Peter Brötzmann (1941-2023) gehörte zu den einflussreichsten Vertretern des Freejazz. Sein ästhetisches Konzept speist sich überwiegend aus entfesselter Energie, Energie und Intensität. Schon in den 1960er Jahren brachte ihm diese Spielweise den Ruf eines Sonderlings ein. In seinen Konzerten flogen schon mal Bierdosen, oder auch schwerere Geschosse in Richtung Bühne. Doch der in Remscheid geborene Saxophonist und Maler/Graphiker blieb standhaft, ließ sich von Kritikern und Puristen nicht beeindrucken, sondern suchte und fand stattdessen Musikerkollegen, die dieses Prinzip übernahmen und weit ab der Wiege des Jazz, den USA, mit ihm gemeinsam freie Musik „Made in Europe“ zelebrierten.
Eine gewisse künstlerische Dickköpfigkeit gehörte dazu, als Brötzmann 1968 dem damals bedeutendsten europäischen Jazzfestival, den Berliner Jazztagen, kurzfristig absagte, weil deren Kurator bei ihm und seiner Band auf konservativer Anzugsordnung bestand. Jazz war zu jener Zeit stark politisiert.
Brötzmann weigerte sich aufzutreten, verhielt sich jedoch nicht destruktiv, sondern suchte stattdessen nach anderen Möglichkeiten, seine Kunst trotzdem zu präsentieren. Er gründete mit Seelenverwandten im darauffolgenden Jahr kurzerhand eine Gegenveranstaltung: Das Total Music Meeting, das bis 2008 immer zur gleichen Zeit, manchmal auch in Hörweite, des Berliner Festivals stattfand.
In seinen letzten Lebensjahren erhielt Brötzmann jedoch die Anerkennung, die ihm zustand. Generationen jüngerer Musiker folgten seinen künstlerischen Wegen des freien Spiels. Die Avantgarde bekam neue Impulse und auch internationale Zustimmung. Und plötzlich stand Brötzmann mit Musikern aus unterschiedlichsten Ländern auf den Bühnen der USA und begeisterte Amerikaner - was ansonsten umgekehrt war.
Der in Ljubljana, Slowenien lebende und arbeitende Fotograf Ziga Koritnik begleitete Brötzmann über Jahrzehnte bei Reisen, bei Auftritten, in Studios und auch privat und konnte somit ein unglaubliches Portfolio dieses prägendsten Vertreters der freien Musikszene erarbeiten. Um dieses Projekt als Buch zu realisieren hat Koritnik auf Kickstarter eine Crowdfunding-Kampane gestartet.
Alle neunundneunzig der in dem Band „Brötzmann In My Focus“ veröffentlichten Arbeiten sind schwarz-weiß-Fotos, aufgenommen zwischen 1994 und 2019 auf Festivals und während Einzelkonzerten in Europa und den USA. Dringliche, intime Porträts des Saxophonisten und seiner mitspielenden Gefolgsleute, zudem Statements von Brötzmann, Texte von John Corbett, Mats Gustafsson, Bill Laswell, Heather Leigh, Paul Lovens und Paal Nilssen-Love sowie Gedichte von Steve Dalachinsky und Joe McPhee. Ein Bildband, der dem avantgardistischen Gesamtkunstwerk Brötzmanns und seinem Begriff der Freiheit vollauf gerecht wird. „Wir sind alle alt genug, um zu wissen, dass man den Begriff Freiheit in jede Richtung drehen kann“, sagte er in einem Interview. „Die meisten verstehen unter Freiheit, das zu tun, was sie wollen, sich von nichts und niemandem etwas sagen zu lassen. Aber in der Musik war das immer schon ein Irrtum. Freiheit ist etwas sehr Individuelles.“
Jörg Konrad
Ziga Koritnik
„Brötzmann In My Focus“
PEGA / Wolke Verlag



























