„Meine Mutter“ von Bettina Flitner beginnt mit einer Beerdigung. In ihrem autobiographischen Roman erzählt sie vom Leben und Sterben ihrer Mutter, die mit 47 Jahren Suizid beging. „Warum?“ sagt ein Freund am Grab, „es ist doch unbegreiflich. So eine schöne Frau.“ Eine Cousine antwortet: „Vielleicht deswegen“ .
Bettina Flitner, Fotografin und Lebenspartnerin von Alice Schwarzer, wurde mit ihrem Buch „Meine Schwester“ vor einigen Jahren auch als Autorin bekannt. Darin verarbeitete sie die Trauer über den Tod ihrer Schwester, die sich ebenso wie ihre Mutter das Leben genommen hatte. Als Bettina Flitner auf einer Lesereise durch Celle kam, wurde sie von Erinnerungen überwältigt, wie sie schreibt. Vor 39 Jahren wurde hier ihre Mutter beerdigt. Viele Jahre hatte sie die Gedanken an diese unglückliche Frau verdrängt. Doch nun fühlte sie sich in der Lage, sich auch diesem dunklen Kapitel ihres Lebens zu stellen.
Das Buch „Meine Mutter“, in dem sich Flitners persönliche Familiengeschichte und die Katastrophen des Zeitalters durchdringen, ist das Ergebnis ihrer Recherchen. Der Roman beruht auf zahlreichen Gesprächen, schriftlichen Aufzeichnungen, Zeitdokumenten, Fotos und eigenen Erinnerungen der Autorin. Auf dieser Basis versucht sie, sich in das „ Mädchen, das einmal meine Mutter werden wird“, hineinzuversetzen und imaginiert prägnante, lebendige Bilder und Szenen, wie es gewesen sein könnte.
Die Reise in die Vergangenheit führt sie nach Wölfelsgrund, heute Miedzygorze, ins ehemalige Niederschlesien. Hier stand das mondäne „Sanatorium Wölfelsgrund für Innere und Nerven-Krankheiten“, eine Art Zauberbergklinik, die von Flitners Ururgroßvater, dem Ahnherren einer Ärztedynastie, gegründet und zuletzt von ihrem Großvater bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs geführt wurde. Hier verbrachte Flitners Mutter Gisela, umgeben von Eltern, Geschwistern, Großeltern, Tanten, Vettern und Cousinen die ersten acht Jahre ihres Lebens in großbürgerlicher Geborgenheit. Wegen ihrer auffallenden, zarten Schönheit wurde sie allgemein wie eine Prinzessin behandelt.
Und doch lag ein dunkler Schatten wie ein Fluch über der Familie. Bettina Flitners Urgroßvater, einer der Besitzer und Leiter des Sanatoriums, erschoss im Jahr 1931 seine schwerkranke Frau und sich selbst. Das war der erste Suizid in der Familie, viele weitere sollten ihm folgen. Diesen Tabubruch nennt die Autorin den „Urknall“. Selbsttötung kam fortan als Möglichkeit der Konfliktlösung in Frage. Es gab ein Spiel unter den Cousinen und Cousins, an den Fingern die Verwandten abzuzählen, die sich das Leben genommen hatten. Eine Hand reichte nicht aus.
Auch die Autorin fragt sich: “Komme ich davon? Oder ist es ein Fluch, der auch mich eines Tages einholen wird?“ Mit ihrer klaren Sprache ohne Sentimentalitäten, ihrem oft schwarzen Humor, mit dem sie auch schlimmen Ereignissen noch eine komische Seite abgewinnen kann, wahrt sie Distanz und schützt sich davor, selbst in einen Abwärtsstrudel zu geraten. Gerade seine Nüchternheit macht das Buch zu einem glaubwürdigen und bewegenden Zeugnis des Lebensschicksals ihrer Mutter.
Nach dem Ende des Krieges, im Jahr 1946, muss Giselas Familie wie Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen und kommt in Celle bei der Geliebten des Vaters unter. Der baut sich hier eine neue Praxis auf, seine Frau ist unglücklich. Und Gisela selbst ist nicht mehr das verwöhnte Töchterchen, sondern eines von vielen Flüchtlingskindern. Flitner zeigt in ihrem Roman, wie die Erschütterungen durch Krieg und Vertreibung das Leben ihrer verletzlichen Mutter geprägt haben. Aus der Rolle des verlorenen, schutzbedürftigen Kindes hat sie nie herausgefunden.
Gisela flüchtet in eine frühe Ehe mit einem gutaussehenden Juristen aus einer intellektuell anspruchsvollen Familie, in der die „niedliche“ junge Frau jedoch nicht als gleichwertig akzeptiert wird. Mit zwei kleinen Kindern und einem meist abwesenden Ehemann führt sie das unselbständige, enge Leben einer typischen Hausfrau der Nachkriegszeit. Eine Falle. Es folgen Ehescheidung, Einsamkeit, wechselnde Beziehungen, Depressionen. Immer sucht Gisela ihren Halt bei Männern, nach denen sie ihr Leben ganz und gar ausrichtet, und mit den Jahren nimmt ihre Angst vor dem Alter, dem Verlust ihrer Schönheit und Jugend immer mehr zu.
Die Gründe für den Suizid ihrer Mutter sind vielschichtig, doch in erster Linie sei ihre Mutter an „klassischer Weiblichkeit“ gestorben, sagt Bettina Flitner in einem Interview. „Sie war abhängig von dem Blick der anderen, vor allem der Männer. Immer schön, jung, attraktiv, begehrenswert sein und den eigenen Wert in sich selber nicht finden.“ Besser kann man das Unglück ihrer Mutter wohl nicht zusammenfassen.
Lilly Munzinger, Gauting
Bettina Flitner
„Meine Mutter“
Kiepenheuer & Witsch