In INTERVIEW werden Persönlichkeiten vorgestellt, die auf unterschiedlichste Weise das kulturelle Leben gestalten und bereichern - dabei oftweit über die Landesgrenze hinaus wirkend. Hier eine kleine Auswahl der Vorgestellten: Henning Venske, Gisela Schneeberger, Inga Rumpf, Hauschka, Stoppok, Wellküren, Isabelle Faust, Fritz Egner, Willy Michl, Nik Bärtsch, Ewa Kupiec, Symin Samawatie, Axel Hacke u.v.a.m.
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Fotos: Verena Sala, Claude Dussez
Mittwoch 24.09.2025
241. Lea Gasser: Musik öffnet Räume
Vor Jahren schrieb ein Jazz-Autor unter der Überschrift „Der multikulturelle Wechselbalg“, dass das Akkordeon endlich im Jazz angekommen sei. Ein immerhin transportables Ein-Mann-Orchester von annehmbarer Komplexität, was seine Handhabung betrifft. Argentinien, Italien, Frankreich, der Balkan – alles Zentren dieses Instruments. Und die Schweiz sollte an dieser Stelle nicht zu vergessen werden. Von hier stammt der avantgardistische Virtuose Hans Hassler, die klassisch ausgerichtete Ina Callejas und natürlich Lea Gasser, die stilübergreifend zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und kammermusikalischen Klangwelten changiert. 2020 gründete sie das Lea Gasser 5tet, mit dem sie das Album „L'Heure Bleue“ einspielte. Vor einem Jahr erhielt die den renommierten ZKB Jazzpreis.
Ihr neuster Streich „Circles“, ein Album mit zehn neuen Kompositionen, die allesamt während einer Kompositionsresidenz in Island entstanden sind. Hier hat sich Lea Grasser „ … von der rauen Natur, der Weite des Nordens und den Geschichten über Elfen, Trolle und Zwischenwelten inspirieren ...“ lassen. Erscheinen wird „Circles“ bei Neuklang Records am 31. Oktober 2025.
KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Lea Gasser: Ich bin in meinem Leben oft auf tolle Menschen gestoßen, welche mich und mein Wesen gesehen und unterstützt haben. Angefangen bei meinen Eltern, meiner Schwester und meinen Freund*innen, welche mich auf meinem musikalischen Weg sehr unterstützend begleitet haben und dies immer noch tun. Auch von den meisten meiner Lehrpersonen wurde ich toll gefördert. Ich durfte und darf in verschiedenen Projekten mit spannenden Menschen Musik machen, welche mir immer mit viel Vertrauen begegnen und mich inspirieren.
KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
LG: Für mich hat Musik die besondere Fähigkeit, einen Raum zu eröffnen, in dem wir träumen können – fernab vom Alltag – und uns tief berühren lassen. Dieses Erlebnis gemeinsam mit anderen zu erfahren und zu teilen, empfinde ich als etwas sehr Wertvolles.
Wenn ich während eines Konzerts spüre, wie zwischen uns auf der Bühne und dem Publikum eine echte Verbindung entsteht, eine Art Wechselwirkung, dann ist für mich bereits sehr viel erreicht. Besonders schön finde ich es auch, wenn ich nach einem Konzert Rückmeldungen erhalte und wir im Gespräch Eindrücke und Empfindungen teilen können. Solche Momente sind für mich ein wunderbarer Teil meiner Arbeit.
KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
LG: Oft arbeite ich parallel an mehreren Projekten und es ist eine Herausforderung, all die unterschiedlichen Aufgaben im Blick zu behalten: komponieren, üben, administrative Arbeiten erledigen, Dossiers verfassen, Konzerte organisieren oder eine neue CD promoten. Musikerin zu sein bedeutet, viele Rollen gleichzeitig auszufüllen – und dafür ist eine gute Organisation unabdingbar.
Am meisten zu schaffen macht mir jedoch nicht die Vielfalt der Aufgaben, sondern die Phasen, in denen Müdigkeit und selbstkritische Zweifel auftauchen. Diese inneren Hürden können das Arbeiten manchmal besonders anstrengend machen.
KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
LG: Wenn Menschen von meiner Musik berührt und dadurch inspiriert werden. Wenn ich in Konzerten voll dabei bin und jeden Moment genießen kann. Wenn ich mit meinen Mitmusiker*innen tolle Momente auf der Bühne erlebe. Wenn ich durch die Musik und das Reisen neue Menschen, Orte und Kulturen kennenlernen darf.
KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
LG: Ja, aber wenn ich selber oft Konzert spiele, kann ich nicht zu viel Musik hören, da meine Ohren schnell ermüden. Ich höre gerne Jazz, gerne auch aktuelle CDs aus meiner Region, weil es mich immer sehr interessiert, was die Menschen um mich kreieren. Es kann aber auch anderes sein: Singer Songwriting, Folk, Neoklassik, ...
KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
LG: Eher CD. Wobei ich diese auf meinen Computer rüberspiele und die Musik dann auf meinem iPod Classic landet, mit welchem ich unterwegs sehr gerne Musik höre.
KK: Was lesen Sie momentan?
LG: „Revolution der Verbundenheit“ von Franziska Schutzbach und „Meine Familie, die AfD und Ich“ von Leonie Plaar. Zwei tolle Schriftstellerinnen, die gesellschaftspolitische Themen ausleuchten.
KK: Was ärgert Sie maßlos?
LG: Die Ungerechtigkeit in dieser Welt und dass machtgierige Menschen obendrin sitzen und so viel kapput machen.
KK: Was freut Sie ungemein?
LG: Wenn sich Menschen zuhören, über den eigenen Tellerrand hinausdenken, sich gegenseitig unterstüzen und an sich selber arbeiten. Ich bin zudem sehr dankbar, dass ich wunderbare Menschen um mich habe und ich in meinem Leben bereits so viele Tolles erleben durfte.
KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst genäht oder getischlert?
LG: Genäht habe ich, ja. Leider aber noch nie ein Möbelstück getischlert.
KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
LG: Ouu...ich muss zugeben, dass ich nicht oft Filme schaue. Früher war ich natürlich von Audrey Tatou in „Die fabelhafte Welt der Amélie Poulain“ total begeistert.
KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
LG: Ich fände es schön, wenn wir Menschen besser mit dem bereits existierenden Material auf dieser Welt umgehen könnten. Ich glaube nicht, dass wir mehr brauchen.
KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
LG: Hm. Ich bin gerne alleine unterwegs und es macht mir nichts aus, Dinge alleine zu organisieren. Ich bin dann aber auch immer sehr gerne von einem guten Team umgeben, welches mich unterstützen kann. Und wenn ich die Gelegenheit habe, in einem Kollektiv mitzuwirken, finde ich dies immer sehr inspirierend.
KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
LG: Wenn ich draußen in der Natur bin und laufe und/oder ganz bei mir, in Ruhe.
KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
LG: Ich lese nie viel auf Websites. Die Zeitung WOZ lese ich, und das Magazin Reportagen. Ich lese gerne längere und ausführliche Artikel, auf Papier.
KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
LG: Uh, zum Glück bin ich das nicht. Ich denke, dafür wären andere geeigneter. Aber wichtig wäre es sicherlich, Musik und Kultur bereits in der Schule einen hohen Stellenwert zu geben. Gut fände ich auch, dass es mehr finanzielle Mittel für freischaffende Musiker*innen gibt, v.a. im Bereich Jazz, aktuelle und experimentelle Musik.
KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
LG: Das ist eine große und tiefgehende Frage. Für mich persönlich wünsche ich mir, mich selbst immer besser zu verstehen, meinen eigenen Weg zu gehen und mich als Mensch stetig weiterzuentwickeln. Ein wichtiger Teil davon ist natürlich auch meine Musik, mit der ich mich kontinuierlich entfalten und wachsen möchte.
Wenn ich jedoch an die Zukunft der Welt denke, bin ich im Moment eher pessimistisch. Ich befürchte, dass in den kommenden Jahren viele Menschen stärker unter schwierigen Lebensbedingungen leiden werden und dass der Klimawandel zahlreiche Orte immer weniger lebenswert machen wird.
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 12.08.2025
240. Al Jones: Der Hardcore-Bluesfan
Geboren wurde Al Jones 1951 in Weiden in der Oberpfalz, als Sohn eines amerikanischen GI. Schon als Kind fühlte er sich vom Blues angezogen, wollte Musiker werden. 1969 gastierte die (heute noch bestehende) Weltformation Embryo in Weiden und Al Jones war Teil der Vorband. Der junge Gitarrist fiel den beiden Embryos Ralph Fischer und Christian Burchard sofort auf und sie holten ihn nach München, wo Al Jones ein Jahr Mitglied der Band wurde.
Seine Unnachgiebigkeit und Leidenschaft brachte ihn anschließend als Opening Act mit B. B. King und Johnny Winter zusammen. Er tourte mit Champion Jack Dupree, Tommy Tucker und Louisiana Red. Sein unverwechselbarer Gesangs- und Gitarrenstil machte ihn zu einem der bekanntesten Vertreter des Chicago-Blues in Deutschland. Das amerikanische Magazin Livin Blues ging noch einen Schritt weiter und bestätigte, das es außerhalb der Vereinigten Staaten musikalisch nichts Vergleichbares gäbe, als Al Jones und seine Band. Sein Credo bis heute: „Ich bin ein Hardcore-Bluesfan“.
Am 11. September eröffnet Al Jones und seine Band die neue BluesFirst-Saison in Fürstenfeld. Das Konzert beginnt um 20 Uhr.
KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Al Jones: Musikalisches Schlüsselerlebnis (die Musik … der Gesang und das Gitarrenspiel von Otis Rush beim American Folk Blues Festival 1966).
KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
AJ: Die Zuhörer, auch heute noch, für den amerikanischen Blues, Jazz und Soul, für afroamerikanische Musik zu begeistern.
KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
AJ: Mit unzureichender Kommunikation und der Zusammenarbeit mit Tontechnikern.
KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
AJ: Musikalisch … die Studiosession der letzten Al Jones-CD „Still In Charge“.
Menschlich: Die nationalistische Politik vieler Staaten.
KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
AJ: Ein harmonischer (grooviger, dynamischer) Klang meiner Band.
KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
AJ: Von echter Volksmusik (Weltmusik) über Klassik, Blues, Jazz und Popmusik mit ansprechender Lyrik.
KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
AJ: Überwiegend CDs und meine alten LPs.
KK: Was lesen Sie momentan?
AJ: „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates.
KK: Was ärgert Sie maßlos?
AJ: Unfreundlichkeit.
KK: Was freut Sie ungemein?
AJ: Echte Freundlichkeit und Respekt.
KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst genäht oder getischlert?
AJ: Ja, Weihnachtskrippen :-)
KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
AJ: Besonders von Rooney Mara in dem Film „Verblendung“.
KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
AJ: Die moderne Technik lässt keine Wünsche übrig …. die Waschmaschine, der Kühlschrank, alles was für ein bequemes Leben wichtig erscheint ist schon erfunden worden :-)
KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
AJ: In einem guten Team macht's Spaß und Freude.
KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
AJ: Oft unter Druck (musikalisch).
KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
AJ: Ich finde vieles was mich interessiert in Mediatheken (ARD, ZDF, YouTube).
KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
AJ: Give Up Your Heart, But Don't Lose Your Head.
KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
AJ: Politik: Wahrscheinlich düsterer. Technisch, wissenschaftlich: Hoffentlich erkenntnisreicher.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 18.06.2025
239. Maxine Troglauer: Nachfragen - Nachlesen - Nachhören
Maxine Troglauer hat sich früh für die Bassposaune entschieden. Das bedeutet einerseits wenig vorhandene Literatur und auch Ensembles müssen erst einmal gefunden werden, die diesen dunklen und warmen Instrumentalklang bevorzugen. Andererseits bedeutet die Bassposaune genau aus diesem Grund Freiheit. Von dieser Seite betrachtet es die in Wiesbaden geborene und heute in Berlin lebende Maxine Troglaurer. Auf ihrem Debüt „Hymn“ (Fun In The Church) mäandert sie durch die unterschiedlichsten Stilistiken und Jahrhunderte. Einiges auf diesem Album steht deutlich in der Nähe der Klassik, anderes wiederum scheint auf direktem Wege aus der Moderne zu kommen, manches klingt deutlich notiert und dann schwingen auch immer wieder freie Improvisationen durch Raum und Zeit. Maxine konnte für dieses Album neben dem Pianisten Julius Windisch, dem Bassisten Robert Lucaciu und dem Schlagzeuger Wouter Kühne zusätzlich den New Yorker Trompeter Peter Evans gewinnen. Evans gehört zu den großen Solisten an der Schnittstelle von Jazz, Klassik und Neuer Musik.
KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Maxine Troglauer: Eine offene, unterstützende Familie, die mich frei entscheiden ließ, was ich wann machen möchte. Die Entscheidung, Posaune zu spielen, durfte ich alleine im Alter von 6 Jahren nach einem Tag der offenen Tür an der lokalen Musikschule fällen, und seit dem gab es keinen Tag, an dem meine Familie diesen Weg angezweifelt oder nicht unterstützt hätte. Erst später, als ich andere Musiker:innen und ihre genaueren Lebenswege kennengelernt habe, habe ich verstanden, dass so ein Umfeld ohne stereotype Vorstellungen und Ambitionen für die Kinder, nicht unbedingt Norm ist.
Danach kamen selbstverständlich Lehrer:innen und Mentor:innen, die mich auf jeweils einem Lebensabschnitt begleitet und inspiriert haben, aber ich würde behaupten, dass ohne die Familie, die Kuriere zu allen Unterrichten und Wettbewerben, die größten Fans im Publikum, es nicht geht.
KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
MT: Das ist eine schwierige Frage, denn wenn ich wirklich viele Menschen erreichen wollte, müsste ich Schlager oder Pop-Musik machen – das liegt mir aber aus irgendwelchen Gründen offensichtlich nicht so…
Dementsprechend muss uns Jazz- und/oder zeitgenössischen Musiker:innen immer klar sein, dass wir eine kleine Randgruppe von Connaisseur:innen ansprechen, die allerdings auch entsprechend eher die ausgefuchsten Details einer Komposition oder eines besonders sorgfältig produzierten Vinyls zu schätzen wissen. Derzeit fühle ich mich in dieser Gruppe wohl und freue mich, wenn diese Menschen auf meine Musik aufmerksam werden.
Es gibt allerdings andere Projekte von mir, zum Beispiel im Rahmen des diesjährigen Beethovenfest Bonn, bei dem ich eher ein größeres klassisches Konzertpublikum anspreche und dort durch mein Instrument, meine musikalische Ausrichtung und thematische Schwerpunkte für Horizonterweiterung sorge.
KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
MT: Die eigenen Ansprüche mit der Realität in Einklang zu bringen, zu akzeptieren, dass ich nicht 8 Stunden am Tag kreativ sein kann und dementsprechend meine Tage anders strukturieren muss, als in einem 9-5 Job. Außerdem akzeptieren zu können, dass es auch Tage gibt, wo einfach gar nichts fließt und das eben auch Teil des Jobs ist.
Und na klar, würde man sich freuen, wenn es mehr strukturelle, dauerhafte Förderung und Unterstützung auf allen Ebenen gäbe, aber da gibt es bereits jede Menge Verbände, die sich lautstark und wesentlich eloquenter als ich dafür einsetzen – deswegen jetzt gleich schnell Mitglied in der Deutschen Jazzunion werden !
KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
MT: Die Wahl von Trump, das Absetzen von Roe v. Wade, die Wahl von Friedrich Merz, der Tod eines Bandkollegen, ein Konzert von Bill Frisell beim XJazz Festival 2024, jedes Jahr, wenn es Frühling wird – das Schöne, Glückliche und das Hässliche, Traurige sind jeden Tag so nah beieinander und ich möchte für beides gleich durchlässig und aufmerksam bleiben, um aus allem Inspiration und Kraft zu tanken.
KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
MT: Auf der Bühne zu stehen und diesen flüchtigen Moment eines Konzerts voll genießen zu können – wenn all die Vorbereitung, Sorgen, Nervosität von einem abfällt und man nur im Moment ist. Klingt kitschig, fühlt sich manchmal auch so an, aber ist wirklich so!
Diesen Zustand musste ich mir aber hart erarbeiten, die ersten 15 Jahre Konzertieren waren eher geprägt von starker Nervosität, überhöhten Ansprüchen, Stress, Blackouts und Unerfahrenheit.
Ansonsten bin ich täglich dankbar für die Selbstständigkeit meiner Arbeit im Denken, Handeln, Interessieren, Recherchieren, Komponieren, Spielen – alles, was ich tue, ist intrinsisch motiviert und hat das Potential, mir ganz nah zu gehen, im Positiven wie im Negativen.
KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
MT: Ich höre viel Jazz, versuche up to date zu bleiben mit der Entwicklung sowohl im deutschsprachigen, als auch amerikanischen Raum. Ein paar meiner zeitlosen Favorit:innen sind z.B. Cécile McLorin Salvant, Sullivan Fortner, Ambrose Akinmusire, Florian Weber, Chet Baker.
Häufig bewege ich mich aber auch komplett aus der Szene heraus, in der ich selbst aktiv bin und höre westafrikanische Musik von Fela Kuti, RnB à la Queen B, Indie Pop wie Tune-Yards und Bobby Cohn oder ganz selten auch mal klassische Musik.
KK: Was lesen Sie momentan?
MT: Die Biographie von Virginia Woolf, „Liebe in Zeiten der Cholera“ (dieser Klassiker war mir bisher entgangen, muss dementsprechend nachgeholt werden) und Alex Ross „Die Welt nach Wagner“ (mich interessiert Geschichte sehr und die Verknüpfung von Musik, Macht, Despotismus, Propaganda und die Verherrlichung von Wagners antiken Thematiken ist schon spannend..)
KK: Was ärgert Sie maßlos?
MT: Ignoranz gegenüber allem, was den eigenen Horizont überschreitet, zu denken, dass die eigenen Gedanken Fakten seien.
Wenn man das tut, lässt sich aber dadurch natürlich vieles rechtfertigen, das uns global, national und im Privaten gerade passiert.
Außerdem Vandalismus, Egozentrismus, Umweltverschmutzung, Lebensmittelverschwendung, Rassismus, Homophobie, Misogynie.
KK: Was freut Sie ungemein?
MT: Vögel, die morgens vor meinem Fenster zwitschern und einem das Gefühl geben, dass es sich auch an diesem Tag wieder lohnen wird, aufzustehen, egal wie trist es in einem ist.
Außerdem Freund:innen, Familie, gutes Essen, meine Posaune, Musik erleben, Sport, das Leben eben, wie wir es hier leben dürfen.
KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
MT: Ich glaube eher Einzelkämpferin, wünsche mir aber häufig ein Team und wenn ich eines habe, bin ich auch gute Teamplayerin (würde ich behaupten – zweite Meinungen müssten hierzu noch eingeholt werden)
KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
MT: Leider sehr unvorhersehbar, deswegen funktioniert das mit dem 9-5 Kreativjob auch so schlecht. Deshalb ist meine Devise: immer wachsam & aufmerksam sein, ganz viel rausgehen und Dinge erleben, neue Einflüsse zulassen, ganz viele Gespräche, nachfragen, nachlesen, nachhören.
KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
MT: Oha, ich bin eigentlich sehr froh, dass ich das nicht tun muss. Ich würde hier auch wieder auf die tollen Verbände verweisen, die wir in Deutschland haben, und die sicherlich nicht nur einen Vorschlag hätten.
KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
MT: Da würde ich erstmal noch die nächsten 30 Jahre abwarten, bevor ich mich festlege, da tut sich ja hoffentlich noch mehr ;)
KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
MT: Hoffentlich mehr Miteinander, weniger Gedanken-sind-Fakten und allgemeingültige Rechte & Freiheiten für alle.
Weniger ich und mehr wir.
Weniger Autos und mehr Pflanzen.
Ich bin aber leider Pessimistin, was das alles angeht und befürchte, wir nehmen erstmal einen anderen Abzweig.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 21.05.2025
238. Peter Gall – Alles kann mich beeinflussen und inspirieren
Vor nicht allzu langer Zeit ist Peter Galls zweites Album unter eigenem Namen erschienen. „Love Avatar“ (Compost/Groove Attack) verarbeitet Einflüsse des Jazz ab den späten 1960er Jahren, Musik von Joe Henderson, Wayne Shorter, aber auch Messiaens, 12-Ton-Musik, Kendrick Lamar, Hermeto Pascoal und Flying Lotus sind ideeler Teil der Musik. Zudem hat er eine Band zusammengestellt, die ihm aufgrund der Individualität ihrer Einzelstimmen und ihrer Dynamik ebenfalls etliche Inspirationen geben konnte.
Der in Bad Aibling geborene Schlagzeuger hat an der Hochschule der Künste Berlin studiert und machte seinen Master an der Manhattan School of Music. Er war Mitglied des Landesjugendjazzorchester Bayerns und von 2004 bis 2006 des Bundesjazzorchester unter Peter Herbolzheimer. Anschließend gehörte er fest zur Band Subtone und war Teil des Quartetts Web Web, zudem spielte er mit den New York Voices, mit Take 6, Nils Landgren, der NDR Big Band, Seamus Blake, dem Kurt Rosenwinkel Trio, Thomas Quasthoff und vielen anderen.
Am 6. Juni wird Peter Gall mit Wanja Slavin (Saxephon), Reinier Baas (Gitarre), Rainer Böhm (Klavier) und Matthias Pichler (Bass) in der Reihe Jazz It! in der Germeringer Stadthalle auftreten. Beginn des Konzertes ist 19.30 Uhr.
KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Peter Gall: Das musikalische Umfeld in meiner Familie (einer der älteren Brüder ist der Pianist Chris Gall) seit frühester Kindheit hat den Weg geebnet, die Musik zum Beruf zu machen.
KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
PG: Mir ist es sehr wichtig, dass die Leute, die auf die Konzerte kommen oder das neue Album kaufen, erreicht und irgendwie berührt werden, auch wenn die Musik vielleicht nicht jedermanns Lieblingsmusik ist. Die Musik soll definitiv musikalisch aufgeschlossene Menschen
bereichern - egal in welcher Form und egal wie gut sie sich in der Musik auskennen. Eine gewisse Stimmung oder einen Vibe kann man immer wahrnehmen. Und letztendlich geht's mir darum, die Menschen an meiner Leidenschaft und an meiner Musik teilhaben zu lassen. Dabei ist jedes Konzert letztendlich ein Dialog zwischen allen Anwesenden … Publikum und MusikerInnen.
KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
PG: Der Beruf des Musikers ist kein einfacher und auch nicht voller Selbstverständlichkeiten. Aber die Leidenschaft hat mich meist dann doch immer zum Glück geführt. Ich würde niemals tauschen wollen...
KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
PG: Wenn's ein musikalisches Erlebnis sein soll, denke ich spontan an ein Konzert der Sängerin Feist im Jahr 2023 in Berlin … die Dramaturgie ihres Konzerts war unglaublich.
KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
PG: Nicht nur auf der Bühne stehen, auch Studioarbeit, Momente alleine im Proberaum, am Klavier, Proben, gemeinsam mit den KollegInnen reisen - auch das Unterrichten im Rahmen meiner Professur an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim gehört dazu und gibt mir wahnsinnig viel.
KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
PG: Ich liebe alle Formen von guter Musik und ich kenne eigentlich beim Hören keine Grenzen …. egal ob Jazz, Hip Hop, Klassik, Avantgarde, Pop oder Weltmusik … alles kann mich inspirieren und beeinflussen.
KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
PG: Wenn ich Zeit dafür finde, Vinyl zu Hause auf der Couch … für mich klingt das immer noch einen Tick musikalischer und lebendiger.
KK: Was lesen Sie momentan?
PG: Im Moment: „The Inner Game Of Tennis“. Ich spiel selbst Tennis, lese es aber vor allem aus Drummer-Perspektive. Davor: Die Autobiographie von John JR Robinson (legendärer Studio-Schlagzeuger)
KK: Was ärgert Sie maßlos?
PG: Ungerechtigkeit in der Welt, sinnlose Aggressivität und dummer Populismus.
KK: Was freut Sie ungemein?
PG: Ich kann bei 'nem sensationellem Kaffee, 'ner unglaublichen Pizza, 'nem guten Abend mit FreundInnen oder bei inspirierender Musik schon sehr glücklich sein. Das Glück liegt wohl grade eher in den kleinen Dingen als im aktuellen Weltgeschehen.
KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst genäht oder getischlert?
PG: Nein.
KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
PG: Von vielen … aber spontan denke ich an: Loriot in eigentlich jeder Szene. Bryan Cranston in „Breaking Bad“ oder Kyle MacLachlan in „Twin Peaks“.
KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung nach bisher noch nicht gibt?
PG: Vermutlich gibt es schon alles. Und davon zu viel.
KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
PG: Teamplayer, definitiv.
KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
PG: Selten vor dem Abendessen, und dann eher spät am Abend...
KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
PG: Ich freue mich jedes Mal, ein frisches Exemplar der Süddeutschen in Printform in die Hände zu bekommen.
KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
PG: Mit allen Mitteln gegen den Kulturabbau an allen Ecken und Enden ankämpfen.
KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
PG: Ich mag diese reißerischen oder pathetischen Titel von vielen Autobiographien meist nicht. Insofern: „P.G.’s Autobiographie“.
KK: Wie stellen sie sich die Zukunft vor?
PG: Musik wird für die Menschheit immer bereichernd, hoffnungsspendend und verbindend bleiben.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 02.05.2025
237. Vadim Neselovskyi – Er konnte seine Musik in 28 verschiedenen Ländern spielen
Foto: Yaroslavna Chernova
Vadim Neselovskyi wurde 1977 in Odessa geboren. Er träumte schon früh von fernen Welten, von anderen Kulturen und vor allem von der Musik, die „dort draußen“ gespielt wurde. 17-jährig wanderte er als jüdischer Kontingentflüchtling mit seinen Eltern nach Deutschland aus. Sein wichtigstes Umzugsgut: Sein Klavier. Er studierte Klassik in Essen und Jazz in Boston, spielt heute in großen Konzerthallen und kleinen Clubs. Er unterrichtet angehende Musiker und spielt mit gestandenen Solisten. Stilistische Grenzen sind für ihn nicht existent. „Entweder berührt mich Musik oder sie berührt mich nicht“, erzählte er in einem Interview. „Das ist das einzige Kriterium.“
Der Krieg in seiner Heimat hat ihn verändert. „Man kann nicht mehr sagen: Wir sind Künstler, wir haben nichts mit Politik zu tun. Das kann man sich jetzt nicht mehr leisten. Es geht nicht um Politik. Es geht um Gerechtigkeit. Es geht um das Schlechte und das Gute.“
Nun tourt er weltweit mit seinem Programm „Odessa“, das zum Teil zwar schon vor dem Krieg entstanden ist, aber im Grunde all die Dinge zum Ausdruck bringt, die für Vadim Neselovskyi von entscheidender Bedeutung sind: Menschlichkeit, Freiheit, Inspiration und Improvisation. Pianist Fred Hersch sagt über ihn: „Ich glaube wirklich, dass er einer der größten Pianisten-Komponisten ist, die es derzeit gibt.“
Vadim Neselovskyi wird am 20. Mai in Pullach und am 21. Mai in Fürstenfeld seine Hommage an die Heimatstadt Odessa präsentieren.
KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Vadim Neselovskyi: Geboren wurde ich in Odesa, Ukraine. Ich hatte wunderbare unterstützende Eltern, Mutter Pianistin, Vater: Ingenieur. Ich habe komponiert seitdem ich 8 Jahre alt war. Neben der Musik habe mich sehr für Physik interessiert. Zuerst habe ich 17 Jahre lang in Ukraine gelebt. Danach während sechs Jahren in Deutschland und jetzt 23 Jahre in den USA. Meine Musik durfte ich in 28 verschiedenen Ländern spielen.
KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
VN: Musik kommt weil sie kommen will. Sie muss mich zuerst selber als Komponist berühren und bewegen. Dann kann meine Musik auch den Zuhörer ansprechen und ihn bewegen. Wenn meine Musik Gefühle, Emotionen, Träume schafft, ist mein Ziel erreicht.
KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
VN: Wie geht diese Melodie weiter? Wo will die Musik hin? Habe ich schon das Richtige gefunden, oder muss ich weiter suchen? Wie finde ich mehr Zeit für das Komponieren? Für das Üben? Was ist der nächste Schritt?
KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
NV: Der Krieg in meinem Heimatsand Ukraine beschäftigt mich seit dem Kriegsbeginn jeden Tag.
KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
VN: Wenn ich spüre: Ja, ich habe was gefunden! Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Das macht mich immer so glücklich!
KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
VN: Ich bin zu aller Musik offen, von alter Musik aus dem 11. Jahrhundert bis zu Heavy Metal und Hip Hop. Als Komponist suche ich ständig nach neuen Anregungen. Ich hätte mir mehr Zeit für das Musikhören gewünscht. Als Musiker, der selber viel Musik schafft, habe ich nicht viel Zeit dafür übrig. Meistens höre ich Musik im Flug oder im Zug.
KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
VN: Leider weder noch. Meistens Apple Music.
KK: Was lesen Sie momentan?
VN: Stefan Zweig „Die Welt von Gestern“
KK: Was ärgert Sie maßlos?
VN: Ich versuche, mich nicht zu ärgern. Das ist fast immer kontraproduktiv.
KK: Was freut Sie ungemein?
VN: Jeder neue Tag. Besonders wenn ich Zeit habe, Sachen zu machen, die mich glücklich
machen: komponieren, Klavier üben.
KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst genäht oder getischlert?
VN: Nein.
KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind sie in welchem Film beeindruckt?
VN: Zum Beispiel: Gary Oldman als Winston Churchill in „The Darkest Hour“.
KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung bisher noch nicht gibt?
VN: Das ist ja mein täglicher Job: Musik erfinden, die es hoffentlich noch nicht gibt.
KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer, oder Teamplayer?
VN: Mal so mal so. Als Komponist ist man immer ein Einzelkämpfer. Als Spieler ist man immer ein Teamplayer, selbst wenn man Solo spielt. Man kooperiert mit dem Publikum, dem Veranstalter, dem Produktionsteam...
KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
VN: Wenn ich das wüsste, würde ich nur noch die besten Einfälle jeden Tag haben:) Einfälle sind unvorhersehbar...
KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
VN: Unter anderem lese ich jeden Tag die New York Times.
KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
VN: Das ist ausgeschlossen für mich. Ich bleibe lieber bei Musik.
KK: Wenn Sie eine Autobiographie schreiben würden, wie wäre der Titel?
VN: Mein Mentor und lieber Freund Gary Burton hat seine Autobiography Learning to Listen genannt. Den Titel würde ich gerne klauen..
KK: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?
VN: Ich versuche, so viel wie möglich in der Gegenwart zu leben, jeden Moment zu genießen. Den Frühling nicht zu verpassen, der so kurz ist in Boston...
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 16.04.2025
236. Benyamin Nuss – Ich liebe alle Arten von Musik
Foto: Manuel Chillagano
Benyamin Nuss ist schon zeitig mit Musik unterschiedlichster Stilistik konfrontiert worden. Sein Vater, Posaunist Ludwig Nuss, war jahrelang Mitglied der SDR - und der WDR Big Band, sowie zahlreicher internationaler und nationaler hochkarätig besetzter Jazzbands. Sein Onkel Hubert Nuss gehört zur ersten Rieger deutscher Jazzpianisten.
Benyamin erhielt mit sechs Jahren ersten Klavierunterricht. Er studierte unter anderem bei Ilja Scheps an der Musikhochschule Köln, trat sechzehnjährig als Solist des Landesjugendorchester NRW auf und gab 2010 sein Debüt bei der Deutsche Grammophon. Zudem gibt er Gastspiele mit seinem Vater im Jazzbereich. Mit seinen Alben „Nuss plays Uematsu“ und „Fantasy Worlds“, die Musik jeweils aus bekannten Computerspielen beinhalten, wurde er über die Klassikszene hinaus auch einem jungen Publikum weltweit bekannt.
Ende dieser Woche erscheint auf dem Label Neue Meister Benyamin Nuss Solo-Einspielung „Personal Stories“, eine Sammlung von neunzehn selbst komponierten Klavierstücken, die persönliche Geschichten des Künstlers in Form einer musikalischen Reise zusammenfassen.
„Dieses Album enthält Stücke, die alle relativ schnell und aus starken Emotionen heraus entstanden sind“, beschreibt Nuss seine Herangehensweise. „Den aufgeschriebenen Kompositionen stelle ich manchmal Miniaturen gegenüber, die Momentaufnahmen beschreiben, oder Improvisationen, die – ähnlich wie die längeren Stücke – aus intensiven Gefühlen und ohne viel Nachdenken entstanden sind.“
KultKomplott: Welche Faktoren waren ausschlaggebend, dass Sie wurden, was Sie heute sind?
Benyamin Nuss: Mein Vater – und die Musik, die bei uns zuhause rauf und runter lief: eine Mischung aus Klassik, Jazz und Pop.
KK: Wen bzw. was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
BN: Ich möchte Menschen glücklich machen.
KK: Mit welchen Widrigkeiten müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit am häufigsten auseinandersetzen?
BN: Mit der Tatsache, dass es nie genug Zeit zum Üben gibt.
KK: Welche Erlebnisse haben Sie zuletzt stark beeindruckt?
BN: Die Japan-Tournee mit meinem Vater, die Konzerte mit Masashi Hamauzu, und die Aufführung von Poulencs La voix humaine mit Barbara Hannigan.
KK: Welches sind die schönsten Momente in Ihrer Arbeit?
BN: Wenn ich in den Flow komme. Oder wenn ich an neuen, unbekannten Orten auftreten darf.
KK: Hören Sie Musik und wenn ja, welche Art von Musik mögen Sie besonders?
BN: Sehr viel und sehr gern – ich liebe alle Arten von Musik, am meisten das, was ich noch nicht kenne.
KK: Hören Sie eher CD oder Vinyl?
BN: CD.
KK: Was lesen Sie momentan?
BN: „Hardboiled Wonderland“ von Haruki Murakami.
KK: Was ärgert Sie maßlos?
BN: Ziemlich vieles.
KK: Was freut Sie ungemein?
BN: Dass ich Musik machen darf.
KK: Haben Sie jemals ein Kleidungs- bzw. Möbelstück selbst genäht oder getischlert?
BN: Nein.
KK: Von welchem Schauspieler / welcher Schauspielerin sind Sie in welchem Film beeindruckt?
BN: Christoph Waltz in „Inglourious Basterds“.
KK: Was würden Sie gern erfinden, was es Ihrer Meinung nach bisher noch nicht gibt?
BN: Eine Zeitmaschine.
KK: Fühlen Sie sich eher als Einzelkämpfer oder Teamplayer?
BN: Beides.
KK: In welcher Situation haben Sie die besten Einfälle?
BN: In traurigen Momenten – oder nach einer inspirierenden Reise.
KK: Welche Websites oder Blogs lesen Sie?
BN: Ich lese online eher wenig.
KK: Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag Staatsminister für Kultur wären?
BN: Mehr Musik in die Schulen bringen. Und mehr Vielfalt im musikalischen Angebot.
KK: Wenn Sie eine Autobiografie schreiben würden, wie wäre der Titel?
BN: Nuss, wie die Nuss.
KK: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?
BN: Wenn alles so weiterläuft – leider ziemlich düster.
Autor: Siehe Artikel
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