Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Stephen King & Maurice Sendak „Hänsel und Gretel“
2. Bettina Flitner„Meine Mutter“
3. Nelio Biedermann „Lázár“
4. Anton Corbijn „Waits / Corbijn“
5. Roland Schimmelpfennig „Sie wartet, aber sie weiß nicht, auf wen“
6. Marita Krauss "Ludwig I. von Bayern, Träume und Macht"
Dienstag 02.12.2025
Stephen King & Maurice Sendak „Hänsel und Gretel“
Bilder
Dass „Hänsel und Gretel“ der von Wilhelm und Jacob Grimm zu Stephen Kings auserwählter Lieblingslektüre als Kind gehörte, ist nicht allzu schwer vorstellbar. Jetzt hat der erfolg­reichste Schriftsteller der Neuzeit und Meister des Schreckensromans diese Nr. 15 der Kinder- und Hausmärchen nacherzählt. Der eine Grund für seine Zusage einer diesbezüglichen Anfrage waren nach eigenen Äußerungen zwei Entwürfe des Illustrators, Kinderbuchautors und Bühnenmalers Maurice Sendaks (u.a. „Wo die wilden Kerle wohnen“), der diese Vorlagen für eine Inszenierung des Grimmschen Märchens anfertigte. Da war zum einen die böse (etwas sarkastisch lächelnde) Hexe auf ihrem Besen mit einem Sack voll entführter und schreiender Kinder auf dem Rücken; zum anderen das berüchtigte Lebkuchenhaus, das sich in eine fürchterlich verschlagene Fratze verwandelt, wenn sich die Kinder umdrehten.
Ein zusätzlicher Grund: Stephen King lag zur Zeit der Anfrage im Krankenhaus, nach einer Hüftoperation. Er hatte Schmerzen und begrüßte diese Nacherzählung eines ihm vollkommen vertrauten Stoffes als Teil seiner Schmerztherapie. Mit Erfolg, wie er später erzählte.
Die Entwürfe überzeugten King grundsätzlich, weil sie für ihn den Kern eines jeden Märchens zum Ausdruck brachten: „Sonnenschein an der Oberfläche“, schreibt er im Vorwort, „darunter Düsternis und Schrecken, und dazu mutige und findige Kinderfiguren.“
Es ist aber auch genau die Art von Literatur, die der 78jährige besonders mag und im Grunde sein Leben lang auch selbst geschrieben hat. Zwar gilt er als ein Experte der Schauergeschichten. Sehr oft begegnen die handelnden Figuren des Autors dem „Bösen“. Er lässt sie gegeneinander kämpfen und nach Wegen aus einer Krise suchen. Häufig sind die Protagonisten seiner Romane ebenfalls Kinder.
King ist ein genauer Beobachter des sozialen Miteinanders der middle class. Er ist auf einzigartige Weise in der Lage, die Komplexität des Lebens der Menschen speziell einer Kleinstadt atmosphärisch darzustellen. Er weiß um deren Befürchtungen und Ängste, auch um ihre geheimsten Wünsche und ihrer unendlichen Sehnsucht nach dem kleinen Glück.
Klopft man aus einem Großteil seiner bisher weit über 75 Romane mit einem schweren Hammer die Ablagerungen des Horrors und des Unheils heraus, so bleiben faszinierende soziale Studien und das Abenteuer des Erwachsenwerdens. Und für das Wissen um diese Entwicklung steht seine eigene Biographie.
Stephen King schrieb „Hänsel und Gretel“ nicht um, auch nicht neu. Es ist eher wie eine vertraute Reise in die eigene Kindheit, ein wiedertreffen mit alten Ängsten und Befürchtungen, aus denen man letztendlich aber gestärkt hervorgehen sollte.
Viktor Brauer

Stephen King & Maurice Sendak
„Hänsel und Gretel“
Atlantis Verlag
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 10.11.2025
Bettina Flitner„Meine Mutter“
„Meine Mutter“ von Bettina Flitner beginnt mit einer Beerdigung. In ihrem autobiographischen Roman erzählt sie vom Leben und Sterben ihrer Mutter, die mit 47 Jahren Suizid beging. „Warum?“ sagt ein Freund am Grab, „es ist doch unbegreiflich. So eine schöne Frau.“ Eine Cousine antwortet: „Vielleicht deswegen“ .
Bettina Flitner, Fotografin und Lebenspartnerin von Alice Schwarzer, wurde mit ihrem Buch „Meine Schwester“ vor einigen Jahren auch als Autorin bekannt. Darin verarbeitete sie die Trauer über den Tod ihrer Schwester, die sich ebenso wie ihre Mutter das Leben genommen hatte. Als Bettina Flitner auf einer Lesereise durch Celle kam, wurde sie von Erinnerungen überwältigt, wie sie schreibt. Vor 39 Jahren wurde hier ihre Mutter beerdigt. Viele Jahre hatte sie die Gedanken an diese unglückliche Frau verdrängt. Doch nun fühlte sie sich in der Lage, sich auch diesem dunklen Kapitel ihres Lebens zu stellen.
Das Buch „Meine Mutter“, in dem sich Flitners persönliche Familiengeschichte und die Katastrophen des Zeitalters durchdringen, ist das Ergebnis ihrer Recherchen. Der Roman beruht auf zahlreichen Gesprächen, schriftlichen Aufzeichnungen, Zeitdokumenten, Fotos und eigenen Erinnerungen der Autorin. Auf dieser Basis versucht sie, sich in das „ Mädchen, das einmal meine Mutter werden wird“, hineinzuversetzen und imaginiert prägnante, lebendige Bilder und Szenen, wie es gewesen sein könnte.
Die Reise in die Vergangenheit führt sie nach Wölfelsgrund, heute Miedzygorze, ins ehemalige Niederschlesien. Hier stand das mondäne „Sanatorium Wölfelsgrund für Innere und Nerven-Krankheiten“, eine Art Zauberbergklinik, die von Flitners Ururgroßvater, dem Ahnherren einer Ärztedynastie, gegründet und zuletzt von ihrem Großvater bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs geführt wurde. Hier verbrachte Flitners Mutter Gisela, umgeben von Eltern, Geschwistern, Großeltern, Tanten, Vettern und Cousinen die ersten acht Jahre ihres Lebens in großbürgerlicher Geborgenheit. Wegen ihrer auffallenden, zarten Schönheit wurde sie allgemein wie eine Prinzessin behandelt.
Und doch lag ein dunkler Schatten wie ein Fluch über der Familie. Bettina Flitners Urgroßvater, einer der Besitzer und Leiter des Sanatoriums, erschoss im Jahr 1931 seine schwerkranke Frau und sich selbst. Das war der erste Suizid in der Familie, viele weitere sollten ihm folgen. Diesen Tabubruch nennt die Autorin den „Urknall“. Selbsttötung kam fortan als Möglichkeit der Konfliktlösung in Frage. Es gab ein Spiel unter den Cousinen und Cousins, an den Fingern die Verwandten abzuzählen, die sich das Leben genommen hatten. Eine Hand reichte nicht aus.
Auch die Autorin fragt sich: “Komme ich davon? Oder ist es ein Fluch, der auch mich eines Tages einholen wird?“ Mit ihrer klaren Sprache ohne Sentimentalitäten, ihrem oft schwarzen Humor, mit dem sie auch schlimmen Ereignissen noch eine komische Seite abgewinnen kann, wahrt sie Distanz und schützt sich davor, selbst in einen Abwärtsstrudel zu geraten. Gerade seine Nüchternheit macht das Buch zu einem glaubwürdigen und bewegenden Zeugnis des Lebensschicksals ihrer Mutter.
Nach dem Ende des Krieges, im Jahr 1946, muss Giselas Familie wie Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen und kommt in Celle bei der Geliebten des Vaters unter. Der baut sich hier eine neue Praxis auf, seine Frau ist unglücklich. Und Gisela selbst ist nicht mehr das verwöhnte Töchterchen, sondern eines von vielen Flüchtlingskindern. Flitner zeigt in ihrem Roman, wie die Erschütterungen durch Krieg und Vertreibung das Leben ihrer verletzlichen Mutter geprägt haben. Aus der Rolle des verlorenen, schutzbedürftigen Kindes hat sie nie herausgefunden.
Gisela flüchtet in eine frühe Ehe mit einem gutaussehenden Juristen aus einer intellektuell anspruchsvollen Familie, in der die „niedliche“ junge Frau jedoch nicht als gleichwertig akzeptiert wird. Mit zwei kleinen Kindern und einem meist abwesenden Ehemann führt sie das unselbständige, enge Leben einer typischen Hausfrau der Nachkriegszeit. Eine Falle. Es folgen Ehescheidung, Einsamkeit, wechselnde Beziehungen, Depressionen. Immer sucht Gisela ihren Halt bei Männern, nach denen sie ihr Leben ganz und gar ausrichtet, und mit den Jahren nimmt ihre Angst vor dem Alter, dem Verlust ihrer Schönheit und Jugend immer mehr zu.
Die Gründe für den Suizid ihrer Mutter sind vielschichtig, doch in erster Linie sei ihre Mutter an „klassischer Weiblichkeit“ gestorben, sagt Bettina Flitner in einem Interview. „Sie war abhängig von dem Blick der anderen, vor allem der Männer. Immer schön, jung, attraktiv, begehrenswert sein und den eigenen Wert in sich selber nicht finden.“ Besser kann man das Unglück ihrer Mutter wohl nicht zusammenfassen.
Lilly Munzinger, Gauting

Bettina Flitner
„Meine Mutter“
Kiepenheuer & Witsch
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 05.11.2025
Nelio Biedermann „Lázár“
Es ging alles ein wenig arg schnell. Und das schon, bevor das erste Wort aus Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ offiziell erschien. Da waren die Verträge nämlich schon unter Dach und Fach, dass dieser gut 330 Seiten starke Debüt-Roman in 20 Ländern erscheinen würde. Der Autor: Gerade einmal 22 Jahre. Stürmte hier ein Jahrhunderttalent das erste Dutzend der Bestsellerplätze? Der Marketing-Plan war auf jeden Fall wirkungsvoll.
„Lázár“ ist eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt Lajos steht, ein um 1920 geborener Adliger „ … das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen …“. Lajos wächst im Kreise eine komplexen Familiendynamik im Waldschloss im Süden Ungarns auf, einem ebenso mythenumwobenen wie von harter Realität gezeichneten Ort. Er erlebt von hier aus den endgültigen Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie, das Aufkeimen von totalitären Systemen und auch das Erlernen der Kunst des Überlebens nimmt von hier aus seinen Lauf.
Es sind etliche kleine Lebensgeschichten, Ausschnitte und Anekdoten, eingebettet in die große europäische Weltgeschichte, die Nelio Biedermann hier miteinander geschickt wie emotional verzahnt. Das Aufbrausen und Lärmen der Weltgeschichte ist allenthalben zu spüren, ob in der verruchten Nazizeit oder während der Schreckenseroberung und anschließenden Schreckensherrschaft der Sowjetunion, bis in die Hoffnung suggerierenden 1950er Jahre.
Biedermann bricht diese ganze gesellschaftliche Katastrophenstimmung immer wieder mit kleinen erotischen Szenen auf und lässt zudem ein ganzes Tableau an Weltliteraten durch die Szenerien geistern. So wird der geistige Verfall von Imres Onkel mit Zitaten aus E.T.A. Hoffmanns „Nachtstücken“ kommentiert, Simone de Beauvoir und Virginia Woolf stehen für ein von Feminismus gezeichnetes Frauenbild von Imres Töchtern, es werden Thomas Mann und Arthur Schnitzler bemüht und so bekommt diese ganze Geschichte einen hehren Anspruch, den der 22jährige zwar literarisch wunderbar formuliert, aber zusammenfassend doch nicht durchgängig erfüllen kann.
Der Text selbst berührt in seiner unaufgeregten prosaischen Art. Hier hat einer den passenden Ton gefunden - auch für die Zeit in der wir leben und dieses Buch schließlich lesen. Denn diese Zeit ist in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit die der vergangenen Epochen.
Hoffen wir, dass Nelio Biedermann nicht über die Maßen zu einem medialen Ereignis stilisiert wird, dass er nicht in Talkshows und anderweitigen Gesprächsrunden inflatiös herumgereicht wird, bis von seiner bemerkenswerte Authentizität und seinem absoluten Talent nur noch wenig übrig ist. Aber wie will jemand, der schon jetzt derartigen Erfolg hat, bei sich bleiben? Aber warten wir, was nocht kommt. Gespannt sind wir allemal.
Alfred Esser

Nelio Biedermann
„Lázár“
Rowohlt
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Donnerstag 09.10.2025
Anton Corbijn „Waits / Corbijn“
Sein letztes offizielles Album „Bad As Me“ stammt aus dem Jahr 2011. Der letzte Film, in dem er auftrat, war „Father Mother Sister Brother“, der unter der Regie von Jim Jarmusch vor erst wenigen Wochen in Venedig mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurde. Tom Waits geistert seit über fünf Jahrzehnten durch den kulturellen Underground der USA. Und wenn der eine oder andere zu Anfang noch glaubte, diese gequälte Stimme aus dem Rinnstein und dieses prägnante Gesicht sei im Grunde nur Masche, der wurde peu á peu eines besseren belehrt. Denn Waits begann im Laufe seiner Karriere künstlerisch zu wachsen, seine Platten wurden mit der Zeit ebenso sperriger, wie sie vollendeter klangen; die Filme, denen er Stimme und Charakter lieh, lebten nicht selten erst durch seine kauzige, manchmal auch teuflische Art. Unvergessen in dem Episoden-Streifen der Coen Brüder „The Ballad of Buster Scruggs“, in dem Waits einen namenlosen Goldsucher verkörpert, der mit seinem Tun in die unberührte Idylle der Natur einbricht. Er ist der Gegenentwurf zur Hightech-Kunst, der Prototyp des melancholischen Trunkenboldes.
Beinahe die Hälfte seines Lebens begleitete der niederländische Fotograf Anton Corbijn Waits. Die Zusammenarbeit gipfelte in dem 2013 erstmals erschienenen, großformatigen Bildband „Waits / Corbijn“. Die editierte Sammleredition war noch bevor sie in den Handel kam ausverkauft. Nun haben die beiden grünes Licht zu einer unlimitierten, leicht verkleinerten, aber inhaltlich unveränderten Ausgabe gegeben. Schirmer/Mosel machen es möglich – mit einem einführenden Text von Jim Jarmusch.
Die Karrieren der beiden sind im Grunde untrennbar miteinander verbunden. „Ich arbeite gern mit Anton“, erzählt Waits, „er ist ein Mensch mit Standpunkt. Glauben Sie mir, nur mit einem Dracula-Umhang vom Felsen zu springen, das mach ich nicht für jeden.“ Und Corbijn erläuterte: „Es kommt nicht oft vor, dass man jemanden mehr als 30 Jahre photographiert. … Wir nehmen unsere Arbeit sehr ernst, aber wenn es um gemeinsame Sachen geht, sind wir wie Kinder, die nicht erwachsen werden wollen. Es ist befreiend und eine legale Droge, die wir dringend brauchen.
Dieser Band präsentiert nicht nur 145 Portraits, die Anton Corbijn von Tom Waits über vier Jahrzehnte aufnahm. Er enthält auch etlichen überwiegend fotografische Arbeiten von Waits, Gedanken und Skizzen, die nie zuvor veröffentlicht wurden.
Waits steht inhaltlich für all jene Künstler, die vom Straßenrand hochgespült wurden und von denen er sich inspiriert fühlt: Jack Kerouac, Sonny Terry und Brownie McGhee, Frank Zappa und Captain Beefheart, Dr. John und Allen Toussaint, Howlin’ Wolf, Keith Richards und Marc Ribot. Eine illustre Schar an kreativen Köpfen, ohne die unsere Kulturwelt heute um etliches ärmer aussehen und klingen würde.
Anton Corbijn arbeitete unter anderem mit den Rolling Stones, U2, Frank Sinatra, Nick Cave, Depeche Mode, Henry Rollins und Nirvana. Er drehte (preisgekrönte) Filme wie „Control“, „The American“ oder „A Most Wanted Man“ und dutzende Musikvideos. Ein visueller Künstler, der das ausgehende 20. Jahrhundert und den Beginn des 21. Jahrhunderts wie kaum ein anderer belichtet und dokumentiert hat. Zwei große Erzähler sind in diesem Band vereint, denen die akustische und visuelle Identität am Herzen liegen, die die Kratzer auf den glänzenden Oberflächen lieben – weil man dadurch auch einen Teil darunter sieht.
Jörg Konrad

Anton Corbijn
„Waits / Corbijn“
Schirmer/Mosel
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 16.09.2025
Roland Schimmelpfennig „Sie wartet, aber sie weiß nicht, auf wen“
Als vor mehr als hundert Jahren das Bühnenstück „Reigen“ von Arthur Schnitzler zum ersten Mal vollständig aufgeführt wurde, kam es zum größten Theaterskandal des Jahrhunderts. Es gab Krawalle, Prozesse und Verbote wegen angeblicher Obszönität und Pornographie.
In den zehn erotischen Dialogen des Stückes finden sich zehn Figuren jeweils zu einem Paar zusammen, und jedes Mal kommt es zu einer sexuellen Begegnung. Nach jeder Szene wechselt eine der Figuren zu einem neuen Partner, wobei alle sozialen Schichten - vom Proletariat bis zur Aristokratie - repräsentiert sind, bis sich im letzten Akt der Kreis schließt und der Graf wieder bei der Dirne landet. Schnitzler hat sein desillusionierendes Stück eine Komödie genannt. Er hält der Gesellschaft des Fin de siècle in satirischer Überspitzung den Spiegel vor und entlarvt ihre Verlogenheit und Doppelmoral.
Roland Schimmelpfennig, einer der meistgespielten Dramatiker unserer Zeit, nennt den „Reigen“ einen Meilenstein der Theatergeschichte. In seinem Buch „Sie wartet, aber sie weiß nicht, auf wen“ übernimmt er weitgehend das Strukturprinzip, das Personal und die Schauplätze der einzelnen Akte und überträgt das Ganze in die Gegenwart. In kurzen, prägnant erzählten Szenen begegnen sich zehn Figuren aus unterschiedlichen sozialen Schichten im zyklischen Liebesreigen. Der eigentliche Liebesakt wird, wie bei Schnitzler, nur angedeutet und nie auserzählt.
Ein großer Unterschied zu Schnitzlers Werk ist, dass Schimmelpfennig kein Drama, sondern einen Roman geschrieben hat. So kann er noch weiter in die Innenwelten der Figuren eintauchen, in ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Allerdings erkennt man auch den Dramatiker, wenn er an den Anfang jedes neuen Kapitels eine Art Regieanweisung setzt, in der wie im Drama Ort und Atmosphäre der Szene charakterisiert werden. „Sie wartet, aber sie weiß nicht auf wen. Die meisten Leute meiden um diese Uhrzeit den Park. Es ist eine warme Nacht, Ende Juni. Der Wind rauscht leise in den alten Bäumen…“ So beginnt das erste Kapitel des Buches, und es schlägt bereits den Ton des ganzen Romans an, in dem gleichzeitig Einsamkeit, Hoffnung und Bedrohung mitschwingen.
Wer hier wartet, ist die Prostituierte Alejandra, die als Mann Karim heißt und sich zwischen den Geschlechtern bewegt. Sie wird im Park einem Soldaten begegnen und mit ihm Sex haben. Schnitzler nennt die Figuren des ersten Aktes nur die „Prostituierte“ und den „Soldaten“. Bei Schimmelpfennig haben sie dagegen Namen, sie sind nicht nur Repräsentanten einer Klasse, sondern Menschen mit einer Geschichte. Und ihre Geschichten sind typisch für unsere Zeit: Karim musste als Homosexueller aus dem Iran fliehen und hält sich in Deutschland durch Prostitution über Wasser; Martin, der Soldat, ist schwer traumatisiert von einem Einsatz in einem Kriegsgebiet zurückgekehrt. Während der Radius des Schnitzlerschen Personals ganz auf das Wien der Jahrhundertwende beschränkt bleibt, ist im modernen Roman die Welt der Figuren sehr viel weiter und gefährlicher geworden, die Geschlechter sind nicht immer eindeutig definiert, Gewalt und Drogen spielen eine große Rolle.
Schimmelpfennig zeichnet in unterschiedlichen Spielarten ein pessimistisches, entzaubertes Bild von der Liebe in unseren Zeiten. An einem Ehepaar aus der gebildeten Mittelschicht, das im Roman eine zentrale Rolle einnimmt, zeigt der Autor zwei extrem gegensätzliche Vorstellungen: Der Ehemann, ein älterer Intellektueller, ist der einzige, der noch an einem romantischen Liebesideal festhält. Für ihn ist die Liebe eine metaphysische Kraft. Seine Frau dagegen empfindet seinen Wunsch nach Treue als besitzergreifend und sucht bei häufig wechselnden Partnern schnellen, unverbindlichen Sex.
Die meisten Figuren des Romans haben Verlust - und Entwurzelungserfahrungen erlebt und erwarten sich in flüchtigen Liebesbegegnungen allenfalls ein wenig Halt oder bessere Aufstiegschancen. In der letzten Gestalt des Reigens, einem Filmproduzenten, kann man eine Anspielung auf Harvey Weinstein erkennen. Er wird als brutaler Zyniker gezeigt, dem es bei seiner Triebbefriedigung vor allem um Macht geht.
Und doch gibt es im Roman auch immer wieder Momente von Hoffnung, von Mitgefühl, Zärtlichkeit und Solidarität.
Mit „Sie wartet, aber sie weiß nicht, auf wen“ hat Roland Schimmelpfennig einen harten, melancholischen Roman geschrieben, der sich packend liest und den Vergleich mit seinem großen Vorbild nicht scheuen muss.
Lilly Munzinger, Gauting

Roland Schimmelpfennig
„Sie wartet, aber sie weiß nicht, auf wen“
S. Fischer
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 04.08.2025
Marita Krauss "Ludwig I. von Bayern, Träume und Macht"
Woche des Buches oder Urlaubslektüre (5)

Im Jahr 1806 erhob Napoleon das Kurfürstentum Bayern zum Königreich. Nach dem Tod seines Vaters Max I. Joseph, des ersten Königs von Bayern, bestieg Ludwig I. vor genau 200 Jahren den bayerischen Königsthron. Ihm ist die diesjährige bayerische Landesausstellung in Regensburg gewidmet. Das Thronjubiläum ist ebenso Anlass für eine neue Biographie der Historikerin Marita Krauss mit dem Titel „Ludwig I. von Bayern, Träume und Macht“.
Goethe sagte nach einer Begegnung mit Ludwig, es sei ihm unschätzbar, den König persönlich gesehen zu haben, denn nun erst könne er sich „dieses merkwürdige, vielbewegliche Individuum auf dem Throne allmählich erklären…, der mit aller Energie seines Willens so mächtig auf die Zeitgestaltung einwirke…“.
Mit dem Namen Ludwig I. verbinden wir dagegen heute vor allem seine leidenschaftliche Beziehung zu Lola Montez, der angeblich spanischen Tänzerin. Die fatale Affäre wirkte in Bayern als Katalysator für die Revolution von 1848 und trug dazu bei, dass Ludwig I. sich zum Rücktritt vom bayerischen Königsthron genötigt sah. Dem Klischee vom König und der Tänzerin, das Ludwigs Leistungen als König häufig überdeckt, möchte Marita Krauss in ihrer Biographie entgegenwirken. Sie will ihn als Politiker und vor allem als Menschen in ein neues Licht rücken.
Dazu hat sie eine Fülle von persönlichen Aufzeichnungen Ludwigs gesichtet und ausgewertet, ein, wie sie es nennt, „ungeheures, kaum zu übersteigendes Gebirge an hochsensiblem und hochrelevantem Material“. Ludwigs Gefühlswelten und Empfindungen sind für sie Schlüssel zu seiner Person. Der König hat tausende Seiten Tagebücher, unzählige Gedichte, einen äußerst umfangreichen Briefwechsel und ein Traumtagebuch von fast 400 Träumen hinterlassen. Dieses Traumtagebuch, ein für die damalige Zeit völlig ungewöhnliches Zeugnis der Selbstreflexion, war bisher nicht zugänglich. In all diesen „Ego-Dokumenten“ begegnet einem ein gebildeter Mann mit breit gefächerten Interessen und großer Schöpferkraft, ein begeisterungsfähiger Mensch von hoher Emotionalität, der stark durch das Zeitalter der Empfindsamkeit und durch die Romantik geprägt war. Sein Lebensgefühl und seine Energie bezog er aus der Liebe. Er hatte eine innige Bindung an seine Mutter, die früh verstarb. Bis zu seinem Tod war er immer wieder neu verliebt; neben seiner Ehe mit Therese pflegte er zahlreiche leidenschaftlich- romantische Beziehungen zu schönen Frauen. Krauss nennt ihn einen „Erotiker auf dem Thron“, wobei sie betont, dass die meisten seiner Schwärmereien und Liebesbeziehungen rein platonischer Natur waren.
Neben seiner „Liebe zur Liebe“ war die Kunst Ludwigs große Leidenschaft, wie Krauss schreibt. Er war Freund und Förderer von vielen Künstlern seiner Zeit. Auf seinen häufigen Reisen in sein geliebtes Italien ließ er sich inspirieren, und er verehrte die griechische Kunst. Mit seinem Hofbaumeister Leo von Klenze machte er aus der provinziellen katholischen Residenzstadt München eine Kunststadt von europäischem Rang. Die Ludwigstrasse mit ihren Prachtbauten, die Residenz, die Alte Pinakothek, das Nationaltheater, der Königsplatz mit Glyptothek und Propyläen wurden zum Zentrum der Hauptstadt des jungen bayerischen Königreichs.
Doch bei all seiner Begeisterungsfähigkeit und visionären Liebe zur Kunst war Ludwig kein Träumer wie sein Enkel Ludwig II. Er war fleißig und diszipliniert und brachte mit großer Sparsamkeit und Umsicht die desolaten Staatsfinanzen in Ordnung, die er von seinem Vater übernommen hatte.
Ludwig lebte in einer Zeit gewaltiger politischer Umwälzungen. Er hatte den festen Willen, als König zu herrschen und zu gestalten. Das Resümee seiner Herrschaft fällt allerdings durchaus zwiespältig aus. Während er entschieden am monarchischen Prinzip und dem Gottesgnadentum der Fürsten festhielt und darin noch dem Ancien Regime verhaftet war, stand er in seinen frühen Jahren auch liberalen Ideen offen gegenüber. Er war ein Befürworter der Verfassung und der Pressefreiheit und ein früher Verfechter der „teutschen“ Einheit. Doch unter dem Eindruck der Revolution von 1830 in Frankreich und den Forderungen nach bürgerlicher Teilhabe auf dem Hambacher Fest von 1832 schwenkte Ludwig zunehmend um in eine restaurative Politik nach dem Vorbild Metternichs und ging mit großer Härte gegen revolutionäre Tendenzen vor.
Marita Krauss ist es in ihrer gut lesbaren, lebendigen Biographie auf beeindruckende Weise gelungen, Ludwig I. in der ganzen Vielfalt seiner Persönlichkeit darzustellen und ihn als bedeutenden bayerischen König zu würdigen, dabei aber auch seine Schattenseiten im Blick zu behalten.
Lilly Munzinger, Gauting

Marita Krauss
"Ludwig I. von Bayern, Träume und Macht"
C.H. Beck
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2025 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.