Woche des Buches & Urlaubslektüre (3)
Wer weiß denn heute noch wo Wolhynien lag? Dieses kleine, vom Schicksal der Großmächte wie Russland und Polen geteilte und gedemütigte Land mit gerade einmal knapp drei Millionen Bewohnern. Hier lebten bis Ende des 19. Jahrhunderts viele Deutsche, die im Laufe des 1. Weltkriegs zwangsausgesiedelt wurden. Der Hitler-Stalin-Pakt entschied 1939, dass Wolhynien endgültig ein Teil der damaligen Sowjetunion werden sollte.
Da jedoch lebte der russisch-österreichisch jüdische Dichter Chaim Nachman Bialik schon nicht mehr. 1873 in der Nähe der Großstadt Schytomyr, der heutigen Nordwestukraine geboren, starb er am 4. Juli 1934 in Wien.
Chaim gilt als einer der einflussreichsten hebräischen Autoren Israels und wird als jüdischer Nationaldichter hochverehrt. Nachdem er früh seinen Vater verlor, wuchs er beim Großvater auf, der ihm eine traditionelle jüdische Erziehung zukommen ließ. Chaim beschäftigte sich zudem mit Literatur und Politik, las säkulare Werke der europäischen Literatur in Deutsch und Russisch.
Als der Großvater starb ging er 1900, mittlerweile verheiratet, mit seiner Frau nach Odessa, wurde dort vom Zionismus beeinflusst und gründete mit Freunden einen Buch-Verlag, in dem er Klassiker der hebräischen Literatur und Schulbücher herausgab. Außerdem übersetzte er Meisterwerke der Literatur wie Shakespeares „Julius Caesar“, Schillers „Wilhelm Tell“, Cervantes’ „Don Quichotte“ und Gedichte von Heinrich Heine. Er lebte mit kurzen Unterbrechungen zwanzig Jahre in Odessa und wurde hier Augenzeuge mehrerer Progrome, die er literarisch in Gedichtform verarbeitete, die ins jiddische, russische und polnische übersetzt wurden.
1922 durfte Chaim dank der Fürsprache Maxim Gorkis die Sowjetunion verlassen. Es zog ihn, nebenher immer literarisch tätig, nach Berlin, von da aus nach Bad Homburg, wo er einen Ausreiseantrag ins britische Mandatsgebiet Palästina stellte und nach Tel Aviv auswanderte.
Er baute sich im Zentrum der Stadt ein großes Haus – bis heute das Balik-Haus. Von einer inneren Unruhe getrieben reiste er quer durch Europa und in die USA, verlegte weiter Bücher, schrieb selbst Gedichte sowie Erzählungen und brachte editorische Projekte voran. Er starb 1934 aufgrund von Komplikationen nach einer Operation in Wien.
„Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“ enthält drei erstmals ins Deutsche übersetzte Erzählungen von Chaim Nachman Bialik . Sie beschreiben in Auszügen einen Teil des jüdischen Lebens, wie Chaim es in seinen Jugendjahren erlebt hat. Es sind sehr emotionale Geschichte, in denen Tragisches neben Urkomischen steht, Schmerz, Freude und Hoffnung innerhalb einer versunkenen Welt zum Ausdruck kommt. Einige dieser berührenden Beschreibungen erinnern an Siegfried Lenz und seine Sammlung von Kurzgeschichten in „So zärtlich war Suleyken“. Es sind Liebeserklärungen an eine Landschaft, an die dortigen Menschen, handeln aber auch von den inneren Unsicherheiten und seelischen Verwirrspielen eines Heranwachsenden.
Zudem enthält das Buch Chaims berühmtestes und erschütterndes Langgedicht „In der Stadt des Tötens“ über russische Pogrome, die in Kischinew zwischen 1903 und 1906 stattgefunden haben. Hier wird neben dem schreienden Ausdruck der Unmenschlichkeit auch immer wieder seine innere Zerrissenheit zwischen Religion und Aufklärung deutlich - geschrieben in einer Sprache berückender Poesie.
Alfred Esser
Chaim Nachman Bialik
„Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“
C.H.Beck
Da jedoch lebte der russisch-österreichisch jüdische Dichter Chaim Nachman Bialik schon nicht mehr. 1873 in der Nähe der Großstadt Schytomyr, der heutigen Nordwestukraine geboren, starb er am 4. Juli 1934 in Wien.
Chaim gilt als einer der einflussreichsten hebräischen Autoren Israels und wird als jüdischer Nationaldichter hochverehrt. Nachdem er früh seinen Vater verlor, wuchs er beim Großvater auf, der ihm eine traditionelle jüdische Erziehung zukommen ließ. Chaim beschäftigte sich zudem mit Literatur und Politik, las säkulare Werke der europäischen Literatur in Deutsch und Russisch.
Als der Großvater starb ging er 1900, mittlerweile verheiratet, mit seiner Frau nach Odessa, wurde dort vom Zionismus beeinflusst und gründete mit Freunden einen Buch-Verlag, in dem er Klassiker der hebräischen Literatur und Schulbücher herausgab. Außerdem übersetzte er Meisterwerke der Literatur wie Shakespeares „Julius Caesar“, Schillers „Wilhelm Tell“, Cervantes’ „Don Quichotte“ und Gedichte von Heinrich Heine. Er lebte mit kurzen Unterbrechungen zwanzig Jahre in Odessa und wurde hier Augenzeuge mehrerer Progrome, die er literarisch in Gedichtform verarbeitete, die ins jiddische, russische und polnische übersetzt wurden.
1922 durfte Chaim dank der Fürsprache Maxim Gorkis die Sowjetunion verlassen. Es zog ihn, nebenher immer literarisch tätig, nach Berlin, von da aus nach Bad Homburg, wo er einen Ausreiseantrag ins britische Mandatsgebiet Palästina stellte und nach Tel Aviv auswanderte.
Er baute sich im Zentrum der Stadt ein großes Haus – bis heute das Balik-Haus. Von einer inneren Unruhe getrieben reiste er quer durch Europa und in die USA, verlegte weiter Bücher, schrieb selbst Gedichte sowie Erzählungen und brachte editorische Projekte voran. Er starb 1934 aufgrund von Komplikationen nach einer Operation in Wien.
„Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“ enthält drei erstmals ins Deutsche übersetzte Erzählungen von Chaim Nachman Bialik . Sie beschreiben in Auszügen einen Teil des jüdischen Lebens, wie Chaim es in seinen Jugendjahren erlebt hat. Es sind sehr emotionale Geschichte, in denen Tragisches neben Urkomischen steht, Schmerz, Freude und Hoffnung innerhalb einer versunkenen Welt zum Ausdruck kommt. Einige dieser berührenden Beschreibungen erinnern an Siegfried Lenz und seine Sammlung von Kurzgeschichten in „So zärtlich war Suleyken“. Es sind Liebeserklärungen an eine Landschaft, an die dortigen Menschen, handeln aber auch von den inneren Unsicherheiten und seelischen Verwirrspielen eines Heranwachsenden.
Zudem enthält das Buch Chaims berühmtestes und erschütterndes Langgedicht „In der Stadt des Tötens“ über russische Pogrome, die in Kischinew zwischen 1903 und 1906 stattgefunden haben. Hier wird neben dem schreienden Ausdruck der Unmenschlichkeit auch immer wieder seine innere Zerrissenheit zwischen Religion und Aufklärung deutlich - geschrieben in einer Sprache berückender Poesie.
Alfred Esser
Chaim Nachman Bialik
„Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“
C.H.Beck
























