer Hilfe und ihrer Erfahrung die nächste Diktatur auf.
Dass nach 1989 rechte Ressentiments greifen konnten, lag auch an den spürbaren Veränderungen, die sich nach der Wiedervereinigung in Industrie und Wirtschaft vollzogen. Denn der Aufbau der Demokratie im Osten ging 1989 für viele mit dem Verlust der eigenen Arbeitsplätze einher und damit mit der Angst um die eigene Existenz. Die Demokratisierung des Westens war hingegen in den 1950er Jahren eng mit neuen Arbeitsmöglichkeiten und dem damit einhergehenden (west-)deutschen Wirtschaftswunder verbunden.
Insofern hatten die kommunistischen Altkader der einstigen DDR, die auch 1989 untereinander noch immer gut vernetzt waren, leichtes Spiel, Unmut in der Bevölkerung zu säen und eine latente Unzufriedenheit zu fördern. Denn was hilft die Reisefreiheit, wenn sich die Menschen diese nicht leisten können? Der Opfermythos begann Blüten zu treiben und der Leitsatz lautete (bis in unsere Tage): Es war doch früher alles nicht so schlimm.
Von dieser Befindlichkeitslage aus Unzufriedenheit, Widerspruch und Trotz, ist es nur ein kleiner Schritt, sich hinter gefährlichen Dämagogen und Populisten zu versammeln und mit diesen gemeinsam störend wie destruktiv auf die Gesellschaft einzuwirken.
Gleichzeitig gelingt es den etablierten Volksparteien nicht, gegen diese negative Entwicklungen konstruktiv vorzugehen, sich im Sinne einer gemeinsamen Aufklärung zu positionieren, eine Vergangenheitsbewältigung funktional aufzubauen und effektiv voranzubringen. Stattdessen scheitert jede gewinnbringende und zielführende Zusammenarbeit untereinander aufgrund narzistischer Nabelschau und parteiinterner Machtkämpfe.
All diese Entwicklungen fasst Ines Geipel griffig und verständlich zusammen. „Fabelland. Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück“ ist zugleich ein nachdenklich machender Text, dem inhaltlich nicht an jeder Stelle empirische Studien zugrunde liegen. Der jedoch aufgrund genauer Beobachtung und Überlegung komplizierte Zusammenhänge und Gefühlslagen stimmig auf den Punkt bringt. Sollten Spätgeborene die Fragen aufwerfen, wie das Staats-Konstrukt DDR aufgebaut, wie dieser Unrechtsstaat organisiert war und welche Auswirkungen er nach der Wiedervereinigung 1989 auf das gesamtgesellschaftliche Leben der Bundesrepublik Deutschland hat, so sind Ines Geipels Bücher als Orientierungshilfe wärmstens zu empfehlen.
Jörg Konrad
Ines Geipel
„Fabelland“
S. Fischer
„Fabelland“
S. Fischer


























