Zurück zu den neuesten Artikeln...
19. Ziga Koritnik „Brötzmann In My Focus“
20. Manfred Pfister „Englische Renaissance“
21. Helga Schubert „Luft zum Leben“
22. Stephen King & Maurice Sendak „Hänsel und Gretel“
23. Bettina Flitner„Meine Mutter“
24. Nelio Biedermann „Lázár“
Dienstag 06.01.2026
Ziga Koritnik „Brötzmann In My Focus“
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fotos dem Band „Brötzmann In My Focus“ entnommen
Peter Brötzmann (1941-2023) gehörte zu den einflussreichsten Vertretern des Freejazz. Sein ästhetisches Konzept speist sich überwiegend aus entfesselter Energie, Energie und Intensität. Schon in den 1960er Jahren brachte ihm diese Spielweise den Ruf eines Sonderlings ein. In seinen Konzerten flogen schon mal Bierdosen, oder auch schwerere Geschosse in Richtung Bühne. Doch der in Remscheid geborene Saxophonist und Maler/Graphiker blieb standhaft, ließ sich von Kritikern und Puristen nicht beeindrucken, sondern suchte und fand stattdessen Musikerkollegen, die dieses Prinzip übernahmen und weit ab der Wiege des Jazz, den USA, mit ihm gemeinsam freie Musik „Made in Europe“ zelebrierten.
Eine gewisse künstlerische Dickköpfigkeit gehörte dazu, als Brötzmann 1968 dem damals bedeutendsten europäischen Jazzfestival, den Berliner Jazztagen, kurzfristig absagte, weil deren Kurator bei ihm und seiner Band auf konservativer Anzugsordnung bestand. Jazz war zu jener Zeit stark politisiert.
Brötzmann weigerte sich aufzutreten, verhielt sich jedoch nicht destruktiv, sondern suchte stattdessen nach anderen Möglichkeiten, seine Kunst trotzdem zu präsentieren. Er gründete mit Seelenverwandten im darauffolgenden Jahr kurzerhand eine Gegenveranstaltung: Das Total Music Meeting, das bis 2008 immer zur gleichen Zeit, manchmal auch in Hörweite, des Berliner Festivals stattfand.
In seinen letzten Lebensjahren erhielt Brötzmann jedoch die Anerkennung, die ihm zustand. Generationen jüngerer Musiker folgten seinen künstlerischen Wegen des freien Spiels. Die Avantgarde bekam neue Impulse und auch internationale Zustimmung. Und plötzlich stand Brötzmann mit Musikern aus unterschiedlichsten Ländern auf den Bühnen der USA und begeisterte Amerikaner - was ansonsten umgekehrt war.
Der in Ljubljana, Slowenien lebende und arbeitende Fotograf Ziga Koritnik begleitete Brötzmann über Jahrzehnte bei Reisen, bei Auftritten, in Studios und auch privat und konnte somit ein unglaubliches Portfolio dieses prägendsten Vertreters der freien Musikszene erarbeiten. Um dieses Projekt als Buch zu realisieren hat Koritnik auf Kickstarter eine Crowdfunding-Kampane gestartet.
Alle neunundneunzig der in dem Band „Brötzmann In My Focus“ veröffentlichten Arbeiten sind schwarz-weiß-Fotos, aufgenommen zwischen 1994 und 2019 auf Festivals und während Einzelkonzerten in Europa und den USA. Dringliche, intime Porträts des Saxophonisten und seiner mitspielenden Gefolgsleute, zudem Statements von Brötzmann, Texte von John Corbett, Mats Gustafsson, Bill Laswell, Heather Leigh, Paul Lovens und Paal Nilssen-Love sowie Gedichte von Steve Dalachinsky und Joe McPhee. Ein Bildband, der dem avantgardistischen Gesamtkunstwerk Brötzmanns und seinem Begriff der Freiheit vollauf gerecht wird. „Wir sind alle alt genug, um zu wissen, dass man den Begriff Freiheit in jede Richtung drehen kann“, sagte er in einem Interview. „Die meisten verstehen unter Freiheit, das zu tun, was sie wollen, sich von nichts und niemandem etwas sagen zu lassen. Aber in der Musik war das immer schon ein Irrtum. Freiheit ist etwas sehr Individuelles.“
Jörg Konrad

Ziga Koritnik
„Brötzmann In My Focus“
PEGA / Wolke Verlag
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 17.12.2025
Manfred Pfister „Englische Renaissance“
Die Renaissance war jene Epoche, in der der Mensch stärker als zuvor in den Mittelpunkt der Betrachtung rückte. Und obwohl diese Sichtweise in der Kunstgeschichte neu zu sein schien, bedeutet Renaissance in der Übersetzung soviel wie „Wiedergeburt“. Sie füllt ca. drei Jahrhunderte aus und liegt zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit.
Am bekanntesten ist natürlich als Zentrum Italien, mit dem Renaissance-„Geburtsort“ Florenz. Was auch daran liegen mag, dass mit dem Aufleben der griechischen und römischen Antike, als der Grundlage der Renaissance, die gut überbrückbare geographische Entfernung zwischen Athen, Rom und Florenz eine gewichtige Rolle spielte.
Doch auch im Norden Europas fußte die Renaissance mit ihrem neuen Denken und Menschenbild und hinterließ hier bis heute gewaltige historische und gesellschaftliche Spuren. Manfred Pfister (geb. 1943), der in München, Passau und Wien Anglistik studierte und auch lehrte und unter anderem langjähriger Herausgeber des Shakespeare Jahrbuches war, hat sich fast sein Leben lang mit dieser Epoche auseinandergesetzt und über vier Jahre an diesem monumentalen Werk gearbeitet.
Herausgekommen ist der 2,6 Kilo schwerer Band „Englische Renaissance“, verlegt vom Galiani Verlag. Ein prächtig bebildertes Panorama, mit über 500 von Manfred Pfister ausgewählten, eingeleiteten und übersetzen Originaltexten. Es ist ein hochinformatives Buch, das eine der spannendsten und gegensätzlichsten Zeitspannen zum Inhalt hat. Denn kaum eine Epoche zeigte in der modernen europäischen Welt stärkere Höhen und Tiefen auf, wie im damaligen England, Schottland, Wales und Irland. Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert gab es hexengläubige Herrscher, grausamste Exekutionsrituale wie Vierteilungen und Verbrennungen, die Pest beherrschte die Städte, Bürgerkriege zwischen Katholiken und Protestanten waren an der Tagesordnung.
Zugleich beeindruckten aber auch geisteswissenschaftliche und musische Glanzleistungen, wie in der Philosophie (Francis Bacon), in der Musik (John Dowland), es gab bemerkenswerte Staatsmänner (Thomas Morus), international geachtete Seelenforscher (Robert Burton) und es gab natürlich William Shakespeare. Soziale Grenzen wurden durchlässiger, was ebenfalls als ein Grund für das Explodieren von Kreativgedanken angesehen werden darf.
All die Texte und Bilder im Buch sind in ihrer ästhetischen Umsetzung und übersichtlichen Darstellung und Anordnung inspirierend, machen Lust und Freude in diesem umfangreichen Wissensspeicher zu blättern und zu lesen. Hier gehen anspruchvolle Geschichtsvermittlung und Freude am Buch Hand in Hand. „Englische Renaissance“ - ein Solitär unter den Geschichtsbüchern.
Jörg Konrad

Manfred Pfister
„Englische Renaissance“
Galiani Verlag
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 09.12.2025
Helga Schubert „Luft zum Leben“
Nein, ein Resümee ihres Lebens ist dieses Buch ganz gewiss nicht. Helga Schubert, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, hat in der Zeit, die sie in der ehemaligen DDR lebte, eigene Texte veröffentlicht, wurde aber über viele Jahre vom Ministerium für Staatssicherheit wegen „staatsgefährdender Hetze und Diversion“ massiv observiert. So liegt es auf der Hand, dass etliche ihrer Arbeiten eben nicht erscheinen konnten, zumal sie im Hauptberuf als Psychologin tätig war und ihre Schreibarbeit einem zusätzlichen Zeitdruck unterlag.
Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren, sollte 1980 erstmals am Wettbewerb des Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teilnehmen, bekam jedoch keine Ausreisegenehmigung, auch, weil die Staatssicherheit im damaligen Juryvorsitzenden Marcel Reich-Ranicki einen überzeugten Antikommunisten sah. Als Marcel Reich-Ranicki den Juryvorsitz abgab, wurde Helga Schubert ein Jahr später 1987 bis 1991 Mitglied der Jury.
2020 lud man die 80jährige Autorin erneut zur Teilnahme ein. Sie belegte mit ihrem Text „Vom Aufstehen“ den ersten Preis. Das Buch ist eine Sammlung von Skizzen, Impressionen, erzählten Traumata; Privates kreuzt Gesellschaftliches; es geht um Liebe, um vorenthaltene Liebe, unerfüllte Liebe, erfahrene Liebe - letztendlich um die individuell erlebte Heimat.
Das nun erschienene Buch „Luft zum Leben“ ist eine noch kleinteiligere und weitreichendere Sammlung von Gedanken und Konzepten, die zwischen 1960 und 2025 entstanden sind und zu einem großen Teil noch nie veröffentlicht wurden. Es sind Impressionen eines Lebens, eines individualisierten Lebens, das nur von dieser Autorin, an diesem Ort, mit dieser Vorgeschichte reflektiert werden konnten.
Es sind Erzählungen, Vorträge, WhatsApp-Nachrichten, Gedichte und Auszüge aus Stasiprotokollen, die manchmal willkürlich aus dem Leben in keiner chronologischen Reihenfolge herausgenommen und beschrieben sind und letztendlich doch dieses Leben mosaikähnlich und farbig zusammensetzen. Manche Texte erstrecken sich über zwanzig und mehr Seiten, andere sind nur wenige Zeilen lang. Es sind politische Statements, sehr private, fast intime Themen, manches ist sehr scharfsinnig, manches mehr emotional.
Und trotz mancher Traurigkeit, manch schmerzlichem Bruch, mancher Verbitterung bleibt genügend Raum für Zuversicht, für Mut zum Leben. Das positive Denken ist die Grundierung. Wir können, als Fazit, das Leben ertragen und ihm, trotz Krankheit, Tod und Schicksal, Zustimmendes als auch Vertrauensvolles abgewinnen.
Jörg Konrad

Helga Schubert
„Luft zum Leben“
dtv
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 02.12.2025
Stephen King & Maurice Sendak „Hänsel und Gretel“
Bilder
Dass „Hänsel und Gretel“ der von Wilhelm und Jacob Grimm zu Stephen Kings auserwählter Lieblingslektüre als Kind gehörte, ist nicht allzu schwer vorstellbar. Jetzt hat der erfolg­reichste Schriftsteller der Neuzeit und Meister des Schreckensromans diese Nr. 15 der Kinder- und Hausmärchen nacherzählt. Der eine Grund für seine Zusage einer diesbezüglichen Anfrage waren nach eigenen Äußerungen zwei Entwürfe des Illustrators, Kinderbuchautors und Bühnenmalers Maurice Sendaks (u.a. „Wo die wilden Kerle wohnen“), der diese Vorlagen für eine Inszenierung des Grimmschen Märchens anfertigte. Da war zum einen die böse (etwas sarkastisch lächelnde) Hexe auf ihrem Besen mit einem Sack voll entführter und schreiender Kinder auf dem Rücken; zum anderen das berüchtigte Lebkuchenhaus, das sich in eine fürchterlich verschlagene Fratze verwandelt, wenn sich die Kinder umdrehten.
Ein zusätzlicher Grund: Stephen King lag zur Zeit der Anfrage im Krankenhaus, nach einer Hüftoperation. Er hatte Schmerzen und begrüßte diese Nacherzählung eines ihm vollkommen vertrauten Stoffes als Teil seiner Schmerztherapie. Mit Erfolg, wie er später erzählte.
Die Entwürfe überzeugten King grundsätzlich, weil sie für ihn den Kern eines jeden Märchens zum Ausdruck brachten: „Sonnenschein an der Oberfläche“, schreibt er im Vorwort, „darunter Düsternis und Schrecken, und dazu mutige und findige Kinderfiguren.“
Es ist aber auch genau die Art von Literatur, die der 78jährige besonders mag und im Grunde sein Leben lang auch selbst geschrieben hat. Zwar gilt er als ein Experte der Schauergeschichten. Sehr oft begegnen die handelnden Figuren des Autors dem „Bösen“. Er lässt sie gegeneinander kämpfen und nach Wegen aus einer Krise suchen. Häufig sind die Protagonisten seiner Romane ebenfalls Kinder.
King ist ein genauer Beobachter des sozialen Miteinanders der middle class. Er ist auf einzigartige Weise in der Lage, die Komplexität des Lebens der Menschen speziell einer Kleinstadt atmosphärisch darzustellen. Er weiß um deren Befürchtungen und Ängste, auch um ihre geheimsten Wünsche und ihrer unendlichen Sehnsucht nach dem kleinen Glück.
Klopft man aus einem Großteil seiner bisher weit über 75 Romane mit einem schweren Hammer die Ablagerungen des Horrors und des Unheils heraus, so bleiben faszinierende soziale Studien und das Abenteuer des Erwachsenwerdens. Und für das Wissen um diese Entwicklung steht seine eigene Biographie.
Stephen King schrieb „Hänsel und Gretel“ nicht um, auch nicht neu. Es ist eher wie eine vertraute Reise in die eigene Kindheit, ein wiedertreffen mit alten Ängsten und Befürchtungen, aus denen man letztendlich aber gestärkt hervorgehen sollte.
Viktor Brauer

Stephen King & Maurice Sendak
„Hänsel und Gretel“
Atlantis Verlag
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 10.11.2025
Bettina Flitner„Meine Mutter“
„Meine Mutter“ von Bettina Flitner beginnt mit einer Beerdigung. In ihrem autobiographischen Roman erzählt sie vom Leben und Sterben ihrer Mutter, die mit 47 Jahren Suizid beging. „Warum?“ sagt ein Freund am Grab, „es ist doch unbegreiflich. So eine schöne Frau.“ Eine Cousine antwortet: „Vielleicht deswegen“ .
Bettina Flitner, Fotografin und Lebenspartnerin von Alice Schwarzer, wurde mit ihrem Buch „Meine Schwester“ vor einigen Jahren auch als Autorin bekannt. Darin verarbeitete sie die Trauer über den Tod ihrer Schwester, die sich ebenso wie ihre Mutter das Leben genommen hatte. Als Bettina Flitner auf einer Lesereise durch Celle kam, wurde sie von Erinnerungen überwältigt, wie sie schreibt. Vor 39 Jahren wurde hier ihre Mutter beerdigt. Viele Jahre hatte sie die Gedanken an diese unglückliche Frau verdrängt. Doch nun fühlte sie sich in der Lage, sich auch diesem dunklen Kapitel ihres Lebens zu stellen.
Das Buch „Meine Mutter“, in dem sich Flitners persönliche Familiengeschichte und die Katastrophen des Zeitalters durchdringen, ist das Ergebnis ihrer Recherchen. Der Roman beruht auf zahlreichen Gesprächen, schriftlichen Aufzeichnungen, Zeitdokumenten, Fotos und eigenen Erinnerungen der Autorin. Auf dieser Basis versucht sie, sich in das „ Mädchen, das einmal meine Mutter werden wird“, hineinzuversetzen und imaginiert prägnante, lebendige Bilder und Szenen, wie es gewesen sein könnte.
Die Reise in die Vergangenheit führt sie nach Wölfelsgrund, heute Miedzygorze, ins ehemalige Niederschlesien. Hier stand das mondäne „Sanatorium Wölfelsgrund für Innere und Nerven-Krankheiten“, eine Art Zauberbergklinik, die von Flitners Ururgroßvater, dem Ahnherren einer Ärztedynastie, gegründet und zuletzt von ihrem Großvater bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs geführt wurde. Hier verbrachte Flitners Mutter Gisela, umgeben von Eltern, Geschwistern, Großeltern, Tanten, Vettern und Cousinen die ersten acht Jahre ihres Lebens in großbürgerlicher Geborgenheit. Wegen ihrer auffallenden, zarten Schönheit wurde sie allgemein wie eine Prinzessin behandelt.
Und doch lag ein dunkler Schatten wie ein Fluch über der Familie. Bettina Flitners Urgroßvater, einer der Besitzer und Leiter des Sanatoriums, erschoss im Jahr 1931 seine schwerkranke Frau und sich selbst. Das war der erste Suizid in der Familie, viele weitere sollten ihm folgen. Diesen Tabubruch nennt die Autorin den „Urknall“. Selbsttötung kam fortan als Möglichkeit der Konfliktlösung in Frage. Es gab ein Spiel unter den Cousinen und Cousins, an den Fingern die Verwandten abzuzählen, die sich das Leben genommen hatten. Eine Hand reichte nicht aus.
Auch die Autorin fragt sich: “Komme ich davon? Oder ist es ein Fluch, der auch mich eines Tages einholen wird?“ Mit ihrer klaren Sprache ohne Sentimentalitäten, ihrem oft schwarzen Humor, mit dem sie auch schlimmen Ereignissen noch eine komische Seite abgewinnen kann, wahrt sie Distanz und schützt sich davor, selbst in einen Abwärtsstrudel zu geraten. Gerade seine Nüchternheit macht das Buch zu einem glaubwürdigen und bewegenden Zeugnis des Lebensschicksals ihrer Mutter.
Nach dem Ende des Krieges, im Jahr 1946, muss Giselas Familie wie Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen und kommt in Celle bei der Geliebten des Vaters unter. Der baut sich hier eine neue Praxis auf, seine Frau ist unglücklich. Und Gisela selbst ist nicht mehr das verwöhnte Töchterchen, sondern eines von vielen Flüchtlingskindern. Flitner zeigt in ihrem Roman, wie die Erschütterungen durch Krieg und Vertreibung das Leben ihrer verletzlichen Mutter geprägt haben. Aus der Rolle des verlorenen, schutzbedürftigen Kindes hat sie nie herausgefunden.
Gisela flüchtet in eine frühe Ehe mit einem gutaussehenden Juristen aus einer intellektuell anspruchsvollen Familie, in der die „niedliche“ junge Frau jedoch nicht als gleichwertig akzeptiert wird. Mit zwei kleinen Kindern und einem meist abwesenden Ehemann führt sie das unselbständige, enge Leben einer typischen Hausfrau der Nachkriegszeit. Eine Falle. Es folgen Ehescheidung, Einsamkeit, wechselnde Beziehungen, Depressionen. Immer sucht Gisela ihren Halt bei Männern, nach denen sie ihr Leben ganz und gar ausrichtet, und mit den Jahren nimmt ihre Angst vor dem Alter, dem Verlust ihrer Schönheit und Jugend immer mehr zu.
Die Gründe für den Suizid ihrer Mutter sind vielschichtig, doch in erster Linie sei ihre Mutter an „klassischer Weiblichkeit“ gestorben, sagt Bettina Flitner in einem Interview. „Sie war abhängig von dem Blick der anderen, vor allem der Männer. Immer schön, jung, attraktiv, begehrenswert sein und den eigenen Wert in sich selber nicht finden.“ Besser kann man das Unglück ihrer Mutter wohl nicht zusammenfassen.
Lilly Munzinger, Gauting

Bettina Flitner
„Meine Mutter“
Kiepenheuer & Witsch
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 05.11.2025
Nelio Biedermann „Lázár“
Es ging alles ein wenig arg schnell. Und das schon, bevor das erste Wort aus Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ offiziell erschien. Da waren die Verträge nämlich schon unter Dach und Fach, dass dieser gut 330 Seiten starke Debüt-Roman in 20 Ländern erscheinen würde. Der Autor: Gerade einmal 22 Jahre. Stürmte hier ein Jahrhunderttalent das erste Dutzend der Bestsellerplätze? Der Marketing-Plan war auf jeden Fall wirkungsvoll.
„Lázár“ ist eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt Lajos steht, ein um 1920 geborener Adliger „ … das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen …“. Lajos wächst im Kreise eine komplexen Familiendynamik im Waldschloss im Süden Ungarns auf, einem ebenso mythenumwobenen wie von harter Realität gezeichneten Ort. Er erlebt von hier aus den endgültigen Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie, das Aufkeimen von totalitären Systemen und auch das Erlernen der Kunst des Überlebens nimmt von hier aus seinen Lauf.
Es sind etliche kleine Lebensgeschichten, Ausschnitte und Anekdoten, eingebettet in die große europäische Weltgeschichte, die Nelio Biedermann hier miteinander geschickt wie emotional verzahnt. Das Aufbrausen und Lärmen der Weltgeschichte ist allenthalben zu spüren, ob in der verruchten Nazizeit oder während der Schreckenseroberung und anschließenden Schreckensherrschaft der Sowjetunion, bis in die Hoffnung suggerierenden 1950er Jahre.
Biedermann bricht diese ganze gesellschaftliche Katastrophenstimmung immer wieder mit kleinen erotischen Szenen auf und lässt zudem ein ganzes Tableau an Weltliteraten durch die Szenerien geistern. So wird der geistige Verfall von Imres Onkel mit Zitaten aus E.T.A. Hoffmanns „Nachtstücken“ kommentiert, Simone de Beauvoir und Virginia Woolf stehen für ein von Feminismus gezeichnetes Frauenbild von Imres Töchtern, es werden Thomas Mann und Arthur Schnitzler bemüht und so bekommt diese ganze Geschichte einen hehren Anspruch, den der 22jährige zwar literarisch wunderbar formuliert, aber zusammenfassend doch nicht durchgängig erfüllen kann.
Der Text selbst berührt in seiner unaufgeregten prosaischen Art. Hier hat einer den passenden Ton gefunden - auch für die Zeit in der wir leben und dieses Buch schließlich lesen. Denn diese Zeit ist in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit die der vergangenen Epochen.
Hoffen wir, dass Nelio Biedermann nicht über die Maßen zu einem medialen Ereignis stilisiert wird, dass er nicht in Talkshows und anderweitigen Gesprächsrunden inflatiös herumgereicht wird, bis von seiner bemerkenswerte Authentizität und seinem absoluten Talent nur noch wenig übrig ist. Aber wie will jemand, der schon jetzt derartigen Erfolg hat, bei sich bleiben? Aber warten wir, was nocht kommt. Gespannt sind wir allemal.
Alfred Esser

Nelio Biedermann
„Lázár“
Rowohlt
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2026 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.