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8. Die Ingolstädter Jazztage 2025 – eine gelungene Jazzsause
9. Fürstenfeld: Apollon Musagète Quartett - Überraschende Klänge und tiefe...
10. Landsberg: Azzolini & Friends – Botschafter des Barock
11. Landsberg: Nils Kugelmann Trio - Kommunikativ
12. Fürstenfeld: Ballett Salzburg mit „Carmen / Rosa / Bolero“
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Foto: Barbara Pallfy
Donnerstag 20.11.2025
Landsberg: Die Gesichter der Hedy Lamarr – Eine im Alter gebrochene Stil-Ikone
Landsberg. Sie war aus einem Stoff, aus dem Legenden sind. Hedy Lamarrs Leben war durchzogen von Glamour und Brüchen, von sagenhaften Aufstiegen und verzweifelten Abstürzen. Eine Persönlichkeit wie geschaffen für eine tragisch-komische Bühnenfigur, für ein Theater-Performance, deren Überzeichnung sich regelrecht aufdrängt. Das Schubert Theater Wien hat sich dieser zugegeben etwas bizarren Lebensgeschichte leidenschaftlich angenommen. Entstanden ist „Die Gesichter der Hedy Lamarr“, ein Theaterstück für Puppen, Monologe und Requisiten, das am Dienstag im Landsberger Stadttheater aufgeführt wurde.
Die 1914 in Wien als Tochter eines Bankdirektors und einer Konzertpianistin geborene Hedwig Eva Maria Kiesler, spätere Hedy Lamarr, war eine der schillerndsten Gestalten zwischen den 1930er bis 1960er Jahren. Als Schauspielerin sorgte sie noch in ihrer österreichischen Heimat für einen perfekt inszenierten Skandal, als sie in dem Film „Ekstase“ von 1933 nackt auftrat.
Aus ihrer ersten Ehe mit einem österreichischen Rüstungsfabrikanten, der trotz seiner jüdischen Abstammung davon besessen war, mit Hitler-Deutschland Waffengeschäfte zu tätigen, floh sie regelrecht über Paris und London nach Amerika, wo sie sofort wieder Arbeit in der Filmbranche fand. Sie drehte an der Seite von James Stewart, Judy Garland und Clark Gable, wurde zur Stil-Ikone ihrer Zeit und als schönste Frau vermarktet. Walt Disney soll sein „Schneewittchen“ nach ihr geformt haben und auch die Comicfigur „Catwoman“ trägt ihre Züge. Sie liebte den Luxus, präsentierte sich als Diva, heiratete noch fünf Mal. Immer auf der Suche nach Geborgenheit und dem großen Glück.
Als ihr keine großen Filmrollen mehr angeboten wurden, veröffentlichte sie mit Hilfe von Ghostwritern 1966 eine Autobiographie, die sofort für Aufsehen sorgte. Sie war von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln abhängig und wurde mehrmals wegen Ladendiebstahl öffentlich angeklagt.
Im Grunde eine Frau, die in ihre Zeit noch passte, vielleicht ihrer Zeit ja voraus war. Zu selbstbewusst und zu klug für eine derartige Schönheit.
Das zeigt sich auch daran, dass sie als entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil schon früh an einer Idee zur Funkfernsteuerung für Torpedos forschte, die beide 1941 zum Patent anmeldeten. Zwar wurde diese Erfindung nie direkt umgesetzt, jedoch erhielt Lamarr für diese 1997 den Electronic Frontier Foundation Pioneer Award. Das gewisse technische Details letztendlich heute sogar für unsere digitale Technik genutzt werden, sei nur am Rande erwähnt.
Kai Anne Schuhmacher, Regisseurin und Puppenbauerin am Schubert Theater, inszenierte dieses schillernde wie auch selbstzerstörerische Leben in einer wunderbar unprätentiösen Art mit Soffi Povo und Markus-Peter Gössler. Speziell in Soffi Povo fand sie eine beeindruckende schauspielernde Puppenakrobatin, die vor allem stimmlich diese im Alter gebrochene Stil-Ikone mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen verkörperte. Sei es Hedy Lamarrs überdreht laszive Art, ihre immer wieder durchscheinenden provokant-arroganten Ausflüge oder die von Selbstzweifeln und Ablehnungen gequälte Person - Soffi Povo fand stets den richtigen, den passenden Ton für den eigentlichen Menschen hinter einer schillernden Oberfläche, der sich eigentlich immer nur auf der Suche nach Verständnis und Zuwendung befand und als verletzte Person zurückblieb.
Jörg Konrad
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Mittwoch 19.11.2025
Die Ingolstädter Jazztage 2025 – eine gelungene Jazzsause
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Seit 1984 finden jährlich die Ingolstädter Jazztage statt. Mittlerweile ein fester Bestandteil der hiesigen Jazzszene, der immer wieder für entspanntes Miteinander und musikalische Sensationen steht. Seit letztem Jahr unter neuer künstlerischen Leitung von Schlagzeuger Wolfgang Haffner gab es auch dieses Jahr wieder viel zu hören und zu entdecken. Ein richtig großes Jazzrad, das die Veranstalter da erneut in Schwung gebracht haben.

ELVIS COSTELLO & DIE WDR BIG BAND
Absolutes Festivalhighlight im Rahmen des „Grand Concert“ war der mit Spannung erwartete Auftritt von Pop-/Punk & Rocklegende Elvis Costello mit der WDR Big Band. Unter der Leitung von Michael Leonhardt wurde ein abwechslungsreiches, vielschichtiges Programm präsentiert, angefangen von Klassikern wie „Watching The Detectives“, „Accidents Will Happen“ über „Shut Him Down“ bis hin zu „Shipbuilding“, jenem legendären Song bei dem Costello den Trompeter Chet Baker mit an Bord hatte. Stimmlich war Costello an dem Abend merklich angeschlagen, aber letztlich ging seine gesangliche Performance, bis auf kleine Momente, voll in Ordnung. Was die Arrangements seiner Songs betrifft, so hat Michael Leonhardt Unglaubliches vollbracht. Die WDR Big Band spielte sharp as a knive and light as a feather mit Verve und sichtlich Spaß. Als integriertes Quartett fungierten zusammen mit der Big Band Pianist und Keyboarder Simon Oslender, Bruno Müller zusätzlich an der Gitarre, der Bassist Thomas Stieger und Wolfgang Haffner am Schlagzeug - hat wunderbar funktioniert und man darf gespannt sein auf die geplante CD Produktion. Die beiden letzten Songs „Pump It Up“ sowie „That Day Is Done“ hatten es nochmal richtig in sich und stellten eindrucksvoll unter Beweis, was man mit den Songs von Elvis Costello mit einer Big Band Spannendes anstellen kann.

DIE JAZZPARTY
Die Jazzparty war auch dieses Jahr erneut eine weitere Veranstaltung im Rahmen der Ingolstädter Jazztage, die ihresgleichen sucht. Eigentlich hätte man mit den neun Acts des Abends ein eigenes Festival bestreiten können. Als Opener trat Simon Oslender mit seinem Quartett zusammen mit Will Lee sowie Schlagzeuglegende Steve Gadd auf und brachte den Saal zum Kochen. Zeitlich etwas versetzt heizte die Band Sepalot um den Münchner DJ und Musikproduzent Sebastian Weiss im Saal 2 kräftig ein (als Ersatz für den erkrankten Bobby Sparks). Im dritten Saal dagegen ging es im Wesentlichen kammermusikalisch zu. Das Duo Norby/Danielsson gab sich mit mit dem Dieter Ilg Trio die Klinke in die Hand und als Abschluss brillierte die kubanische Pianistin Marialy Pacheco mit einem grandiosen Latinfeuerwerk. Einziges Manko an dieser Location das ständige Kommen und Gehen des Publikums, was bei leisen Tönen Publikum wie Musiker nervte. San2 & his Soul Patrol und Theo Croker spielten ebenfalls vor enthusiastischem Publikum und das praktisch letzte Konzert des Abends mit der Band Incognito war musikalisch zwar nicht wirklich neu, zündete aber wie immer beim Publikum und versprühte soulig gute Laune. Nach Klassikern wie „Talking Loud“ oder „Don’t You Worry ‘Bout A Thing“ zum Schluss noch ein trauriges Statement von Bandleader Jean-Paul Bluey Maunick an sein Publikum, dass er an Parkinson und Osteoporose leidet. Man kann nur hoffen, dass man Bluey, wenn es irgendwie möglich ist, wieder einmal in unseren Gefilden live erleben kann.

DAS GRAND CLOSING
Noch eine Big Band…das muss man erst einmal hinbekommen bei einem Festival! Rebekka Bakken präsentierte mit ihrer vielschichtig-kraftvollen Stimme und der HR Big Band ihr Tom Waits Programm „A Little Drop Of Poison“ das wunderbar funktionierte. Songs wie „Bad As Me“ oder „Christmas Card From A Hooker On Minneapolis“ gingen unter die Haut. Der Song aus dem Film Night On Earth „Los Angeles Theme“ glänzte durch ein vielschichtiges Arrangement von Big Band Leiter Jörg Achim Keller und auch „I Wish I was In New Orleans“, „Downtown“ oder „I Have To Go“ als abschließender Song des Sets waren Steilvorlagen für Rebekka Bakken, die sie mit Verve und Wucht ins Publikums schleuderte. Nach gut 90 Minuten eine Verschnaufpause, bevor Lizz Wright mit ihrer Band die Bühne betrat. Wrights unvergleichlich dunkle Altstimme setzte von Beginn an ein Ausrufezeichen und mit Songs wie Neil Youngs „Old Man“, „Freedom“ oder „No More Will I Run“ gleichzeitig ein Statement für das Leben in all seinen Phasen, den unterschiedlichen Facetten der Liebe oder den Mut Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Ihre Mitstreiter an dem Abend waren Adam Levy & Marvin Sewell an den Gitarren, David Cook am Piano/Keyboards, Ben Zwerin am Bass sowie Marlon Patton Schlagzeug. Musikalisch war der Abend geprägt von tiefem Chicago Blues, Gospel-, Jazz- und Popklängen. Bei Klassikern wie Jon Cowherds „Salt“ und Frank und Seán O'Mearas „Grace“ spielte Wright selbst Piano, ihre Performance alles in allem beeindruckend tiefenentspannt, ganz großes Kino.

Die Ingolstädter Jazztage waren auch dieses Jahr wieder unvergleichlich spannend und gleichzeitig erfolgreich. Veranstaltungen wie z.B. Jazz in den Kneipen war wieder außerordentlich gut besucht. Jazz an den Schulen, die Veranstaltungen für Kids oder die Jazz Session wurde ebenso gut angenommen. In zwölf Tagen besuchten über 7000 Jazzfans und Musikliebhaber die 28 Konzerte/Veranstaltungen des Festivals. Die Ingolstädter Jazztage sind längst zu einem Publikumsmagneten geworden und begeistern auch auswärtige Besucher, die so gleichzeitig die Stadt Ingolstadt kennen und schätzen lernen. Mit Wolfgang Haffner als künstlerischem Leiter hat das Team nicht nur einen der bekanntesten Jazzmusiker gewinnen können, sondern gleichzeitig einen versierten Festivalveranstalter, der zwischen den Tönen dafür sorgt, dass alles reibungslos läuft. Immer dabei, ob Ansagen oder für das Wohlbefinden der Musiker sorgend, turnt Haffner zwischen des Gängen oder auf der Bühne und sorgt, mal im Hintergrund, mal vor dem Publikum dafür, dass alles passt. Was will man mehr? Dass es weitergeht!
Text & Fotos: Thomas J. Krebs

Fotos:

1. Elvis Costello (Guitar, Vocal)
2. Rebekka Bakken & HR Big Band
3. Caecilie Norby & Lars Danielsson (Vocal & Bass)
4. Rebekka Bakken (Vocal)
5. Lizz Wright (Vocal)
6. Caecilie Norby (Vocal)
7. Steve Gadd (Drums)
8. Miguel Russell (Drums)
9. Theo Crocker (Trumpet)
10. Dieter Ilg (Bass)
11. Elvis Costello & WDR Big Band
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Mittwoch 19.11.2025
Fürstenfeld: Apollon Musagète Quartett - Überraschende Klänge und tiefer Ausdruck
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Foto: Nikolai Lund
Fulminanter Abend der „Fürstenfelder Konzertreihe“ mit dem „Apollon Musagète Streichquartett“

Fürstenfeld. Ein Stück von Wolfgang Amadeus Mozart, das nicht wirklich nach Mozart klingt, eine Komposition von Anton Webern, die erfreulich harmonisch daherkommt – da stellen sich Fragen. Vor dem Hintergrund der Hörerfahrungen vieler Konzertbesucher wird deutlich, dass Hören etwas mit Hörerwartungen zu tun hat. Solche Zuordnungen können ganz differenziert wahrgenommen und mit Bekanntem abgeglichen werden. Allerdings zeichnet große Komponisten insbesondere auch aus, dass sie Grenzen sprengen und neue definieren. Wenn Gewohntes nicht nur bestätigt, sondern erweitert wird, dann ruft das Neugierde beim Publikum hervor und weitet zudem den Horizont.
Der Abend der „Fürstenfelder Konzertreihe“ im Stadtsaal am Samstag war ein Forum für genau solche Erlebnisse. Es gastierte das polnische Apollon Musagète Streichquartett mit Pawe? Zalejski und Bartosz Zach?od (Violine), Piotr Szumie? (Viola) und Piotr Skweres (Violoncello). Und obwohl der Saal eine beachtliche Größe hat, musizierten die Künstler so, dass sich der Eindruck eines überschaubaren Kammermusikraums einstellte, was beglückend wirkte.
Es begann mit Mozart, nämlich dem sogenannten „Dissonanzenquartett“ in C-Dur KV 465. Der Beiname stammt nicht von Mozart selbst, sondern entstand im 19. Jahrhundert und bezieht sich auf die langsame Einleitung. Und hier ist es tatsächlich so, dass sich spannungsreiche Akkorde in größerer Zahl aneinander reihen und Auflösungen oft verzögert geschehen. Dass der Klangeindruck vielleicht überraschend war, lag wohl auch daran, dass die Musiker auf jede Gestik außerhalb der Klänge verzichteten und dadurch den unbedingten Fokus auf die Spannungen innerhalb der Akkorde lenkten.
Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Musik war an diesem Abend bei allen Werken prägend. Hier zeigte sich, wie wenig an Mitteln notwendig ist, um Musik im eigentlichen Sinn zu vermitteln: Die Lautstärke war fast immer deutlich zurückgenommen, doch war der Klang dabei so transparent, dass er bis zum letzten Platz tragfähig war. Der lichte, unbeschwerte C-Dur-Klang des Kopfsatzes (Allegro) bestimmte den weiteren Verlauf. Im Andante cantabile wurde jeder Forte-Klang im exakt richtigen Tempo zum Ereignis, das ganztaktig empfundene Menuetto lebte von der dynamischen Öffnung. Unbeschwert und pulsierend knüpfte das Final-Allegro schließlich an den Eingangssatz an.
Der langsame Satz für Streichquartett von Anton Webern aus dem Jahr 1905 ist ein Zeugnis der Auseinandersetzung des Komponisten mit der Tradition. Das späte 19. Jahrhundert war in Wien geprägt von den erdigen Klängen von Johannes Brahms. Diese expressive Klanglichkeit in dunkler Klangfarbe bildete auch den Ausgangspunkt für Weberns Satz, öffnete immer wieder aber auch Fenster in Stilistiken des 20. Jahrhunderts.
Nach der Pause folgte das Streichquartett Nr. 9 in d-Moll op. 34 von Antonín Dvo?ák, das dieser in einer schwierigen persönlichen Lebenssituation schrieb. Davon ist in der Musik jedoch nichts zu spüren. Der harmonische, äußerst vorsichtig intonierte Klang des Anfangs (Allegro) korrespondierte schon nach wenigen Takten mit Passagen, die aus dem Himmel zu kommen schienen. Dass der Satz „Alla Polka“ mit großer Leichtigkeit daherkam, entsprach der Erwartung. Und dennoch vermittelten die feine Art des Musizierens und die rhythmische Präzision ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen seitens der Musiker.
So verwunderlich es sein mag: Die Tango-Zugabe, mit der das Quartett den großen Beifall beantwortete, fügte sich, obwohl stilistisch mit ganz anderem Fokus, absolut nahtlos an das Programm. Das dürfte seinen Grund in der ehrlichen Tiefe des musikalischen Ausdrucks bei allen Werken an diesem Abend gehabt haben.
Klaus Mohr
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Foto: Judith Schlosser
Montag 17.11.2025
Landsberg: Azzolini & Friends – Botschafter des Barock
Landsberg. Klaus Thunemann ist so etwas wie das non plus ultra am Fagott. An dem 1937 in Magdeburg geborenen und erst in diesem Sommer in Hannover verstorbenen Solisten und Hochschullehrer kommt niemand vorbei, der sich mit diesem außergewöhnlichen Holzblasinstrument mit Doppelrohrblatt beschäftigt. Auch Sergio Azzolini nicht, der mit seinen „Friends“ am Sonntag das Rathauskonzert in Landsberg bestritt. Der Italiener studierte unter anderem bei Thunemann in Hannover, konzentrierte sich nach dem Studium jedoch stärker auf den Bereich der Alten Musik. Er ist seitdem ein absoluter Meister auf dem Barockfagott, das einen eher rauen und weniger nasalen Ton zum heutigen Instrument aufweist.
Was gibt es besseres, als bei der Auswahl von Gleichgesinnten für eine gemeinsame, anspruchsvolle Aufgabe auf Freunde zurückgreifen zu können. Für den künstlerisch umtriebigen Sergio Azzolini scheinbar eine Kleinigkeit. Denn für seinen Auftritt in Landsberg hatte er gleich drei außergewöhnliche Musiker an der Seite, mit denen ihn eine lange Freundschaft verbindet. Da wäre die in Japan geborene und heute am Gärtnerplatztheater München als stellvertretende Konzertmeisterin beschäftigte Geigerin Kumiko Yamauchi. Hinzu kommt der Barockcellist Francesco Galligioni, der in Padua und Rom studiert hat und heute in den kleinen und großen Konzertsälen dieser Welt zu Hause ist. Und last but not least der in Mailand geborene italienische Lautenspieler Diego Cantalupi.
Da liegt es auf der Hand, dass Azzolini & Friends für ihre Auftritte ausschließlich auf Barockkomponisten zurückgreifen. In Landsberg gehörten hierzu Georg Philipp Telemann (1681 - 1767), der allein 39 Werke für das Fagott schrieb, Giovanni Zamboni (nach 1650 - nach 1713), Johann David Heinichen (1683 - 1729) und Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 - 1704). Eine illustre Schar von Persönlichkeiten, die nicht allein aufgrund ihrer meisterhaften Kompositionsarbeit bekannt wurden. Johann David Heinichen studierte neben seiner Musikausbildung in der Leipziger Thomasschule zudem Jura und war auch als Musiktheoretiker tätig. Giovanni Zamboni war Komponist und Instrumentalist und, wenn die Überlieferungen stimmen, arbeitete er auch im Beruf des Edelsteinschleifers.
Die Arrangements der einzelnen Kompositionen wurden in Landsberg an die Möglichkeiten dieser Besetzung angepasst. Diese auch sehr erfrischenden Veränderungen der einzelnen Klangfarben reichten vom solistischen Recital bis hin zur Quartett-Formation.
Mit unglaublicher Souveränität beherrschten die einzelnen Instrumentalisten das Repertoire. Sie sind, entgegen festgefügten und über Jahre bestehenden Gruppierungen, stärker auf ihre individuelle Stärken und ihre Fähigkeiten zur dynamischen Gemeinschaftsarbeit ausgerichtet. Und diese künstlerische Kooperation gelang ihnen überzeugend. Hinzu kommt die Vielfalt und Farbigkeit im Zusammenspiel der verschiedenen Instrumentalstimmen, so dass man dieses Quartett getrost als leidenschaftliche Barockbotschafter bezeichnen kann.
Eine Offenbarung war die „Passacaglia“ für Violine solo aus der Rosenkranz-Sonate von Heinrich Ignaz Franz Biber. Kumiko Yamauchi interpretierte diesen Ausschnitt aus dem bedeutendsten Werk für Violinmusik des 17. Jahrhunderts mit großer Hingabe, Sicherheit, Virtuosität und immenser Ausdruckskraft. Es war ein Wechselspiel, von der Magie des Innehaltens hin zu einem tänzerischen Schwung, den dieses Stück und natürlich Yamauchi Interpretation so unglaublich spannend machte. Ganz sicher einer der Höhepunkte dieses barocken Musikabends.
Jörg Konrad
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Samstag 15.11.2025
Landsberg: Nils Kugelmann Trio - Kommunikativ
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Foto: Uli Neumann-Cosel
Landsberg. Er gehört zu einem guten halben Dutzend junger Musiker, die die Startblöcke des Jazz für den eigenen Schub erfolgreich nutzen und damit auch außerhalb des deutschsprachigen Raums als gefragte Solisten und Sidemans freudig begrüßt werden. Nils Kugelmann, 1996 in München geboren, hat schon mit elf Jahren erste Kompositionen geschrieben, ehe er an der „Hochschule für Musik und Theater München“ Jazzkontrabass studierte - um anschließend sofort mit eigenen Projekten für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen.
Mit seinem seit 2022 existierenden und preisgekrönten Nils Kugelmann Trio war er am Freitagabend im Landsberger Stadttheater zu Gast. Das Repertoire seines gut 90-minütigen Auftritts setzte sich ausschließlich aus eigenen Kompositionen der ersten beiden Trio-Alben zusammen.
Was zeigt: Wie eigenständig und zielstrebig Kugelmann seine musikalische Karriere betreibt. Keine Schlachtrösser der Standardliteratur, keine rekomponierte deutsche Volksmusik und auch kaum Blues, in welcher Spielart auch immer. Alles an diesem Abend war sozusagen Kugelmann pur, im Zusammenspiel mit Luca Zambito am Klavier und Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug.
Melodisch luftige Themen; halb groovende, halb swingende Rhythmen; harmonisch eingebettete Improvisationen – so begeisterte das Trio das vollbesetzte Stadttheater von Beginn an.
Kugelmann outete sich zu dem als ein witziger und kurzweiliger Conférencier, dessen Erläuterungen zur Entstehung der Kompositionen und die Möglichkeiten ihrer suggestiven Wirkung auf das Publikums eine humorige Herausforderung waren. Er ist unglaublich kommunikativ. „Bei Konzerten spreche ich bewusst und gerne mit dem Publikum“, sagt er „und gehe ausführlich auf die jeweiligen Hintergründe der Stücke ein. Ohne diese Art der Kommunikation kann ich mir kaum vorstellen, Musik auf der Bühne zu präsentieren.
Trotzdem klang alles, was an diesem Abend zu hören war, nach einhundert Prozent Gruppenarbeit, zumindest, wenn man die Kompositionsarbeit abzieht. Musikalität und Melodiosität, Intensität und Hingabe standen in ihrem gemeinschaftlichen Vortrag im Vordergrund – und die Freude am gemeinsamen Musizieren. Das merkte man dem Trio durchgehend an, wie es mit Feuereifer bei der Sache war. Ein Element, das Live immer wirkt und sofort als Funken auf das Publikum übergreift. Drei Zugaben zum Schluss sprechen zu dem für sich.
Jörg Konrad
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Dienstag 04.11.2025
Fürstenfeld: Ballett Salzburg mit „Carmen / Rosa / Bolero“
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Fotos: Christian Krautzberger
Fürstenfeld. Mehr Spanien geht an einem Abend nicht. Das Salzburger Landestheater hat sich in seinen Tanz-Neuinszenierungen im Herbst dieses Jahres auf die iberische Halbinsel konzentriert und präsentiert in der nasskalten Jahreszeit Sonne, Sinnlichkeit und Temperament. Der dreiteilige Ballettabend „Carmen / Rosa / Boléro“, der erst vor einer Woche in Salzburg Premiere feierte, ist samt Ensemble auf Tour und gastierte am Montagabend in der Fürstenfelder Theaterreihe. Zwei Stunden exzessive Bewegung, zwei Stunden pathetische Musik, zwei Stunden illustrierende Choreographien.
Die drei Stücke entführen in verschiedene Welten. Die preisgekrönte kroatische Choreografin Valentina Turcu beschäftigte sich eingehend mit „Carmen“, der nach Liebe dürstenden Arbeiterin aus einer Zigarettenfabrik in Sevilla, die durch Bizets Oper Weltruhm erlangte. Die Musik stammt in diesem Fall von Rodion Schtschedrin, der 24 Schlaginstrumente in Anlehnung an George Bizets Original in perkussive Stimmung brachte. In dem Stück wird die dramatische Handlung von Liebe, Eifersucht, Rivalität und Tod tanzend erzählt und erhält dadurch einen fast klassischen Charakter. Ausdrucksstarke Körperlichkeit kommt in schwelgerischer Schönheit über die Bühne. Eine Art neoklassischer Interpretation des sinnlichen Stoffs, in der Valbona Bushkola als Carmen ihre Bewegungskunst in voller Ästhetik zum Ausdruck bringen konnte.
Reginaldo Oliveiras, in Rio de Janeiro aufgewachsen und heute Leiter des Balletts des Salzburger Landestheaters, setzte sich in seiner Arbeit „Rosa“ mit Lebensabschnitten der erst 1992 geborenen spanischen Popdiva Rosalia Vila Tobella, genannt Rosalia, auseinander. Ob es so passend und wirkungsvoll ist, einzelne Pop-Arien von Rosalia musikalisch aneinander zu reihen, als Grundlage für diese Inszenierung, sei dahingestellt. Die Begeisterung des Publikums spricht für sich. Rosalia mäandert zwischen Flamenco mit Hitpotenzial, schwerer Oper, Hip Hop und stimmlich leidenschaftlicher Theatralik. Die Choreographie wirkt durch ihre Disziplin. Die einzelnen Tänzer haben nicht all zu viel Spielraum, beeindrucken in ihren minimal körperbetonten Bewegungen.
Zum Schluss dann der von Maurice Ravel von vornherein als Ballettmusik konzipierte „Bolero“. Auch wenn Ravel französischer Landsmann ist, der Bolero ist ein spanischer Tanz im ¾ Takt und zudem die Bezeichnung eines Teils der Tracht des spanischen Toreros. Insofern ist auch im dritten Stück des Abends die deutliche Verbindung zur iberischen Halbinsel hergestellt.
Die Choreographin Yonggeol Kim hat Ravels bekanntestes Stück für Tänzer bearbeitet und einen Reigen an aufreizenden Tanzfiguren und rhythmischen Bewegungsabläufen entworfen. Virtuos die Körperartikulationen und beeindruckend das synchrone, oft sanfte Schwingen, das sich letztendlich physisch entlädt. Der Abend insgesamt kommt einer Einschätzung der US-amerikanischen Choreographin Sara Shelton Mann recht nahe, die im Jahr 2000 sagte: „Tanzen heißt, ein Haus ohne Wände zu erbauen, ohne Vergangenheit und Zukunft, und sich dem, was ist, hinzugeben.
Das Publikum dankte mit Standing Ovation.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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