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13. Chaim Nachman Bialik „Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“
14. Felicitas Timpe „Karlheinz Stockhausen und John Cage, München 1972“
15. F. Scott Fitzgerald „Der große Gatsby“
16. Christoph Hein „Das Narrenschiff“
17. Dmitrij Kapitelman „Russische Spezialitäten“
18. Charles Dickens „David Copperfield“
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Freitag 25.07.2025
Chaim Nachman Bialik „Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“
Woche des Buches & Urlaubslektüre (3)

Wer weiß denn heute noch wo Wolhynien lag? Dieses kleine, vom Schicksal der Großmächte wie Russland und Polen geteilte und gedemütigte Land mit gerade einmal knapp drei Millionen Bewohnern. Hier lebten bis Ende des 19. Jahrhunderts viele Deutsche, die im Laufe des 1. Weltkriegs zwangsausgesiedelt wurden. Der Hitler-Stalin-Pakt entschied 1939, dass Wolhynien endgültig ein Teil der damaligen Sowjetunion werden sollte.
Da jedoch lebte der russisch-österreichisch jüdische Dichter Chaim Nachman Bialik schon nicht mehr. 1873 in der Nähe der Großstadt Schytomyr, der heutigen Nordwestukraine geboren, starb er am 4. Juli 1934 in Wien.
Chaim gilt als einer der einflussreichsten hebräischen Autoren Israels und wird als jüdischer Nationaldichter hochverehrt. Nachdem er früh seinen Vater verlor, wuchs er beim Großvater auf, der ihm eine traditionelle jüdische Erziehung zukommen ließ. Chaim beschäftigte sich zudem mit Literatur und Politik, las säkulare Werke der europäischen Literatur in Deutsch und Russisch.
Als der Großvater starb ging er 1900, mittlerweile verheiratet, mit seiner Frau nach Odessa, wurde dort vom Zionismus beeinflusst und gründete mit Freunden einen Buch-Verlag, in dem er Klassiker der hebräischen Literatur und Schulbücher herausgab. Außerdem übersetzte er Meisterwerke der Literatur wie Shakespeares „Julius Caesar“, Schillers „Wilhelm Tell“, Cervantes’ „Don Quichotte“ und Gedichte von Heinrich Heine. Er lebte mit kurzen Unterbrechungen zwanzig Jahre in Odessa und wurde hier Augenzeuge mehrerer Progrome, die er literarisch in Gedichtform verarbeitete, die ins jiddische, russische und polnische übersetzt wurden.
1922 durfte Chaim dank der Fürsprache Maxim Gorkis die Sowjetunion verlassen. Es zog ihn, nebenher immer literarisch tätig, nach Berlin, von da aus nach Bad Homburg, wo er einen Ausreiseantrag ins britische Mandatsgebiet Palästina stellte und nach Tel Aviv auswanderte.
Er baute sich im Zentrum der Stadt ein großes Haus – bis heute das Balik-Haus. Von einer inneren Unruhe getrieben reiste er quer durch Europa und in die USA, verlegte weiter Bücher, schrieb selbst Gedichte sowie Erzählungen und brachte editorische Projekte voran. Er starb 1934 aufgrund von Komplikationen nach einer Operation in Wien.
Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“ enthält drei erstmals ins Deutsche übersetzte Erzählungen von Chaim Nachman Bialik . Sie beschreiben in Auszügen einen Teil des jüdischen Lebens, wie Chaim es in seinen Jugendjahren erlebt hat. Es sind sehr emotionale Geschichte, in denen Tragisches neben Urkomischen steht, Schmerz, Freude und Hoffnung innerhalb einer versunkenen Welt zum Ausdruck kommt. Einige dieser berührenden Beschreibungen erinnern an Siegfried Lenz und seine Sammlung von Kurzgeschichten in „So zärtlich war Suleyken“. Es sind Liebeserklärungen an eine Landschaft, an die dortigen Menschen, handeln aber auch von den inneren Unsicherheiten und seelischen Verwirrspielen eines Heranwachsenden.
Zudem enthält das Buch Chaims berühmtestes und erschütterndes Langgedicht „In der Stadt des Tötens“ über russische Pogrome, die in Kischinew zwischen 1903 und 1906 stattgefunden haben. Hier wird neben dem schreienden Ausdruck der Unmenschlichkeit auch immer wieder seine innere Zerrissenheit zwischen Religion und Aufklärung deutlich - geschrieben in einer Sprache berückender Poesie.
Alfred Esser

Chaim Nachman Bialik
„Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“
C.H.Beck
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Mittwoch 23.07.2025
Felicitas Timpe „Karlheinz Stockhausen und John Cage, München 1972“
Bilder
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Woche des Buches & Urlaubslektüre (2)

Seit dem 05. September 2001 läuft in der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, bisher ohne Pause das John Cage-Stück ASLSP (As SLow aS Possible), was übersetzt soviel wie „so langsam wie möglich“ bedeutet. Die Spieldauer beträgt insgesamt 639 Jahre – somit erklingt das Stück bis ins Jahr 2640.
Cage hat diese Komposition 1985 ursprünglich für Klavier mit Hilfe eines Zufallsprogramms auf dem Computer geschrieben. Die Umsetzung des Halberstädter Projekt hat er selbst nicht mehr erlebt. Cage starb 1992 in New York.
Sein Stück „Birdcage“ hingegen setzte der Konzeptkünstler Cage 1972 anlässlich der Olympischen Spiele in München selbst um. Während der Realisierung dieses Projekts traf Cage einen anderen Pionier der elektronischen und Neuen Musik, nämlich Karlheinz Stockhausen.
Ein Foto des Zusammentreffens der beiden am 29. August 1972 in einem Festzelt im Englischen Garten ist der zentrale Ausgangspunkt einer neuen Ausgabe der Reihe „Ein Bild und seine Geschichte“ des Schirmer/Mosel Verlages. „Karlheinz Stockhausen und John Cage, München 1972“ heißt dieser neue Band, in dessen visuellem Mittelpunkt ein sehr bekanntes Bild der aus Berlin stammenden Fotografin Felicitas Timpe steht. Reinhard Ermen umreißt zudem in einem Essay die Persönlichkeiten und ihr künstlerisches Schaffen und nennt das Zusammenkommen von Cage und Stockhausen zu recht das „ … Gipfeltreffen … zweier Giganten ...“.
Beide trafen sich, wie es scheint, frohgelaunt, direkt nach der Aufführung der Parkmusik „Sternklang“ von Stockhausen. Cage war zu dieser Zeit in der Stadt, um einen Tag später seine Tonbandmusik „Birdcage“ im Bayrischen Rundfunk zu präsentieren. „Das Foto als Zeitkapsel“, schreibt Ermen, „ein Dokument, das einige Jahre auf dem Buckel hat, Schwarzweiß mit existenzialistischen Restbeimischungen.“ Cage und Stockhausen wirken in diesem Umfeld nicht intellektuell abgehoben. In ihrem Miteinander ist eine bodenständige Grundstimmung, eine freudige, ja eine fast schalkhaft ungezwungene Übereinstimmung gegenwärtig. Es war eine Zeit, in der sich beide als die Vertreter einer Bewegung sahen, die sich gegen jede Form des Establishments stellte. Letztlich ein historisches Foto, das heute als ein „ … Teil der Kunst- und Kulturgeschichte ...“ gesehen werden darf.
Jörg Konrad

Felicitas Timpe
„Karlheinz Stockhausen und John Cage, München 1972“
Ein Bild und seine Geschichte
Schirmer/Mosel

Foto:

- Karlheinz Stockhausen und John Cage nach der Aufführung von Sternklang (Stockhausen) in einem Festzelt im Englischen Garten,
München, 29. August 1972
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Montag 21.07.2025
F. Scott Fitzgerald „Der große Gatsby“
Woche des Buches & Urlaubslektüre (1)

„Niemand wird Amerika je gänzlich kennen, denke ich, da niemand je Gatsby kannte“. Das sagte einst Jack Kerouac, der Pionier der Beat-Generation und die literarische Symbolfigur der amerikanischen Gegenkultur über den titelgebenden Protagonisten in Francis Scott Fitzgeralds bekanntesten Roman. Interessant ist diesbezüglich auch, dass Kerouac 1922 geboren wurde - „Der große Gatsby“ erschien drei Jahre später.
Bis heute hat sich an dieser etwas mystischen wie faszinierenden Einschätzung nur wenig geändert. Das Geheimnisvolle, das Ungefähre, gepaart mit einer gewissen Dekadenz und einem Hang zum aufschneidenden Snobismus beschäftigt Leser und Literaturwissenschaft bis heute gleichermaßen - zumal die Bezüge zu aktuellen Geschehnissen in (der amerikanischen) Politik und Gesellschaft nicht offensichtlicher ausfallen könnten.
Auch deshalb ist es nur zu begrüßen, dass der Manesse Verlag den Roman in einer (ausgezeichneten) Neuübersetzung (von Bernhard Robben) zum 100. Jubiläum seines Erscheinens veröffentlicht.
„Der große Gatsby“ ist eine Geschichte, die auf gerade einmal 175 Seiten von einem Nick Carraway erzählt wird. Dieser wohnt auf Long Island, gegenüber einem riesigen Anwesen, in dem eben jener Jay Gatsby lebt. Ein Mensch, der sich im Überfluss eingerichtet hat, von dem jedoch niemand weiß, woher sein scheinbar riesiges Vermögen stammt. Weder Daisy Buchanan, die Gatsby einst liebte und die er zurückerobern will, noch deren brutaler wie gewissenlos agierender Ehemann Tom Buchanan. Auch nicht Jordan Baker, Daisys beste Freundin, die sich im Dunstkreis Gatsbys aufhält und sich mit Nick in einer Beziehung befindet.
Fitzgerald entwirft eine ganz besondere, magische wie undurchsichtige Atmosphäre in der Beschreibung der Dynamik zwischen diesen handelnden Personen. Im Mittelpunkt der Erzählung steht immer jener Gatsby, auch dann, wenn er körperlich nicht anwesend ist. Jede Woche gibt es in seinem Anwesen riesige Partys, auf denen sich die New Yorker Gesellschaft trifft und bei denen er nicht immer anwesend ist. Und stets wird gerätselt, womit Gatsby seinen Reichtum angehäuft hat. Schmuggelt er vielleicht Alkohol - es ist die Zeit der Prohibition in den USA; oder hat er ein Gewaltverbrechen begangen, um sich ein Vermögen anzueignen? Ist er vielleicht ein Selfmade-Millionär, oder doch nur ein durchtriebener Hochstapler?
Fitzgerald erzählt diese an sich spannende Geschichte mit eleganter Distanz, baut seinen Text um das uramerikanische Klischee auf - vom Tellerwäscher zum Millionär, was ja letztendlich auch für seine Biographie zutrifft. Und er war überzeugt von seinem Text, und meinte kurz vor Abschluss des Manuskriptes gegenüber einem Freund: „Ich glaube, mein Roman wird der beste amerikanische Roman sein, der je geschrieben wurde“. Doch „Der große Gatsby“ wurde von der Kritik und der Leserschaft bei Erscheinen nicht angenommen. Als Fitzgerald 1940 starb war er fast vergessen und kaum jemand kaufte noch seine Bücher. Einige Jahre später wurde der Roman wiederentdeckt und in den Kanon der US-amerikanischen Romanliteratur aufgenommen.
Jörg Konrad

F. Scott Fitzgerald
„Der große Gatsby“
Manesse
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Mittwoch 11.06.2025
Christoph Hein „Das Narrenschiff“
Vor über dreieinhalb Jahrzehnten löste sich ein Land auf. Mittlerweile ist dieses gesellschaftliche Staatswesen bald länger versunken, als es existente. Aber eben (noch) nicht vergessen. Und wie bei allen historischen Ereignissen, wird dieser Auflösungsprozess anschließend sehr verschieden diskutiert und eingeschätzt. Einen Blickwinkel präsentiert Christoph Hein in seinem vor wenigen Wochen erschienen Roman „Das Narrenschiff“.
Hein, Jahrgang 1944, arbeitet sich in seinen Büchern schon seit Jahrzehnten an dem Thema DDR ab. Er kann als eine Art Geschichtsschreiber oder auch Chronist bezeichnet werden, dessen Empathie für die dort lebenden Menschen, ebenso wie seine Kritik an dem gesellschaftlichen Konstrukt, in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, so dass er mittlerweile als eine ernst zu nehmende literarische Stimme in Ost und West wahrgenommen wird.
In seinem über 750-seitigem Roman „Das Narrenschiff“ erzählt Hein die Geschichte der DDR, von kurz vor ihrer Gründung, bis hin zu ihrer völligen Auflösung. Er macht diese Historie an drei Protagonisten fest, die allesamt einst aufgebrochen waren, um nach der Zeit des Dritten Reiches einen besseren Staat aufzubauen. Da ist Johannes, ein Ex-Nazi, der sich in einem sowjetischen Gefangenenlager zum Kommunisten wandelt, samt seiner Frau Yvonne und Tochter Kathinka. Dann der Kultur-Experte Kuckuck, ein schillernder „Vogel“ und Zyniker und Prof. Dr. Karsten Emser, Kommunist mit Hotel-Lux-Vergangenheit, Mitglied im SED-Zentralkomitee. Hein lässt die Figuren mit ihren jeweiligen Familien und Angehörigen die Geschichte der DDR mit all ihren Versäumnissen, Zurückweisungen und Unfähig- und Ungerechtigkeiten aufleben. Er konfrontiert seine Figuren mit dem Arbeiteraufstand 1953, dem Tod Stalins und der damit im Zusammenhang stehenden ideologischen Neuausrichtung, dem Bau der Mauer 1961, dem Prager Frühling 68 und dem Beginn der 89-Revolution.
All diese Ereignisse bedeuten jeweils einschneidende Veränderungen, sowohl im Alltagsgeschehen, als auch in den beruflichen Perspektiven dieser Protagonisten. Sie alle diskutieren nächtelang bei Doppelkorn und Wein, kommen dabei jedoch aus ihrer opportunistischen Blase, ihrem kleinbürgerlichen Vakuum nicht heraus. Weil sie alle, als Zugehörige der Nomenklatura, letztendlich auch Nutznießer dieses (Unrechts-)Systems sind.
So ist „Das Narrenschiff“ wie ein passiver Blick über den Gartenzaun eines von außen verordneten Gesellschaftssystems, in Richtung einer spießiger wie kriminellen Terrasse, die sich Kommunismus nennt. Hein erzählt zwar von den Zwängen und Neurosen und von dem Unrecht, das in einer solchen Gesellschaft regelrecht erblüht. Er erzählt von einer Clique von Despoten, die ihre Befehle aus der Moskauer Zentrale erhalten und die ihr Volk gnadenlos unterdrücken. Er beschreibt fast tagebuchartig, wie auf diese Weise Kreatives, Poetisches oder Tiefgründiges offiziell verloren geht und wie der nicht Willfährige erbarmungslos aus der Mitte der Gesellschaft an deren Rand und darüber hinaus gedrängt wird.
Doch letztendlich schildert Hein mit einem gewissen voyeuristischen Charme ein einseitiges Milieu. In der Geschichte fehlen die Opfer des Systems, jene, die dem Staat mutig entgegentraten, die im „Namen des Volkes“ eingesperrt und nicht selten auch getötet wurden. Dieser Schuss Realität hätte dem Buch gut getan.
Jörg Konrad

Christoph Hein
„Das Narrenschiff“
Suhrkamp
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Dienstag 13.05.2025
Dmitrij Kapitelman „Russische Spezialitäten“
Nach der Schule hilft Dmitrij im Laden seiner Eltern aus. Er wischt den Linoleumboden, während seine ständig rauchende Mutter im Büro das Regiment führt und sein Vater im Geschäft die Kunden bedient. Das Magasin in Leipzig ist ein Ort, an dem sich Menschen aus Osteuropa, die es in die postsowjetische Diaspora nach Deutschland verschlagen hat, heimisch fühlen können. Hier spricht man russisch, hier gibt es russische Waren wie gezuckerte Kondensmilch, Krimsekt, Flusskrebse in Tomatensoße oder bunt bemalte Matrjoschkas, und hier ist die Verkäuferin Ira verlässlich unfreundlich zu den Kunden, auf die „gute, authentisch sowjetische Art“.
In seinem autobiographischen Roman „Russische Spezialitäten“ erzählt Dmitrij Kapitelman von seiner jüdisch-ukrainisch-russischen Familie. 1986 in Kyjiw geboren, kam er Mitte der 1990er Jahre mit seinen Eltern und seiner Schwester als jüdischer Kontingentflüchtling nach Leipzig, wo seine Eltern 25 Jahre lang ein Lebensmittelgeschäft besaßen. Der Autor beschreibt eine Familie, die zusammenhält und sich im Ausland eine gemeinsame Existenz aufgebaut hat. Doch der Überfall Russlands auf die Ukraine führt zu einem Bruch und entfremdet Dmitrij vor allem seiner geliebten Mutter.
Die Mutter wurde in Sibirien geboren. Sie verbrachte dort allerdings nur drei Jahre. Danach lebte sie in Moldawien und Kyjiw, aber in Leipzig lässt sie sich nun täglich vom russischen Propagandafernsehen berieseln. Sie glaubt die Lügen über die „gerechte Spezialoperation“ gegen das ukrainische „Naziregime“. In vielen Diskussionen gelingt es Dmitrij nicht, seine Mutter von ihrer Meinung abzubringen. Ihre ideologische Verblendung gipfelt in der Behauptung, das Massaker von Butscha sei fake und nur von ukrainischen Schauspielern inszeniert.
Kapitelman geht es darum, wie sich autoritäre Politik und Wahrheitsfälschung auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken können, und wie trotz scheinbar unüberwindlicher Gräben die Liebe bewahrt werden kann. Diese schweren Themen behandelt er mit typisch jüdischem Humor; mit Spott, der aber immer menschlich bleibt, und einer Selbstironie, die ihn vor Überheblichkeit und Selbstmitleid schützt.
Immer wieder kippen die Szenen ins Surreale. Da weht der fliederfarbene Frühlingswind Herren mit Aktenkoffern heran, die den Eltern Telekom-Aktien andrehen und sie um ihre Ersparnisse bringen, da sprechen die Fische in der Kühltheke des Magasin, da verwandelt sich die desinteressierte Bahnangestellte in eine glimmende Zigarette. Die „Bizarrheit der Gegenwart“, in der Lüge und Wahrheit verschwimmen und Gewalt und Unmenschlichkeit von allen Seiten herandrängen – aus Russland, aber auch aus vielen anderen Ländern, und nicht zuletzt von deutschen Neonazis –, verwandelt Kapitelman so in Literatur.
Dass seine eigene Mutter Putins Krieg billigt, lässt Dmitrij verzweifeln und auch mit der russischen Sprache, seiner Muttersprache, hadern. „Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld.“
Schließlich entschließt er sich, selbst in die Ukraine zu fahren in der Hoffnung, seine Mutter vom Unrecht des russischen Angriffskriegs überzeugen zu können. Mit Erschütterung und Empathie schildert Kapitelman die Reise durch ein vom Krieg versehrtes Land. Er fährt durch Butscha, Irpin und Borodjanka und fühlt das blanke Grauen. Er sieht zerstörte Städte und Soldatenfriedhöfe, begegnet jungen Männern an Krücken und Soldaten, die geisterhaft verbraucht aussehen. Er trifft alte Freunde, die stoisch und mutig versuchen, den Rest eines normalen Lebens aufrecht zu erhalten. “Das ganze Leben haben sie uns weggenommen. Warum? Wofür?“ Als Dmitrji in einen heftigen Luftangriff gerät und per Handy seiner Mutter davon berichtet, schreibt sie zurück: „…es besteht ja auch gar keine richtige Gefahr. Russland beschießt ja ausschließlich militärische Ziele“.
Erst allmählich fängt Dmitrij an zu verstehen, warum seine Mutter so hartnäckig an den Lügen festhält. Ein tiefsitzender Kummer macht sie anfällig für Putins Propaganda, da sie ihr ein Gefühl von Zugehörigkeit und Stärke vermittelt. Langsam gelingt eine Wiederannäherung zwischen Mutter und Sohn.
So kann man den warmherzigen, zugleich witzigen und traurigen Roman „Russische Spezialitäten“ von Dmitrij Kapitelman auch als ein Dokument der Liebe lesen; der Liebe zu seiner Mutter wie zur russischen Sprache. „Die Sprache ist unschuldig“, sagt Kapitelman, „man darf sie nicht den Mördern überlassen“.
Lilly Munzinger, Gauting

Dmitrij Kapitelman
„Russische Spezialitäten“
Hanser
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Freitag 25.04.2025
Charles Dickens „David Copperfield“
„Wie viele stolze Eltern habe ich im Tiefsten meines Herzens ein Lieblingskind. Und sein Name ist David Copperfield“, bekannte Charles Dickens (1812-1870) am Ende seines Lebens rückblickend. Das mag mit Sicherheit auch daran liegen, dass in keinen der achtzehn Romane die Dickens schrieb, derart umfangreich sein eigenes Schicksal Einzug hielt. Der Autor arbeitete zuvor an einer Autobiographie, verwarf aber dieses Ansinnen und ließ stattdessen ganze Kapitel aus diesem Manuskript in „David Copperfield“ einfließen.
Erschienen ist der über 1200 Seiten umfangreiche Klassiker der Weltliteratur erstmals in Buchform 1850. Zuvor wurde der Roman, wie etliche andere Bücher des Engländers, als monatliche Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht: Achtzehn Ausgaben zu je 32 Druckseiten plus einer neunzehnten Publikation in doppeltem Umfang für jeweils einen britischen Schilling.
„David Copperfield“ beinhaltet die Lebensgeschichte jener Titel gebenden Person, von seiner Geburt im Dorfe Blunderstone in Suffolk bis hin zu der Zeit, in der er als Schriftsteller erfolgreich und wohlhabend geworden mit eigener großer Familie und mit sich zufrieden sein Leben noch einmal Revue passieren lässt. In den vielen Jahren dazwischen, in dem ihm das Leben in seiner harten und manchmal grausamen Seite begegnete, kreuzten die unterschiedlichsten Charaktere und Kreaturen seine Wege, Figuren die ihn formten, die ihn beeinflussten, denen er sich gegenüber erwehren musste und auf die er sich andererseits stets und immer verlassen konnte. Es waren Abenteuer, die David Copperfield Mitte des 19. Jahrhunderts in England zu überstehen hatte, denen er sich bewusst stellte und mit innerer Überzeugung gegen sie ankämpfte. Manchmal schwankte er regelrecht von einem Unglück zum nächsten, machte sich dann aber von allen negativen Beeinflussungen wieder frei, vertraute auf sich und seine Eigenschaften und überstand, nicht selten auch mit Glück und ein wenig Naivität, manche lebensgefährdende Situation.
Dickens schrieb diesen Roman in der ersten Person und, da er ja selbst aufgrund der stark autobiographischen Züge genau wusste wohin die Reise führte, greift er mit manchem Nebensatz dem Geschehen vor.
Das Positive dieses faszinierenden und absolut spannend zu lesenden Entwicklungsromans ist die Erkenntnis, dass jemand, der in sozial schwierigen Verhältnissen geboren und entsprechend mit sozialen Rückschlägen und plötzlich eintretenden Katastrophen konfrontiert wird, trotzdem am Ende auf ein erfülltes und reiches Leben blicken kann. Zugleich beeindruckt der Roman in seiner Charakterisierung von Personen und Situationen, in der Beschreibung von Atmosphären und seiner Kritik an sozialen Missständen. Melanie Waltz hat diesen Roman großartig neu übersetzt. Dabei setzt sie auf eine umgangssprachliche Wirkung des Textes, nimmt ihm jede Form eines störenden Pathos und wirkt dadurch außergewöhnlich stabil und in sich stimmig.
Jörg Konrad

Charles Dickens
„David Copperfield“
Rowohlt
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Autor: Siehe Artikel
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