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25. Ines Geipel „Fabelland“
26. Werner Timm „Meisterwerke – Käthe Kollwitz“
27. Curzio Malaparte „Die Haut“
28. Caroline Peters „Ein anderes Leben“
29. Zora del Buono „Seinetwegen“
30. René Aguigah „James Baldwin: Der Zeuge – Ein Porträt“
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Mittwoch 08.01.2025
Ines Geipel „Fabelland“
Ines Geipels „Fabelland“ erschien vor dem politisch unrühmlichen, aber nachvollziehbaren Ende der bundesrepublikanischen Dreierkonstellation – als Regierungskoalition auch kurz „ die Ampel“ genannt. „Fabelland“ erschien auch vor dem erschütterndem Anschlag eines scheinbar Verblendeten/Psychopathen/Mörders, der auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt für eine unsagbare Katastrophe sorgte. Direkt hat „Fabelland“ mit diesen beiden Geschehen nichts zu tun – indirekt hingegen schon. Denn Ines Geipel beschäftigt sich nicht erst seit „Fabelland“ mit den Themen innerdeutscher Politik, deren Ursachen und Auswirkungen. Es ist das mittlerweile sechste Buch, neben Textsammlungen, Biographien und Sachbüchern, in dem sich die deutsche Schriftstellerin, Publizistin und Hochschullehrerin intensiv mit der einstigen DDR auseinandersetzt. Wie kaum eine andere Autorin legt sie dabei den Finger tief in die Wunde dessen, was 1989 als ein Glücksfall in die Geschichte eingegangen ist und mit dem wir uns heute aufgrund einer ausufernden Radikalisierung erneut auseinandersetzen müssen. Denn Freiheit und Demokratie werden besonders von politisch rechtsnationalen Strömungen bedroht, so dass Rassismus, Antisemitismus und immense Fremdenfeindlichkeit wieder auf der Tagesordnung stehen.
Geipels Hauptaugenmerk liegt in „Fabelland“ im Bereich der ungenügenden historischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Wären, neben dem verständlichen Freudentaumel 1989, ernsthaft und allumfassend die politischen Strukturen der SED-Diktatur kritisch analysiert worden, anstatt die bestehende ostdeutsche Wirtschaft kontinuierlich zu zerschlagen, wäre der Weg der Einheit ein anderer gewesen und die Nachwirkungen von insgesamt 59 Jahren Diktatur(!!!) mit Sicherheit um einiges positiver.
Etliches bei der (oberflächlichen) Vergangenheitsbewältigung innerhalb der DDR nach 1989 erinnerte an die Aufarbeitung der Nazidiktatur, für die das ostdeutsche Land als Staat sich nie wirkliche verantwortlich fühlte. Denn mit der Gründung der DDR im Jahre 1949 blendete man jegliche Schuldfrage und Rechenschaft von vornherein aus.
Die heute an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst lehrende einstige Leistungssportlerin verweist aber auch auf die schmerzvolle und konfliktreiche Vergangenheitsbewältigung im Westen nach 1945. Erst mit den Studentenausschreitungen 1968 wurde sich mit den Themen des Nationalsozialismus intensiver und vor allem individueller auseinandergesetzt.
Der Osten gab den Altnazis, die natürlich auch in der sowjetisch besetzten Zone an neuen Karrieren arbeiteten, bis auf ganz wenige Ausnahmen, einen „Persilschein“, erklärten sich sogar zu den Siegern der Geschichte und bauten mit ihrer Hilfe und ihrer Erfahrung die nächste Diktatur auf.
Dass nach 1989 rechte Ressentiments greifen konnten, lag auch an den spürbaren Veränderungen, die sich nach der Wiedervereinigung in Industrie und Wirtschaft vollzogen. Denn der Aufbau der Demokratie im Osten ging 1989 für viele mit dem Verlust der eigenen Arbeitsplätze einher und damit mit der Angst um die eigene Existenz. Die Demokratisierung des Westens war hingegen in den 1950er Jahren eng mit neuen Arbeitsmöglichkeiten und dem damit einhergehenden (west-)deutschen Wirtschaftswunder verbunden.
Insofern hatten die kommunistischen Altkader der einstigen DDR, die auch 1989 untereinander noch immer gut vernetzt waren, leichtes Spiel, Unmut in der Bevölkerung zu säen und eine latente Unzufriedenheit zu fördern. Denn was hilft die Reisefreiheit, wenn sich die Menschen diese nicht leisten können? Der Opfermythos begann Blüten zu treiben und der Leitsatz lautete (bis in unsere Tage): Es war doch früher alles nicht so schlimm.
Von dieser Befindlichkeitslage aus Unzufriedenheit, Widerspruch und Trotz, ist es nur ein kleiner Schritt, sich hinter gefährlichen Dämagogen und Populisten zu versammeln und mit diesen gemeinsam störend wie destruktiv auf die Gesellschaft einzuwirken.
Gleichzeitig gelingt es den etablierten Volksparteien nicht, gegen diese negative Entwicklungen konstruktiv vorzugehen, sich im Sinne einer gemeinsamen Aufklärung zu positionieren, eine Vergangenheitsbewältigung funktional aufzubauen und effektiv voranzubringen. Stattdessen scheitert jede gewinnbringende und zielführende Zusammenarbeit untereinander aufgrund narzistischer Nabelschau und parteiinterner Machtkämpfe.
All diese Entwicklungen fasst Ines Geipel griffig und verständlich zusammen. „Fabelland. Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück“ ist zugleich ein nachdenklich machender Text, dem inhaltlich nicht an jeder Stelle empirische Studien zugrunde liegen. Der jedoch aufgrund genauer Beobachtung und Überlegung komplizierte Zusammenhänge und Gefühlslagen stimmig auf den Punkt bringt. Sollten Spätgeborene die Fragen aufwerfen, wie das Staats-Konstrukt DDR aufgebaut, wie dieser Unrechtsstaat organisiert war und welche Auswirkungen er nach der Wiedervereinigung 1989 auf das gesamtgesellschaftliche Leben der Bundesrepublik Deutschland hat, so sind Ines Geipels Bücher als Orientierungshilfe wärmstens zu empfehlen.
Jörg Konrad

Ines Geipel
„Fabelland“
S. Fischer
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Mittwoch 04.12.2024
Werner Timm „Meisterwerke – Käthe Kollwitz“
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In Berlin gibt es ein Museum unter ihrem Namen, Straßen und Schulen in Deutschland sind nach ihr benannt: Käthe Kollwitz. Als Grafikerin, Malerin und Bildhauerin gehört sie zu den bekanntesten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.
Geboren 1867 in Königsberg, gelebt und gearbeitet in Berlin, München und Paris, gestorben 1945 in Moritzburg bei Dresden, ist ihre künstlerische Qualität und die zutiefst humanistische Haltung ihr besonderes Merkmal. Kämpferische Arbeiten wie die Kreide- und Pinsellithographien „Nie wieder Krieg!“, „Nieder mit dem Abtreibungs-Paragraphen“ oder „Die Überlebenden – Krieg dem Krieg!“ haben eindeutig gesellschaftspolitischen Charakter.
Insofern ist es nur logisch, dass der Verlag Schirmer/Mosel in der Reihe „Große Künstlerinnen der Gegenwart“ den Band „Meisterwerke – Käthe Kollwitz“ neu auflegt. Werner Timm, Leiter der Ostdeutschen Galerie in Regensburg hat für dieses Buch einen einführenden und einfühlenden Essay unter dem Titel „Ich will wirken in dieser Zeit“ geschrieben.
Käthe Kollwitz wollte mit ihrer Kunst nicht nur anregen, sondern auch evozoiren, indem sie einen Teil der gesellschaftlichen Realität in ihren Werken verarbeitete - entgegen der zeitgenössischen Avantgarde. Ihre Arbeiten dokumentieren klar und klagen Stellung beziehend zugleich soziale Ungerechtigkeiten an. Ihre Bilder zeigen Leid und Elend und wirken in ihrer Darstellung oft düster. Hier finden (oft selbst erlebte) Angst, Schmerz und Trauer einen existenziellen Ausdruck.
Käthe Kollwitz nahm Kunstunterricht bei dem Maler Gustav Naujok und dem Kupferstecher Rudolf Mauer und besuchte anschließend in Berlin die Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen.
Sie lernte Gerhard Hauptmann und Arno Holz kennen, engagierte sich früh politisch und drückte entsprechend schon in jungen Jahren in ihren Arbeiten gesellschaftlich relevante Themen und Überzeugungen in einer formalen Gestaltung aus. So entstanden anfangs Radierungen und Lithographien zu Hauptmanns Theaterstück „Die Weber“, die, wie auch der Zyklus „Bauernkrieg“ in Berlin für großes Aufsehen sorgten. Max Liebermann und Adolph Menzel, die damals bekanntesten deutschen Maler, erkannten sofort ihre Begabung und förderten sie nach Kräften.
Kollwitz suchte nach politischen Ausdrucksformen, wobei dieses Engagement nach dem Tod einer ihrer beiden Söhne 1914 in der Flandernschlacht zunahm.
Sie wurde Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und übernahm 1928 die Leitung des Meisterateliers für Grafik. Die Nazis zwangen sie 1933 zum Austritt aus der Preußischen Akademie ein indirektes Ausstellungsverbot hielt sie jedoch nicht von intensiver künstlerischer Arbeit ab.
Vielleicht kann man eine Notiz aus dem Jahre 1920 als ihr Oevre, ihren persönlichen Motor in der Umsetzung von Kunst bezeichnen: „Ich hab als Künstler das Recht, aus allem den Gefühlsgehalt herauszuziehn, auf mich wirken zu lassen und nach außen zu stellen.“
Jörg Konrad

Werner Timm
„Meisterwerke – Käthe Kollwitz“
Schirmer/Mosel

Abbildungen:

- Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden, 1942,?
Lithographie
courtesy Schirmer/Mosel

- Kopf eines Kindes in den Händen der Mutter, 1900,?
Bleistift
© Photo Elke Estel, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

- Ruf des Todes, 1934/35,
Lithographie
© Photo Wolfgang Schmidt, Regensburg
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Mittwoch 27.11.2024
Curzio Malaparte „Die Haut“
Er gehörte zu den umstrittensten Figuren der Literaturszene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kurt Erich Suckert, Sohn einer Italienerin und eines Deutschen, geboren 1898 im toskanischen Prato wurde als Autor bekannt unter dem Pseudonym Curzio Malaparte (in bewußter Anspielung auf Bonaparte, in dessen Namen eine Zufriedenheit zum Ausdruck kommt, wohingegen Malaparte soviel wie „der schlechte Teil“ bedeutet). Er galt schon zu Lebzeiten als ein stark polarisierender Charismatiker, ja als Exzentriker. Eine schillernde Gestalt, Freiwilliger im 1. Weltkrieg, 1919 als Attaché in Warschau tätig, dann Anhänger Mussolinis und Mitglied der faschistischen Partei Italiens, von dieser als Verräter eingeschätzt und verurteilt, als Journalist in ganz Europa und Nordafrika unterwegs, im 2. Weltkrieg Spion für die Amerikaner, nach Kriegsende überzeugter Kommunist - der seine Villa auf Capri den Chinesen vererbte – aber auf seinem Sterbebett 1957 letztendlich zum Katholizismus übertrat.
Berühmt geworden ist Malaparte durch zwei Bücher. „Kaputt“, ein Roman dessen Grundlage seine Arbeit als Kriegsberichterstatter bildete und „Die Haut“, ebenfalls ein Roman, dessen Handlung in Neapel nach dem Sieg der Alliierten über Italien spielt, die anschließend gemeinsam gegen die Deutschen kämpfen. In zum Teil grauenhaften, erschütternden Bildern schildert Malaparte, im Buch als Verbindungsoffizier der Amerikaner auftretend, den Kriegs- und Nachkriegsalltag. Es herrscht eine völlig verkommene Moral, als der Ergebnis des Krieges, als Folge des herrschenden Hungers und der völlig fehlenden (politischen) Orientierung. Es sind schmerzlich makabre Bilder, in denen sich Frauen zur Prostitution erniedrigen, junge Burschen für eine Tüte Bonbons zu Strichjungen werden. Zugleich erzählt Malaparte die Geschichte Neapels jener Zeit mit einer gewissen distanzierten Kühle, einem zwar sprachgewaltigen, aber zynistischen Vokabular, das in seiner Analyse, aber auch Wirkung stark an Celines „Reise ans Ende der Nacht erinnert“ und dabei ein gewaltiges provozierendes Potenzial entfacht.
Malaparte wurde, obwohl immer wieder als Opportunist verschrien, der sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten schonungslos anpasst, ja sich ihnen sogar selbstaufgebend unterordnet, von öffentlicher Seite Amoralität und Antipatriotismus vorgeworfen. Aufgrund der oft verunglimpfenden Darstellungen der Neapolitaner erklärte man ihn in der drittgrößten Stadt Italiens sogar zur unerwünschten Person.
Trotzdem darf, ja muss man einschätzen, dass „Die Haut“ ein flammendes Plädoyer gegen Krieg ist. Der Autor beschreibt die mit jeder Form von Zerstörung und existenzieller Bedrohung einhergehende emotionale, wie letztendlich auch intellektuelle Verwahrlosung und ist damit ein beklemmendes Bekenntnis gegen Gewalt.
Der Vatikan setzte das Buch gleich nach Erscheinen auf den Index, wobei es in Deutschland, ein Jahr später 1950 erscheinend, zum Bestseller avancierte.
Jörg Konrad

Curzio Malaparte
„Die Haut“
Rowohlt
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Dienstag 12.11.2024
Caroline Peters „Ein anderes Leben“
„Heute ist die Beerdigung meines Vaters, und für mich ist es die Auferstehung meiner Mutter.“ So beginnt der Roman „Ein anderes Leben“. Alle treffen sich am Grab von Bow, dem Vater der Icherzählerin: sie selbst, ihre beiden älteren Halbschwestern mit ihren Ehemännern, Kindern und Vätern. Eine große Patchworkfamilie. Doch im Zentrum ihrer Gedanken und Erinnerungen steht für die jüngste Tochter ihre Mutter, die schon lange vor dem Vater gestorben ist. Auch Zeit ihres Lebens war Hanna immer im Mittelpunkt.
„Ein anderes Leben“ ist das literarische Debut der deutschen Schauspielerin Caroline Peters; ein feinfühliger, differenzierter und immer wieder sehr amüsanter Familienroman, eine bewegende Mutter-Tochter-Geschichte und das hinreißende Portrait einer unkonventionellen Frau. Vieles ist von Caroline Peters eigener Familiengeschichte inspiriert, vor allem die Figur von Hanna; vieles ist Fiktion. Denn eine Erzählung muss nicht wahr sein, um wahrhaftig zu sein, „…es reicht, wenn sie gut und glaubwürdig ist“.
Die Erzählerin des Romans wächst in den 1970er und 80er Jahren im Rheinland auf. Ihre Mutter hatte in Heidelberg Slavistik und Germanistik studiert, zusammen mit drei Freunden. Alle vier verdienten sich nebenbei Geld durch den Verkauf von Lexika und teilten ihre Begeisterung für Nachschlagewerke, für Wissensvermittlung durch das Wort. Die drei jungen Männer teilten auch eine andere Leidenschaft: Hanna. Und Hanna heiratete nach ihrer Promotion nacheinander ihre drei besten Freunde und bekam von jedem eine Tochter. Bow, der dritte Ehemann, baute ein großes Haus, in dem er mit Hanna und den drei Mädchen lebte.
Die Geschichte wird nicht linear erzählt. Die Autorin springt immer wieder zwischen der Gegenwart, Erinnerungen der Icherzählerin und Reflexionen über das Erinnern selbst hin und her. In zahlreichen, lebendig geschilderten Episoden entsteht das Bild von Hanna, einer Frau, die sich mit sprühendem Charme und enormer Energie dem spießigen Frauenideal der Nachkriegszeit entgegenstellt und der Vorstellung, eine Mutter müsse ihre eigenen Bedürfnisse denen von Ehemann und Kindern unterordnen. Die „schwächlichste aller Verhaltensweisen“ ist für sie, es so zu machen wie alle anderen. Die alte und bis heute aktuelle Frage, ob und wie eine Frau sich als Mutter und Ehefrau ihre Identität und Freiheit bewahren kann, wird im Roman in einer reflektierten und gleichzeitig unterhaltsamen Variante thematisiert.
Für die innere Freiheit spielt die Literatur eine zentrale Rolle. Aufgewachsen im Krieg, als Flüchtlingskind mit Angst und Not konfrontiert, hatte Hanna Lesen als Flucht vor der bedrückenden Realität für sich entdeckt. Auch als Erwachsene begeistert sie die Welt der Phantasie, der Sprache, der Literatur und hebt sie über den oft langweiligen und banalen Alltag hinaus. Sie übersetzt, schreibt Lyrik, arbeitet in der Unibibliothek der Slawischen Fakultät und flirtet mit Studenten. Den Sonntagmorgen verbringt sie oft mit ihrer Tochter im Bett, bei Sekt und Dostojewski-Lektüre, einer warmen „Höhle aus Daunendecke und Wörtern“. Mittags gibt es meist Essen aus der Dose. Das richtige Wort einer Übersetzung ist Hanna wichtiger als Küche und Hausarbeit, sie will als Intellektuelle und extravagante Frau bewundert werden, nicht als Hausmütterchen.
Doch auch in ihrer dritten Ehe gelingt es Hanna nicht, ihre Sehnsucht nach Autonomie zu verwirklichen, den Spagat zwischen Mutter und Künstlerin zu leben. Sie passt sich den Wünschen ihres Ehemanns an und verwandelt sich in eine „cremefarbene Gattin“. Das hat sie sich bei den Zahnarztgattinnen und golfspielenden Damen der Nachbarbarschaft abgeschaut, bei den „richtigen Leuten“, die sie aber heimlich verachtet. Doch schließlich wird sie von Wut und Empörung überschwemmt.
Hanna nimmt sich eine eigene Wohnung, lässt ihre pubertierende jüngste Tochter beim Vater und kann sich jetzt ganz ihrer Arbeit, dem Übersetzen und Dichten, widmen. Endlich hat sie ein Zuhause, das sie „ihren sich überschlagenden Gedanken, den vielen Worten in ihrem Kopf und ihrer Seele schuldig war.“
Caroline Peters hat keine Heldinnengeschichte geschrieben. Hanna ist eine durchaus ambivalente Mutterfigur. Es ist nicht einfach, die Tochter einer Mutter zu sein, die ihre Kinder zwar liebt, aber sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Einer faszinierenden Frau, die meist fröhlich und selten streng ist, die aber auch mal ihr Kind in der Kita vergisst und sich lieber selbst zuhört als ihrer Tochter.
So geht es in Caroline Peters Erinnerungsbuch auch um die Auseinandersetzung mit einer längst verstorbenen Mutter, die zu deren Lebzeiten nicht stattgefunden hat, um Vorwürfe, um Verständnis und Versöhnung.
Lilly Munzinger, Gauting

Caroline Peters
„Ein anderes Leben“
Rowohlt
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Dienstag 17.09.2024
Zora del Buono „Seinetwegen“
Im August 1963 verunglückte der junge Arzt Dr. Manfredi del Buono auf einer Schweizer Landstraße tödlich. Ein großer Chevrolet knallte in einer Kurve bei einem Überholmanöver in den VW Käfer, in dem der Arzt und sein Schwager saßen. Der Fahrer des Chevrolet und der Schwager überlebten, Manfredi del Buono starb einige Tage später im Krankenhaus. Er hinterließ eine Frau und eine acht Monate alte Tochter.
Sechzig Jahre später hat Zora del Buono, eine Schweizer Architektin und Schriftstellerin, ein beeindruckendes Buch geschrieben, in dem sie den Unfalltod ihres Vaters aufzuarbeiten versucht. „Seinetwegen“ ist eine autobiographische Recherche, die vom Verlag nicht als Roman bezeichnet wird. Denn das Buch ist weitgehend nicht fiktional. Namen und Daten von Vater, Mutter, Großeltern und der Autorin selbst sind nicht verändert; nur die Daten von Personen, die nicht zur Familie gehören, wurden verfremdet. Authentische Schwarz-Weiß-Fotos illustrieren das Geschehen.
Zora del Buono stellt sich selbst die Frage, ob es nicht egozentrisch und für andere uninteressant sei, wenn sie von ihrer ganz eigenen Geschichte berichtet. Doch sie findet eine Herangehensweise, die weit über das rein Autobiographische hinausführt. In kurzen Abschnitten beleuchtet sie die unterschiedlichsten Aspekte des Dramas ihrer Familie und bezieht häufig Gesellschafts- und Zeitgeschichte mit ein. Sie schreibt z.B. über ihre Angst vor Nähe, die sie auf den frühen Verlust ihres Vaters zurückführt. Sie erzählt von prominenten Unfallopfern wie Isadora Duncan und Albert Camus. Oder sie äußert den Verdacht, dass das Urteil im Prozess gegen den Unfallverursacher deshalb so milde ausgefallen ist, weil ihr Vater Italiener war. Darauf folgt ein Kapitel über Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz der 1960er-Jahre.
Immer wieder sind Kaffeehausunterhaltungen mit Freunden eingeschoben, einer Psychiaterin und einem Künstler, die - wie der Chor im antiken Drama - Zoras Recherche interpretieren und kommentieren.
Trotz der Schwere des Stoffes schreibt die Autorin in einem lockeren, meist sachlichen, manchmal humorvollen, immer jedoch völlig unsentimentalen Ton. So gestaltet sie ein vielfältiges Mosaik aus Erinnerungen, Gesprächen, Reflexionen und zeitgeschichtlichen Bezügen.
Ihr Buch hat Zora del Buono ihrer Mutter gewidmet, die „mit so viel Würde ihr Leben allein geschafft hat“. Die Mutter, eine attraktive Frau, hat nicht wieder geheiratet, ihre Tochter alleine großgezogen und Karriere als Kunsthistorikerin gemacht. Ihr Leben lang hat sie um Zoras Vater getrauert, aber kaum über ihn gesprochen. Schweigen war ihre Überlebensstrategie. Im Alter sinkt sie zunehmend in eine schwere Demenz. In dieser Situation, als ihr auch die Mutter entgleitet, empfindet die 60-jährige Autorin eine tiefe Einsamkeit und eine große Sehnsucht nach ihrem unbekannten Vater. Das gibt ihr den Anstoß für ihre Spurensuche. Beim Stöbern in alten Briefen, Fotos und Filmen begegnet er ihr als ein charmanter, allseits geschätzter Arzt und Wissenschaftler. Doch, wie sie gegen Ende ihres Buches feststellen muss: Der Einzige, dem sie wirklich nähergekommen ist, ist nicht ihr Vater, sondern der Mann, der ihn auf dem Gewissen hatte.
Anfangs kennt sie nur die Initialen seines Namens. Ihre intensive Recherche führt Zora del Buono über die Gerichtsakten zum Unfall schließlich bis in das Dorf, in dem er lebte und starb, und zu Personen, die ihn noch kannten. Je mehr sie über ihn weiß, desto weniger erscheint er ihr als empathieloser Töter, sondern als Mensch, mit dem sie Mitgefühl hat. Sie erfährt, dass er nach der Katastrophe mit ihrer Mutter korrespondiert hat und mehrmals ins Krankenhaus gefahren ist, um sich nach ihrem Vater zu erkundigen; dass er als Kind adoptiert wurde und immer alleine gelebt hat. Vor allem ihre Vermutung, er könnte – wie sie selbst - homosexuell gewesen sein, bringt ihn ihr nahe und „hebt ihn in ihre Welt“, wie sie schreibt. Könnte er vielleicht sogar einmal Gast im subkulturellen Berlin der 1980er- und 1990er-Jahre gewesen sein, wo sie die intensivste Zeit ihres Lebens verbracht hat? „Du hattest so ein schlimmes Bild von ihm…. Dich hat deine Recherche auch verändert.“ sagt ein Freund zu ihr.
„Seinetwegen“, ein faszinierendes, sehr humanes Buch, steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2024. Zu Recht.
Lilly Munzinger, Gauting

Zora del Buono
„Seinetwegen“
C.H.Beck
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Donnerstag 29.08.2024
René Aguigah „James Baldwin: Der Zeuge – Ein Porträt“
James Baldwin gehört zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren, mit stark politischem und sozialem Anliegen. Und wenn er auch als Romanautor, Essayist, Dramatiker und Lyriker im 20. Jahrhundert bekannt geworden ist, tritt er in seinen Texten vor allem als ein überzeugter Menschenrechtsaktivist in Erscheinung. Anlässlich seines 100. Geburtstages ist im C.H.Beck Verlag die Biographie „James Baldwin – Der Zeuge“ von René Aguigah erschienen. Ein Porträt des Autors und Menschen und eben auch des Menschenrechtsaktivisten.
Baldwins (literarische) Inhalte kreisen immer um die eigenen Diskriminierungen und damit um die ihn ganz persönlich betreffenden Themen. Rassismus und Sexualität als Stigmatisierung begegnete ihm ein Leben lang. Dieses Gefühl erfahrener Ungerechtigkeit erzeugt eine spürbare Wut, die er in literarischen Texten zu kanalisieren verstand und in späteren Diskussionsforen beeindruckend zum Ausdruck brachte.
Im März 1978 gab James Baldwin dem Kritiker der Zeit Fritz J. Raddatz ein Interview und der Schriftsteller antwortete auf die Frage, ob er denn das Leben in Amerika nicht mittlerweile weniger rassistisch erleben würde: „Die Weißen haben uns, seit wir auf dem Sklavenblock zur Auktion standen, benutzt und weggeworfen, wie sie es heute mit ihren Autos oder Kleenex-Tüchern tun. Wir waren und sind Ware. Rassenkampf ist Klassenkampf. Jede Arbeitslosenstatistik noch heute, 1978, bestätigt das. Sie haben uns gedemütigt, unsere Identität zerstört.“
Der Blickwinkel, aus dem René Aguigah in „Der Zeuge – Ein Porträt“ James Baldwins Leben skizziert, ist entsprechend auch der des politisch engagierten und sexuell diffamierten Menschen.
Zwar beschreibt Aguigah chronologisch die Umstände, die Baldwin zum anerkannten Autor haben werden lassen. Zugleich arbeitet er aber auch faszinierend heraus, dass sich überzeugtes Eintreten für Menschenrechte und literarisch anspruchsvolle Texte als Romancier nicht unbedingt ausschließen. Im Gegenteil: Gerade Baldwin versteht es, wie nur wenige andere, bodenständige Geschichten zu erzählen, die weitab jedweden propagandistischen Niveaus stehen.
Dafür sind seine Texte, trotz dem überzeugenden Plädoyer gegen Rassismus und Homophobie, literarisch zu anspruchsvoll.
Baldwins Essays hingegen sind regelrechte Kampfschriften der Bürgerrechtsbewegung. Intelligent verfasst und mit klarer politischer Haltung als ein Realist des Lebens erkennbar. Er konnte präzise analysieren und zugleich Prosatexte von poetischer Überzeugungskraft schreiben.
René Aguigah, Leiter des Literaturressorts im Deutschlandfunk, bringt auf knapp zweihundert Seiten diese verschiedenen wie faszinierenden Facetten Baldwins Persönlichkeit zum Ausdruck. Er beschäftigt sich intensiv mit einigen seiner Texte, zeigt die Widersprüche und Divergenz seines Denkens auf, die Baldwin sehr wohl auch selbst bewusst waren und unter denen er fast ein Leben lang litt. Aguigah macht zudem deutlich, wie sehr der in Harlem geborene Autor ein Suchender war, der sich trotz seiner Nähe zu Martin Luther King und Malcolm X nicht als stolzer Amerikaner fühlte, der in Paris in der Obdachlosigkeit lebte und auch das Laben als erfolgreicher Schriftsteller kennenlernte.
Das jedoch vielleicht wichtigste, was René Aguigah mit „James Baldwin: Der Zeuge – Ein Porträt“ vermittelt, ist die Neugier, die er auf Baldwins Bücher macht. Wer sie kennt, bekommt fast unstillbare Lust, sie noch einmal zu lesen. Und wer Baldwin, aus welchen Gründen auch immer, bisher nicht gelesen hat, wird es jetzt mit Sicherheit tun.
Jörg Konrad

Einige von Baldwins Romanen sind anlässlich seines 100. Geburtstages neu übersetzt jetzt bei dtv erschienen:
Wie lange, sag mir, ist der Zug schon fort (Roman)
Von einem Sohn dieses Landes (Essays)
Kein Name bleibt ihm weit und breit (Essay)
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Autor: Siehe Artikel
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